Ausgabe 
23.3.1933 Frühausgabe
 
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heit daS Mandat zur ungestörten Aufbauarbeit bestätigen will, dann werden die unausbleiblichen Folgen eines solchen parlamentarischen Rückfalles vondenjenigen Parteien selb st verantwortet werden müffen, die die Zeichen der Zeit noch nicht ver­standen haben. Daß die Regierung Hitler ent­schlossen ist, das Mandat des Volkes, das sie besitzt, nicht parteipolitischer älnvernunft preiszu­geben, ist selbstverständlich. Der Reichstag ent­scheidet diesmal nicht über das Schicksal der Re­gierung, sondern über das Wohl und Wehe der Parteien selb st, deren Zu­kunft in ihre eigenen Hände gegeben ist. Die Parteien mögen sich keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Richtannahme des Er­mächtigungsgesetzes eine Kamvf- ansage bedeuten würde, die von der Re­gierung ausgenommen wird. Man darf daher erwarten, daß nicht nur das Interesse des Vol­kes, sondern auch das Gebot der Klug­heit und Selbsterhaltung von denjeni­gen Parteien verstanden wird, die es angeht.

Keine Ausschaltung der Rechte des Reichspräsidenten.

Berlin, 22.März. (LTL) In einer Zeitung wird die Befürchtung ausgesprochen, daß ourch die Aufhebung der Artikel 68 bis 11 der Reichs­verfassung im Ermächtigungsgesetz die Rechte des Reichspräsidenten ausgeschal- t e t werden würden. Von zuständiger Stelle wird hierzu erklärt, es werde im Gegenteil die Ten­denz verfolgt, den Reichspräsidenten freizumachen von der Verantwor­tung, die nunmehr von der Reichsregie­rung übernommen werden solle.

©er Aufbau des Reiche- ministeriums für Bolksauf- klarung und Propaganda.

Berlin, 22. März. (SIL) Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Goebbels, hat am Mittwoch das Palais Leopold am Wilhelmplatz bezogen. Es finden noch Verhandlungen statt über die Ausgestaltung des Ministeriums, an denen vor allem Ministerialrat im Reichsfinanzmin'isterium Greiner beteiligt ist. Ministerialrat Greiner ist als Ministerialdirektor und Etatschef für das Ministerium für Volksousklärung und Propa­ganda in Aussicht genommen. Das Ministerium wird voraussichtlich fünf Ministerialräte erhalten, die die fünf Abteilungen leiten sollen. In einer Unterredung zwischen dem Reichspost­minister Freiherrn Elz v. Rübenach und Dr. Goebbels wurde beschlossen, daß nicht nur die früher vom Reichsministerium des Innern, son­dern darüber hinaus auch die vom Reichs- postministerium ausgeübte lieber» wachung des Rundfunks nunmehr ausschließ­lich vom Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda übernommen wird. Dr Goebbels hat seinerseits Dr. Krukenbero mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Reichsrundfunk­kommissars betraut.

Aus der nationalsozialistischen Parteileitung.

Berlin, 22. März. (TU.) Wie derVölkische Beobachter" mitteilt, hat der Führer der NSDAP., Adolf Hitler, folgende Verfügung erlassen:Ich be­vollmächtige den Vorsitzenden des Untersuchungs­und Schlichtungsausschuises der Reichsleitung, Par­teigenossen Walter Buch, in meiner Vertretung nach § 4 Absatz 4d und Absatz 8 zur Verfügung bzw. Bestätigung von Ausschüssen."

Die Nationalsozialistische Beamtenabteilung der Obersten Leitung der Parteiorganisation teilt mit: Bei der obersten Leitung der PONS. Beamten­abteilung Frankfurt a. M., Elbestraße 61, besteht eine besondere Abteilung, die die aus politi­schen Gründen erfolgte Zurückversetzung na- tionalsozialistisch eingestellter Be­

amten nachprüft und für Abhilfe sorgt. Beschwerden dieser Art sind auf dem Dienst­wege, mit stichfesten Unterlagen belegt, hier vorzu­legen, soweit sie nicht schon an Ort und Stelle er. ledigt werden können. Die Amtswalter haben scharf sachlich und eindeutig Stellung zu nehmen."

