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21.9.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 221 Zweites Blatt

Eiehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Gemeinschastsgliederung und Bevölkerungsrückgang. Bevölkerungsrückgang zerstört die tragenden Grundlagen von Kultur, Wirtschaft und Staatsordnung.

Don Or. $. Bechhold.

Jedes Volk besteht nicht nur durch seine völkisch« Einheit, die sich als letzte und oberste Bindung kenn- ieichnet, sondern absteigend von ihr in den mannig- altigsten Stufen bis zum Einzelmenschen im Aus- rurf verschiedenartiger Bindungen So errichtet sich die Familie als eigene Bindung über dem Einzel- menschen, der Stand, der Stamm, die Generation, die nähere Lebensgemeinschast, die sich in Dors und Kleinstadt ganz natürlich bildet, in der Großstadt aus erwählter Geselligkeit erstehen kann usw., jede von der anderen verschieden, aber in harmonischer Bindung zu ihr stehend. Je zahlreicher und mannig- faltiger die Stufen der Bindungen sind, die in einem Volk von der völkischen Bindung zum Einzelmen­schen hinabsteigen, desto reicher ist sein Leben, stär­ker an Spannungen, gehaltvoller an Ausdruck.

Dieser unendliche feine Organismus, in dem das Leben eines Volkes wirkt, ist in seiner Lebenskraft davon abhängig, daß di« Gliederung der Gemein- schaftssormen, in denen es sich stufenweise erhebt, erhalten bleibt. Hier spielt die Geburten- frage eine entscheidende Rolle. Man hat bisher vielfach den Bevölkerungsrückgang als ein Zah- lcnproblem gesehen, hat die Bevölkerungszah. len der einzelnen Länder und ihre voraussichtliche Entwicklung in weiteren Jahren verglichen. Es ist nicht die Zahl, die an einem Volk wesentlich ist. Wir kennen Völker in der Weltgeschichte, deren Bevölkerung zahlenmäßig der einer Weltstadt un­serer Zeit weit unterlegen ist die aber trotzdem in ihrer kulturschöpferischen Kraft Unvergängliches ge­leistet haben. Weit wichtiger als die Zahlenfrage am Geburtenrückgang ist das Gliederungs­problem. Wie beeinflußt der Geburtenrückgang diese Gliederung der Bindungen??

Der Geburtenrückgang ändert das Verhält­nis der Generationen in einem Volke. Ju­gend, Mannheit und Alter haben ihre wesentlichen Aufgaben, deren Ergänzung erst das organische Wachstum des Volksgeistes verbürgt. Der Jugend fällt das Suchen nach neuen Formen, rege Einbil­dungskraft und triebhafte Stoßkraft zu, dasMan- n e s a l t e r wirkt in den Grenzen einer gesicherten Weltanschauung mit der Tatkraft des Willens an der Ausführung des geplanten Werkes, die Alten haben die reiche Lebenserfahrung für sich mit dem Maß des Urteils, das bei dem Gewählten beharrt. In jedem Volk müsien sich der Wagemut für neue Formen, die Tatkraft im geplanten Werk und die Beharrung an den erworbenen Werten der Ver­gangenheit miteinander verbinden, um das Fortschreiten des Volkslebens, aber in Anknüp­fung an die Vergangenheit, zu erhalten. Gebur­tenrückgang bedeutet das Ueberroiegen der älteren Generation über die junge, deshalb auch des beharrenden Geistes über den vorwärtsdrängenden.

Die Folge ist entweder eine Erftarrung oder e i n Auseinanderfallen der Generatio­nen. Wenn jene sinnvolle Verbindung zwischen Trieb und Hemmung nicht mehr ist, dann entsteht die Gefahr, daß das Suchen nach neuen Formen sich elementar in die Wirklichkeit umsetzt, ohne den Weg über die prüfende und sondernde, organisch an das Bestehende anknüpfende Funktion der Tradition genommen zu haben. Das innere Gleichge - w i cht der Volksentwicklung ist g e st ö r t. Es bleibt entweder Erstarrung oder sie wechselt ab mit ruck­weiser Uederstürzung.

