Doktor Grubes Ehe.
Originalroman von 3- Schneider.Zoerfil.
19. Fortsetzung. Nachdruck verbalen!
„Halten Sie!" rief Senestrey durch das Sprach, rohr, lieber Hamstead, der bereits den Arm aus- gestreckt hatte, hinweggreifend, öffnete er den Schlag. „Ich will gleich lieber selber nachsehen, ob Henry Roe zu Hause ist."
„Bitte!"
Nach fünf Minuten kam er wieder. „Er ist da und weiß oereits, daß Sie ihn sprechen wollen. Soll ich Mitkommen, Mylord?"
„Danke, nein!"
Senestrey sah ihm mit Besorgnis nach, wie er den Nassen Weg dahinschritt. Schade, wenn er mit seinen fünfzig Jahren in die Netze einer Circe geraten wäre!
Henry Roe, Irlands großer Seher, stand auf dem schmalen weißen Streifen Landes vor seiner Hütte und befestigte Netze an den hohen Pflöcken. Der Wind zerrte und riß an seinem weißen Haar. Er hörte einen Schritt hinter sich und wandte sich langsam um. „Schon zurück, Mylord?"
„Schon, sagst du?" sagte Hamstead, ihm die Hand reichend. „Ich bin lange über ein Jahr fort gewesen."
„Was ist ein Jahr!" Der Alte machte sich wieder daran, seine Netze weiter zu befestigen.
„Wie gehen die Geschäfte?" Hamstead zog sein Etui und reichte es dem Alten.
Der schüttelte den Kopf. „Ich habe mir's abgewöhnt — Was die Geschäfte anbetrifft: die gehen schlecht, Mylord. Es ist Zeit, daß, ich endlich weggeholt werde. Ich bin alt. Und jeder Tag legt etwas Neues dazu, das nicht gut ist. Andere Menschen haben nur das Ihre allem zu tragen, ich trage es von Tausenden mit mir herum. Das ist zuviel."
„Du weißt, warum ich komme, Henry?"
,Lch weiß es, ja! — Ich wußte es schon vor Dachen."
„Ist sie tot?" fragte Hamstead. Es war kaum zu hören.
Henry Rae hatte es trotzdem vernommen. „Es wäre besser für sie, Mylord."
Zwei Hände griffen nach seinem Oberarm.--
»Henry!"
„Ja, Mylord."
Hamstead schüttelte den Alten an der Schulter, daß dieser nach einem Pfosten griff, um nicht umgeworfen zu werden. „Sag, daß sie lebt, Henry!"
„Habe ich das nicht schon gesagt!" lächelte der Alte schmerzlich und bann mit einem herben Seufzen: „Alle seid Ihr des Glaubens, als ob nur die Lebendigen glücklich wären.--Ich habe geglaubt, Sie
würden anders fragen."
„Wie hätte ich denn fragen sollen, Henry?"
Da flüsterte ihm der Alte etwas zu, das ihn wie ein Hieb traf. Er taumelte gegen den Pfosten, der ihm am nächsten stand und suchte Halt daran. Der Alte hatte keinen Finger gerührt, ihn zu stutzen. Er nickte nur und fuhr fort, eine verschlungene Ma|chc aus dem Netz zu entwirren.
Als er damit fertig war, wandte er dem Lord bas Gesicht zu. Es war völlig ruhig unb ausgeglichen wie immer. „Nichts änbert sich an bem, wie es meine Augen sehen.--Kreuzträger will
feiner werden. Unb niemanb würde das Querholz auf sich nehmen, wenn er nicht müßte. Aber bas Geschick fragt nicht lange. Das sagt ganj einfach „Nimm! Du mußt!--" unb auch Sie müssen,
Mylord."
„Müssen!" murmelte Hamsteab nach, lehnte ben Kopf gegen ben Pfosten und schämte sich nicht, daß ihm die Tränen über die Wangen liefen.
Roe stand unbeweglich und sah ihn an. „So meint der andere auch."
Hamstead taumelte empor. ,Lch möchte gerne etwas für dich tun, Henry."
