Ausgabe 
16.2.1933 Frühausgabe
 
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Oie Armee der -euischen Wanderer.

Don Dr. Sötz-Oarmstodt.

2m Winterschlaf liegt Wald und Flur. Doch ' schon steigt die Sonne höher, neue« Leben regt sich bereit- Im Schob der Mutter Erde. Auch m den Herzen der Menschen regt sich wieder dre Sehnsucht nach Sonne und Wärme, nach Waldes- 8rün und Blumenduft, nach Vogelsang und läferschwirren. Bald wird der Lenz mit Dlüten- glast und Knofpenfprießen seinen Einzug in die Land« halten dann heraus au- Stube und Werkstatt, au- Kontor und Fabrik I hinein in die Gotte-natur! So war es immer, und so wird sich auch in diesem Jahre ein Strom von naturliebenden Menschen in die deutschen Wäl­der ergießen zu frohem Wandern.

Dabei benutzen die meisten Wanderer Einrich­tungen, die ein grober Verband in jahrzehntelan­ger. selbstloser Arbeit für die Allgemeinheit ge- schaffen hat und erhält, ohne allerdings in der breiten Oeffentlichkeit die Anerkennung zu finden, die sein Wirken verdient. Gemeint ist der Reichs- verband der deutschen Gebirgs- und Wanderer» vereine. von dem hier einiges mitgeteilt werden soll:

Sin gewaltiges Heer vckN deutschen Wanderern ist in ihm organisiert. 2n 53 Gebiets- und Wan­dervereinen mit 2500 Ortsgruppen sind rund 300 000 Mitglieder in ihm vereinigt.

Seil über 50 Jahren bestehen große Wander­verbände in fast allen deutschen Mittelgebirgen vom Niederrhein. Eifel und Sauerland bis hin­unter zu Schwarzwald und Schwäbischer Alb, vom Daiernwald und Fichtelgebirge bis zum Saar­wald und HunSrück, von der Heide bis hinun­ter zur sonnenersüllten Pfal» und von da über Odenwald, TaunuS. Vogelsberg. Spessart, Rhön, Westerwald nach Thüringen, hinüber zum Erzgebirge, Vogtland. Sächsischer Schweiz, Rie- sengebirge bis hinein in die deutschen GebirgS- dercine der Tschechoslowakei.

Äeberall haben sie gearbeitet seit einem halben Jahrhundert, ohne viel Aufheben- von ihren Lei­stungen zu machen:

55 000 Kilometer farbiger Wegebezeichnungen durchziehen die deutschen Mittelgebirge und führen auch den weniger landeskundigen Wanderer auf herrlichem Pfad durch die Schön­heiten heimischer Natur. 70 älnterkunftshäuser, 250 älnterstandshütten. Tausende von Ruhebän­

ken. Qucllenfassungen, Au-sichtstempeln laden zu erauickender Rast. 73 Türme auf ragender^e lassen den Blick schweifen über Berge und Täler. 20 große Verbände haben bis jetzt Wanderer­schutzpfade zur Vermeidung der Straßen mit Kraftfahrverkchr angelegt. Alle Verbände aber führen Hunderttausende von Menschen hinaus zu planvoller Wanderung, dabei alle Unter» schiede von Partei. Stand und Kon­fession überbrückend, arbeitend für die wahre deutsche Volksgemeinschaft über alles Tren­nende hinweg.

Reben diese rein praktische Wandertätigkeit und Förderung des Wanderns tritt eine reiche Kul­turarbeit: Zahllos sind die Karten, Führer, Heimatwcrle. die die Wanderverbände heraus» acben und auf dem neuesten Stand erhalten. Alle Verbände haben eigene Lichtbildsamm­lungen. unterhalten Auskunstsstellen zur Beratung des Wanderers und arbeiten stetig an der Verbesserung der Verkehrsmöglichkeiten ihres Bereiches.

Das Jugendwandern flndet, teilweise in besonderen Jugendgruppen, eifrige pflege, die Jugendherbergen, ursprünglich von den deutschen Wandervereinen geschaffen, Unter­stützung und Hilfe.

