Ausgabe 
17.6.1933 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

gen aus der deutschen Wirtschaft herauszupres- sen. Der Kreislauf- Tribute Steuerbelastung der Wirtschaft private Auslandskredite Tribute kennzeichnet unwiderleglich den Charak­ter eines groben Teils der heute noch bestehenden deutschen Auslandsverschuldung. Die deutsche Privatwirtschaft wurde zum Schuldner für poli­tisch« Schulden. Ohne endgültige Bereinigung auch dieses deutschen Anteils an der internatio­nalen Verschuldung gibt es keine Wiederherstel­lung geordneter Währungsverhältnisse und kei­nen Wiederaufbau der Weltwirtschaft. Deutsch­land will seine Schulden ehrlich zahlen, aber nur durch Export von Waren und Leistungen, nicht durch Aufnahme neuerSchulden. Hierzu muß in Lon­don ein Weg gefunden werden. Stillhalteabkommen haben nur aufschiebende Wirkung, packen das liebel aber nicht an der Wurzel.

Außerhalb dieser sehr nüchtern-sachlichen Dinge der ersten Woche in London bleibt nur noch über den Sonderauftritt zu berichten, den sich Herr Dollfuß, Oesterreichs christlich-sozialer Bundes­kanzler, auf der Wellwirtschaftskonserenz geleistet hat. Es galt bislang als ungeschriebenes Gesetz, die deutsch-österreichischen Dinge unter Ausschluß der europäischen Oeffentlichkeit zu behandeln, da zwi­schen dem deutschen Volkstum diesseits und jenseits der Zwangsgrenze von Versailles und St. Germain ein geschichtlich begründetes Vertrauensverhältnis bestand, das der üblichen diplomatischen Formen nicht bedurfte. Herrn Dollfuß blieb es vorbehalten, einen deutsch-österreichischen Familienzwist durch ein ebenso billiges wie taktloses Wortspiel vor ein internationales Forum gezerrt zu haben, wobei ihm noch der Lapsus unterlief, daß sein mit großem Behagen zitiertes und mit ebenso offensichtlichem Wohlwollen von allen dem Deutschtum mißgünstig Gesinnten belächeltes Schillerzitat vombösen Nachbarn", der den Frömmsten nicht in Frieden leben läßt, sich imTell" gegen Oesterreich und Die Habsburger richtet. Der österreichische Bundes­kanzler hat sich zwar mit seinem Auftritt in London einen Sonderapplaus geholt, aber der Sache des Deutschtums hat er nicht gedient. Wenn er außer­dem auch noch den Versuch gemacht haben sollte, sich einer englisch-italienischen Vermittlung zu be­dienen, um in dem Konflikt mit dem Reich zu einem Ausgleich zu kommen, so wäre eine solche Anregung in der Tat höchst überflüssig. Zwischen den beiden deutschen Bruderstaaten bestehen soviel Bande gemeinsamen Schicksals, daß bei gutem Willen es nicht so schwer fallen sollte, eine Bereini­gung der zwischen ihnen entstandenen Mißver- ständnisse herbeizuführen, ehe sie sich zur unüber- brückbaren Kluft erweitern. Die verantwortlichen Leiter der Wiener Politik brauchen sich nur zu fragen, welche Fehler in der letzten Vergangenheit von ihnen gemacht wurden, um den Weg zu fin­den, der wieder zu den alten herzlichen Beziehungen zwischen beiden Bruderstämmen führen muß. Eine Einmischung dritter Mächte ist dabei nicht nur über­flüssig, sondern geradezu schädlich.

0er Kanzler weiht die Reichsführerschule der 71G0AP. in Bernau.