Gtaatskommiffare für KP© - und GP©.-Bürgermeister in Hessen.

D a c m st a d t. 22. März. (1B 571.) Aus Grund des Ermächtigungsgesetzes vom 13. März 1933 hat das hessische Gesamtministerium unter dem 20. März 1933 eine Verordnung zurSicherung der Verwaltung der Gemeinden" erlas­sen, in der bestimmt wird:

§ 1. Der Minister des Innern ist befugt, die Amtszeit eines Bürgermeisters oder Beigeordneten vorzeitig für beendet zu erklären

a) wenn der Gewählte der kommunistischen Partei oder Sozialdemokratischen Partei angehört oder sich im Sinne dieser Partei betätigt hat;

b) wenn diese Maßnahme zur Aufrecht­erhaltung der Ordnung ersorder- l i ch erscheint. Er kann in diesem Falle einen Kommissar mit der Versetzung der Dienst- geschäfte beauftragen und Stellvertreter für ihn bestellen.

§ 2. Der Minister seht die dem Kommissar und gegebenenfalls dem Stellvertreter von den Gemein­den zu gewährende Vergütung fest.

§ 3. Die Bürgermeister und Beigeordneten bedür- fen nach ihrer Dahl der Bestätigung durch die Aufsichtsbehörde.

§ 4. Diese Verordnung tritt mit ihrer Verkündung (22. März 1933) in Kraft.

©te Haltung des Zentrums in Hessen.

WSR. D a r m st a d t, 22. März. Das Zentrum hat in der letzten Landtagssitzung für die Wahl dcs Kandidaten der RSDAP. zum Staatsprä­sidenten und für die Annahme des Ermächtigungs­gesetzes gestimmt. Dazu wird von der Parteilei­tung erklärt:

Bei der gegenwärtigen Zusammensetzung des Hessischen Landtags fehlt nur eine Stimmean der durch die Rationalsozialisten zu bildenden Mehrheit. Diese war aber in der letzten Sitzung schon ohne weiteres dadurch zu erreichen, daß die kommuni st ischen Abgeordne­ten nicht anwesend waren. Wenn am 5. März auch der Hessische Landtag gewählt worden wäre, so hätten die Rational­sozialisten nach dem Wahlergebnis ebenfalls über eine ausr"ichende Mehrheit verfügen können. Eine Reu vahl hätte jedoch nur Unruhe und Aechtsunsu.y.cbeit in das hessische Volk hineingetragen, ohne gleichzeitig de Gewähr für eine erträglichere Lösung der parlamentari­schen Schwierigkeiten zu bieten. Der Vorsitzende der Zentrumsfraktion, Ministerialrat Hoff­mann, hatte kurz vor der Wahl des Staatsprä­sidenten eine Rücksprache mit Dr. Wer­ner. Dabei erhielt er in wichtigen Punkten be­stimmte Zusicherungen. Infolgedessen stimmte das Zentrum für Dr. Wernerin der Erwartung, daß die Regierung auch ihrerseits alles tut, um Ord­nung und Rechtssicherheit zu gewährleisten und eine Befriedung der Bevölkerung herbeizuführen". Dieselben Gründe waren auch wohl für das Zen­trum maßgebend bei seiner Zustimmung zu dem Ermächtigungsgesetz, dessen erster Ent­wurf auf Veranlassung des Zentrums in wesent­lichen Punkten geändert wurde.

Aus aller Welt.

