Nr. 275 Erstes Blatt
185. Jahrgang
Donnerstag, 23. November 1935
Erschein! I üg Md), außer fconntaqs und (Veiertag» Beilagen. Die DDuftrtertt (Bießener Jamihenblättei tzeimaiimBild DieScholl»
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Dr Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh. Lange, für Feuilleton Dr H.THyrwt; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil i. D. Th.kümmel sämtlich >n (Bienen
Das Ende der Einkreisung.
Von Otto Corbach
In der französischen Kammer hat Ministerpräsident Sarraut versichert, daß die Diplomatie seines Landes das Wort „Einkreisung" nicht kenne und daß ihr nichts ferner liege, als dem neuen Deutschland gegenüber mit einer entsprechenden Politik etwas zu tun haben zu wollen. In Wirklichkeit hatte das Versailler Diktat keinen andern Zweck als die Einkreisung Deutschlands, die den Weltkrieg heraufbeschwor, in einem Gefrierzustande zu erhalten, und für die Pariser Außenpolitik gab es seitdem keine wichtigere Aufgabe, als den weltpolitischen Kräften entgegenzuwirken, die nach und nach die Eispackung auftauten, die die deutsche Niederlage verewigen sollte. Wenn man heute am Quai d'Orsay jegliche neuerliche Absicht, Deutschland einkreifen zu wollen, leugnet, so erinnert das an die Fabel vom Fuchs und den sauren Trauben. Es hat nur eine alte, seit der Vorkriegszeit ununterbrochen fortbestehende Einkreisung ihr Ende gefunden Die Voraussetzungen entsprachen einer einmaligen nachhaltigen weltpolitischen Konstellation, deren Ueberwindung nach der Abkehr des neuen Deutschland vom Völkerbunde und der Abrüstungskonferenz dadurch für alle Welt deutlich zum Ausdruck kam, daß die internationalen Rückwirkungen für die deutsche Freiheit eher aünstig als ungünstig ausfielen. Auch Orkane deutschfeindlicher Propaganda konnten an dem Wandel der Verhältnisse seit 1914 nichts mehr ändern. Damals konnten in allen Erdteilen Kräfte gegen Deutschland in Bewegung gesetzt werden; heute sind in allen Erdteilen Vorgänge im Zuge, die solche Kräfte binden und zugleich immer mehr europäische Kräfte für weltpolitische Zwecke in Anspruch nehmen.
Nach dem russisch-japanischen Kriege jubilierte die Pariser Presse über eine „Rückkehr Rußlands nach Europ a". In den maßgebenden russischen Kreisen empfand man keinerlei Bedürfnis, sich an Japan für die empfangenen Schläge zu rächen; man wollte sich durch Erfolge in der europäischen Politik dafür schadlos halten. „Wie das ritterliche Japan Rußland im Osten besiegt hat", schrieb das Organ des zaristischen Kriegsministeriums, der „Russkij Invalid", „so wird Rußland alle seine Gegner Im Westen Überwinden." England wurde es dadurch leicht gemacht, sich in das russisch-französische Bündnis durch eine Entente mit Rußland einzuschalten und es in den Dienst der Einkreisungs-Diplomatie König Eduards zu stellen. England hatte im zweiten Bündnisverträge mit Japan dieses für den Schutz seiner asiatischen Besitzungen und Interessen verpflichtet, und konnte daraufhin seine Seestreitkräfte vorwiegend zur „Wacht in der Nordsee" zusammenziehen. Da Japan im Frieden von Portsmouth dank der russenfreundlichen Haltung der angelsächsischen Mächte keine Kriegsentschädigung durchzusetzen vermochte, blieb es in so starker finanzieller Abhängigkeit von England, daß es sich auf dessen Geheiß zu einer Abänderung des zweiten Bündnisvertrages in dem Sinne bereit erklären mußte, daß er sich nicht gegen eine Macht, mit der England einen Schiedsvertrag abgeschlossen habe, d. h. gegen Amerika richten dürfe. Dieser Liebesdienst sicherte England die „wohlwollende Neutralität' A m e r i f a‘s für den Fall europäischer Verwicklungen. Unter so günstigen weltpolitischen Umständen konnte- man in London in Seelenruhe abwarten, bis durch irgendwelchen Zufall ein Funke in den auf dem Kontinent aufgehäuften Zundstost fliegen und irgendwelche Verfehlung, die Deutschland in der Notwehr gegen das Völkerrecht begeben mochte, das seebeherrschende Albion als traditionellen Beschützer internationaler „Gerechtigkeit" auf den Plan rufen würde.
