Ausgabe 
20.12.1933 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 298 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzelger für Gberheffen) Mittwoch, 20. Dezember 1933

Auf den Spuren des alten Aeneas.

Interessante Ausgrabungen im Lande der Skipetaren.

Von unserem K -Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Santi Quaranta (Albanien), im Dezember 1933.

Reichen sich auch im heutigen, aufstrebenden Kö­nigreich Albanien Gestern und Morgen aus Schritt und Tritt die Hande, berühren sich auch die alte und neue Zeit manchmal recht eigenartig hier Schafherden, von malerisch gekleideten brau­nen, kriegerischen Gestalten gehütet, dort Auto­straßen und Flugzeughallen so fühlt sich der Weltenbummler des 20. Jahrhunderts doch etwas befangen, wenn ihn aus Ruinen erblühtes neues Leben urplötzlich an den dritten Gesang des alt­römischen NationaleposSleneis" erinnert Wie schrieb Virgil?

Dann Epirus Geftad umfahren wird, gehen hinein dann in Öen chaonischen Ford und nahn der erhabenen Buthrotos."

Unweit vom Hafen Santi Quaranta, am Ufer des Vivarisees, im südlichsten Teil Albaniens liegt der Schauplatz der Aeneide: Butrinto, anno dazu­mal Buthroton genannt. Hier erfuhr der Schicksals­fahrer Aeneas, der nach Trojas Zerstörung mit den geretteten Göttern umherirrt, daß Helenus, Sohn des Priamus, der Städte Gebieter fei, und mit Andromache, der Witwe Hektors vermählt. Von Sehnsucht erfüllt, Andromache wiederzusehen, findet sie Aeneas auf einem Grabhügel ...

Ja, auf einem malerischen Hügel liegt hier But­rinto vor unseren Augen. Der Blick weidet sich an Berg, See, weiter Ebene, blauem Meer und leuchtendem Korfu wundervolle Sympho­nie der Natur und schweift dann ab, zurück in urgraue Vergangenheit.

Albanien hatte schon vor Jahrtausenden bedeu­tende Kulturstätten gesehen und war der Schau­platz historischen Geschehens gewesen. Vor über 3000 Jahren faßen hier die Vorfahren der heuti­gen Albaner, die Illyrer, ein indogermanischer Stamm, der seine Herrschaft bis weit nach Mittel­europa hinein, über den Großteil des heutigen Oesterreich, zum Baltikum und nach Thüringen, so­wie fast über den ganzen Balkan ausdehnte. Spä­ter herrschten hier die Griechen, Römer, die Herren von Byzanz, die Hohenstaufen, die Normannen, Neapel, Venedig und die Türkei. Keiner'von ihnen konnte sich halten; geblieben ist nur das Volk der Albaner, das, stark und bodenverwurzelt, an alter Sitte und altem Brauch festhaltend, alle Fremd­linge durch die Jahrhunderte überlebte, bis endlich der Tag der Unabhängigkeit und Freiheit kam.

Und jetzt, wo der albanische National­staat einer neuen Entwicklung entgegensteuert, geht er auch daran, die längstentschwundenen, verschüt­teten Kulturstätten, und somit die Geschichte der Antike ans Tageslicht zu fördern.

So entstanden neu Apollonia, die Stadt der Wis­senschaft, in der Macenas und Pompejus dem JBorte erleuchteter Lehrer lauschten, sowie Phoeuike mit einer Akropolis, die siebenmal so groß an Um­fang ist als die von Athen und nun Butrinto- Buthroton, der Schauplatz der Aeneide, dessen Bild die albanischen Briefmarken schmückt.