Berlin, 16. Juni. (CNB.) In den Räumen der früheren sozialdemokratischen Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerk­schaftsbundes in Bernau fand in Anwesen­heit des Reichskanzlers die Einweihung der neuenReichsführerschulederNSDAP. statt. Die Stadt Bernau hatte reichen Flaggenschmuck angelegt. Auch die auf dem Wege nach Bernau lie­genden Ortschaften waren festlich geschmückt. Der Kanzler wurde auf seiner Fahrt und in Bernau selbst mit großem Jubel empfangen. Auf den Stra­ßen hatten die SA., SS., der Stahlhelm und andere nationale Verbände sowie die Schuljugend Aufstel­lung genommen. Der Kanzler wurde von Schulungs­leiter Dr. S ch l e y t e r, Schulungsleiter ©oder, dem stellvertretenden Schulungsleiter Maierhof und den Spitzen der Behörden begrüßt. Der Reichs­kanzler besichtigte die Schule und hielt in der Aula eine kurze Ansprache an die Schüler, was in weni­gen Wochen sich angebahnt habe, werde nun von ewiger Dauer sein. Bisher sei das Volk zerrissen gewesen. Die Zusammengehörigkeit habe gefehlt. Das ei ein fürchterliches anerzogenes Erbaut des deut- chen Volkes gewesen. Nunmehr werde der National- ozialismus ein Volk und ein Reich schaffen. Das Jahr 1933 sei nur ein Beginn. An der jetzigen und kommenden Generation sei es, nun noch zu voll­enden, was jetzt begonnen sei.

Reichsminister Goebbels besucht Hamburg.

Ha m b u r g, 16. Juni. (WTB.) Reichsminister Dr. Goebbels ist mit demFliegender Hambur­ger" in Hamburg eingetroffen. Die staatlichen Ge­bäude und zahlreiche Privathäuser trugen Flaggen­schmuck. Zum Empfange des Ministers hatten sich von der hamburgischen Regierung Polizeisenator Richter, Major G u t z e i t als Adjutant des Reichsstatthalters und Regierungsdirektor Dr. Merck eingefunden. Dr. Goebbels unternahm von den St.-Pauli-Landungsbrücken aus eine Hafen­rundfahrt, an der neben feiner engeren Beglei­tung auch der Reichsstatthalter, Bürgermeister Dr. Motz, Staatssekretär Ahrens und andere Behör­denvertreter teilnahmen. Die Fahrt ging durch die verschiedenen Hafenanlagen und dann elbabroärts bis zur Teufelsbrücke, wo am frühen Nachmittag im Haufe von Bürgermeister Dr. Motz ein Imbiß ein- aenommemn wurde. Um 16.30 Uhr fand im Rat­hause ein Presseempfang statt. Den Abschluß des Hamburger Besuches des Reichsministers bildete eine Massenkundgebung der NSDAP.

Oie Seelsorge im Arbeitsdienst.

Berlin, 16. Juni. (CNB.-Funkspruch.) Zur Frage der Seelsorge im Arbeitsdienst hat Reichs­bischof D von Bodelschwingh an Reichs­arbeitsminister Seldte ein Schreiben gerichtet, das neben der grundsätzlichen Zielsetzung ein bis ins Einzelne gehende praktisch-organisatorisches Pro­gramm enthält. Jede Arbeitsdienstabteilung soll min­destens einen Seelsorger erhalten. Als Abteilungs­seelsorger kommen nicht nur Theologen, die im Vor­bereitungsdienst stehen, sondern auch geeignete Laien, Diakone, Volksmissionarc, Junglehrer und andere in Frage. Die Kirche würde die ihr ausge­suchten Leute zum Besuch der staatlichen Führerschule vorschlagen. Die Vorgeschlagenen müssen daher die für die Arbeitsdienstführer not­wendigen Voraussetzungen erfüllen. Ihre Qualifi­kation nach Abschluß der Führerschule erfolgt völlig unabhängig vcm der kirchlichen Qualifikation zum Seelsorger. Auf diesem Wege soll verhindert werden, daß Seelsorger in den Arbeitsdienst hinei.ikvmmen, 1

Das Echo des Hugenberg-programms.

Entstellende Polemik englischer und französischer Blätter.

