Nr. 92 Zweites Blatt
Donnerstag, 20. April 1933
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Römische Ostem.
Von un|crcm römischen ^ Korrespondenten.
Rom, an Ostern.
Das Ringen um die Pax romana, der Kamps zwischen den im Geiste des Friedens erneuerten Mächten und den finsteren Gewalten der Kriegspsychose, zwischen dem neuen Europa und einer falschen, im Romantizismus stcclengebliebe- nen Glorie, der Kampf zwischen heute und gestern ist in vollem Gange.
So sieht es wenigstens für den Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts aus, der sich nach einer dem technischen Fortschritt, der Grenzenverschiebung angemessenen Atmosphäre sehnt. Die Politiker freilich sehen keine Aushebung der Grenzen durch den Luftverkehr, der unserer Zeit das Gesicht gibt, sondern im Gegenteil einen Rückfall in die Kleinstaaterei, und in dem Mussolinipakt bestenfalls einen Versuch, zu einem zehnjährigen Waffen still st and zu kommen. Die Offiziere schließlich glauben, im Grunde gehe es doch nur um die R ü st u n g, und da die besten Geschütze getarnt zu werden pflegen, finden sie es ganz in der Ordnung, wenn die Diplomaten von Abrüstung sprechen.
Jeder hat jedenfalls seine eigene Anschauung, keiner weist etwas Genaues, und zweck- mähig must es daher scheinen, nach Rom zu gehen an den Herd des politischen Werdens und Geschehens. Wieder einmal ist das Tiber» babel »um Rabel der Welt geworden. Groß- Britannien macht sich auf zu Mussolini, Deutschland kommt, Oesterreich ist Da, Ungarn schickt seine besten K^pse. Alles kreist um den Duce, ähnlich wie während des Krieges alle Blicke nach Amerika sich richteten und von dort das Heil erwartetem Aber freilich, jeder versteht etwas anderes unter dem Heil.
Am gle chen Tage mußte Mussolini eine argentinische Sondergesandtschaft, deren Mission nördlich der Alpen viel zu wenig beachtet wurde, b.e deutschen Minister und den Botsch. fter Frank- re chs empfangen, der ihm das „Memorandum" überre'chte, die Antwort des mächtigsten Militär- । staates auf seinen Friedensvorschlag. Es sieht harmlos aus. es ist harmlos gedacht und wird in aller Harmlosigkeit wie so viele andere vor ihm im Sande von Genf verlaufen, wenn — die in der Luft liegende Entente zwischen England, Deutschland und Italien nicht zustande kommt. Andernfalls darf damit gerechnet werden, dast die übliche Kabinettssprache aufgegeben und Franlre ch ein Osterei in seinem Garten finden wird, auf dem der britische Löwe zwischen Liktorenbündel und Hakenkreuz zu sehen ist, ohne zu brummen. So malen es bereits einige Pariser Zeitungen aus, und sie haben nicht unrecht.
Run gibt es zwei Frankreich: eines, das seinen Verdauungsfrieden haben und so wenig wie der liegende und besitzende Fafner in feiner Ruhe gestört werden möchte und daher tatsächlich, wenn man witzig sein will, als .,p a z i f i st i s ch" bezeichnet werden kann ein anderes, das dem Siegfried nicht traut und daher am liebsten sämtliche Mime und Albcriche zu seinen Bundesgenossen machen, vor allem aber das gefährliche vertikale Bündnis zwischen den übrigen drei Großmächten Europas im Keime ersticken möchte. Den Hauvtsaktor in dieser Rechnung bildet das logische Bestreben, einen Zusam- menschluh der „zwei faschistischen Rationen" zu verhüten. Daher Liebäugeln mit England und die schönsten Worte, die sich auftreiben lassen, für Mussolini.
