Montag, 20. November M3
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)
Nr. 272 Drittes Blatt
Aus -er Provinzialhaupiffadt
Deutscher, willst du mithelfen an der Linderung der Not unfern Volksgenossen, die noch nicht in Arbeit stehen? Dann kaufe die Richard- Wagner-Wohlfahrtsbriefmarken und -Postkarten. Du unterstützest damit das Winterhilfswerk der Reichsregierung.
wurden ferner einige Walzer aufgenommen, und stärksten Beifall entfesselte ein Volkslieder-Pot- pourri, das alle die feinen Weisen lebendig werden ließ, die von Kindheit an den deutschen Menschen zu begleiten pflegen und durch keinen noch so populären Schlager übertönt werden können. Die Kapelle muhte sich zu verschiedenen Zugaben entschließen. Der mit elementarem Schwung wiederge
gebene Badenweiler Marsch beschloß das schone Konzert. Am Abend sand sich die SS. noch zu einem Kameradschaftstrefsen ein.
** Das Fest der silbernen Hochze't begehen morgen, Dienstag, 21. November, Herr Adolf Größer und Frau Franziska Marie, geb. Gäbe, wohnhaft Walltorstraße 15. — Am morgigen Dienstag begehen ferner die Eheleute Ludwig Walther und Frau, Schisfenberger Weg 17, das
Luther und der deutsche Geist
Oie Landesuniverfiiät feiert den Geburtstag des Reformators.
Die Feier wurde umrahmt von Chorvorträgen des Akademischen Gesangvereins und des Bauer- fchen Gesangvereins, die unter der feinsinnigen Leitung von Universitätsmusikdirektor Professor Dr. Temesvary mit dem Choral „Auf tiefer Not schrei ich zu dir" die Gedenkstunde einleiteten und mit dem machtvollen Reformationsgesang „Ein feste Burg ist unser Gott" die Veranstaltung aus- klingen ließen.
Fest der silbernen Hochzeit. .
** E i n schwerer Unglücksfall ereignete sich in der vergangenen Nacht im Bahnhof Dillenburg beim Auswechseln der Lokomotive des Sonderguter. I zuges der Strecke Hanau—Wissen, der um 1.18 Uhr den Bahnhof Gießen durchfuhr. Infolge des Herr- | schenden Nebels fuhr die Lokomotive heftig auf den
„Das Geheimnis des blauen Zimmers"
Dies ist eine Produktion der bisher ziemlich unbekannten Firma Engels und Schmidt Tonfilm G. m. b. H. in Berlin. Dem Zuschauer geht es dabei wie „einem» der auszog, das Furchten zu lernen in dem Kinder- und Hausmärchen der Bruder Grimm, oder um etwas ganz anderes, tn der Wirkung aber ähnliches zum Verbleich heranzuziehen, wie mit jenen englischen Kriminalromanen und Sensationsstücken, die vor einigen Jahren sehr in der Mode waren; die geheimnisvollen Vorgänge im blauen Zimmer des einsamen Herrensitzes können einem die schönsten Gänsehäute verursachen. Es ist nicht geheuer in diesem Schloß mit den langen dämmerigen Gängen und Treppen, mit den Ritter rüstüngen an de? Wand und m.t dem dumpfen Schlag der Uhren um Mitternacht. Jm^ blauen Zimmer sind vor zwanzig Jahren drei Menschen auf rätselhafte Weise bei Nacht ums Leben gekommen Was