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16.12.1933 Zweites Blatt
 
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Nr. 295 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, (6. Dezember 1935

.Ich denke, daß Menschen der größte Reiche

tum seien."

Friedrich der Große.

Kaust Wohlfahrtsbriesmarken für die Winterhilfe!

Dem Kampf gegen hunger und Kalle dienen auch die diesjährigen wohlfahrtsbriesmarken! Dank und Freude der Aermsien werden das Ergebnis fein, wer könnte da zurückstehen, sie zu kaufen?

Bevölkerung um ein Drittel ihres Bestandes. Ein Bruchteil auch nur dieses Erfolges früherer preußi­scher kolonisatorischer Tätigkeit würde unserer Ge­genwart genügen.

Eine solche Umschichtung aber würde keinen will­kürlichen Eingriff in eine naturgemäße Entwicklung der Bevölkerung bedeuten, sondern die Rückkehr zu einem ausgewogenen Bevölke- rungsverhältnis zwischen Stadt und Land. Noch um 1880 haben wir einen annähern- den Gleichstand des städtischen und ländlichen Be- völkerungsanteils in Deutschland gehabt. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts überwog noch be­deutend die Landwirtschaft; mit dem Ende des vo- rigen Jahrhunderts aber nahm der städtische Anteil

Wir sind nicht zu am für ZeMmnigsznwachS

Don Dr. B. Hansen.

II.

In einem dem Gesetz vom 27. Oktober 1933 vor­gesetzten Borspruch heißt es u. a.:Eine volks­tümliche Rechtspflege ist nur in einem Berfahren möglich, das dem Bolk verständlich ist und einen ebenso sicheren wie schleunig wirkenden Rechtsschutz verbürgt. Keiner Partei kann gestattet werden, das Gericht durch Unwahrheiten irrezuführen oder seine Arbeitskraft durch böswillige oder nachlässige Pro­zeßoerschleppung zu mißbrauchen. Dem Rechts- K... entspricht die Pflicht, durch redliche und ältige Prozeßführung dem Richter die Findung des Rechts zu erleichtern. Aufgabe des Richters ist es, durch straffe Leitung und in enger Fühlung mit den Parteien dahin zu wirken, daß jede Streit­sache nach gründlicher Borbereitung möglichst in einer Verhandlung aufgeklärt und entschieden wird. Er hat Vertagungen, die nicht sachlich dringend geboten sind, zu vermeiden und zu ver­hindern, daß ein Verfahren durch verspätetes Vor­bringen verschleppt wird.

1. Um dieses weitgesteckte Ziel zu erreichen, stellt das Gesetz an die Spitze seiner Neuerungen in Artikel I im Anschluß an den Entwurf 1931, der hierin dem österreichischen Recht folgt, das Verbot der Prozeßlüge, indem es dem § 138 ZPO. als Abf. 1 die neue Vorschrift voranstellt:Die Par­teien haben ihre Erklärungen über tatsächliche Um­stände vollständig und der Wahrheit gemäß abzu­geben". Dieses ausdrückliche Verbot der Lüge ist zu begrüßen, eine bloße Anerkennung der Wahr­heitspflicht genügt nicht und gänzlich abzulehnen :ft heute natürlich gar die Verneinung der Wahr­heitspflicht.

Die Wahrheitspflicht ist echte Rechtspflicht gegen­über dem Gericht. Der Gesetzgeber hat bewußt von Sanktionen abgesehen. Volkmar weist darauf hin, daß die Anwälte schon durch ihre Standespflicht genötigt sind, das Gebot zu beachten und also künf­tig nicht mehr in der Lage sind, Parteibehauptun­gen, deren Unrichtigkeit ihnen klar ist, dem Gericht vorzutragen oder, um die Situation zu retten, aufs Geratewohl Behauptungen aufzustellen.