London, 17. Juni. (CNB. Funkspruch.) Die wirtschastspolitischen Ausführungen Dr. Hugen- bergs haben in der Presse lebhaftes Interesse ge­funden. Dabei findet das in Deutschland zur Bin­senwahrheit gewordene ProblemVolk ohne Raum" mißmutige Kritik. Der sozialistische Daily H e r a l d" sucht Das alte Mißtrauen gegen Deutschland neu zu beleben, indem er die Erklärungen überschreibt:Deutschland will wie­der ein Weltreich haben, es wünscht ein StückvonAuhlandfür seine Ansiedler". Das Blatt will aus dem Verlangen nach Siedlungs­raum die Forderung herauslesen, daß ganz Po­len, die baltischen Staaten, Rußland und über­haupt Osteuropa mit deutschen Kolonien besät werden soll. Wesentlich ruhiger urteilt der dem Foreign Office nahestehendeDaily Tele­graph", der die Ausführungen über Kolonial- und Siedlungsfragen als wirtschaftliche P o st u l a t e und nicht als politische Forderun­gen angesehen und behandelt wissen will und außerdem darauf hinweist, daß das Argument, daß Rationen mit übervölkertem Gebiet bei der Entwickelung unentschlossener Gebiete mithelfen sollen, bereits von Dr. Schacht vor vier Jah­ren bei den Pariser Verhandlungen über den Boungplan entwickelt worden sei.

In Frankreich ist dagegen auch die offiziöse Agentur Havas bemüht, die Erklärungen Hu- aenbergs als sensationelle Enthüllung der wahren Abrüstungsabsichten Deutschlands hinzustellen und aus ihnen einen Vorstoß gegen England und einen Feldzugsplan gegen Rußland herauszulesen. Der nationalistischeF i g a r o", der gleichfalls Eng­land und Deutschland in Gegensatz zu bringen sucht, spricht von einem ersten Ergebnis des Viererpaktes, zu dessen Erfolg Macdonald unvorsichtigerweise bei­getragen "habe.

> Diese Ausschlachtung sehr überlegter und ernst zu I nehmender wirtschaftlicher Betrachtungen zu tendenziöser politischer Polemik ist nicht dazu ange­tan, die von Anfang an bedenklich flaue Atmosphäre der Weltwirtschaftskonferenz zu verbessern.

Gutes Ergebnis der Gtillhalteverhandlungen.

Kapitalrückzahlungen hinausgeschoben. Zinssenkung empfohlen.

London, 16. Juni. (111.) Am Jreifagabenb wurde der Bericht über die Stillhalteverhandlun­gen herausgegeben, die in der Zeit vom 13. bis 16. Juni in der IHartinsbanf in London geführt mor­den find. Jn dem Bericht wird mitgeteitt, daß die Erörterungen sich auf gewisse Abänderungen des Abkommens erstreckt hätten. Als Ergebnis der Ver­handlungen wurde eine Kündigung gemäß § 16 des Stillhalteabkommens gewährt. Es wurde dann die Frage erörtert, ob im Hinblick auf die veränderten Umstände alle Kapitalrückzahlungen zeit­weilig ausgesetzt werden sollten. Ls wurde beschlossen, daß die Kapitalrückzahlungen in höhe von etwa 75 Mill. Goldmark bis zum 2 8. Fe- bruar 1 9 3 4 ausgefetjt werden sollten. Diese Aenderung wurde mit wirkender Kraft unterzeichnet und ist dementsprechend für alle am Abkommen be­teiligten Staaten gültig. Endlich wird in dem Be­richt erklärt, daß auf den Wunsch des Präsidenten der Reichsbank hin der Konsultativausschuß die Gläubiger anweisen wird, eine Herabsetzung der jetzigen Zinssätze zu empfehlen.

die nicht zugleich auch vorbildliche, zum mindesten aber normale staat 1 iche Arbeitsdienst- führer sind.

LimfaffendeS Verbot reichsdeutscher Zeitungen in der Tschechoslowakei.

Prag, 16. Juni. (WTB. Funkspruch.) Wie die offiziöseLidove Noviny" meldet, steht das Verbot von nahezu hundert reichsdeutschen Tageszeitungen, Wochenschriften und illustrierten Zeitschriften un­mittelbar bevor. Darunter werden sich sämtliche nationalsozialistischen Parteiorgane, aber auch andere große Tageszeitungen befinden, die in der Tschechoslowakei besondere Verbreitung genießen, x. B. dasBerliner T a g e b l a t t", dieVossische Zeitung" und dieFrank­furt e r Z e i t u n g", sowie Die bedeutenden Mün­chener und Leipziger Blätter, die als gleichgeschaltet" bezeichnet werden. Die Maßnahme wird als eine Repressalie gegen das reich- deutsche Verbot von 66 tschechischen Zeitungen hin- gestellt.

