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Nr. 45 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Mittwoch,'2 Februar (933
Aus der Wett des Films.
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man an den zählen, ilm türlich gibt meinen aber
sene Reichweite, der unheimliche Aktionsradius der neuen Kunst unseres Jahrhunderts zum Bewußtsein kommen mußte. Kaum einer anderen Gattung ist es möglich, mit so unmittelbar firm* fälligen Mitteln vom Auhenbilde und er O 'erstäche der Erscheinungsformen ins 3nne.e, in die Tiefen des seelischen Raumes, in die Bezirke des ilnbewußken und des Unterbewußten vorzustohen.
Hier in diesem vollkommen neuartigen, zuvor nie erlebten, erregenden Film mit feiner beklemmenden Eindringlich leit war einer jener noch immer seltenen Fälle gegeben, wo die raffinierteste Präzisionsmechanik bis an die Grenzen des übersinnlichen heranreicht: Magie des Fi'.ms. des bewegten und tönenden Abbildes unserer Welt. H er konnte man erleben, was der künstlerische Film, eine der zauberhaftesten Erllnbun- aen unserer Zeit, vermag. An solchen Spitzenleistungen — wir denken daneben auch etwa an den „Letzten Befehl", die ..Frau im Mond", den „Mörder Dimitri Kararnasiw" „M“ und ,.F. P. 1“ — wird deutlich, was eine wirklich schöpferische Produktion erschließen und lebendig machen tarnt
Rudolf Forster als U-Boot-Kommandant Liers und Elfe Knott als Helga in dem Tonfilm „Morgenro t", der von heute ab tm Gießener Lichtspielhaus gezeigt wird.
Der spezielle Teil aber müßte endlich eine Aesthetik des Films formulieren, ausgehend von der durch die Technik erschlossenen neuen Optik. Er müßte untersuchen die Doppelwirkung von Bild und Klang. Er müßte vor allem Grundregeln
dessen Stoff......... — ------ „
künstlerisch bewältigt werden kann. Eine Fabel also, oder ein Motiv, das nicht gleichzeitig auch ein Drama, eine Novelle oder einen Roman hätte ergeben können. — Da liegt der Hase im
Asta Nielsen svielt in ihrem ersten Tonfilm eine Frau in jenem Alter, das man einst das „gefährliche" nannte. Sie, die erwachsene Töchter hat, verliebt sich im Herbst ihres Lebens noch einmal mit der ganzen Leidenschaft der reifen Frau. Aber das späte Glück ist ihr nicht vergönnt, eine ganze Kette widriger Umstände zwingt sie zum Verzicht, da sie ihren Kindern nicht im Wege stehen will.
Hand aufs Herz: die wirklich hervorragenden. Wirklich „echten" Filme der letzten Jahre kann Fingern beider Hände.bequem auf» Mißverständnisse zu vermeiden: na- es eine Menge guter Filme: wir in diesem Zusammenhang den Film, nur mit den Mitteln des Films
Ein großer Erfolg, der in erster ' der Schauspielkunst ist.
„Nach..."
Wic viele Filme gibt es „nach einem Roman" oder einem Bühnenstück: wieviel Kolportage und wieviel Weltliteratur ist schon gekurbelt worden. Um die Kolportage ist es nicht schade, aber um die Weltliteratur. Wie viele Historien! Wie viele Operetten! Wie unzählig: Frühling in Wien, Herzen am Rhein, Studenten in Heidelberg. Wieviel Ausstattung, wie viele glänzende Schauspieler und tüchtige Regie an Dinge verschwendet, die längst da waren — gut und endgültig formuliert. Man kann aber nicht, wie Hans Sachs, alles über einen Leisten schlagen, auch nicht denselben Stoff mal so, mal so „gestalten". Entweder — oder.
Dazu ist zweierlei zu bemerken: der deutsche Film steht heute — wenn man von den Russen absieht, die auch hier eine Sonderstellung einnehmen — wohl unbestritten an der Spitze der Weltproduktion. Die Borherrschaft von Hollywood ist erledigt. Also: wie muß es da erst bei den andern aussehen. (Als Beispiel für eine erstaunliche Ausnahme: „Sous les toits de Paris“.)