Schwere Benzinexplosion in Westfalen.

haltern (Westfalen), 22. März. (TU.) Ein furchtbares Unglück ereignete sich in der vergangenen Rächt im Mittelpunkt der Stadt, das einen Toten, 1 5 Schwer- und 14 Leicht- verlehteals Opfer forderte. Zwei Lastwagen mit Anhängern, die aus Düsseldorf und Versmold kamen, stießen an der Reckumerslraße zusammen, wobei dem Düsseldorfer wagen, der mit Oelfässern und Fetten beladen war, der Seitenlank aufgerijsen wurde. Das herauslaufeude Benzin entzün­dete sich. Die Fahrer und Beifahrer sprangen aus ihren Wagen und koppelten die Anhängerwagen ab. Die alarmierte Polizei, Feuerwehr und aus einer nahen Wirtschaft herbeigeeilte SA.- und SS.-Leute bemühten sich, die gefährliche Ladung des Düssel­dorfer Wagens, insbesondere die Lackfässer, in Sicherheit zu bringen, plötzlich gab es einen furchtbaren Knall, und eine riesige Stich­flamme schlug gen Himmel. Der unter dem Führersitz des Düsseldorfer wagens eingebaute Ben- zinbehälier war explodiert und das brennende Benzin ergoß sich über die Menschenmenge. Leben­digen Fackeln gleich liefen etwa 30 Menschen umher; furchtbare Schmerzensschreie gellten durch die Rächt. Die Brennenden rissen sich die Kleider vom Leibe oder wälzten sich am Erdboden, um so die Flammen zu ersticken. Die Verletzten wurden sofort ins Kran­kenhaus gebracht, während 14 Personen nach An­legung von Rotverbänden wieder entlassen werden konnten, mußten 16 Schwerverletzte im Krankenhaus bleiben. Vier von ihnen haben so schwere wunden davongetragen, daß sie kaum mit dem Leben davonkommen dürften. Einer von ihnen, der polizeiwachlmeisker Lemke, ist am Mittwochvormittag g e st o r b e n. Die drei anderen ringen mit dem Tode. Die übrigen Verletzten haben schwere Brandwunden am ganzen Körper daoon- getragen. Von der Stichflamme war die hakenkceuz- fahne am Rathausgiebel in Brand gesetzt und der Giebel selbst schwer angesengt worden, doch blieb das Gebäude sonst verschont.

Ehrenmal ..Reichstreue am Main".

Der freiwillige Arbeitsdienst in Wertheim a. M. arbeitet seit Juli 1932 an einem Ehrenmal Reichstreue am Main". Dort, wo die süd- deutscben Länder dem großen norddeutschen Bruder über den Main hinweg die Hände reichen, soll auf ragender Höhe über der Main-Tauberecke dies Ehrenmal der Reichstreue erstehen. Der Gedanke wuchs ganz spontan aus der Bevölkerung am Main, die für die vorbereitenden Arbeiten schon viele Opfer gebracht hat. Die für die Platzgestaltung notwendi­gen Erdbewegungen sind beinahe durchgeführt. An­läßlich der Reichstagseröffnung und des feierlichen Staatsaktes in Potsdam fand in Wertheim a. M. eine große nationale Kundgebung statt, bei der be­geistert beschlossen wurde, das Werk zu Ehren des Gedankens der Reichseinheit weiter zu fördern.

Kundgebung des Kampfbundes für deutsche Kultur in Frankfurt.

Aus Anlaß des Tages des deutschen Buches veranstalteten der Kampfbund für deutsche Kul­tur und die Gauleitung der RSDAP. in Frank­furt auf dem Aömerberg eine eindrucksvolle Kundgebung, wozu u. a. auch die Frank­furter Handwerker mit ihren alten Innungs­fahnen erschienen waren. Der Balkon des Römers war mit riesigen Hakenkreuzfahnen geschmückt. Die Kundgebung wurde durch eine Darbietung des städtischen Bläserchors eingeleitet. Dann er­griff der zweite Vorsitzende der Frankfurter Ortsgruppe für deutsche Kultur, Kunstmaler Wil­helm Fahrenbruch, zu einer Ansprache das Wort. Er streifte die Ereignisse der letzten Tage, die er als den Anfang einer neuen Epoche der