Erstes Ergebnis: das Memorandum. Es sagt nicht 3a und nicht Rein zu dem Vierer- Pakt, es seht nur, wieder einmal anders garniert und mit dem neuesten Zierrat der Genfer Akademie für stilistische Spitzenleistungen dargeboten, der Pax romana eine paix ä la tran^aise entgegen. Gerade das, was man in Rom nicht will. Durchaus denkbar daher, daß Rom, des ewigen Einerlei müde, Herrn de Jouvenel einladen wird, wenn nicht an Ostern, so an Pfingsten, doch lieber einmal Rom-Karthago zu spielen und klar zu sagen, was er in seiner Toga berge.
Mit Sophistereien ist heute nicht weiterzukommen. 3n der Tat muh einem der Vecleider kommen, um es schweizerisch auszudrücken, wenn man Tag für Tag die französischen und italienischen Zeitungen dieselben Gegensätze Wiederkäuen sieht. „Die fränkische Demokratie kann einer Rückkehr zu dem System der Bündnisse nicht zustimmen."- So der Extrakt der Doulevardpresse. Darauf stellt die römische sest, daß ja gerade Frankreich mit seinem Bundesgenossensystem an der Spitze der Vorkriegsmentalitäten stehe. „Frankreich kann einen Viererpakt niemals an- nehmen." ilnb Rom: Gerade Frankreich hat in seinem Interesse den Viererpakt von Locarno geschaffen.
Wo ist die Wahrheit? Vielleicht in — Po - I e n. Aus dem Osten kommt uns tt enn nicht das Licht, so doch die Erleuchtung. Der polnische Gesandte in Paris soll Paul Boncour rundheraus erklärt haben, dast Polen den sofortigen Krieg einer Revision der Verträge vorziehen würde, ilnb unwidersprochen blieb es, dast in Warschau auf der Straße zum Krieg gehetzt wird. Mussolini seht sich hin und schreibt für englische Zeitungen einen geharnischten Artikel gegen den Größenwahn der Kleinen Entente. Die gezierte Sprache des „Memorandums" kommt da nicht mit. Göring unterhält sich mit Balbo über die Luftschiffahrt, über die Fesseln, die nur noch auf der deutschen lasten, und findet volles Verständnis. Da es zum guten Ton gehört, nicht mehr am römischen Bahnhof, sondern am römischen Himmel einzutreffen, und nach einem Respektbogen um die Peterskirche vor Balbo zu landen, ist auf diese Weise plötzlich auch Doktor Dollf uh, der „österreichische Bismarck" da. ilebcrall ein neuer Ge'.ft gegenüber dem gestrigen des Memorandums.
Und man setzt sich zusammen und verhandelt, statt wie in Genf zu palavern. Es zeigt sich, daß Staatsmänner, die gewiß auch in Genf ihren Redner stellen würden, am Tatgeist eines Mussolini sich entflammen und Akteure werden können, Männer. Die Franzosen tun ihrem Botschafter unrecht, wenn sie ihm das Rückgrat absprechen und ihn gleichzeitig zwingen, immer noch auf dem ausgefahrenen Geleise hin- und herzurutschen. Feucrgeister an die Front! Quertreiber und Wichtigmacher wie Herr Titulescu sind wenig gefragt, berufsmäßige Deutschenfresser so unbeliebt wie das recht kommerzielle „Weltgewissen" in Rom.
Wenn nicht der Ausmachung, so doch der Bestimmung nach tagte in der SUrtoodje in Rom eine Art Wiener Kongreß. Wenn alle guten Willens sind, haben wir noch in diesem Sommer den Frieden. Und wenn es bloß ein zehnjähriger Waffenstillstand wäre, man müßte ihn nach einem fast zwanzigjährigen Kriegszustand begrüßen.
Der Vatikan m.id)t inzwischen — Herr von Popen, der vielgeschmähte, wird es erreichen — seinen Frieden mit dem Nationalsozialismus, wie er ihn mit dem Faschismus gemacht hat. Am Öftermorgen erschien der Papst auf der äußeren Loggia der Peterskirche und erteilte den großen Segen urbi et orbi.
