Die Realsteuer-Erhöhung in Gießen
Fast bei jeder Etatberatung im Gießener Stadtrat wurde auf der Suche nach neuen Deckungs- Mitteln von der Fraktion der SPD. der Vorschlag gemacht, die R e a l st e u e r n auf den hessischen L a n d e 2 d u r ch s ch n i t t s s a tz zu erhöhen. Die Mehrheit des Stadtrates hat sich dieser Empfehlung gegenüber stets ablehnend verhalten. Dieses Nein hatte seine gute Begründung in der starken Steuerlast, die auch ohne diese Erhöhung der Realsteuer- söge bereits die Steuerpflichtigen hart genug drückte. Trog dieser Ablehnung ist unsere städtische Finanzwirtschaft noch bis zum Jahre 1931 gut durchgekom- men-, die Rechnungsabschlüsse konnten mindestens ausgeglichen werden, während sie in früheren Jahren sogar mit einem Ucberschuß abschlossen. Erst im Verlaufe des vorigen Jahres trat zutage, daß unsere Finanzgebarung stärker in Druck geriet. Daran war nicht etwa eine leichtfertige Wirtschaftsführung der Stadt schuld, sondern die stärkere Anspannung hatte ihren Grund in den ständig an- wachsenden Fehlbeträgen bei den Steuerüberweisungen des Reiches einerseits und in der steigenden und unvorhersehbaren finanziellen Mehranforderung für die Wohlfahrtspflege anderseits, die insbesondere auf die vom Reiche herbeigeführte finanzielle Entlastung der Arbeitslosenversicherung auf Kosten der Gemeinden zurückzuführen war. Daß bei dieser Sachlage die Finanzschwierigkeiten auch in unserer städtischen Verwaltung zwangsläufig immer mehr anwachsen mußten, ist kein Wunder.
Was die Fraktion der SPD. im Gießener Stadtrat In jahrelangen Bemühungen nicht hat erreichen können, wurde nun durch einen Machtspruch der Regierung zur Tat: die Ausschlagssäße der Realsteuern wurden auf den Lan- desdurchschnittssatz erhöht. Besonders hcrvorzuheben ist dabei, daß die Erhöhung sogar rückwirkende Kraftad 1. April 1 9 3 2 hat, also wiederum die Steuerzahler mit einer Mehrausgabe belastet, die sie bei ihren wirtschaftlichen Kalkulationen bisher in keiner Weise in Rechnung stellen konnnten. Wir wissen, daß die Gießener Stadtverwaltung, die als ausführendes Organ des Darmstädter Diktats im Vordergründe steht, sich bei dieser Steuererhöhung nicht wohlsühlt. Man kennt bei der Stadtverwaltung die ernsten und heutzutage mehr denn je begründeten Bedenken der Stadtratsmehrheit gegen einen weiteren Aufbau der Realsteuern. Die Stadtverwaltung weiß auch, daß dieser neue Steueraufbau schon Mitte Dezember im Finanzausschuß des Stadtrats abgelehnt worden ist, wie überhaupt der Stadtrat sich unter den obwaltenden Umständen zu keinerlei Steuererhöhung verstanden hätte und auch auf absehbare Zeit hinaus sich nicht dazu bereitfinden wird. Es ift der Stadtverwaltung aber von oben herab kein Zweifel darüber gelassen worden, daß die Realsteuerhöhung vom Ministerium diktiert werden würde, wenn man sich nicht bereitfinde, allo Bedenken und Hemmungen beiseite zu lassen und dem neuen Steuerausbau mehr oder minder gutwillig den Weg freizugeben. Unter diesem Drucke ist nun die Stadtverwaltung zu der Heraufsetzung der Realsteuersätze geschntten.
