Ausgabe 
17.5.1933 Frühausgabe
 
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M c Reichstagsbebatte am Mittwoch zu beeinflussen. Es wird versichert, das; der Präsi­dent nach wie vor beabsichtige, in naher Zukunft leinen Konsultativpakt bekanntzugeben.

Moskau zur Mitarbeit bereit.

Moskau, 16. Mai. (TU.) Die Botschaft Roo­sevelts, die an den Dorsihenden des Bollzugskomi­tees, Kalinin, gerichtet ist, hat hier großes Auf­sehen erregt. Sie wird als ein n e u e r A u f t a k t zur Normalisierung der sowjetrus­sisch-amerikanischen Beziehungen angesehen. Amtlich wird darauf hingewiesen, daß

die Regierung der Sowjetunion an der Frage der Abrüstung ehrlich mitgearbeitet habe, und zwar in dem Sinne, daß der Unterschied zwi­schen Siegern und Besiegten Vernich- t e t werden solle. Die Sowjetregierung werde je­den ernsten Versuch in der Abrüstungsfrage un­terstützen, der auch zu einer Beilegung der Welt­wirtschaftskrise führen kann. Die Sowjetregierung sei bereit, alle ernsthaften Vorschläge zur wirt­schaftlichen Gesundung anzunehmen unter der Vor­aussetzung, datz die Struktur des russi­schen Außenhandels unberührt bleibe.

Die konstituierende Sitzung des Hessischen Landtags.

Or. Mütter zum LandiagSpräsidenten gewählt.Ministerpräsident Or. Werner begrüßt den Reichsstaithalter furHeffenund erläutert dieAusgaben derRegierung. Oer Landtag verabschiedet beide Ermächtigungsgesetze.

WHP. D a r m st a d t, 15. Mai. 2m festlich ge­schmückten Plenarsaal des hessischen Landtags fand heute in Anwesenheit des Reichsstatthalters Sprenger die konstituierende Sitzung des neuenHcssenparlaments statt. Die gerade Wand des Saales zierten die Fahnen Hes­sens, des alten und neuen Reiches. Vor dem mit Hakcnkreuzbanner versehenen Sitz des Landtags­präsidenten steht der rutweiße Sessel für den Reichs st atthalter, von zwei Lorbeerbäu­men flankiert. Der Saal selbst ist mit Girlanden aus frischein Grün umwunden, die Regierungs­bänke sind mit rotweihen Bändern drapiert.

Ministerpräsident Dr. Werner heitzt den Reichsstatthalter amBraunen Haus" in der Rheinstratze herzlich willkommen, dessen Zugang bis zum Landtagsgebäude auf der einen Seite Schutzpolizei, auf der andern SA. Spalier bilden. Reichsstatthalter Sprenger dankte Dr. Werner für die Begrüßungsworte, und erklärte, es sei ihm eine hohe Ehre, im Auftrag des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler Statthalter in Hessen zu sein. Er werde allezeit ein treuer S ch i l d h a l t e r sein zum Heile aller Hessen und des ganzen deutschen Vaterlandes.

Als der bisherige Landtagspräsident und jetzige Staatssekretär Jung den Beginn der Sitzung ei'n- läutet, füllen sich rasch die Reihen der Abgeord­neten. Die Nationalsozialisten sind in Uniform, die sieben Abgeordneten des Zentrums und der deutsch­nationale Abg. Böhm in Zivil auf den vorderen Bänken untergebracht, da durch die Verkleinerung des Landtags und das Fernbleiben der Sozial­demokraten zwei Reihen Bänke frei geworden sind. Hinter der Ministerbank sind die Spitzen der Mi- nisterialbehörden und der Landespolizei postiert.

Landtogspräsident Jung begrüßt die Abgeord­neten des 7. hessischen Landtags und schlägt als Landtagspräfidenten den Abgeord­neten Dr. Müller vor. Die Dahl wird ein­stimmig gebilligt.

Dr. Müller übernimmt das Präsidium und dankt für das ihm ausgesprochene Vertrauen: er versichert, daß er sein Amt als deutscher Mensch und National­sozialist führen werde. Auf seinen Vorschlag werden die Abg. Klostermann (NS.) und Weckler (Zentrum) zu Vizepräsidenten gewählt.

Die Fraktionen sollen ihre Vertreter für die Ausschüsse, die nunmehr aus sieben Mit­gliedern bestehen, noch benennen.

