Ausgabe 
16.6.1933 Frühausgabe
 
Einzelbild herunterladen

Aus der Provinzialhauptstadt.

3ur Volks-, Berufs- und Betriebs­zählung.

Bon der Bürgermeisterei Gießen gehl uns folgende Mitteilung des Präsidenten des Statistischen Reichs- amts zur Aufklärung der Bürgerschaft über die Fragebogen zur Volks-. Berufs.-und etriebsZahlung zu:

Es find Zweifel aufgetaucht, in welchen Fällen die Fragen auf der Haushaltungsliste Seite 2 l i n k s unten (Zu beantworten für alle verheirateten Frauen ...) zu beantworten find. Die Anmerkungauszufüllen, falls oben unter A und B zwei verheiratete Frauen aufgeführt sind" ist trotz ihrer engen Verbindung mit der für eine zweite Frau vorgesehenen Zeile zum Teil dahin ausgelegt worden, als ob die Fragen an die ver- heirateten Frauen nur dann zu beantworten wären, wenn in der Haushaltungsliste mehr als eine Frau aufgeführt ist.

Diese Auffassung ist natürlich irrig. Die besonderen Fragen sind, wie es ja auch in der Hauptüberschrift heißt, zu beantworten für alle verheirateten Frauen, also auch dann, wenn wie es gewöhnlich der Fall ist nur eine verheiratete Frau unter A oder B aufgeführt ist. Die Fragen brauchen da­gegen nicht beantwortet zu werden für Witwen, Geschiedene und für ledige Mütter, wohl dagegen für vorübergehend anwesende verheiratete Frauen." Oie polizeiliche Nahrungsmittelkontrolle

Das Polizeiamt Gießen teilt mit: In den Sommermonaten häufen sich erfahrungsgemäß die Erkrankungen infolge Genusses nicht einwandfreier Nahrungsmittel, insbesondere werden Erkrankungen nach dem Genuß nicht frischen Hackfleisches vielfach beobachtet. Aus diesem Grunde ist in den Fleisch- oerkaussordnunyen das Verbot enthalten, Hackfleisch während der wärmeren Jahreszeit auf Vorrat her- zustellen und seilzuhalten und vorgeschrieben, daß solches Fleisch bei Bedarf stets frisch zu bereiten ist. Die Polizeiorgane sind angewiesen worden, die Durchführung dieser Vorschrift genau zu über- wachen. Die Bevölkerung wird auf die Gefahren ausdrücklich hingewiesen, die mit dem Genuß nicht frischen Hackfleisches, insbesondere von Pferden, ver­bunden sind, und es wird empfohlen, nur solches Hackfleisch zu kaufen, das vor den Augen des Säu­fers frisch zubereitet wird.

Aus dem hessischen Staatsdienst entlassen.

Die Staatspresseftelle teilt mit. Der Reichsstatt. Holter in Hessen hat auf Grund des § 2 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ohne Zubilligung von Ruhegehalt und unter Absprechung des Rechtes auf Führung einer Amtsbezeichnung entlassen: Ludwig S ch w a m b , früher Staatsrat im Ministerium des Innern, Richard van Baß- h u y s e n , früher Oberregierungsrat in dem gleichen Ministerium. Gemäß § 3 des Gesetzes ist wegen nicht- arischer Abstammung aus dem Staatsdienst entlassen worden Dr. Max May, früher Oberstaatsanwalt in Darmstadt.

Vornotizen.

Tagesta tender für Freitag : Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand- Platz, 15 bis 17 Llhr, Ausstellung. Neues Schloß, 10 bis 13, 15 bis 18 Uhr, Werbe-Aus- stellung hessischer und rheinischer Kunsttöpfereien. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: .Die blonde Ehtistl".

Hessischer Landesbeauftragter für Innere Mission.