deutschen Geschichte bezeichnete; diese Revolution dürfe nicht auf der Straße ausgetragen werden, sondern müsse getragen sein von den geistigen Kräften der Ration; das gesamte Volk müsse teilhaben an dem geistigen Wiederaufbau un­serer Kultur. Der Gau-Propagandaleiter Mül- ler-Scheld wies daraus hin, daß, wie im politische, so auch im geistigen Kamps die SA. und SS. sowie die gesamte Parteigenossenschaft das Fundament der Arbeit der Führer sei. Jetzt müsse der politischen Revolution die geistige Revolution folgen, die alles Artfremde aus un­serer Kultur entferne. Professor Kriegk gab einen kurzen Ueberblick über die Geschichte der geistigen Entwicklung unseres Volkes. An die großen Werke unserer Dichter und Denker müsse die neue Entwicklung anknüpfen und auf ihnen das neue Kulturleben aufbauen. Heute stünden wir erst am Anfang, und man könnte mit Luther sagen: ..Wir sind's noch nicht, wir werden's aber." Die Kundgebung schloß mit dem Absin­gen des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel- Liedes.

Der hinhe-prozeß.

Im Prozeß gegen den Bankier Hintze wurde als erster Zeuge Kriminalassistent Geißler ge­hört, der die erste Vernehmung des Angeklag­ten vorgenommen hat. Hintze habe ihm ungefragt gesagt:Ich gebe zu, ich habe meine Frau erschos­sen, ich wollte mich dann selbst erschießen." Als Hintze hörte, daß seine Frau noch lebte und ope­riert werde, habe er gerufen:Gott fei dank, daß meine Frau noch lebt." Auf Vorhalt des Verteidigers, daß eine solche Erklärung des Angeklagten nirgends in den Akten wiedergegeben sei, blieb der Zeuge bei seiner Aussage. Ein wei­terer Zeuge, Kriminalkommissar S ch w ö r e r, be­kundete, Hintze habe sich wiederholt erkundigt, ob man seine Tat als Mord oder als Totschlag an­sehe und ob ihm der Schutz des § 51 zugebilligt werden könne. Der Angeklagte erklärte hierzu, er sei immer dabei geblieben, daß er nicht ioif j e, toie er zu dem Schuß gekommen sei. Zu dem Zeugen S ch w ö r e r gewandt rief Hintze aus:Sie haben mich reingelegt. Jetzt stehe ich hier als Totschläger., Ich habe den Ein­druck, daß der Zeuge wider besseres Wissen unter seinem Eid hier die Unwahrheit sagt." Als Sach­verständiger erklärte Medizinalrat Dr. Schle­gel, daß bei Hintze keine krankhafte Stö­rung der Geistestätigkeit vorliege, durch die die freie Willensbestimmung im Sinne des § 51 aus­geschlossen fei. Ebenso verneinte er einen patho­logischen Reizzustand ober einen Dämmerzustand bei Begehung der Tat. Ein Zweifel an der Zu­rechnungsfähigkeit könne nicht angenommen wer­den. Die Weiterverhandlung wurde dann ver­tagt.

Meine politische Nachrichten.

Die Regierungserklärung, die Reichs­kanzler Hitler am heutigen Donnerstag im Reichstag abgeben wird, und die als zweiter Punkt auf der Tagesordnung der um 14 Uhr be­ginnenden Reichstagssitzung steht, wird vom Deutschen Rundfunk unmittelbar aus der Krolloper auf alle deutschen Sender übertragen.

Der Ministerialdirektor im preußischen Ministe­rium für Wirtschaft und Arbeit Dr. Schindler wird in den einstweiligen Ruhe st and versetzt. Der Reichskommissar für das Handwerk, Dr. Wie n= beck, wird zum Ministerialdirektor im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit* ernannt.

Der Reichspostminister hat in einer Verordnung an die Oberpostdirektionen zum Ausdruck gebracht, daß fortan Abzeichen politischer Par­teien oder Abbildungen politischer Art auf der Außenseite von Briefen, Drucksachen und Postkarten im Rahmen der allgemeinen Bestimmun­gen nicht mehr zu beanstanden find.

Musik um Gt. Marren.