Bevölkerungsrückgang bedeutet weiterhein eine Verkleinerung der Familie. Sieht man von den Gefühlswerten ab, die in der Familie wir­ken, so wird dadurch auch in wirtschaftli-

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Tokio, September.

Das japanische Kriegsministerium hatte unlängst eine Erklärung veröffentlicht, die durch ihre Offen­heit außerordentlich angenehm berühren muß. Es erklärt vor der Welt: Was wir getan haben, haben wir getan, um unseren Frieden in Ostasien sicher- zustellen. Wir haben kein anderes Ziel gehabt als den Bestand Mandschukuos zu sichern und wir werden es weiter sicherstellen und sind bereit, jedem Eingriff von chinesischer Seite mit allen Machtmitteln zu begegnen. Gleichzeitig wurde die Hoffnung ausgesprochen, die Chinesen möchten endlich etwas zur Aussöhnung der beiden großen Völker Ostasiens tun. Japan ist zu Ent­gegenkommen bereit, aber das A und das 0 feiner Bedingungen ist die Anerkennung des selbständigen Mandfchukuo. Das ist ein­fach und klar, wie überhaupt die ganze japanische Linie. (Dazu gehört nicht zuletzt auch der Rücktritt des japanischen Außenministers, dem der Finanz­minister folgen wird, so daß die letzten Hindernisse für eine Armeediktatur in Japan beseitigt sein dürf­ten.) Aber China bleibt nach ein Rätsel, das nach wie vor innerlich nicht zur Ruhe kommen kann, und wo die Vielheit der Männer und Parteien, die um die Macht ringen, eine einheitliche Willens­bildung und Meinungsäußerung nach außen immer aufs Reue verhindert.

Da ilt z. B. im Norden Chinas der Gouverneur von Cyili, H u a n g - f u, einflußreiches Mitglied I der Kuomintang, Freund, Vertrauter und politischer |

Beauftragter des Marschalls Chiang-Kai-fhek wie auch des chinesischen Staatspräsidenten Wang-chin- wei. Huana-fu ist überzeugter Anhänger der Verständigung mit Japan, der den Marschall zum Abschluß des Waffenstillstandes Ende Mai bestimmt hat und für die Durchführung ver­antwortlich ist, die das japanische Kriegsministerium in auffälliger Form gelobt hat. Man lief Sturm gegen ihn, von Kanton bis zur Mongolei des Mar­schalls Feng--hsiang, wollte seine Stellung unter­minieren, und man sprach in den letzten Monaten viel von Huang-fus Rücktritt von der Ver­waltung in Peking. Wäre das geschehen, so wären die Japaner sicherlich weiter vormarschiert, und Ostasien wäre der Hexenkessel geblieben, der es war. Huang hat seine Politik in Nordchina nicht aus sentimentalen Rücksichten und Derbrüderungs- gedanken heraus betrieben, sondern lediglich des­halb, weil er nach dem Feldzug van Jehol die vollständige Nutzlosigkeit jeden militärischen Widerstandes gegen Japan eingesehen hatte. Und anerkannt, daß die japanische Forderung nach Aus­hebung des antijapanischen Boykotts unbeugsam war. Nanking hat Huang in dieser Politik unterstützt, sowohl in Beschlüssen der Regierung auf einer Konferenz in Lusyan sowie auch dadurch, daß Chiang-kai-schek mit der praktischen Art, in der Huang Waffenstillstand und Einschränkung des Boykotts durchführte, einverstanden war. Kanton dagegen drohte und predigte Widerstand bis zum letzten Mann. Aber man sah auch dort ein, daß mit solchen Methoden fein Fortkommen war. Trotzdem deuten die nervösen, ja beschwörenden Artikel in

Rhemsberg.

Don Alexander von Gleichen-Nußlvurm.

Wenn sich die Herbstnebel abends über das Land senkten, flammten die Kerzen in dem großen, sechs- fenftrigen, reich verzierten und von Pesne ausge­malten Spiegeliaal des Schlosses auf. Die Gesell- schäft versammelte fidr Die Königin und ihre men gaben die elegante Note zwischen den Kav .en, den Philosophen und Künstlern die den zibenb schmückten, nachdem der Tag den Regierungsgeschäf- ten gewidmet war.