Die Verwaltung, vielleicht auch die Herren in Darmstadt, werden sich wohl nicht darüber im Zweifel sein, welche Gefühle diese neue Umdrehung der Steuerschraube bei den ohnehin schon hart ringenden Steuerzahlern auslösen wird. Eine Beruhigung der Geister, die doch gerade in der Zeit der andauernden politischen Krise und Hochspannung dringend wünschenswert wäre, wird durch die neue Schröpfung nicht erreicht werden. Dabei ist aber noch sehr fraglich, ob auf diese Weise über- Haupt ein höheres Steueraufkommen erzielt werden wird. Wer die Verhältnisse im Mittelstand, insbesondere im Handwerk und im Kleingewerbe, wie auch im Hausbesitz kennt, weiß zur Genüge, daß die Erfüllung der bisherigen Steuerlast schon außerordentliche Anstrengungen der Zahlungspflichtigen erforderte. Und dennoch jetzt dieser Neuaufbau der Last, anstatt eine aus wirtschaftlichen und psychologischen Gründen schon seit langer Zeit fällige Entlastung herbeizuführen! Man gewinnt den Eindruck, daß der Regierung in Darmstadt die wirklichen Verhältnisse in Gießen nicht genügend bekannt sind. Weiß man in Darmstadt nicht, daß der Elendskreis auch in Gießen schon zahlreiche Handwerksmeister und kleine Hausbesitzer infolge Arbeitsmangels, Mietausfalls usw. sehr empfindlich mit berührt hat? Spricht die Tatsache, daß auch aus den Kreisen des handwerklichen Mittelstandes die Hilfe des Wohlfahrtsamts schon mit in Anspruch genommen werden muh, nicht deutlich genug dafür, nunmehr unter allen Umständen nach Erleichterungen zu streben, anstatt die Steuerlast immer noch weiter zu erhöhen? Wir müssen schon sagen, für einen total verfehlten Beschluß hätte man in Darmstadt einen unglücklicheren Zeitpunkt nicht wählen können. Die Realsteuererhöhung in Gießen kann auch nicht damit gerechtfertigt werden, daß unsere Stadt bisher mit der Höhe dieser Ausschlaassätze hinter den Realsteuern mancher anderer hessischer Orte zurückstand. Hier ist eben maßgeblich in Betracht zu ziehen, unter welchen Verhältnissen die Steuerzahler jeweils zu wirtschaften haben; in dieser Frage kann man nicht alles über einen Kamm scheren. Uebrigens ist dabei auch zu beachten, daß wir in Gießen neben den Realestuern noch einige Sonderleistungen der Steuerpflichtigen haben, die sachlich mit der Real- fleuerlaft Zusammenhängen und durch die unsere otabt auf den gleichen Gefamtsteuersatz kommt, wie er in anderen Städten besteht.
Es ist selbstverständlich, daß jeder mit Derantwor- tungsbewußtsein in der Kommunalpolitik tätige Mensch sich ernste Gedanken darüber macht, in welcher Weise die Gemeinde über diese schwere Krisenzeit ohne allzu großen Schaden hinweg, gebracht werden kann. Wir unterstützen von diesem Standpunkt aus alle Bemühungen, die darauf gerichtet sind, den unbedingten Erfordernissen unseres Gemeinwesens gerecht zu werden, dabei aber auch unter allen Umständen eine geordnete Finanzwirt' schäft zu gewährleisten. Wir können jedoch nicht verstehen, daß man immer und immer wieder nur zur Steuerschraube seine Zuflucht nimmt, obwohl aus den bisherigen Erfahrungen schon zur Genüge bekannt ist, daß auch ein weiteres Anziehen der Presse keinen Saft mehr aus der völlig ausgequetschten Frucht herausbringen kann. Es wäre doch richtiger und wirtschaftlich verheißungsvoller, man würde all sein Augenmerk auf die Belebung der Wirtschaft richten und vor allem Arbeit schaffen, bamit hierburch neue Kraft entstehen kann, die sich in der Entlastung des Arbeitsmarktes, aber auch in erhöhter Steucrergiebigkeit bemerkbar machen würde. Seit Wochen wird nun schon von Berlin und von anderen Städten aus über die Notwendigkeit der Arbeitsbeschaffung geredet. Täglich hört man immer wieder Worte und Verheißungen, aber von Taten hat man bisher auch unter der
Führung des Arbeitsbefchaffunaskommifsars G e - r e k e noch nichts vernommen. Es ist höchste Zeit, daß nach dieser Richtung hin nun endlich das R e - den aushört und die Taten sichtbar werden.