Diese historische Stätte dem Dunkel der Verges­senheit zu entreißen, war eine große und lohnende Ausgabe. An der Spitze einer italienischen archäolo­gischen Mission schlug Professor Luigi M Ugo - (i n i bereits im März 1928 seine Zelte auf und hat in jahrelanger Arbeit geradezu Gigantisches ge­leistet. Außer dem Tor, durch das Virgil Aeneas in die Stadt eintreten läßt, dem Skäischen Tor Ilions nachgebildet, legte der Ausgrabunasleiter noch ein zweites monumentales Tor frei, geschmückt

Schelsgasse 23

X3on Mane öter«

Kennt ihr in der Schelfgasse das alte Fachwerk­haus mit dem spitzen Giebel, das über der Haustür eine verschnöckelte Inschrift trägt? Wenn ihr euch davor stellt und eine Weile herumstudiert, dann habt ihr heraus, was dort steht. Johann Elling­sen und Frau Anna Margarete Borwiek. Im Jahre des Herrn 1685. De Herrgott het bat Handwerk leim, drüm stecht dat fast int Weltgedeiw.

1685, alte Brandenburger Zeit Das Schild ist noch da, daneben ein abgebrochener schmiedeeiserner Arm. Kann sein, der hat einmal bas Zeichen ber Zunft, ben großen Stiefel gehalten. Weg, verschwun­den. Wetter und Zeit haben ihn. gefressen. Aber rechts im Kellergeschoß ist noch eine Schusterei, eine elende kleine Flickschusterei.

Wenn du dir über so etwas keine Gedanken machst und die richtige Großstadteile hast dann geh nur schnell weiter, dann hat dir Nr. 23 gar nichts zu erzählen. Da drüben, die Schelsgasse hin­auf, zweite Querstraße, bist du schon am Richarb- platz, da kommt das große herrliche Warenhaus, falls Du etwa neue Schuhe brauchen solltest.

Aber vielleicht hast du etwas in dir, was dich lockt und zieht, das steile Kellertreppchen hinunter ja, was meinst du, da steht am weißen Porzel- landschild an der Klingeltür noch einmal genau der­selbe Name, den du über der stolzen Haustur müh­sam aus den altmodischen und uorroorrenen Schnör­keln herausgelesen hast: Johann Ellingsen, *Sd)uh= machermeister. Aber der fromme Spruch und ber Name ber Frau fehlen, die sind ,a auch schon Da, ein paar Schritte links über der großen Haustür. Gelten die etwa n ch?

Kling und kling sagt die kleine Turschelle. Es klingt knapp zu und ein bißchen trotzig, wie: also du hast wirklich die Güte, hier herunter zu kom­men. Und: aber denke nicht, daß wir uns schämen, weil wir bloß eine kleine Flickschusterei sind.

Das sagt die kleine trotzige Türschelle, und dann stehst du unten, da ist es dämmrig, und alte Schuhe liegen da, und tatsächlich am Fenster rechts, wo das Licht von oben herein fällt, ist noch eine richtige Schusterkugel, und davor sitzt eine alte gebückte Frau mit einem weißen Kopf, und hat das Hammeriem In ber Hanb unb klopft unb rounberl sich, was ihm ba bie Menschheit für leichtes schlechtes Zeug zum Flicken gebracht hat, bas sich nur zum Spott einen Leberschuh nennt. Aber links am Fenster sitzt ein Junger, der zieht den Pechdraht sieht nur eben auf und ruft zum Verschlag:Lisel, ein Kunde."... , r .

Steht da ein blitzblondes Madel so lichthell im Raum, als hättest du nach draußen die Tur auf-

durch einen Löwen, der sich auf einen Stier stützt. Ugolini nennt es daher dasLöwentor".

Sehr gut erhalten ist in all seinen Einzelheiten das Theater. Die Orchestra und der Zuschauerraum, dessen Stufen sich zum großen Teil in guter Be­schaffenheit barbieten, sind berälteste" Teil: Ihr Bau würbe im 4. Jahrhunbert o. Ehr. begonnen unb im 3. Jahrhunbert beenbet. Die Szene hin­gegen ist ein römischer Bau aus ber Frühzeit bes Kaiserreiches. Sie ist außerordentlich interessant: Man sieht den Platz, auf dem die Ak­toren ihre Stücke aufführten, unb bas Proszenium ist mit Nischen ausgeftattef. Auch ber gut erhaltene Hintergrunb enthält sechs große Nischen, bie für bie Ausnahme von Statuen bestimmt waren, unb eine Rune zeigt beutlid) den Ort, an dem der Vor­hang zusammengerollt lag, ber von unten hinauf­gezogen wurde