Es ist erstaunlich", schrieb die Markgräfin von Bayreuth,wie der König trotz seines schlechten Be­findens die Arbeiten zu erledigen vermag. Alles geht durch seine Hände... Abends ist Konzert wo er trotz seiner Schwäche zwei oder drei Musik­stücke auf der Flöte bläst und man darf ohne Schmei­chelei behaupten, daß er dis größten Meister dieses Instruments erreicht. Die Zeit nach dem Souper ist der Poesie und der Wissenschaft gewidmet, für die er unendlich viel Talent und Aufnahmefähigkeit zeigt. Allen diesen Dingen gehören nur die Erho­lungspausen, der Hauptgedanke, der ihn erfüllt, ist Politik."

Einmal kam Voltaire. Angeblich betraf sein Be­such den Druck des kürzlich von Friedrich vollendeten Antimachiavell", des Regierungsprogramms des jungen Herrschers. In Wirklichkeit war Vollaires Reise politischer Natur, und er kam als Geheim­diplomat im Auftrag des Kardinalministers Fleury aus Paris. Es war die Zeit vor dem ersten schlesi- schen Krieg. Ader der große Philosoph erfuhr nicyts von dem großen König, der in politischen Fragen undurchdringlich blieb, selbst derHoffnung des Menschengeschlechtes" gegenüber, wie er seinen Freund Voltaire nannte.

Im Salon brach er rasch die Anspielungen seines Gastes ab, führte ihn zum Spinett und stellte chn seiner geliebten Schwester", der Markgräfin von Bayreuth, vor.

Mager und gebrechlich, den strahlenden Blick seiner prachtvollen Augen auf sie gerichtet, stand der Dichterphilosoph vor der Prinzessin. Eine Dame von feinem, zarten Wuchs, beschreibt er sie. mit kleinem, gut modellierten Kopf und einer Haut so weiß, daß man das Blut durchschimmern sieht.

An die erste Unterhaltung im Rheinsberger Speisesaal schloß sich ein Briefwechsel, der bis zum Tode der Markgräfin dauerte.

In diesen frühwinterlichen Wochen gab es unter dem Schäfermantel anmutiger Pastorale, unter dem

d) e r Hinsicht Störung und Unsicherheit herbei- geführt. Denn der Haushalt der Familie begreift in sich die Regelmäßigkeit eines Verbrauchs, und bie'e Regelmäßigkeit gibt dem Gewerbe die unerläßliche Voraussetzung feiner Erzeugung. Verkleinerung und Auflösung der Familienhaushalte bringen mit sich, daß ein größerer Teil des Einkommens außerhalb der Haushaltszwecke verwandt wird, daß die auf diese Weise gesteigerten individuellen Ansprüche sich vor allem auch in einem Verlangen nach schnellem Wechsel der Mode, nach größerer Auswahl, nach Vermehrung der Dergnügungsgelegenheiten und -arten bemerkbar machen. So werden die Grund­lagen der Erzeugung von der unregelmäßigen Laune des Verbrauchs abhängig. Ganze Industriezweige können zum Erliegen kommen man hat das nur zu gut in der Spielwarenindustrie, dem Dergnü- gungs- und Bekleidungsgewerbe beobachten können weil die Nachfrage plötzlich einer anderen Mode- lau ne folgt. Große Familien dagegen bedingen mit einer gewissen Notwendigkeit die Festlegung des Ein- kommens auf den Familienverbrauch, Der in sich und darin besteht die Bedeutung der hausfraulichen Tätigkeit für das Wirtschaftsleben Regelmäßig­keit und berechnende Planmäßigkeit begreift.

