Samstag, 2(.Zanuar 1933
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhejsen)
Nr. 18 Zweites Blatt
schc Fähigkeit, daß er diese anerkannt und danach handelt. Üebersehcn werden aber kann Italien in Eens ebensowenig wie Ruhland. Ohne Italien ist vor allem aus dem Abrüstungsgebiete schlechterdings nichts Brauchbares zu erreichen. Das ergibt sich ganz von selbst aus seinem Verhältnis zu Frank reich, oder besser umgekehrt, aus der Stellung Frankreichs zu ihm.
So sind das zwei Außenseiter, die doch nicht ent behrt werden können, die sich in der Außenpolitik bisher nicht zueinander gesunden haben, so gut im direkten Verhältnis Italien—Ruhland die Bczn'hun- gen sind (Wirtschaftsvertrag, Dreieck Ruhland—Tür kei—Italien, usw.). Daß in dieser besonderen Position beide Staaten für die deutsche Politik sehr wesentlich sind, von ihr sehr stark benutzt wer den können, bedarf keines Wortes.
annähmen, daß die spinne nun auch so gut sieht. An Stelle der photographischen Platte haben wir ja im Auge die sog. Netzhaut, die sich im wesentlichen von der Platte dadurch unterscheidet, daß die Bilder immer sofort wieder verschwinden. Die Licht- reize erregen die in der Netzhaut sitzenden sog. 'stab» chen, die alle nebeneinander stehen und der ^Llnse nur die kleine Schnittfläche zukehren. Jedes Stäbchen ist von einer schwarzen Röhre umgeben, die es von den Nachbarröhrchen isoliert, und leitet die Lichteindrücke durch eine Faser der Sehnerven in das Gehirn. Nun wirken diese Stäbchen wie eine feine Rasterung, die wir ja von den Bildern in den Leitungen her kennen, je feiner die Rasterung ist, desto mehr Edelheiten kann man erkennen. Wenn aber z. B. ein Fleck nur so klein ist, dah sein Abbild nur auf ein Stäbchenende fällt — £ei emem Markstück ist dies beim Menschen auf 80 Meter der Fall —, so sieht er einfarbig aus, wenn er auch in Wirklichkeit aus verschiedenfarbigen Punkten zusammengesetzt ist. Nun hat das große 'Auge des Menschen natürlich sehr viel mehr stabchen als^das Spinnenauge, und daraus ergibt sich, daß aas Sehvermögen der spinnen etwa 400’ bis ZOOrnal schlech t-r ist als unseres. Die Spinnen sehen also nur aus ein Hundertstel der Entfernung ebensogut mir wir.
Dr. Homann hat dann noch weitere Versuche gemacht, indem er beobachtet hat, auf welche Entfernung z. B. eine Fliege von einer Spinne wahr- qenommen wird. Dabei hat es sich gezeigt, dah sie die Fliege schon auf eine Entfernung bemerkt, wo sie sie infolge des Baues ihrer Augen noch nicht als Fliege erkennen kann, sondern sie nur als Punkt sieht, dies aber nur dann, wenn sich die Fliege bewegt, wenn also das Bild des Punktes gewißer maßen über die Stäbchen eines Auges dahmwan- bcrL Dies beweist auch die Tatsache, daß sich die Spinne genau so verhält, wenn man irgendeinen anderen Gegenstand von Fliegengröße wie eine Fliege bewegt. Die Spinne kriecht dann allmählich näher und erlebt dann unter Umständen die Enttäuschung, daß sie sich geirrt hat, daß es diesmal nicht der gewünschte Fliegenbraten, sondern ein leider ungenießbarer Gegenstand war.
Wenn auch diese Untersuchungen keinen unmittelbaren Ausschluß darüber geben, wie größere Tiere, also, um im Beispiel zu bleiben, etwa Katzen sehen, so kann man sich doch eine Vorstellung davon machen, daß das Sehvermögen der Katzen zwischen dem der Spinnen imd unserem Sehen liegen muh, natürlich, schon. der Beweglichkeit der Katzenaugen
Schacher um Oesterreich
Anschluß oder Neutralisation"?
