Wie sie ihn bezwang
Origmalroman Don3 Gchneiver-Zoerstl.
Urheberrechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau i. 5.
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sie nickte — empfand mit Beschämung wie ihre Wangen aufglühten, und ging in der Mitte der beiden Herren über den Gutshof dem Park zu. Als die Terrasse in Sicht kam, begann sie zu laufen, hetzte die Stufen hinauf und fiel zu Frau Marias Hellem Schrecken dem alten Merlin von rückwärts um den Hals: „Er ist heimgekommen!"
„Wer, kleine Steffie?"
„Hans Jörg!"
Merlin saß erst wie angeschmiedet und hielt die Mädchenarme fest, gab sie dann frei und zog sich am Stuhle hoch. Mit ungläubig geweiteten Augen blickte er seinem Einzigen entgegen, der jetzt zu Oehmes Seite die Stufen heraufkam. Harrach war aufgesprungen und streckte ihm beide Hände entgegen: „Das heiß' ich Freude bringen."
„Jung'!" Mehr brachte der alte Baron fürs erste nicht heraus. Aber es war Seligkeit, sich von Hans Jürg küssen zu lassen. Und dann mußte Hans Jorg wieder und wieder seine Hand in all die anderen vielen legen, die sie drücken wollten. Oehme kam sich reichlich überflüssig vor. Namen schlugen an sein Ohr, die ihm schon in der nächsten Minute nicht mehr geläufig waren. Nach einer Viertelstunde aber war auch er in den Strudel der Geselligkeit hineingezogen. Die UnterhaUung war lebhafter denn je. Nur Maria Brentano verhiell sich reserviert. Sie war ganz Beobachterin.
Früher als ursprünglich geplant war, drängte sie zum Aufbruch. Stephanies Wangen glühten: in deren Blick lag eine Trunkenheit, die sie mit Angst erfüllte. Das einzige war beruhigend, der junge Merlin hatte kaum einen Blick für Tie gehabt.
„Ich werde mir erlauben, dieser Tage meine Aufwartung zu machen." Mit diesen Worten neigte sich Hans Jorg über ihre Hand.
„Wir gedenken zlnfang nächster Woche zu reisen", gab sie zurück.
„Dann will ich mich nach Möglichkeit beeilen, gnädige Frau."
Stephanie bekam nur einen kurzen Druck seiner muskulösen Hand. Oehme ging an ihrer Seite, bis sie den Mercedes an- die Rampe lenkte. Die Eben- hausener zeigten gern ihre schönen Pferde und waren in zwei Chaisen gekommen. Die Battenberger fanden die Gäule, die sie herübergetragen hatten, im Gutshof gesattelt.
Und dann verklang das Rattern des Motors, einmal noch hallte der Hufschlag der Rosse auf. Ichenhausen lag wieder so märchenstill, wie es seine Insassen gewohnt waren.
Hans Jörg suchte die Lisaweth in der Küche auf und mußte zu seiner Befriedigung konstatieren, daß ihr die Freude über sein Kommen ein paar ehrlich geweinte Tränen entlockte. „Es ist beinah nimmer wahr, daß Sie dagewesen sind, Herr Baron!"
Es dünkte ihm selbst so. „Ich habe schauderhaften Hunger", gestand er und sah enttäuscht auf die leeren Platten, die nur noch ganz klägliche Uederreste all der pikanten Herrlichkeiten trugen.
„Alles ratzkahl gegessen, ja! Die gan« Vorratskammer leer. Aber wenn Sie ein Stünoerl warten können —", lockte sie.
„Was krieg ich bann?" Er lehnte, die Hande in den Taschen, gegen das große Büfett, welches die Küchenbreite ausfüllte.
„Backhuhn mit Salat und frischen Aprikosen!"
„Und hinterdrein Erddeer mit Sahne! — Ja, Lisaweth?" Wie einst als Junge konnte er schmeicheln, wenn er von allem, was da in den Töpfen brodelte, eine Probe haben wollte.
„Alles kriegen Sie —", und sich über die Augen wischend, konstatierte sie: „Es ist nicht halb so schlimm, wie wir immer gemeint haben."
„Wer hat gemeint —?"
„Der Herr Baron Vater und ich!"