EPH. Eine zahlreich besuchte Versammlung der Vertreter der Anstalten, Verbände und Vereine der Inneren Mission Hessens, die in dem Landesverband der Inneren Mission in Hessen zusammengeschlossen finb, hat den Geschäftsführer des Landesverbandes der Inneren Mission, Direktor Ptorrer Röhricht in Darmstadt, zum Beauftragten der Inneren Mis­sion in Hessen bestimmt. Die Landeskirchöiregierung hat ihn zum Landesbeauftragten für die Innere Mission bestätigt. Für diesen Entschluß war die Er- wägung maßgebend, daß eine in der jetzigen Zeit mit besonderen Vollmachten ausgestattete Persön­lichkeit vorhanden sein muß, die den Auftrag hat, mit den Behörden selbst verantwortliche Verhand­lungen zu führen über die aus der gegenwärtigen Lage sich ergebenden Fragen.

Taten für Freitag, IK.Funi.

1858: König Gustav V. von Schweden auf Schloß Dtottningholm bei Stockholm geboren: 1871: Einzug aus Frankreich zurückkehrender Truppen in Berlin; 1922: Teilung Oberschlesiens.

** Eine Achtzigjährige. Am heutigen Freitag, 16.Juni, kann Frau Sophie Steck Witwe, Hammstrahe 7, ihren 80. Geburtstag begehen.

** Der Hubertus, Verein weidge­rechter Jäger, Sitz Gießen", hielt, wie man uns berichtet, feine Monatsoersammlung bei gutem Besuch im Schützenhaus ab. Nach der Erledigung von Neuaufnahmen und Neuanmeldungen nahm die Versammlung zu der Tatsache Stellung, daß im Vorjahr trotz gesetzlichen Verbotes zahlreiche Reh- bocke mit Schrot abgeschossen worden sind. Es wurde festgestellt, daß die Möglichkeit zur Beschlagnahme solchen Wildes beim Jäger, Händler oder Derbrau- cher besteht. Der Vorstand wurde daher beauftragt, Schritte zu unternehmen, die auf eine schärfere Ueberwachung des erlegten Wildes und des Handels mit Wild, Wilddecken usw. hinzielen. Besonderes Interesse fand eine Ausstellung der 26 Rehböcke, die als Sammelausstellung in Köln gewesen waren. An Hand der Ausstellung machte Studienrat H ö l z e I den Unterschied in einer Bewertung nach freiem Er- messen der Richter, wie im Verein seither üblich, und nach der Formel, wie auf den Deutschen Jagdaus­stellungen jetzt im Gebrauch, klar. Die zum Teil sehr beträchtlichen Abweichungen führten zu dem Ent­schluß, in Zukunft nur noch nach der Formel zu be­werten. Im Anschluß an die geschäftlichen Verhand­lungen sprach dann Studienrat Hölzel über das ThemaWas lehrt uns die Wildmarkenforschung für die jagdliche Praxis?" In dem eingehenden und mit großem Interesse aufgenommenen Vortrag machte der Redner die Hörer mit den Ergebnissen der Aus­wertung der Wildmarkenforschung näher bekannt und zeigte, welche Folgerungen sie bezüglich der Wildwanderungen, des natürlichen Geschlechtsver- hältnisses, der Wildbrek^ntwicklung, des Wildalters, der Gehörnentwicklung und der Rassenbildung beim Wild heute schon gestattet, wie aber anderseits eine breitere Grundlage durch stärkeres Markieren oon Jungwild unbedingt wünschenswert ist, um dadurch noch bessere Einblicke in unklare Fragen zu geroin- nen. Der Vortragende bat die Mitglieder, auch ihrer­seits dadurch mitzuhelfen, daß sie bei sich meist zu­fällig ergebender Gelegenheit Markierung mit dem vom Allg. Dtsch. Jagdschutzverein herausgebrachten Wildmarken vornehmen.

Etadihaushali undLandwirtschast.

Ein Wort an die Stadtfrauen.

Manche Hausfrau klagt, daß die Butter- und Fettpreife anziehen. Sie kann es nicht verstehen, daß dadurch die Bettung für Deutschland erzielt werden soll, daß man ihr schon so schmales Wirt­schaftsgeld belastet. Vielleicht hat sie unter der Verteuerung zu leiden, vielleicht ist der Mann arbeitslos, das Einkommen mehr als gering. Der Psennig spielt eine wichtige Rolle, und sie muh Entbehrungen tragen Zweck dieser Dar­legungen soll es sein, ihr den wahren Tatbestand vor Augen zu führen und ihr Verständnis dafür zu wecken, daß sie viel großzügiger wieder her­einbekommt, was sie jetzt scheinbar opfert. Richt mit schönen Worten soll sie bestochen werden, sondern ganz einfach die Dinge für sich selbst sprechen lassen.