Bevölkerungsrückgang pflegt gleichzeitig mit einer Verstädterung der Bevölkerung einherzugehen. Die Großstadt frißt das Land. Die Großstadt aber vor allem führt die Vereinzelung der Men­schen herbei. In ihrem Wesen liegt ein Volk zur Einzelleordnung hin zu entwickeln, jenem Pol der Gemeinschaftsblldung also, der die Kraft und den

Deckmantel von Musik und französischer Komödie zwischen den Spiegeln von Rheinsberg ein diplo­matisches Spiel, aus dem die europäischen Wirren um das Erbe der Habsburger hervorgingen.

Feine Stimmung lag über Schloß und Garten, als beim Aufenthalt Voltaires und der Markgräfin ein letzter Glanz in den vergoldeten Boisserien spielte und noch einmal viel Geist, viel Philosophie, viel Musik das Schlößchen das eigentliche Sanssouci (Sorgenlos) des Königs erfüllte. Aus dieser gro­ßen Vergangenheit blieb nur die Kulisse übrig, Garten und Schloß, die von da ab ein geschichts­loses, verträumtes Dasein hatten. Diese Kulisse mit ihrer unbeschreiblichen Erhabenheit und ihrer ebenso unbeschreiblichen Zartheit blieb allein übrig von dem Stück, das Gesellschaft und Politik dort spielten.

Hier an diesemgeheimnisvoll europäischen Punkt" (Borchart) lebt die deutsche Vergangenheit in un­berührter Reinheit weiter. In Hecke und See, in Baum und Schloß, weht ein leiser Zug von zarter Poesie und starkem Schicksal. Gerade daß Kultur und Natur so ineinandergehen, daß es fast unmög­lich wird, sie zu unterscheiden, macht das Rheins­berger Schloß für den Befucher zu einem Erlebnis ... wenn der Wind leise in den Blättern spielt, glaubt man die Flöte eines großen Königs zu hören.

Sprichwörter haben kurze Seine.

rZon Hans Seiffert.

Alle Wege führen nach Rom.

In felsenfestem Vertrauen auf die in diesem Sprichwort niedergelegte Lebenserfahrung unserer Altvorderen bestieg Heinrich Brödersen, Mitinhaber der Firma H. & M. Brödersen in Lübeck, seinen be­reits ungeduldig wiehernden Sechszylinder, betätigte den Anlasser und fuhr los. Reiseziel: Rom.

Er passierte in schneller Fahrt Ratzeburg, Mölln, Büchen, setzte bei Lauenburg über die Elbe, ließ seine fünfzig Pferde immer weiter laufen ... Reiseziel: Rom.

Hinter Salzwedel in der Altmark aber bog er an der Straßengabelung kurz vor Kilometerstein 147.2 rechts ab, statt sich links zu halten, und jagte im Neunzigkilometertempo weiter. Reiseziel: Rom.

Dieser Weg führte jedoch ausnahmsweise nicht nach Rom, sondern in das Anwesen des Gütlers Paul Wiewall und im weiteren Verlaufe, da es Heinrich Brödersen nicht mehr rechtzeitig gelang zu bremsen, in das Kreiskrankenhaus Oebisfelde, wo Heinrich

Reichtum des Volkslebens aufhebt und einen ver- äußerlichten Mechanismus an die Stelle eines or­ganischen Zusammenhalts und Wachstums setzt. Die Vereinzelung der Menschen pflegt aber jene Regeln und Richtlinien zu schwächen, die der in einer Ge­meinschaft aufwachsenden Menschen als einen Teil feines Selbst erwirbt und die ihn von sich aus, nicht aus Furcht vor der Drohung staatlichen Zwanges, die Einordnung seiner Lebensführung unter den Gesichtspunkten der größeren, ihm übergeordneten Gesamtheit führen läßt. Die einzige Bürgschaft für eine kraftvolle Staatsordnung liegt in ihrer inneren Bejahung durch die Glieder des Volkes. Schwächung oder sogar Fortfall dieser Bejahung ist deshalb Schwächung der Staatsordnung, die im Zuge mit der überwiegenden Verstädterung einher- geht, welche wiederum eine Begleiterscheinung des Geburtenrückganges ift