sich nach dieser Einleitung nun vor unseren Augen und Ohren vollzieht ist durchs dazu angetan — wenn auch nicht alle »ragen zu beantworten, die sich dem unbefangenen Zuschauer aufdrängen -, so doch ihn füreme gute Welle auf die gruseligste Art nervenstärkend zu unttr halten; die Lösung, die ebenso überraschend wie originell ist, kann hier natürlich nicht einmal am gedeutet werden. Dem Regisseur Erich Engels ist es jedenfalls gelungen, dem Kombinationsver mögen des Beschauers vielseitige Anregungen zu geben; die handgreiflichen Pointen dieses Knmmal falles werden effektvoll an den Mann gebracht Aus der geschickt zusammengestellten Besetzung smd in erster Linie Theodor L o o s Oscar S' M a Else E l st e r , Betty B i r d , Paul Henk e i s un_ Hans Adalbert v. S ch l e t t o w zu nennen. Dazu bringt das Lichtspielhaus em ab wechslungsreiches Beiprogramm: hier s eht man u. a eine bildhafte Werbung für dasWmterh.lfs- werk, einen Vorspann zu dem amerikanisch i „Im Zeichen des Kreuzes und die neue Ufa Tonwoche. s
** Wandergewerbescheine und Leg i - timutionskarten für 1 9 3 4. Die Polizeidirektion Gießen teilt mit: Wandergewerbescheine und Legitimationskarten gelten jeweils nur bis zum 31. Dezember. Zu Beginn des neuen Jahres häu- en sich meistens die Anträge derart, daß sich die Ausfertigung der neuen Ausweise verzögert. Es er- cheint daher unerläßlich, schon jetzt die Anträge auf Neuerteilung der Scheine zu stellen. Nur bei rechtzeitiger Antragstellung kann Gewähr dafür übernommen werden, daß die Scheine bei Gebrauch zur Verfügung stehen. Jrn übrigen sei auf die Bekanntmachung des Kreisamts Gießen im Amts- verkündigungsblatt Nr. 60 vom 7. November 1933
Einer Einladung der Ludwigs-Universität zu einer Gedenkfeier des 4 5 0. Geburtstages Martin Luthers waren gestern Lehrkörper, Studentenschaft und Gäste aus der Stadt zahlreich gefolgt. Die Neue Aula hatte mit Grün und Blumen festlichen Schmuck erhalten, von der Galerie grüßten in buntem Farbenspiel die Fahnen der Korporationen. Nach einem Orgelvorspiel, während- dessen der Senat mit Rektor und Kanzler an der Spitze die Aula betrat, trug der Akademische Gesangverein unter Leitung von Professor Dr. T e - mesvary Luthers gewaltigen Choral „Aus tiefer Not schrei ich zu dir" in der Vertonung von Johann Sebastian Bach vor. Dann hielt
Seine Magnifizenz der CReffor, Professor D. Bornkamm,
der Kirchenhistoriker der Ludwigs-Universität, die Festrede über das Thema „Luther und der deutsche Geist". Er führte dabei folgende Gedankengänge aus:
Neben der Evangelischen Kirche und den deutschen Schulen haben die Universitäten ein vornehmliches Recht, Martin Luthers zu gedenken. Alle Universitäten, nicht nur Universitäten wie die Gießener, die dem Luthertum ihren Ursprung verdankt, müssen sich darauf besinnen, was Luther und die Universitäten verbindet.