Wir möchten der Regierung dringend nahelegen — und der Gießener Stadtverwaltung empfehlen, mit allem Nachdruck daraus hinzuwirken —, daß wenigstens für das am 1. Avril 1933 beginnende neue Rechnungsjahr die jetzige Zwangsjacke
der Realsteuererhöhung wieder be° seitigt und an deren Stelle eine Regelung auf Grund der freiwilligen Entschließung des Stadtrats gesetzt wird. Wenn nicht mindestens nach dieser Richtung hin verständnisvolles Entgegenkommen die Oberhand gewinnt — denn an eine sofortige Wiederaufhebung des gegenwärtigen Diktats kann man ja nicht denken —, wird der politischen Unruhe nur noch Vorschub geleistet werden.
Rundfunkprogramm.
Sonntag, 22.3anuar.
6.35 Uhr: von Bremen: Hafenkonzert. 8.30: Katholische Morgenfeier. 9.30: Stunde des Chorgesangs. 10.50; Die rumänische Volksmusik in Siebenbücgen, Vortrag von Bela Bartok. 11.30: von Leipz.g; Relchsfendung: Kantate von Joh. Seb. Bach. 12: Stadtihealer Heilbronn: Tänze, gespielt vom Stadttheaterorchester Heilbronn. 13.05: Miitagstonzert des Westdeutschen Kammerorchesters. 14: Zehnminutendienst der Landwirtschuftskammer Wiesbaden. 14.10: Stunde des Landes. 15: (Mannheim): Stunde der Jugend. 15.50: von München: Botanischer Garten: Deutsche Meisterschaften im Eishockey; Sprecher: Paul Laven. 16.30: Kurhaus Wiesbaden: Konzert des Städtischen Kurorchesters Wiesbaden. 18: Von der Armut und vom Geben: Der Bettler und das stolze Fräulein von Rainer Maria Rilke. 18.15: „Selbstanzeigen"; Wilhelm Michel spricht über sein Buch „Geliebte Welt". 18.30: Vergnügliches Zwischenspiel. 19: Skizzenbuch des Alltags. 19.30: Zitherkonzert. 22.30 bis 1: Großer Konzerthaussaal Wien: Wiener Künstler.
Montag, 23. Januar.
7.30 Uhr: Frühkonzert auf Schallplatten. 12: Mit- tagskonzert I auf Schallplatten. 13.30: Mittagskon- zert 11. 17: Nachmittagskonzert des Rundfunkorchesters. 18.25: „Mit Chamisfo in der Sübsee", Vortrag von E. v. Sydow. 18.50: Englischer Sprachunterricht. 19.30: Selbstanzeigen; Hans Fallada spricht über fein Buch „Kleiner Mann — roas .nun?" 19.45: Saatgang, Novelle von Friedrich Griese. 20.05: Großer Saal des Saalbaues, Frankfurt a. M.: VII. Mon- tagskonzert des Frankfurter Orchesteroereins. 21.45: Deutsche Burgen: Burg Lahneck, Hörfolge von Herbert Eulenberg. 22.45 bis 24: Nachtmusik.
Dienstag, 24. Januar.
7.30 Uhr: Frühkonzert auf Schallplatten. 12: Mittagskonzert 1. 13.30: Mittagskonzert II. 15.20 bis 15.50: Hausfrauen-Nachmittag. 17: Nachmittagskonzert. 18.25: „Zwei Soldaten unterhalten sich", Erinnerungen an den Weltkrieg von Walter Oertel und Richard Schaumburg. 18.50: „Wir von der Rampe", eine Funkplauderei von Jochen Klepper, Berlin. 19.20: Jodler, gesungen von Foty-Bern- hardsgrütter. 19.45: Meister der Tonkunst, ihr Leben und Schaffen. 21.15: von Genf; Jazzkonzert: Internationales Konzert. 22.45 bis 24: Nachtmusik der Tanzkapelle der Stuttgarter Philharmoniker.
Mittwoch, 25. Januar.
7.30 Uhr; Frühkonzert auf Schallplatten. 1010 bis 10.40: Schulfunk: „Die Wikinger finden Amerika", geschichtliches Hörbild von Alpha. 12: Mittagskonzert I. 13.30: Mittagskonzert II auf Schallplatten
15.15 bis 16.15: Stunde der Jugend. 17: Nachmit- tagskonzert des Orchesters des Westdeutschen Rundfunks. 18.25: „Bessere Technik — bessere Menschen?" Vortrag von Professor Dr. Friedrich Dessauer. 18.50: Zeitfunk. 19.30: Operettenkonzert. 21: Simolicius Simplicissimus, Funkbearbeitung nach dem Roman von Christoph von Grimmelshausen von Emil Burri. 22.45 bis 24: von London: Nachtmusik.
