Ein M vom Glück.
Vornan von Anny von panhuys.
3. Fortsetzung. Nachdruck oerbotenl
Sie unterbrach ihre Arbeit und stützte die Hände auf eine Stuhllehne. „Hier im Schloß geht es um, und die weiße Reiterin soll sich letzthin auch mehrmals gezeigt haben. Das ist ein Gespenst, vor dem einem das Lachen vergeht. Meine Schwester hat's gesehen: sie war vor ihrer Heirat Zofe bei der Gnädigen. Gleich nach dem Mord sah man es." Sie hatte funkelnde Augen vor Eifer, weil sie zwei stumme, aufmerksame Zuhörerinnen hatte. „Das Haus hier ist verflucht, weil ein ungesühnter Mord darin geschehen ist." Sie kam nicht weiter. Marlene gebot ihr mit einer Handbewegung schroff halt.
Weil sie keine Antwort erhielt, fing sie an, laut mit dem Geschirr zu klappern und ging dann mit höflichem Gute-Nacht-Gruß.
Olga sagte: „Es klang beinahe, als wollte das Mädchen dazu übergehen, Herrn von Malten zu beschuldigen, und wagte es doch nicht recht."
Marlene erwiderte fast heftig: „S)err von Malten ist kein Mörder, er hat ebensowenig einen Mord begangen wie ich."
Die andere schaute die Sprecherin verwundert an.
„Er muß auf Sie in den flüchtigen Augenblicken, wo Sie ihn gesehen, einen sehr sympathischen Eindruck gemacht haben."
Marlene zog die Schultern hoch.
„Das weiß ich nicht, ich weiß nur, wenn ein Mörder so aussieht wie Herr von Malten, gebe ich keinen Pfennig mehr für meine Menschenkenntnis, die mein Vater immer besonders lobte. Er behauptete sogar, ich hätte von Kind an immer recht gehabt, wenn ich Abneigung ober Sympathie für je- man empfand."
Olga Zabrow schwieg und schien etwas zu überlegen. Nach einem Weilchen sagte sie kopfschüttelnd: „Wie kann nur ein großes Bücherregal von selbst umfallen! Ich gehe ,etzt schlafen: aber das weiß ich, ich verriegele und verschließe meine Tür gründlich, denn mir sitzt die unheimliche Stimmung wieder bis hier."
Sie zeigte auf ihren Hals.
Die beiden Mädchen trennten sich rasch: aber als Olga, trotz ihrer unheimlichen Stimmung, schon lange in tiefen Schlaf versunken war, saß Marlene noch in ihrem Zimmer am offenen Fenster in dem bequemen Armstuhl und blickte hinaus. Etwas seitlich unter ihrem Fenster brannte eine Laterne, wie sie eben erst bemerkte. Aber ihr Licht reichte nicht weit. Wie ein kleiner heller Wassertümpel lag chr Schein auf dem Erdboden. Es war nicht viel erkennbar: ein Baum, noch fast kahle Zweige, ein Stück niedrige Mauer.
Marlene tat die frische Nachtluft wohl, die rein war durch das Gewitter und noch nach Regen duf- tete. Sie dachte an Achim von Malten und empfand es wieder wie eine Gewißheit: er hatte den Mord nicht begangen, wenn man es auch zu behaupten wagte. Sie glaubte an ihn, obwohl sie ein Gesicht nur ganz flüchtig gesehen hatte und sich kaum ein Urteil über ihn erlauben durfte.
Als sie eingeschlafen war, hatte sie einen seltsamen Traum. Sie sah Achim von Malten. Er überreichte ihr einen Anhänger in Kleeblattform, der ganz übersät war mit grünen Steinchen. Sie konnte sich am Morgen noch deutlich erinnern, wie das Schmuckstück ausgesehen hatte. Und sie erinnerte sich auch, daß sie es mit einer Gebärde des Abscheus zurückgewiesen, und daß Achim von Malten das sehr schöne und aparte Schmuckstück ebenfalls mit einer Gebärde des Ekels weit fortgeworfen hatte.