Äon Ilse ^chmut-W.ssendorff

Wer sie nicht kennt, dem kann man sie schwer mit Worten malen, denn stärker als selbst das bilder­reichste ist die Melodie des herrlichen Baus: der Marienkirche in Lübeck. Dunkel, ernst und schwer ist das Backsteinrot ihrer Steine, aber sie heben sich zu einer sch.anken Leichtigkeit empor, die lichtgetragen zur Hohe schwebt und im zarten Grün der pcttinier- ten Türme eine glaubensvolle Bestätigung findet. Schweres Rot, lichtes Grün, weichblauer Himmel. Schattig der Weg auf holprigem Pflaster um diesen Bau. So klingt der Farbakkord, der uns hineinführt, hineinzieht durch das schlichte Portal.

Wir treten ein, und nun rauscht es empor, weiß, leicht wie ein Wasserstrahl. Will mitreißen zu schwe­bender Höhe, und doch fällt das Bewußtsein eigner Winzigkeit aus eben dieser Höhe mit erdrückender Wucht wieder herab. Immer noch liegt ein Hauch von Weihrauch unter den Gewölben und führt zurück in die Jahrhunderte. Erste Gotik formte den Bau wie eine Unwirklichkeit. Jahrhunderte geben ihm dann den Schmuck, der seine Grundmelodie umrankt und ihm ein warmes, erfülltes Leben gibt, das ihn an die Erde bindet, von der er fortftrebt.

Ernst und schwer die Kirchenstühle der Zünfte und Gemeinschaften aus der stärksten Zeit der Hansa. Nur am Bürgermeisterstuhl entspannt sich die Wucht des Eichenholzes zu überreichem Schmuckwerk der Schnit­zerei, löst sich oben an den Gesimsen zum Filigran einer spitzemeichten und spitzenreichen Galerie, so zart und schwebend, daß es unverständlich wird, wie Holz in diesem Maße seiner Materie entkleidet wer­den kann.

Weltfreudiges Barock erstellte den Allar, der sich wie eine prunkvolle Kadenz in den Aufbau fügt. Er setzt sich fort in der Pracht der Grabmäler, die sich den Pfeilern wie Fiorituren und Schnörkel ver­binden. Religiöser Emst des Mittelalters häll die erste, entschwebende Gotik und den Reichtum des Barock zusammen. Das Schönste aus dieser Zeit ist ein kleines Madonnenbild, auf Goldgrund gemalt an der Wand überm dunklen Eichengestühl. Vier Frauen- ßesichler, zart wie der Blütenkelch, den jede von ihnen in den Händen hält, das Gesicht ohne Lächeln, ganz noch innen gewandt, der Welt abgekehrt. Und bann die Geliebteste: die schmerzlich-süße Madonna in Stein. Aus Wissen und Ahnen um Tiefen steigt ihr Lächeln, das verklärter ist als ein Heiligenschein. Mit diesem Lächeln sieht sie auf den Sohn, der in allen Gebärden von ihr fortftrebt, in den Raum, zu den Menschen.

Und in den Kapellen ist das Mittelaller. Im Toten­

tanz der schreckensvollen Jahre voll Sterben und Pestilenz. In den Schreinen, die lrebeoollste Andacht schmückte, in der komplizierten Mechanik der astro­nomischen Uhr. Geduld, Versenkung, Vertiefung, dies ist die Predigt, die zu uns bringt Drei verschiedene Stimmen hat der Raum. Drei Orgeln aus getrennten Zeiträumen. Die kleine Buxtehudeorgel, zu der das gewundene Treppchen bescheiden hinaufführt, an der Johann Sebastian ^efeffen hat, um von des Aeltercn Kunst zu lernen, die in unsrer Zeit wieder anfängt zu strahlen in Kraft und Reinheit. Die Lettnerorgel, die das Reich des Barockaltars abschließt und um­grenzt auf säulengetragener Empore. Und die große Orgel, gewaltig durch den Wald ihrer Pfeifen, die sich auflösen in die Apotheose der musizierenden, im höchsten Gewölbe verschwebenden Engel.