Der feste aristotelische Grundriß der Wissenschaf, ten, der im Mittelalter die Universitäten beherrschte,
aber mit seinem Formalismus dem deutschen Geists fremd war, war zerbrochen. Erst durch die Refor- mation ist ein der deutschen Wissenschaft arteigenes Haus gebaut worden. Die Wirkungen der Einzel- taten Luthers mögen reich fein, aber ihre Summe bezeichnet nicht den entscheidenden Wert. Er liegt vielmehr in dem tiefen, einheitlichen Gotteserlebnis, das die ganze Zeit erfaßt. Indem das Volk sich er- mannt, schaut es sich selbst in der großen Frage nach Gott. Und diese Einheit des Gotteserlebnisses ist wesensgemäße Einheit und formende Macht im Volksleben. Damit ist zugleich die Richtschnur geistigen Lebens gegeben. Die Neigung zum Jndivi- dualismus wird schwächer; das Ich lebt nur für die Gemeinschaft. Auf dieser Grundlage erwächst die Reform der Universität. Wie weit dieses Gotteserlebnis einigende Macht ist, zeigt sich an den zahlreichen Liedern dieser Zeit, die die großen Heils- taten Gottes besingen. Professoren aller Fakultäten werden auf die evangelischen Bekenntnisschriften vereidigt. Landesfürsten sind zugleich Theologen. Damit hat der deutsche Geist — wie G. Ritter sagt — nur dieses eine Mal unabhängig von fremden Ein- flüssen auf die europäische Kultur maßgebend gewirkt. So ist diese Zeit Höhepunkt in der Geschichte. In dem großen Geschichtsunterricht der letzten Monate haben wir gelernt, welches die wahren geschichtsträchtigen Augenblicke sind. Die starke Wurzel der weltumbildenden Kraft der Reformation liegt in der religiösen Sendung des deutschen Propheten Luther. Alle anderen Wirkungen beruhen auf die-
schutzabend für die Zellen 1, 2 und 3 mit Vortrag < über „Bau und Einrichtung von Luftschutzräumen". ■ Neben den Parteigenossen sind auch alle übrigen । Volksgenossen zu dieser Veranstaltung eingeladen, i — Eine Besprechung der Amtswalter, einschließlich Blockwarte, der PO. und der NFV. findet am morgigen Dienstag, 21.30 Uhr, im Hopsseld statt.
Die NS. -Frauenschast G i e ß e n - O st hat für die Zelle 1 am kommenden Mittwoch in der „Stadt Lich" Jellenabend.
Die NS. -Reichsfach schäft Deutscher Werbefachleute, Stützpunkt Gießen, hält am Mittwoch, 20.30 Uhr, im Hotel „Prinz Carl" ihre Monatsversammlung mit Vortrag von H. L. T h e i n über „Deutsche Werbung für deutsche Arbeit" ab. GewährungvonHypotheken Darlehen.
Von der hessischen Staatspressestelle wird mitgeteilt:
Bezüglich der Gewährung von Hypotheken-Dar- lehen für Eigenheimbauten im Sinne der Bestimmungen des Reichsarbeitsministers von 22. September 1933 und für Gebäudeinstand- fetzungsarbeiten und Wohnungsbauten im Sinne der Bestimmungen des Reichsarbeitsministers vom 9. Oktober 1933 hat die Hessische Landeshypothekenbank A.-G. in Darmstadt Mittel zunächst bis zum Betrage von 250 000 Mark be= reitgestellt. Auch die Hessische Landesbank-Staatsbank in Darmstadt hatte zur Förderung des Arbeitsbe- fchaffungsprogramms der Reichsregierung insbesondere für Gebäudeinstandsetzungsdarlehen 300 000 Mk. zur Verfügung gestellt. Diese Mittel sind in den letzten Wochen bis auf einen kleinen Betrag vergeben worden. Es besteht aber noch die Möglichkeit, auf der Grundlage von Wechseln Jnstandsetzungsdar- lehen zu gewähren.
Mittwoch ins Theater!
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Am Mittwoch, 22. November, fällt das Mittwoch- Abonnement aus. Da gerade an diesem Tage in Gießen mit einem gesteigerten Besuch aus der Umgebung gerechnet wird, hat die Intendanz, um vor allem den Wünschen der auswärtigen Theaterbesucher Rechnung zu tragen, für diesen Abend eine Wiederholung des großen Operetten-Ersolges: „Wiener Blut" von Johann Strauß angesetzt. Für die Inszenierung der Schöpfung des Altmeisters Johann Strauß zeichnet Paul W r e d e, am Dirigentenpult Kapellmeister Fritz Cuj 6, choreographische Leitung der großen Ballett- und Tanzeinlagen Ballettmeister Theo B ä u l k e. Für diesen Abend gelten ermäßigte Operetten-Preise. Spieldauer von 19.30 bis 22 Uhr.
Daten für Dienstag, 21. November.