An einer Stelle des Hintergrundes find die Orte zu sehen, an denen Donner und Blitzerzeugt" worden sind, wenn Jupiter alsdeus ex machina" auf der Szene erschien. An den Seiten der Szene befinden sich zwei Zugänge, durch die die Chöre die Orchestra betraten; zwei andere vermittelten bas Auftreten berSolisten" Inmitten ber großen Szene würben fünf Statuen gefunben, von benen drei sich in recht gutem Zustand befinden. Unter diesen ragt durch außerordentliche plastische Schön­heit ein Marmorkopf hervor, ber zu einer weib­lichen Statue mit wallenbem Gewanb gehört. Nach Professor Ugolinis Meinung weisen viele Anzeichen barauf hin, baß es sich um ein Werk bes P r a x i - t e l e 5 hanbelt. iKönig Zogu I. hat biefeGöttin von Butrinto" Mussolini zum Geschenk gemacht.) Ein gleichfalls hier gefunbenes Haupt bes Aeskulap weist klar auf bie Schule bes Phibias hin.

Von größter Bebeutung unb kulturhistorischem Wert ist bie Menge guterhaltener Schriften aller Art: Verträge über Bünbnisse mit anberen Stäbten, Dokumente über Ernennungen von Konsuln, Frei­lassungen von Sklaven unb anberes mehr

Aus römischer Zeit würbe neben bem Theater ein Bab mit Mosaikfußboben freigelegt, ein Sank­tuarium bes Aeskulap, in bem mehrere Bilbwerke aus Stein gefunben würben. Aus spätkaiserlicher Zeit stammt ein Baptisterium, in Runbsorm ge­halten, bessen Dach von sechzehn Granitsäulen ge­tragen wird unb besten rounbernoller vielfarbiger Mosaikfußboben eine Sehenswürbigkeit für sich bar­stellt. Unter ben übrigen, sehr zahlreichen Bauten wäre eine mittelalterliche Kirche hervorzuheben. In einem Hain von Lorbeer- und Oelbnumen thront auf der Akropolis bas venezianische Kastell.

Auch bie Nekropole von Buthroton würbe frei­gelegt. Sie enthält Grabstätten von ber hellenischen Zeit bis zum Beginn bes 19. Jahrhunberts!

Auf bem kürzlich in Bari abaebaltenen Kongreß ber wissenschaftlichen Gesellschaften erstattete Pro­fessor Ugolini ausführlichen Bericht über seine Ausgrabungen unb wies barauf hin, baß biefe, außerorbentlich reich an Ergebnissen aus Vor- unb frühgeschichtlicher, griechischer, römischer, byzanti­nischer unb türkischer Zeit, eine wenig bekannte Gegenb unb ihre Geschichte erschlossen haben

Professor Ducati von ber Universität Bologna erklärte hierauf, bie Ausgrabung non Buthroton, für bereu Ermöglichung ber albanischen Regierung, bzw. dem königlichen Führer des albanischen Vol­kes der Dank b^r ganzen Welt gebühre, sei ein Symbol ber ®iebefgeburt Albaniens, über bem noch vor einigen wenigen Jahren bie Nebel besMysteriums" lagen unb bas nun feinen Platz unter ben Kulturstaaten erobert habe

Das hot schon -feine Richtigkeit. Würbe Albanien gestoßen, unb es käme etwas herein, was gar^ nicht ba ist auf ber Straße, ein blauer Himmel voll Sonne, unter bem ein Kornfeld wogt, und ein Feldgeruch streicht über bas muffige Leber hin. Aber es ist gar kein Möbel, es ist eine Frau, ber hinter bem Verschlag schon ihr Jüngstes nachbrüllt, unb bu hast bas ganze Familienbild ber heutigen Ellingsens beisammen

Sagen Sie mal", stotterst du ein bißchen ver­legen, denn du wolltest deine Schuhe doch nicht etwa hier kaufen in der kleinen Flickschustereiich kam nur herein der Name über der Haustür und der hier auf dem Porzettanschild sind doch dieselben, und da"

