Ausgabe 
23.11.1933 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

v-rn, r? - ? tn,vi;::ge deutfch-französifche Annähe- run<; |, vr. fön

D.uuri' schreib!, wenn Hitler ausführe, daß 3t? roj em. Konferenz nichts geregelt werde und die $31 klage nur o'rfchl-chtert werden könnte, müsse jeder diese uffenfunbige Wahrheit unterschreiben. Wenn man nun beider­seits den Frieden wolle, sei es dann unzulässig, sonderbar und unanständig, daß man sich offen unter vier Augen sage, wie man sich die Verwirklichung und die Erhaltung des Friedens denke?

3ourn£e Industrielle" schreibt, der Appell Hit- lers zu einer direkten deutsch-französischen Aus» spräche werde präziser und die französische Negie­rung werde binnen kurzem eine Entschei­dung zu treffen haben, die von großen Folgen sein könne.

DerAmt du P e u p l e" begrüßt den Gedanken einer deutsch-französischen Aussprache, verurteilt die Chloroformierung der öffentlichen Meinung durch angebliche Enthüllungen, wie die desPetit Pari» fien", ist ober der Ansicht, daß eine fruchtbringende direkte Aussprache erst möglich sein werde, wenn in Frankreich mit dem jetzigen So st em auf­geräumt und hier ein Mann auftrete, der in würdiger Weise mit Hitler verhandeln könne. DieLiberte ist der Ansicht, daß der Führer in erster Linie versuche, in Frankreich für die von ihm gewünschten Verhandlungen Stimmung zu machen.

andernfalls hätte er die Erklärungen unmittelbar dem französischen Botschafter in Berlin abgeben können.

Paris midi" stellt gewisie Ausführungen des Kanzlers der letzten Rede des üorfigenben des Fi­nanzausschusses des Senats, Eaillaur. gegen­über. Tie Gedankengönge der beiden Männer, so schreibt das Blatt, träfen sich in der Feststellung, daß ein neuer Krieg den Untergang der europäischenZivilisation bedeuten würde. Es gebe, nachdem der Führer die Türe für (Bem endgültig geschlossen habe nur zwei Lösungen, ent- weder Deutschland zur Achtung vor den Verträgen unter Anrufung des Artikels 213 des Versailler Ver­trages zurückzuführen, oder die von Hitler gewünsch- ten direkten Besprechungen anzubahnen.

Ein großer Teil der übrigen Pariser Presse, und darunter vor allemEcho de Paris",Figaros Populaire" nimmt das Interview lediglich zum Anlaß, um erneut gegen eine deutsch-französische ißerjtänbiguna zu hetzen. In ihrer Hilflosigkeit ge­genüber den klaren Ausführungen des Kanzlers, an denen ihre sonst so erfolgreiche Umbeutungsfunft scheitert, klammern diese Blätter sich an die vom Petit Parisien" veröffentlichten kümmerlichen Do­kumente. Keines der 3um Ueberdruß wiederholten Argumente scheint ihnen zu fadenscheinig ober zu überholt, um nicht dazu zu dienen, die aufrichtige deutsche Friedenskundgebung als Täuschungsmanö­ver, Machtstreben usw. hinzustellen.

Oie Abrüstungskonferenz vertagt sich bis Ende Januar. (Line ftompromifhormd Hendersons vermeidet den offenen Zw.st.

