"Uvonnes Geheimnis
Roman von Klothilde von Stegmann llrheberrechtsschuh: Fünf-Türme-Derlag Halle (Saale) 14 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Motzow war doch immer recht gemäßigt in seinem Urteil Bemal) vergaß Seeburg, ^Donnes Spiel und ihre Schönheit zu bewundern. Da, jetzt kam wohl die große Szene, die damals Matzow zum Einspruch veranlaßt hatte, und die auch ihn abstieß. So benahmen sich deutsche Offiziere und deutsche Soldaten nicht! Hatten sich niemals so benommen! Das war keine objektive Schilderung mehr — allerdings: alle Deutschen waren nicht so entstellt gezeichnet. Denn jetzt kam wieder der Rittmeister, gegen dessen Haltung auch der schärfste Kritiker nichts einwenden konnte. Er wurde bewußt in Gegensatz gebracht zu den anderen schurkischen Figuren
Was überwog denn nun eigentlich? Die Schilderung des deutschen Soldaten nach der ungünstigen Seite oder sein Lob? Es war tatsächlich schwer zu sagen. Da, nun wieder ein paar ganz unmögliche Szenen!
Natürlich mußte Matzow da einschreiten! Die Lösung des Konflikts? Hier schien die Deutschfeindlichkeit doch offenkundig. Aber als ob die Verfasser wieder ausgleichen wollten — auch die Gegner kamen nicht immer gut weg. Jedoch das Gesamtergebnis stand für ihn fest. Es war unmöglich. Die Zulassung dieses Films konnte er nicht befürworten, so hervorragend das Spiel ohne Zweifel auch war! Bor allem das Spiel Yvonnes Aber das durfte ihn jetzt in feinem Urteil nicht irremachen. Er mußte objektiv bleiben, jo schwer ihm das auch fiel angesichts der Kunstlcrschaft ^oonnes, die sich hier auf voller Höhe zeigte
Mit einem leisen Surren kam der Motor des Borsuhrungsapparats zum Stehen. Der Film war abgelaufen. Seeburg, $Donne und Perlain standen auf. Seeburg schweigend und noch in der Verwirrung, in die der Widerstreit der Empfindungen ihn gestürzt.
„Wenn cs Ihnen paßt, meine Herrschaften, würde itti Vorschlägen, jetzt mit mir zu speisen. Ich habe alles vorbereiten lassen in einem kleinen Lokal in der Nähe." Perlain wandte sich an Seeburg: „Ohne irgendwie in Sie bringen zu wollen, Herr Baron — es würde mir eine große Freude sein, auch Sie als meinen Gast anfehen zu dürfen."
Seeburg machte eine leicht abwehrende Bewegung: ehe er aber noch antworten konnte, fuhr Perlain fort:
,£V) weih, Herr Baron, dah man In Ihren Kreisen Einladungen gegenüber eine große Refenre zeigt: deshalb bin ich auch einverstanden, falls Sie es ablehnen müssen, von mir eingeladen zu fein, daß wir unsere Rechnungen getrennt begleichen Aber ich hoffe doch, daß wir die nächsten stunden zusammen verbringen."
Selbstverständlich wird mir das em Vergnügen fein, Herr Direktor Perlain. Die Form, die Sie mit Ihren letzten Worten für unser Zusammensein wählten, ermöglicht es mir, zuzustimmen. Vorausgesetzt natürlich, daß Fräulein Dumont mit unseren Plänen einverstanden ist."
Seeburg sah Yvonne fragend an. Lachend erwiderte diese die stumme Anfrage:
„Meine Herren, ich bin um so mehr einverstanden, als mein Magen mir zuflüstert: Je kürzer die Vorrede, beste eher bekommen wir etwas zu essen! Also wenn ich bitten bars, meine Herren. Unb jetzt feine Fachsimpelei, fein Filmgespräch, wenn ich bitten bars. Ich bente, wir brechen auf."
Als Yvonne mit Seeburg unb Perlain burch bie Halle bes „Efplanade".Hotels bem Ausgang zu- gingen, erweckte sie selbst bei biefem internationalen Publikum ein gewisses Aufsehen. Der Hotelklatsch hatte bie Tatsache ber eigenartigen Filmvorführung rasch verbreitet, zumal sowohl ber Name bes Direktors Perlain wie ber Yvonne Dumonts bem internationalen Hotelpublikum geläufig waren. Seeburg ahnte nichts baoon.
