Ausgabe 
20.12.1933 Erstes Blatt
 
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statlonen angewiesen, unverzüglich Vorkehrungen zu treffen, damit der zu erwartende Eisaufbruch die Gemeinden und Anlieger des Rheins vor Scha­den bewahrt. Fahrzeuge, Stege und Landebrücken werden zur Zeit mit größter Eile in den Orten unterhalb der Loreley in Sicherheit gebracht, um zu verhüten, daß der zu erwartende Eisgang sie mit- reißt.

Zwei Kinder ertrunken.

Auf dem Eis der Aller hat sich, wie aus Celle berichtet wird, ein Unglück ereignet. Zwei fünf­jährige Kinder aus der Celler Neustadt, die seit Montag vermißt wurden, sind in der Aller e r - trunken. Beim Suchen nach den Kindern ent­deckte man auf dem Eise Fußspuren und man fand auch einen Besen, den die Kinder mitgenommen hatten. Da das Eis der Unteraller noch offene Stellen aufweist, steht es wohl fest, daß die beiden Kinder beim Spielen in eines dieser Löcher gestürzt sind.

Schadenfeuer in einem Spessarldörfchen.

In dem Spessartdörfchen Ebersbach entstand in dem Anwesen des Landwirts Anton S ch ü ß l e r ein Brand. Die Ortsseuerwehren von Ebersbach und Leidersbach waren rasch zur Stelle, doch waren die Löscharbeiten durch die große Kälte sehr schwierig. Pumpen und Schläuche froren zu. Am Bach mutzte erst die Eisdecke eingeschlagen werden. Dem wacke­ren Zugreifen der beiden Wehren gelang es aber, das Feuer einzudämmen, so daß wenigstens die Scheune gerettet werden konnte. Das Wohnhaus wurde bis auf die Grundmauern ein Raub der Flammen Auch die Frucht, die Schützler erst in der letzten Woche gedroschen hatte und die auf dem Hausboden lagerte, konnte nicht mehr gerettet wer­den. Fast die ganze Hauseinrichtung fiel dem rasen­den Clement zum Opfer.

Jeu er in einer Thüringer Brauerei.

In der Trebertrockenanlage der Thüringer Export­brauerei AG. in Neustadt an der Orla brach ein Feuer aus, das sich sehr schnell auf die angrenzen­den Räume ausbreitete und diese völlig vernichtete. Die Flammen sprangen auch auf das Hauptgebäude über und zerstörten dort das Dach des Maschinen­hauses, den Eingang zur Mälzerei sowie zwei Kon­torräume. Der Schaden ist sehr hoch.

Gewaltiger Erdrutsch in Italien.

Durch einen Erdrutsch von ungewöhnlicher Ausdehnung ist die Bahnlinie PisaAbetone Brenner bis auf weiteres gesperrt. In der Umge­bung von Pistoria löste sich vom Apennin ein Erd- block von 500 Meter Länge und 800 Meter Höhe und stürzte ab, wobei ein von Straßenarbeitern be­wohntes Haus fortgerissen wurde. Die ungeheuren Erdmassen sind in das Flußbett des Lima gestürzt, dessen Laus sie aufzuhalten drohen.

Zwölf Bergarbeiter einer südafrikanischen Grube tödlich verunglückt.

Durch einen schweren Unfall in dem Orown- Bergwerk bei Johannesburg wurden zwölf Berg­arbeiter, darunter zwei Europäer, getötet. Ein im Fürderschacht hängende Plattform, auf der drei­zehn Bergleute arbeiteten, stürzte plötzlich 1100 Meter in die Tiefe aus den Grund des Schachts. Nur einem Arbeiter gelang es, sich im letzten Augen­blick an einem dünnen Rohr festzuhalten. Er klam­merte sich eine halbe Stunde lang daran fest, bis er gerettet werden konnte. Die anderen Zwölf wur­den auf der Stelle getötet.