1694: der Schriftsteller F. M. Arouet de Voltaire in Paris geboren (gestorben 1778)); — 1768: der Theologe Friedrich Schleiermacher in Breslau geboren (gestorben 1834); — 1811: der Dichter Heinrich von Kleist am Wannsee bei Potsdam gestorben (geboren 1777); — 1916: Kaiser Franz Joseph gestorben.
BornoNzcn.
— Tageskalender für Montag: Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: 14.15 Uhr, „Alpen-Symphonie"; ab 16 Uhr „Geheimnis des blauen Zimmers". — Verein ehemaliger 118er Gießen, 20.15 Uhr, „Postkeller", Herbst-Generalversammlung.
— AusdemStadttheaterbürv wird uns geschrieben: Morgen, Dienstag, 8. Vorstellung im Dienstag-Abonnement mit einer Wiederholung der Gesellschaftskomödie: „Der Traum der Vilma Kelemen" von Franz Molnar unter der Spielleitung des Intendanten, der auch die Rolle des Georg Szabo spielt. Gewöhnliche Preise. Spieldauer von 20 bis 22.30 Uhr. — Mittwoch, 22. November, fallt das Mittwoch-Abonnement aus. Dafür außer Abonnement zu ermäßigten Preisen unser großer Spiel- : erfolg, die klassische Operette: „Wiener Blut von
Oer Kampf mit dem Affen.
Von Hans Seiffert.
Käpi'n Claas — ihr kennt ihn alle: er sitzt jeden Nachmittag bei Mudder Lührsen am dritten Tisch, über dem die Dreimastbark „Anna Marie" hängt — unser guter Käpt'n Claas hatte etliche steife Grogs getankt und war nun wieder einmal auf großer Fahrt durch alle sieben Meere der Erinnerung und der Phantasie. Was schadete es, daß ihm der Korn- paß der Wahrheit längst über Bord gegangen war; herrlich war es trotzdem, ihm zuzuhören, sogar für uns, die wir die meisten der Geschichten schon kannten. Zum Beispiel die überaus rührende von dem halbverhungerten Walfisch, den Käpt'n Claas, als er als zweiter Steuermann auf der „Alice Brin- kens" fuhr, eines Tages südlich Halifax treibend, gesichtet und dann mit Kartoffeln und Mohrrüben wieder zu Kräften gebracht hatte, so daß ihm das Tier aus Dankbarkeit über den Ozean bis in die Elbmündung gefolgt war, wo es leider auf Grund geriet. Oder die unheimliche Geschichte von dem spukenden Nigger ohne Kops im Laderaum der „Empreß of China“ ...
Sie war eben zu Ende, da tutete unten im Hafen ein Dampfer. Tutete — welch ein niedriges, unzulängliches Wort ist das für diesen dumpfen, brüllenden Ruf, der alle Fernen aufreißt und wie der Ruf des Meeres selber tönt! Da, noch einmal, aus vollen Lungen: Tu—u—uuuuht!
Käpt'n Claas stellte sein Glas, das er eben mit mächtigem Zug geleert hatte, auf den Tisch zurück und sagte:
„Genau so brüllte damals der große Asse, ehe er starb ...!"
„Was für 'n Affe? Wieso starb er? Wann denn? Los, Käpt'n, erzählen!", so riefen wir durcheinander.
„Tscha, Kinners, da is nich viel zu vertellen. Dat war in den neunziger Jahren, un ich fuhr als Dritter auf der „Alkmaar" zwischen den Ostindischen Inseln: Sumatra, Java, Borneo, Celebes un wie sie alle heißen. Einmal mußte unser Kahn in Padang ins Dock, und wir kriegten einen langen Landurlaub. Geld hatten wir genug, un so gingen wir ins Gebirge rauf, wo die reichen Mijnheers ihre Erholungsitze haben. Einer, van der Straaten hieß er, lud mich eines schönen Tages zu einer Jagd auf den gefährlichsten Orang-Utan ein, der damals tue ganze Gegend unsicher machte. In dem dicken Urwald — ach, Kinners, ihr könnt euch ja nicht vor- stellen, wie dick und undurchdringlich so ein Urwald ist! — in dieser Wildnis also kam ich von der Jagdgesellschaft ab und war auf einmal mutter
Luther-Feier im Etadttheater.