2. Unter den Maßnahmen zur strafferen Zusam­menfassung des Streitstoffes folgt dann als neuer Abf. zu § 279 die Vorschrift, daß Angriffs- und Verteidigungsmittel zurückgewiesen werden können, deren rechtzeitige Mitteilung durch vorbereitenden Schriftsatz (§ 272) die Partei unterlassen hat. Das Nachschieben von neuen Angriffs- und Verteidi­gungsmitteln war bisher das beliebteste Mittel zur Hinausziehung eines für die Partei nicht günstig stehenden Prozesses, obwohl bislang schon § 272 ZPO. vorschrieb, daß dem Gegner Behauptungen, Beweismittel und Anträge, auf welche der Gegner sich ohne vorherige Erkundigung voraussichtlich nicht erklären kann, rechtzeitig mitzuteilen sind. Die Nichtbeachtung dieser Vorschrift ist künftig unter Umständen mit nachteiligen Folgen verknüpft. Bei der gangen Fassung des § 279 ZPO. wird auch künftig noch ein voller Erfolg im Sinne des Gesetz­gebers von dem Maße der Energie abhängen, mit der der Richter diese Kann Vorschrift anwendet.

Diese Neuerung kann sich nur auf das landge­richtliche Verfahren beziehen, weil nur in ihm vor­bereitende Schriftsätze vorgeschrieben sind.

Im Zusammenhang damit schreibt das neue Ge­setz in Ergänzung des § 519 Abs. 3 ZPO. eine genaue Angabe der Berufungsbegründung vor, indem es verlangt die bestimmte Bezeichnung der im einzelnen anzuführenden Gründe der An­fechtung sowie der neuen Tatsachen, Beweismittel und Beweiseinreden, welche die Partei zur Recht­fertigung der Berufung anzuführen hat. Damit ist die Pflicht zu einer wirklichen, ins einzelne gehen­den Berufungsbegründung geschaffen und für die rein formelmäßigen Begründungen, wie sie bisher im Anschluß an die Rechtsprechung des BG.s üblich

Der neue Jivilprozeß nach-emGesehvom27.Okt.4933

Don Richard Schudt, Landgerichtsdirekior i. X

Ich denke, daß Menschen der größte Reichtum seien." Dieser Gedanke eines großen preußischen Kö­nigs wurde in einer Zeit befolgt, in der die Grund­lage für die Entwicklung Deutschlands zu Größe und Macht gelegt wurde. Zur Zeit des sog. M e r t a n tilismus, in dem der Staat stärksten Einfluß auf Wirtschaft und Volk nahm, war das ein allge­mein anerkannter Grundsatz der Staatsweisheit. Die Größe eines Staates beruht letzten Endes auf dem Wert seines Menschenmaterials, und es kann deshalb keine erfolgreichere Politik eines Staatsmannes geben, als wenn sie zur Stärkung der Bevölkerung gedient hak. Wir kennen die Bevölkerungspolitik jener Reihe hervorragender preußischer Herrscher, die mit dem Großen Kurfür­sten beginnt, wir wissen, was Friedrich der Große aus dem schwer mitgenommenen Schlesien, aus dem verwahrlosten Westpreußen zu machen wußte.

Ist Deutschland heute für eine ähnliche Bevölke­rungspolitik übervölkert, ist es zu arm dazu? Deutsch­land ist nicht übervölkert, sondern falsch bevölkert. Die Menschen auf Deutsch­lands Boden sind schlecht verteilt. Der Westen über­industrialisiert und mit Menschen überfüllt, der Osten menschenarm. Ueber die nationalpolitische Gefahr, die diese Entleerung des östlichen Raumes angesichts der hohen Fruchtbarkeit der angrenzenden slawischen Staaten bedeutet, ist sich Deutschland völlig im kla­ren. Im Jahre 1810 waren von der Gesamtbevölke­rung in Gurpa je rund ein Drittel Germanen, Ro­manen und Slawen. Heute entfallen auf die Slawen bereits 45 v. H. der europäischen Be­völkerung, in 20 bis 25 Jahren werden es schon 51 v. H. sein. Diesem gewaltigen slawischen Be- völkerungsdruck steht keine starke Grenzwacht ent­gegen.