Empfänge beim Staatspräsidenten.
Darmstadt, 19. April. (WSN.) Die Pressestelle der Staatsregierung teilt mit: Der Staatspräsident empfing am Mittwoch den Präsidenten des ReichsbundesderKinderreichen Herrn K o n r a b. Die Frage der kinderreichen Familien ist bekanntlich eine der wichtigsten und grundlegendsten der deut,chen Zukunft, was schon daraus hervorgeht, daß der Herr Reichskanzler — trotz seiner beschränkten Zeit — dem Präsidenten des Reichsbundes der Kinderreichen Herrn Konrad eine Unterredung von über einer Stunde gewährte. Ferner sprach vor eine - borönung der nationalsozialistischen Pfarrer Hessens. Es wurden organisatorische Fragen und das Verhältnis zwischen Staat und Kirche behandell. Des weiteren überreichte eine Abordnung der Allgemeinen Deutschen Kunst-Genossenschaft
von 18ö6 dem Herrn Staatspräsidenten eine künstlerisch ausgeführte Glückwunschadresse. Ferner sand eine Unterredung statt mit Rechtsanwalt Meisel. dem Staatskommissar für die Hessische Anwaltskammer. Es sprachen außerdem vor Vertreter des Verbandes hessischer Schornsteinfeger und Vertreter der hessischen Aerzte- kainmer unter Führung von Dr. Brüning.
Staatsregierung und Konsumvereine.
Darmstadt, 19. April. (WER.) Die Pressestelle bet Staatsregierung teilt mit: Der Staatspräsident empfing am Dienstag die Vertreter des Südwe st deutschen Verbandes deutscher Konsumvereine. 3n bezug auf die weitere Duldung der Konsumvereine drückte der Herr Staatspräsident im Verlause der Unterhaltung den Wunsch aus, daß die Beamten, soweit sie Genossenschafter der Konsumvereine sind, aus diesen a u s t r e » t e n müßten. Außerdem sei es selbstverständlich, bah bie steuerliche Bevorzugung bet Konsumvereine gegenüber ben sonstigen Geschäftsleuten in Zukunft auf hören müsse unb werbe.
Nächtliche Polizeiaktion im Kreise Wetzlar.
Wetzlar. 19. April. (WSR.) Unter Leitung bcs Staats komnnssars Stephan und unter Hinzuziehung von SA, LS., Landjägern und Beamten der kommunalen Polizei wurde in der Rächt zum Dienstag ein als besonders kommu- nisnsch bekanntes Dors im Kreise Wetzlar umstellt unb Haus für Haus systematisch durchsucht Die Maßnahme war notwendig geworden, weil der dringende Verdacht bestand, daß aus dem angrenzenden Hessen verbotene Druckschristen der KPD in das Kreisgebiet eingeschleppt unb unter bie Arbeiterschaft verteilt würben. Aus biefem Grunbe wurden auch bie Verbinbungs- straßen nach Hessen, sowie alle anbern Straßen überwacht unb Passanten zu Fuß unb zu Rad burchsucht. Reben zahlreichem verbotenen Material (Druckschriften, Waffen usw.) fanben sich Anhaltspunkte dafür, daß die in Hessen zuletzt bekannt gewordenen Hetzblätter infolge der augenblicklich scharfen Überwachung in weit geringerer Zahl in ben Kreis Wetzlar gelangten.
Das Rätsel des Vogelzuges im Lichte der neuesten Forschung. Ein Vortragsabend in der Technischen Hochschule zu Darmstadt.