Kultur, Wirftchaft, Staatsordnung, sie werden vom ©eburtenrüdaang bedroht. Denn jene Verar­mung oder sogar Auslosung in der Gliederung der Gemeinschaftsarten entzieht Kultur, Wirtschaft und Staatsordnung ihre tragenden Grundlagen. Man kann die stufenweise Gliederung des Gemeinschafts, lebens, dieses Geheimnis der Kraft und des Reich- tums eines Volkslebens, nicht mechanisch erbauen, man kann die göttliche Vernunft in dieser ihrer kost­barsten Schöpfung nicht nachahmen. Zerstörung be- deutet deshalb hier endgültigen Unter­gang. Eine geschichtliche Erfahrungstatsache ist es nun, daß der Geburtenüberschuß diese Gliederung des Gemeinschaftslebens nicht nur erhält, sondern sie a n r e g t und mit quellender Kraft erfüllt, Ge- burtenrüdgang aber ihre Schwächung, Verarmung und Auflösung herbeiführt. Wenn viele meinen, daß es doch nichts ausmache, ob Deutschland etwas mehr ober weniger Einwohner hat, so sei ihnen zugegeben, daß die zahlenmäßige Seite dieses Problems nicht entscheidend ist. Don ungeheurem Gewicht aber für Leben und Tod eines Volkes ist das Gliebe- rungsproblem, das unmittelbar mit ber Be- DÖIferungsentroidlung oerbunben ist unb deshalb in erster Linie muß dem Geburtenrückgang Einhalt geboten werden.

Brödersen nun mit drei gebrochenen Rippen und einigen leichteren Beschädigungen öarnieberliegt.

Fazit: Nicht alle Wege führen nach Rom.

*

Die Axt im Haus erspart den Zimmer- mann.

Ja, natürlich weiß ich, was Sie sagen wollen: dieses Wort sei gar kein Sprichwort, sondern ein Zitat aus demTeil". Aber kann ich schließlich etwas da­für, daß Schiller, wie kürzlich eine literaturbeflissene Dame zu mir bemerkte, in seinen Stücken allzuviele Zitate verwendet? Na, also.

Doch kommen wir endlich zu Dttomar Schluckauf.

Besagter Schluckauf von Beruf Schriftsteller, wurde, um seinem Dasein Sicherheit und nahrhafte Grundlage zu geben, Siedler. Der Garten würde tragen, nicht wahr, die Hühner würden legen, evtl, könnte man eine Ziege, ein Schwein ... Unb bann nicht zu vergessen: bie Anregung für bas Schaffen! Ein SieblerromanAuf eigener Scholle" ober Segen ber Erbe" ... nun, ber Titel ist zwar von Hamsun, aber immerhin ...

Dttomar Schluckauf siedelte also.

Er grub und hackte, er düngte und jätete, er säte und erntete. Und es tarn der Tag, da für die neu­erworbene Ziege ein Stall gebaut werden mußte. Die Axt im Hause erspart den Zimmermann!" zitierte Dttomar und machte sich ans Werk, aus Kistenbrettern die Behausung für feine Ziege zu zimmern. Munter schwang er die Axt, daß ihre scharfe Schneide in der Sonne funkelte, und hieb mit kräftigem Schlag die Bretter in die passende Form. In bie, wie er meinte, paffenbe Form ...

Als er sie zusammegefügt hatte, weigerte die Ziege sich standhaft, den von Dttomar Schluckauf erbauten Stall zu betreten. Man konnte es dem Tier nicht ver­denken, denn wenige Augenblicke später stürzte bas winbschiefe Oebäube, offenbar infolge schwerer Kon- struktionsfehler, in sich zusammen. Tags barauf trat Dttomar mit bem Zimmermann Kuslitzky wegen Er­bauung eines Ziegenstalles in Unterhanblung unb schwor hoch unb teuer, nie roieber eine Axt anrühren zu wollen, die mitnichten, wie er nun wisse, den Zimmermann erspare.

Zeitschriften.

