Nr. 139 Erstes Blatt
183. Jahrgang
Samstag, 17. Juni 1953
Erfchein, tägttd), außa Sonntag» und Feiertag» Beilagen; Die Illustrierte ffitefiener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholl» monai$-Be$ng$prei$:
Mit 4 Beilagen NM. 1.95 Ohne Illustrierte . 1.80 Zustellgedühk . , -.25
Auch bei Nichterscheinen oon einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt.
5ernsvrechanschlüfse unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnach» richtens Anzeiger riehen.
postschrcktonlo: firanffnrt am Main 11688.
GietzemrAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
vnilk und Verlag: vrühl'lche UniverfilSls Such' unö Steinörucfcrei R. Lange in Stehen. Schriftleitung und Seschäftsftelle: Schulftrahe 7.
Annahme oon Anzeigen für die lagesnummcr bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 inrn Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspsennig, Platzoorschrist 20°, mehr.
Chefredakteur
Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.Ibyriot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein undfürdenAn- zeigenteil L D. Tb.Äümmel sämtlich in (Biegen.
Latz dich nicht abdvangen von deinem Heimatblatt t
(S0 vergilt deine Treue durch gesiei- gerteLeisiungen im Dienste an Heimat und Vaterland und damit auch an dir
Eö steht jedermann frei, die Zeitung zu halten, die ihm gefällt, er kann jede andere ohne Folgen für ihn ablehnen
Acht IVevbev hat das Recht, dir ein Blatt auszuzwingen t
Besteller zum 1. Juli erhalten den Gießener Anzeiger und seine eigenen Beilagen vom 24. Juni an kostenlos
Dev Gießener Slnzeisev bietet feinen Lesern:
Werktäglich
Das große Heimat- und Anzeigenblatt
Wöchentlich zweimal
Gießener Familienblätter
Wöchentlich
Oie Illustrierte des Gießener Anzeigers Heimat im Bild
Oie Scholle
In ständigem Wechsel
Sonderseiten des Gießener Anzeigers
Für den Büchertisch
Aus dem Reiche der Frau
Aus Natur und Technik Jugend und Hochschule Aus der Welt des Films Das Recht im täglichen Leben Zeitiragen des Mittelstandes Wandern und Reisen
Jährlich zweimal
Taschenfahrplan in Hestform
Jährlich
Künstlerischen Wandkalender
Auftakt in London.
Seitdem der große Krieg die ganze Welt aus den Angeln hob und die Pariser Vorortoerträge, statt die Grundlagen für einen großzügigen Wiederaufbau im gesunden Wettbewerb der Völker zu schaffen, die krasse Unterscheidung von Siegern und Besiegten zu verewigen trachtete und damit In engstirniger Verblendung den aufbauwilligen Kräf- ten der Weltwirtschaft immer wieder der Boden unter den Füßen fortgezogen wurde, sobald Ansätze Iu einer wirtschaftlichen Stabilisierung sich zeigten, eitdem jagt eine üüernalionale Konferenz die an- irre. Sie alle sollten, wenn auch unter den verschiedensten Namen, nach dem Wunsche des einen Teils ihrer Teilnehmer dem Ziel dienen, Wege zur Ueberwindung des politischen Mißtrauens und zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu eröffnen. Aber meist stärker als dieser Wunsch war der Wille der andern Seite, an dem durch die Fröedensdiktate geschaffenen Zustand nicht rütteln zu lassen. So sieg- ten selten genug wirtschaftliche Vernunft über sturen Siegerwahn und kurzsichtigen Machtkitzel. Das In- einanbergreifen von Politik und Wirtschaft, ja ihre völlige Abhängigkeit voneinander in dem Sinne, daß jede wirtschaftliche Erholung, jeder erfolgreiche Kampf gegen die Desorganisation der Weltwirt- schäft eine neue Vertrauensbasis in den politischen Beziehungen der Völker voraussetzt, dieser fundamentale Grundsatz für jeden Versuch eines Wiederaufbaus der bis an ihre Wurzeln zerstörten Weltwirtschaft ist, soviel auch oon ihm geredet worden ist, doch stets verkannt ober in leichtfertigem Egoismus beiseite geschoben worben.