gleichgültig gegen alles, was im Wachen uns zu erregen vermochte. Der stark Ermüdete gleicht so mit seinem herabgesetzten Gefühlsleben einem Stumpfsinnigen. Unter Wahrnehmungsvermögen mindert sich, weil die Erregbarkeit der Sinnes- Zentren im Gehirn herabsinkt. Der Umfang des Be wußtseins verringert sich, die Verknüpfung der Vor ftellnngcn miteinander wird erschwert, |o daß sich die Vorstellungen vereinfachen und die Borstel lungskreise verengen. Es ist sehr schwer, sich in die sem Stadium des Einschlafens noch etwas gedacht nismäßig anzueignen ober auch bloß zu zählen. Mit der Abnahme der gefühlsmäßigen Reaktionen setzt der Zerfall unseres Selbstbewußtseins ein. d. h. jener in sich eng verbundenen Empfindungen und Vorstellungen, auf denen das Erlebnis des Selbst beruht. Unser Wahrnehmen und Denken wird unpersönlicher. Infolgedessen erhalten die Reize, die vom eigenen Körper ausgehen, eine größere Deutlichkeit als im Wachen, da sie als etwas Fremdes empfunden werden. Das ist für die Gestaltung der Träume von besonderer Bedeutung. Wir erleben uns selbst oder Teile unseres Leibes als etwas von uns Losgelöstes: und verstärkt wird dieser Eindruck durch gewisse Reize der Lage, durch die eine Art non dunklem Situationsgesühl erzeugt wird. Mit dem weiteren Fortschreiten des Einschlafens schwin bet die Fähigkeit zu jeder Selbstbeobachtung. Die Lewuhtseins-Auflösung dehnt sich weiter aus, und es stellen sich jene nebelschwadenähnlichen Der bunthmgen bes inneren Gesichtsfeldes ein, die dem liebergang zur völligen Bewußtlosigkeit voranzugehen pflegen. Bisweilen treten habet — als eine Art Vorstufe des Träumens — allerlei Sinnestäuschungen aus, meist in Gestatt bunter Figuren, sich wandelnder Bilder, fliegendex Vögel usw. Es werden auch Dinge gehört und gesehen, die in Wirk- lichkeit nicht da sind. Diese Bewußtseinsstörungen beim Einschlafen sind als Folge einer fortschreiten den Herabsetzung der Fähigkeit zu erklären, die Vorstellungen miteinander zu verknüpfen; sie bc ruhen darauf, daß die verschiedenen Hirnzentren nicht mehr funktional Zusammenarbeiten, sondern sich in ihren Betätigungen trennen und nur noch für sich tätig sind. Jedenfalls hören beim Einschlafen die seelischen Funktionen nicht gleichzeitig auf, sondern in einer ganz bestimmten Reihenfolge, die aber unter normalen Verhältnissen rasch ablauft» baß sie dem Einzelnen nicht zum Bewußtsein kommt. Erst hie Wissenschaft hat diese feinen Einzelheiten und Uebergänge ergründet.
Rußland undZtalien.
Außenpolitische Umschau.
Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der GeschiTFe an d.r i nmerfifät Äerlin
Der fernöstliche Streit im Völkerbund scheint einer Lösung zuzutreiben. Die Vorbereitungen zur Wettwirtschaftskonferenz plätschern wetter. In Gens treffen ferner alle wieder ein, die an der 2lb= rüstungskonferenz beteiligt sind. Blicken wir in dieser Derhandlungspause kurz auf Rußland und Italien und fragen wir, welche Positionen die beiden Staaten in dem Ringen der Großmächte einnehmen.