Daß wir die Landwirtschaft brauchen, wird auch die naivste Frau mittlerweile eingesehen haben.

Geht der Bauernstand zugrunde, verlieren etwa zwei Drille! des deulschen Volkes Lebensfähigkeil.

so bricht alles zusammen, und die Städter ge­raten in Hungersnot. Eine Arbeit kann auf die Dauer nur fortgeführt werden, wenn sie eine Eslstenzmöglichkeit erbringt. Erhält also der Bauer für seine Erzeugnisse nicht einmal den Gegenwert seiner baren Aufwendungen, wird er nicht willens und in der Lage fein, weiterhin Dieh zu züchten, Getreide unb Gemüse anzubauen. Er wird sich damit begnügen, nur so viel zu erzen- gen, als er für seinen eigenen Lebensbedarf benötigt. Wir haben diese Erscheinung in Rußland gesehen, als die Sowjets damit begannen, dem Bauern feine Erzeugnisse ohne entsprechenden Gegenwert abzu- nehmen. Die Folge war eine grauenvolle Hungers­not in weiten Gebieten des russischen Reiches.

Wenn der Bauer verelendet, nruß auch die In- dustrie umkommen.

Der Bauer ist einer der wichtigsten Auftraggeber. Er braucht vom Düngemittel bis zum Kartoffelsack, oon der Hacke bis zum Dreschflegel, von der elektri- schen Lichtanlage bis zur Dampfmaschine täglich und immer wieder das, was in den großen Fabriken her- gestellt wird. Neue Arbeitslosigkeit ist die Folge. Sind keine Aufträge mehr do, müssen die Arbeiter ent laHen werden. Neues Leid kommt über ungezählte rzamilien und trifft uns alle.

r» <L^aI)r6n arbeitet die Landwirtschaft mit 23er- 'W.1'6 Rechnung sieht in der Viehhaltung um gefapr fo aus: Der Milchertrag einer Kuh beträgt ,m yaDre 2300 Liter. Bisweilen etwas mehr, öfter weniger, tfür die Herstellung von einem Pfund Butter braucht man rund 14 Liter Milch. Dazu muß man die Kosten rechnen, die sich durch bas Anfahrts- gelb jur Molkerei, Zeit unb Mühe der Verarbeitung zu Butter ergeben unb weiter in Abrechnung brin- gen', die Mager- und Buttermilch dem Bauern ACnn mr". Es entsteht dann ein Nettopreis von 0,09 Pfennig für den Liter Vollmilch. 2Iuf das Jahr

verrechnet, ergibt sich ein Einkommen von 217 Mk. für jede gesunde Kuh. Dos ist kein Verdienst, den man buchen könnte, sondern eine Einnahme, die bei weitem nicht deckt, was die Fütterung, bas Risiko der auftauchenden Seuchen, der Gefahren beim Kalben, die Stallungen mit ihrer immerwäh­renden Erhaltung,' soziale Lasten, Versicherungen, Steuern, Löhne usw. verschlingen. Es ist also un­fruchtbare Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Wer dazu eine Vorstellung davon Hot, wie sich dos Leben auf dem Lande abspielt, dem wird die Scham­röte ins Gesicht treten, daß er selbst jemals die Hand dazu gereicht hat, die ländlichen Erzeugnisse im Preise zu brücken. Das Leben bes Bauern heißt Ar­beit, harte Arbeit unb nochmals Arbeit unb ewiger Kampf! Er scheut keinen Sturm unb keinen Regen unb keine fengenbe Sonne. Für ihn gibt es feinen Sonntag unb keinen Feiertag, an bem nicht das Bich gefüttert, gemolken und gepflegt werden muß. Völliges Ausspannen hat er nie erfahren.

oinb wir einmal so weit, daß jede deutsche Frau begriffen hat, daß es auf sie, auf ,Jie persönlich" ankommt, wenn cs ihr in Herz und Hirn eingegan­gen ist, daß sie mithilft am Gedeihen oderVer­derben", ist vieles geschafft.

