Wie sie ihn bezwang
Dnamdlroman von3 Schneiver-Ioerstl.
llrdeberrechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau i. 5.
30 Fortsetzung. Nachdruck verboten«
Nina räumte aufgeregt in den Schubladen und sah die Kleider durch, die in dem Schranke hingen. „Die Signora hat nichts mit sich genommen. Selbst die Robe, die sie am Abend getragen hat, ist hier." Sie hielt dabei das pastellblaue Seidengewand hoch, welches Stephanie zum Abendtisch übergeworfen hatte.
Dann schrie sie plötzlich auf: „Das Badetrikot fehlt. — Ach Signore, nun brauchen Sie sich nicht mehr zu ängstigen. Madame hat noch ein Bad genommen." — Förmlich erleichtert machte sie sich daran, '-die Kleider wieder in den Schrank zurückzuräumen und die Schubladen wieder zu schließen. Das war ein ordentlicher Schreck gewesen, und sie begriff den Signore, daß er fahl im Gesicht und mit wankenden Füßen aus dem Zimmer taumelte.
Es würde ein kleines Donnerwetter geben und dann liebten sie sich wieder. Ach ja, man liebte sich immer wieder. Sie dachte dabei an ihren Pedro, und wie heiß der sie immer in die Arme schloß, wenn man im Zank auseinanbergegangen und dann des Sonntags wieder zusammengetroffen war. Das mußte so sein, sonst bekam man sich satt mit der Zeit. Ach, und es war gefährlich, sich satt zu bekommen.
Unten knallte jetzt die Gartentüre ins Schloß. Vielleicht war sie jetzt zurück. Aber es war Jörg gewesen, der sie in die Angeln geschleudert hatte. In seinen leichten Hausschuhen, den Rock geöffnet, übersprang er die Straße und lief den Strand entlang.
Die Hände vor dem Mund gehöhlt schickte er seine Stimme in das Brausen. „Stephanie!" Sah das Zwecklose seines Rufens ein und trommelte den Bootsverleiher heraus, der sie am Abend ein Stück ins Meer gefahren hatte.
„Dio!" fluchte der Alle. ,Hetzt nachts um eins. Kostet die dreifache Taxe!"
„Die zehnfache!" versprach Merlin.
Der Grauhaarige sah ihn an, nickte und sperrte die Türe zum Bootshaus auf. Das Geknarre ihrer verrosteten Angeln rief feinen zwanzigjährigen Sohn aus dem Hause. Er schien sofort zu begreifen, um was es sich handelte: „Sie ist keine zehn Meter von hier hineingesprungen."
„Eine Dame im Badetrikot?" stieß Merlin heraus.
„Ja, ja!"
„Und du hast sie nicht herausgeholl, du Maulesel du!" empörte sich der Alte.
Der Bursche zeigte alle Zähne. „Ich stand bei der Ninetta. Gerade als ich ihr Buona netta sagte, höre ichs aufklatschen. — Dachte ichs, daß die Signora nicht mehr leben wollte? — Bei der Madonna, ich hätte sie zurückgehott" Er half dem Vater das schwere Doot aus der Hütte ziehen, daß es wie ein dunkler Wal gegen den Landungssteg stieß.
„Wohin?" knurrte der Alle. Seine rissige Hand zeigte über die mondberieselte, gischtende Fläche. „Immer das Gleiche: erst streitet man sich! Dann will man sich wieder haben." Und in Merlins verzweifeltes Gesicht sehend, meinte er freundlicher: „Steigen Sie ein, Signore. In einer Stunde ist es hell. — Schwimmt sie gut?"
„Besser als ein Mann!"
„Va bene! Dann ist es gut!" und Hans Jörgs verständnislosen Blick auffangend, sagte er gelassen: „Ein richtiger Schwimmer ertrinkt nicht so leicht. — Auch das Ertrinken muh man können, Signore!"
Hans Jorg hatte das Empfinden, daß der Alte ihn trösten wollte und sprach nicht mehr dagegen. Er wußte ja: Stephanie hatte den Tod gesucht und alle, die ihn ehrlich suchten, hatten ihn immer noch gefunden.