Donnerstag, 26. Januar.
7.30 Uhr: Frühkonzert erwerbsloser Berufsmusiker. 12: Mittaaskonzert I erwerbsloser Berufsmusiker. 13.30: Mittagskonzert II. 15.30 dis 16.39: Stunde der Jugend. 17: Aus dem großen Saal der Städtischen Musikhochschule Darmstadt: VII. Akademiekonzert der Städtischen Akademie für Tonkunst. 18.25: Stunde des Films: „Wozu eigentlich Regisseure?", Gespräch zwischen Dr. Rudolph Arnheim und Robert Siodmak. 18.50: „Verhandlungen vor dem Tarisausschuß", ein Hörbericht. 20: Blaubart, Operette in drei Akten. Musik von Jacques Offenbach. 21.35: Johannes Brahms. 22.05: „Menfch.n in Not", Gespräch zwischen Wally Baumann und O. W. Studtmann. 22.20: Funkstille.
Freitag, 27. Januar.
7.30 Uhr: Frühkonzert auf Schallplatten. 10 bis 10.40: Schulfunk: Deutsche Charaktere III: „Blücher" von Hans Kyser. 12: Mittagskonzert I. 13.30: Mittagskonzert II auf Schallplatten. 17: Nachmittagskonzert des Rundfunkorchesters. 18.25: „Der Kampf um die Seele", Bortrag von Prof. Dr. A. Messer, Gießen. 18.50: Aerztevortrag: „Die englische Krankheit ober Rachitis", eine Winterkrankheit". 19.20: „Neues aus aller Welt", Vortrag von Professor Dr. Walther Behrmann. 19.30: Peruanische Novellen von Ventura Garcia Calderon. 20: Mandolinenkonzert. 20.30: Datterich und sein Dichter, Hörfolge von Hans A. Joachim. 21.30: Konzert: Symphonische Variationen über einen katholischen Hymnus. 22.45 bis 24. Nachtmusik.
Samstag, 28. Januar.
7.30 Uhr: Frühkonzert auf Schallplatten. 10.10 bis 10 40: Schulfunk: „Völker und ihre Tänze", Leitung Hans Rosbaud 12: Mittagskonzert I auf Schallplatten. 13.30 bis 14 40: Mittagskonzert II des Rundfunkorchesters. 15.30 bis 1630: Stunde der Jugend. 17. Nachmittagskonzert. 18.25: „50 Jahre Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Darmstadt", Vortrag von Professor Dr. E. Hueter, Darmstadt. 18.50: „Vom deutschen Wein und seinen Absatzwegen". Vortrag von Regierungsrat Graf Ma- tuschka-Greiffenclau, Koblenz. 19.30: Zeitfunk. 20: Städtischer Saalbau, Essen: Bunter Abend. 22.45: Tanzmusik.
Wirtschaft.
Wochenbericht
vom Sronffurter Produktenmarkt.
Unter dem Eindruck des wieder matten Welt- Weizenmarktes herrschte in der abgelaufenen Wo^>e am Frankfurter Getreidemarkt stärkste Zurückhaltung. Dom Mehlabsah lagen keine Anregungen vor. Die Mühlen griffen auf eingelagerte Mengen zurück und kauften nur in kleinem Umfange neue Ware. 3m allgemeinen erhielt das Preisniveau durch das Frostwetter eine Stühe, so daß die Dotierungen im Vergleich zur Dorwoche kaum verändert waren.
Lediglich am Drotgetreidemarkt ergab sich für Weizen eine Abschwächung von 3,50 Mark p. To. auf 201 bis 202,50, da der schlechte Wcizcnverbranch verstimmte. Für Roggen war die Haltung stetig, das Geschäft bewegte sich aber ebenfalls in sehr engen Grenzen. Die Rotiz blieb mit 162,50 bis 163,50 Mark per Tonne unverändert.
Das Draugerstengeschäft verlief bei unveränderten Preisen (180 bis 182,50) etwas bester, da der Markt von einem neuen Preisdruck verschont blieb. Für Futter- und Industriegerste war die Rachfrage weiter gering.