Im Gießener Stadttheater fand am Samstagabend eine Luther-Feier statt, die sich allerdings leider nicht des Besuches zu erfreuen hatte, wie man ihn im Jubiläumsjahr 1933 wohl hatte erwarten dürfen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein tortrag oon Pr°I°II°r W. Fr-yt-g Mun> chen, der sich bereits in früheren Jahren als Rezitator in Gießen bekannt gemacht hat, über das Thema „Luther, der Führer, der Kampfer, der deutsche Mensch". Der Vortragende begann mit Den Versen „Wacht auf, es nahet gen dem Tag aus Hans Sachsens „Wittenbergischer Nachtigall und bemerkte zunächst, es sei heute, nach vierhundert Jahren, kaum möglich, die Wirkung Luthers aus seine Zeit zu ermessen. Es fei notwendig, sich die damaligen Zeitverhältnisse zu vergegenwärtigen. Prof. Freytag gab daher zunächst in großen Zügen eine Andeutung der wichtigsten Strömungen um die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert, schilderte die politischen und kirchlichen Mißstände der damaligen Epoche und gab auf diesem Hintergründe einen Ueberblick über die wichtigsten Daten un Leben und Wirken Luthers. Die Darstellung der reformatorischen Entwicklung Luthers gipfelte in der lebendigen Schilderung der berühmten Szenen auf dem Reichstag zu Worms im Jahre 1521, wie sie Gustav Freytag in seinen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" entworfen hat. Recht aufschlußreich war aiich die Verlesung des Briefes, den Luther am 5. März 1522 an den Kurfürsten von Sachsen geschrieben h-tt und worin er sich teils ironisch, teils mannhcy. und selbstbewußt über die ihn damals bewegenden Fragen äußerte. Im Anschluß an diesen biographischen Ueberblick bemühte sich der Vortragende um eine Würdigung von Luthers Gesamtpersönlichkeit. Ausgehend von dem äußeren Bilde schilderte er den Reformator als Glaubenslehrer, als Sprachschöpfer, als Erzieher und als Begründer des deutschen Familienlebens, sowie seinen nachhaltigen Einfluß auf den verich.e- densten Lebensgebieten, um Luther abschließend als her/ Erwecker des deutschen Geistes zu feiern, ohne den Adolf Hitler heute nicht denkbar fei.
Der Vortrag von Professor Freytag wurde eingeleitet durch einige Rezitationen des Intendanten König, der den 46. Psalm („Gott ist unsere Zuversicht und Stärke"), den 90. Psalm („Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für ), sowie den Choral „Ach Gott, vom Himmel sieh dgxem ausdrucksvoll zum Vortrag brachte.
seelenallein. Eine schöne Lage! Und wie ich mir nun mühsam einen Weg zu bahnen suche, sitzt keine zehn Meter vor mir der Affe! Mindestens zwei Meter achtzig groß, mit Muskeln bepackt wie ein Stier — und glupscht immer so von der Seite zu mir her. Und meine Flinte trug doch der malaiische Boy, der natürlich bei den anderen geblieben war und sich nicht mit verlaufen hatte! Ich hatte bloß meine zwei Revolver im Gürtel stecken, und mit denen kann man doch auf zehn Meter nicht genau zielen. Verflixt — Prost, Kinners!"