Das Mai/Juni-Heft derEuropäischen Gespräche" bringt den Generalbericht, in wel- chem der italienische Philosoph Francesco Drestano bie Gebanken, bie auf bem Volta-Kongreß bärge- legt worben sind, übersichtlich gliedert und zu­sammenfaßt. Weiter enthält es den endgültigen Wortlaut des Viermächte-Paktes und die Senats-

Donnerstag, 21. September 1955

ber japanischen Presse, die von der Regierung Wachsamkeit unb rasches Hanbeln erwanet, darauf hin, daß Tokio der Entwicklung weiterhin mit größter Reserve gegenübersteht.

Die von Japan gewünschte direkte Verstän- digung mit China, unter Ausschaltung aller fremder Vermittlung ist über bie Waffenftillstands- verhanblungen hinaus um keinen Schritt oorwärtsgekommen. Die Haltung Chinas ergibt sich aus ben Beschlüssen ber bereits erwähn­ten Konferenz von Lushan: Der Grunbsatz bcs Wiberstanbes gegen Japan auf lange Sicht wird trotz derzeitiger Beruhigung unb Einstellung bcs Boykotts als Orunblage ber chinesischen Politik betrachtet. Jrgenb welche Verhandlungen mit Ja- pan über Beseitigung ber schwebenden Fragen sollen gegebenenfalls nur unter Vermitt­lung ber interessierten Mächte erfolgen. Unter ber Erklärung, bie chinesische Jnbustrie und Wirtschaft entwickeln zu wollen, wirb China ben europäischen Mächten unb ben Vereinigten Staa­ten weitreichenbe Zugeständnisse ma­chen und eine umfassende Anleihepolitik betreiben. Man erwartet daraus für China wieder ein aktive­res Interesse der Mächte und des Völkerbundes gegen Japan.

Der chinesische Finanzminister S o o n g hat auf feiner Reise zur Londoner Wirtschaftskonferenz in Amerika unb später in Europa sehr bebeutfame Verhanblungen in bie Wege geleitet unb nicht un­wichtige Abschlüsse zustanbe gebracht. In Amerika würbe eine Baumwoll- unb Weizenanleihe in Höhe von 50 Millionen Dollar für China abgeschlossen. Aber auch in ben europäischen Hauptstäbten hat Soong gearbeitet, um durch eine finanzielle Ein­mischung bes Auslanbes in chinesische Angelegen­heiten eine Front gegen Japan zustanbe au bringen. Die japanische Presse schloß baraus, bie Anleihen sollten bazu bienen, China neue Waffen für den Krieg.mit Japan zu liefern. Damit hält man natürlich die Stimmung des Volkes in Atem und sichert sich den notwendigen Widerhall für den nicht unmöglichen Fall neuer Zusammenstöße. Dabei weiß Japan ganz genau, wie lange es dauert, bis man mit einigen Waffenlieferungen ein schlagfertiges Heer entwickelt. In Wirklichkeit ist es bie Wieberholung des Eingriffs von Amerika und Europa in oftafiatifche Fragen, was Japan beunruhigt. Ein Gespenst, das man ge­bannt zu haben glaubte, taucht nun aus ber Hal­tung ber Zentralregierung in Nanking und aus der Aktivität des Herrn Soong wieder auf.

Daß Japan von einer Wiederaufnahme oder Verstärkung ber völkerdunblichen Tätigkeit im Offen Unzuträglichkeiten erwartet unb alles tut, um biefe unerwünschte Lage zu verhinbern, ober unschäblich zu machen, lehrt Der Sturm, ber sich über ber B e - stellung eines Dölkerbunbsberaters Der chinesischen Regierung erhoben hat, unb ber zu einer Anfrage ber japanischen Regie­rung in Gens führte. Herr Dr. Rajchmann, Direktor im Gesunbheitsamt bes Dölkerbunbes, ein Mann polnischer Nationalität, ber als ebenso großer Freunb Chinas wie als geschworener Feind Japans bekannt ist, soll ber chinesischen Regierung im Aus­trag bcs Dölkerbunbes als Berater in gesundheit­lichen und allgemeinwirtschaftlichen Fragen zur Verfügung stehen. Die Japaner haben, um van vornherein hinsichtlich des völlig unpolitischen Cha- rakters der Mission bes Herrn Rajchmann erst gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, in Gens an­gefragt, unb bie Antwort bes Generalsekretärs zu ihren Akten nehmen können, baß Herr Rajchmann eben nur gesundheitliche unb wirt­schaftliche Funktionen zu erfüllen habe. Gegen eine unerwünschte politische Betätigung bes Herrn Rajchmann hat man sich also in Tokio vor- beugenb gerüstet. So klein biefe Episobe im großen Stil ber ostasiatischen Kräfte erscheinen mag, so ift sie boch bezeichnend. Ein japanisches Blatt schrieb in biesen Tagen zur außenpolitischen Lage: Japan hat ben Völkerbunb verlassen unb ist nach Asien zurückgekehrt. Japan ist heute nicht mehr basfelbe, als was es bisher betrachtet würbe. Es hat aufgehört, blind im Kielwasser Englands unb