Deshalb war es keineswegs überflüssig, daß der deutsche Reichsaußenminister Freiherr oon • Neurath als Sprecher der deutschen Delegation auf der Anfang der Woche in London eröffneten Weltwirtschaftskonferenz auf diese Zu- sammenhänge hinwies und anbeutete, wie sehr Deutschlanb alles getan hat, einen weltwirtschaftlichen Wieberaufbau durch unzweifelhafte Beweise seiner Friedensliebe und seines entschiedenen Willens zu vertrauensvoller Zusammenarbeit der Völker politisch zu untermauern. Der Führer der deutschen Delegation hat dann der Konferenz aus dem leider allzu reichen Schatz unserer besonderen Erfahrungen über Ursache und Wirkung der Wirt- schaftskrisis einige Richtlinien mit auf den Weg gegeben, deren Beachtung für den Erfolg der Konferenz ausschlaggebend sein wird, denn Deutschland hat unter den Folgen der durch Krieg und Friedensdiktate verursachten politischen und wirtschaftlichen Erschütterungen zweifellos am schwersten gelitten. Es hat reichlich Gelegenheit gehabt, hinter wechselnden Symptomen wirtschaftlicher Funktionsstörungen die gleichbleibenden, im Politischen wurzelnden Ursachen zu erkennen, und es ist dank der unsagbaren Leiden, die es in den letzten
Das Kabinett Dollfuß wirb desavouiert.
Oer Spruch der Gerichte.
Die Anschuldigung gegen national- sozialistische Führer wegen Hochverrats haltlos.
Wien. 16. 3uni. (1DIB.) Eine Extraausgabe des nationalsozialistischen Kampfrufes meldet, baß sich nach den Entscheidungen ber Gerichte die Anschuldigungen gegen die verhafteten nationalfozia- liftifchen Führer als haltlos erwiefen haben. Das Blatt berichtet. 3m Laufe des gestrigen Tages find die ihrer Freiheit beraubten Nationalsozialisten einem gerichtlichen verfahren unterzogen worden. Die zuständigen Gerichte hatten zu untersuchen. ob auf Grund des vorliegenden Materials die Voruntersuchung wegen verbrechens des Hochverrates einzuleiten fei. Die Gerichte, bzw. das Oberlandesgericht in Wien standen auf dem Standpunkt, daß eine Voruntersuchung nicht einzu- leiten sei. 3n Niederösterreich sind bereits eine Reihevon Enthaftungen erfolgt. So sind aus dem Kreisgericht von Neuburg 18 Nationalsozialisten entlassen worden, unter ihnen auch Graf 3ohannes Hardegg. Die Enthafteten wurden oon Parteiangehörigen erwartet, mit 3udei begrüßt und förmlich mit Blumen überschüttet.
Der LandesleiterderNSDAP. Oe st erreich s , Prokfch, richtet an die Nationalsozialisten Oesterreichs einen Aufruf, in dem es heißt: „Der versuch der christlich-sozialen, landbündlerischen und Starhembergschen Partei- und 3ntereffenpolitit, unterstützt von der sich revolutionär nennenden Sozialdemokratie hat es verstanden, den THadjtapparat des Staates zu mobilisieren, um einen letzten versuch zu unternehmen, den Vormarsch der deutschen Freiheitsbewegung zu hemmen. Dieser versuch ist mißlungen. Die Organisation ist nicht verboten worden, sie wird daher ihre Tätigkeit fortsehen. gleichgültig, welche Schwierigkeiten man ihr noch bereite. Der Ka.ni pfgehtweiter, der Kampf geht um die Seele des deutschen Menschen in Oesterreich, bis bas Ziel erreicht ist: einfrohes deutsches Oesterreich im großen deutschen vaterlande unter Adolf Hitlers Führung."
Oie Reichsleitung der NSDAP. gegen Einmischung in die innerpolitischen Ver- hältniffe eines anderen Landes.
Berlin, 16. 3unl. (OB.) Der stellvertretende Führer der NSDAP. Rudolf Heß hat folgende parteiamtliche Bekanntgabe erlassen:
Die Reichsleitung lehnt es grundsätzlich a b, in die innerpolitifdjen Verhältnisse eines Gebietes außerhalb der deutschen Staats- g r e n z e n sich einzumlschen. Sie lehnt es demgemäß auch ab, Parteigebilden außerhalb ber Grenzen irgendwelche Weisungen oder Ratschläge zu geben, selbst wenn diese Parteigebilde ber NSDAP, entsprechend ober verwandt sind. Daher haben auch keine derartigen Parteiorganisationen das Recht, sich aus die
Reichsteitung ber NSDAP, ober auf eine ihrer Untergliederungen zu berufen, so wenig wie sie etwa in der Oefsentlichkeit Öen falschen Eindruck erwecken dürfen, als ob sie mit ber NSDAP, in irgendwelchem Zusammenhang stehen. Die Auslandsorganisationen der NSDAP, werden hiervon nicht berührt.
preffeotfod)^ Habicht vom Reichskanzler empfangen.