„Und was haben die Herrschaften gemeint?"
Sein Ton reizte sie zur Auflehnung: „Daß es nimmer ganz richtig mit Ihnen wäre."
Sein Lachen klang wie eine Fanfare durch das Haus. Der Lisaweth fiel dabei der letzte Stein vom Herzen. Weiß Gott, wenn einer noch so lachen konnte, roar’s noch lange nicht gefehlt um ihn, und wenn er dann etwas Vernünftiges zu essen bekam, wurde alles noch vollends wieder recht. Auf sie herabblinzelnd, führte er das Stück Kuchen, das sie in der Vorratskammer noch entdeckt hatte, zum Mund. Sie sah schon, so lange er hier bei ihr stand, kam sie nicht zum Arbeiten. Mit einem Aufatmen begrüßte sie es, daß ihn der alte Baron noch oben rief. An der Tür nickte er ihr noch einmal zu und sprang die Stufen hinauf. ,
Während Oehme mit dem Vater plauderte, unternahm er einen Trott durch Hof und Haus und suchte alte Lieblingsplätze aus der Kinderzeit auf. Es war doch schön daheim!
Das Abendbrot wurde zu einem Festmahl. Der alte Baron wurde nicht müde, auf den Sohn zu trinken und auf dessen Erfolge und seine unerwartete Heimkehr. Und dann trank man auf den Freund, der sich durch zehn Jahre der Treue erprobt hatte.
Spät nach Mitternacht ging man zu Bett. Aber in Oehmes Zimmer war das Licht schon längst erloschen, als es in dem des alten Merlin noch immer brannte. Vater und Sohn saßen sich gegenüber und hatten rote Gesichter, und ihre Wangen glühten in Erregung, während ihre Stimme zuweilen beängstigend anschwoll.
„Es kann unmöglich dein Ernst sein, was du mir da gesagt hast", sprach Hans Jörg.
„Auf Ehrenwort, mein Jung! Denn siehst du, es geht nicht mehr! Sieh morgen die Bücher durch, dann mußt du mir recht geben. Ich nehme an, daß dir nicht sonderlich viel an Ichenhausen ließt!"
„Wie kannst du das annehmen?" fuhr der junge Merlin auf.
,^Jch schließe es aus der Seltenheit, mit der du nach Hause kommst. Drei volle Jahre hast du dich nicht mehr sehen lassen!"
„Du weißt, was mich in Konstanz hielt!"
„Weiß ich, ja! — Bleib wenigstens jetzt."
Hans Jörg rückte ungeduldig auf seinem Stuhle, sprang auf und begann das Zimmer zu durchqueren. „Ich kann nicht, Vater!"
„Siehst du!" Der alte Merlin lehnte resigniert gegen das braungestrichene Fensterkreuz. „Zehn Jahre sitz' ich nun gottverlassen allein hier auf der Klitsche. Im Sommer geht's noch, und wenn das Frühjahr durch das Tal zieht. Aber der Winter — der letzte war zum Verzweifeln."
Hans Jörg gab das Umherwandern auf und ließ sich wieder auf einen Stuhl sinken. Die Arme auf die Knie gestützt zwang er seine Gedanken zur Konzentration: „Ueoersiedle im Winter zu mir."
„Und das Ende vom Lied? — Daß hier alles drunter und drüber geht. — Ich habe einen anderen Vorschlag: heirate!"
Er sah den Ruck, den es dem Jungen gab und fühlte Erbarmen. Das sah gerade aus, als habe der Bub Angst vor der Ehe. „Du mußt keine nehmen, die du nicht lieb hast", tröstete er, vor ihm stehen bleibend.
„Ich habe dir schon gesagt, Vater, ich kann nicht hierbleiben."
„Verlange ich auch gar nicht." Er legte seinem Einzigen beide Hände auf die Schulter und räusperte sich, ehe er zu sprechen ansetzte. „Die Steffie bleibt bei mir."
Hans Jörgs Gesicht schnellte auf: „Wer?"
„Die Steffie Brentano!"
Jörg zuckte zusammen, als habe ihn ein Messer geritzt. „Das ist die Höhe — eine — eine —"
„Laß mich erst ausreden", beschwichtigte Merlin und hielt den Errengten auf dem Stuhl zurück. „Das Mädel ist mir ans Herz gewachsen."
