Doktor Grudes Ehe.
Drlginalroman von Z. Schneider»Zoerstl.
81. Fortjegung Nachdruck oerbotenl
Ueberall halte seine Seele die ihre gesucht! Er hatte um sie geweint wie ein Knabe und bittend vor der Schwelle der Ewigkeit gelegen, daß sie wenigstens in seinen Träumen zu ihm zurückkehre.
Uno sie hatte seiner gelocht! Hatte mit ihm gespielt und sich vor ihm versteckt gehalten, obwohl sie wußte, wie schrecklich er unter der Last seines Kreuzes trug.
Mochten die draußen läuten bis die Klingel sprang! Er wollte keinen Teil mehr haben an den Lebendigen? Tot wollte er sein! Ausgelöscht! Frieden wollte er haben und Ruhe! Sonst nichts mehr!
Leise, damit das Einschnappen der Klinke ihn nicht verriet, trat er auf den Flur und ließ die Türe für einen Spalt ongelehnt.
Er trat in sein Sprechzimmer upd suchte unter den Medikamenten des Schrankes. Erst mußte das Kind erlöst sein.
Für sich selbst mußte er die Dosis verfünffachen. Er hatte so unmenschlich viel gelitten Aber ein- schlafen wollte er wenigstens ohne Schmerzen. Dieses Recht hatte er sich verdient.
Als er wieder in den Flur trat, um nach dem Schlafzimmer zu gehen, splitterte eben die Füllung der Gangtüre in hundert Fetzen. Eine Hand griff herein und drehte den Schlüssel. Mit einem Sprung war er dort, wollte die Finger des Eindringlings herabschlagen — und stand wie angewurzelt.
Die Hand war die einer Frau. Der Diamant an ihrem Ringfinger schillerte in spiegelnden Farben. „Felitsche", bat eine Stimme.
Als er noch immer reglos stand, wurde der Schlüssel gedreht und Christa stand vor ihm. Und hinter ihr, in einen grauen Wettermantel gehüllt, Dick. Und neben diesem Rolf Wellenberg.
Grude kam sich vor, wie von einer Meute gestellt. Ehe er sich recht besann, waren die beiden Männer verschwunden. Rur Christa blieb. Er gab ihr den bittenden Blick mit offener Verachtung zurück. „Was willst du jetzt noch bei mir? Es ist alles aus! Vorbei! $u Ende die große Komödie!"
Aus dem Schlafzimmer kam das Weinen des Kindes. Christa ging ohne weiteres auf die halb- rffene Türe zu, legte den nassen Mantel ab und nahm das Kleine in die Arme. Verwundert sahen Me großen,blauen Augen zu ihr auf. Grude tat keinen Schritt über die Schwelle. Da ging sie auf ihn zu und legte ihm das weinende Kino in die Arme.
„Es ist so kalt hier, Felitsche. — Ich will schnell Feuer in der Küche schüren. Vielleicht hat es Hunger."
Ihr dunkles Kleid verschwand wie ein Schatten.
Sie ließ die Türe zu der kleinen Küche offen, er kam ihr nachgegangen und sah, wie sie Holz aus der Kiste nahm und Kohlen darauf legte. Dann flammte ein Streichholz auf und eine rote Flamme züngelte in die Höhe. Fünf Minuten später trank die Kleine gierig aus der Taste, die sie ihr an den Mund hielt.
Er saß auf einem Hocker und hielt den Kopf gesenkt. Kein Wort kam Über seine Lippen. Das Kind hatte sich unterdessen sattgetrunken. Schweigend legte es ihm Christa in die Arme.
Dann ging sie nach dem Schlafzimmer hinüber und machte Die Betten in Ordnung. Madien hatte auch dos nicht mehr getan. Selbst das Waschwasser war noch nicht ausgeleert. Als einigermaßen Ordnung herrschte, ging sie zu ihm zurück, nahm ihm das Kind ab und legte es behutsam in sein Bett- chen. Es war ihr schon auf dem Arme eingeschlafen.
,^varf ich dich jetzt um zehn Minuten für mich bitten, Felix?"
Er erhob sich und ging ihr nach dem Sprechzimmer voran. Kein Gott konnte sie vor der Verdammung bewahren, die er für sie bereit hatte. Und als sie nun auf dem kleinen Lederdiwan saß und ihr das volle Licht der Lampe in das schöne Gesicht floß, brach es wie ein Vulkan aus ihm hervor, daß sie zusammenschauernd den Rücken gegen die Wand drückte.