Eine Legende desMatin".

Berlin, 17. Juni. > (WTB. Funkspruch.) Der Matin" meldet aus Zürich, daß nach guten Infor­mationen General von Schleicher nach Der Schweiz t)abe kommen können, wo er unter fal­schem Namen bei einer sehr bekannten Persönlich­keit lebe. General von Schleicher selbst habe erklärt, daß er lediglich einige Ferientage in Der Schweiz verbringe und sich erhole. Nach Erklärung aus sei­ner näheren Umgebung solle er aber die Vorgänge in Deutschland sehr genau verfolgen und Vorkeh­rungen getroffen haben, als ob das national- sozialistische Regime nicht mehr lange in Deutschland Bestand haben würde. Er halte D i e Reichswehr für eine der seltenen Organisationen, die noch nicht vom hitlerischen Bazillus angesteckt seien. Hietzu wird von amtlicher Stelle er­klärt, daß Herrr General von Schleicher sich nach wie vor in N e u b a b e 1 s b e r g aufhält und weder weggewesen ist, noch die Absicht hat, nach der Schweiz zu gehen.^Die dem Herrn General von Schleicher in den Mund gelegten Aeußerungen über Die Verhältnisse in Deutsch­land sind sämtlich frei erfunden.

Aus aller Welt

Der große italienische Geschwaderslug.

Der große italienische Geschwaderflug nach Nordamerika, dessen Start unmittelbar bevor­steht, wird in zahlreichen Etappen verschiedener Länge und Schwierigkeit durchgeführt werden. Die erste 1400 Kilometer betragende Flugstrecke ist die Etappe Orbetello Amsterdam. Di« größte Schwierigkeit besteht hierbei in der Ueberf liegung der Alpen. Diese wer­den vom Lago Maggiore aus angeflogen. Es entscheidet sich hier, ob, je nach der Wetter­lage, der Weg über ComerseeSplügenpaß Zürich gewählt wird oder der Weg Domodossola Simpionoberes RhönetalGenfer SeeLau­sanne. Es ist das erstemal, daß Wasser­flugzeuge in solcher Menge die Alpen über­fliegen.

Die weiteren Etappen sind Amsterdam Londonderrh (Irland) 1000 Kilometer. Don dort nach Reykjavik (Island) 1500 Ki­lometer; Car twright (Labrador) 2400 Ki- lometer, Shediac (Kanada) 1200 Kilometer Mowtreal (Kanada) 800 Kilometer, Chicago 1400, dann schließlich bis Reuyork 1600 Ki­lometer.

Die zu dem Flug verwandte Maschine ist das WasserflugzeugSavoiaMarchettib 5, das bereits beim Geschwaderflug nach Brasilien verwandt wurde, jedoch wichtige Veränderungen erfahren hat und nunmehr die amtliche Bezeich-

»$ 55 X trägt. Die Besatzung jedes Slugzeuges besteht aus vier Mann: Ein Flug- zeugfuhrerkommandant, ein zweiter Offizier als Flugzeugführer, ein Funker, ein Motorenwärter Sn manchem der Apparate fliegt ein 5. Mann mit einem Sonderauftrag mit. Das Geschwader steht aus 24 Flugzeugen und ist in acht ?.ruPP e n z u j e d r e i Flugzeugen einge« teilt, die leweils in Dreieckform fliegen. Se sechs Flugzeuge als je zwei Gruppen sind zur Unterscheidung mit einer bestimmten Farbe ver- fehen und zwar schwarz, rot, weiß und grün Als Erkennungszeichen trugen die Flugzeuge je fünf Buchstaben, und zwar als ersten ein großes I und dann die vier ersten Buchstaben des Namens d«S Kommandanten.

Kundgebung

der Kommunalbeamten und -angeslelllen Deutschlands.