Genf, 22. Jloo. (III.) Das Präsidium der Abrüstungskonferenz hol am Mittwoch beschlossen, den h a u p i a u s s ch u ß der Konferenz, der zum 4. Dezember einberufen war, bis Ende Januar 1 9 3 4 1 u vertagen. In der Zwischenzeit sollen diplomalischeverhandlungen zur Ueber- rolnbung der grundsätzlichen. Gegensätze stattfinden. In welcher Richtung und auf welcher Grundlage diese Verhandlungen verlaufen sollen und von wel­cher Seite die Initiative dazu ergriffen werde, wird in der Entschließung nicht gesagt.

e

In der Sitzung des Präsidiums, die hinter ver­schlossenen Türen stattfand, wurde der Vertagungs- deschluß in derForm eines Berichtes des Präsidenten Henderson vorgelegt. Hender­son weist darin auf die letzten diplomatischen Be­sprechungen mit den Vertretern Frankreich, Italiens, Englands und der Vereinigten Staaten sowie dem Generalberichterstatter der Konferenz hin, in denen die gegenwärtigen Schwierigkeiten und Ge­fahren eingehend erörtert worden seien. Es sei an­erkannt worden, daß die gegenwärtigen Gegensätze in den verschiedenen bedeutungs- vollen politischen Fragen zu tiefgehend seien, als daß irgendwelche Hoffnungen auf einen erfolgreichen Ausgavg einer Aussprache im Hauolausschuß beständen Daher habe sich die Not- Wendigkeit der Vertagung des Hauptausschusses zwangsläufig ergeben. Es sei vorgeschlagen worden, oaß gleichzeitig mit den Arbeiten der Abrüstungs- konseren., parallellaufende ergänzende Verhandlun­gen zwischen den einzelnen Staaten auf diplo­matischem Wege ftattfinben. Es sei ebenfalls angeregt worden, daß die Regierungen den Prä- (identen über ihre Anstrengungen auf dem lau­fenden halten und ihm für die endgültigen Ergeb- nifse Bericht er statten sollten, daß er nach Beratung mit dem Vizepräsidenten, dem Berichter- itatter, dem Generalsekretär des Völkerbundes und 'em Präsidenten der technischen Komitees entichei- den könne, in welchem Maße die Arbeiten der Aus­schüsse inzwischen weiter fortgesetzt wer­den sollen.

Diese Kompromißformel Hendersons wurde zur allgemeinen Ueberraschung stillschweigend vom Prä- fibium ohne jebe weitere Erklärungen angenommen. Rach kaum zehn Minuten war die Sitzung bereits zu Ende. We­der Paul - Boncour noch die Vertreter Eng­lands ober Italiens gaben irgenb welche Er­klärungen ab. Die noch am Dienstag verbreitete Meinung, daß Panl-Boncvur eine grundsätzliche Er­klärung abgeben würde, war lediglich eine Drohung. Man erklärt, das auffallende Stillschweigen der Vertreter der Großmächte sei darauf zurückzufüh- ren, daß eine Auslegung der Kompromißformel durch Paul-Boncour unvermeidlich zur völlig ent­gegengesetzten Auslegung der Vertreter Englands und Italiens geführt hätte.

Henderson und Simon haben mit ihren Be­mühungen um die Wiederbelebung der Genfer Kon­ferenz keinen Erfolg gehabt. So erwünscht es der englischen Politik gewesen märe, die gesamten Abrüstungsverhandlungen wieder auf das Genfer Gleis zu schieben, und dadurch einer unmittelbaren Verantwortung aus dem Wege zu gehen, so wenig konnte sich der englische Vertreter in Gens der lat- siiche verschließen, daß in Abwesenheit Deutschlands und gegen den Willen Italiens nicht mit Nutzen weiterver­handelt werden konnte. Der Weggang Deutsch- lands aus Genf brauchte an sich die Konferenz nicht lahmzulegen: wenn es den anderen Mächten mit der Abrüstung e r n ft war, konnten sie sich über die von ihnen zu ergreifenden Maßnahmen verständigen. Es war aber vorauszusehen, daß die größte Mili­tärmacht des Kontinents, Frankreich, unter die­sen Umständen sich minbefteng ebenso in Gens ver­halten würde wie bisher.

