Oie stummen Gäste von Zweilinden
Roman vonAnnyvonpanhuys.
Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.
20 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sie war sich jetzt darüber klar: die Blumenver- käuferin bedeutete eine große Gefahr für ihren Sohn. Seinem Wunsche schroff zu widersprechen, war vielleicht nicht klug, oft reizt Widerspruch erst, darum antwortete sie harmlos: „Meinetwegen kaufe noch Blumen, aber, bitte, keinen solchen Riesenstrauß wie am Vormittag. Wenn du ihr auf diese Wiese etwas Mohr zu verdienen geben willst, dann lege ein paar Peseten außerdem hin."
Er schüttelte den Kopf. „Das würde ich nicht wagen, Mutter, sie hat einen so stolzen, vornehmen Ausdruck im Gesicht."
Frau Bettina drängte: „Dann kaufe aber, bitte, schnell, ich möchte heute doch recht zeitig nach dem Hafen fahren."
„Komm mit an den Kiosk, Mutter", bat er, und Frau Bettina begleitete ihn über die Straße, sie konnte doch auf diese Weise kontrollieren, was zwischen den beiden gesprochen wurde. Sie bemerkte, daß das schöne Mädchen rot bis zu den Schläfen wurde, als Konrad sie grüßte.
Er sagte: „Ich habe meine Mutter mitgebracht, ihr gefallen Ähre Blumen sehr gut, Senorita, und wir wollen uns noch ein paar Lilien und einige Nelken oder Margueriten mitnehmen."
Angelas kleine schmale Hände zogen die gewünschten Blumen aus den hohen Gläsern, und dabei blickte sie manchmal ein bißchen scheu auf die Dame, die ihren Gruß nur mit kühlem Kopfneioen erwidert hatte. Sie schien nicht so freundlich zu sein wie ihr Sohn. Aber die Dame trug Trauerkleidung, vielleicht litt sie unter einem schweren Verlust und war deshalb so zurückhaltend und ernst.
Sie fragte: „Wie groß darf der Strauß sein, mein Herr?"
Frau Bettina fand, Konrad war so abwesend durch die Nähe des schönen Geschöpfes, daß er es fertigbrächte, chr nochmals so ein Ungetüm wie heute vormittag als Geschenk zuzumuten. Deshalb mischte sie sich ein: „Ein schlankes schmales Sträußchen genügt."
Angela sagte sich, daß dieser Blumenkauf nur ein Dorwand war. Warum brachte der Deutsche aber seine Mutter mit, die gar kein besonderes Verlangen nach ihren Blumen zu haben schien? So eine Dame stellte doch auch keine künstlichen Blumen in chre Wohnung. Und sie dachte, wie schade, daß er nicht allein gekommen war, man hätte so gut ein Weilchen miteinander plaudern können, denn es war jetzt vor dem Kiosk ziemlich still.
Sie reichte den Strauß Konrad ZweUinden, und er dankte, als hätte sie ihm ein wertvolles Geschenk gemacht. Er bezahlle und gab Angela die Hand. Er konnte einfach nicht anders, und Angela legte ihre Hand in die feine. Ein jäher Schmerz durchzuckte sie dabei. Sie kannte den Deutschen nicht, hatte ihn
heute vormittag zum erstenmal im Leben gesehen, aber chr war jetzt, als kenne sie chn schon sehr lange und müßte nun von chm scheiden.
Frau Bettina zwang ein mattes Lächeln um chren Mund und neigte wieder den Kopf.
Als sie ein Stück von dem Kiosk entfernt waren, fragte Konrad: „Ist sie nicht ein wundervolles Geschöpf, Mutter, eigens dazu geschaffen, daß man sich ohne Besinnen bis über beide Ohren in sie verliebt?"
Sie erwiderte ein wenig betont: „Mir scheint, Konrad, du hast es bereits getan, aber ich rate dir dringend, vergiß tzas Mädchen wieder. Für eine Liebschaft ist sie zu schade."
Konrads Gesicht färbte sich dunkler. „Das Mädchen gehört zu denen, die man heiratet, Mutter", entgegnete er mit tiefem Ernst. „Es ist eine köstliche Reinheit um sie."
Frau Bettina dachte, daß es wohl am besten fei, wenn man abreiste, um der Gefahr zu entrinnen, die ihrem Sohne durch diese Blumenverkäuferin drohte.
Im Autobus redeten beide von anderen Dingen, und als man am Platz Catalunja ausgestiegen war, hatte Konrad die Blumen im Autobus vergessen.
„Dem Himmel sei Dank!" seufzte seine Mutter heimlich und zufrieden. Was sollte sie mit den vielen künstliche Blumen? Sie bedeuteten ja nur eine Reiseunbequemlichkeit.
Angela hatte den beiden nachgeblickt, und sie grübelte nun immer wieder, warum der Deutsche eigentlich jnit seiner Mutter hier gewesen war. Er hatte sie anscheinend seiner Mutter zeigen wollen. Die Mutter aber war still und ernst gewesen, fast abweisend.