„Prost, Käpt'n!" taten wir ihm Bescheid, und er fuhr fort:
„Na, dat Helpt di nu allens nix! denke ich, mache den einen Revolver schußfertig, schleiche näher und will den Orang-Utan aufs Korn nehmen — da is er weg, hinter einen Baum in Deckung. Ich versuche es noch einmal, kriege ihn auch ganz schön schußgerecht, will abdrücken — da is er wieder weg, hinter einen anderen Baum. Un so ging das eine geschlagene Stunde, immer von einem Baum zum andern. Und dabei die Hitze! Un nix zu trinken! Aber endlich kam mir eine Idee. Ich nahm meinen zweiten Revolver, lud il)n und warf ihn dem Affen rüber. Der sing ihn geschickt auf un guckte sich bat kom'sche Ding ganz genau an ..."
„Nanu, Käpt'n, Sie wollten sich wohl mit dem Vieh duellieren?" rief einer dazwischen.
„Nä, wo werd ick denn! Aber aus meinem Revolver' nahm ich ganz heimlich die Patrone raus, setzte den Lauf dicht an die Schläfe un drückte los. Bautz! machte die Pulverladung, die ich drin gelassen hatte, und ich mußte schrecklich niesen von dem Rauch un Gestank ... Tscha, un bat is die ganze Geschichte."
Aber der Affe, Käpt'n? Was wurde denn aus dem Affen?"
Käpt'n Claas kniff das linke Auge zusammen:
„Der Affe? Habt ihr Grünhörner denn noch nicht gehört, daß die Affen alles nachmachen, was ihnen einer Vormacht? Der Affe hatte kaum gesehen, was ich tat, da fetzte er feinen Revolver, den ich ihm rübergeroorfen hatte, auch an die Schläfe, drückte ihn ab — na, ich habe euch doch^ vorhin gesagt: sein Revolver war scharf geloben!"
Hochschulnachrichten.
Der o. Professor für landwirtschaftlichen Pflanzen- bau und Pflanzenschutz an der Universität J e n a, Dr. Ernst Klapp, hat einen Rus als ordentlicher Professor der Pflanzenbau- und Ackerbaulehre an die Landwirtschaftliche Hochschule in Hoh ent) e i m erhalten. Professor Klapp ist geborener Mainzer; er ist Begründer der Zeitschrift „Pflanzenbau
Johann Strauß in der Besetzung der Erstaufführung unter der Leitung von Wrede-Cuje- Bäulke. Spieldauer von 19.30 bis 22 Uhr.
— Die Volkshochschule beginnt heute mit den Kursen „Volk und Gott", „Von deutschem Denken und Dichten,, (Literaturgeschichte), „Englisch für 2Infäncjer" und „Französisch für Fortgeschrittene". Näheres siehe heutige Anzeige.
hingewiesen.
** Konzertder 33. SS. - Standarte. Der Musikzug der 33. SS.-Stanbarte Darmstadt hatte in Verbindung mit der Gießener SS. zu einem großen Konzert eingeladen, das gestern nachmittag eine stattliche Anzahl von Zuhörern im Saale des Cafä Leib vereinigte. Das Konzert^ollte dem Zwecke dienen, zwischen der hiesigen SS. und der Bevölkerung bas Band der Freundschaft noch zu ver- tärken, und diesem Gedanken gab der SS.-Ober- turmführer Nickel in einer kurzen herzlichen und ■ reunblid) aufgenommenen Begrüßungsansprache Ausdruck. Die stattliche Kapelle wartete dann mit chneidiger Musik auf und riß die Zuhörer zu leb- ffi?ÄMÄB-W-L 1 Renten NE-suhr »i« B-tomo.in« »em««.,«« den. In straffem Rhythmus konzertierte die Kapelle Guterzug auf. Der im Packwagen beftndliche Zug und gab damit den Darbietungen eine besondere fuhrer JosefG e i b i g aus erlittbabei Note. Seine künstlerische Qualität und Reife stellte Gehirnerschütterung und starb e ber eine Stunbe das Orchester mit einigen Darbietungen bester fpater an den Folgen dieses Unfalls. Sonst ist Opernmusik unter Beweis. Mit besonderer Freude kleiner Sachschaden entstanden.
Wahrung von Ordnung und Würde in Gerichtssitzungen.