Sn Berlin fand eine große Kundgebung der ReichsfachgruppenKommunale Verwaltung und Betriebe" undKörperschaften des öffentlichen Rechts" im Deutschen Beamtenbunde statt, an der über700Kommunalbeamte aus allen Teilen des Reiches teilnahmen. Zum Ver­bandsführer wurde im preußischen Verband Post- Inspektor K o s ch e I, Berlin, gewählt, während die Führung des Reichsbundes der Reichsfach­gruppenleiter Ehr mann übernahm. Sn einer Sitzung des neuen Beirates des Reichsbundes wurde der Beschluß gefaßt, den Reichsbund in Deutscher Gemeindebeamtenbund" umzubenennen. Auf der Kundgebung sprachen Oberbürgermeister F i e h l e r, München, über das ThemaDer Gemeindebeamte im neuen Staat" und der stellvertretende Reichskommissar für die Beamtenorganisationen und stellvertretender Füh­rer im Deutschen Deamtenbund, Nees.

Kiefenbrand in der Zollflalion Ehiasso.

Sn den Magazinen der italienisch-schweizeri­schen Zollstation Ehiasso brach ein unge­heuerer Brand aus. Trotz der Bemühungen der Feuerwehren und Milizen, die aus der ganzen Umgebung herangezogen waren, konnte nichts gerettet werden. Der Snhalt der Magazine bestand aus Kunstseide, Baumwollge­weben, Gummi und sonstigen leicht brenn­baren Waren, sämtlich italienisches Aus­fuhrgut. Der Schaden wird nach flüchtiger Schätzung auf eine Million Schweizer Franken beziffert. Als Ursache vermutet man Blitz­schlag.

36 Kinder stürzen in einen Vach.

Bei einem Schulausflug, Den 36 KinDer in Be­gleitung von Drei Lehrern in Der Nähe von Belke Beregne (Slowakei) unternahmen, ereignete sich ein folgenschweres Unglück. Als Die KinDer eine Brücke überquerten, brachen Die morschen Pfeiler zusammen. Alle 36 KinDer stürzten in Den Bach, 33 KinDer konnten gerettet roerDen, Drei ertranken unD acht erlitten Ver­letzungen.

Schwerer Verkehrsunfall in Oberlahnstein.

In Oberlahn st ein ereignete sich ein furcht­barer Verkehrsunfall. In einer Kurve am Eingang Der Stadt ftiefjen ein MotorraD unD ein Auto in voller Fahrt zusammen. Die beiDen MotorraDfahrer, ein Einwohner aus NieDer- lahnstein unD seine Frau, wurden schwer verletzt. Die Frau erlitt einen Schädelbruch, an dessen Folgen sie kurz nach Der Einlieferung ins Krankenhaus starb. Der Motorradfahrer liegt mit einer schweren Gehirnerschütterung ebenfalls im Krankenhaus. Sein Befinden ist hoffnungslos. Die Insassen des Wagens trugen nur unerhebliche Verletzungen davon. Bei den beiden Verunglückten handelt es sich um d i e El­tern von vier unmündigen Kindern.

Mord und Versicherungsbetrug.

Dor einigen Tagen hat sich auf der Oder in der Nähe von (Stettin ein schweres Dootsunglück zugetragen, wobei der 30jäh- rige Kaufmann Richard Schuster ertrank, während seine Begleiterin, die Kinder­gärtnerin Edith Mielke gerettet werden konnte. Der Umstand, daß sich an dem Boot eine schadhafte Stelle befand, gab der Mordkommission Veranlassung, die Angelegen­heit näher zu untersuchen. Sm Verlauf der Er­mittlungen ergaben sich schwerwiegende Verdachtsmomente gegen die Mielke, die auch Besitzerin des Bootes ist. Er stellte sich heraus, daß sie den Schuster bei einer Le­bensversicherung für 5000 Mark, bei Tod durch Unfall mit 1 0000 Mark be r sichert hatte. Nach anfänglichem hart­näckigem Leugnen hat nunmehr die Mielke ein umfassendes Geständnis abgelegt und zuge­geben, das Loch in das Doot gebohrt zu haben, um es zum Kentern zu bringen, damit der Begleiter ertrinken sollte. Sie wurde mit ihrer Mutter zusammen verhaftet.