Balb faßen bie brei in ben behaglichen Räumen ber kleinen Weinstube in ber Französischen Straße, bie burch ihre auserlesene Küche unb bie Qualität ihrer Weine bekannt war.
Direktor Perlain bewies seinen Rus als glänzen- ber Plauderer. Sein Beruf hatte ihn durch die ganze Welt geführt. Yvonne unb Seeburg waren um so bessere Zuhörer, als sie zur Unterhaltung selbst wenig beitrugen. Es lag eine unterbrürfte Spannung über ihnen, unb Yvonnes Blick musterte bes öfteren Seeburgs Gesicht, in bem ihr nun zum ersten Male bas trotzige Kinn auffiel, bas auf einen starken, unbeugsamen Willen hinbeutete. Als ber Mokka serviert wurde unb Yvonne eine Zigarette genommen hatte, bie Herren behaglich ihre Importen anzünbeten, roanbte sich Yvonne an Seeburg:
„Jetzt wurde es mich interessieren, Herr Baron, Ihr Urteil darüber zu hören, wie Sie zu bem Verbot unseres Films .Ostfront' stehen."
Perlain sekundierte Yvonne sofort: „Auch ich wäre Ihnen dankbar, Herr Baron, wenn Sie mir einmal ganz offen Ihre Meinung über diese Frage sagen würden. Es ist mir nämlich tatsächlich unbegreiflich, was zum Verbot dieses Films geführt haben kann."
Seeburgs Blick konzentrierte sich auf ben Rauch feiner Zigarre:
„Ich bin leider, und zwar zu meinem großen Bebauern, aufjerftanbe, mich zu biefer Frage zu äußern. Wie Sie wissen, bin ich Beamter bes Auswärtigen Amtes. Es besteht bie Möglichkeit,
vielleicht 5gar bie Wahr'chetnNchkett, daß ich m'^ dienstlich mit der Verdotssrage beschäftigen muß. Sie werden verstehen, baß ich mich über eine Frage nicht äußern kann, mit der ich in meiner Eigen- schäft als Beamter vielleicht zu tun bekomme. Ich bedauere natürlich außerordentlich, einen Wunsch von Ihnen beiden nicht nachkommen zu können."
Während Yvonnes Gesicht ben Ausdruck einer leichten Verstimmung zeigte, erwiderte Perlain in liebenswürdigstem Ton:
„Sie haben vollkommen recht, Herr Baron. Wir oätten diese Frage nicht stellen dürfen. Aber Sie sind doch nicht nur Beamter. Ihre persönliche An- schauung, die Ansicht des Privatmannes zu hören, wäre deshalb für mich wichtig, weil ganz offenbar eine Verschiedenheit der Ausfällung hier zutage tritt. Es ist begreiflich, daß Angehöriae zweier großer Nationen unter verschiedenen Gesichtspunkten denselben Tatbestand beurteilen. Noch dazu, wenn diese beiden Völker sich mit dem Schwert in ber Hanb gegenübergeftanben haben. Sie werben aber begreifen, baß es einen Mann wie mich interessieren muß, zu ergrünben, worin bie Verschieden- heit biefer Anschauung eigentlich besteht. Schon beshalb, bamit in Zukunft ein solcher Fehler von uns nicht wieber begangen wirb, wenn man an- nehmen will, baß in biefem Film etwas enthalten ist, was bie beutsche Mentalität verletzt. Noch einmal, Herr Baron, meine Frage richtet sich nicht an ben Herrn ßegationsrat von Seeburg, sondern an ben Gentleman, ber als Privatmann sehr wohl in der Lage ist, die Frage eines Mannes zu beantworten, ber sich frei weiß von jebem Vorurteil unb erst recht von jeber Gehässigkeit gegen Ihre Lanbsleute..
Nach einem fast unmerklichen Zögern sagte Seeburg:
„Schalten wir also einmal mein Amt aus und nehmen Sie mich als einen deutschen Mann, der ehrlich wünscht, daß die Gegensätze zwischen ben beiben Nationen verschwinden könnten unb, wenn auch nicht gleich Freunbschaft, so boch ein Gefühl ber Achtung unb bes Respekts Platz greifen könnte. Sehen Sie, Herr Direktor Perlain, hier stocke ich schon. Die Massen in Deutschland können es ganz einfach nicht begreifen, baß man jenseits ber Grenze ihre Opfer, ihre Not unb ihre Leiden so gar nicht verstehen will, baß man ihnen gegenüber bie boch von Ihren Lanbsleuten so hoch geschätzten Begriffe ber Humanität, ber Gerechtigkeit, ber Gleichheit so gar nicht gelten lassen will. Ich wiederhole, ich spreche von ber Empfinbung ber Massen."