Auszeichnung eines deutschen Kapitäns durch die Reichsregierung.

Das Reichsverkehrsministerium teilt mit: Wie seinerzeit berichtet, wurde am 4. Juli d. I. der Ka­pitän Niemann des DampfersCharlotte Schrö­der" im Brüssel-Kanal von einer mehrhundertköpfi- gcn Menschenmenge auf das schwerste bedroht, weil er die Hakenkreuzflagge zeigte. Stundenlang mußte das Schiff durch den Kanal unter den von der auf­geregten Masse besetzten Brücken hersahren; es wurde nyt einer Unzahl von Steinen beworfen. Die Reichsregierung hat Kapitän Niemann für sein zähes Eintreten zum Schutz der nationalen Sym­bole des neuen Deutschlands eine goldene Uhr mit entsprechender Widmüng verliehen. Die Uhr ist ihm im Auftrag der Reichsregierung durch den Rostocker Oberbürgermeister ausgehändigt worden.

U 28 begegnet einem Seeungeheuer.

Der bekannte U-Bootkomrnandant Freih. o. Fo r st- n e r hat derDAZ." eine Aufsehen erregende Dar­stellung einer Beobachtung eines See - Ungeheuers zugesandt, die er während des Krieges von seinem U-BootU 28" gemacht hat. Zunächst weist er darauf hin, daß das in der eng­lischen Presse abgebildete Ungeheuer, das sich in dem schottischen See LochNeß aufhalten soll, in seiner Gestalt. vollkommen dem Tier entspreche, das er gesichtet hat. Forstner schreibt dann u. a.: Am 30. Juli 1915 versenkten wir mit unseremU 28" im Atlantischen Ozean den englischen DampferJbe- rian" mit wertvoller Stückgutladung. Der etwa 180 Meter lange Dampfer sauste über das Heck, den Bug fast senkrecht in die Luft streckend zur Tiefe von mehreren Tausend Metern. Als der Dampfer schon ungefähr 25 Sekunden vollkommen verschwun­den war, erfolgte auf einer Tiefe, die wir natürlich nicht feststellen konnten, eine starke Detonation. Das Schiff wird schätzungsweise vielleicht schon auf 1000

Meter Wassertiefe angelangt gewesen sein. Kurz darauf wurde zusammen mit einzelnen Wrackteilen ein riesiges Seetier heftig zappelnd und strampelnd 20 bis 30 Meter in die Lust aeschleudert. Auf dem Kommandoturm standen in diesem Augen­blick neben mir meine beiden Wachoffiziere, der leitende Ingenieur, Steuermann und Rudergänger. Wir machten uns sofort gegenseitig auf dieses Wun­der des Meeres aufmerksam. Eine photographische Aufnahme gelang uns leider nicht, da bas Tier nach etwa 10 bis 15 Sekunden wieder im Wasser ver­schwunden war. Das etwa 20 Meter lange Tier hatte krokodilsähnliche Gestalt, je zwei Vorder- und Hinterbeine mit starken Schwimmflossen und einen langen nach vorne spitz zulaufenden Kopf. Das Herausschleudern des Tieres von großer Tiefe aus erscheint mir vollkommen erklärlich. Durch die aus irgendeinem Grunde erfolgte Explosion wurde das benachbarteUntersee-Krokodil", wie wir es nann­ten, mit gewaltigem Druck nach oben geschleudert, bis es erschrocken in der Luft herumstrampelte.

Das 29. fiinb.

In der Universitätsklinik in Wien hat nach Berichten der Wiener Blätter eine 45jährige Frau, die Gattin eines Kutschers, ihr 2 9. Kind geboren. Von diesen 29 Kindern waren 23 Knaben und 6 Mäd­chen, von denen 16 noch am Leben sind, und zwar 12 Knaben und 4 Mädchen. Die Frau könne die einzelnen Geburtsdaten ihrer Kinder nicht genau angeben, da sie begreiflicherweise diese verwechsle. Die meisten Kinder hat die Frau ohne ärztlichen Beistand zur Welt gebracht. Die Geburten seien glatt vonstatten gegangen.