Außerdem ist aber zu bedenken, daß die Filmindustrie in aller Welt nicht — um vorsichtig zu fein: zum mindesten nicht nur — nach künstlerischen Gesichtspunkten arbeitet, sondern nach geschäftlichen. Zwei es K?mprcblem. Wich igste Faktoren: Publikum, Presse. Produktion. Ihre Wechselbeziehungen zueinander hätte ein Buch zu klären, das in ästhetischer, psychologischer und wirtschaftlicher Hinsicht fchr wesentliche Aufschlüfse
Es mag auch der nicht sehr glücklich gewählte Titel daran schuld gewesen fein oder der Begleitvortrag. der durchaus' zu entbehren gewesen wäre — und bei einem guten Film auch immer entbehrlich sein sollte —. aber was gezeigt wurde, ganz abgesehen von der hervorragenden Besetzung (in der Hauptrolle Werner Krauß.'), schlechthin erstaunlich und noch nicht dagewesen. Man sah einen psychoanalytischen Film — so spannend wie ein wildes Kriminaldrama: man sah photographierte Traumbilder von so phantastischer Wirklichkeit, daß dem Beschauer hier einmal die volle und noch längst nicht erschlos-
Näheres über das Ergebnis: doch konnte man hören, daß sie einen Kumpel, einen einfachen Bergarbeiter aus dem Industriegebiet, dabei entdeckt haben, dessen Idee so gut schien, daß man ihn gleich nach Berlin kommen lieh. Bielleicht hat der Mann die Chance seines Lebens in der Hand.
Dieses Preisausschreiben scheint uns ein Kernproblem zu berühren: die schöpferische Gestaltung des Film-Manuskriptes ist von der _ rasanten Entwicklung der Film-Technik glatt überrannt worden. Wir können heute — technisch — im Film alles. Was noch unvollkommen ist. wird bald verbessert sein. Aber wir haben keine Ideen, uns fällt nichts ein.
und Hände haben". Eine heitere Note dagegen bringen jene Schreiben in ihr Haus, in denen sich der Wünschende durch völlige Ahnungslosigkeit auszeichnet. „Wenn ich sie lese", so erzählt Henny Porten, „frage ich mich jedesmal, was sich die guten Leutchen wohl so denken mögen. Sie scheinen noch in einem hübschen Traumland zu leben, wo man bloß auf den Knopf zu drücken braucht, und alle Wünsche gehen in Erfüllung. Aber vielleicht haben sie doch schon so eine dunkle Ahnung. daß solch ein Mechanismus $u schön ist, um wahr zu sein, und nun kommen sie alle so zu mir und verlangen, daß ich die Rolle der guten Fee spiele. Ach. ich täte es ja furchtbar gern, aber leider steht dem einiges im Wege. Wenn ich nämlich die Wünsche alle erfüllen sollte, mit denen man Tag für Tag zu mir lemmt, müßte ich erst einmal ein mindestens zehnstöckiges Haus voll Gold besitzen, und das Gold müßte außerdem noch die angenehme Eigenschaft haben, daß es nie alle würde, sondern sich immer im
Berliner Filmpremieren.
„Menschen im Hole«."
Man kann zu dem Roman „Menschen im Hotel" von Dicky Baum stehen wie man will, man wird zugeben müssen, daß Stoff und Milieu dieses Buches in aleicher Weife für den Film geradezu geschaffen sind, wie manche der scharf herausgearbeiteten Figuren des Buches, die oor Jahren auch schon auf der Bühne ihre Lebensfähigkeit erwiesen. Der Film „Menschen im Hotel" wird — das sei vorweggesagt — den Anforderungen, die der Roman an ihn stellt, nicht gerecht. Es bedeutet keine überscharfe Kritik, wenn man diese Feststellung vorausschickt, denn immer noch ist das, was der Re- aiffeur Edmund G o u l d i n g mit seinen Schauspielern aus dem Manuskript gemacht hat, ein Film- wert, das in der Spitzengruppe der amerikanischen Produktion marschiert und auch in der übrigen Welt einen großen berechtigten Erfolg haben wird. Nur eben: der Film, auf den wir warten, ist es nicht geworden ...
„Hervorragendes im Frahenschneiven . . /'
Aus Henny Porlcns Briefkasten.
Bunt und kraus wie das Leben, das der Filmstar auf der Leinwand verkörpert, find die Briefe, die ihm alltäglich ins Haus flattern. Wie sehr sie aber einen Teil seines Daseins bilden, davon erzählt He nny Porten in ihrem im Carl» Reihner-Berlag, Dresden, erschienenen amüsanten Buch „Bom Kintopp zum Tonfilm, ein Stück mit- erlcbter Filmgeschichte". „Ich freue mich immer wie ein Kind darüber", gesteht sie. „es ist so wunderbar, wenn man auf diese Weise ein Echo seiner Arbeit spürt." Da sind die Briese, die ihr berichten, wie sie die Menschen in allen Himmelsgegenden erfreut hat und gerade die oft ungeschickt gestammelten Huldigungen sind es, die sie am meisten beglücken. Zu ihren schönsten D a n I- Tagungen zählt sie die ihr aus einem Gefängnis zugegangenen Briefe, in welchen in warmen Worten Dank gesagt wird für die Freude, die sie durch unentgeltliche Darleihung zweier Filme bei einer Weihnachtsvorstellung bereitet hat. Frei- lich gibt es auch viele Bitten, die sie nicht erfüllen kann, denn „das tausendfache Leid, das einem aus Briefen entgegenklingt, auch nur annähernd zu lindern, müßte man 1000 Stimmen
Industrie _ . .