Jene für die feindlichen Nachbarn Deutschlands günstigen weltpolitischen Umstände haben sich heute fast in das Gegenteil verkehrt. Rußland muß sich aus Europa zurückziehen und nach Asien „zurückkehren", wo Japan sich in den Besitz aller strategischen Stellungen setzt, die es braucht, um im gegebenen Augenblick die Sowjetmacht vom Stillen Ozean abschneiden zu können. Zugleich fühlt sich Japan zur See stark genug, um abwechselnd jede der angelsächsischen Mächte herauszufordern. Es ist richtig, daß Amerika und Eng land allen Grund hatten, gerade im Hinblick au die Lage im Fernen Osten Frankreich bei guter Laune zu erhalten, und burdjaus begreiflich, daß die französische Forderung nach einer einseitig gegen Deutschland gerichteten Rüstungskontrolle von England wie van Amerika zunächst unterstützt wurde. Indem das neue Deutschland aber daraufhin dem Völkerbund und der Abrüstungskonferenz entschlossen den Rücken kehrte, brachte es die ancr sächsischen Machte in die Zwangslage, gegenüber der öffentlichen Meinung ihrer Länder Farbe zu bekennen, ob sie der französischen Freundschaft zuliebe im Ernstfälle neue Verantwortlichkeiten für den Lauf fon> tin"ntaleuropäischer Ereignisse Übernehmen wollten, und da zeigte es sich, daß trotz aller deutsch-feind- lirfrn Stimmungen bei den englisch lp^^en Völkern eine unüberwindliche .Abneigung gegen jegliche abermalige Verwicklung in kontinentaleuropäische Händel zum Durdfbruch g l°Gewiß 'braucht England Frankreichs wohlwollende Neutralität, um seine überseeischen Interessen nachdrücklich gegen japanischen Uebermut wahrnehmen zu können, und Amerika ist nach wie vor begierig, die Verantwortung für die Verteidigung der ..Zivilisation" d. h. angelsächsischer Weltherrschaft gegen die gelbe Gefahr mit den Vettern an der andern S»ite des Atlantik teilen zu können. Man kannte sich deshalb vorstellen, daß im Busen angelsächsischer Staatsmänner die pazifistische Tugend einen
Auf welcher Plattform können Deutschland und Frankreich sich verständigen?
Es gibt keinen (Streitfall in Europa, der einen Krieg rechtfertigen könnte.—Welche zusätzliche Sicherheit wünscht Frankreich?—Keine Rückkehr nach Genf, aber Verhandlungen mit jedem, der mit Deutschland sprechen will.
Em Kanzler-Interview.
Der Führer wiederholt seine Bereitschaft zu einer friedlichen Verständigung mit rankrcich.
Paris, 22. Noo. (WTB.) „Matin" veröffentlicht den Inhalt einer Unterredung, die der Außenpolitiker des französischen Wirtschaftsblattes „L'Jn- ormation" d e Brinon mit Reichskanzler Adolf Hitler gehabt hat. Brinon hebt die zwanglose herzliche Aufnahme durch den Reichskanzler hervor, der im Gegensatz zu anderen Staatsmännern jedes Zeremoniell und jedes Jnfzenesetzen vermeide, dessen inneres Feuer aber belebend zum Ausdruck komme.
Der Reichskanzler habe erklärt, daß feine Einstellung stets die gleiche fei. Er wünsche d i e Aussprache und Verständigung, weil er darin d i e Garantie für den Frieden erblicke. Er wolle, daß dieser wahrhafte Friede zwischen loyalen Gegnern geschlossen werde. Er habe dies wiederholt erklärt, aber man habe ihm immer nur mit mißtrauischen Worten geantwortet. Sein Wille habe sich jedod; nicht gewandelt. „Ich glaube" — so erklärte der Reichskanzler —, „daß das Ergebnis der Volksab ft i m m u n g meinem Wunsch neue Sraf t gibt. Wenn früher Strefemann ober Brüning verhandelten, fo konnten sie sich nicht darauf berufen, daß das deutsche Volk hinter ihnen stehe. Ich aber h a b e ganz Deutschland! Ich habe dem Volke nicht verheimlicht, was ich wollte. Das Volk hat meine Politik gebilligt."