Rußland schloß am 31. Dezember den e r ft e n Fünf jahrplan ab. Die Frage ist falsch,gestellt, ob er gelungen ober nicht gelungen sei. Stalin hat in einer Rebe vom 7. Januar zu beweisen versucht, daß er vollkommen „erfüllt" worben sei, unb er hat bas Manko, bas auch er nicht leugnen kann, erklärt mit ber erzwungenen Ablenkung auf bie Kriegsindustrie -wegen der im fernen Osten drohenden Kriegsgefahr. Ader unbestreitbar ist, daß im Sinne seiner Bedeutung, ber psychologischen Wirkung auf bfe eigene Gefolgschaft, ber Plan nicht gelungen ist. Er hat keine Verbesserung ber Lebenshaltung gebracht, im Gegenteil. Ihm soll ein z w e i- ter Fünf jahrplan folgen, währenb doch schon vom ersten eine wesentliche Etappe für Glück und Behagen derer, für bie er bestimmt sei, versprochen war. Das mußte zu einem Rückschlag führen, den jeber Beobachter Ruhlanbs im letzten Jahre auch feststellen konnte: Die Lebenshaltung ist ohne Zweifel am Enbe bes ersten Plans viel schlechter als am Anfang, bie Ernährung sowohl wie bie Ausstattung mit Bebarfsartikeln, bereit Fabrika- tion bei weitern nicht bem Bebürfnis nachkommt. Die beiben schlechten Ernten von 1931 unb 1932, sowie die Kollektivierung haben biesen Zuftanb noch verschärft. Kurz: Enttäuschung und D e p r e f- 1 jon herrschen, die gewaltige Anspannung, der große (Elan, ber unter bem Fünsjahrplan vorhanben war, hat nachgelassen.
In seiner Rebe hat Stalin versucht, den Weg aus der Spannung zur Erleichterung zu finden. Indem er die Ernährung und die Stimmung der Arbeiter vor allem verbessern wlll. Ein großer, konstruktiver Gedanke war nicht darin. Im wesent lichen kam es daraus hinaus, daß die sogenannte Industrialisierung verlangsam i werden, daß der Mensch statt der Maschine mehr zu seinem Recht kommen, und baß eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion erzielt werden soll, indem die Agrarpolitik ruhiger werden soll und indem man das eigene Interesse des Bauern wachzurufen sucht. Es ist eine große Spannung da, unb ber Vergleich mit dem Frühjahr 1921 liegt nahe. Aber was Stalins Rede an Positivem bot, war nicht mit jener Wendung zu vergleichen, in ber bamals Lenin zur sogenannten „Nep" überging.
Die Opposition ist nicht gering. Aber wo sie sich zeigt, wirb sie rücksichtslos niebergemorfen, mit Beamtenabbau unb Parteisäuberung hält ber Diktator eifern bie Herrschaft in seiner Hand. Die Schwierigkeiten bes neuen Jahres sinb sehr groß, aber baß bas Regime Stalins dadurch irgendwie wesentlich bedroht sei, ist nicht zu sagen, jedenfalls nicht zu erkennen.
Das wieder bedeutet aber, daß bie Außenpolitik ber Sowjetunion unbebingt f rieblid) fein muß. Noch niemals ist zwar ber Fünfjahrplan so als Werkzeug ber Verteibi - gu n g, zum militärischen Schutze hingestellt worden, wie in Stalins Rebe, — eine beutliche Drohung an bie Abresse Japans, baß Rußland für einen Verteidigungskrieg vollkommen gerüstet sei. Einen Angriffskrieg aber will und kann es nicht führen, wie ja auch otalin in feiner Rede fein W o r t von der Weltrevolution gesagt hat. Eine Friedenspolitik verfolgt. Rußland, in der es auf (Erfolge zurückblicken kann. Es hat die Barriere der Nichtangriffspakte gegen die sogenannte Antisowjetfront ungemein ausgebaut. Es balanciert sehr geschickt zwischen den bedrohlichen Schwierigkeiten des fernöstlichen Konflikts hindurch, sowie zwischen
wegen, näher an unserem. Da die Augen der Katze beide nach vorn gerichtet sind, wird sie auch aus denselben Gründen körperlich sehen wie ber Mensch, freilich nicht so gut, weil ber Abstanb ihrer beiben Augen voneinander geringer ist als beim Menschen. Da ihre Augen kleiner sind als die menschlichen, müssen ihr bewegte Gegenstände infolge der geringeren Stäbchenzahl ihres Auges leichter erkennbar sein als stillstehende. Ein Pferd freilich, dessen Augen nach ber Seite gerichtet sinb, wirb roieber ganz anbers sehen; vor allen Dingen kann es nicht körperlich sehen, weil dazu zwei auf dasselbe Ziel gerichtete Augen gehören. Daraus läßt sich wohl auch die uns so oft merkwürdig erscheinende Furcht der Pferde vor manchen Gegenständen erklären.