füllt hat, Asta Nielsen auch einmal aus der tönenden Leinwand zu sehen. Doch nun ist diese Bitte aller jener, die sich aus den Zeiten des stum- men Films her das Andenken an die unoergleich, liche Ausdrucksfähigkeit der stummen Asta Nielsen auch in die tönende Epoche des Films hinübergerettet hoben, überflüssig aeworden. Denn der erste sprechende Asta-Nielsen-Film hat so eindringlich be- wiesen, wic Unrecht man getan hat, der großen Schauspielerin so lange keine Arbeit gegeben ju haben, daß man nun nicht mehr zu furchten braucht, es könne für die Nielfen abermals eine Epoche er» zwungener Untätigkeit eintreten.
rechten Augenblick wieder erneuerte. 2a, was man sich nicht alles von mir wünscht! Ich muß schon sagen, wenn ich auch manchmal beim Lesen solcher Briefe einen Seufzer nicht ganz unterdrücken kann, hier fließt eine unerschöpfliche Quelle des Humors!
Da schreibt mir z. B. ein Kaufmann, der in ganz geordneten Verhältnissen lebt, eine auskömmliche Stellung hat und Frau und vier Kinder dazu, er fühle sich schon seit langem zur Musik hingetrieben, und der Drang sei nun so stark geworden, daß er ihm unbedingt folgen müsse: er wolle also Komponist werden und bitte mich — da ja das für Sie, geehrte Künstlerin, eine Kleinigkeit fein dürfte und außerdem das Lebensglück eines Menschen davon abhängt" —, ihm das Studium aus der Musikhochschule und dazu den Unterhalt für ihn und seine Familie zu bezahlen. „solange ich noch nichts verdiene, zahle dann nach meinem ersten Erfolg alles genau zurück." Oder ein Student in einer kleinen üni» verfitätsstadt wendet sich mit der Bitte an mich, er habe das Kleinstadtleben gründlich satt, und ich möge ihm doch das Geld für e i n e W elt- reife „v o r f ch i e h e n " , da er sich von ihr eine große Anregung verspreche, die er später dann „dem Bolksganzen nutzbar zu machen hoffe". Ein Ehepaar wiederum, das ein gutgehendes Möbelgeschäft besitzt, „könnte gerade so sehr günstig eine Möbelfabrik erwerben", wenn ich ihm das nötige Kapital von zwanzigtauscnd Mark zur Derfügung stellen würde, und eine junge Braut hat alles Glück auf Erden, nur keine Aussteuer — „und ich hoffe deshalb keine Fehlbitte getan zu haben, würde als schönsten Schmuck in meinem Heim auch Ihr Bild aufhängen". Und bann die vielen, vielen, die sich berufen fühlen, Filmschauspieler zu werden und die ich nun „protegieren" soll. Da schreiben xtoei junge Mädchen, daß sie „Hervorragendes im Frahen- schneiden leisten" und zu einer Probeaufnahme gern bereit feien, da lobt ein hoffnungsvoller junger Mann feine „seltsame" Figur und weist noch besonders darauf hin. daß er Schuhgröße 38 habe, und ein anderer glaubt die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere mitbringen zu können. „da ich im Küssen und Poussieren völlig bewandert bin“, ünb nun soll also die „hochgeschätzte Künstlerin" Helsen, wobei es sich natürlich von selbst versteht, daß sie zuerst einmal das Reisegeld sendet und sich auch bereit erklärt, dem verheißungsvollen Talent, das sich ihr Dorftellen will, die Kosten für feinen Auf-
1 enthalt in Berlin zu zahlen... fb.