Das Gespräch fei dann auf das deutsch-französische Problem übergegangen. Adolf Hitler, fo schreibt de Brinon, glaube an die Notwendigkeit einer deutsch-französischen Verständigung. , , v
Ich habe die Ueberzeugung. so habe der Reichskanzler erklärt, daß, wenn die Frage des Saargebietes, das deutsches Land ist, einmal geregelt ist, nichts Deutschland und Frankreich in Gegensatz zu einander bringen kann. Elsaß-Loth ringen ist feine Streitfrage. Aber wie lange noch wird man wiederholen müssen, daß wir weder absorbieren wollen, was nicht zu uns gehört, noch daß wir uns von irgend jemand lieben taffen wollen, der uns nicht liebt! In Europa besteht nicht ein einziger Streitfall, der einen K r i e g r e ch t s e r t i g t. Alles läßt sich zwischen den Regierungen der Völker regeln, wenn sie das Gefühl ihrer Ehre und ihrer Verantwortlichkeit besitzen.
Es gibt ein von vaterländischem Geist beseeltes Polen und ein nicht weniger an seinen Traditionen hängendes Deutschland. Zwischen ihnen bestehen Differenzen und Reibungspunkte, die auf einen schlechten Vertrag zurückgehen aber nichts, was wert wäre, kostbares Blut zu vergießen; denn es sind immer die besten, die auf'den Schlachtfeldern fallen. Deshalb ist zwischen Deutschland und Polen ein gutnachbarliches Abkommen möglich.
Man beleidigt mich, wenn man weiterhin erklärt, daß Id) den Krieg will. Sollte ich wahnwitzig fein? Den Stieg? Et würde keine Regelung bringen, sondern nur die Weltlage v e r f ch l i m m e r n. Er würde das Ende unserer Rassen bedeuten, die Eliten sind, und in der Folge der Zeiten würde man sehen wie Asien sich aus unserem Kontinent festsetzt und d e r V o 1 s ch e w i s m u s triumphiert. Wie
sollte ich einen Krieg wünschen, während doch d i e F o l g e n d e s l e h t e n Kriegesnoch auf uns la st en, und sich noch 30 oder 40 Jahre lang fühlbar machen werden? Ich denke nicht für die Gegenwart, sondern ich denke an die Zukunft. Ich habe vor mir eine lange innerpolitische Arbeit. Ich habe dem Volke den Begriff seiner Ehre wiedergegeben. Ich will ihm auch die Lebensfreude wieder schenken. Wir bekämpfen das Elend. Schon haben wir die Arbeitslosigkeit zurückgedrängt. Aber ich will Besseres leisten! Ich werde noch Jahre brauchen, um dahin zu gelangen. Glauben Sie, daß ich meine Arbeit durch einen neuen Krieg zunichte machen will?
Der Berichterstatter wies in diesem Zusammenhang auf die äußere Aufmachung hin, die man inDeutschland findet: Die Freude an der Verherrlichung der Kraft. Der Reichskanzler habe darauf erwidert, daß Deutschland fähigseinmüsse,
sich zu verteidigen. Sein Programm taffe sich folgendermaßen präzisieren: Keinen Deutschen für einen neuen Krieg; aber für die Verteidigung feines Vaterlandes das gesamte Volk. Wenn die Jugend in Deutschland in Reih' und Glied marschiere, wenn sie die gleiche Kleidung trage, so deshalb, weil sie die neue Ordnung und ihre Garantie verkörpere.
Das Gespräch wandte sich sodann den Mitteln zu, durch die das deutsch-französische Problem bereinigt werden könnte. Der Reichskanzler führte nach der Schilderung de Brinons aus:
Wie kann die Verständigung zwischen gleichberech- tigten Nachbarländern verwirklicht werden? Mein Vaterland ist nicht eine zweitrangige Nation, sondern eine große Nation, der man eine unerträgliche Behandlung aufgezwungen hat. Wenn Frankreich feine Sicherheit darauf aufzubauen gedenke, daß es Deutschland unmöglich sei, sich zu verteidigen, dann ist nichts zu machen; denn die Zeiten, in denen das möglich war, sind zu Ende.
Deutschland
zu jedem Verteidigungsbündnis bereit.