Wir Menschen sind nur allzu leicht geneigt, die Sinneswahrnehmungen der Tiere mit unseren gleichzusetzen. Das ist natürlich ein Irrtum. Es ist eigentlich selbstverständlich, daß grundlegende Unterschiede bestehen müssen, denn dies sagt uns schon eine einfache Ueberlegung. Ganz besonders dankens wert ist es aber, wenn solchen Dingen auf den Grund gegangen wirb, wie es Dr. Homann getan hat, benn seine Untersuchungen geben uns ein klares Bilb barüber, wie bie Tiere sehen, wenn er sich auch nur auf bie Untersuchung der Spinnenaugen beschränkt hat.
Die kleine weiße Mi, die beim Diktieren dieses Aufsatzes auf meinem Schoß liegt, hat übrigens dem, was ich über die Katzenaugen geschrieben habe, durch lebhaftes Schnurren zugestimmt, und sie muß es ja schließlich doch noch besser wissen als selbst Dr. Homann.
Lieber das Einschlafen.
Die komplizierten Erscheinungen bei einem so alltäglichen Vorgang wie dem Einschlafen sind von dem Jenenser Psychologen Prof. Baegs genau studiert worden; er berichtet darüber in einem Aussatz ber „Leipziger Jllustrirten Zeitung". Man kann beim Einschlafen zwei verschiebene Stadien unter sckeiden: bas ber Mübigkeit unb das bes Bewußtseins-Zerfalls. Die Mübigkeit äußert sich in bem Gefühl abnehmender Muskelspannung, in einer zunehmenden Gliederschwere, besonders in den Bei nen, dann im Rumpf und schließlich in den Armen. Seelisch ist damtt eine Verringerung unserer Anteilnahme an den Vorgängen der Äußenwett verknüpft. Die Sinne stellen ihre Tätigkeit em, zuletzt ha? Gehör Wir werden allmählich ftumpr und
mit Drohungen unb wirtschaftlichen Druckmitteln beantwortet unb zerschlagen. Brianbs Paneuropa Projekt, Tardieus europäischer „Aufbauplan", Her riots „konstruktiver Plan", sie alle bienen bem glei chen Ziel: ber Anschluß soll verhinbert werben.
Es ist vor etwa zehn Jahren ein Buch erschienen, das sich „Die Verschweizemng Deutschlands" nannte. Es schilderte die Gefahren, bie ein Volk zu geroärti gen hat, das die Sicherheit seines Staates nicht mehr durch eigene Kraft gar an ti e r t, sondern die Wahrung seiner Ehre unb Um abhängigkeit ben umliegenben Völkern überläßt. Die Schweiz läßt sich jeboch bafür keineswegs als Musterbeispiel heranziehen, denn sie umsaßt drei Völker, deutsche, französische unb italienische Schweizer, unb sie hat sich überbies in ber Miliz eine Wehrmacht geschaffen, die durchaus in der Lage ist, ben Heimatdoben zu verteidigen. Dennoch muß auf die Entwicklung der deutschen Geschichte hin gewiesen werden, die seit etwa 600 Jahren einen Abfall seiner allen Stammesgebiete nach dem an dem vom Reich erlebt hat. Die deutsche Schwei., gehörte einstmals zum Reich. Noch im vergangenen Jahrhundert war dieses Reichsgefühl in Gottfried Keller und Konrad Ferdinand Meyer lebenbig. Flandern unb . bie Nieberlanbe gehörten ebenso zum Reich, wie Böhmen unb Siebenbürgen. All biefe Bastionen beutschen Volkstums sinb uns ent- roeber entrissen worben, ober aber sie wurden durch Schuld unb Schicksal bem Reich entfremdet. Jetzt versucht Frankreich, auch Oesterreich für immer vom Reich zu trennen. Ist Oesterreich erst einmal „neutralisiert" und hat das österreichische Volk'den Willen aufgegeben, gemeinsam mit dem Reich eigene nationale Geschichte zu gestalten, so ist Oesterreich endgültig für Deutschland verloren.