(Soldfunde in Grönland.

Wie in der Kopenhagener Presse verlautet, ist in Ost-Gronland bei den dort angestellten wissen­schaftlichen Untersuchungen nicht nur Silber und Kupfer, sondern auch Gold gefunden worden. Die große dänisch« Grönlandexpedition unter der Lei­tung des schwedischen Geologen Professor B a ck - lund-Upsala und zweier schwedischer Gruben- ingemeure wird die Untersuchung jetzt fortsehen und die praktische Frage klären, ob die Goldvor­kommen reich genug sind, um ausgebeutet zu wer-

Elsaß-Loihringen.

Don Professor Dr. Max J. Wolff, Berlin.

Wenn wir auf die Zeit der Zugehörigkeit der Reichslande zu Deutschland zurückblicken, so müs­sen wir mit Bedauern eingesteben, daß es uns in den 47 Sahren nicht gelungen ist, das elsaß-lothringische Problem zu lösen. Allerdings haben wir uns seine Lösung von Anfang an da­durch erschwert, daß wir die beiden Landschaften, die weder geschichtlich noch geographisch, weder nach Volkstum noch der Sprache etwas mitein­ander zu tun haben, z u einer Einheit verbanden und der gleichen Behandlung un­terwarfen. Lothringen neigt durch seine Lage zum Anschluß nach Westen, Metz war schon, als es vor 380 Sahren an Frankreich fiel, stark fran­zösiert und selbst in den Teilen, die damals noch beim Reich verblieben, war die franzcs.sche Sprache im Vordringen und hatte sie 1870 die deutsche mehr und mehr zurückgedrängt. Das Elsaß dagegen war kerndeutsch, die Vogesen wirkten als eine natürliche Absperrung gegen Frankreich; abgesehen von einer sehr geringen Minderheit, fühlte sich die Bevölkerung wohl in ihrer ale­mannischen Eigenart und eines Stammes milden zwar unter anderer politischer Herrschaft stehen­den Alemannen auf dem rechten Rheinufer. Wenn wir die beiden Provinzen als Schwestern betrachteten, so übersahen wir, daß sich diese Schwestern, wie ein Franzose kurz nach 1870 be­merkte, seit langem getrennt, wenn nicht verfeindet hatten.

Die siegreichen Franzosen begingen 1918 einen ähnlichen psychologischen Fehler, als sie die Verbindung zwischen den beiden Ländern, die die deutsche Verwaltung trotz aller Widerstände ge­schaffen hatte, kurzerhand rückgängig machten und durch einen Federstrich Die allen Depar­tements wiederher st eilten. Weder im Elsaß noch in Lothringen war man zu einem der­artigen restlosen Aufgehn in Frankreich bereit. Sn der Verbindung mit Deutschland halte man an­dere Sillen, andere Gewohnheiten, ein anderes Recht und andere Einrichtungen angenommen, auf die man nicht verzichten wollte. Man verlangte eine Sonderstellung und dieses gemein­same Verlangen begründete zwischen Straßburg und Metz ein Gefühl der Zus ammen- gehörigkeit, wie es in deutscher Zeil nie vorhanden war, wenn auch die Forderung nach Autonomie im Elsaß wesentlich schroffer zur Gel­tung kommt als in Lothringen. Sie wird durch den Kampf um dieSprache verschärft. Das Französische war aus dem Elsaß während der deutschen Zeit praktisch so gut wie verschwunden, es wird auch heute als ein fremdes Söiom emp­funden, als eine ausländische Sprache, die man im öffentlichen und geschäftlichen Leben allenfalls anwendel, die man aber weder in der Familie noch in der Kirche zu dulden beabsichtigt.