Reichsstatthalter Sprenger, von Ministerpräsident Dr. Werner, Landtagspräsident Dr. Müller und Staatssekretär Jung geleitet, betritt den Saal. Ab­geordnete und Zuhörer erheben sich von den Plät­zen, und Landtagspräsident Dr. Müller begrüßt den Statthalter als Vertrauensmann des Führers mit einem dreifachen Sieg-Heil, in das die Anwe­senden einstimmen. Reichsstatthalter Sprenger nimmt auf dem rotweißen Sessel Platz.

Landtagspräfident Dr. Müller stellt fest, daß eine Entwicklung, die vor Jahrhunderten angebahnt war und durch widrige Umstände unterbrochen wurde,

heute ihre vernünftige Fortsetzung gesunden habe. Damit sei der Weg gewiesen, wie endlich e i n Reich, ein Wille und ein Volk geschaffen werden könne. Darauf beruhe der Glaube all derer, die sich Deutsche nennen dürfen, an Deutschlands ewige Zukunft.

Ministerpräsident Dr. Werner heißt nun den Reichsstatthalter namens der hessischen Regierung herzlich willkommen: Sie, Herr Reichs­statthalter als Beauftragter unseres Führers, der Sie als langjährigen Mitkämpfer und Vertrauten hierher gesandt hat, sind uns herzlich willkom- m e n. Wir haben in Hessen keine andere Pflicht zu tun, als nach Kräften mitzuwirken, daß Ihr schweres und verantwortungsvolles Amt erfüllt werde in deutschem, nationalsozialistischem Geist und im Geiste Adolf Hitlers.

Durch das Reichsstatthaltergeseg vom 7. April 1933 sind alle Länderbestimmungen, die ihm entgegen­streben, aufgehoben worden. Der Reichsstatthalter hat für die Beobachtung der von dem Reichskanzler aufge st eilten Richt­linien der Politik zu sorgen. Ihm werden Befugnisse der Landesgewalt übertragen, und zwar die Ernennung und Entlassung der Landesregierung und der übrigen Mitglieder der Regierung, die Auflösung des Land­tags und die Anordnung von Neuwahlen, die Ausfertigung und Verkündung der Landesge- setze, die Ernennung und Entlassung der unmit­telbaren Staatsbeamten und Richter, sowie das Begnadigungsrecht insbesondere bei Todesurteilen.

Durch das Reichsstatthaltergesetz hat auch der Länderparlamentarismus aufgehört zu bestehen. Ein Mißtrauensvotum gegen den Vorsitzenden und Mitglieder der Landesregierung ist ausgeschlossen. Auch gegen den Reichsstatthalter gibt es selbstverständlich kein Mißtrauensvotum. Ein p o - litischer Konflikt zwischen Reich und Ländern, wie wir ihn vor dem Staatsgerichts­hof erlebt haben, ist in Zukunft nicht mehr möglich.

Der Slaathaller ist Sendbote der Reichsgewall, und damit ist der Vorrang der Reichspolitik und Reichsregierung unter allen Umständen an­erkannt. Der bundesstaatliche Charakter des Reiches, wie er früher bestand, ist aufgehoben. Dabei ist trotzdem die Wahrung und weiter- sührung der Selbständigkeit der Länder gesichert, und zwar unter weitestgehender Rücksicht auf das Eigenleben und die Mannigfaltigkeit der land­schaftlichen, stammesmäßigen, geschichtlichen und wirtschaftlichen Eigenart. Aber es gibt nur noch e i n Reich und nur noch einen Führer. Die Landesgesehgebung ist der Reichspolitik gleich­geschaltet.

Die territoriale Neuordnung der Länder ist noch nicht in Angriff genommen. Die Gleich­schaltung des Willens des Führers zwischen Reich

und Ländern ist klar und unbestritten. Sie muß mit Entschiedenheit bis zur letzten Zelle durchgesührt werden. Nur so ist ein einziges großes Deutschland möglich, nur so ist cs möglich, die starke Zentralgewalt zu schaffen, wie sie andere Staaten seit Jahrhunderten besitzen und zu ihrer Größe auswerteten.