Die Ausrede: auf mich kann es doch dabei nichk ankommen, darf nicht mehr gelten.

Sie ist der Krebsschaden, der immer weiterwuchert, denn jeder glaubt, er allein hat das Recht der Aus­nahme, und daraus entsteht die riesenhafte cumme derer, die sich ihren Pflichten entziehen. Der Ge­danke, daß es um Größeres geht, als möglichst bil­lig einzukaufen, auch wenn die eigenen Sorgen sich im Augenblick vermehren, muh die Kraft zum Durchhalten geben. Jetzt sollen wir zeigen, daß wir deutsch empfinden unb uns bem beutschen Wort am schließen wollen: Gemeinnutz geht vor Eigennutz' Bei einiger Gerechtigkeit muß man auch zugeben, baß bie Lebenshaltung immer noch so viel billige Möglichkeiten enthält, baß das Opfer, das augenblicklich von uns verlangt wird, keine überwältigende Rolle spielt.

Um die Achtung der Frau vor der Arbeit des Bauern zu heben, müßte man einmal den Versuch mit jeder von ihnen machen, beispielsweise 1 Pfund Spinat zu ziehen, ihn zu säen, zu pflegen, zu Hießen, zu pflücken, ihn während der Nacht in bie -stabt zu bringen, bamit er morgens in ber Halle ober auf bem Markt verkauft werben kann, ihn an den Zwischenhanbel weiterzugeben unb bann dafür Pfennig zu bekommen ober ihn selbst zu verkaufen für ben Betrag von 5 Pfennig. Wir glauben, dann wären sie alle sehr bald damit ein- verstanden, daß die Preise sich nach der Mühe unb ihrem wahren Wert regeln!

Mehr Verständnis für einander! Das ist es, was gefordert werden muß. Bauer und Städter dürfen nicht länger Gegner sein, sie gehören zusammen auf Gedeih unb Derberb.

Ein Erdteil im Kampf gegen diestachlige Birne" und die Diktatur des Kaninchens.

Kaum ein Mensch kannte vor einigen Jahr­zehnten in Deutschland die Wasserpest- pflanze, die heute durch ihre geradezu un­glaubliche Vermehrungsfähigkeit viele stille oder langsam fließende Gewässer so verstopft, daß sie die Schiffahrt hindert. Mit Riesenschritten ver­breitet sich augenblicklich über die europäischen Rubenbaubezirke die wohl durch Blattläuse über­tragene Mosaikkranlheit der Zuckerrübe, durch die an Gewicht und Zuckcrertrag empfindliche Ein­buße bewirkt wird. Machtlos stehen wir vor der Ueberschwemmung unserer deutschen Flüsse mit der chinesischen Wollhandkrabbe, die seit einem Jahrzehnt durch Zufall einen deutschen Hafen erreichte. Die aus Pelztierfarmen ausge­rissenen Bisamratten erobern von Süden her unaufhaltsam die geeigneten deutschen Wohn­gebiete und trotzen allen Rachstellungen.

In vielen Fällen ist der Mensch selber schuld daran, daß tierische und pflanzliche Schädlinge eine derartige, oft weltweite Verbreitung er­reichen konnten. So England, das sich vor kurzem graue Eichhörnchen aus Amerika ver­schrieb, und nun den erheblichen Schaden zu be­zahlen hat, den der gefräßige Rager durch Ent­rinden von Bäumen, Zweigverbiß, Fressen von Garten- und Feldfrüchten und Beraubung der Vogelnester ausübt. In wenigen Jahren hat der graue Geselle ein Gebiet von 1350 englischen Quadratmeilen erobert und dabei das niedliche und harmlosere rote Eichhörnchen völlig ver­drängt.