Wenn Frankreich aber- seine Sicherheit i n einem Abkommen finden will, bin ich bereit, alles anzuhären, alles zu begreifen, alles zu unternehmen. Man weih ziemlich genau, worin die von Deutschland geforderte Gleichheit besieht. Moralisch handelt es sich um ein absolut gleiches Recht. Die praktische Durchführung kann etappenweise erfolgen, und man kann über die Einzelheiten verhandeln. Aber man sagt mir: (Bereif}, Gleichheit, jedoch keine Gleichheit ohne Gegenleistung. Welche Gegenleistung? Man müßte enölich den Inhalt des französischen Wortes Sicherheit kennen!"
Auf den Hinweis de Brinons, in Frankreich möchte man auch die Gewißheit haben, daß nach endgültiger Regelung der Differenzen nicht neue Schwierigkeiten auftauchen, erwiderte der Kanzler: „Ich allein entscheide über die Politik Deutschlands, und wenn ich mein Wort gebe, dann bin ich gewohnt,-es z u halten. Was ist also noch notwendig? Ich habe keinen Thron geerbt, ich habe aber eine Lehre aufrechterhalten. Ich bin ein Mensch, der handelt, und der feine Verantwortung übernimmt. I ch bürge mit meiner Person für das Volk, das ich führe, und das mir die Kraft gibt.
Aber sprechen wir von der französischen Sicherheit! Wenn man mir sagen würde, was ich für sie tun kann, würde ich es gern tun, wenn es sich nicht um eine llnehre oder um eine Drohung für mein Land handelte. Ein englischer Journalist hat geschrieben, daß man zur Beruhigung Europas eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich herbeiführen und Frankreich die ; u f ä h l i ch e 5 i - cherheiteinesverteidigungsbünd- nisfes mit England geben müsse. Wenn es sich um ein derartiges Bündnis handelt, will ich es gern unterschreiben; denn ich habe keineswegs die Absicht, meinen Nachbarn anzugreifen. Polen sieht das jetzt ein.
aber weil Polen östlicher liegt als Frankreich, kennt es uns besser!"
Auf die Frage, ob Deutschland nach Genf zu» rückkehren werde, habe der Reichskanzler, wie de Brinon berichtet, geantwortet: „Als ich Genf verließ, habe ich eine notwendige Handlung vollzogen, und ich glaube, zur Klärung der Lage beigetragen zu haben. W i r werden nicht nach Genf zurückkehren. Der Völkerbund ist ein internationales Parlament, in dem die Mächtegruppen t m Gegensatz zueinander stehen. Die Mißverständnisse sind dort verschärft worden, anstatt gelöst zu werden. Ich bin ft e t s bereit, und ich habe das bewiesen, Verhandlungen mit einer Regierung aufzunehmen, die mit mir sprechen will."
De Brinon zog aus seiner Unterredung mit dem Reichskanzler den Schluß, daß das Urteil des englischen Journalisten Ward Price zutrifft, der auf Grund einer Unterredung mit dem Reichskanzler von dessen Aufrichtigkeit überzeugt wurde.
Oos Pariser Echo.
Paris, 22. Nov (AU.) Die Unterredung des Führers mit de Brinon hat hier ein starkes Echo gefunden. Die Tatsache, daß der Führer zum ersten Male einen französischen Pressevertreter empfangen hat, wird besonders unterstrichen. Allerdings hindert das gewisse chauvinistische Blätter nicht, ihre bekannten Verdächtigungen zu wiederholen.