Die alte Schusterin hebt den Kopf hoch, blinzelt her an der glänzenden Schusterkugel vorbei, es ist als hebe sich ein verborgenes Leben aus den hun­dert Runzeln, die zum Teil scharf wie kleine Grä­ben laufen

Ja," sagt sie,der Name bas ist unser Name immer noch, wir haben ihn in Ehren getragen burch viel hunbert Jahre. Mein Sohn ba, ber heißt wie­der Johann, unb ber Lütte, ber ba hinten bölft, ber auch, unb ber wirb unser Hanbwerk weiter führen, wenn wir alle tot sind. Jawoll " Nun kommt es daraus an, ob bas, was in biesem Raume vor- qeht bir etwas sagt ober nicht Es muß bir boch auffallen, daß hinter ber Schusterkugel eine alte Frau sitzt unb bann ber Name, ber festgehalten ift samt bem Beruf burch bie Jahrhunberte hin, wie es bie Abligen nicht besser konnten. Aber bie Adligen hatten Macht unb Gelb unb bie allgemeine Ehrfurcht immer an ihrer Seite

Ob sie es bir erzählen werben, ba unten im Schusterkeller, weiß ich nicht. Du mußt schon eine sehr feine unb hartnäckige Art haben, wenn bu sie bazu bringen willst. Denn gesprächsam sind sie nicht, und sie haben gar keinen Drang in sich, zu Groß­städtern, die immer Eile haben, von ber Geschichte zu sprechen, bie biefes Haus in sich birgt. Unb so ift es wohl möglich, baß bu halb mieber oben stehst, noch ein wenig verlegen unb benommen, aber boch schon ber zweiten Querstraße zustrebenb, ba bu noch eilige Besorgungen hast, bie sich am besten in einem Warenhaus erlebigen lassen.

Aber ob auf biesem Wege nicht noch etwas mit dir zieht, neben bir herschreitet, Deinen Arm faßt mit sonberbarer Gewalt.

Volksgenosse, du hast soeben ein Stücklein Welt­geschichte gesehen, bas noch in keinem Geschichtsbuch verzeichnet steht, aber etwa mehr Recht bazu hätte als viele Kriegs- unb Dynastenberichte. Du schaust ben sichtbar und durch den allgemeinen Glauben be- ftätigten Sieg der Maschinenwelt über die stille, scheinbar versinkende Welt des Handwerks. Diesen offensichtlichen Sieg hast du begriffen, dich jitfrie«

nicht seit neun Jahren von seinem König nach jeder Richtung hin so zielbewußt geleitet, daß es alle Unterlassungssünden vieler Jahrhunderte in er­staunlich kurzer Zeit durch tatkräftigen Ausbau im Staats-, Wirtschafts- unb Kulturleben wettmacht, wäre es wohl niemals bazu gekommen, bas bis­her nur aus bem Epos Virgils bekannte alte Buthroton ans Tageslicht zu förbern.

Diese Kulturtat trägt aber ganz gewiß ihre Früchte. Butrinto wirb sicherlich halb zu ben gro­ßen Schauwürbigkeiten aller Weltenbummler zäh­len, bie sich für bie Antike interessieren. Um so mehr, als neue Hafenanlagen, zeitgemäße Auto­straßen unb gute Flugverbinbungen nicht unwesent­lich bazu beitragen, sowohl basantike Alba­nien" als auch basreformierte" Albanien für bie ganze Welt zuerschließen". Eine Reise nach dem dereinstexotischen" Lande der Skipetaren ist heute keineExpedition" mehr, sondern eine unbeschwerte Vergnügungsfahrt ...

Oer Philosoph Hans Vaihinger 1*.