rede Mussolinis vom 7. Juni, in welcher der italie­nische Staatschef den Gang der Paktverhandlungen skizziert unb ben großen europäischen Rahmen bes Paktes aufzeigt. In feinem einleitenben Aufsatz begrüßt ber Herausgeber bas Bekenntnis zur Zu­sammengehörigkeit, zum gegenseitigen Vertrauen unb zur Zusammenarbeit, rote es auf bem Dolta- Kongreß, in Hitlers staatsmännischer Reichstags- rebe unb im Diererpakt abgelegt würbe.

Im Septemberheft berSübdeutschen Monatshefte" (München) werbenDeutsche Dftfragen" von oerschiebenen Gesichtspunkten aus bargestellt. Giselher Wirsings AufsatzReich unb Dftraum" untersucht bie ostwestlichen Spannungen; Das Erbe Oesterreichs" wirb von Rubolf Fischer behanbelt. Die ZieleDeutscher Bevölkerungsvolltik im Osten" zeigt Wilhelm Dittmar auf. Ernst Werner Maiwalb gibt Antwort auf die Frage:Wie kamen die Türken vor Wien?" Paul Schmitt schließt den aktuellen Teil des Heftes mit einem politisch groß- aeschauten Nachwort. Begreiflicherweise findet ge­legentlich der 250-Jahr-Feier ber Befreiung Wiens bas Jahr 1683 unb seine Probleme eine desonbere Beachtung. Wirken boch noch bis heute bie mit stärkster Spannung gelabenen Ereignisse um Wien vom 14. Juli bis zum 12. September bes Türken- jahres in ben Gemütern ber Christenheit nach Auch jetzt bebroht Frankreich Deutschlands Westen, mäh­re nb roieber im Osten eine ungeheure Gefahr ent­stauben ist. Heute wie bamals ist bies aus einer christlichen Betrachtungsweise heraus nicht zu fassen, fonbern nur als bittere Tatsache festzustellen.

Berliner Monatshefte", herausge- geben von Dr. Alfreb von Wegerer, 11. Jahrgang 1933, Septemberheft (Quaberoerlag, Berlin W. 15, Preis bes Heftes 1,20 Mk.). Dr. Egon Gott- schalk zeigt, wie notroenbig es ist, ber Entmilitari­sierung ber Rheinlanbe, bie bis heute eine wesent­liche Beeinträchtigung ber deutschen Souveränität barstellt, größere Beachtung zu schenken. Gottschalk forbert nachbrücklich bie Zerstörung ber Schulbthese, ba dadurch ber französischen Sicherheitsforderung jebe moralische Orunblage unb jebe Rechtfertigungs­möglichkeit der einseitigen Entmilitarisierung der Rheinlande entzogen werden würde. Beachtenswert ist ferner eine Diskussion zwischen dem französischen Professor Leau von der Universität Nancy unb dem Herausgeber derBerliner Monatshefte", Alfted von Wegerer, über das jetzt auch in franzö­sischer Sprache vorliegende Werk WegerersDie Widerlegung ber Versailler Kriegsschuldthese". Die Diskussion zeigt, baß ber Franzose nicht in ber Lage ist, irgenbein sachliches Tloment gegen bie Darstellung in Wegerers Buch oorzubringen.