Der junge Bursche schob mit einem kräftigen Ruck das Fahrzeug der ersten Welle entgegen. Sie nahm das Boot im Spiele auf und trug es mit sich fort, dem offenen Meere zu. Der Wind strich in leichter Brise West-Nordwest.
„Ganz lau", sagte der Graubart, als ihm bei einer scharfen Wendung ein Sprühregen ins Gesicht fuhr. „Gibt noch ein Wetter heut zum Mittagessen."
Merlin suchte mit starren Augen die schimmernde Fläche ab. Jede Welle erregte seine Aufmerksamkeit. Wie war doch ihr Trikot gewesen? — Blau ober gelb? Er wußte es nicht mehr. Unb so belanglos bas auch war, es gab feinen Gedanken eine gewisse Ablenkung. Er strengte sich an, die Farbe wieder ins Gedächtnis zu bekommen. Zuletzt gaukelten ihm seine Sinne ein vergißmeinnichlähnlichös Blau vor, fast übereinstimmend mit dem, wie es das Meer bei Capri trug. Es hatte sich kein Unterton bareingemengt.
Er stieß einen leisen Ruf aus, aber es war nur eine Boje, bie weit draußen im Licht bes erwachenden Morgens heranzuschwimmen schien. Den Mund zu einer schmalen Linie verengt, saß er wieder reglos.
Rosa Wölkchen kletterten am Horizonte auf und schlüpften wieder darunter hinab. Sie hatten einen
welchen Schimmer in diele Symphonie von Blau geworfen und ließen am Rand des Himmels einen rötlichen Streifen zurück.
Der Graubart schien aus nichts als sein Steuer zu achten, aber als Merlin ihn fester ins Auge nahm, machte er bie Entdeckung, daß er scharfen Blickes die endlose Wasserfläche hinauf- und hinuntersuchte. Und plötzlich änderte er den Zickzackkurs, den er bisher genommen hatte unb schlug eine schnurgerade, nach Osten führende Linie ein.
„Wohin?" Es war das erste Wort, das Hans Jörg sprach. Sein Gesicht hing müde über die Brust unb die Augen tränten von dem angestrengten Sehen.
Mit der Linken zeigte der Schiffer nach einem winzig dunklen Punkte, der ihnen entgegen- geschwommen kam. „Marina del Mario. Früher haben ein paar Hütten dort gestanden. Aber seit sich das Fischen nicht mehr lohnt, sind sie ohne Bewohner. Nicht eine, die noch ganz ist. Aber es geht eine Strömung dort vorüber, die schwemmt die Toten an. Ihrer sechzig im Jahre oder mehr. Es gibt immer wieder welche, die vor dem Leben auskneifen. Im Monat einmal kommt ein Regierungsboot, holl sie herein unb bringt sie auf den Friedhof nach Ostia."— Unb als Jörg nichts ermieberte, sagte er etwas lauter: „Auf Marina bei Mario halte ich jetzt zu. — Vielleicht — bann wollen wir umkehren."
Merlins Augen starrten bem näherkommenben Punkt entgegen und öffneten sich immer mehr, als müßte er, wenn er sie ganz weit auftat, das sehen, was ihm den gräßlichsten Augenblick seines Lebens bringen würde.
Immer noch schoß das Boot geradeaus. Die Wellen zischten an ihm empor. Es warf jede von ihnen kurzweg zur Seite unb bahnte sich den Weg mitten durch sie hindurch.
„Wir müssen ein Stück herumfahren, man kann nicht überall lanben", sagte der Alte unb zog einen großen Bogen um bie Ostseite ber Insel. Sie schien tatsächlich unbewohnt zu sein. Schilf wucherte in Mannshöhe unb ber Kahn mußte sich förmlich hinein- bohren, bis unter ihm endlich Sand knirschte. Merlin stieg über angeschwemmtes Holz, sank bis über bie Knöchel in eine schlammige Mulde, zog den Fuß hoch unb' gewann enblich festeren Boden.