Auf dem Verkaufsbrett lagen noch Blumen durcheinander. Sie räumte mechanisch ein wenig auf, und dabei kam unter ein paar dicken Nelken etwas Glitzerndes zum Vorschein. Ein Armband mit allerlei Bildern. Die vornehme Dame in Trauer mußte es verloren haben, überlegte Angela, so schöne Armbänder besaßen die Frauen und Mädchen nicht, die gewöhnlich bei ihr kauften. Sie betrachtete es genauer und lächelte, als sie auf einem der Medaillons, aus denen sich das Armband zusammensetzte, das Gesicht des Blumenkäufers erkannte. Nun wußte sie bestimmt, daß dieses Armband der Dame gehörte: es hatte sich wahrscheinlich von ihrem Handgelenk gelöst, als sie sich leicht auf das Derkaufsbrett gestützt.
Angela betrachtete flüchtig auch die anderen Bildchen, um sich bann wieder in das des Mannes zu vertiefen, an den sie mit so seltsam süßem Schmer; denken mußte. Sie überlegte, was sie mit dem Armband anfangen sollte. Mußte sie es auf die Polizei tragen? Es war schade, daß sie nicht wußte, wo die Deutschen hier wohnten, bann hätte sie ihnen bas Armband bringen können. Doch sie wußte weder ihren Namen, noch ihr Hotel.
Sie grübelte: vielleicht war es gut, eine Annonce in einer gelesenen Tageszeitung aufzugeben. Das war wohl der einfachste Weg. Aber dem Vater wollte sie nichts davon sagen. Obwohl sie bisher noch nie ein Geheimnis vor ihm gehabt. Wer er war kurz und unfreundlich zu dem Fremden gewesen, es war besser sie erwähnte nichts mehr von ihm. Weber davon, daß er mit seiner Mutter Blumew bei ihr gekauft, noch davon, daß sie ein Armband seiner Mutter gesunden.
Schade, daß sie nicht gleich gehen konnte, um die Annonce aufzugeben. Wer am Montag wollte sie es tun.
Au Hause verwahrte sie das Schmuckstück sorgfältig in einem Kästchen, in dem sie einige billige Schmuckstücke von der Mutter aufhob, und in der Nacht träumte sie, alle die Personen, beren Gesichter sie auf bem Armband gesehen, säßen mit ihr um einen großen Tisch, und neben ihr saß der Blumenkäufer und lächelte zärtlich: „Jetzt sollst du für immer bei uns bleiben!" Dann küßte er sie, und die andern, die am Tisch saßen, lächelten auch und sagten im Chor, es klang wie dumpfes Murmeln: „Wir sind schon tot, aber wir segnen euch!"
Als Wgela erwachte, war es heller Morgen. Sie mußte sich erst zurechtfinden, der Traum war plötzlich so scharf und klar da, daß sie unwillkürlich tief seufzte. Er war nicht häßlich und beängstigend gewesen, aber am hellen Tage hatte er fast etwas Unheimliches.
Sie holle das Armband hervor und schaute sich die Bilder noch einmal genau an. Sie dachte, man träumte oft Unsinn zusammen, denn wohl alle diese Menschen lebten noch, deren Gesichter man hier auf den Medaillons sah, wie er lebte, der sie im Traum geküßt, und zärtlich zu ihr gesagt: „Jetzt sollst du für immer bei uns bleiben!"
Sie fuhr sich vorsichtig mit den Fingerspitzen der Rechten über die Lippen, als müsse sie dort etwas suchen, und sie erschauerte leicht. Suchte sie die Spuren des Kusses dieser Traumnacht?
Ihr Vater klopfte an ihre Kammer und sagte:
„Steh auf, Angela mia, die Sonne scheint dir schon aufs Bett. Sie ist heute so schön wie noch nie. Auf, Langschläferin, du mußt unseren Palmenzweig weihen lassen."
Da wusch sich Angela und machte sich zurecht. Ein neues Kleid aus schwarzer Kunstseide zog sie an, das silberne Bärtchen um Halsausschnitt, Manschetten und Rocksaum und einen Gürtel aus Silberband hatte. Neue Halbschuhe mit Lackspitzen trug sie dazu, und über ihnen glänzten matt die grauen Sei den- strümpfe. Ihr Palmenzweig war lang, und sie hatte ihn mit Gold- und Silberfaden und einer hellblauen Schleife geschmückt, in die zwei Lilienköpfe eingeknüpft waren.
Sie willigte ein. „Also will ich mir die von dir entdeckte Sehenswürdigkeit betrachten", lächelle sie.
„Komm mit zur Palmenweihe", bat sie den Vater, denn da er ja zum erstenmal gewünscht halle, sie solle einen Palmenzweig weihen lassen, durfte sie auch hoffen, daß er sie begleite. Ader er lehnte hastig ab, und so ging sie denn allein.