Klc sjFche Beispiele dafür, wie umgeftallenb die unüberlegte Emguederung einer Pflanzen- oder Tierart in eine feste Lebensgemeinschaft sich aus­wirken kann, haben wir in der Aussetzung des Kaninchens und im Anbau des Blatt st achelkaktus in Australien vor Augen. Sah da Mitte des 19. Jahrhunderts ein australischer Farmer in der Rähe von Melbourne, der gern etwas sportliche Abwechslung in sein eintöniges Dasein als Echafzüchter bringen und seinen Ersah für die schönen Hasentreibjagden in seiner englischen Heimat haben wollte. Er setzte das erste Paar Kaninchen aus. Der Erfolg war verblüffend. Schon nach einigen Jahren konnte nicht nut er, sondern auch seine Rachbarn sich satt schießen, da die Rachkommenschaft eines ein­zigen Kaninchenpaares, wenn, wie in Australien, kaum Feinde vorhanden sind, auf 10 Millionen Tiere berechnet werden kann.

Bald aber machte er große Augen, als seine Weide von den grauen Scharen so kurz rasiert gehalten wurde, daß seine Schafe nichts mehr zu fressen fanden. Vergebens ließ man 200 Katzen frei; sie nahmen lieber die Mäuse als die Ka- ninchen und verbrüderten sich mit ihnen. Schon in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte Reuseeland in zehn Jahren 15 Millionen Mark zur Bekämpfung der Kaninchenplage aus­gegeben. Dazu wurde eine Belohnung von einer halben Million Mark ausgesetzt für denjenigen, bet ein durchschlagendes Mittel zur Vernichtung der grauen Raget findet. Diese Summe ist noch heute zu ver­dienen! Frettchen, Iltis, Schlingen, Gift und Liebertragung von Hühnercholera, von der man sich viel versprach, sie waren alle machtlos gegen die ungeheure Dermehrungskraft. Lim was für Zahlen es sich dabei handelt, mag ein einziges Beispiel erläutern. An einem Wasserloch, dessen

Wasser vergiftet war, wurden in einem einzigen besonders trockenen Jahr drei Millionen ver­nichtet. Viele Menschen verdienen gut durch den Kaninchenfang, da der Staat Belohnungen dafür ausseht. Australien bringt dadurch allein 100 Millionen Kaninchenfelle auf den Markt. Roch ist keine Abnahme zu bemerken. So hat man zu dem kostspieligen Mittel greifen müssen, die Weiden und Aeckcr, aus denen we­nigstens etwas wachsen soll, mit kaninchensichcrcn Drahtgittern einzuzäunen. Diese Zäune sind Hunderte von Meilen lang, alle paar Kilometer mit Toren versehen, die bei schweren Gefängnis­strafen nicht offen gelassen werden dürfen. Man kann sich schwer einen Begriff machen, was diese Zäune, deren Länge mehrere Male um die Erde reicht, an Einrichtung und Unterhaltung kosten. Aus kleinen Ursachen ergaben sich so ungeahnte Wirkungen.

Vielleicht gelingt es aber doch, dieser ungeheuer­lichen Plage bcizukommen. Jedem Jäger ist daS rhythmische Schwanken der Kaninchenzahlen be­kannt, die in jedesmal neun bis zehn Jahren zu einem Tiefstand führen, um dann wieder anzu­schwellen. Man vermutet hinter dieser Erfchei- nung, die noch wenig wissenschaftlich beachtet worden ist, eine Jnfekcionskrankheit bakterieller Art. Gelingt es, diese Seuche durch Rein­kulturen^ zu übertragen, bann winkt bem Ka­ninchentöter bie Riesensumme, bie ber neuseelän­dische Staat für ein Radikalmittel ausgesetzt hat.

