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Vornan von Helma von Hellermann.
25 Fortsetzung. Nachdruck verbotenI
„Ich muß etlvas mit Ihnen besprechen, Frau von Vandro", begann er ohne Umschweife. „Sie wissen, daß derartige schwere Lungenkalarrhe geraumer Zeit bedürfen, um völlig auszuheilen. Professor Neu- bert meinte neulich, daß das nur bei längerem Aufenthalt in reinerer Luft, am besten in der Schweiz, sein könne. Aber Reisen mit einem Kranken erfordert erhebliche Mittel, die Sie nicht besitzen. Und da ich leider annehmen mußte, daß Sie die nicht von mir annehmen würden —"
Die junge Frau machte eine unbewußte Bewegung der Abwehr.
Ein kaum merkliches Lächeln zuckte um des Mannes Mundwinkel. „— habe ich mich in Ihrem Interesse, und Ihre Zustimmung voraussetzend, an die Erben Ihres Onkels, des Grafen Wettern auf Wet- ternwalde, gewandt."
Wera sprang auf. „Das haben Sie gewagt, obwohl Sie wußten--" Ihr Atem flog. Sie mußte die
Hände ballen, um ihr jähes Zittern zu verbergen.
„Ja, das habe ich gewagt", erwiderte Steinherr ruhig. Er hatte sich ebenfalls erhoben, stand aufrecht und gebietend vor ihr, die vergeblich nach Fassung rang. „Denn es geht hier nicht um Stolz und Empfindsamkeit, Frau von Vandro, sondern um das Leben des Mannes, den wir beide lieben. Fünftausend Mark wurden bereitwillig zur Verfügung ^gestellt unter der Bedingung, daß ich das Geld ver- ' walte und das Weitere ebenfalls schriftlich melde
und vermittle. Das genügt vorläufig."
Die schwarzen Augen der Frau irrten verstört durch das Zimmer. „Georg wird es nicht annehmen", flüsterte sie erstickt.
„Er wird es, wenn Sie ihn darum bitten!"
„Das kann ich nicht!" Es war ein Aufschrei. „Das kann — ich — nicht —" Sie wandte sich kurz ab, daß er nicht die aufquellenden Tränen sehe.
„Sie meinen: das will ich nicht", korrigierte die tiefe Stimme hinter ihr unerbittlich.
Cm paar Minuten blieb es ganz still zwischen ihnen. Wera von Vandro starrte hinaus in den
winterlichen Park. Dick lag der Schnee, ein lehm- farbener Himmel hing über der froststarren Erde, als trüge er schwer an eigener Last. Seit Tagen keine Sonne, trostlos und grau schlichen die Tage dahin. Wie hatte der Mann da hinten gesagt: es ginge um Georgs Leben. — Und sie weigerte sich, das Almosen anzunehmen, das Mitleid bot ... Schwerfällig drehte die Frau sich um.
„Ich werde es Georg sagen", kam es tonlos über ihre Lippen. „Es bleibt ja kein Ausweg. Aber gern wird er nicht reifen von — erbetteltem Geld."
Steinherr machte eine ungeduldige Bewegung. „So erfinden Sie doch eine Notlüge", erwiderte er kürzer als gewollt.
Sie sah ihn verständnislos an.
„Könnte Ihr Onkel Ihnen nicht ein Legat hinterlassen haben? Durchaus möglich — nicht wahr? Und glaubhaft. Es kommt ja nur darauf an, dem Kranken alles zu erleichtern, damit er wieder gesund wird!" Er kam auf sie zu, ergriff ihre beiden Hände. „Ist ein Mensch wie Georg Vandro es nicht wert, daß man alles wagt, alles tut, um ihm zu helfen? Sehen Sie —", da sie nickte, „Sie geben mir recht. Um seinetwillen wollen wir Verbündete werden, Sie haben sich um nichts zu kümmern, alles wird von der Bank erledigt, und auch ich stehe Ihnen jederzeit und ganz zur Verfügung." Herzlich und dringlich sprach er auf die blasse Frau ein. „Und nun wollen wir zusammen zu ihm gehen."
Willenlos tat sie, wie geheißen. Das furchtbare Wort: Es geht um fein Leben, hatte die letzte Wehr ihres Stolzes gebrochen.
28. Kapitel.
„Nun, Lieber, bequem? Ist dir auch nicht kalt?" Der in Decken gehüllte Mann hob die Lider und lächelte die blonde Frau an, die sich in zärtlicher Besorgnis über ihn neigte. Groß und klar strahlten die blauen Augen in dem abgezehrten Gesicht. „Wundervoll behaglich liege ich, Weralein, und bin so voller Freude und Dankbarkeit!" Er ergriff ihre Hand, die ihm leise das Haar aus der Stirn gestrichen, während sein Blick über die sonnenüberflutete Schneelandschaft schweifte, über der sich ein tiefblauer, wolkenloser Himmel in seliger Heiterkeit pannte.
„Gesegnet sei des guten Onkels Legat, das uns diese Reise in schwerster Zeit ermöglichte, und unser prächtiger Magnus Steinherr, der den Kranken so
gastlich aufnahm und alle Wege ebnete — d a s ist ein Freund!" Er atmete ein paarmal, so tief es die tranfe Brust gestattete. „Wie unsagbar wohl diese reine Luft tut, und die freundliche Helle überall! Wenn man an die grauen Dezembertage daheim denkt —" Unwillkürlich bewegte er fröstelnd die Schultern.