Am schönsten ist St. Marien in den Stunden der musikalischen Andachten. Die ganze Seele dieses Raumes spricht dann mit all ihren Stimmen. Es ist die Zeit des Sonnenuntergangs. Durch die Glas­malereien im Fenster unter der großen Orgel bricht der ganze Glanz kaskadengleich herein. Gelb und Gold in allen Schattierungen find die Farben, in denen das Fenster gemalt ist. Gelb und Gold, durch­leuchtet und durchstrahlt vom Sonnenlicht, schwebt wie Feuer, wie übermächtige Fülle des Gottes­gedankens in leuchtendem Strahl. Zwei brennend rote Felder in den Ecken liegen unbeweglich in diesem Uebermafj von Licht, wie b'utende Herzen. Von ihnen tropft es in scharlachnen Flecken über Die Fliesen bis zum Altar.

Die Uhr hebt draußen zum Schlage an. Ganz langsam, ein wenig heiser und zeitmüde, fremden Klanges sinken die Töne des Spielwerks herab, lassen durch ihr stiebevolles Geläut Gegenwart und Zeit vergessen. Mit dem letzten Schlage klingt der erste Ton von der Bachorgel. Wie Glasglocken ist es, zerbrechlich und feingesponnen. Alte Choralphanta- sien von Tunder und Daniel Erich. In großen Schritten der ganzen Töne. Der junge Künstler, der sie erstehen läßt, ist ein Meister, der besten einer im Deutschen Reich: Waller Kraft. Schön ist dieser Name. Auch er ordnet sich in stinem Klang in diesen Raum.

Der Glanz verlischt. Nun dämmert es. Graue Schleier scheinen unter den Gewölben zu gleiten über die Köpke der andachkooll Geneigten. Es ist wohl keiner hier, dem nicht das Herz weit aufgetan ist. der nicht demütig in die Knie sinken möchte vor allem, was groß und wahr ist. Und ruhen, wie man nur im Heimatlichsten ruhen kann.

Nun ist es fast dunkel. Da flammt die erste Kerze am Lettner auf. Eine nach der andern bann, die ganze lange, schlanke Brüstung entlang. Unb nun das Kerzenbündel, das wie von gereckter Hand

emporgehoben im Kranz über der Orgel steht. Von daher klingt es nun. Heinrich Schütz. Der Zwie- gesana des Engels und Mariens. Tröstlich und stark, von Dunklem All getragen:Fürchte dich nicht, Maria!".

Nur die Reihe der bekrönten Kerzen im Raum. Im ungewissen Lieht dehnen sich die Wände ... wachsen, wachsen ... kennen nicht Raum noch Grenzen mehr. Was ist noch Kuppel, was vielleicht schon Himmel? Am Lettner entlang stehen im tiefen Schatten die Figuren der Apostel. Man ahnt sie nur im Däm­mern. Alles Licht, das von bet Brüstung tropft, aber sammelt sich auf ber Gestalt Mariens, die in ihrer Mitte steht. Warm umkleibet der Schein nur ihr Haupt, alles andere ruht im Samtdunkel. Dieses Haupt unter schwerer Kronenbürde ist geneigt in Demut. Das Antlitz lächelt hernieder, gütig, ver­stehend, verzeihend. Das ganze Licht der Welt im Antlitz Mariens.

Dann wieder Stille. Und nun von der großen Orgel herab Johann Sebastians dorische Fuge. Daß ein Mensch das schaffen konnte. Leise Stimme fernster Offenbarung. Sturmgebraus gewaltigen Geschehens. Cs flutet durck den Raum, wie es vielleicht durch das Herz des Schöpfers geflutet sein mag, wie seine Sinne es träumten, wie es ihm aber aus den In­strumenten feiner Zeit niemals widerklingen konnte. Heute erst ersteht Johann Sebastian der Menschheit ganz.

Die Stunde ist vorbei. Eine winzige Spanne im Gewebe der Zeit. In ihr aber der ganze Reichtum, den die Erde trägt. In den Tönen Sehnsucht, Schrei und Trost der Menschheit, emporgehoben zum Glanze Gottes und feinem mutenden Herzen, warmes trösten­des Licht im Dunkel, und über allem das erlösende Lächeln der Madonna.

Oer Gefangene im Tower.