„Und du wagst es noch", schrie er mit überschnappender Stimme, „trotz allem diesen meinen Weg nocheinmal zu kreuzen und hier einzudringen, als ob du, weiß Gott, noch welche Rechte an mich hättest?--Du hast sie längst verwirkt. Ich habe
eine Heilige in dir gesehen. Und du bist das verlogenste Geschöpf, das die Erde trägt! Ich Narr habe dir Treue gehalten. Und du hast mich betrogen!"
„Nein!" unterbrach sie ihn leise. ,Zch habe Treue gehalten! Wenn jemand Betrug begangen hat, warst du es!" •
„Christa!" schrie er.
„Bist du nicht Madlens Gatte geworden?"
„Treib mich nicht zum äußersten!" fuhr er auf.
„Tue ich das?" Der Sturm draußen hatte nachgelassen. Nur der Regen schlug nach wie vor gegen das Fenster, daß die Tropfen glucksend über das Fenstersims schossen. Sie hob die Lider und sah ihn an. ,Lch habe wochenlang an Gedächtnisschwund gelitten. Nicht einmal meinen Namen wußte ich mehr. Auch der deine war mir entfallen. Und während ich gottverlassen in einem Hospital in Frankreich lag — bist du der Mann meiner Schwester geworden."
Er lachte böse auf. „Du verstehst es, dich reinzuwaschen."
„Du glaubst mir nicht?"
„Nein, ich glaube dir nicht!--Warum hast
du dich versteckt gehalten, wenn du ein gutes Gewissen hattest? Warum bist du nicht zu mir gekommen und hast mich mit Vorwürfen überhäuft
und Rechenschaft von mir verlangt, daß ich wie ein Schurke an dir handelte? — Du bist so schlecht, wie deine Schwester! ---Nein, du bist noch viel
schlechter, denn sie fühlte, daß meine Liebe nur Betrug war, well ich dir, dir ganz allein die Treue wahrte. Und das war dein Dank. Du hast um meine Not gewußt und dich ergötzt daran!--
Und nun kommst du und willst wieder auferwecken, was zertrümmert liegt! — Aber das glückt dir nicht! Wir sind fertig! — Geh, bitte —." Mit einer raschen Bewegung griff er nach der weihen Kapsel, die auf dem Schreibtisch gelegen hatte.
Aber Christa war schneller. Sie schlug ihm die • Kapsel aus der Hand, daß sie auf den Boden rollte.
Er sah sie an, hob die Faust und bann geschah etwas, von dem er sich später keine Rechenschait mehr zu geben vermochte. Geyen den Schreibtisch gelehnt lag Christas regloser Körper.
Ein Wirbel drehte ihn im Kreise und ließ ihn auf den Knien vor ihr landen. Seine Hände umschlossen ihr Haupt. Wie eine weiße Blüte ruhte das Gesicht zwischen seinen starren Finyern. „Christa!"
Die verblaßten Lippen gaben keinen Laut. Sie hörte zwar jedes Wort, das er in feiner Verzweiflung hinausschrie, aber sie hatte nicht die Kraft, auch nur die Lieder zu heben. Sein Körper wurde von Fieber und Frost geschüttelt, bis zwei starke Arme ihn Hochristen.
„Was hast du gemacht?" fragte Wellenbergs Stimme. „Bist du wahnsinnig geworden?"
„Vielleicht!" dachte Grude. „Vielleicht!" ... Es war die einzige Lösung.
Trotzdem seine Hände schwer wie Klötze waren, hals er Christa auf den Diwan betten. Wellenberg säuberte die Schramme an der Stirne, flößte der Schwester Kognak ein und schaltete die Deckenbeleuchtung ab, daß nur noch das grüne Licht der Schreibtischlampe in den Raum fiel.
Vorwurfsvoll sah er nach Grude. „Wenn ich geahnt hätte, daß es so kommt, wären Dick und ich hier geblieben. Aber ich wollte euch eine ungestörte Aussprache ermöglichen. Ich wüßte nicht, was dich berechtigt für all das, was du an ihr gesündigt hast, nun aiftf) noch in solcher Weise an ihr zu handeln."
„An ihr gesündigt? ..." Grudes Gesicht war so bleich wie das Christas, in dem die Lider noch immer geschlossen lagen. „Und sie? ..."