Don ähnlichem durchschlagendem Erfolg wie bie Einbürgerung bes .Kaninchens war die An­pflanzung des st a ch l i g e n Blattkaktns (Opuntia) in Australien. Wenige Jahrzehnte ge­nügten, um bie aus Mexiko unb öübamerifa eingeführten unb als unburchbringlichc Icbenbc Hecke geschätzten Pflanzen über ein Gebiet von vielen Millionen Hektar verwilbernb auszubreiten. Weiben und Felber erstickten unter bem für Tier unb Menschen unburchbringlichen Stachelpanzer ber eng wachsenden Kakteen. Auch hier waren alle Vernichtungsversuche mit Giftspritzen, Feuer unb Roben völlig vergebens Schließlich ging man auf bie Suche nach natürlichen Feinden der stachligen Birne", wie die Opuntia in Austra­lien im Volksmunde heißt. Die Raturforscher fanben in Sübamerika, ber eigentlichen Heimat berstachligen Birne" einen mottenartigen Schmetterling, bessen Raupe bie Stengel- scheiben völlig ausfrißt unb bie oberirdisch n Pflanzenteile zum Absterben bringt. Enbe 1930 waren nach vielen Züchtungsversuchen über brei Milliorben Eier bes Kleinfchmetterlings zu- fammengebracht unb von Südamciika nach Austra­lien übergeführt. Eie würben über ein Gebiet von 2,5 Millionen Hektar gleichmäßig verbreitet. Der schlüpfende Schmetterling vermehrte sich gut unb seine Raupen lieferten ganze Arbeit, so baß heute in ber Lanbschaft Queenslanb 80 Prozent unb in Reusübwales 60 Prozent ber Kaktus- urtoälber tot unb verrottet baliegcn unb wieder ber landwirtschaftlichen Bearbeitung zugänglich finb. Es ist bas ein geradezu märchenhafter Er­folg der biologischen Bekämpfung eines Schäd­lings, ein Beispiel dafür, wie überlegte Ein­bürgerung einer Tierart die Absichten bes Men­schen zu unterstützen vermag unb sowohl bie auf- getoenbete Arbeit, wie auch bie nicht unbeträcht­lichen Kosten taufenbfältig verzinsen kann

Neue Bürgermeister und Beigeordnete

D a r m st a d t, 15. Juni. (WSN.) Die Staats- vressestelle teilt mit: In den nachgenannten Gemein- ocn wurden an Stelle von zurückgetretenen Bürger- meistern unb Beigeordneten kommissarisch bestellt:

Weickartshain: Für den zurückgetretenen Bürgermeister Johannes Hock Ernst Brüller.

Reinheim: Für den SBeigeorbnelen Kopp der Landwirt Karl L. Wörner.

Harpertshausen: Für Bürgermeister Funk der Landwirt Adam P. Jäger.

Nieder-Breidenbach: Für Bürgermeister Caspar Friedrich Zulauf.

K a u l st o ß : Für Bürgermeister Herget Heinrich Ufinger 8.

Ensheim: Für den Beigeordneten Daniel Orth der Landwirt Friedrich Nahm.

In nachgenannten Gemeinden wurden kommissa­risch für unbesetzte Bürgermeister- und Beigeord- netenstellen eingesetzt:

M e fs e l: Beigeordneter Malsi 3 durch Heinrich Heberer.

Klein-Linden: Bürgermeister Phil. Jung 18 durch Heinrich Fischer.

Großen-Buseck: Beigeordneter Wilhelm Harbach 3 durch Heinrich Wagner 3.

Beurlaubung sozialdemokratischer Oeputationsmitglieder.

WSN. Frankfurt a. M 15. Juni. Auf Grund des Runderlasses des preußischen Ministers des In- nern vorn 24-/27. Tläy hat Oberbürgermeister Dr. Krebs die der Sozialdemokratischen Partei angehörenden Mitglieder der städti­schen Deputationen mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres beurlaubt. Die Beurlaubten haben sich jeglicher Amtshandlung zu enthalten.

Buntes Allerlei.

Deutschlands neuer Zeppelin.

Das Gerippe des neuen Zeppelin-Luftschiffes LZ. 129, das zur Zeit in der großen Montagehalle der Friedrichshafener Werft in Bau ist, ist bereits Zu einem Drittel der gesamt en Schiffs- längs f e r t i g g e ft e 111. Die Bauarbeiter! gehen gut voran, so daß das neue Luftschisf 1 9 3 4 fer = t i g g e ft e 111 fein wird. Das Luftichiff, das eine Länge von 248 Meter und einen größten Durch­messer von 41,2 Meter erhält, wird in feinem Aus­sehen nicht ganz so schlank wie bas LuftschiffGraf Zeppelin" fein. Für bie Aufnahme des Trag- 6 a s e s sind 16 voneinander unabhängige Gaszellen mit einem Fassungsvermögen von 190 000 Kubik­meter vorgesehen. Als Antrieb dienen Diesel- m o t o r c n mit einer Leistung von 4400 PS, die hier zum ersten Mal im Luftschiffbau angewendet werden. Durch die Verwendung oon He­lium als Traggas unb Schweröl o l s Treibstoff wird die Sicherheit des Luftschiffes wesentlich erhöht. Im Bugteil unterhalb des Schiffs­körpers wird wie beimGraf Zeppelin" bie Führergondel mit Steuer- und Führerraum, Nioiagationsraum ufw. eingebaut Die Fahrgaft-