In einer Unterhaltung mit dem Herrn Reichs­kanzler habe ich bereits darauf hingewiesen, daß Hessen ein L^nd besonderer Art und Artung ist nicht nur stammesmäßiger, sondern auch wirtschaftlicher und sozialer Natur.

kein deutscher Gliedstaat hat mehr gelitten unter der feindlichen Besetzung und Besatzung als Hessen. Dieses klar herauszuarbeiten ist Pflicht der hessischen Regierung, und wir ver­trauen darauf, daß der Herr Reichsstatthalter auf Grund seiner eigenen Kenntnis des Landes das Notwendige veranlassen wird. Die beiden großen Städte im Süden und Norden haben mit der Dauer der Erwerbslosigkeit Dassen hessischer Arbeiter ausgeschieden und damit dem Lande ungeheure Lasten auser­legt, wie sie aus der Fürsorgenotwendigkeit erwachsen.

Ich mache darauf aufmertsam, daß die Hei m- arbeit, besonders im Kreis Offenbach in der. Portefeuille-Industrie dringend eine Reuordnung,i auch im Interesse der Erhaltung des Gewerbes, erfordert. Die Lage der Gemeinden bei uns ist geradezu katastrophal und es müssen alle Anstrengungen gemacht werden, um die notwen­dige Hilfe vorn Reich zu erlangen.

Große und wichtige kolonisatorische Arbeiten haben wir zu erledigen. Ich will von der Grün­landwirtschaft im Vogelsberg allein nicht sprechen, ich denke vor allem an unsere pontinischen Sümpfe": die Riedentwässe­rung ist eine Großtat, die getan werden muß, um hunderttausende von Morgen besten Landes in klimatisch bevorzugter Gegend dem deutschen Reich und Volk für den Pflug zu sichern. Es ist eine Aufgabe, die vyn der Reichsregierung mit großer Sympathie verfolgt wird, wie ich bei meinem Vortrag bei dem Führer, dem Reichs­innenminister und dem Reichsfinanzminister er­fuhren konnte. Reben der Förderung des Straßenbaues, insbesondere des Auto­straßenbaues ist eine Arbeitsbeschaf­fung in breitester Form notwendig. Ich bitte deshalb auch den Herrn Reichsstatthalter, diesen wichtigsten und grundlegendsten Fragen seine Aufmerksamkeit zu schenken.

Annahme

der Ermächtigungsgesetze.

Dr Werner schloß mit einem dreifachen Sieg- Heil auf den Reichsstatthalter, auf das hessische und deutsche Vaterland und seinen Führer Adolf Hitler. Mit einem festen Händedruck dankte Reichsstatthalter Sprenger dem hessischen Mini­sterpräsidenten für seine Begrüßung. In Fort­setzung der Beratungen verabschiedete der Land­tag ohne Aussprache in erster und zweiter Lesung zwei Gesetze. Das Ermächtigungsgesetz besagt: Landesgesehe können außer in dem in der Verfassung vorgesehenen Verfahren auch durch den Ministerpräsidenten erlassen werden. Dies gilt auch für die in Artikel 54 und 57 der Verfassung bezeichneten Gesetze. Die vom Ministerpräsidenten erlassenen Gesetze kön­nen von der Verfassung abweichen, so­weit sie nicht die Einrichtung des Landtags als solche zum Gegenstand hoben. Dieses Gesetz tritt mit dem Tage der Verkündung in Kraft. Das Gesetz Über die Ausübung der- Befugnisse der Landesregierung bestimmt: Die Befugnisse, die nach den hessischen Gesehen und Verordnungen dem Gesamtministerium, dem Staatsministerium oder dem Staatspräsidenten zustehen, werden von dem Ministerpräsidenten und im Falle seiner Ver­hinderung von dem Staatssekretär ausgeübt.

Landtagspräsident Dr. Müller dankt dem Hause für die flotte Arbeit und erklärt, er werde den Landtag erneut zusammenrufen, wenn das notwendig sei. Sämtliche Anwesenden singen stehend den ersten Vers des Deutschlandliedes und das Horst-Wessel-Lied.

Kundgebung vor dem Landtag.

Der Reichsstatthalter spricht.

Rach Schluß der Landtagssitzung sprach der Reichs st atthalter vor einer großen Men- schenmenge zu der vor dem Landtag auf dem, Adolf-Hitler-Platz aufmarschierten Schutzpolizei, SA. und SS. Stürmisch begrüßt erklärte er u. a.: Ich überbringe öie Grüße des Füh­rers, der mit der Einsetzung der Statthalter das Reich festigen und ausbauen will. Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß ich nun aber auch erwarten kann, daß Ihr bei der weiteren Durch­führung der nationalen Erhebung Garanten sein werdet bis das deutsche Volk in der Verschieden­heit seiner Stämme eins geworden ist. Dann ist die Garantie für seine innere Freiheit und Zukunft geschaffen und damit die Voraussetzung, auch nach außen hin zu bestehen für alle Zeiten. Wir senken unser Haupt in Ehrfurcht vor der Größe der deutschen Arbeit und seinem Führer Adolf Hitler.