Berlin, 16. Juni. (WTB.) Reichskanzler Adolf Hitler empfing heute den Presseattache ber beut- fchen Gesanbtschaft in Wien Habicht zu einer mchrstünbigen Aussprache. Der Reichskanzler nahm ben Bericht über b i e Vorgänge in Oesterreich, bekanntlich ber Heimat bes Reichskanzlers, zur Kenntnis. Am Schluß ber Unterredung fprach ber Führer bem Parteigenossen Habicht seinen Dank aus unb versicherte ihn erneut seines besonberen Vertrauens.
Dollfuß in Paris.
Paris, 16. Juni. (WTB.) Der französische Außenminister Paul-Doncour hatte eine
fünfviertelstündige ilnterrcbung mit dem österreichischen Bundeskanzler Dr Dollfuß. Wie Havas meldet, soll Dr. Dollfuß über den Geist des Derständnisses und des Wohlwollens befriedigt fein, den er in französischen Kreisen gegenüber dem Problem der österreichischen Wirtschaft und hinsichtlich der Rotwendigleit der Derwirk- lichung der Oesterreich in Aussicht gestellten Anleihe gefunden habe. Der Bundeskanzler hatte auch eine Unterredung mit dem Ministerpräsidenten D a I a d i e r und ist abends n a ch W i e n a b g e r e i st.
Oesterreichische WirtschastSkreise fordern Frieden mit dem Reich.
Wien, 16. Juni. (WTB.) In Dornbirn (Vorarlberg) wurde auf einem Handels-, G e - werbe-unbIndu st riet ag eine Entschließung gefaßt, in der die r a s ch e st e Wieberherstel- lunfl guter Beziehungen zum Deut- f cf) e n Reiche unb Die Einstellung ber Wirtschafts- schäbigenden beutschfeinblichen Pressepropaganda gefasert wirb.
9er preußische fiulteminifler verkündet den beginn der studentischen Arbeitsdienstpflicht.
Derli n, 16. Juni. Aus dem Platz vor der Staatsoper, auf dem sich Kopf an Kopf die Studenten unb Studentinnen der älniversitat, der Technischen Hochschule und-der anderen Berliner Hochschulen drängten, verkündete heute mittag Kultusminister Rust feierlich die studentische Arbeitsbien st pflicht, bie am 1. August beginnen soll.
3n seiner Rede betonte der Minister, man sei bei der Einführung der Arbeitsdienstpflicht von bem Gedanken ausgegangen, durch ein Arbeits- dienstjahr der ileberfüllung der Hochschulen ein Wehr entgegenzurichten unb b i e Abgeschlossenheit bet Akademiker- schäft von ber ilmtoelt z u beseitigen. Aus ber Rot sei eine Tugenb gemacht worben. Die jungen Akabemiker, bie jetzt in bie Arbeitslager hinausgehen, begleite fein »Anspruch", wie einst bie Einjährig-Freiwilligen, sie lehnten jede Sonderstellung ab zugunsten ber beutschen Volks- gemeinschaft. 3n ben Arbeitslagern werbe fein Intellekt gezüchtet. Dort werde sich zeigen, wer von den Studenten denen nachleben wolle, die einst vor ßangemard fochten. Dur wer diese Charafterprüfung bestehe, habe das Recht, der- dereinst in führender Stellung zu sein.
Minister Rust lehnte auch entschieden die „Feststellung" in Genf ab, wonach der Arbeitsdienst ein getarnter Militarismus fei. Gewiß, man wolle die Arbeitslager als einen Kampfplatz an- sehen, aber alseinenKampfplatzzurSchu- lung des deutschen Volkes gegen die Welt- anfchauungen des Marxismus und des Liberalismus. Die Charakterschule in den Arbeitslagern fei durch nichts anderes zu ersetzen.
Wenn diese Dienstzeit, so rief ber Minister aus,
einen Sinn haben soll, so muß in den Arbeitsdienst- lagern nur ein Geist herrschen: der Gei st Adolf Hitlers! Man spricht so viel von der Notwendigkeit, daß Fachkenntnisse im neuen Deutschland regieren. Dann muß ich auch fordern, daß in den Arbeitsdienstlagern ebenfalls der Fochkun- dige die Leitung übernimmt, bimit in diesen Arbeitsdienstlagern nicht nur Disziplin gelehrt, sondern auch Weltanschauung gebildet wird. Wir müssen dafür sorgen, daß der Wiederaufbau jetzt von den Fachkundigen der willensmäßizen deukschen Einheit durchgefiihri wird. Ich fordere daher die nationalsozialistische Leitung unb Führung für den Arbeitsdienst auf, daß diese allerwichtigste Tat zur deutschen Zukunft frucht- bar werde.