Es ist fein Geheimnis, daß der französische Senator 3 o u o e n e l in Rom mit dem Spezialaus, trag erschienen ist, Italien für diese Neutralisation Oesterreichs zu gewinnen. Italien jedoch hätte von einer solchen Neutralisierung nicht den mindesten Nutzen. Es würde von seinem Verbünde» ten Ungarn abgeschnürt unb würbe sich Deutschlanb zum ewigen Feinb machen. Aber auch bie Oesterreicher selbst hätten nur Scheinerfolge, wenn ber französische Plan verwirklicht würbe'. Anstatt immer mehr zu einer deut- scheu Brücke nach bem S ü b o ft e n zu wer» ben, würbe Oesterreich stagnieren und jebe innere Schwungkraft verlieren. D i e deutsche Außenpolitik hat auf ber Hut zu fein'. Ehe bie französischen Pläne greifbare Gestalt angenommen haben, hat Deutschland von sich aus in Rom, London, Budapest und Wien vorzubeugen. Denn aus die Dauer wird sich das roiebererftarhe Deutschland fein unter französischem Protektorat stehendes „neutrales" Oesterreich gefallen lasten.
Japan und Amerika, wobei nicht zweifelhaft ist, baß ihm bie Verbindung mit Japan unb die Anerkennung durch dieses am liebsten wären.
Darüber hinaus ist seine Außenpolitik vor allem Außenhandelspolitik. Gerade in ber Weltkrise ist es immer mehr ein bebeutenber Kunbe ber Inbustrielänber geworben. Es ringt um seine Han- belsbilanz. Es sucht auf bas äußerste seine Zah- lungsbllanz aufrechtzuerhalten, unb es will deshalb nicht nur kaufen, sondern auch verkaufen. Das erzeugt Schwierigkeiten im Handelsverkehr, die anderseits aber geringer werden, weil die Industrieländer alle ohne Ausnahme, selbst Länder wie bie Schweiz, größtes Interesse an biefem Absatzgebiete als einer noch nicht Jndustrielanb geworbenen Volkswirtschaft nehmen.
Die Friedenspolitik schließlich führt auch Rußlanb immer mehr unb offenbar ohne Wiberipruch von innen heraus nach Genf. An ber Abrüstungskonferenz arbeitet es mit. An der Weltwirtschasts- konferenz wird es das auch tun. (Es ist geradezu dem Völkerbund jetzt schon „attachiert". Sein Gewicht in der Weltpolitik ist, wie man in Genf sagt, „potentiell" nicht sehr groß. (Eine entscheidende Rolle in den Genfer Fragen, bie bie Zentralsragen Europas sind, vermag es nicht zu spielen. Aber übersehen kann man es nicht. Sehr charakteristisch weist ber Lytton-Bericht, also der Bericht einer D ö Iker- b u n b s kommission, immer roieber auf bie russischen Interessen an ber manbschurischen Frage hin. Man weiß in Gens, baß roeber Abrüstungsarbeit, noch Sanierungsbemühen für bie Weltwirtschaft einen Erfolg haben können, wenn Rußlanb braußen bleibt
Achnlich und doch auch anders ist die Position Italiens. Fünfzehn Jahre hat jetzt in Rußland ber Bolschewismus geherrscht. Zehn Jahre herrscht ber Faschismus in Italien, ber im Herbst 1922 mit bem Marsche auf Rom an bas Ziel kam. In e uer gewaltigen Ausstellung ber faschistischen Revolution in Rom ist bie (Erinnerung bar an unb ber Werbegang bes Faschismus bargestellt (Er hat unbestreitbar die Macht (Er ist nicht Reaktion, sondern ein neues politisches System, das wirtschaftlich auf bem Privateigentum ruht, aber bamit eine weitgehenbe staatliche Organisation ber Jnbusttie unb ber Arbeiterschaft uerbinbet (Es herrscht rote der Bolschewismus durch Gewalt und auch durch Schreckmittel. Er hat, im Gegensatz zum Bolschewismus, der Arbeiterschaft gegen früher bessere Lebensbedingungen gebracht. Er wird von außen nicht bedroht, ist im Innern stabilisiert unb kann sich also ausgestallen unb vertiefen. Er gipfelt anbers als ber Bolschewismus schlechthin in einer Persönlichkeit, bie immer größer unb staatsmännischer geworben ist Stalin ist nicht in bem Maße Diktator wie Mussolini, Mussolini ist es nur burch die Persönlichkeit, Stalin ist es als Persönlichkeit durch bie Partei.