Dor geladenen Gästen der Technischen Hochschule unb der naturwissenschaftlich interessierten Vereinigungen sprach im Auftrage des Dogelschuhvereines für den Dolksstaat Hes- . fen Dr. Karl Rudolf Fischer vorn Forstzoo- log.sehen Institut der Universität Gießen. Rach der Begrüßung durch ben Ches ber Ministerial- verwaltung, Lanbsorftmeister Hesse, führte ber Redner in seinem Vortrag über „D ie Psychologie des Vogelzuges unb b i e Aerobynamik des R e s o n a n z s l u g e s keilförmig geschlossener Vogelformationen" xl a. folgendes aus:
Die Psychologie bes Vogelzuges ist bas schwierigste Kapitel der gesamten Ornithologie. Der Klärung ber Zentralprobleme ist man noch außerordentlich fern. Und dennoch ist ber instinktive Trieb zum Wandern bei den Zugvögeln so selbstverständlich, wie der ozeanische Pulsschlag von Ebbe unb Flut.
Heber bie Entstehung des Wandertriebes sind die Ansichten sehr verschieden. Allgemein wird seine Entstehung hergeleitet von der Ansicht, daß die in ferner erdgeschichtlicher Vergangenheit zurückliegenden Veränderungen auf der Erdoberfläche die Voraussetzung geschaffen hätten. Richt im Klaren ist man sich über die organgebundene Vermittlungsstation zwischen Ursache unb tierpsychologischer Wirkung. So steht man vor ber Erwägung, entweder bie in Betracht kommende treibende Kraft in jener Aeußerung physiopsychifcher Organisationshöhe zu erblicken, für die man das Wort „Vernunft" geprägt hat, ober man muß zu bem heißumstrittenen unb damit definitionsmäßig fadenscheinig gewordenen Begriff „3nstinkt" seine Zuflucht nehmen. Vernunft ist abzulehnen, da sie nur beim Menschen vorhanden, abstrakt-geistige Kombinationsmöglichkeit voraussetzt. 3nstinkt ist unglücklich, weil hinsichtlich seiner Begriffsbestimmung, von der menschlichen Psychologie hergeleitet, eine haltlose Begriffserweiterung in ber Richtung eines „gefühlsmäßigen Verstehens" in bieses Wort hin- eingetragen würbe. Bei ber Begriffsdeutung muß man davon ausgehen, daß die drei Stei- gerungselemente aller Lebenstätigkeit, nämlich ..Empfindung", „Instinkt" und „3ntelligenz" die Gradhöhe jeglicher Entwicklungsorganisation bestimmen, die das Lebensniveau eines Tieres zu charakterisieren imstande sind. Man muß weiter die Möglichkeit zugeben, baß biefe bem ?weiten Steigerungselement zugeordneten „3nstinkte" eine Monopolangelegenheit des psychischen Erbgutes sein können, dessen aufbauende Ahnenkette bereits eine historische Angelegenheit zu sein ver
mag. Demnach die Definition: Instinkt ist zweckmäßiges Handeln ohne vorausgehendes Zweckmäßigkeitsbewußtsein. Damit wird ber Instinkt zu einer Angelegenheit des An- oder Eingeboren- seins. Dieser Hinweis legt es nahe, die psychischen Qualitäten der Instinkte ihrer Herkunft nach zu untersuchen. Man erkennt, daß sie eine Frage der „Reizbewegungssysteme" (Sommer) sind, bei denen durch Reizung von bestimmten Sinnes- flächen, infolge einer präformierten Anlage von Rerven und Muskelapparaten, bestimmte Impulse und Dewegungsmechanismen ausgelöst werden.