Geheimrat Professor Dr. D. h. c. Hans Vaihin - g e r, der berühmte Philosoph besAls ob", ist im Alter von 81 Jahren in Halle geftorben. Vai - hinger würbe am 25. September 1852 in Nehren bei Tübingen geboren. Er stubierte in Tübingen, Leipzig unb Berlin Philosophie unb ließ sich 1877 als Privatbozent in Straßburg nieder, wo er 1883 a. o. Prof, wurde. Schon Ende der 70er Jahre entwarf er in Straßburg die Grundzüge seiner Philo­sophie des Als-Ob", die seinen Namen später in aller Welt bekannt machte. Doch behielt er bas Ma­nuskript, unablässig am Ausbau seiner Lehre arbei­tend, 35 Jahre lang im Schreibtisch. In Halle er­warb er sich als Kantforscher einen großen wissen­schaftlichen Ruf, schrieb den gründlichsten, aber un­vollendet gebliebenen Kommentar zurKritik ber

reinen Vernunft", gründete die ZeitschriftKant- ftubien" (1896) unb 1904 die Kantgesellschaft, Die heute 5000 Mitglieder umfaßt. Ein schweres Augenleiden, das schließlich zur völligen Erblindung führte, zwang ihn, feine Lehrtätigkeit aufzugeben.

und nun konnte er sich endlich der Herausgabe sei­nes Lebenswerkes, derPhilosophie bes Als-Ob", widmen, die 1911 zuerst erschien. Vaihinger lehrte hier, daß unser gesamtes Denken fiktiv, unser Vorstellungswelt nur eineAls-Ob-Welt" ist. Die während des Krieges gewonnene Einsicht von ber Relativität aller menschlichen Begriffe bereitete Vai- pingers Werk einen befonbers günstigen Boben. Vaihinger.war ferner Begrünber unb Herausgeber ber Annalen ber Philosophie" unb berBausteine zu einer Philosopie bes Als-Ob", in benen fein Werk weiter fortgeführt wird.

Aus Der provinzialhaupistsdi.

Oer Wald kam in die Stadt.

In Höfen und auf freien Plätzen stehen nun die Weihnachtsbäume, große und kleine, schlanke unb breit gewachsene. Sie bringen uns ben beutschcn Walb in bie Stabt.Mitten im kalten Winter."

Wir grüßen bich, bu grüner Tannenbaum aus bem beutschen Walb! Noch stehst bu ohne jeben Schmuck, scheinbar verlassen unb einsam ba, in einer fremben Umgebung. Du hörst nicht mehr bas Rau­schen beiner hohen Nachbarn, kein Reh verbirgt sich hinter beinen bichten Zweigen. Mitten aus Der Reihe beiner Kameraben würbest bu herausgerissen, um nun ber Mittelpunkt bes schönsten Festes zu sein. Aber bu bringst uns Freube ins Haus unb löstest unsere Herzen höher schlagen. Wir banken bem beutschen Walb bafür.

Der beutfche Walb! In seinem Schatten lebten unsere Vorfahren. Er schützte sie vor ben Feinben. Unb auch heute lieben wir ihn noch, ben beutschen Walb. Dort beim Rauschen ber Bäume, beim Mur­meln bes schmalen Bächleins würben bie herrlich­sten Sagen, bie schönsten Märchen geboren. Sieg- frieb kämpft mit bem Drachen im Walb, unb an einer Walbguelle fällt er von Mörberhanb. Hänsel unb Gretel, Rotkäppchen, Schneewittchen unb viele vertraute Mörchengestalten finb mit dem deutschen Wald verwachsen, ohne ihn nicht denkbar. Im Eichenhain verehrten die Germanen ihre Gottheit, mitten in den Wald bauten die christlichen Mönche ihre Kapellen. Wir können ohne den Wald nicht leben, im Sommer nicht, aber auch im Winter nicht.

Noch einige Tage, und wir zünden die Kerzen an Wir feiern bas beutscheste Fest, bas Fest ber Liebe. Da barf ber Walb nicht fehlen. Wenn bann die Kinder zu Bett gegangen sind und ein leichter würziger Harzduft das Zimmer füllt, schläft ganz leise jede Unterhaltung ein. Wir berühren die grü­

nen Zweige, unb beim Anblick des Tannenbaumes träumen wir vom deutschen Wald, von unserem geliebten deutschen Wald! 1<-

Volksdeu sches Deihnacktöttchi

Das schönste Fest der Deutschen naht heran. Ge­rade bei diesem Fest der Liebe fühlt sich das ganze deutsche Volk als eine große Familie. Mit seinen schlichten und schönen Brauchen vereinigt es sich mit allen deutschen Volksgenossen in ber Welt unter bem Lichterbaum bes Friebens unb ber Gemeinschaft. In dieser Stunde der Besinnung wollen wir uns über den Kreis unserer engeren Familie daran erinnern, daß mir eine große Volksdeutsche Familie find. .