In der italienischen Presse wurde in den letzten Tagen mit Recht festgestellt, daß die Genfer Me­thode die vorhandenen Gegensätze nicht mildere, ondern im Gegenteil verschärfe. Diese Aus- assung, zu der sich Italien nach einigen Wochen I >er Zurückhaltung nun auch bekennt, hat in Genf chlietzlich den Ausschlag gegeben. Es ist eine be­zeichnende Ironie der Entwicklung, daß in diesem Endstadium der Abrüstungskonferenz nur noch Frankreich als das am w e n i g ft e n ab­rüstungwillige Land sich Erfolg von der Fortsetzung der Genfer Arbeiten versprochen hat. Aber her fron- zöfische Widerstand hat wohl im ganzen Verlauf der Konferenz ein positives Ergebnis, nicht aber bas unrühmliche Ende verhindern können. Der gestrige Beschluß des Büros bedeutet tatsächlich die Ver­tagung sine die, die die Mächte nach den Ta­gen des Austritts Deutschlands noch einmütig abge­lehnt hatten.

Der Zusammenbruch der Abrüstungskonferenz, das hat sich durch die Vorgänge der letzten Wochen klar

erwiesen, ist ausschließlich auf die Gegensätze der hochgerüsteten Mächte unterein­ander zurückzuführen. Der Abrüstungsgebanke an sich ist damit aber selbstverständlich nicht erledigt, nur die Methode seiner Verwirklichung ist geändert und der Kreis der Verhandelnden verkleinert wor­den. Die diskrete Arbeit der Diploma- ten hat sich gegenüber dem Genfer System der öf­fentlichen Massenversammlungen als der zweckmäßi­gere Weg zu einem positiven Ergebnis erwiesen. Das Interview des Reichskanzlers imMo­tin" ist ein neuer Beweis für das starke Interesse und den ernsten Erfolgswillen Deutschlands. Die üb­lichen Mißdeutungs- und Abschwächungsoersuche, die ein Teil der französischen Presse auch jetzt nicht un­terlassen kann, überheben die verantwortlichen Kreise in Frankreich wie in England nicht der Pficht, ihrer­seits in dem gleichen Geiste des Friedens und der Gerechtigkeit für die Verständigung zu ar­beiten.

Oie Berlegenheitslöiung.

London, 23. Nov. (WTB. Funkspruch.) Zur Abrüstungsfrage sagtPreß Association", es werde ein Gedankenaustausch durch die Bot­schafter und durch Noten erwartet, aber es sci auch möglich, daß die britische Regierung einen Vertreter mit der Sondermission betrauen werde, die Hauptbesprechung der interessierten Mächte einschließlich Deutschland zu be­suchen.

Times" schreibt, es werde täglich deutlicher, daß kein wesentlicher Fortschritt in der Abrüstungssrage möglich sei, bevor die Fragen der Vertrags- r e d i f l 0 n furchtlos so ober so geregelt wären. So­lange Deutschlanbs Wünsche nur mit einem Nein beantwortet würden, könne keine Ent­spannung in Europa erwartet werden. Die bri­tische Regierung habe wiederholt ihre Unvorein­genommenheit in der Frage des Ersatzes des Diktatfriedens durch einen Verhand - lungsfrieden gezeigt und die italienische Re­gierung sei noch freimütiger zur Revision einge­treten. Es sei begreiflich, daß Mussolini die Der- Handlungen nicht nur von der Abrüstungskonferenz, sondern auch vom Völkerbund loszu­lösen wünsche. Für die Anwendung des Vier- mächtepaktes spreche, daß Deutschland dazu­geh ö r e -, dagegen, daß die am stärksten an der Re o i fi0nsfragc interessierten Länder (gemeint sind Polen und die Kleine En­tente) unmöglich Entscheidungen annehmen könnten, die ohne sie getroffen werden.Times" nimmt dann den Völkerbund gegen dieäußerst bedauerlichen Angriffe" in Schutz, die jetzt im Gange seien und erklärt, die britische Regierung st ehe noch immer mit F e st i g k e i 1 hinter Dem Völkerbund. Sir John Simon habe ge­holfen, die Verhandlungen des Büros zu einem harmonischen Abschluß zu bringen. Er habe den Weg für diplomatische Derhandlun- gen vorbereitet und die britische Regierung von gewissen Verpflichtungen befreit, die sie vielleicht bei den kommenden internationalen Verhandlungen in ihrer Bewegungsfreiheit hemmen könnten.