Gehen Sie hinaus, so rief ber Minister ben Studenten zu, unb nehmen sie ben Spaten in bie Hand, um sich ben Abel ber Arbeit zu verdienen. Wenn der einzelne nur sich selbst leben will, bann ist bie Folge, baß sein Volk zum Sklavenvolk wird. Wo er sich aber freiwillig bienen in ben Mittelpunkt seines Lebens stellt, schafft er, indem er seinem Volke die ge- f<f)I offene Willenskraft wieder gibt, ben Weg jum Herrentum. So ' geht hinaus und beginnt euer Werk. Wir stellen diesen Beginn u nt e r das Symbol ber 01 a m en Schlage ter unb Horst-Wessel. Inbem Sie heute antreten unb Ihr Werk beginnen, bas in ein Deutschland der Freiheit unb des Brotes wieder führen wirb, gerechtfertigen Sie den Sinn des Opfertodes dieser Männer. — Mit diesen Worten erklärte der Minister den Beginn des akademischen Arbeitsbien st iah- res.
1-1 Jahren hat durchmachen müssen, berechtigt, diese Erkenntnisse an die Spitze der Konserenzberalungen zu stellen, mögen andere Länder das auch als unbequem und rücksichtslos empfinden.
Deutschland hat aus der Leidensgeschichte seiner Reparationszahlungen die unumstößliche Lehre empfangen, daß internationale Schulden in dem Umfange, wie sie auch heute noch zwischen ben Völkern stehen, nur durch Ware und Dienstleistungen abgetragen werden können. Wenn man uns oft empfohlen hat, zur Deckung politischer Schulden Kredite aufzunehmen — eine Andeutung des britischen Schatzkanzlers in seiner Rede vor der Weltwirtschaftskonferenz schien auf das gleiche Rezept hinauszulaufen — so wissen wir aus Erfahrung, daß diese Dogelstraußpolitik trotz zeitweiliger Entlastung im Endeffekt die Schwierigkeiten nur noch vergrößert. Der Schuldner wird vom Weltmarkt als Konsument geradezu abgedrängt und darauf hingestoßen, unter äußerster Beschränkung feines Verbrauchs ausländischer Erzeugnisse und Fabrikate die eigenen Hilfsquellen auszubauen und bis zum Aeußerften auszunutzen. So trägt die internationale Verschuldung die Verantwortung dafür, daß unter ihrer Last der Welthandel zusammengebrochen ist. Ohne eine Klärung der Schuldenfrage, womit die Fragen der Währungsstabilisierung und der Deoiscnzwangsbewirtschaftung eng Zusammenhängen, ist — darauf lief das grundsätzliche Referat des Reichsaußenministers hinaus — eine Neuorganisation der Weltwirtschaft undenkbar.
Es wäre wünschenswert gewesen, die Ausführungen der anderen Delegationsführer hätten sich auf einem gleich hohen Niveau gehalten. Aber alle sehen nur ihre eigenen Sorgen und versuchen, die aus dem eigenen nationalen Gesichtswinkel für^ wirksam gehaltene Medizin ber Welt als Allheilmittel für all ihre Schmerzen aufzureden. So ist bei der Generaldebatte nicht sehr viel herausgesprungen, was für die Fortführung der Verhandlungen richtunggebend sein könnte. Es wurden mehr volkswirtschaftliche Kol- legs gehalten, als praktische Fingerzeige gegeben. Auch die Rede bes amerikanischen Delegierten hüll war. an diesen Erwartungen gemeßen, eine Niete. Es ist deshalb erfreulich, baß die Generaldebatte so
schnell beendet wurde und man nun in ben für die besonderen Probleme gebildeten Ausschüssen ver- suchen wird, näher an die Dinge heranzukommen. Es gibt ja kaum ein politisches ober wirtschaftliches Problem, was nicht in Lonbon im vollen Rampenlicht der Oefsentlichkeit ober hinter ben Kulissen zur (Erörterung steht. Aber gelöst können sie nur werben, wenn man ihren Zusammenhang erkennt und anerkennt und sie dann ohne Rücksicht auf eigensüchtige Wünsche einzelner Länder an ber Wurzel anpackt. Das gilt von der Verteilung der Goldvorräte so gut wie von der Stabilisierung ber Währungen unb ber Freizügigkeit bes Kapitals, so gut von ber Erhöhung bes Preisniveaus für Rohstoffe, wie vom 21bbau ber Zollschranken, ber Erschließung neuer Absatzmärkte unb ber internationalen Organisierung großer öffentlicher Arbeiten. Diese kurze Schau gibt schon einen Eindruck oon der Vielfalt und Verzweigtheit der Ausgaben, vor die sich die Londoner Konferenz gestellt sieht. 'Aber die Gegensätze sind so vielgestaltig, wie die Probleme selbst, man wird deshalb gut tun, seine Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Solange noch jeder sich bemüht, aus dem Londoner Pudding seine besondere Rosine herauszupicken, fehlt die Atmosphäre, in der allein großzügige Lösungen gefunden werden.