Die Besiedlung des deutschen Ostens ist deshalb eine elementare Lebensnotwendigkeit. Die kleinbäuerliche Siedlung, die allein die Gewähr einer gefunden bevölkerungspolitischen Entwicklung verbürgt, muß aber in einen entspre­chenden wirtschaftlichen Organismus hineingestellt werden. Die kleinbäuerliche Wirtschaft ist zum gro- ßen Teil eine Wirtschaft für eigenen Verbrauch und für den Absatz auf lokalem Markt. Die kleinbäuer­liche Siedlung muß also Hand in Hand mit einer Stärkung des Gewerbes im östlichen Raum erfolgen, damit das bäuerliche Elemept fei­nen natürlichen nahe gelegenen Abnehmer besitzt. Man sage auch nicht, daß diese Siedlungstätigkeit zu langer Zeiträume bedarf, um sich bevölkerungs­politisch so auszuwirken, wie es vom nationalpoliti- scheu Gesichtspunkt aus notwendig ist. Der Erfolg der Siedlungstätigkeit vom Großen Kurfürsten bis zu Friedrich dem. Großen war, daß ein Drittel der brandenburgisch-preußischen Bevölkerung in dieser Zeit sich aus angesiedelten Kolonisten und deren Nachkommen zusammensetzte. Was wir brauchen, ist bei weitem nicht eine Umschichtung der deutschen

geworden waren und die dann häufig Anlaß zu Verschleppungen boten, ist künftig kein Raum mehr. Solche Berufungen sind künftig als unzulässig zu verwerfen.

Die Aenderung des § 529 ist für die wirkungs­volle Bekämpfung einer schleppenden Prozeßfüh- rung von größter Bedeutung und sehr zu begrüßen. Denn das wichtigste und drängendste Problem der

immer mehr zu und nach dem Weltkriege erfolgte ein besonderes Wachstum der großstädtischen Be­völkerung. Wie ist denn gleichzeitig der Verlauf der Bevölkerungszunahme gewesen? Im Jahre 1841 hatte man jährlich 1 300 000 Lebendgeburten bei 33 Millionen Einwohnern, in dem Jahrzehnt vor dem Weltkriege gegen zwei Millionen Geburten bei einer Bevölkerung von etwa 60 Millionen, und im Jahre 1932 bei 65 Millionen Einwohnern nur noch 975 000 Geburten. In der großen Linie der Entwicklung sehen wir also dieAbnahme desländlichen Bevölkerungsantcils von einer A b - nähme der Fruchtbarkeit begleitet.

Unnatürlich ist diese Zurückdrängung des länd­lichen Bevölkerungsanteils, unnatürlich auch die Zu­sammenballung riesenhafter Industrien mit der Be­gleiterscheinung großstädtischer Entwicklung auf be­stimmte Gebiete Deutschlands. Diese Zusammenbal­lung hat eine der gefährlichsten Erscheinungen her- beigeführt, die Trennung von Stadt und Land, das unmerkliche Entgleiten des gegenseiti­gen Verständnisses. Auch für die Industrie gilt das gleiche wie für die Bevölkerung im ganzen: Es ist nicht zu viel davon in Deutschland, aber es ist falsch verteilt. Industrie unb Landwirtschaft müssen sich räumlich gegenseitig durchsetzen, müssen sich geographisch ergänzen. Das führt dann von selbst zu einer stärkeren Entwicklung des tleinbäuer- lichen Anteils innerhalb der Landwirtschaft, da nahe erreichbare Siedlungen die Erzeugung der arbeits­intensiven Produkte des Kleinbauerntums lohnend machen.