„Hat nichts getan als das eine, daß sie sich vor dir versteckt hielt, um dich zu schonen."
Und nun deckte 7hm Wellenberg alles auf, wie es sich in Wirklichkeit verhielt. Auf Madien brauchte er keine Rücksicht mehr zu nehmen, denn diese hatte ihrer Mutter vor einer Stunde erklärt, daß sie auf keinen Fall mehr zu ihrem Manne zurückkehren werde. Sie habe die Misere endgültig satt und sich einer Kabarettgesellschast verpflichtet, mit welcher sie auf Reisen zu gehen gedenke. Sie wolle auch einmal etwas von ihrem Leben haben. Das Kind solle ihr Mann ruhig behallen. Jedoch, das hatte sie ausdrücklich ertlärt, und dabei zynisch gelacht, in eine
Scheidung würde sie nie und nimmer einroifftgen. Und wenn er sie etwa auf böswilliges Verlassen Der- klagen wolle, dann könne er was erleben. Auch müsse er ihr allmonattich einen bestimmten Betrag überweisen, wenn er Frieden haben wolle.
Lange bevor er geendet hatte, standen Christ«, Augen schon wieder geöffnet, ohne daß einer der beiden Männer es beachtete. _
Als Grude mit einem Stöhnen die Hände über das Gesicht drückte, tröftete ihre Stimme: „Du muht nicht so verzweifelt fein, Felix! Es ist so am besten für dich! Du kannst wieder schlafen, es kommt wieder Frieden und Ruhe ins Haus, das Kind nimmt die Mama zu sich, du holst dir die Lena wieder und Dick hat mir versprochen, daß er ab morgen wieder in deine Dienste tritt. Es wird natürlich seine Zeit brauchen, bis du dich dareingefunden haft. Aber dann wirft du dankbar iein, daß Madien die Erlösung überhaupt oorgeschlagen bat."
»Du verteidigst^ sie noch!" stöhnte er, verlor den letzten Rest der Selbftbeherrfrbung und wühlte, vor ihr in die Knie brechend, das Gesicht in ihren Schoß.
Wellenberg sah, daß er überlüffig war Im Gange stand Dick und sah ihn fragend an. Er zog ihn mit sich in die Küche und berichtete flüsternd. Nach zehn Minuten erschienen auch Grude und Christa. E» dauerte bis spät nach Mitternacht, ehe man alles, was nötig schien, zusammen besprochen hatte.
Grude würde seine alte Wohnung wieder beziehen und seine Praxis wieder aufnehmen, wenn es auch auf den ersten Anhieb nicht gehen würde, die grobe Sahl der Patienten wieder hereinzubekommen. Allmählich würde sich die Sache wohl wieder einrenken. Lenas Hilfe war ko viel wie sicher. Dick wollte chauffieren.
Nur Christa blieb auf ihrem Plan bestehen, mit Hamstead die Forschungsreise nach Indien anzutreten.
„Bleib wenigstens in Wien", bettelte Grude. „Wenn ich dich auch nicht haben darf, schon deine Nähe gibt mir Halt und Ruhe."
„Ich darf ja nicht", sagte sie verzweifelt. „Du würdest keine Ruhe von Madien bekommen, solange sie mich hier weiß. Schon nach ein paar Wochen kämst du selber, um mich zu bitten, daß ich gehe. Nicht nur um beinet-, sondern auch um meinet- willen."
„Christa hat recht!" mengte sich Wellenberg ein. Auch Dick sagte das gleiche.
„Nur ein paar Tage bleib noch", drängte Grude. ,Lch bin ja völlig zerschlagen."
So sagte sie denn zu, wenigstens bis Samstag noch hier zu fein.
Und als dann endlich doch die Abschiedsstunde kam, ging sie noch einmal in Grupes Wohnung. Sie wollte ihm nicht vor aller Augen Lebewohl sagen. Die Geheimrätin war voll nervöser Sorge, als sie nach fünf Stunden noch immer nicht zurückgekehrt mar. Aber als sie bann endlich kam, war ihr Gesicht weiß und ihre Augen brannten vor Tränen.
l Fortsetzung folgt.)