Sie mußte über den Traum lächeln und fand ihn reichlich sinnlos. Man behauptet, was man die erste Nacht in einem anderen Hause träumt, gehe in Er- füllung. Was aber sollte von diesem Unsinn in Erfüllung gehen?
*
Auguste Helm brachte Marlene selbst das Frühstück und bot ihr einen freundlichen Morgengruß.
„Drüben bei dem anderen Fräulein habe ich auch schon aufgetischt", sagte sie. „Nachher, so etwa in einer Stunde, kommen Sie, bitte, nach unten, Fräulein! In der Halle macht sich immer einer von den Dienern unnütz. Bon dem, den Sie gerade antreffen, lassen Sie sich bei Frau von Malten anmelden. Am besten gleich mit dem anderen Fräulein zusammen." Sie lächelte ihr gutes Lächeln. „Nur Mut, die Sache wird schon schief gehen.'
Marlene hatte Vertrauen zu der resolut und doch gütig Aussehenden. Sie erklärte:
„Ich möchte die gnädige Frau bitten, die Baronesse hierzubehalten: sie hat es noch nötiger als ich, unterzukommen."
Auguste lachte: „Die Baronesse hat mir eben ungefähr dasselbe erzählt: aber sie meinte, Sie hätten es nötiger. Ihre Hilfe brauche kein Mensch, Sie jedoch mochten gern für Ihren Vater etwas tun." Sie klopfte Marlene auf die Schulter. ,Lassen Sie nur die gnädige Frau entscheiden: sie läßt sich sowieso nicht beeinflussen, glaube ich."
Sie ging, und bald darauf kam Olga Zabrow. Sie hatte heute leichte, freie Bewegungen und meinte: „Wenn draußen die Sonne scheint, sieht das Leben gar nicht mehr so düster aus. Wissen Sie, ich haue ab, wie man in Berlin sagt, und Sie bleiben hier."
Marlene schüttelte den Kopf.
„Ich mochte nachher Frau von Malten bitten Sie hierzubehalten."
Olga Zabrow wehrte heftig ab.
„Denken Sie an Ihren Vater! Auf mich allein kommt es nicht so genau an."
Sie lachte unfroh.
Marlene legte ihr leicht die Rechte auf die Schulter.
„Was nützt schließlich der gegenseitige Opfer- wille? Die Entscheidung über Bleiben und Gehen steht ja nicht in unserer Macht."
Die hellbraunen Augen der Baronesse hatten einen nachdenklichen Blick. Sie band mechanisch die kleine dunkle Halsschleife an ihrem grauen Tuchkleid, begann:
„Man soll eigentlich den Inhalt eines Films ober den Inhalt eines Traumes nicht erzählen, beides ist uninteressant für andere; aber mein Traum heute nacht war doch ein wenig seltsam. Ich war in einem Zimmer — an die Einrichtung erinnere ich mich gar nicht — mit Ihnen und Herrn von Malten zusammen. Ich sah ihn im Traum ganz deutlich, wenn auch sein Gesicht leicht gesenkt und Ihnen zugewandt war. Er reichte Ihnen —"
Marlene horchte gespannt auf. Wie sonderbar! Anscheinend wollte ihr die Baronesse denselben Traum erzählen, den sie selbst geträumt. Sie erwartete fast sicher, jetzt zu hören: Er reichte Ihnen einen Anhänger in Form eines vierblätterigen Kleeblattes —
Aber Olga fuhr fort: „Er hielt Ihnen einen Dolch entgegen und zeigte auf eine Stelle am Griff, der eine Einbuchtung aufwies, als fehle dort etwas. Sie starrten mit allen Zeichen des Entsetzens auf den Dolch und verwahrten sich, wenn Sie auch nicht sprachen, sehr lebhaft durch Zeichen dagegen, die mit sehr hübschem und künstlerischem Griff ver- sehene Waffe anzufassen. Da machte auch er eine Bewegung des Ekels und warf die Waffe weit von sich." Sie sah jetzt Marlene an, fragte: „Ein Jon»’ oerbarer, wenn auch sinnloser Traum — nicht wahr?"