Prozeßreform ist die Beschleunigung der Prozesse. In der Begründung des Entwurfs 1931 ist mit Recht ausgeführt, daß in allen Volkskreisen ein ver­zögerter Rechtsgang mit tiefer Erbitterung, fast wie eine Rechtsverweigerung empfunden und daß dadurch der Volkstümlichkeit der Rechtspflege der schwerste Schaden zugefügt werde. Es ist deshalb zu begrüßen, daß das Gesetz die bisherige auf der Novelle 1924 beruhende Kann Vorschrift des 8 529 Abs. 2 in eine Muß Vorschrift umgewandelt hat und jetzt vorschreibt, daß verzögerliches Vor­bringen stets zurückzuweisen ist, wenn nicht nach der freien Ueberzeugung des Gerichts die Partei das neue Vorbringen in erster Instanz weder aus Verschleppungsabsicht, noch aus grober Nachlässig­keit unterlassen hat. Das Gericht muß also stets prüfen.

Hitler schafft Arbeit!

wettere bewilligte Maßnahmen im Arbeite beschaffungsprogramm:

Tagewerk« auf der

Maßnahme: vausleller

Herstellung von Wasserversorgungs-An­lagen und Kanalisation in verschiedenen Gemeinden des Kreises 5 L Goars­hausen 9000

Jnstandsehungsarbeiten an städtischen ver- wallungs- und Wohngebäuden in L j m- b u r g 1000

Jnstandsehungsarbeiten an Kirchen und

Pfarrhäusern der Evangelischen

Landeskirche in Hessen 2500

Anlage einer Wasserleitung in der Ge­meinde Bürstadt 9000

Ausbau des wasserverleilungsnehes in

Darmstadt 1700

Ausbau der Kanalisation in Hechts- heim 3200

Entwässerung von Grundstücken durch

Dränage durch die Wassergenossenschaft

Saasen 1600

Sind wir aber etwa z u arm für eine Bevölke« rungsvermehrung? In der Zeit vom Großen Kur­fürsten bis zu Friedrich dem Großen war das Land viel ärmer, und das gleiche gilt für jene Zeit des vorigen Jahrhunderts, als nach der furchtbaren Last der Freiheitskriege Preußen auch vom Notwendig­sten entblößt war. Aber der starkeLebenswille eines Volkes kennt nicht die Armut als Hindernis. Außer­dem beweist ja die wirtschaftliche Erfahrung, daß Kinderreichtum nicht eine Bedingung der Ar­mut, sondern eine Bedingung gesunder wirtschaftlicher Entwicklung ist. Entschei­dend bleibt die geistig-seelische Einstellung. Das Uederwuchern des individuellen auf die Gegenwart beschränkten Lebensraums läßt die Verbundenheit zum Geschlecht in Vergangenheit und Zukunft ver­dorren. Das furchtbare Ergebnis dieser verderblichen seelischen Einstellung ist dies: Im Durchschnitt der letzten Jahre waren 40 v. H. aller Ehen ohne Kinder, 35 v. H. hatten ein oder zwei«Kinder, 12 v. H. drei Kinder und 15 o. H. mehr als drei Kinder. Diese 15 v. H. allein noch erfüllen ihre Pflicht, den ihnen entsprechenden Anteil des Bevölkerungsstandes zu erhalten. Während Deutschland die Sterblichkeits­ziffer mit größtem Erfolg bekämpft hat, ist es in größter Gefahr, dem Tode der Geburten­armut zu erliegen. Nur eine Besinnung, die die Menschen bis in die letzten Tiefen ihres Wesens zur Umkehr zwingt, kann noch Rettung bringen. Und diese Rettung wird und muß auch kommen.

Ins Zukunstland.*

Ins Zukunftland geht unser Sehnen, Ins Zukunftland geht unser Schritt, Im Herzen schwingt in mächt'gen Tönen Das Lied von Deutschlands Aufstieg mit: Schließt fest die Reihen sturmbereit, Ihr Träger einer neuen Zeit!

Ins Zukunftland wir Jungen ziehen, Ins Zukunftland dem Tod geweiht, Dem Führer unsre Herzen glühen. Erschallt sein Ruf, stehn wir bereit: Stehn Mann für Mann in Einigkeit, Baut mit am Reich der neuen Zeit!

Ins Zukunftland dem Licht entgegen. Ins Zukunftland fürs Vaterland, Marschieren heut auf allen Wegen Kornraden mit uns Hand in Hand: Dem Morgen zu, bis wir befreit Von jeder Kette schwerer Zeit.