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Wir erfüllen hiermit die raurige Pflicht, unsere Mitglieder vom Ableben unsrer 1b. Alterskollegin Frau Franziska Schmitt in Kenntnis zu setz. Der Vorstand. Die Trauerfeier ist Freitag, den 24. Nov., yorm. 11 Uhr, auf dem iXeuen Friedhof.wozu wir um vollzählige Beteiligung bitten. 7117D
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Bekanntmachung.
In unser Handelsregister, Abteilung A, wurde eingetragen: 7113V
Am 20. Oktober 1933: a) bei der Firma hessische Lack- und Farbenfabrik 5. h. Sonbheim in Gießen: Durch Gesellschafter- beschluß vorn 11. Oktober 1933 ist die offene Handelsgesellschaft aufgelöst und in Liquidation getreten. Liquidator ist Rechtsanwalt vr. Carl Kinzenbach in Gießen, v) Bei der Firma S. Iojevh zu Gießen.- Die dem Ernst Joseph in Gießen erteilte Prokura ist infolge Widerrufs erloschen, c) Bei der Firma Radio-Gesellschaft DipL-3ng. DJ. Brinkmann & Camp. in Gießen: Die Firma ist geändert in Heinrich Brinkmann, Radiogejellschaft, Gießen. Inhaber ist Hein- rich Brinkmann, Ingenieur in Gießen. Die Firma „Ing. Heinrich Brinkmann, Inge- nieurbüro" ist ausgeschieden. Die Ueber- nähme der seither im Betriebe des Geschäfts begründeten Forderungen und Verbindlichkeiten ist ausgeschlossen worden. Als weiterer persönlich haftender Gesellschafter ist Johann Heinrich Rams, Elektro- Ingenieur in Gießen eingetreten. Die offene Handelsgesellschaft hat am 27. September begonnen.
Am 27. Oktober 1933 bei der Firma vr. DJolfgang Meyer, norm. August Frees- fd;e Universitäts-Luch- unb Kunsthandlung, 3nh. Kurl holderer in Gießen. Die Firma ist geändert in: Kurt Holderer Universitäts- Buchhandlung norm. August Frees, Gießen.
Am 30 Oktober: a) die Firma Schuhhaus Darre vorm. Boltina, Inhaber Cd- munb Darre, Gießen. Inhaber ist der Kaufmann Edmund Uarnf in Gießen, b) Lei der Firma h. Lublinski in Gießen: Die Firma ist erloschen.
Am 14. November 1933 die Firma Richard Sommer in Klein-Linden. Inhaber ist der Kaufmann Richard Sommer in Klein-Linden.
Am 16. November 1933: a) bei der Firma Christian 2nbcrthal in Gießen: Die Pro- kura des Wilhelm Best in Gießen ist er- losdien, b) Bei der Firma Herz & Co in Gießtn: Die Firma ist erloschen.
Am 18. November 1933 bei der Firma Salomon ZTlont in Gießen: Die tfirma wird von Amts wegen gelöscht.
Gießen, den 20. November 1933. hessisches Amtsgericht.
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Amtsverkündigungen aus den oberhessischen und preußischen Kreisen.
Kreis Büdingen.
Das Kreisamt Büdingen weist darauf hin, daß für den Totensonntag (26. November 1933) Genehmigungen zu öffentlichen Tanzbelustigungen nicht erteilt werden. Ebenso sind für den 1. Weihnachts- fciertag sowie für dessen Vorabend vffent- liche Lustbarkeiten untersagt. 7119C
Nicht zu beanstanden sind an diesen Tagen theatralische Ausführungen und Konzerte aller Art, wenn die Darbietungen ernsten und belehrenden Inhalts sind und der besonderen Bedeutung und Weihe der Festtage angepaßt werden. Zugelassen sind auch rein sportliche Veranstaltungen, die ohne öffentliche Umzüge oder Musik statt- finden.
Kreis Wetzlar.
Die diesjährige Hauptversammlung des Vichvcrsicherungs-Vereins für den kreis Wetzlar, zu der alle Vereinsmitglieder hiermit eingeladen sind, findet am
Donnerstag, dem 7. Dezember 1933 vormittags 11 Uhr
in der „Alten Post" Hierselbst statt.
Tagesordnung:
1. Berichterstattung über den Gang und die Lage des Geschäfts und sonstige Mitteilungen.
2. Vortrag der Iahresrechnung für 1932/33 und Entlastung der Iahresrechnung für 1931'32
3. Ernennung von Mitgliedern des ver- wattungsrats und oon deren Stellvertretern.
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