Die deutsche Presse bringt erstaunlich wenig. Nachrichten über die beiden verlorenen Provin­zen. Sie ist offenbar zu gewissenhaft, die Lage anders darzustellen, als sie wirklich ist, fürchtet aber Wohl bei wahrheitsgetreuer Darstellung Dinge zu sagen, die den Ohren deutscher Leser nicht angenehm klingen. Die a u t o n o m i st i - schen Bestrebungen sind den Franzosen sicher sehr peinlich, aber ihre Spitze richtet sich nicht gegen Frankreich, sondern nur gegen Paris und den dort herrschenden Zentralis­mus mit dem Schlagwort Dereinheitlichen und unteilbaren Republik". Es hanoelt sich innerhalb des Rahmens des französischen Staates um eine regionale Heimatbewegung zum Schuhe der elsässer und teilweise auch der loth­ringer Eigenart, aber nichts liegt dabei den füh­renden Männern, den Rosee und Genossen, fer­ner als der Gedanke einer Trennung von Frankreich und einer Rückkehr zu Deutschland. Man unterschätzt die Bewegung in Frankreich, wenn man sie nur als ein von Berlin subventio­niertes und von dort inszeniertes Komplott be­trachtet, man überschätzt sie aber ebenso stark in Deutschland, wenn man in ihr einen Ausbruch national-deutscher Empörung gegen Frankreich sehen will. Derartige Sdeen lehnen die Heimat­treuen Elsässer in ihrer Presse, in den Volks­versammlungen und vor den französischen Gerich­ten, vor denen sie sich zu verantworten hatten, auf das entschiedenste ab.

Shre Haltung hat in Deutschland stark ent­täuscht, man erwartet« von den Elsässern etwas Besseres und setzte bei ihnen ein größeres Maß nationaler Gesinnung voraus. Die Ursache ist: man kann sich nicht in die Seele von Menschen versetzen, die innerhalb eines halben Sahrhun- derts zweimal ihre Staatlichkeit ha­ben wechseln müssen, die zweimal, ohne be­fragt zu werden, dem Sieger als Beute zufielen, und in der berechtigten Furcht leben, daß der nächste Krieg ihnen dasselbe Schicksalzurn dritten Male bereitet. Als die Reichslande 1871 deutsch wurden, war das selbst für die spär­lichen Kreise, in denen mehr historische als prak­tische und politische Sympathien für Deutschland bestanden, eine unsagbare Uebetra« schung. Nach dem Tage von Königgräh mußte man zwar erwartet, daß das auffteigende Deutsch­land auch mit seinem westlichen Nachbar abrechnen würde, aber in den wenigen Sahren hatte die veränderte politische Konjunktur sich noch nicht in den französischen Departements ausgewirkt. Man war von dem Glauben an die Unerschütterlich- keit der französischen Macht durchdrungen und die Möglichkeit, daß Deutschland je die vor zwei und drei Sahrhunderten geraubten Provinzen zurückfordern könnte, wurde überhaupt nicht ins Auge gefaßt.

Dieses überraschende Moment hat wesentlich dazu beigetragen, daß der Protest Der Elsaß- Lothringer gegen eine Annektion durch Deutsch­land denkbar scharf ausfiel, daß man Die Ver­änderung nur als Störung empfand und Daß ge­genüber diesem Mißbehagen jeder Gedanke an Das eigene Deutschtum verstummte. Die Leute hatten überhaupt keine Zeit zur Ueberlegung. Wenn sie gestern Franzosen gewesen waren, so waren sie heuteDeutsche, Angehörige eines neugeschaffenen Reichs, dessen politisches Wesen ihnen völlig fremd war. Während Der deutschen Herrschaft Dagegen riß Die VerbinDung zu Frankreich nie ganz ab, man muhte mit Den Re.chslanDen immer mit Der Möglichkeit rechnen, toieDer französisch zu toerDen, einer Möglichkeit, aus Der im Verlauf Des unglücklichen Kriegs all­mählich eine Wahrscheinlichkeit unD endlich eine Gewißheit tourDe. Die Bevölkerung hatte Gele­genheit, sich mit ihrem Schicksal vertraut zu machen, es traf sie nicht unerwartet unD rief Da­her keine stürmischen Proteste hervor wie 1871. Trotzdem und trotz Der materiell besseren Aus- fiebten. Die eine Verbindung mit Frankreich ge­wahrte, hätte eine Volksabstimmung auch