Internationaler Flugwettbewerb in Kairo.

Der internationale Flugwettbewerb in Kairo hat unter Teilnahme von dreißig Flugzeu­gen begonnen. Im einzelnen nehmen als einziger Deutscher der bekannte Sportflieger Schwabe auf seinem Klemmflugzeug, ferner drei Aegypter, 16 Franzosen, sechs Engländer, zwei Italiener, ein Bel­gier und ein Südslawe an dem Wettbewerb teil. Bei den Start- und Landeprüfungen, die zuerst vor­genommen wurden, hat Sckyvabe gut abgeschnitten. Ferner ist vorgesehen der 1200 Kilometer lanae Wu- ftenflug, und xum Abschluß ein Wettflug Kairo- AlexandrienKairo

Bayerisches Bauerngeschlecht seit dem 15. Jahrhundert auf seinem hos ansässig.

Eines der ältesten Bauerngeschlechter Bayerns ist in Neudorf bei Amorbach ansässig. Seit dem 15. Jahrhundert ist das Bauerngeschlecht B l e i f u ß immer auf dem gleichen Hofe. Die der­zeitige Familie Bleifuß bekam von der bayerischen Staatsregierung einen kostenfreien achttägigen Auf­enthalt in München. In Bayern gibt es noch drei­zehn Familien, die länger als fünfhundert Jahre immer den gleichen Hof inne haben.

Ein Gemälde von Rembrandt in Stockholm gestohlen.

Ein aufsehenerregender Einbruch wurde in einer der letzten Nächte in Stockholm verübt, wobei den Dieben Millionenwerte in die Hände fielen. Bei dem Kunstsammler Rasch wurde eingebrochen und u. a. das Rembrandt- Gemälde Jeremias beklagt den Untergang von Jerusalem" gestohlen, das einen Wert von 400 000 Kronen darstellt. Das Gemälde wurde aus dem Rahmen herausgeschnitten. Rasch war während des Einbruchs zu Hause und schlief. Die Frechheit der Diebe ging soweit, daß sie in sein Schlafzimmer eindrangen und aus den Schubläden neben dem Bett Juwelen Mitnahmen, ohne daß er erwachte. Man nimmt an, daß es sich um eine internationale Diebesbande handelte, die vor einigen Tagen auch einen Einbruch beim Uni­versitätskanzler, dem früheren Ministerpräsidenten T r y g g e r , verübt hatten.

Blutiger Racheakt eingeborener Kopfjäger in Formosa.

WieTimes" aus Formosa meldet, haben Ein­geborene im Bezirk von Otake einen japanischen Po­lizisten enthauptet und seine drei Kinder er­mordet. Man glaubt daß es sich um einen Rache­akt für die Verhaftung von Dorfbewohnern handelt, die Salpeter geschmuggelt hatten, um Schießpulver herzustellen. Die Behörden glauben an einen neuen Ausbruch von Kopfjägerei.

Wettervoraussage.

Noch immer fließt unter dem Einfluß der Rück­seite des Baltikumtiefs milde Ozeanluft nach Deutsch­land, so daß wechselhafte Bewölkung entsteht. Da sich aber der hohe Druck über den britischen Inseln fort­gesetzt kräftigt und sich mehr nach dem Festland ver­lagert, kommt es späterhin wieder zu vorübergehen­dem Aufklaren, wobei in der Nacht erneute Frost­verschärfung eintritt.

Aussichten für Donnerstag: Bewölkt mit Aufklaren, tagsüber Temperaturen um Null und etwas darüber, nachts wieder kälter, meist trocken.

Aussichten für Freitag: Erneute Frost- verschärsung wahrscheinlich.