Wir müssen gerade im Kerzenglanze des Frie­dens daran denken, wie hart und leidenschaftlich rings um unsere Grenzen unb fast überall draußen, wo Volksgenossen wohnen, ber Kampf geführt wirb. Ein Kamps, ber gerabe um die Erhaltung unserer Wesensart, unserer tiefsten und letzten seelischen Güter geht, wie sie in der deutschen Weihnacht sicht­bar werden. Die traurigen Ereignisse in Graubenz, die ben Dpfertob zweier ooltstreuer beutscher Män­ner zur Folge hatten, haben uns erst kürzlich wie- ber den Ernst des Kampfes zum Bewußtsein ge­bracht.

Zum Gedenken an diese kämpfenden und dulden­den Volksgenossen, zum Gedenken vor allem an bie büftere Schattenreihe ber im Volkstumskampf ge­fallenen Märtyrer soll in biesem Jahre an jebem Weihnachtsbaum eine besondere Kerze brennm. Wenn am Heiligen Abend der Weihnachtsfriede sich herniedersenkt, bann soll diesesVolksdeutsche Weihnachtslicht" in stillem warmen Glanz hinausleuchten rings in bie kalte Welt, in der unsere Volksgenossen draußen um ihr Dasein zu kämpfen haben. Dieses Weihnachtslicht soll an seinem Teil

den ober mit einigen kleinen Sentimentalitäten ba hinein gereiht.

Aber hast bu ba unten in der kleinen Flickschusterei nicht noch etwas anderes gesehen? Gar etwas, das diesem flachen Schein widerspricht? über ihn triumphiert?

So laß dir von mir erzählen, wie die Geschichte mit den Ellingsen war.

In der Zeit nach dem dreißigiöhrigen Kriege, als aus Schutt und Trümmern sich die unzerstörbare Urkraft deutschen Geistes und Lebenswillens erhob, halb der Große Kurfürst einem seiner treuen Lands­knechte, dem beide Füße abgeschossen waren, sich hier eine Schuhmacherwerkstatt errichten. Damals bestand bie ganze Stabt nur aus einem Häuflein Brandstätten unb stehen gebliebener Mauerreste. Da hat hier schon bas Schusterhömmerlein in ber rau­hen Hanb eines Johann Ellingsen geklopft Unb wie ber Invalide sich zum letzten Schlafe streckte, übergab er sein Hömmerlein, seinen Pechdraht und fein Leder dem ältesten Sohn JaHann

Es ist damals ein alter Pastor gewesen, an der Schelfkirche, der hat alles säuberlich aufgesetzt unb eingetragen, was sich in seiner Gemeinbe zutrug. Unb er hat bie anfangene Chronik von biefer Stabt, bie sich mit so zäher, schier übermenschlicher Gewalt aus bem Schutt emporrang, feinem Nachfolger hinterlassen, wie ber alte Johann sein Gewerbe bem Sohn. In biefer Chronik hat auch bie Geschichte ber Schusterwerkstatt ihren Platz gefunden.

Sie haben nicht immer ihr trocknes Brot gehabt, die Ellingsens, aber ihre großgehungerten Jungens haben sich als selbstverständlich in das väterliche Gewerbe gestellt. Denn sie hatten alle ein Stück von dem Alm mit den abgeschossenen Füßen und ber Ahnin Anna Margarete Borwiek, bie ihrem Mann bie Schusterei abgeguckt unb sein bester Geselle gewesen ist in schwerer Zeit.