P. L.

* Der Verfasser ist ein Gießener Hitlerjunge.

Deutsche Loden.

Don Br. Gustav W. Eberlein, Rom.

Kennen. Sie Singen? Kleines Städtchen an der Südgrenze, wo der heimkehrende Deutsche zum erstenmal. heimatlichen Boden betritt. In diesem Singen, das man gelegentlich wohl auch als Fa­briknest bezeichnet, gibt es einen Fleischerladen oder jagt man Charkuterie? wie ganz Rom feinen aufzuweifen hat. Oder Konstanz, ein anderes Grenzstädtchen: Dort gibt es ein Haushaltungs- gefchäst, wie man es in ganz Rom vergeblich suchen würde. Oder Lindau, das bayeriche Grenz­städtchen: Dort gibt es ein Zigarrengeschäft, wie es in ganz Italien nicht zu finden ist,

Wenn wir nach Deutschland fahren, bann muß ich im ersten Grenzstädtchen meiner Frgu zunächst einmal eine Stunde frei geben, damit siedie Lä­den anschauen kann". Im Kafjeehaus, vereinbaren wir, treffen wir uns dann wieder. Auf dem Wege zum Kaffeehaus aber bleibe ich in einem (Eifen- gejchäft stecken, denn deutsches Werkzeug nun, es wäre vergebliche Liebesmühe, einemJnlanddeutfchen begreiflich zu machen, was das für uns in der Fremde heißt. Und wenn drei Stunden um find, und es dunkelt, dann treffen wir uns zufällig in einem Papierwarengefchäft oder einem Möbel­haus. Möbelgeschäfte mit richtig eingerichteten Zim­mern gibt es in ganz Rom nicht.

Jetzt, in der Adventszeit, bummeln unsere Ge­danken Abend für Abend durch die lieben deut­schen Geschäftsstraßen. Weihnachtliche Schaufenster wißt ihr, was uas ist? Ihr glaubt es zu wissen, wie ihr die Heimat, wie ihr Deutschland zu lieben glaubt. Aber den Heimatbegriff so ganz im Innern erfassen, bewußt zu empfinden, was Deutschland eigentlich ist, das kann doch nur der, dem die Fremde zur Wohnung wurde. Der Unterschied zwischen Heim und Wohnung drückt vielleicht aus, was wir meinen, und doch ist das nicht alles. Es kommt das beglückende Gefühl dazu, daß Deutschland doch in Wahrheit in allen Kulturdingen auf einer Höhe steht, die man im Auslande ebenso schmerzlich ver­mißt, wie man sie dort selbstverständlich findet ohne sich aber etwas Greifbares unter dieser Selbstver­ständlichkeit oorftellen zu können. Jeder Deutsche müßte eigentlich einmal längere Zeitdraußen" ge- wesen fein, bann würde er erst erkennen, was er zu Haufe hat.

Nun, wir wollen nicht sentimental werden, wenn «6 auch schon stark weihnachtet. Um diese Zeit war

ich einmal in einer lydischen Oase und sah eine Frau, die ihr Kind an die Brust drückte, auf einem Esel reiten, während der Mann daneben herging. Sie trotteten einem Stalle zu, durch dessen ver­schobenes Palmwedeldach die Sterne schauten. Es war ein Bild aus der Bibel, es war die Heilige Nacht, wie sie im Buch der Bücher steht und dennoch, dennoch: weihnachtlicher ist mir immer zu­mute gewesen im nordischen Adventsdunkel, bei klingendem Frost und schneebeladenen Tannen, und wäre.der Schnee auch nur an Schnüren gefallen in deutschen Weihnachtsläden. Wie gesagt, wir wollen nicht sentimental werden.