Oie deutschen Wanderer bekennen sich einmütig zur Außenrolitik des Kanz'ers

Die vom Vogelsberger Höhenklub mitgeleill wirb, Hal der R e i ch s f ü h r e r der deutschen Gebirgs- und Danderoereine, Ministerpräsident a. D. Dr. Werner (Darmstadt), im Namen der im Reichsverband deutscher (ßebirgs- und Wanderver­eine zusammengeschlossenen 300 000 Wanderer an den Herrn Reichskanzler unter dem 28. Oktober fol­gendes Schreiben gerichtet:Der Reichsoerband der deutschen Gebirgs- und Wandervereine, der Hundert­tausende von Mitgliedern und Freunden zählt, stellt sich getreu feiner nationalen Ucberlieferung und volksdeutschen Sendung geschlossen und un­erschütterlich hinter die Politik de» Führers der Deutschen. Möchte ein starkes und freies Reich die Frucht starker Führerpolitik fein! In diesem Sinne ein «Irisch aus!" und heil Hitler! (Ergebenft Dr. Werner, Reichsführer der deutschen Gebirgs- und wanderoereine.

Deutscher Protest gegen neue Morxistenhehe in Belgien.

Brüssel, 22. Nov. (CNB) In Belgien zeichnet ich eine neue Welle marxistischer 21 n - jriffe gegen das n a 11 0 n a 11 0 3 I a I i tische Deutschland ab. Im ganzen Lande werden illustrierte Flugschriften verteilt. In Antwerpen wird in einer auf tiefstem Niveau stehenden Reklame die Vorführung eines gegen bas heutige Deutschland gerichteten Theater- st ü ck e s angepriesen. Das Stück ist selbst nach dem Eingeständnis der sozialistischen Presse litera­

risch minberroertig. Den Gipfel der Verhetzung er­reicht jedoch die Inanspruchnahme des belgischen Rundfunks für Boykottpropaganda seitens der sozialistischen Partei Belgiens.

Die deutsche Gesandtschaft hat gegen diese Vorgänge energisch Verwahrung bei Der belgischen Regierung eingelegt und insbesondere die Abstellung des Mißbrauches verlangt, der mit dem unter staatlicher Kontrolle flehenden Rund­funk getrieben wirb, unb der geeignet ist, eine Störung der deutsch-belgischen Beziehungen zu verursachen.

Oie Verfolgung der Nationalsozialisten . in Oesterreich.

Wien, 23. Nov (WTB.) Die Verfolgungen der österreichifchen Nationalsozialisten durch die Behör­den nehmen ihren Fortgang. In Krems a. D. wurde Oberleutnant Ehr ist i a n , der sich im Weltkriege

als Flieger besonder» ausgezeichnet hat. wegen an- geblicher Betätigung für die NSDAP, mit Arrest b e st r a f t. In Vorarlberg sind nach einer amtlichen Etattstik seit dem 1. August d. I. 1 13 Personen wegen parteipolitischerBetäti­gung mit flrreftftrafen unb Geldbußen bestraft roor. den. Hierbei handelt es sich fast ohne Ausnahme um Nationalsozialisten Bei einem Fluchlver» f u ch aus dem Konzentrationslager Wöllersdorf wurde ein Nationalsozialist e r schossen. Der Grenz Übertritt von Vorarl­berg in die benachbarten Schweizer Manione ist, ba die österreichischen Behörden verbotene Aus- reisen von Oesterreich nach Deutschland ver­muten, jetzt an eine Bestätigung des zuständigen Gendarmeriekommanbos gebunden. Die 2Iufent- Haltserlaubnis für die Schweiz ist auf drei Tage befristet worden.