Das englische Staatsgefängnis, der Tower in London, von dessen lichtlosen und engen Zellen aus so viele Könige und Edle des Landes den Weg zum Schafsot haben antreten müssen, beher­bergt feit einiger Zeit wieder einen Gefangenen. Seit 33 Jahren war das Gefängnis im Tower unbesetzt, weil es keine politischen Verbrecher gab. Der Tower dient aber nur als Gefängnis für Staatsverbrecher. Der jetzige einzige Insasse des Gefängnisses ist der Leutnant Daillie-Ste- wart vorn schottischen Hochländerregiment. Er sttzht. wie bereits gemeldet wurde, unter dem Ver­dacht der Spionage, und zwar wird ihm vor- aesvorfen. daß er mit einem deutschen Geheim- vi«rnst in Verbindung gestanden und Angaben über Dankformationen, Panzerwagen, Waffen, Aus­rüstung usw. an deutsche Stellen gemacht hat.

Leutnant Stewart bestritt jede Schuld; die Voruntersuchung nahm daher lange Zeit in An­spruch. Die englische Oeffentlichkeit erfuhr davon, und seitdem hat sie sich unaufhörlich mit dem po­litischen Gefangenen beschäftigt. Der Andrang des Publikums zu dem Prozeß ist ungeheuer, die all­gemeinen Sympathien gehen mit dem jungen Leut­nant, man wehrt sich einfach gegen den Gedan­ken. daß ein englischer Offizier Spionage treiben könnte. Für den Prozeß sind 31 Zeugen geladen, ein Teil der Zeugen wird aus Gründen der mili­tärischen Sicherheit unter Ausschluß der Oeffent­lichkeit vernommen werden. Die Anklage stützt sich auf einige Briefe, die Leutnant Stewart an zwei unbekannte Personen gerichtet hat. Die eine Per­son wird in den Briefen als Marie-Luise be­zeichnet. Leutnant Stewart behauptet, er wisse nicht, welchen Familiennamen das Mädchen habe. Er habe einmal feinen Urlaub in Berlin verbracht und das Mädchen an einem der Berliner Seen kennengelernt. Für die Dauer seines Urlaubs habe er mit dem Mädchen ein Verhältnis gehabt, er wisse aber weder ihren vollen Ramen noch ihre Adresse und könne nur sagen, daß sie 22 Jahre alt und blond sei. Für einige Liebenswürdig­keiten, die er ihr erwiesen habe, habe sie ihm Geld geschickt, weil ihr bekannt geworden war, daß er sich in schlechten finanziellen Verhält­nissen befinde. Daß er sich in einem der Briefe des Ramens Poiret bedient habe, habe er nur deshalb getan, weil die Eltern des Mädchens nicht erfahren sollten, daß er englischer Offizier und zugleich eine Art Gigolo fei. Im Besitz des An­geklagten fand man weiter einen Zettel, auf dem die Adresse eines deutschen militärischen Abwehr- bureaus mit der Telephonnummer in der Hand­schrift Stewarts notiert ist. Ein anderer Zettel, den man bei ihm fand, trägt die Rotiz der Adresse eines gewissen Herrn Obst. Das Haupt­belastungsmoment ist ein Zettel, auf dem die Einladung zu einer Berliner Sportausstellung steht. Auf der Rückseite des Zettels sind die Worte verzeichnet:Organisation, Tanks, Pan­zerautos, Ausrüstung, Bewaffnung, Konstruk­tion." Erst als man diesen Zettel im Besitz des Leutnants gefunden hatte, schritt man zu seiner Verhaftung, denn man hielt den schon seit langer Zeit bestehenden Verdacht nun für ausreichend be­gründet, um den Leutnant unter Anklage zu stellen. Die Qlnflage nimmt an, daß die deutschen Stellen, die sich angeblich der Spionage des Leut­nants Stewart bedient haben sollen, in der Form der Einladung zu einer Sportausstellung Stewart auffordern wollten, nach Deutschland zu kommen und über die auf der Rückseite der Einladung verzeichneten Punkte Auskunft zu geben.