In ganz Barcelona, um alle Kirchen herum, wogten heute die gebleichten Palmenzweige, in ganz Spanien trugen an diesem Vormittag Männer, Frauen und Kinder die blassen, geschmückten Wedel in den Händen, die meist aus bem berühmten Palmenhain von Elche stammen, ber wie ein Wunbergarten Afrikas nahe bei Alicante liegt. Ein zauberhaft schöner Ort am Mlltelmeer.
Zur Mittagsstunde war ber Palmenzweig, den Angela hatte wechen lassen, schon an der Tür des kleinen Häuschens befestigt, das Wulf Speerau mit feiner Tochter bewohnte.
Nichts lag ihm mehr daran, baß man wußte, wer er einmal gewesen, in wie glänzenden Verhältnissen er gelebt hatte. Was war das jetzt für ein Unterschied gegen damals!
Obgleich er mit ber Vergangenheit abgeschlossen, mahnte ihn boch bas Gewissen an bie Tat, bie er einst begangen.
Man nannte den Vater Angelas hier Esperao, benn Speerau konnte man nicht aussprechen, unb Esperao nannte er sich auch längs selbst, es war Wulf Speerau nur recht gewesen, daß fein richtiger Name auf biefe Weise unterging.
16.
Am Montag früh wollte Angela die Annonce in die Straße Palayo bringen, wo sich bie oielgelesene Morgenzeitung „Vanguarbia" befand, aber ihr Vater fühlte sich nicht wohl, unb sie konnte erst spät in ihren Kiosk gehen, ba muhte sie den Gang not- gebrungen auf ben Nachmittag verschieben. Nach dem Essen erklärte ihr Vater: „Ich fühle mich wieder ganz wohl und möchte nachher einen längeren Spaziergang machen."
Angela dachte, daß sich ihr heute vielleicht die Gelegenheit bot, zu erforschen, wohin ber Vater ging unb wo er immer gewesen, wenn er mit so nachdenklicher unb boch zufriedener Miene nach Hause zurückkehrte.
Sie wartete fein Weggehen ab und folgte ihm. Er ging schnurstracks nach der Station der Untergrundbahn. Sie mußte sehr vorsichtig sein, um nicht von ihm gesehen zu werden, aber es gelang ihr, da er sich nicht umwandte. Sie nahm eine Fahrkarte bis zum Ende ber Strecke, unb als er in ben ersten Wagen stieg, bestieg sie ben zweiten. Vom oorberen Fenster aus konnte sie in den ersten Wagen hineinsehen. Sie sah, wie sich der Vater setzte, und daß er sitzen blieb bis zum Platz Catalunja. Nach dem Aussteigen ging er ein Stück die Ramblas hinunter, diese schöne, alte Hauptverkehrsstraße der Stadt, unb bann bog er nach ber Straße Carmen hinüber.
Jetzt war Angela wirklich gespannt, wohin er seine Schritte lenkte. Sie hatte sich ihr helles Kleid mit bem (silberbesatz angezogen und sah so schön aus, daß ihr die Leute nachblickten. Aber sie achtete nicht darauf. Sie kam so selten einmal in diese Gegend, wo das Herz der großen Stadt am wärmsten und kräfttgsten schlug. Alles interessierte sie, und dabei mußte sie noch auf ben voranschreitenden Vater achten, benn bie Spannung der Frage wuchs D.in Sekunde zu Sekunde: wo ging ber Vater denn eigentlich nur hin?
An ber Ecke ber Straße Carmen verweilte er flüchtig, bann trat er in bie Kirche ein, war ihren Augen entschwunben. -
Angela blinzelte in ben strahlenden Nachmittag. Sie mußte sich geirrt haben. Es war doch nicht möglich, was ihre Augen eben gesehen hatten. Und bann, nach einem Weilchen, betrat sie ebenfalls die dämmerkühle Kirche und spähte nach bem Vater umher.
Endlich fand ihn ihr Auge: dort drüben saß er aus einer Bank nahe dem Seitenallar, ben viele Kerzen umflammten. Sie setzte sich zwei Bänke weiter zurück unb beobachtete ihn.
(Fortsetzung folgt.)
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Gießen, den 19. April 1933.
Die Beerdigung findet Freitag, den 21. April, nachmittags 3/2 Uhr, auf dem Neuen Friedhof statt.
In tiefer Trauer:
Emilie Lüdeking, geb. Herrnbrodt Familie Karl Lüdeking jr.
Gestern abend um */?8 Uhr entschlief unerwartet mein guter Mann, unser treuer Vater und Großvater
Karl Lüdeking sen.
im 86. Lebensjahre.
Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, heute morgen 6% Uhr unseren herzensguten, lieben Vater, Schwiegervater, Großvater, Bruder und Onkel
Herrn Anton Dietz
Zugführer i. R.
im Alter von 65 Jahren in die Ewigkeit abzurufen.
In tiefer Trauer:
Liesel Kröck, geb. Dietz
Hans Dietz
Karl Kröck, Dachdeckermeister Minna Dietz, geb Ruppel.
Gießen (Krofdorfer Straße 22). den 19. April 1933.
Die Trauerfeier findet am Freitag, dem 21. April, nachmittags 2 Uhr, auf dem Neuen Friedhof statt.
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