„Es scheint! Warum heiratest du sie bann nicht?"
„Jung! —" Der alte Baron starrte seinen Einzigen aus gläsernen Augen an. „Jung", gurgelte seine Kehle noch einmal nach.
Hans Jörg tat er mit einemmal so unfaßbar leib. „Ich finbe es unweiblich, sich zuerst an ben Vater heranzumachen, um auf diesem Umweg zum Sohn zu kommen", sagte er verärgert.
Der alte Merlin schüttelte nur den Kopf. — Das war häßlich gesprochen, Jörg. Hast du ben Einbruck gewonnen, baß sie eine Kokotte ist?"
„Ich habe überhaupt keinen Einbruck von ihr gewonnen, weil ich mich nicht mit ihr beschäftigt habe. Die Mutter imponiert mir jebenfalls mehr als bie
Tochter. Wenn ich wirklich an eine Frau denke, bann schwebt sie mir anders vor, als Stephanie Brentano!"
Der alte Baron empfand ein Schmerzgefühl, das sich in keinem Worte zu äußern vermochte. Erst nach einer Weile sagte er resigniert: ,Zch habe es gut gemeint und für dich bas gesucht, was bie beste Ergänzung beiner Persönlichkeit ist. Nichts liegt mir ferner, als bich zwingen zu wollen. Aber bu wirst keine Frau mehr finben, die so wie Stephanie völlig in dir aufzugehen gewillt ist."
„Du hast bereits mit ihr gesprochen?"
Der Alte wurde verlegen: „Ich hab' sie gefragt, ob sie bich lieb haben könnte unb zur Antwort bekommen, sie wisse es nicht!"
„Sehr schmeichelhaft." Jörg turnte nervös auf ber Lehne bes Stuhles. „Scheinbar entspreche ich ber Onäbigen nicht in allem!"
„Du bist ihr zu gescheit!"
„Möglich!" Der Spott war beißend. „Allerdings ein Dummer wäre müheloser ins Garn zu bringen!"
„Jetzt sei aber still!" fuhr ber Alte auf. „Sie ist nicht dein Genre! Gut!>--Du weißt dir eine
Bessere! Auch gut. Du--"
„Ich habe nicht gesagt, daß ich mir eine Bessere weiß!" fiel Hans Jörg dazwischen. „Warum echauffierst bu bich--Sie gefällt bir. Schön! Schließ
lich mußt bu ja mit ihr leben. Mich wird sie wenig behelligen. Ob ich nun die paar Tage im Jahr sie oder eine andere als Frau im Arme halte, ist völlig nebensächlich."
Merlin starrte seinen Einzigen mit entsetzten Augen an: „Jung--bas — bas — ich — so
weit kann es boch mit dir nicht gekommen sein!"
„Immer, wenn es sich um ein Weib handelt, kommt man so weit, Vater!" Er ging mit zurück- gedrückten Schultern nach dem Fenster und öffnete es. Vom Park herauf kam das Zirpen ber Grillen, unb von dem großen Weiher, der sich an den Guts- Hof schloß, quakten die Frösche. Aber es störte nicht, Jörg wurde ganz eigen zumute. Er sah bie übervolle Schale bes Mondes, bie jedes Gebüsch mit silberhellem Licht übergoß unb ben Glimmer auf ben Wegen aufblitzen ließ, der Abenb fiel ihm ein, an welchem ganz Jettenbach in Aufruhr war, weil bie damals zehnjährige Steffie nicht wie sonst nach Hause kam und man die schrecklichsten Vermutungen hegte. Fackeln tanzten über Aecker und Wiesen. Die Spürhunde waren losgelassen und hetzten sohlend über bas Gelände. Selbst auf den Nachbargütern war alles auf ben Füßen.
Er war auf dem Anstand gewesen und hatte Pech gehabt. Verärgert trollte er durchs Moos und fließ an etwas Weiches, das ein leises Grunzen ausstieß. Es hatte in der Tat nicht anders geklungen. Und als er sich bückte, lag die kleine Brentano zwischen den Himbeersträuchern und blinzelte verschlafen zu ihm auf.
(Fortsetzung folgt)
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