Begeistert braust ein dreifaches Sieg-Heil über den Platz. Der Statthalter dankte und begab sich, von der Regierung begleitet, nach dem Flugplatz, um zur Reichstagssitzung nach Berlin zu fliegen.

Aufklärungsamt für Raffenpflege bei -en ärztlichen Gpitzenverbänden.

Berlin, 16. Mai. (VDZ.) Auf Anregung des Reichskanzlers Adolf Hitler ist das Auf­klärungsamt für Bevölkerungspolitik und Rassen­pflege bei den Spihenverbänden der Deutschen Aerzteschaft in Berlin errichtet worden. Cs ar­beitet in enger Fühlungnahme mit dem Reichs­innenministerium und dem Reichsministerium für Propaganda und Volksaufklärung. Zu seinem Leiter ist Dr. med. W. Gro ß. München, be­rufen worden. Dem Aufklärungsamt ist die P r e s s e st e l l e der ärztlichen Spihenverbände unter ihrem bisherigen Leiter Dr. med. Sy Un­ger und der Verlag der Deutschen Aerzteschaft unter Leitung von A. Hoff­mann, Leipzig, angegliedert worden. Zur Vor­arbeit für den künftigen ständischen Aufbau hat, der Kommissar der ärztlichen Spihenverbände Dr. G. Wagner, München, die ersten Maß­nahmen zur Verschmelzung des Deutschen Aerztevereinsbundes und des Verbandes der Aerzte Deutschlands (Hartmann-Bund) getroffen. Die künftige Gesamtockganisation wird ihren Sih in Berlin haben.

Keine Veröffent ichur gen vor der gericht­lichen Klärung der Korruptionsfälle.

Berlin, 16. Mai. (TU.) Der Reichswirt- . schaftsminister Dr. Hugenberg hat den Kommissaren, die er in einzelnen besonde­ren Fällen eingesetzt hat, untersagt, ihre Unter­suchungsergebnisse von sich aus der Presse bekannt zu geben. Insbesondere seien alle Mitteilungen über angebliche Korrup­tionsfälle solange anzuhalten, bis eine gericht­liche Klarstellung erfolgt sei. Die Veran­lassung zu dieser Maßnahme bildet die Beobach­tung, daß manche in letzter Zeit erhobenen An­schuldigungen sich nicht nur als unbegründet erwiesen hätten, sondern zum Teil auck) a u f üblen Denunziationen, insbesondere von früheren Ange st eilten beruhten.

Oer Einberufungstermin der ersten Arbeitsdienstpflichtigen.

Berlin, 16. Mai. (ERB.) Die Reichsleitung des Arbeitsdienstes teilt mit: In der Presse ist die Behauptung aufgestellt worden, daß nunmehr der 1. Januar 1 934 a l s Einziehungs­termin für die ersten Arbeitsdienstpflichtigen festgelegt sei und datz der Jahrgang 1915 eingezogen werde. Die Reichsleitung des Arbeitsdienstes erklärt demgegenüber, daß noch nicht endgültig fe st steht, welcher Jahrgang einberufen wird: auch ist der genaue Einberufungstermin noch nicht fest gelegt. Der 1. Januar 1934 ist es keinesfalls.

Die Verwandlungen Devrienls.

(Sine Anekdote von Karl Lerbs.

Ein Schauspieler, der als junger Anfänger ein Gastspiel Emil Devrients am Leipziger Stadt­theater mitwirkend erlebte, pflegte in späteren Jahren zu erzählen, daß er in Erscheinung und Auftreten des großen Darstellers die höhere und die niedere Wirklichkeit des gestalteten und des durch keine Gestaltung gebändigten Lebens in erschütternder Verflechtung sich offenbaren sah.