räume werden in zwei übereinanderliegenden Decks untergebracht, und zwar befinden sich im oberen Hauptdeck Speifefaal, Halle, Schreib- unb Lesezimmer sowie die Wandelgänge unb die 25 Schlafkabinen mit 50 Betten. Das kleinere Unter­deck enthält den Rauchsalon, das Schiffsbureau, und Nebenräume wie Küche, Meßraume für die Be­satzung usw. Die künstlerische Ausgestaltung der Fahrgasträume wurde Professor B r e u h a u s'(Bcr- (in) übertragen.

Herings-Rätsel.

Während uns bas Leben ber Lanbfiere heut­zutage in den meisten Einzelheiten bekannt ist, ge­ben bie Bewohner bes Meeres ber Wissenschaft noch eine Menge von Geheimnissen auf. So hat man Z. B. erst jetzt angefangen, sich mit ber Erforschung des Walstsches zu beschäftigen, weih erst feit kurzem bas Wichtigste aus ber Raturgeschichte bes Aales unb bes Lachses, unb auch bie Lebensgewohnheiten des Herings, ber feit so vielen Jahrhunderten ein wichtiges "Nahrungsmittel barstellt, sind noch voll von Rätseln. So ist man z. B., wie in der Frank­furter Wochenschrift .Die Umschau" ausgeführt wirb, erst jetzt bazu übergegangen, in ben norwegischen Gewässern auch bie ein- unb zweijährigen Heringe in großen Mengen zu fangen, bie früher geschont wurden. Beobachtungen haben nämlich ergeben, daß der Kleinheringsfang, auch wenn er sehr intensiv betrieben wirb, keinen spürbaren Einfluß auf bie Bestände hat. Es scheint, daß die an den norwegi­schen Küsten auftretenden Heringsmaflen den Haupt­teil ihres Daseins an jenen Gewässern verbringen unb nur auf der Höhe ihrer Entwicklung zeitweise in die Tiefe des Ozeans abwandern. Jedenfalls sind die Jugendformen des norwegischen Herings dort überall verbreitet und schon im ersten Lebens­jahr zum Fang geeignet; im zweiten Lebensjahr werden sie dann als Kleinheringe maflenhast er­beutet und zu Konserven verarbeitet oder in die Tranfabriken geliefert. Im dritten Lebensjahr ist der kleine Fetthering ein wichtiger Gegenstand ber Fischerei. Etwa vom 4. Lebensjahr ab verschwin­den die Heringe aber plötzlich aus ben norwegischen Gewässern unb erscheinen erst im 5. Lebensjahr wieder als geschlechtsreife Frühjahrsheringe. Man nimmt an, dah der Hering in bet Zwischenzeit im offenen Ozean weilt unb dort viel schneller heranwächst als in bet Rähe ber Küste. Die Ausbeute bes norwe­gischen Hetingsfangs ist von 1909 bis 1925 von 250000 auf 500000 Tonnen angewachsen, hat sich also verboppelt. Die Fangmenge, bie sehr verschieben ist, hängt in erster Linie von ben Witlerungs- unb Wafferverhältnissen ab. Ein weiteres Rätsel geben die riesigen Heringszüge auf, die im Frühjahr im Rorden von Schottland erscheinen und dann lang­sam nach Süden wandern, wo sie im Herbst auf ber Doggerbank auch von ben beutschen Fischern ausgenutzt werben. Das Auftreten großer Herings» schwätme hängt wahrscheinlich mit einer bestimmten Art von Kleinlebewesen zusammen, bie ihnen als Rahtung dienen. Während in den norwegischen Ge­wässern nur eine Heringart vorksmmt, gibt es in ber Rotdsee vetschiebene Heringsraffen unb auch bet kleinere Ostsee-Hering hat seine besonderen ®e- heimnisse.