Oer Rechtsruck in Spanien.

Madrid, 22. Nov. (CNB.) Das rechtsstehende Diatt ABC veröffentlicht an Hand seiner besonde­ren Informationen eine Liste der bisher von den verschiedenen. Parteien errungenen Sitze. Die Rechtskandidaten haben danach 194 Sitze erobert, nämlich: Agrarier 69, Union der Rechten 40, Spanische (Erneuerung 18, Volksaktion 34, Tra­ditionalisten 11, Nationalisten 10, Unabhängige 5, Katalanische Liga 4, Regionale der Rechten von Valencia 2, Regionalisten 1. Auf die Republi - kaner entfallen insgesamt 110 Sitze: Ra- dikale 62, Konservativ 13, liberale Demokraten 9, Gruppe Esguerra (Katalanier) 6, Gruppe Drga 6, republikanische Aktion 5, radikale Sozialisten 4, Republikaner der Mitte 1, Fortschrittler 1, Gruppe im Dienst der Republik" 2. Auf die Sozialisten entfallen 38 Sitze und auf die Kommunisten 1 Sitz.

Der Innenminister soll der Presse erklärt haben, daß die Wahlergebnisie deshalb nicht vorlägen, weil anscheinend Unregelmäßigkeiten bei der Wahl vorgekommen seien. Eine Untersu­chung sei im Gange unb nötigenfalls würbe mit Strafen eingeschritten werden. Die Sozialisten be­haupten, daß die Wahl ihrer Kandidaten in Madrid nicht angefochten werden könne unb baß sie einen zweiten Wahlgang verhinbern würben. Der Vollzugsausschuß bes Allgemeinen Arbeiter- oerbanbes foll bereits Vorkehrungen hierfür ge­troffen haben.

3nfereffierte$ Scho in Frankreich Ter Führer der spanischen Rechtsparteien für eine Regierung der Mitte.

Paris, 22. N00. (TU.) Das Ergebnis ber spanischen Wahlen hat in der französischen Oeffent- lichkeit kein geringes Aufsehen erreat. In den Be­sprechungen der französischen Presse findet man wiederholt die besorgte Frage, ob d i e spanische Republik etwa in Gefahr sei. Der Durch­schnitt der Blätter gibt daraus zunächst eine be­ruhigende Antwort. Nicht uninteressant ist eine Nutzanwendung, die die radikalsozialistischeRepu- blique" für die französische Innenpolitik gibt. Das Blatt erinnert daran, daß der Sieg der Rechten in Spanien unmöglich geworden wäre, wenn die Linke einig gewesen wäre. In Italien habe die Uneinigkeit ber Linksparteien zur Dikta­tur geführt: in Deutschland desgleichen. Die Spal- , tung der spanischen Linksparteien habe der Repu- I blik einen schweren Stoß versetzt.

Der Führer ber bei ben spanischen Wahlen sieg- reichen Rechtspartei, Gil R o b l e s , hat einem Ber- tretet bes Journal gesagt, ber Ausgang der Wahl sei eine Folge der Religionsverfol- 9,u,n9en und der Haltung der Sozialisten. Er, Gil Nobles, strebe keine Diktatur der Reichsporicicn an. Es müßte vielmehr eine Regierung ber Mitte gebildet werden, die einen zu plötzlichen Ucbergang von links nach rechts vermeide. (Eine Übergangszeit müsse eine wirkliche Rechts- regierung oorbereiten.

(Sarraufs Kamps um Die Flnanzsanierung.

Tie Krisenstimmnng verstärkt sich.