Die junge Frau hüllte die Decke ein wenig fester um des Kranken Körper. Dann saßen sie Hand in Hand, nebeneinander, in schweigendes Schauen versunken.
Ja, es war schön hier — und Georg glücklich. Steinherr hatte recht gehabt, sie zu diesem Opfer zu zwingen. Klein und töricht erschien ihr jetzt ihr Widerstand gegen die von ihm vermittelte Hilfe. Freilich, daß die Verwandten sich so großmütig erwiesen hatten, war staunenswert. Gewiß schämten sie sich, dem bekannten Industriellen die Bitte abzu- schlagen, da er sich selber an dem guten Werk beteiligt, indem er uns so lange Wochen bei sich aufnahm, dachte sie, einen aufgeplusterten Sperling beobachtend, der auf der Steinbrüstung der Terrasse Eifrig seine Toilette in Ordnung brachte. Einen Krankenpfleger hatte er noch besorgt, dessen freundlich stille Art dem Patienten sehr sympathisch war. Nun wollte Steinherr bald selbst kommen, um sich von dem Wohlergehen seines Schützlings zu überzeugen.
Ein versonnenes Lächeln stand in den Tiefen der dunklen Frauenaugen. Der Schmiedesohn aus dem Dorf war dem Sproß aus uradligem Geschlecht Retter in höchster Not geworden. Nicht jeder Edelmann handelt so adlig. Und doch bäumte sich ihr Stolz immer wieder dagegen auf, gerade diesem zu Dank verpflichtet sein zu müssen. Nein, sie setzte sich sehr gerade auf — Steinherr hatte es erraten: von ihm hätte sie das Geschenk dieser Reise nimmermehr annehmen können, nicht einmal um Georgs willen. Oder doch? Die jäh emporquellende Erregung wich liebevoller Weiche, da Wera sich dem Gatten zuwandte, der zu schlummern schien. So friedlich lag er da — gottlob, daß sie gekommen!
Aber als Magnus Steinherr den kranken Freund zum erstenmal nach drei Wochen sah, erschrak er und mußte sich sehr zusammennehmen, um unbefangene Freude zu heucheln. Behutsam hielt er die schmale Hand in der seinen, die merkwürdig schwach seinen herzlichen Druck erwiderte.
Wußte Georg von Vandro, wie es um ihn stand?
Der Blick der schönen Augen schien dem sorgenvoll Forschenden schon halb verklärt über den Dingen dieser Welt zu ruhen. Doch voll warmer Herzlichkeit war er wie stets und leuchtete ordentlich, als Frau und Freund an feinem Lager faßen.
„Nun, da Sie gekommen, habe ich keinen Wunsch mehr", sagte er heiter. „Es geht uns beiden famos, mir führen ja aber auch ein unglaubliches Schient« merleben! Die Mamsell erkundigt sich jeden Morgen nach meinen allerhöchsten Wünschen, da muß ich mir immer Mühe geben, irgendwelche zu erfinden, sonst wäre das gute Dickerchen untröstlich. Wera und ich haben es noch nicht heraus, wie sie es fertig kriegt, ihre Tönnchenfigur zu behalten, denn sie ist den ganzen Tag auf den Beinen. Und kochen kann sie, daß einem die Augen übergehen! — Aber nun er« Zählen Sie doch bitte von zu Hause und sich", bat er, sich interessiert aufrichtend.
Da berichtete Steinherr gehorsam von Haus und Werk. Und er kam in Eifer, wie immer, wenn et mit diesem Manne sprach von den Dingen, die seinem Warzen am nächsten. In den Augen der Frau glomm sehnsüchtiges Verlangen auf, da sie still lauschte, Verlangen nach dem kleinen Haus in der Stille des verschneiten Parkes, das ihr durch Georgs Liebe zum Gluck und zur Heimat geworden war.
Sie stand plötzlich auf, trat an die Brüstung der kleinen Terrasse und sah hinüber zu den Bergen, deren Häupter die untergehende Sonne mit leuchtendem Goldschleier schmückte. Und des Mannes Stimme wurde leicht, von fröhlichen Dingen begann er zu erzählen. Er hatte ihre Tränen gesehen.
Als er am nächsten Morgen kam, um den Freund zu begrüßen, schlief dieser noch. So nahm Steinherr seine Schlittschuhe und ging hinunter auf die große Eisbahn jenseits seines Hotels, auf der sich eine fröhliche Menge tummelte, die sich indes bald verlief, weil ein berühmtes sportliches Ereignis in der Nähe mehr lockte: das Bobsleighrennen zwischen den bei» den nordischen Mannschaften, die bei den nächstens stattfindenden Wettkämpfen die größten Aussichten hatten.
Als er sich am oberen Rande der nun fast menschenleeren Eisbahn näherte, sah er eine schlanke Frauengestalt in blauem Kostüm auf einer der Bänke sitzen, im Begriff, sich die Schlittschuhe fester zu schnallen. Schnell glitt er näher.
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