Arn S) a f e r m a r f t trat nach langer Vernachlässigung einige Rachfrage aus süddeutschen Dc- darssgebieten hervor. Der Preis blieb zu 130 bis 135 Mark per Tonne allerdings unverändert.
Das Mehlgeschäst gestaltete sich wieder recht schleppend, doch blieben die Preise trotz der rückläufigen Tendenz für das Rohprodukt behauptet. Je 100 Kilo notierten: Weizenmehl, südd., Spez. 0 mit Austauschweizen 28 25 bis 29,25, dasselbe, niederrhein., Spez. 0 mit Austauschweizen 28,25 bis 29,25; Roggenmehl, 60prozentige Ausmahlung 22,25 bis 23,25 Mark.
Der Äraftfuttermittelmartt empfing von dem scharfen Frostwetter eine merkliche Anregung, und bei zum Teil bis zu 0,15 Mark erhöhten Preisen war das Geschäft etwas belebter. Bevorzugt waren besonders ölhaltige Futtermittel, wie Sojaschrot, Palm- und Erdnußknchen, aber auch Roggenkleie war sehr gut gefragt, während Weizenkleie vernachlässigt wurde. Weizenkleie 7,40, Roggenkleie.7,85 bis 8, Sojaschrot 10,20 bis 10,75, Palmkuchen 8,75 bis 9, Erdnußkuchen 12,25 bis 12,50, Treber, getrocknet 10,50 bis 10,60.
Das Rauhfuttermittelgeschäft verzeichnete nur sporadische Umsätze. Die Preise blieben unverändert. Weizen- und Roggenstroh, drahtgepreßt oder gebündelt, 2,25 bis 2,50, Heu, südd., gut. gesund und trocken 4,60 bis 4,80 Mk. je 100 Kilo.
Am Kartoffel markt erfolgten nach wie vor nur sehr kleine Umsätze. Die Rotierung stellte sich für Industriekartoffeln hiesiger Gegend mit 1,75 Mark per 50 Kilo bei Waggonbezug unverändert.
Frankfurt freundlich
Frankfurt a. M., 21. Jan. (WTB. Drahtmel- bung.) Nachbem schon an ber Abenbbörse auf bie Reichstagsvertagung bie Tenbenz bei relativ lebhaftem Geschäft recht f e ft geworben war, eröffnete auch bie Wochenschlußbörse in f e ft e r Grunbstimmung unb mit neuen Kursbefesti
gungen von burchschnittlich XA bis 1 v. H., obgleich bie Kursgestaltung zunächst nicht ganz einheitlich war, wobei für bie morgen geplante Demonstration ber NSDAP, in Berlin gewisse Befürchtungen gehegt würben unb baher ein Unsicherheitsfaktor bilbeten, ber verschiebentlich zu kleinen Realisationen Anlaß gab. Später wurde bas ©efdjäft aber auf eintreffenbe Kunbenorbers unb auf eine Mel- bung, baß ber erwähnten Demonstration vielleicht nicht stattgegeben werbe, etwas lebhafter, unb bie Stimmung war allgemein beruhigter.
Durch besonbers feste Haltung fielen Deutsche Atlanten Telegraph mit plus 1% v. H. auf. Am Chemiemarkt war bas Geschäft in einigen Werten etwas lebhafter. Scheibeanstalt gewannen 1, Deutsche Erböl 1J4, Golbschmibt %, unb JG.-Farben %, währenb Rütgerswerke % v. H. nachgaben. Lebhaftes Geschäft entwickelte sich besonbers im Verlause auch für Montanwerte, für bie bie Stursgeftaltung nach ber starken Befestigung gestern abenb aber nicht ganz einheitlich war, ba einigen Deckungen ber Kunbschaft Glattstellungen ber Kulisse gegenüber- stauben. Die Veränberungen hielten sich aber im Rahmen von % bis % v. H Unter Führung von Gelsenkirchen (plus 1% v. H.) lagen bie Kurse später burchweg % bis 1 v. H. höher. Äm Elektromarkt eröffneten 'Betula, Oeffürel unb Lahmeyer bis zu 1 v. H. fester, Schuckert gewannen 1K v. H. Holzmann waren nach ber gestrigen Abschwächung um 1 v. H. erholt, ferner zogen Aku %, Daimler %, AG. für Verkehrswesen unb Schiffahrtsaktien, sowie Reichsbankanteile bis XA v. H. an. Zellstoff Walbhof blieben zu 52 o. H. behauptet, Gebr. Junghans bröckelten um % v. H. ab.