Die Frage: „Wann zieht der Vogel?" können wir reell beantworten auf Grund der Tatsachen, die vor unseren Augen liegen. Die Frage: „Warum zieht der Vogel i m voran s?" bedarf eines umfassenden Ausblicks. Um die Entstehung des Wandertriebes streiten sich zwei Meinungen. Gräsers naturhistorische Theorie, unb der biologische Erklärungsversuch von Meiden- b a u e r. Gräser sagt, unter der Einwirkung gewaltiger geologischer und klimatischer Veränderungen nahmen die Rahrungsflüge der Vögel inz sofern einen regelmäßigen Charakter an, als nach Rorden gerichteten Flüge im Herbst unb die nach Süden gerichteten im Frühjahr als dauernd schädlich ausgeschieden wurden. Die Meidenbauer- sche Theorie dagegen beruht in ber Verbindung der Ernährungsfrage mit der Tagesdauer während der Brutzeit. Es ist bekannt, daß bie Zugbedürftigsten unter den Vögeln sich von Insekten unb Würmern ernähren, eine Rahrung, die in unseren Breiten im Sommer leicht, im Winter gar nicht aufzutreiben ist. Rur ein langer Arbeitstag kann die Höchstleistung der Drutversorgung bewältigen. Der Zwölfstundentag des dämmerungslosen Aequatorialgurlels kann dieser Anforderung nicht genügen. Das vermag der Sechzehnstundentag der gemäßigten Zone.
Wir müssen jetzt erkennen, daß alle auf Empfindungen beruhenden unb ber Orientierung bienenden Triebhandlungen psychische Elemente sind und das Crregungsprodukt bestimmter sensibler Rerven nach Reizung durch die zugehörigen Sinnesorgane. Danach bleibt nach jedem Reiz, der die Empfindung als subjektives Psychisches Erlebnis ausgelöst hat, im Gehirn bie Spur bes durch Sinnesreiz irgendwo zustande gekommenen Vorgangs zurück. Damit ist eine organi* s ch e Grundlage gewonnen für die Vorstellung, daß Erinnerung unb Gebäch t nis beim Tier vermöge ber Ratur der Rervensubstanz denkbar sind. Wenn uns auch bislang noch völlig bie Einsicht in bie Art ber Reizung unb bie Stelle
Deutsches Männerchorwesen einst und jetzt.
hon Artur Holde.
Als sich 1903 die Sänger aus allen Gauen in Frankfurt zum „Kaiser-Wetlsingen" zusammenfanden, konnte bas deutsche Männerchorwesen aus fast ein Jahrhundert Lebensdauer zurückblicken. Ein fröhlicher Kreis von Künstlern unb Kunstfreunden war in Berlin, als man ein nach Wien übersiedelndes Mitglied der Tafelrunde mit Wort und Ton wegfeierte, auf den Gedanken gekommen, den gesanglichen Improvisationen eine feste Form zu geben Der angesehenste Musiker dieses Zirkels, Karl Friedrich Zelter, Goethes intimer Freund, der schon seit Jahren Dirigent der dem gemischten Ehorgesang dienenden „Singakademie" war, übernahm den organisatorischen Ausbau. Damit war die Gründung ber ersten „Liedertafel" für Männerchor erfolgt. Der junge Verein brauchte geeignetes Liedmater,al. Zelter stellte bereitwiiligst eigene Gesänge zur Verfügung, von denen manche noch heute als edelstes Gut volkstümlicher Volallun't zum eisernen Bestand der Männerchöre gehören-
Für die eingeborene Sangesfreude des Deutschen hatte man eine neue, verhältnismäßig leicht zugängliche Form künstlerischer Betätigung gesunden. Ueberall in Deutschland ahmte man das Berliner Vorbild nach, unb selbst auf die Schweiz und später auf Oesterreich griff die Bewegung über. Schon in den dreißiger Jahren befaß Deutschland ein dichtes Retz von Vereinen, in denen die schnell wachsende Männerchorliteratur eifrig gepflegt wurde. Während man im Rorden strengere Tendenzen, auch in gesellschaftlicher Hinsicht hatte, gab der Süden, besonders die Schweiz, der Chorpflege ein mehr volkstümliches Gepräge.