Nun stößt ber Faschismus seit vier Jahren an die Wirtschafts krise: Defizit im Haushalt, Kampf um bie Hanbelsbilanz unb Währung, agrarische Not, alle bie Schwierigkeiten, bie bie Krise auch sonst tn (Europa gebracht hat. Das hat ben Faschismus weitergetrieben auf einer Bahn, auf der er von Haus aus nicht gehen wollte, bie ihm aber eigentlich vorbestimmt war. Er will nicht Staatskapitalismus unb nicht Staatssozialismus sein. Aber bieser Kor- poratiostaat hat Unternehmer unb Arbeiter staatlich organisiert, unb er sieht sich nun gezwungen, zur Bekämpfung ber Krise ber Staatsplan- wirtschaft näher unb näher zu kommen.
Damit meine ich bas soeben verabschiebete Gesetz über die Geneymigungspflicht für in - b u ft r i e 11 e Neuanlagen, bas ein Wendepunkt in ber Wirtschaftspolitik bes Faschismus ist. Jetzt greift ber Staat in bie Wirtschaft unmittelbar ein, jetzt geht er zur Kontrolle ber Probuktion über, indem er die Kreditoerteilung an die Produktion unmittelbar in bie Hanb nimmt. (Er hatte schon befonbers bie Banken gestützt. Er ist baruber in Finanzschroierigkeiten gekommen. Er beginnt nun eine Kontrolle über die Produktionsanlagen: jeder weitere Ausbau ist von der Zustimmung ber Re qicrung abhängig. Damit beginnt ber Musfolmische Staat die Wirtschaft selbst planmäßig zu ordnen unb zu regulieren. Wenn bie Krise sich bald hebt, tann bas rückgängig gemacht werben. Da dafür die
Wie sehen Tiere?
Äon Karl Ammon.
fJladjbriuf verboten.)
Zunächst muß ich ein Gestänbnis ablegen: Ich bin mit Liebe zu Katzen unb Kenntnis der Äaßenjcele behaftet; aber ich kann nichts bafür, benn bas ist eine erbliche Belastung von meinem Vater her. Wenn man nun solche Viere lieb hat, so beobachtet man sie. Dabei ist es mir nun oft aufgefallen, bah die Kietzen offenbar ganz anders sehen als mir Menschen, unb daß ihnen vor allen Dingen eine gute Fernsicht abgeht und sie auch in der Nähe hauptsächlich bewegte Sachen erkennen, während sie unbewegliche oft merkwürdig schlecht sehen.
Diese Frage über bas Sehen der Tiere bewegt offenbar auch andere Leute, wenigstens findet sich in den neuesten Zeih-Notizen, der Hauszeitschrift der Zeihwerke in Jena, ein sehr belangreicher Aufsatz non Dr. H. Homan n von ber Fachschule für Feinmechaniker in Göttingen über bas Sehen ber Spinnen. Dieser Aufsatz ist deshalb so ausschluh- ruid), weil er nicht nur von theoretischen Betrachtungen ausgeht, sondern bie Frage auf Grund sehr eingehender Versuche und Untersuchungen beantwortet
Eine Spinne hat gewöhnlich acht Augen, unb zwar sind diese Augen nicht beweglich wie unsere, da bie Linsen lebiglich aus halbkugelförmigen Vorwölbungen ber Körperhaut über ben zlugenoffnun- gen gebildet werben. Diese Körperhaut besteht aus Chitin, also aus bem Stoff wie bie slugeldeckel bes Maikäfers, ist also sehr hart unb wiberstanbssahig. Das ist natürlich für die Spinne sehr angenehm; ober da nicht alles Gute immer vereinigt ist, so hat die Sache für die Spinne auch ihre unangenehme Seite: Die Haut kann nämlich ebensowenig wachseii, wie dies die Anzüge unserer Kinder tun können, unb so muß eben die Spinne ihre Haut, wenn sie ihr zu eng wird, ausziehen und sich eine neue bilden. Mit dieser Haut wirft sie nun auch die Augenlinsen av, fo bah man biefe bequem untersuchen kann Man kann z. B. hinburch photographieren ober @egen= stäube durch diese Linsen betrauten. Dabei sieht man, dah diese Linsen, obwohl sie meistens mir wenige Zehntel Millimeter groß sind verhallms- xinähia gute Bilder ergeben, die allerdings nur in bvr Mitte scharf, an ben Rändern aber verschworn- "Mun"märe es aber eine Täuschung, wenn mir