Dazu kommt noch, daß aus dem Hintergrund Dinge auf ben Gang der Konferenz drücken, die dieser Neigung zum Loranstellen persönlicher Son« derinteressen gefährlich Vorschub leisten können. Es war bestimmt kein verheißungsvoller Auftakt für die Konferenz, daß kurz vor ihrem Zusammentritt zwi- fchen Japan und dem britischen Reich ein osfenerhandelskrieg ausgebrochen ist. (Eng- land hat für Indien die Zölle auf japanische Baumwollwaren auf 75 Prozent erhöht, Japan Dagegen droht mit einem Boykott indischer Baumwolle. Das ist eine neue Phase in dem großen Wirtschaftskampf um ben riesigen ostasiatischen Markt, auf dem England und nicht minder Amerika die durch die Entwertung des japanischen Yen ermöglichte Schleuderkonkurrenz Japans schon längst empfindlich zu spüren bekommen haben. Amerika unb England hatten j in diesen ersten Konferenztagen noch andere Sorgen. Zwischen ihnen stand die Schuldenfrage, über |
bie vor dem Zusammentritt der Londoner Konferenz eine Verständigung nicht erfolat war. Es mußte erst der 15. Juni, der Termin ber fälligen Ratenzahlung, direkt vor ber Tür stehen, um zwischen ben beiden Mächten zu einem modus vivendi zu kommen. Nach einigem telephonischen hin unb her zwischen London unb Washington hat man sich denn schließlich auf eine Zahlung Englands von zehn Millionen Dollar an Stelle der fälligen 95 Millionen geeinigt. Aber im amerikanischen Kongreß hält man starr an dem Grundsatz fest, daß die Schulden, die man den Alliierten des Weltkriegs zur Finanzierung der Krieg, stihrung zu machen erlaubte, zurückgezahlt werden wüsten. Wenn nun Präsident Roosevelt auch in ber Erkenntnis, daß der wirtschaftliche Wiederaufstieg Amerikas von einer Erholung ber Weltwirtschaft ab» hängt und diese undenkbar ist unter bem fortdauernden Alpdruck ber internationalen Verschuldung poli» tischen Ursprungs, dem englischen Vorschlag zuge- stimmt hat, zwang die Opposition bes Kongresses doch ben angeblichen Diktator, bie englische Zahlung nur als eine Abschlagszahlung anzufehen, bie einer endgültigen Regelung in keiner Weise vor- greift. Frankreich hat sich konsequenterweise auch dies« mal nicht einmal zu einer solchen Anerkennungsgebühr aufgerafft. Damit ist die Schuldenfrage natürlich keineswegs gelöst, denn bei der eben wieder gezeigten Einstellung der amerikanischen Oeffentlichkeit ist es kaum denkbar, daß ber Kongreß bem Präsidenten erlauben wirb, bie von ben Schuldnern einseitig aufgehobenen Zahlungen einfach still unb heimlich in ber Versenkung verschwinden zu lassen.
Auch für Deutschland liegt bai Problem der internationalen Verschuldung nicht einfach. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen den Kriegsschulden der ehemaligen Alliierten und den deutschen Reparationszahlungen haben die Vereinigten Staaten stets abgelehnt, sie wollten mit dem Tributsystem von Versailles nichts zu tun haben. Aber wohl muh daran feftqcbalten werden. daß Deutschlands private Verschuldung, deren Zinsenlast der deutschen Wirtschaft die Kehle abschnürt, zu einem guten Teil verursacht worden ist durch den Zwang, die Mittel zu den gänzlich unproduktiven und einseitigen Reparationszahlun-