Paris, 21. Nov. (WTB) Heute nachmittag be­gann die Kammer die Beratung ber Finanzierungs­gesetze ber Regierung Sarraut. Budgctminisler Gar- dey betonte, baß auch von ben Beamten ein Opfer zum allgemeinen Wohl gefordert werden müsse. Der sozialistische Abgeordnete Frossard erklärte, die Re- ßierung sei im Begriff, gegenüber den Beamten setzt die gleichen Fehler zu begehen, wie man sie früher gegenüber den Gewerkschaften begangen fyabe. Die radikalen Regierungen seien an ihren Finanzgesetzentwürfen gescheitert. Sozialistische Re­gierungen hätten sich als unmöglich herausgestellt. Eine Linkskartellregierung werde erst möglich (ein, wenn f i ch die Linksparteien auf ein Progra mm geeinigt hätten. Mangels einer durchführbaren politischen Lösung der Frage der Regierungsstabilität würde die Parlaments­auflösung eine Art Appell an das Land dar- stellen. Das Schicksal des Kabinetts Sarraut wirb nicht fonberlich optimistisch beurteilt. Es gibt politische Kreise, bis ben Sturz der Regierung für unvermeidlich halten.Das Schicksal des Kabinetts ist besiegelt", schreibt u. a.Midi".Die einzige Hoffnung besteht darin, daß Sarraut die notwendige Energie aufbringt, um wenigstens in Schönheit zu sterben. Um die finanztechnische De­batte kümmert man sich nicht mehr, die Debatte erhält eine politische Wendung: für ober gegen die Beamten, für ober gegen die Deflation, für ober gegen ben Senat. Dem Kabinett Sarraut werden bereits Kampfersprihen verabfolgt. Encr- gische und klardenkende Persönlichkeiten müssen uns aus dieser Verlegenheit, die bald gefährlich werden kann, befreien."

Seit acht Zähren im ilrwald verschollen.

Aus der Suche nach alter indianischer Städtetultur im brasilianischen Urwald verschwunden. Dominikaner wollen Oberst Fawcett aufgefunden haben.

Das britische Auswärtige Amt hat soeben auf diplomatischem Wege durch die Botschaften von Italien und Brasilien höchst erstaunliche Nachrichten über den Verbleib des seit 1925 verschollenen eng­lischen Forschungsreisenden Oberst Fawcett und seiner Begleiter erhalten. Die Londoner Geogra­phische Gesellschaft, die Fawcctt seiner Zeit die Mittel für feine Expedition zur Verfügung gestellt hatte, und die Familie des Obersten, seine Frau und ein Bruder, sind sofort in Kenntnis gesetzt worden. Es schweben bereits Verhandlungen über eine Hilfsexpedition.

H- P. Fawcett ist ein durch viele Reisen im Amazonengebiet bekannter Forscher. Er besitzt unter anderen die Foundation-Medaille, die höchste Aus­zeichnung ber Londoner Geographischen Gesellschaft. 1925 begab er sich auf eine neue Reise nach dem noch wenig erforschten Ouellge- biet bes lingu im Inneren bet brasilianischen Zentralprovinz Matto Grosso. Er war nur von feinem Sohn unb einem brüten Manne Raleigh Rummel begleitet. Als alter Walbläufer wußte er, daß man nur mit einer kleinen Schar hoffen durste, das Vertrauen der sehr schwierigen Jndianerstämme im Innern bes Landes zu gewinnen. Außer ben deutschen Forschern von ben Steinen unb Koch- Grünberg waren kaum je Europäer so tief in bie grüne Hölle bes tropischen Brasiliens eingebrungen.

Phantastische Gerüchte knüpften sich an seinen Zug. Die Reste großer Stähle mit marmornen Palästen unb Tempeln sollte er im blaugrünen Dämmerschatten der Urwälder entdeckt haben. Er sollte Kulturen aufgefunden haben, die sowohl an Alter al» an Großartigkeit die Kulturzentren ber allen Welt in Mesopotamien unb Aegypten bei weitem übertrafen. Weihe hochgewachsene Menschen mit strahlenden blauen Augen sollten noch jetzt uralte Geheimnisse hüten. Aben­teurer und Goldsucher berichteten über ein ge­heimnisvolle» blaues Licht, das von Zeil zu Zeit aus den Ruinen alter Paläste durch das Dunkel de» Walde» strahle. Ungeheure Schätze an Gold und Edelsteinen sollten hier vergraben sein, noch au» der Zeit stammend, bevor selbst die Inka in Peru herrschten.