Geschäftlich liegt die Sache fo, daß die eingangs genannten Läden in den kleinen Grenzstädtchen nicht Ausnahmen bilden, sondern die Regel. Ganze Häuserzeilen voll blitzblanker, einladend hergerichte­ter, geschmackvoll ausgeftatteter Läden! Vergleiche man damit Städtchen gleicher Größe im Süden es ist oft unfaßbar. Ein weltenweiter Gegensatz, der sich nicht schildern läßt. Ueberhaupt die deutsche Klein­stadt! wie keine andere zeigt sie, daß es nicht auf Größe und Umfang ankommt, sondern auf Ge­schichte, Geist und Wohnkultur. Nicht auf Wohl­habenheit oder gar Reichtum, denn sonst müßten die amerikanischen Städtchen die schönsten fein. Aber sie sind die scheußlichsten von allen. Liebe, liebe deutsche Landsleute, die ihr so oft eure Sehnsucht nach dem Süden schickt, weil ihr die Landschaft mit dem Klima verwechselt, singt nicht allzu schmelzend von den schattigen Kastanien an des Ebros Strand, wo sie gar nicht wachsen, und wenn ihr absolut nicht widerstehen könnt und euer schönes Sorrent gesehen habt dann fahrt einmal auf dem Heimweg über Uebe'rlingen. Und schlendert durch die Straßen und schaut in die Schaufenster ...

Und bann geht in ein molligwarmes Kaffeehaus unb steckt euch eine beutsche Zigarre an ...

Also noch einmal: bleiben wir sachlich, wenn es auch schwer fällt. Zumal in ber Adventszeit, wo wir dort draußen das Heimweh Friegen, nein, das Deutschweh. Kaufen wir also in Siena Pansorte, weil mir keine Nürnberger Lebkuchen frieaen. Auch gut. Rauchen wir Regiezigarren, denn sie sind teuer, müssen also vortrefflich fein. Und im übrigen ton­nen mir ja durch das Karlstor zum Marienplatz hinunterbummeln, bann über ben Hauptmarkt mit ber Hohenzollernburg im Hintergrunb ben Brühl erreichen, wo die anberen Rauchwaren ausliegen, bie für Damen, unb im Gewühl Unter ben Linden uns schieben lassen von Laden zu Laden, in Ge­danken. Auch schon.

Wenn man dann in ein solches Geschäft hinein- geht, stürzen einem liebenswürdige Mädel entgegen, die nicht traurig und gelangweilt dreinschauen, Mäd­chen, die uns bedienen im wahren Sinne des Wor­tes. Anderswo wird man mürrisch gefragt und mit einer Miene, die das mutige Vorhaben, sich eine Auswahl vorlegen zu lassen, im Keime erstickt. Diese deutschen Verkäuferinnen aber schleppen lächelnd Schachtel auf Schachtel heran, sie steigen hundert­mal am Tag die Leiter hinauf, sie lassen den Käu­fer ohne Vorwurf scheiden, wenn er sich nicht gleich entschließen kann. Das ist für uns von draußen immer wieder ein Erlebnis. Wir haben diese Mädels vor ersten Augenblick an lieb, wir kaufen, kaufen, als ob es für sie wäre. Und den echten Ausländern geht es gewöhnlich nicht anders. Sie find begeistert von den deutschen Geschäften, und es ist ganz und gar kein Zufall, wenn reifende Minister ihre Frauen mit nach Berlin nehmen. Umgekehrt wird zuweilen auch ein Schuh daraus, manches diplomatische Ge­schäft ist zustande gekommen, weil eine Diplomaten- jrau in Berliner Geschäften shopping gehen wollte.

Was gibt es da alles an Neuerungen, an Erfin­dungen, Jahr für Jahr! Möglicherweise ist die Pa­riser Mode noch immer ber unfrigen überlegen, wahrscheinlich ist biefe Auffassung aber nur Mode- sache. Niemand aber in Gottes weiter Welt wirb bestreiten, baß bei allen Gebrauchsgegenstänben Deutschland ben Ton angibt. Tutto il dello viene dalla Germania, sagt ber Italiener. Alles Gute kommt aus Deutschland. Wenn wir hur an bie Küchengeräte benten, bie Möbel, bie Präzisionsbinge unzähliger Art, bie Spielsachen, bas unübersehbare Tausenberlei, wo anberswo bie Schablone herrscht! Nach wie vor geht Nürnberger Tand burch alle Land. Das ist bas eine. W i e bie guten Sachen bar- geboten werben, in ben Verkaufsläden, bas ist bas anbere. Schaufensterkunft unb Kunbenbienst, bas ist braußen so selten wie Innenarchitektur. Unser Heim" läßt sich in eine sübliche Sprache über­haupt nicht übersetzen.