Man probte das SchauspielRubens in Ma­drid" von der Birch-Pfeiffer, und Devrient er­schien erst auf der vierten oder fünften Probe, niedersteigend aus den olympischen Bezirken eines fast schon mythisch gewordenen Ruhms: ein schlanker, mit lässiger und leiser Anmut sich bewegender Mann, dessen weltmännischer Ver­haltenheit man seine sechzig Jahre nicht an­gesehen haben würde, wenn nicht das Grau über den hager gewordenen Schläfen und ein paar scharfgekerbte Falten sie dem aufmerksameren Blick verraten hätten. Zu solcher Betrachtung aber hatten die aufgeregten und ehrfurchtsvoll beflissenen Mitspieler weder Mut noch Zeit: denn der Gast, der bei der Üblichen Vorstellung das verbindlich-unverbindliche Lächeln einer fast kränkenden Zerstreutheit zeigte, nahm in seinen Auftritten alsbald in einer alles zusammen- raffenden Weise die Führung. Er selber sprach, immer in derselben zugleich lässigen und strafsen Haltung, seine Sähe flüchtig, rasch und . mit halbem Ton: nur zuweilen hob sich die ein wenig näselnde Stimme plötzlich zu einem Klang, der klirrend aufflog wie rauschender Trommelwirbel oder wie heller Schlag auf Metall tönte: Dann stand ein Sahgebebild licht wie gleißendes Gold im hoxchenden Raum, und vor der so jäh ver­wandelten Gestalt stockte den Hörern der Atem.

Sie freilich kamen nicht zu einer so haushälteri­schen Einsetzung ihrer Kräfte: denn mit schnellen, gleichsam befestigenden Gesten und beiläufigen Be­merkungen, in denen nur zuweilen die Unge- duld mit flüchtiger Scharfe aufblihte, wies De­vrient ihnen in seinen Auftritten Rang und Stellung an und zog um sich her einen magischen Kreis, dessen Grenzen keiner von ihnen mehr überschreiten konnte. Während der Auftritte, in denen er nicht beschäftigt war, saß er aus einem Stuhl an der Rampe, mit gekreuzten Armen, völlig unbeteiligt; und in der Pause ging er rasch in sein Ankleidezimmer.

Als er zurückkam, um die Szene zu proben, in der Rubens in eine Verkleidung als alter holländischer Maler schlüpft, sah er, daß auf der dunklen Bühne sich dem Verbot zum Trotz eine Anzahl von nicht beschäftigten Damen und Herren des Ensembles versammelt hatte. 'Sogleich man probte noch im Straßenanzug blieb er stehen und sagte:Mantel und Stock". Mit dem Mantel, den er sich lose um die Schultern warf, mit dem Stock, den er in die Hand nahm, schien er sich zu völliger Verwandlung zu verzaubern, einer gespenstischen Verwandlung: Seine Schul­tern zogen sich zusammen, sein Rücken rundete sich zu leichter Krümmung, seine Wangen schienen einzusinken, seine Augen glühten in tief ver­schütteten Höhlen, und um die Krücke des Stocks schloß sich mit hartem Griff eine knochige Greisen­hand. Aber es war eine Gestalt voll Erhaben­heit, ein Idealbild des Alters: Er gab, sagte der Erzähler, dieser schönen Maske mit erstaun­licher Verwirklichungskraft die Form, die ihm sein Wunsch als Erscheinung seines eigenen Alters malte. Dann, beim Abgehen, als er in der Kulisse die ergriffenen Gesichter der ungebetenen Zuschauer sah, warf er den Mantel ab, mit der Bewegung, wie man eine Last abschüttelt: Sein Körper straffte sich mit biegsamem Schwung wie eine aus gewaltsamer Beugung aufschnel- lende Klinge, er stieß mit einer befreiten Be­wegung die Arme in die Luft, lächelte wie bord einer Last erlöst und sprang, ehe irgendwer das Wort an ihn richten konnte, auf schlanken, fe­dernden Deinen die Treppe hinan, die zu den Ankleidezimmern führte.

Der Zufall fügte es, daß wenige Minuten spater droben eine vom Luftzug aufgewehte Tür dem Erzähler den Blick in die vierte Verwand­lung des großen Mannes freigab; und diese schonungslos grausame Enthüllung zeigte ihm emen sehr alten, von gewaltsamer Anspannung lies erschöpften Mann, kauernd auf dem Stuhl, auf den ihn die Atemlosigkeit hingeschleudert hatte, mit rasselnder Brust nach Luft ringend dre Hand, eine welke Greisenhand, um die schweiß­feuchte Stirn gekrampft. Der unfreiwillige Lau­scher, aus Ehrfurcht und neidvoller Bewunderung jäh herabgerissen zur Zeugenschaft dieser letzten, von der rachsüchtigen Ratur angerichteten Ver­wandlung, stand einen Augenblick erstarrt, bis der Schleier aufschießender Tränen ihm' den schauerlichen Anblick dieser letzten Szene wie ein gnädig zu rechter Zeit gesenkter Vorhang entzog.