Nicht alle Frauen bes Hauses haben geschustert, im nächsten Jahrhunbert hatten sie es schon nicht mehr nötig. Der alte Fritz hat Bestellungen für feine Grenabiere in ber Werkstatt gemacht, das Haus ift aufgeblüht, und in ber Franzosen zeit saßen sie hier schon als Patrizier. Aber ber Segen ist nicht von ihnen genommen, benn trotz bes lang­samen unb bann raschen Nieberganas vom Enbe bes 19. Jahrhunberts an, als bie Maschine kam, ist ber alte Geist mit wenigen Ausnahmen bem Geschlecht erhalten geblieben.

Es war kein Privatschicksal, bas sie traf, es war Weltenschicksal, Weltenkampf. Die Maschine, die Er- löserin unb Helferin sein sollte, wurde zur Der- berberin. Was ben Blinben zweier Jahrhunderte als Naturgesetz erschien, war ein schwarzes Bünd­nis zwischen Unfähigkeit und Schuld.

Denn die Machthaber aller Völker fonnien und wollten nicht bas rocltüberroinbenbe Geheimnis ber

lebenbigen Wirtschaft, der Synthese von Handwerk unb Maschine finben. Sie mußten bas eine ver­nichten, um bas anbere zu förbern. Sie mußten bas eine verachten, verlachen unb erniebrigen, um Der Menschheit bas anbere als Fortschritt unb Kultur anzubieten.

In faufenbem Siegeszuge, Quellen verschüttend, Leben zertretenb, aber Glanz unb Glätte schaffend, zog die Maschinenwelt herauf. Ohne Ueberliefcrimg und mit einer Zukunft, die ins Leere stieß Die ihre eignen Rätsel und mörderischen Verschlingung.n nicht mehr zu lösen vermochte. Ohne die Poesie, dies Schöpfergeheimnis, bas aus ber ewigen Stille steigt.

In ber kleinen Flickschusterei sitzt roieber eine Frau hinter ber Schusterkugel, feit vierzig Jahren nun. Als ihr Mann in bitterster Notstände starb, als das Haus ber Ellingsens von einem sremb- raffigen Käufer übernommen mürbe, ber es voller Mieter pfropfte, hielt bie Witwe ben Kellerraum für bas alte Gewerbe, für ben stolzen Namen fest.

Ihr Name steht nicht an ber Tür wie ber ihrer tapfren Ahnin, aber er wirb einmal in der Chronik stehen müssen, wenn auch diese wieder aus der Ver­wahrlosung gezogen wird, ber sie verfiel unter bem Wehen eines Geistes, ber nie an bie Quellen bes Lebens stieg.

Aber sieh bu magst jetzt bem Richarbplatz zustreben, um bir bort ein paar feine Schuhe zu erstehen, um glatt, unpersönlich unb in zweckmäßi­ger Eile bebient zu werben laß bir sagen: Der Einbruck aus bem alten Schusterkeller, ber bich nur flüchtig streifte, weil bu gern irgenb einer Alter­tümelei nachgehst ber wirb binnen kurzem zur neuen jungen, herrlichen Wirklichkeit!

Denn hier wacht bie beutsche Poesie, bie sie längst tot glaubten, hier webt bie unzerstörbare Kraft und ber Zauber ber beutschen Seele, bie aller mechcmi- fierenben Knebelung lachenb trotzte. Hier spinnt bas alte beutsche Märchen unbeirrt vom Maschinenlarm tief in ber Erbe Schoß.

Unb wenn bu auf beinen eiligen Gängen einmal wieder durch die Schelsgasse kommst, dann bleibe stehen bei Nr. 23, steig die Kellertreppe hinunter und rufe hinein:

Frau Meisterin, es ist genug gedarbt und ge­litten. Deutschland ruft sein treues Handwerk wieder!"

öodhfcbnlnodirichfeiL

Zwei bedeutende Mediziner der Universität Mün­chen, der Internist Professor Dr. Friedrich von Müller unb ber1 Gynäkologe Professor Dr. Albert Döderlein, werben auf ihr Ansuchen vom 1. April 1934 ab von ber Verpflichtung zur Ab­haltung von Vorlesungen befreit. Müller steht im 75., Döberlein im 73. Lebensjahr