„Für mich? — — Ich wüßte nicht was, Mylord." Der Seher hatte etwas wie Mitleid im Gesicht. „Umsonst hat mich der Himmel mit dieser furchtbaren Gabe bedacht. Umsonst gebe ich sie wieder. Traurig genug, daß ich nur sehen und nichts ändern kann. — — Gehen Sie jetzt, Mylord, es wird gleich wieder regnen."
Hamstead hielt ihm die Rechte entgegen, in welche der Fischer seine harten Finger legte.
„Auf Wiedersehen, Henry!"
„Vielleicht, Mylord."
Erschrocken zog Hamstead seine Hand zurück und sah ihn fragend an.
„Ich gehe noch vor Ihnen", sagte dieser lächelnd. „Was fürchten Sie denn? Ist Leden unb Tob nicht ein?" Ihm den Rücken wendend, machte er sich wieder an seinen Netzen zu schaffen Er wandte sich auch nicht mehr um, als er Hamstead sich entfernen hörte.
Am Abend brachte man dem Lord die Nach- richt, daß der Alte von einer Sturzwelle fortgerissen unb bis jetzt noch nicht geborgen werben konnte.
*
Lord Hamstead saß seinem alten Freunbe Dr. Mattwes gegenüber, ber ihn mit aufmerksamem Blicke betrachtete.
„Also das Wasser und die Liebe, Cecil — biese beiben .schlechtbeleumunbeten Dinge haben dich so elend und unglücklich gemacht."
„Du kannst noch scherzen!" fuhr Hamstead auf.
„Wer sagt, daß ich scherze?" Und während der Doktor sich ein Glas Whisky eingoß — das zweite an diesem Abend —, wippte er bedächtig mit den Füßen, denn nebenan spielte ein Funkorchester einen modernen Schlager auf Schallplatten. „Du
brauchst nur zu sagen, was ich soll. Ich tue Ja feit vierzig Jahren immer nur das, was du willst. Bin also ganz unb gar nicht aus der Hebung gekommen."
,Zch brauche dich nicht! Es geht auch ohne dich!"
„Glaubst bu? Vorläufig aber hat es aar nicht ben Anschein, als ob es so wäre. Du siehst schlecht aus, Cecil! Reichlich schlecht! Ich werbe bich jetzt zu Bett bringen,--keine Wiberrebe, bitte. Unb
wenn bu bann in ben Febern liegst, sprechen wir weiter."
Hier gab es schlechterdings keine Wiberrebe, auch für Lorb Cecil nicht. Dazu kannte dieser ben Freunb zur Genüge.
Als er in ben Kissen lag, bekam er noch bas Fieberthermometer unter bie Achsel gesteckt, bas Mattwes drei Minuten später roieber behutsam herausholte. „38,5. Ganz orbenllich für einen Rückfall. Du bekommst jetzt einen kalten Wickel! Dann machst bu bie Augen zu unb schläfst!--Jawohl,
bu schläfst!" sagte er nachdrücklich.
Loewe kam unb half ben Wickel umlegen. Ham- fteabs Zähne klapperten, als er bas eisigkalte Laken um ben Leib geschlungen bekam. Er schloß bie Augen unb fühlte nach einer Weile, wie bie Hitze sank.
Als er aufsah, bemerkte er Mattwes' ernsten Blick. „Senestrey bleibt bei bir unb Loewe! Ich benütze ben Nachtexpreß nach Lonbon unb beauftrage bort einen Detektiv, nach bem Mäbchen zu forschen."
„In meinem Namen", sagte Hamstead, wollte sich aufrichten unb glitt roieber zurück, benn bie Arme steckten fest unter ber Seibenbecke.
„Nein, in meinem", widersprach Mattwes. „Sonst kostet bie Geschichte hoppelt so viel."
Darüber mußte Hamsteab lachen. Der Freund war immer für Sparsamkeit gewesen. Das Lächeln schwand auch nicht aus feinem Gesichte, als er jetzt den Kopf gegen die Wand drehte. Mattwes war es zufrieden und fuhr eine Stunde später beruhigt ab.