Lufttemperaturen am 19. Dezember: mittags 1 Grad Celsius, abends 1,9 Grad: am 20. Dezember: mor­gens 0,9 Grad. Maximum 2 Grad, Minimum1,8 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 19. Dezember: abends 2,3 Grad: am 20. Dezember: morgens 1,9 Grad Celsius. Niederschlag 0,3 mm.

Weihnachten im Wandererheim.

Von Pastor F. v. Dodeischwingh, Bethel.

Auf den Sonntag in Bethel haben sich manche von den Gästen des Heims für fremde Wanderer schon lange gefreut. Die nachmittag erst Gekomme­nen haben bereits die Säuberung mit Hilfe des Bienenosens" und der Badeanstalt hinter sich. Jetzt tut noch der Verschönerungsrat seinen wohltuenden Dienst in der Aufräumung bärtiger Stoppelfelder. An anderer Stelle werden die Stiefel blank geputzt. Dann kommt das wichtigste: die Arbeitskleidung ist soeben abgegeben, und dafür empfängt jeder für den festlichen Tag einen alten Gehrockanzug und ein weißes Vorhemd. Denn am Sonntagmorgen wird gemeinsamer Kirchgang gehalten. Kaum einer schließt sich von diesem freiwilligen Wege aus. In der Mitte der Zionskirche sind drei Bänke für diese an jedem Sonntag wechselnden Gäste freige­lassen. Mancher von ihnen hat vielleicht jahrelang keinen Gottesdienst mehr besucht. Am anderen Ort schämen sie sich um ihrer mangelhaften Kleidung willen. Hier erscheinen sie in ihren schwarzen Röcken als besonders würdevolle Glieder der Gemeinde. Von den Kranken werden sie als gern gesehene Kameraden brüderlich begrüßt. Wenn bann der starke Gesang beginnt und wir gemeinsam mit lau­ter Stimme bekennen und danken und bitten, dann hört man hier und da auch die Stimme eines Wan­dersmannes mit einfallen, und über vergrämte und hart gewordene Gesichter zuckt es hin wie fernes Wetterleuchten.

Denn auch in den Herzen dieser unserer Brüder liegen versunkene Glocken, die in der Tiefe an zu klingen fangen, wenn man sie nur ein wenig zu bewegen weiß. Was schlichte Menschheit ist, das spüre ich kaum an einem anderen Ort so deutlich wie hier Einer nach dem andern von den Männern im schwarzen Rock reicht mir freundlich die Hand; und ohne langes Zögern fangen sie an, von ihren Schicksalen zu erzählen: von der Heimat in Ostpreußen ober Bayern, im Land an der Oder ober am Rhein. Von ber langen Arbeits­losigkeit und ihrer Qual berichten sie, und wie sie bann auf Wanderschaft gekommen sind. Männer aller Berufe sind darunter: Handwerker und Metallarbeiter, Musiker und Kaufleute. Ein kleiner Mann von 17 Jahren ist heute der Jüngste unter ihnen. Wo mag die Mutter auf ihn warten oder um ihn meinen?

Nun steigen wir die Treppe hinauf zum Wohn-

unb Speisesaal, der mit seinen hellgestrichenen Wänden und seinen sauberen Tischen sehr behaglich ist. Liegt es an dem ungewohnten Raum, hegt es an der neuen Kleidung jeder benimmt sich hier wie ein wahrhaft vornehmer Mann. Man hört keinen lauten Ton. Still liest der eine seine Zei­tung: ber andere versucht sich an Rätseln. Wir spre­chen von den Nyten und Einsamkeiten ihres Lebens auf ber endlosen Straße, von der Härte der Rück­sichtslosigkeit, die sie so oft von den Menschen er­fahren.Begegnen Sie nicht manchmal auch guten Leuten?" frage ich.Ach, lacht mein Nebenmann", diese Bouillon wird immer dünner." Der Mecklen­burger aber mir gegenüber mit dem mächtigen blonben Bart und den blauen Augen spricht mit innerstem Verstehen von der Arbeit in Bethel, von dem Dienst an den Kranken. Er weiß, daß Leiden nicht nur Last ist, sondern auch aur Quelle der Kraft für andere werden kann.Die Haupt­sache ist", sagt er,daß man danken lernt."