„V o l o n t ö" beglückwünscht de Brinon und den „Matin", daß sie den Mut aufgebracht haben, die kategorischen, präzisen, klaren Ausführungen des Reichskanzlers zugunsten des Friedens und der Annäherung beider Länder, die bisher von dem größten Teil der französischen Presse e n t ft e (11 worden seien, den Franzosen näherzubringen. So werde ein Gegengewicht geschaffen, gegen die völ- i lig unerklärliche Initiative des „Petit Parisien", der Dokumente veröffentlicht, deren Echtheit nicht bewiesen worden sei und nicht bewiesen werden könne und die nur eines bezwecken, d i e einzige Lösungzu verzögern, wenn nicht zu verhin-
fdimeren Kampf gegen die Versuchung zu bestehen hätte, kontinental europäische Verwicklungen entfachen zu helfen, damit Frankreid) alle Hande voll zu tun bekäme. Doch selbst solche mc.ch'avellistische Neigungen würden nicht nur jebe Absicht, sich an tontinentaleuropäifdjen Abenteuern aktiv zu beteiligen, aiisschließen, sondern sogar bedingen, bi e Wiberstänbe gegen bie militärische Vorherrschaft Frankreichs auf bem europäischen Festlanbe zu steigern. Jebenfalls hat Roosevelt bereits offen zugegeben, daß in ben nächsten fünfzig Jahren kein Amerikaner bazu gebracht werben könnte, nneber auf einem europäischen Kriegsschauplätze zu kämpfen. Aus maßgebenben kanadischen unb südafrikanischen Kreisen ist ben ßonboner Machthabern deutlich zu verstehen gegeben worden, daß die Dominions eher aus dem Verbände des britischen Weltreiches ausscheiden als sich noch einmal dazu mißbrauchen lassen würden, Frankreichs Kastanien aus dem Feuer holen zu helfen.
Gewiß würde das kontinentaleuropaische Bündnissystem Frankreichs allein genügen, das neue Deut chland unter fortgesetzt steigenden Druck zu setzen, aber Polen und bie Staaten b er Kleinen Entente haben aus bitteren (Erfahrungen gelernt, daß sie sich an ihrer finanziellen
Abhängigkeit von Paris zu verbluten brohen, wenn ihnen nicht fceunbschastliche Beziehungen zu ihren Nachbarn, vor allem zu Deutschlanb unb Italien, neue Möglichkeiten, Zinsen unb Amortisationen zu zahlen, erschließen, um so mehr, ba Frankreich für sie als Käufer eine immer geringere Rolle spielt. Trotz ber gönnerhaften Zustimmung, bie der Pariser „Temps" Polen wegen seiner eigenmächtigen Verstänbigung mit Deutschlanb über eine gegenseitige Erklärung für ben Grunbfatz ber „Nicht- Gewaltanwenbung" spendete, beweist dieser Vorgang, wie wenig verläßliche Werkzeuge für eine deutschfeindliche Politik Frankreichs dessen östliche Vasallen heute bedeuten. Daran kann aud) die französisch-russische Annäherung wenig ändern; denn die nunmehr vollzogene Anerkennung der Sowjets durch die Vereinigten Staaten verpflichtet den Kreml, nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch zur Entlastung der amerikanischen Seemacht entschiedener als bisher Japan die Stirn zu bieten.
Freilich nutzt Deutschland wie irgendeinem Lande eine günstige weltpolitische Konstellation auf lange Sicht nur insoweit, wie es sich ihrer würdig zu erweisen versteht. Der Weltkrieg hätte das deutsche Volk nicht in einer so verhängnisvollen internationalen Lage überraschen können, wenn seine nach-
bismarckschen Staatsmänner jederzeit gewußt hätten, was sie wollen konnten, unb entschlossen gewesen wären, bie sich ihnen bietenben Möglichkeiten wahrzunehmen. Es genügt in ber internationalen Politik nicht, den Anspruch auf volle Gleichberechtigung zu erheben, man muß auch wissen wozu. Eine gewisse Mahnung sowohl zur Wachsamkeit wie zur Entfaltung weltpolitischer Talente ist in der Ankündigung des Präsidenten Roosevelt enthalten, die amerikanischen Seestreitkräfte im Frühjahr wieder gleichmäßig auf den Stillen ’inb Atlantischen Ozean zu verteilen. Das beweist, daß die Washingtoner Regierung zum mihbeften oor- übergehenb bie ihr, burch Rußlanb im Fernen Osten gewährleistete Entlastung zu einer stärkeren Willensentfaltung gegenüber Europa auszunützen gebenft. Es ist eine ber wichtigsten Aufgaben ber Diplomatie bes neuen Deutfchlanbs, bafür zu sorgen, baß biesem barous eher Vorteil als Nachteil erwächst unb baß sich roeber in Conbon noch in Washington bie Auffassung entwickeln kann, als hätte bas Angelsachsentum im ganzen mehr von einer Nachgieoigkeit gegenüber Deutschlanb, als gegenüber Japan zu riskieren. Es kommt eben gerabe in ber Politik im Sinne Nietzsches nicht auf bas „frei wovon", fonbern auf das „frei wozu" an.