Er blieb vier Tage in London, was einen neuen Fieberanfall bei Hamstead zur Folge hatte. Als er dann endlich am Abend des fünften kam, erfuhr er einen etwas ungnädigen Empfang.
„War es wirklich nötig, daß du so lange ausbliebst?"
„Wenn es nicht nötig gewesen wäre, würde ich früher gekommen fein!" lautete bie gleichmütige Antwort. „Du enttäuschst mich, Cecil." Dabei rollte sich ber Doktor einen Stuhl ans Bett. „Fünfzig Jahre bis bu alt geworben unb nun auf einmal biefes Feuer. Das ist nicht gut! Auch für unsere Freunbschaft nicht. Es ist so nett gewesen zwischen uns beiben. Ich habe bich zwar nie zuviel gehabt, unb gefolgt hast bu mir auch nicht sonberlich gut — — aber immerhin — — — unb nun kommt biese Frembe und du kriegst ihretwegen bis zu 40 Fieber und ich bekomme Schelte ihretwegen, ob
wohl ich die ganze Nacht gefahren bin unb noch einmal ben ganzen Nachmittag! — Du bist nicht eben bankbar, Cecil! — — Und ich bin müde." Damit wollte er sich entfernen.
Aber Hamfteads Arme hielten ihn fest. „Der- zeih!" sagte er. ,Lu siehst doch, wie erregt ich bin."
„Sehe ich, ja.--Also dieses Fräulein Christa
Wellenberg ist zur Zeit in der Schweiz. Den Namen der Pension habe ich auch notiert. ,Cugano — Hotel Qeöerar — nun und bie Hauptsache, bu kannst sie sogar heiraten, benn ihr Verlobter, Dr. Grube glaube ich heißt er, hat inzwischen eine anbere genommen."
Hamsteab wollte mit einem Ruck in bie Höhe fahren Aber Mattwes brückte ihn leicht zurück.
„Bleib liegen, bitte, lieber ben Montrey--von
bem hast bu boch auch gesprochen — — habe ich ebenfalls Erkundigungen einziehen lassen. Der Herr Hauptmann ist zur Zeit stellenlos. Den kannst bu also auch gleich an bein Her; nehmen. Der arme Teufel roirbs brauchen können."
Hamsteab griff nach ben Hänben bcs Freundes unb zog sie an bie Brust. „Wie kann ich dir meinen Dank beweisen, bu Guter?"
Mattwes lächelte flüchtig. „Inbem bu heute nacht ohne Lieber schläfst. Wenn bu’s haben willst, fahre ich nMnetwegen auch noch nach Lugano. Aber erst morgen früh. Für ben Moment bin ich nicht fähig bazu.--Gute Nacht, Cecil!"
Er hatte bereits seinen Rock abgestreift unb streckte sich auf bem Ruhebette aus, bas in der Ecke stand.
Als Senestrey etwas später kam, um nach den Wünschen Hamsteabs zu fragen, flüsterte ihm bieser zu: „Machen Sie's ihm etwas bequemer, bitte! Stopfen Sie ihm ein Kissen gegen bie Wanb unb eines in ben Rücken. Unb geben Sie ihm eine Decke über bie Füße. Aber leise, bitte, leise! Er erwacht sonst womöglich, unb er hat so viel für mich getan."
Es würbe eine fieberlofe Nacht unb ber Doktor konnte, ohne geweckt zu werben, in Frieben schlafen. Aber Mattwes träumte schrecklich. Unb als er am Morgen erwachte, schalt er: „Ich habe einen ununterbrochenen Kamps mit Frauen gefühlt. Lauter blonbe, rote, braune unb schwarze waren es. — — Unb jebe hieß .Christa' Zum Schlüsse wußte ich nicht mehr, welches bie rechte war. Hoffentlich bringe ich bir nicht bie falsche aus Lugano mit."
„Sie ist nicht zu verwechseln, Mattwes."
„Dann brauche ich ja keine Angst zu haben", sagte bieser erleichtert.
Am übernächsten Tage fuhr er mit bem Frühzuge nach Lonbon, um sich von bort mit bem Flugzeug über ben Kanal zu begeben.
(Fortsetzung foiflt.)
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