„Verzeihen Sie, wenn ich unterbreche, Herr Baron“, warf Perlain ein. „Aber biefe Voraussetzung ber Massen ist eben falsch. Ich gebe ohne weiteres zu, es sind in der Vergangenheit viele unb unverzeihliche Fehler gemacht worben. Aber wer von Ihren deutschen Landsleuten heute Paris besucht, wird unfehlbar eine Beobachtung machen:
Der ’Tann auf der Straße benimmt sich auch heut- verschieden gegen Mitglieder ber einzelnen Nationen. Nur in anderem Sinne, als man es in Deutschland allgemein zu glauben scheint. Täglich können Sie folgende «zene erleben: In einem Französisch, das den Ausländer erkennen läßt, bittet jemand in Paris auf der Straße um eine Auskunft. Der an- gesprochene Franzose fragt: »Sie sind Amerikaner? Oder Engländer:" Lauter die Antwort bejahend, so wird die erbetene Auskunft kurz, unfreundlich, vielleicht auch aar nicht erteilt. Lautet die Antwort aber: .Nein, ich bin ein Deutscher!' fo können Sie es tausendfach erleben, daß zur großen lieber- raschung des Deutschen das Gesicht Des Franzosen sich erhellt, daß bie Anrebe plötzlich .Camerade* bei&t — bas hält man nämlich für ben Ausbruck höchster Wertschätzung, und daß in liebenswürdigster und ausführlichster Weise mit ausgesprochener Herzlichkeit der gewünschte Bescheid gegeben wird. Man ist sich hier in Deutschland über den Wandel der Empfindungen offenbar nicht klar. Sehr viele Franzosen sehen feit geraumer Zeit ben Feinb im Amerikaner ober Englänber und betrachten ben Deutschen nicht nur als gleichberechtigt, sondern in bestem Sinne als Kamerad."
„j)err Perlain, was Sie da erzählen, ist natürlich für ben beutfchen Mann, ber mit Ihnen plaudert, außerorbentlich interessant. Ich bezweifle auch nicht im entferntesten seine Richtigkeit Aber ber Gedankengang des deutschen Bürgers würde folgender fein: Es muß doch eine überwiegende Minderheit von Franzosen fein, die diesen Anschauungen huldigt, sonst wäre es unmöglich, baß bie Politik Ihres Lanbes biesen Stimmungsumichwung fo gar nicht erkennen läßt. Und diese Politik — so sagt der beutsche Mann — läßt uns keine Luft zum Atmen, besteht barauf, baß unerfüllbare Verträge bis auf bas Letzte von Deutschland erfüllt werben und" — hier wurde Seeburgs Stimme unwillkür- lich schärfer — „erfüllt diese Verträge selbst nicht, wo es ihr nicht beliebt. Unter bem Druck bes Ber- soiller Vertrages hat Deutschlanb in noch nie ba- gewesenem Maße abgerüstet. Das war die Voraussetzung für die vertraglich feierlich zugesicherte Abrüstung auch der anderen Staaten, auch Frankreichs. Unb bieselden Politiker, bie von Deutschland trotz offenkundiger Unmöglichkeit die wortwörtliche Erfüllung ber Verträge verlangen, weigern sich, ihre eigenen Verpflichtungen zu erfüllen, rüsten nicht ab, sondern auf, vermehren ihre Luftflotte ins Gigantische. Was nützt bemgegenüber ber gute Wille bes Mannes auf ber Straße, von bem Sie sprechen? Denken Sie an bie Kolonialfrage, Herr Perlain? Ihr Mann auf ber Straße hat es bisher Io wenig vermocht, Ihren Politikern etwas von seinem Geist einzuflößen, baß man hier in Deutsch- lanb von ber von Ihnen geschilderten Sinnesänderung bisher verzweifelt wenig in ihrer Politik gespürt hat.“
(Fortsetzung folgt)
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