Auf die kühnen Anläufe der ersten Z it folgten Rüäschläge: das gesellige Moment beginnt ungebührlich breiten Raum zu gewinnen, und die Bezeichnung „Liedertafel" bekommt einen Beigeschmack, der auf Vereinsmeierei und auf bie Bevorzugung „leichtfahlicher", ebenso effektvoller wie banaler Chorlieber hinbeutet. Schon Robert Schumann jammert über bje „ewigen Quart-
sextallorde" des Schaffens feiner Zeit. Uns ist es auffällig, wie verhältnismäßig wenig sich bie großen Komponisten bes vorigen Iahrhunberts des so verbreiteten Klangmelobiums ber Männer- chöre bebient haben.
Rein organisatorisch unb bamit später auch künstlerisch bekam das Männerchorwesen ein vorteilhaftere ficht, als man 1852 zur Gründung des „D c i e n Sängerbundes" schritt, der dunäu; nen lockeren Zusammenschluß einzelner Qkix.nc unb Bünbe barstellte. Damit war ber Idee, große gemeinsame Sängerfeste zu veranstalten, praktisch der Boden geebnet. In Qlb» ständen von mehreren Jahren kam man in deutschen Großstädten zusammen, um in mächtigem Ausmaße die künstlerische Situation des Männerchorgesanges klarzustellen.
Allmählich werden alle Volkskreise in die Bewegung hineingezogen: Einzelne Berufsgruppen wie die Lehrer schließen sich zu eigenen Vereinen zusammen, ebenso die schon von Anfang an am chorischen ’ Gesang interessierten S t u - deuten, die selbständige Sängerschaften ins Leben rufen Starke Impulse bekommt das Männerchorwesen bann burch bie Zusammenfassung ber (in ihren Ansätzen schon auf die sechziger Jahre ,uirüdrcid)cnben) Arbeiter- chöre in dem i. 03 gegründeten „Deutschen Ar- beiterfängetbunb", ber sich mit ausgeprägt methodischen Mitteln um die vokale Erziehung der werktätigen Bevölkerung bemüht. Er war es auch, der die Angliederung von Frauen- und gemischten Chören systematisch durchgeführt hat.
Für alle Gesangvereine, am einschneidendsten naturgemäß für bie Männerchöre, brachte der Krieg eine schwere Krise. Eine noch größere, anhaltende Bedrohung bedeutete schon vorher das Aufblühen des Sports. Die nachwachsende Generation entzog sich mehr und mehr einer von den Vätern freuöig geübten Pflicht. Dieser Gleichgültigkeit ber Iugenb sind die Bünde in ne"er Zeit mit kraftvollen Maßnahmen entgegen- i etreten. Man ist sich bewußt geworden, daß eine Regeneration mit ernsthaften Bemühungen um die Hebung ber Männerchorliteratur verbunden sein müsse. Dieser Gedankengang hat
zur Einrichtung der „Rürnberger Sängerwoche" geführt, in ber seit 1927 wertvolle neue Chorschöpfungen vorwiegend fortschrittlicher Haltung von hervorragend geschulten Vereinen vorgetragen werben.
Wer bie Veranstaltung in Nürnberg unb ben gewaltigen für bas Frankfurter Sängerfest auf- gebotenen künstlerischen Apparat zum Maßstab nimmt, wer überdies die Kleinarbeit ber Vereine beobachtet, ber wirb sich bewußt, bah sich das deutsche Männerchorwesen im Aufschwung befindet. Man hat überall einsehen gelernt, daß der Chorgesang mehr als ein unterhaltsamer Zeitvertreib für müßige Abendstunden fein kann. Die steigende künstlerische Tendenz wirkt sich zunächst in einer strengeren, verantwortungsbewußteren Auslese des vorhandenen Roten- materials aus. Man umgeht zunehmend Texte, die pseudovolkstümlich das Schähelein, den guten Tropfen und andere Freuden des irdischen Daseins scherzhaft Preisen. Man räumt auch mit dem Unfug der Wiegenlieder auf, die, in vierfachem Piano schmelzend gesäuselt, ehedem als Prunkstücke des Programms betrachtet wurden. Auch von ben „stimmungsvollen" Balladen mit ihren groben, dem Vokalen wesensfremden Instrumentalwirkungen rückt man ab. Die gesunde Auffassung bricht sich wieder Bahn, daß es nicht darauf ankommt, auf Wettstreiten mit Werken zu paradieren, die an die Höchstgrenze virtuosen Etiles gehen. Man wird sich vielmehr bewußt, daß die Intensität des musikalischen Erlebens und die innere Wahrheit der künstlerischen Arbeit entscheidend ist.