21m Rentenmarkt war bas Geschäft in beut- schen Anleihen recht lebhaft. Neubesitz plus 015 0.5)., Altbesitz plus %, späte Reichsfchulbbuchforberungen plus Yx unb Schutzgebietsanleihe plus 0,10 o. H. Von fremben Werten bröckelten Rumänen leicht ab. Don Jnbustrieobligationen setzten Stahlvereinsbonbs V* unb Reichsbahnoorzugsaktien % v. H. fester ein. Golbpfanbbriefe waren überroiegenb von Vx bis XA v. H. fester, ßiquibationspfanbbriefe unb Kommunalobligationen lagen teilweise fester, im übrigen etwa behauptet. Stabt-, Reichs-, sowie Länber- anleihen waren noch unentwickelt.
Mit Beginn ber zweiten Börsenstunbe würbe bas Geschäft roieber sehr ruhig, bie erhöhten Kurse blieben aber meist behauptet. Scheibeanstalt lagen erneut 3A v. H. fester. Deutsche Anleihen unb späte Reichsschulbbuchforberungen bröckelten bagegen % bzw. Vx v. H. ab. Von fremben Werten blieben Rumänen knapp gehalten, währenb sich im Freiverkehr etwas größeres Geschäft für Talon-Serben mit plus % v. H. entwickelte. Tagesgelb war zu 3H v. H. unoeränbert unb ziemlich leicht.
Berlin fest.
Berlin, 21. Jan. (WTB. Funkspruch.) Die letzte Börse dieser Woche brachte bei zuversichtlicher Grunbstimmung fast burchweg höhere fturfe. Die Vertagung ber Entfcheibung im Reichstage um eine Woche ließ bie Hoffnungen auf eine Verstänbigung stark anwachsen unb veranlaßte bas Publikum unb bie Spekulation zu kleinen Meinungskäufen. Diese genügten, um Besserungen b i 3 3 u 1,50 v. H. herbeizuführen. Vereinzelt waren größere Gewinne zu verzeichnen. Im Verlaufe an-
Oer erste Eommodore der Hapag.
Kapitän W i e h r, ber Führer bes „Albert Volling würbe zum Commobore ber Hapag ernannt. Zum erstenmal verleiht bamit auch bie Hapag biesen Titel.
berte sich an der freundlichen Tendenz nichts; es ergaben sich erneut kleine Steigerungen.
Montane setzten bis zu 1,40 v. H. höher ein und lagen später nochmals bis zu 1 v. H. gebessert. Recht lebhaft waren Gelsenkirchen unb Stahlverein, bei benen bie Anfangsumsätze 60 bis 90 Mille betragen haben sollen. Braunkohlenwerte waren bis zu 2 v. H. fester, Ilse gewannen insgefamt 4 v. H., währenb Rhein. Braunkohlen 1 o H. nachgaben. Don Kaliaktien waren Westeregeln 2,75 v. H. höher. Chemische Werte, Gummiaktien unb Elektropapiere gewannen bis zu 2 v. H. RWE. fielen burch einen Verlust von mehr als 1 v. H. auf. Siemens konnten Kum etwa 3 v. H. bessern, ba man bie Diviben- laussichten wieder besser beurteilte, als gestern. Gasaktien, Kabel- unb Drahtwerte, Maschinenfabriken, Metallwerte, Kunstseibeaktien unb Banken gewannen bis zu 1,75 v. H. Don Autowerten waren BMW. mehr als 3 v. H. gebessert. Unter Bauwerten fielen Holzmann burch eine Erholung von 2 v. H. auf, währenb Berger 1 v. H. niebriger lagen. Papier- unb Zellstoffwerte lagen ruhig unb nicht ganz einheitlich. Später tfat auch an biefem Markt eine Befestigung ein. Linoleumwerte hatten kaum Geschäft. Don Brauereien notierten Schultheis e$cL Dioibenbe gegen ben Vortag ziemlich unoeränbert Verkehrs- unb Schiffahrtswerte bewerten sich um Bruchteile eines Prozentes. Von Wasserwerken waren Charlottenburger Wasser 2,50 v. H. höher, im übrigen find Deutsche Atlanten unb Sübbeustchs Zucker mit Besserungen bis zu 3 v. H. zu erwähnen.