Als im vergangenen Sommer ber von Frankreich unterstützte Völkerbunbskrebit an Oesterreich nur gegen die Zusicherung gegeben wurde, auf mindestens 20 Jahre jebe Anschluß- propaganba zu unterlassen, unb als ber beut sche Vertreter in Gens burch seine Stimmenthaltung nicht für unb nicht gegen diesen bedenklichen Kredit stimmte, blieb es in Deutschland merk- würdig still. Damals schwebten gerade die Regie rungsoerhandlungen auf Einbeziehung der Nationalsozialisten in bie Reichsregierung. Unb well einem krisenerschütterten Doll bas innenpolitische Hernb näher ist, als ber außenpolitische Rock, würbe kein Mensch in Deutschland gewahr, baß burch bie- ses ftrebitabtommen jene Zwangsjacke um Deutschlanb, beren einzelne Teile mit ben Namen ber Pariser Dorstabtsriebensbiktate beschriftet sinb, um eine Knopfreihe enger gelüpft würbe. Heute schweben bie innenpolitischen Verhanblungen in Deutschlanb immer noch, parlamentarisches Hin unb Her, Reichstagsneuwahlen in Aussicht, Regierungskrisen; wer von ben Deutschen, bie Politik nicht berufsmäßig betreiben, hat ba noch Zeit, nach Südosten über die Grenze zu schauen und die Nöte des österreichischen Volkes als deutsche Nöte zu empfinden? Und doch geht es bei allen österreichischen Fragen unmittelbar um das Reich selbst.
Nach wohlunterrichteten italienischen und englischen Zeitungen, die chrerseits von den jeweiligen Außenministerien informiert fein dürften, erwägt die französische Regierung gegenwärtig den Plan, Oe st erreich auf ewige Zeiten zu „neutralisieren" und diese Neutralität vom Völkerbund garantiere n zu lassen. In Rom unb Lonbon will man wissen, bah bereits in brei Hauptstäbten Verhanblungen über biefe Neutralisation im Gange seien unb bah bie beseitige österreichische Regierung bereit bei, bem Plan naherzutreten, wenn Oesterreich bie gleichen Rechte der Neutralität garantiert werben mürben, wie sie bie Schweiz seit ber Mitte bes vergangenen Jahr- hunberts besitzt. Der Kern bieses französischen Planes ist klar: ber Anschluß Oesterreichs an das Deutsche Reich soll für immer verhinbert werben. Dieses Ziel ist eines ber ©runbprobleme französischer Außenpolitik feit ber Zerschlagung bes alten Habsburger Reiches. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, durch dessen Versprechen und Zusage an die mitteleuropaifchen Völker innerhalb der Donaumonarchie man den Krieg gewann, wird mit Füßen getreten. Aus einer geradezu hysterischen Furcht vor einer Erweiterung bes deutschen Lebensraumes und einer Verstärkung der deutschen Volkskraft hat man in den Diktaten von Versailles und St Germain ausdrücklich das Anschlußverbot ausgesprochen. Jedes Genfer Anleiheprotokoll hat dieses Verbot besiegelt und bestätigt. Jeder deutsche Versuch, zu einer gemein famen Zollunion mit Oesterreich zu kommen, wurde
Wahrscheinlichkeit nicht groß ist, wird die Lahn weiter beschritten werden zur staallichen Planwirtschaft schlechthin.
Das Verhältnis zur Kirche ist in den bekannten Verträgen geregelt, aber damit noch nid)L_enbgültig geordnet. Die eigene äußere Politik im Sinne der Ausdehnung liegt still. Italien kann tatsächlich ^einc expansive auswärtige Politik nicht führen. Sein Gegensatz zu Frankreich lähmt es und hat bisher nicht behoben werden können. Koloniale Erfolge sind Mussolini nicht beschieden gewesen.
Daher ist seine Position in Genf etwa wie die Rußlands, ja beinahe geringer, trotz ber größeren „potentiellen" Macht Italiens. (Eine besonders aktive Mitarbeit in der Stbrüftungsfrage ober in ber Wettwirtschaftskonferenz ist ebensowenig vorhanben, wie ein erfolgreiches Dorwärtstreiden ber Revisionspolitik. Das hat seine bestimmten zwingenben Grünbe, unb es spricht für Mussolinis ftaatsmänni-