Nur eine Klage und Bitte haben sie alle:Sor­gen Sie doch dafür", sagen sie,daß man uns in den Wanderarbeitsstätten wieder etwas besser m i t Kleidung helfen kann. Betteln dürfen und wol­len wir nicht mehr. Aber in den Herbergen haben die Hausväter auch fast nichtsFweil jetzt alles an die Winterhilfe geht. Wenn wir aber zu der kom­men, dann heißt es immer: Zuerst müssen die Orts­ansässigen versorgt werden: Ihr könnt nicht an die Reihe kommen. Bitte sagen Sie das doch den Leu­ten draußen!" Ich muß diese Bitte meiner Freunde kräftig weitergeben. Auch bei uns spüren wir den Mangel immer stärker. Noch haben wir bas Wan- bereryeim notbürftig versorgen können.

Dabei steht Weihnachten vor ber Tür. Das ist auch für bas Wanbererheim bie größte Zeit im Jahr. Mit ben alten Liebern aus ber Kinderzeit werben auch in ben verschlossensten Herzen heilige Klänge wach. Wenn aber durch den schneebedeckten Wald die Schar der Männer im schwarzen Rock zur Christvesper angeroanbert kommt, bann ist ben Hei­matlosen zumute, als wären sie auf bem rechten Wege nach Haus. Alle äußere Fürsorge, bie wir ihnen erweisen, alle Liebe, bie ihnen am Christ­fest bie Güte unserer Freunbe beschert, sollen ja nichts anderes sein als kleine Wegweiser hin zu ber Heimat im ewigen Vaterhaus.

Das berliner Wachregimeni ladet ein.

Preußen, Hessen, Bayern in der Reichshauptstadi.

Don unserer Berliner Redaktion.

Wer mittags gegen zwölf über bie ßinben bum­melt, burd) bas Branbenburger Tor fdjlenbert, am Reichstagsgebciube vorbei, ober wer gerabe um biefe Zeit mit feinem Termin in Moabit fertig ge­worden ist und auf bie Straße tritt, ber hört es durch die Gaffen hallen, das Tsching°bum ber Pauke unb der Decken, bie Wache zieht auf. Es ist noch immer dasselbe, wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren, die Mädchen öffnen die Fen­ster und die Türen. Aber es ist nicht mehr bie alte Garbe, die durch die Stadt marschiert, sondern das Berliner Wachregiment. Nur noch dieses eine Regiment ist in Berlin geblieben. Dieses Wachregiment, dessen Kommandeur Oberst von Reifer die Pressevertreter zu einer Besichtigung eingelaben hatte, versieht den Postendienst an öffent­lichen Gebäuden, wie Präfidentenpalais, Wehr­ministerium, Reichsehrenmal. Da die Rsichswehr- foldaten zwölf Jahre dienen müssen, wäre es wohl nicht das rechte Soldatentum, wenn die Angehöri­gen des Berliner Wachregiments zwölf Jahre hin­durch immer nur Posten schieben sollten. So ist es auch nicht. Jeder Reichswehrsoldat soll nach Mög­lichkeit innerhalb seiner zwölfjährigen Dienstzeit ein­mal die Reichshauptstadt kennenlernen. Das ist das Prinzip des Wachregiments Berlin.. Es ist kein in sich geschloffenes Regiment, sondern es setzt sich aus einzelnen Kompanien aus den ver- schiedensten Truppenteilen des Rei- ch e s zusammen. Die abkommandierte Kompanie macht jeweils drei Monate in Berlin Dienst. Da auf diese Weise alle sieben Jahre ein deutsches Re­giment einen Teil seiner Mannschaften in Berlin stehen hat, so lernt jeder Soldat die Reichshaupt­stadt kennen.