Nachruf für Paul Ernst.

Der neue- künstlerische Leiter des Staatlichen Schauspielhauses in Berlin, Hanns Iohst, plante schon seit Wochen die Aufnahme des Schauspiels H e i l i g er Crispin" von Paul E r n st in den Spielplan des Staatstheaters, um dem greifen Dichter die Ehrung zuteil werden zu lassen.

MPA M

die er längst verdient hat, und die ihm bisher oor- enthalten worden war. Das Schicksal hat es gewollt, daß Paul Ernst wenige Tage vor dieser Aufführung seines reifsten Wertes starb. Nun wird dieses Schau­spiel am Tage nach seiner Beisetzung über die Buhne gehen. Hanns I o h st stellt uns dazu folgende Aus­führungen zur Verfügung: Der Kranz, den das preu­ßische Staats-Schauspielhaus am Grabe Paul Ernsts niederlegt, heißt die Aufführung desHeiligen Cri­spin". Als Ehrung des Meisters war sie geplant, Zeichen seiner Unsterblichkeit ist sie nun. Denn wäh­rend gestern die Erde das Vergängliche von Paul Ernst ausnahm, lebt heute sein Unvergängliches auf.

Sein Frohsinn und seine Heiterkeit brechen das Gesetz der Graber und auferstehen in der Gemeinschaft aller durch feine Kunst Beschenkten. Die schönste Genug­tuung unseres Hauses ist, daß wir in die letzten Wochen des Dichters Freude tragen durften durch die Gewißheit der heutigen Premiere. Sie war ge­dacht als Zeichen, daß es mit der Vergeßlichkeit der Nation und dem Unrecht an unseren Meistern vorbei ist. Wir sind im letzten Augenblick seines Daseins aufgetreten, wir, feine ehrlichen Freunde aber seine Zukunft kennt keine letzten Augenblicke mehr. Sie besitzt jene dichterische Kraft, die einem Jahr­hundert ihr Gesicht verleiht und ihre Masken schnitzt. DerHeilige Crispin" erhält seinen Heiligenschein schon wunderlicherweise bei Lebzeiten. Unserem Paul Ernst blieb diese Huldigung versagt, sein Lorbeer wächst über seinem Grabe.

*

Kultusminister Rust hat an die Witwe des Dich­ters, Frau Else E r n st, folgendes Beileids- t e I e g r a m m gerichtet: Tiefbewegt von dem Hin­scheiden Ihres Gatten, wenige Tage nachdem das neue Deutschland seiner Verbundenheit mit ihm durch die Berufung in die Dichterakademie Ausdruck gab, spreche ich Ihnen in aufrichtiger Teilnahme fein herzliches Beileid aus. Das neue Deutschland wird Paul Ernst, einem der tiefsten und reinsten Führer des deutschen Volkes das geben, was ihm die Ver­gangenheit versagte.

Liebe aus den ersten Ton."

Das ist ein musikalisches Filmspiel nach Motiven von Paul Ilgen st einsKammermusik": die tr= freuliche Geschichte vom Tenor der Herzogin, die uns bereits aus der gleichnamigen Operette bekannt ist und mit ihren drolligen Mißverständnissen und Ver­wechslungen auch in dieser dritten Fassung ihre unterhaltsame und heitere Wirkung nicht verfehlt. Carl Froelich hat das Merkchen sauber in Szene gesetzt. Carl I ö k e n , der zur Zeit beliebteste Tenor von Berlin und die hübsche, pikante Lizzi Wald- müder spielen als Kammersänger und Herzogin Elisabeth die erste Violine in diesem Spiel im Schloß. Johannes Riemann und Lee P a r r y bilden das Pärchen übers Kreuz: Adele Sandrock und Hans Leibelt geben die Repräsentationsrollen mit ge­dämpftem Humor. Musik: Milde-Meißner. Im Beiprogramm erlebt man einen interessanten Besuch im Museum des Films und fühlt sich um ein Vierteljahrhundert zurückversetzt beim Anblick eines ergreifenden Dramas in xmei Akten, welches trotz feiner schrecklichen Begebenheiten unwiderstehlich zum Lachen reizt. (Lichtspielhaus.)