In biefen Abventstagen gehen alle Auslands- beutschen mit euch burch bie lieben leuchtenben Geschäftsstraßen, sie saugen sich voll an Tannen- buft und staunen kinderselig in die bunten Kerzen, denn Im Süden feiert man nicht das Lichtwunder, sondern den Epiphaniastag im Januar; sie lassen mit euch eine Eisenbahn abschnurren und ziehen einen Brummkreisel auf.sie haben feuchte Mugen und zum Donnerwetter nocheinmal, nicht sentimental werden! kaufen daher, kaufen, kaufen.

Psychologie des Namens-Schnörkels.

Auch bei Personen, die sonst ganz einfach schrei- ben, finden wir oft in ber Unterschrift irgendeinen Schnörkel, einen Halbbogen, eine Schlinge, zickzack­förmige Linien usw. Die Graphologen haben sich über diese Eigenheit viel den Kopf zerbrochen. Solche Zutaten finden sich ebenso bei bedeutenden wie bei durchschnittlichen Persönlichkeiten, unb anderseits gibt es hervorragende Geister, die sich feines Schnör­kels bedienen, wie z. B. Goethe, Schiller, Bismarck, Moltke usw. Man hat angeführt, daß in früherer Zeit, als die Echtheit der Unterschrift noch durch den Zusatzmanu propria (mit eigener Hand) oder abgekürztm. p. bekräftigt wurde, diese Hinzu­fügung das Aussehen eines Schnörkels annahm. In ben nordischen Cänbern pflegte man bem Na­menszug ein Zeichen anzuhängen, aus bem ber Empfänger ber Unterschrift bas genaue Alter bes Schreibers entnehmen konnte; fo bebeutete ein lan­ger Grunbftrich 10 Jahre, brei nebeneinanber also 30 Jahre, ein auer hinburchgeführter Horizontal- strich 5 Jahre usw. Aber solche Einzelheiten erklä­ren nicht bie weite Verbreitung bes Namensschnör­kels. Fritz Hocke glaubt in ber Leipziger Jllustrir- ten Zeitung als Hauptursache bie Erschwerung ber Nachahmung annehmen zu müssen, sowie bas Re- präfentationsbebürfnis. Hochstehenbe Perjonen ver­liehen ihrer Unterschrift burch biefes Ornament größere Bebeutung unb Wichtigkeit, Kaufleute ver­schnörkelten ihren Namen, um fo gleichsam eine Schutzmarke" gegen Fälschung zu erhalten. Diese ursprüngliche Bedeutung wurde dann durch die Nachahmung verwischt. Denn wenn sich angesehene Personen einer solchenVerschönerung" ihrer Unter­schrift bedienten, dann wollten auch die anderen nicht Zurückbleiben. Der Namenszugschnörkel wird zur Modefache, fo besonders in dem barocken 17. Jahrhundert, in bem man ouf Äußerlichkeiten großen Wert legte. Mit ber nüchternen Aufklärung nimmt biefe Schnörkel-Seuche ab unb wirb burch die strenge Einfachheit bes Klassizismus noch mehr zurückgedrängt. Doch haben große Vorbilber auch auf biefem Gebiet stets weiter gewirkt. So ahmte Z. B. Napoleon III. feinem großen Großoheim auch in ber Unterschrift nach. Wie wenig ber Schnörkel zum Charakterbild zu gehören braucht, zeigt das Beispiel Kaiser Wilhelm I., dessen Schrift einfach war, der aber feine Unterschrift stets mit einem Schnörkel versah. Vielfach kann man sogar zwei Unterschriften beobachten, eine berufliche und eine private.