Das Manuskript nach einem Roman von Alfred Schi ro kau er ist nicht gerade hinreißend, wenn es auch teilweise interessante Milieustudien bietet und dem gesamten Ensemble, aus dem insbesondere Hans R e h m a n n , Ery Bos. EU n SMwanne k e , Anton Pointner und Hilde Hildebrand hervorragen, eine gute Basis verschosst. Aber den eigentlichen Reiz des Films und seinen größten Vorzug bildet doch das Spiel Asta Nielsens, die heute noch mit sparsamsten Mitteln, mit einem Blick, mit einer Bewegung die Zuschauer in ihren Bann zwingt und auch die deutsche Sprache meisterhaft in den Dienst ihrer Schauspielkunst stellt. Der Märkischen Filmgesellschaft und ihrem ausgezeichneten Regisseur Erich W a s ch n e ck gebührt aufrichtiger Dank für dieses Erlebnis, das hofsentlich nicht einmalig bleiben wird.
Noch nie sah man bis jetzt in einem amerifani- scheu Film so viele auserwählte Darsteller versammelt wie in den „Menschen im Hotel'. Sechs Stars in einem Film — fo dröhnte die amerikanische Werbetrommel, und so ist in der Tat die Wirklichkeit. An der Spitze der Darsteller Greta Garbo. Man begreift, daß sie diesen Film als einen ihrer besten, wenn nicht den besten überhaupt, bezeichnet hat, in dem sie nach ihrer Zusammenarbeit mit dem unvergeßlichen Mouritz Stiller spielen durste. Sie gestaltet die Tänzerin Grusinskaja, die glück- suchende, müde, gehetzte Frau, die in der Liebe zu einem Hochstabler ein spätes Glück findet. Greta Garbo spielt diese Rotte mit aller Menschlichkeit und Schlichtheit, deren sie fähig ist, sie liefert einen zwin- genben, überzeugenden Beweis für die Größe ihrer Schauspielkunst und wächst hier weit über das hin» aus, was sie in ihren letzten Filmen bieten durste.
Neben der Garbo stehen eine ganze Reihe von Schauspielern, die wir ebenfalls zur Elite des ame- rikanifchen Films rechnen müssen. John Barry- m o r e als Gentlemanhochstapler im wahrsten Sinne bes Wortes, fein Bruder Lionel Darrnrnore als plötzlich von Lebenslust besessener Buchhalter Krin- gelein, den er mit etwas zu dick aufgetragenem Realismus fpielt, Lewis Stone als vom Kriege zerrütteter Dr. Otternschlag, Joan C r a w s o r d als kaum erblühte, doch wissende Großstadt-Steno- typistin und Mattace Beery als aufrechter, in einer Beschränktheit fast sympathischer Fabrikant.
schaffen und Grenzen ziehen: er müßte sagen, was ein 5ilm seinem innersten Wesen nach eigentlich ist. Hnb was er nicht ist. Was er darf, was er kann, was er soll — und was nicht. Auf Grenzübertretungen stehe Todesstrafe ober mindestens Lizenzentziehung. Absetzung des Films vom Drama, von der Oper, von der Operette, vom epischen Kunstwerk, sei es Novelle, sei es Roman. Ein neues ästhetisches System mit neuen Gesehen von Zeit und Raum und Handlungseinheit müßte errichtet werden, von dem weder Aristoteles noch Lessing träumen konnten.
Magie des Films.
Einer der besten Filme, die wir überhaupt kennen, erschien vor etlichen Jahren auch bei uns in Gießen, im Lichtspielhaus. Leiber hat ihn kaum jemanb gesehen: er lief nämlich nur zweimal unb zwar jebesmal in einer Nachtvorstellung. Da waren schon an unb für sich nicht viele Leute brin, unb von benen, welche brin waren, kamen bie wenigsten auf ihre Kosten. Denn bie meisten von ihnen hatten sich etwas ganz an» beres barunter vorgestellt unb erwartet.
geben müßte. Hier ist nur gerade Raum, es anzubeuten.
Rollende Räder.
Haben Sie schon einmal darauf geachtet, welche magische Anziehungskraft das rollende Lokomo- tivrad auf den Filmregisseur hak? In wieviel Filmen, wo nur ganz von weitem und ungefähr von Reife, Bahnhof, Schauplahwechfel, von Flucht, Verfolgung und Riviera die Rebe ist, haben wir biefe Räber gesehen ... von ber Seite und von vom, von hinten und von unten, große und lleine, rollend und ruhend, von Dampf um« zischt — gewissermaßen in allen Lebenslagen. Wie kommt das? Wir wissen doch alle, wie eine Lokomotive aussieht. 3ft das eine unausrottbare Kinderkrankheit aus schüchternen Anfängen ... oder langweilige Nachahmung ... oder Unter- schähung des Zuschauers ... oder Mangel an neuen, optisch wirksamen Einfällen? (Siehe oben!)