Fawcett selbst scheint in der Tat gehofft zu haben, hier wirklich uratte Kulturreste finden zu können. Im Juni 1925 kamen bie letzten Nach­richten von ihm, erst aus Bakairi Post Im Quell- gebiet bes linguftromes unb bann von einem wei­ter landeinwärts gelegenen Lager, wo er feine ein­geborenen Führer verabschiedete. Seitdem ward es füll Nur die Sage bemächtigte sich des Forschers. Er sollte die weihen Indianer wirklich gefunden haben unb von ihnen gefangengehalten werden, da­mit er sie nicht verriete 1927 wollte man ihn in Diamantine, weit westlich vom lingu, gesehen

haben. 1928 brachte der amerikanische Reisende Dyott angeblich authentische Nachrichten über seinen Tod. Akoique, ein Häuptling der wilden, menschfresserischen Ananque-Jndianer, sollte ihn am Kuluenne, einem Quellsluß des lingu, ermordet haben. Dyotts Berichte erschienen um so glaubwür­diger, als er Gegenstände mitbrachte. Die sicher Fawcett gehört hatten.

3m Sommer diese» Jahre» erschien dann da» Bud) von lex harding in deutscher Sprache. Auch er wollte auf Spuren dc» ver­schollenen Obersten gestoßen feirt und brachte genaue Berichte von Augenzeugen, die der Opfe­rung von Fawcett und seiner Begleiter an ben Ufern de» Rio da» Moria», dem Todcsslusse. durch wilde Indianer miterlebt Haden wollten. Und genau an derselben Stelle, tausend Kilo­meter landcinwärl» von einer Linie, die nord- südlich von Bahia nach Rio de Janeiro zieht, soll Fawcett jetzt lebend gefunden wor­den fein! Italienische Dominikanermönche, die am Rande de» Urwaldes ihre Riederlassung haben, sollen sich mit ihm in Verbindung gesetzt

und Botschaften von ihm erhalten haben.

In London legt man diesen Nachrichten große Be­deutung bei unb scheint sie für glaubwürdig zu hal­ten. Aber es wird ein großes Geheimnis darum gemacht. Näheres ist an keiner Stelle zu erfahren. Der Präsident der Londoner Geographischen Ge­sellschaft, Sir Percy Cox, hat auf Anfragen nur be­stätigt, daß Nachrichten angekommen sind. Aber man müßte alle Nachforschungen mit der größ­ten Heimlichkeit und Vorsicht veranstal­ten, da, wenn die Forscher noch am Leben sein soll­ten, sie doch in sehr großer Gefahr schwebten. Die» fleht in merkwürdigem Gegensatz zu einem anderen Gerücht, daß I 0 bn Fawcett, der Sohn des Obersten, die Tochter des Oberhäuplling» der dortigen Stämme geheiratet haben soll und selbst die Häuptlingswürde bekleide. _

Jedenfalls bietet ber Fall Fawcett noch Rätsel genug, unb es gibt auch jetzt noch Leute genug, die den Forscher für tot hallen und da» Gerücht von seiner Aufsindung Ins Reich der Sage verweisen. Nur seine Frau Hal stets behauptet, er wäre noch am Leben und stände in telepathischem verkehr mit ihr.

Protest gegen Roosevelts InflationS« Politik.

Washington, 22. Nov. (WTB. Reuter.) Der Fincmzberaler bes Schatzamtes Sprague ist zu« rückgetreten. In einem Brief an den Präsi- benten Roosevelt begründet er seinen Entschluß damit, daß er sich z u der gegenwärtig be­folgten Finanzpolitik in grundsätz-