Dieser Aufwärtsbewegung kommt entgegen, daß sich zahlreiche Komponisten von gediegenem Kön- nen unb selbständiger Haltung neuerdings auf das Gebiet des Männerchorgesanges begeben haben. Die Hersteller massiver Dutzendware, die ihre Produktion mit geschickter Reklame im Selbstverläge verbreiten, sehen sich plötzlich in Konkurrenz mit angesehenen Tonsetzern. Erwin L e n d v a i s reiches, wertvolles Männerchorwerk gibt ehrgeizigen Vereinen lohnendes Material. Armin K n a b , ein Lyriker von Geblüt, ber an bie Wurzeln bes deutschen Volksliedes vorzudringen weiß, wartet mit melodisch ansprechenden, wohlgesormten Gesängen auf, und Walter Rein stellt mit charaktervollen Arbeiten die Beziehungen zum früh
mittelalterlichen Lied her. Roch einer ganzen Reihe von begabten Tonfehern ber jungen Generation verbankt der Männerchor überdies beachtenswerte Arbeiten. Zu ihnen gehören Otto I o - ch u m , Franz Philipp, Hugo Herrmann. Bemerkenswert» ist, daß sich diese Komponisten überwiegend von dem üppig ausgebreiteten „schönen" Klang der Vorkriegszeit lossagen. Man weicht auch gern von der srüher üblichen Dier- stimmigkeit ab unb wählt brei ober auch, bem Stll ber Madrigalzeit angepaht, fünf Stimmen. Man greift ferner mit Vorliebe zu geistlichen Dichtungen, bewußt um die Vertiefung des religiösen Lebens unserer Zeit bemüht. Werden instrumentale Mittel herangezogen, dann geschieht es nicht in der früher bevorzugten Form des großen Orchesters, die heute schon aus wirtschaftlichen Gründen aussichtslos wäre. Der Instrumentalapparat wird vielmehr differenziert, indem man den Vokalklang mit Holzbläsergruppen, Blechinstrumenten ober StreicherEnsemdles gesondert ober ge- mischt, oft auch in Verbindung mit Schlagzeug, ein- foßt. Früher nie gekannte Wirkungen reizvollster Art entstehen auf diese Weise und die Komponisten sehen Entfaltungsmöglichkeiten, die in einer Epoche konventioneller Liedertafelei nicht bestanden haben.
Die neue künstlerische Situation der Chöre ist eng mit dem Umstand verknüpft, daß jetzt ein musikalisch besser fundierter, auch in der Allgemeinbildung höher stehender Dirigentennachwuchs vorhanden ist. Reben den vielen tüchtigen Chorführern der älteren Generation hatten sich überall Dilettanten eingeniftet, bie sich ihre Stellung mehr durch organisatorische Geschicklichkeit und durch gesellige Talente als durch fachmännisches Können geschaffen hatten. Die jüngeren Dirigenten wenden sich jetzt zunehmend von dem System der Wettstreite ab; sie wissen, daß ein wohlvorbereiteter „Liedertag", ein einfaches „Sängertreffen" mehr künstlerischen Gewinn bringt als ein mit falschem Ehrgeiz übersteigertes Konkurrenzsingen, dessen Vorarbeit nur zu oft in geistloses Training ausgeartet ist.
Das jetzt in allen Gauen sichtbare Aufblühen des Männerchorwesens beweist deutlich, daß der Männergesang zu den besten, unerschütterlichen Grundlagen der Musikpflege in Deutschland gehört.