Die Justizbehörden und Rechtsanwälte haben zur Hebung des äußeren Ansehens der Rechtspflege und zu dem Zwecke, allen Anwesenden in einer Gerichtssitzung vor Augen zu fuhren, daß in ihr der Staat souverän Recht spricht, vom hessischen Justizminister folgende Anordnungen erhalten, die auch von dem an Gerichtsstelle in den Sitzungen anwesenden Publikum beachtet werden müssen.
Hiernach müssen alle künftig, in einem Gerichtssaal anwesenden Personen beim Erscheinen des Gerichts von den Plätzen aufstehen und haben das Gericht mit dem deutschen Gruß durch Erheben des rechten Armes zu begrüßen. Das Gericht erwidert den Gruß, sobald alle mitwirkenden Richter an ihren Plätzen angelangt sind.
Wird in einer Strafverhandlung das Urteil verkündet, so haben sich alle Anwesenden e i n - schließlichdes Gerichts bei Verkündung des entscheidenden Teiles des Urteils von ihren Plätzen zu erheben. , .
Bei Schluß des letzten an einem Tag anstehenden Verhandlung begrüßen die Richter das Publikum mit dem deutschen Gruß durch Erheben des rechten Armes. Die Richter entfernen sich, das Publikum erhebt sich von den Plätzen und erwidert den Gruß.
Die Richter, Staatsanwälte und Urkundsbeamten '(Protokollführer) sollen in den Sitzungen strenge Anforderungen an ihr eigenes Verhalten stellen und alles unterlassen, was geeignet fein könnte, das Ansehen des Gerichts zu beeinträchtigen oder die Prozeßbeteiligten und das Publikum zu einer Minderung ber dem Gericht zu erweisenden Achtung zu verleihen.
Von der Rechtsanwaltschaft wird erwartet, daß ein Terminsstellvertreter tünftig nur noch in Ausnahmefällen bestellt wird.
Zweck und Ziel der Anordnung des Justizministers ist die Hebung des Ansehens der Justiz und Förderung der Güte der Reichsfindung. Die mündliche Verhandlung vor Gericht soll deshalb so ahgehalten werden, daß' sie nicht zu einer leeren Formsache herabgewürdigt wird, sondern eine wirkliche Verhandlung darstellt. Die Parteien und Prozeßbevollmächtigte sind deshalb dazu anzuhalten, daß sie selbst den Sach- und Streitgegenstand in dem erforderlichen Umfange vortragen und ihre Anträge stellen.
Oer Luthertag in Gießen.
Am geftrigeh Sonntag wurde das Gedenken an den 450. Geburtstag des Reformators Martin Luther auch in unserer Stadt festlich und würdig begangen. Die Gottesdienste in unseren evangelischen Kirchen waren allenthalben gut besucht und brachten den Kanzelrednern, die Martin Luthers Wirken in den Mittelpunkt ihrer Predigten stellten, stark interessierte Gemeinden. Die festliche Ausgestaltung der Gottesdienste durch entsprechende gesangliche Darbietungen wurde der Bedeutung des Ereignisses gerecht. Die Landesunversität beging den evangelischen Festtag durch eine Gedenkfeier, über die mir heule an anderer Stelle berichten. Die Lukasgemeinde und die Markusgemeinde veranstalteten gut besuchte Gemeindefeiern, deren Verlauf die Teilnehmer in hohem Maße befriedigte. Heber diese Veranstaltungen werden wir morgen noch berichten.
NSDAP.
Die NS. - Frauenschaft Gießen-Süd hat heute, Montag, 20.15 Uhr, Turnstunde, am morgigen Dienstag, 21.15 Uhr, Zellenabend für die -vellen 1 und 2 bei Loichinger, für Zelle 3 im ^Tannhäuser", für Zelle 4 am Mittwoch. 20.15 Uhr, ebenfalls im „Tannhäuser".
Die Ortsgruppe Gießen-Sud veranstaltet am morgigen Dienstag, 20.15 Uhr, den 4. Luft-