Draußen auf dem Exerzierplatz übt die Truppe das Aufziehen ber verfchiebenen Wachen Berlins. Hier übt bie Abteilung, bie bemnächst ben Wacht- bienft am Ehrenmal bekommt, bort bie Wachtruppe für bas Reichspräsibentenpalais. Kurz unb scharf klingen bie Kommanbos. Alle Dialekte hört man. Gegenwärtig sind Schlesier, Bayern, Hessen, Thüringer, Sachsen unb Braunschweiger in Berlin unb Goslarer Jäger, bie bie Trabition bes alten Bataillons wahren. Die Besichtigung beginnt in ber geschlossenen Reitbahn, wo von den besten Reitern der MG.-Kompagnie des JR. 17 bie üb­lichen Gänge unb leichte Dressurübungen gezeigt werden. Die ausgezeichneten Reiter gehören einem

Regiment an, das als Irabitionsregiment des JR. 92 der hannoverschen Armee, der sogenannten Schwarzen Schar des Herzogs von Braunschweig, mit großem Erfolg gegen Napoleon kämpfte. Sie tragen noch heute den Totenkopf an ber Mütze. Dann geht es in bie Ställe. Die Reiter ber baye­rischen Minenwerfer-Kompagnie aus Fürth zeigen, baß sie ihre Pferbe zu pflegen verstehen, unzählige weiße Striche liegen vor ben Boxen, die weißen Staubstriche, die jeder Soldat kennt, der mit Pfer­den zu tun hatte. Einige Künstler unter diesen Bayern haben sogar in vorbildlicher Graphik Frohe Weihnachten" aus dem weißen Staub auf bie Stallgasse geklopft. Es folgten bann Exerzier­übungen, Ablösungen der Wache, die Ehrenbezeu­gungen und alles, was dazu gehört

Ein großer Teil der Besichtigung erstreckt sich auf die sozialen Einrichtungen des Regiments. Im Karneradschaftsheim ist ein Eefangfaal, in bem die Soldaten von einem Lehrer der Hochschule für Musik in Soldaten- und Marschliedern unterrichtet werden Das gibt die Gewähr dafür, daß es auch klappt, wenn heute auf dem Marsch das Kommando Singen! durchgegeben wird. Wenn die Wachkom­panien bann wieder ab gelöst werden und Dienst in ihrer Stammgarnison tun, bann können sie bort ihre Kameraden auch im Singen unterweisen, bas sie in Berlin unter sachkundiger Leitung gelernt haben. Sonst enthält bas Kameradschaftsheim vor- bilbliche Einrichtungen, bie bem Soldaten nach bem Dienst die geistige Nahrung geben. In die Küche kommen jetzt täglich arme Kinder und Er­werbslose, die aus den Mitteln der Unteroffi­ziere unb Mannschaften beköstigt werden. Sie emp­fangen ihr Essen in denselben Küchen, wo sonst ber Soldat ißt, die gleiche Verpflegung, bie gleichen Zulagen. An langen Tischen sitzen sie da unb freuen sich an bem guten Essen, Rindfleisch, Suppe und Bohnen. Im 9tebenraum spielt ihnen die Regi­mentskapelle zur Tafel auf.

In ber Turnhalle herrscht voller Betrieb, Solbaten am Barren unb am Reck, Leichtathleten beim Medizinball, beim Kugelstoßen unb Gewicht­heben, beim Boxtraining usw. Die ganze Besichti­gung gab einen guten Einblick in das Leben un­serer Reichswehr, in die Pflege bes alten deutschen Soldatengeistes in unserer jungen unb kleinen Armee.

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