Neubabelsberger Dramaturgie.
Vielleicht fehlt dem Film wirllich fo etwas, wie es die Hamburgische Dramaturgie von Lessing für die Sprechbühne ift Vielleicht wird einmal eine geschrieben, wenn man sich darauf besinnt, daß die Lessingsche (ganz unter uns) auch heute noch nicht völlig überholt, veraltet und erledigt ift Und wenn man sieht, daß es beim Film vielleicht auf die Dauer fo nicht weitergeht. Eherne Gefchcs- tafeln mühten geschaffen werden. Oder wenigstens handliche Broschüren ober zum allerwenigsten Schreibmaschinenburchschläge, bie gewissermaßen als künstlerische Notverorbnung. Katechismus unb Vademecum in allen bramaturgischen Büros unb allen Ateliers an bie Wanb genagelt werben können.
Der allgemeine Teil mag sich mit ben oben angedeuteten Wechselbeziehungen befassen. Mit der Psychologie des Publikums, mit den Gesehen der Konjunktur, mit dem großen ABC der Reklame. Auch mit dem Verhältnis zwischen Theaterbesitzern unb Probuzenten, mit ber Unsitte ber „Schwänze", mit dem aufgedrängten Beiprogramm, das einer kaufen muß. wenn er einen Spitzenfilm erwerben will. In diesem Zusammenhang fei der folgende Satz aus ber Zuschrift eines Kinobesihers an den „Film-Kurier" zitiert: „Wenn man jahrelang im Theaterbetrieb steht unb immer im Kontakt mit feinen Besuchern bleibt, bann weih man, was ber Film bringen muh unb schüttelt manchmal den Kopf über bas. was man gezwungen ist, feinen Kunden vorzufetzen."
Bemerkungen über den Film.
Don Or. Hans Thyriot.
Der Begriff des Films — im weitesten Sinne — umschließt eine ber mertourbigften und problematischsten Erscheinungen unseres technischen Zeitalters. Wer privatim ober von Berufs wegen regelmäßig ins Kino geht unb ein wenig über bas nachbenkt. was er ba sieht, unb hort, wirb früher ober später auf überraschenbe Entdeckungen und höchst ungelöste Fragen stohen: sie in einen systematischen Zusammenhang zu bringen, kann nicht ber Sinn dieses Aufsatzes sein: es mühte ein Buch darüber geschrieben werben (obwohl es schon viele Bücher über den Film gibt). Hier soll nur einiges, ganz zwanglos, gesagt werben, was nach jahrelanger Be- schästigung mit ben Erscheinungsformen des Films sich aufbrängt
Phantastische Entwicklung.
Der Fllm an sich scheint uns eine der zauberhaftesten Erfindungen unserer Zeit zu Mn. Wenn man seinen Werdegang etwa während der letzten 20 oder 30 Iahre überschaut — vorher dürste von Film in unserem Sinne kaum ernstlich die Rede sein — kann man schwindlig werden: welch eine phantastische und sprunghafte Entwicklung von jenen ersten, fürchterlich „verregneten Schauerdramen auf der Leinwand bis zu den letzten Systemen des Klangfilms. ... vom Klavierspieler. ber auf feinem Drehsessel zwischen Piano und Harmonium hin und herpendelte, bis zu einer, die ganze akustische Welt erschliehenden Tonfülle ber jüngsten- Probuktion.
Naturlaut im Dunkel.
Geblieben ist, unveränderlich unb unverfälscht tm Wanbel ber Zeiten, die Stimme des Volkes im Parkett. Jener vom Herzen kommende Natur- laut, der die feierliche unb erwartungsvolle stille des verdunkelten Raumes wahrhaft erlösend durchbricht: wenn die Köpfe des Helden und seiner Geliebten in Grohaufnahme sich zum ersten Kuh stumm zueinander neigen —: „Hach!' stöhnt ba einer aus tiefstem Mitgefühl in den Bezirken des 3. Platzes ... und gibt so schallend dem Ausdruck, was jeder dumpf empfindet, aber sonst keiner laut werben läßt. In solchen erfrischenden Augenblicken, di» man immer wieder erlebt, ift das ganze Publikum eine grohe Familie. So ist es geblieben durch ein Vierteljahr- hundert vom Kinematographentheater bis zum Afapalast.
Wir können alles.
Vor einiger Zeit hat einer der größten deut- scheu Filmkonzerne in einer bekannten Zeitschrift ein Preisausschreiben veröffentlicht, bas sich an jedermann wandte unb zur Gewinnung brauchbarer Zllm-Ideen führen sollte. Wir wissen nichts
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