„Ich warte hier", sagte ber Alte. „Mitgehen kann ich nicht. Es reißt mir sonst bas Fahrzeug weg. Ist eine ganz verfluchte Strömung, die da um bie Marina zieht. — Aber fehlgehen gibt es hier ja nicht. Die paar hundert Quadratmeter find rach abgelaufen. Bleiben Sie nur immer hübsch außen herum. In einer halben Stunde können Sie wieder da fein. — Wenns aber sein sollte —, daß Sie mich brauchen", er sah dabei geflissentlich an Merlin vorüber, „bann
rufen Sie. Ich komme bann schon! — Solange wird der Kasten hier schon stehenbleiben!"
Merlin nickte unb setzte die Füße schleppenden Ganges in Bewegung. Ueberall, wo er bintral. riefelte Sand ab. Der Wind hatte groteske Figuren aus ihm geformt unb zum Teile wieber über beit Haufen geweht. Das Lachen einer Möwe ließ ihn zusammensahren. Sie zogen mit breitem Flügelschlag über ihn hinweg und haschten sich gegenseitig. Aus ber einen war plötzlich ein Dutzend geworden. Er hatte sie auftzeschreckt.
Er ging jetzt vorsichtig, gesenkten Hauptes, als müsse er acht haben, daß er keinen, den das Meer hier herausgeworfen hatte, wie der Schiffer berichtete, mit dem Fuße stieß. Aber er hatte noch keine Leiche zu Gesicht bekommen. Möglich auch, daß das Regierungsboot erst kürzlich hier gewesen war und Ernte gehalten hatte.
Dennoch ging ein fortwährendes Rinnen und Rieseln über seinen Körper. Irgendeine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er Stephanie hier nicht finden würde. Sie mußte, wo anders fein. — Aber wo? — Hierher wurden die Toten getrieben, hatte ber Alle gesagt. Aber das Meer war verschwiegen und konnte es nicht auch erst nach Tagen oder Wochen fein Opfer herausgeben? —
Eine ungeheure Mutlosigkeit ergriff ihn. Sie war so stark, daß er sich auf einen angeschwemmten Balken halbverfaulten Holzes niederließ unb für Minuten nichts zu denken vermochte. Wieder waren es bie Möwen, bie ihn aufschreckten. Frech, wie das ihre Art ist, zogen sie Schleifen und Kreise um ihn. Ihr Kreischen dünkte ihm wie Hohn. Er konnte es nicht mehr hören.
Mit demselben schleppenden Schritt, mit bem er gegangen mar, kehrte er vierzig Minuten sväter nach dem Boot zurück. Der Alte verlor kein Wort unb half ihm über den Rand. Der Wellenschlag war ungemütlich unb die Strömung riß unb zerrte. Als er es wieder fahrbereit gemacht hatte, sagte er gutmütig: „Hab ichs nicht gesagt: auch das Ertrinken muß man können. — Einmal ist ein Florentiner bei Ostia ins Meer gesprungen. Va bene! Ersäufen wollte er sich, der Esel unb hat nicht bedacht, daß er als Dauerschwimmer schon zweimal den Preis von Rom gekriegt hat. Er mochte sich untertauchen wie er wollte. Immer kam er wieder hoch. Ecco! — Das Ende? — Daß er da, wo er hineinsprang, wieder an Land gestiegen ist. Er Haffs kein zweitesmal versucht."
Merlin hielt- nur den Kopf gesenkt. Was hätte er auch erwidern sollen? Der Alte meinte es gut. Die Hände zwischen den Knien hängend, saß er unb wehrte ber Verzweiflung, die immer schwärzer über ihn hereinbrach. (Schluß folgt).
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heute nacht nach kurzem Leiden sanlt entschlafen ist.
In tiefem Schmerz:
Anna Vogt, geb. Rudolf
Richard Vogt
Bertha Trampel.
Gießen (Wilhelmstraße 1). den 23. März 1933.
r ür die wohhuenden Beweise liebevoller Teilnahme, für die Kranzspenden, die uns beim Heimgange unserer lieben unvergeßlichen Entschlafenen
Frau Helene Schmall Wwe
geb Hill
zuteil wurden, sprechen wir hiermit unseren herzlichsten Dank aas.