Marlene wiederholte mechanisch: „Ein sonder- barer Traum, aber —", sie brach ab. Sie war schon im Begriff gewesen, auch ihren sonderbaren Traum zu erzählen, doch dann dachte sie, es würde ja klingen, als ob sie ihren Traum nach Olga Za- broms erfunden hätte. Sie schwieg. Trotz einer gewissen Ähnlichkeit waren beide Träume Unsinn.
Sie trat vor den Spiegel, der klar und groß war, betrachtete sich noch einmal, sagte, sich umdrehend: „Wir wollen nun zu Frau von Malten gehen." Die andere seufzte: „Jetzt wird sich unser Schicksal entscheiden."
Ein Diener pinselte in der Halle Staub aus den geschnitzten hohen Lehnen der Stühle, die hier etwas feierlich und steif umherstanden. Er meldete die beiden, die ihn darum baten, und gleich darauf durften sie bei Frau von Malten eintreten, deren vergrämtes Gesicht sich beim Eintritt der zwei
Mädchen ein wenig aufheltte. Sie erwiderte bereit Gruß freundlich, musterte sie aber sehr genau.
Schweigen nistete sich ein, das dumpf und bedrängend wurde, weil es zu lange währte.
Endlich sprach von Frau von Malten.
„Meine gute Auguste — Sie kennen sie ja schon — zeigte mir einen Ausweg aus dem Dilemma. Und ich glaube, ihr Rat ist gut. Ich hörte auch von Auguste, jede von Ihnen wollte mich bitten, die andere hierzubehalten. Ich folge Augustes Rat, und wenn es Ihnen recht ist, bleiben Sie, wenigstens das nächste Halbjahr, beide hier. Wir können hier ein bißchen frisches junges Leben gebrauchen, vielleicht wird es dann etwas heiterer hier als bisher. Auguste sagte mir auch, daß Sie beide von ihr erfahren haben, welches Unglück meinen armen Sohn und durch ihn natürlich auch mich traf. Denken Sie stets daran, wenn es Ihnen einmal hier zu trübselig scheint. So etwas lastet nicht nur auf den Menschen, die das Unglück betroffen, es lastet wie ein schwerer Alpdruck auf ihrer ganzen Umgebung, sogar auf den Gegenständen, die um sie herum sind. Unser Schloß, unser Park, alles, wo unsere Füße gehen, ist trübselig geworden." Sie brach ab. „Es ist unrecht von mir, Ihnen auf die Weise auch gleich den Alpdruck zu suggerieren. Also, um bei der Sache zu bleiben, ist es Ihnen so recht? Ich engagiere Sie beide zunächst für ein halbes Jahr, wodurch aber für Sie kein Zwang des Hier- bleibens entsteht. Es ist Ihnen unbenommen, Malt, stein zu verlassen, wenn Sie sich hier nicht wohl fühlen ober sich verbessern können."
Marlenes Augen strahlten in fast kindlicher Freude.
,Lch bleibe gern mit Baronesse Zabrow zusammen hier."
Auch Olga war sehr zufrieden mit dieser Lösung der Angelegenheit. Sie küßte die Rechte der Schloß- frau, sagte warm: „Herzlichsten Dank!"
Frau von Malten nickte: „Das wäre also abgemacht, und da Sie nun hierbleiben, richte ich gleich eine Bitte an Sie beide. Gestern, spät abends, stürzte in der Bibliothek aus bisher noch unaufgeklärter Ursache eins der großen Bücherregale um, und es ist nun eine ziemliche Arbeit, die Bücher alle in leidlicher Ordnung wieder an ihre Plätze zu stellen. Das Regal wurde bereits wieder aufgerichtet. Es ist mehr breit als hoch, und ich dachte, wenn Sie beide sich zusammenschließen, kämen die Bücher wenigstens nicht wie Kraut und Rüden dahinein. Mein Sohn besitzt keine Ruhe zu solcher Arbeit, und die Dienerschaft würde wahrscheinlich - allerlei Durcheinander anrichten. Es kommt ja nicht so genau darauf an; aber die verschiedenen Werke ein und desselben Schriftstellers müßten wenigstens nebeneinander stehen."
Marlene nickte: „Die Arbeit übernehme ich sehr gern, gnädige Frau."
(Fortsetzung folgt.)
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