Deutsche Anleihen bröckelten nach freunb- licherer Eröffnung etwas ab, bie übrigen Renten, besonbers variable Jnbustrieobligationen tenbierten gleichfalls f e st e r. Die Gewinne betrugen bis zu 1,50 v. H. Reichsschulbbuchforberungen gewannen zirka 0,50 v. H. Von Auslänbern waren Türken bis zu 30 Pf. höher.
Arn Geldmarkt blieb die Situation weiter leicht, die Sätze erfuhren aber keine Veränderung. Privatdiskonten, Reichswechsel per 15. April unb Reichsschatzanweisungen per 17. Juli waren weiter gefragt.
Demonstration des Hessischen Landbundes in Friedberg.
WER. Friedberg, 20. Ian. Heute nachmittag fand im Hotel Trapp eine überaus stark besuchte Dersammlung der Mitglieder des Hessischen Landbundes statt. In längeren Ansprachen schilderten die Redner, Dr. von H e l m o 11. Landtagsabgcordneter Seipel und Landesgeschastsfüh-er Dumas den verzweifelten Kampf der Landwirtschaft. Landtagsabgeordneter Seipel betonte u. a., daß trotz der neu eingeführten hessischen Schlachtsteuer das Defizit des hessischen Staates nicht gedeckt sei. Wenn das Ministerium wieder eine Steuer einführe, die einseitig die Landwirtschaft belaste, müßten 20000 Landwirte in ® ar m ft ab t auf - m ar schieren, um gegen die unerträglichen Lasten Stellung zu nehmen. Im übrigen waren die Reden aus den Tenor der Reichslandbundcntsch ie,",ung abgest mmt. Von der Annahme einer Resolution wurde Abstand genommen. Rach der Versammlung formierten sich die Teilnehmer zu einem eindrucksvollen De - monstrationszug, der unter Vorantragung einer schwarzen Fahne zum Kreisamt zog. Rechtsanwalt wegen Untreue verurteilt.
WSR. Darmstadt. 20. Ian. Vor derGro - ßen Strafkammer Darmstadt h^tte sich heute der Rechtsanwalt Meon wegen Untreue und Unterschlagung von Klientengeldern in drei FäUen zu verantworten. Der Angeschuldigte war ursprünglich in Lampertheim ansässig, kam aber 1929 vor das Disziplinargericht der Anwaltskammer und erhielt eine Geldstrafe von 2000 Mark. Er war zuletzt am Amtsgericht Fürth i. O. zugelassen worden, wo et ebenfalls wiederholt von den zuständigen Richtern Verwarnungen erhielt. Rach eingehender Beweisaufnahme wurde der Angeschuldigte unter Freispruch in einem Falle, wegen Untreue in zwei Fällen zu vier Monaten Gefäna- n i s verurteilt. Das Gericht sah in Anbetracht des begangenen großen Vertrauensbruchs von einer Geldstrafe ab.
Einbruch in eine Wormser Notkirche.
Worms, 20. Jan. (WSN.) In der vergangenen Nacht wurde in die Notkirche St. Amandus ein Einbruch verübt. Die Täter drangen durch ein Fenster der Kinderschule ein und erbrachen verschiedene Türen, darunter auch diejenigen der in der Sakristei ausgestellten Schränke. Hier wühlten sie alles durcheinander, indem sie anscheinend nach Geld juchten. Da aber in der Kirche Geld nicht aufbewahrt wird, fielen den Einbrechern lediglich ganze 10 Pfennig in die Hände. Sonst ist nichts gestohlen worden, auch aus dem Tabernakel nicht. Die Sakristei bietet ein Bild großer Unordnung. Auch auf dem 'Altar im Chor sieht es ebenso wüst aus. Der Tabernakel ist schwer beschädigt» Leuchter und Vasen liegen in wilder Unordnung umher. Die Sammelbüchse an der Krippe blieb .unbeachtet. I