Sind das nicht Leistungen für die Allgemein­heit, für unser Volk, die für sich sprechen? And doch, wie viele genießen die Einrichtungen, die die Wandervereine geschaffen, und wie wenige tragen zu ihrer Erhaltung bei, dadurch, daß sie in den einzelnen Wanoerverbänden Mitglied sind! Gerade in der heutigen Zeit der Rot ist es doppelt wichtig, daß solche gemeinnützig ar­beitende Verbände oei den breiten Massen der Devölleruno Unterstützung finden, So­mit sie finanziell leistungsfähig bleiben und Mit­arbeiten können an dem Wiederaufbau unseres Volkes. Die Pflicht der Dankbarkeit sollte es für jeden deutschen Wanderer selbstverständlich machen, dem Wander- oder Gebirgsverein seines Wohnortes beizutreten und mit dem geringen Beitrag sein Scherflein beizusteuern zu dieser wahrhaft nationalen Arbeit. Darum:

helft und unterstützt die deutschen Gebirgs- und Wandervereiuei Für deutsches Wandern und deutsche Volksgemeinschaft!

Aus der Provinzialhaupifladi.

Daten für Donnerstag, IK.Fcbruar.

1497: Philipp Melonchthon in Bretten geboren: 1620: Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, in Kölln an der Spree geboren: 1826: der Dichter Viktor von Scheffel in. Karlsruhe geboren: 1834: der Naturforscher Ernst Haeckel in Potsdam geboren.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben:Das Dreimäderlhaus", Operette in 3 Akten, Musik nach Franz Schubert, in neuer Inszenierung (Leitung: Wrede- M o e h l - D ä u l k e) als 19. Vorstellung im Freitag-Abonnement morgen von 20 bis 23 Uhr. Operetten-Preise. Schülerkarten haben Gültig­keit. Am Samstag, 18. Februar, 15.45 Uhr, zum letztenmal:Hamlet", Trauerspiel von Shake­speare (Spielleitung: Oberspielleiter Peter F a s- s o 11). Ende 19 Uhr. Am Sonntag, 19. Fe­bruar, 18.30 Uhr, als Fremdenvorstellung Wie­derholung der Operette:Das Dreimäderchaus". ermäßigte Operetten-Preise. Ende 21.30 Uhr.

Deutsche Zungenschaft auf den Schlachtfeldern der Westfront. Man schreibt uns: Der StammUlrich von Hutten" der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands ver­anstaltet am kommenden Samstag, 18. Februar, Im Reuen Studentenheim. Leihg«sierner Weg. «inen Bündischen Abend, der vom Fahrterleben deutscher 2ugend auf den Schlachtfeldern des Großen Krieges zeugen soll. 2n über 100 eigenen Aufnahmen werden die blutgetränkten Gefilde im Westen gezeigt werden: Hactmannsweller Kopf, Vogesen. Verdun, Argonnen, Champagne, ReimS, die so vi< Heldentum sahen. Die Fahrt entsprang dem Gedanken, ein Land kennenzu­lernen, das einmal deutsch war. das Elsaß, und die Toten des Weltkriege- zu ehren, die um Deutschlands willen fielen. Sie wollte Delennt- niS hündischer Zungenschaft und 2ungmannschaft zum Erbe dieser Frontgeneration sein. Es spricht u. o. auch der Landesmarkführer Groß-Hessen/ Pfalz, Pfarrer Schäler» Dad-Rauheim, über Weg und Ziele bünd.scher Jugend. Die Zungen der Gruppe werden den Abend mit Fahrten- und Soldatenliedern und einem Sprechchor:Vom Ruf des Reiches" gestalten helfen. Man beachte die heutige Anzeige.

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** D on der Landesuniversität. Der auß.rordentliche Professor an der LandeSuniver- Ntät Medizinalrat Dr. Heinrich Walther wurde auf sein Rachsuchen vom 1. April 1933 in den Ruhestand versebr.

* 3 n den Ruhestand verseht. Der KreiSayt Obermedizinalrat Dr. Wilhelm Zin­st e r beim Kreisgcsundheitsamt Gießen wurde aus sein Rachsuchen mit Wirkung vom 1. April 1933 in den Ruhestand versetzt.

** D ie Arbeiten der Lahnkanali­sierung, die gegenwärtig an der Lahn unter­halb des Elektrizitätswerkes im freiwilligen Ar­beitsdienst durchgesührt werden, machen gute Fortschritte. Don den zu bewältigenden 475 lau­fenden Metern Ausschachtungsarbeiten sind etwa 50 Meter bereits geschafft. Die Zugendlichen, die sich hier zu gemeinnütziger Arbeit zusammen» gefunden haben, arbeiten unverdrossen. Die Ar­beit ist nicht leicht: das lehmige Erdreich ist naß und dadurch doppelt schwer, der Boden zäh. Aber ein Wagen nach dem anderen rollt vollbcladen über die Schienen zur Seite, Stück für Stuck wird das Erdreich gelost, immer weiter schiebt sich die Drücke, auf -der die Schienen liegen, In der Richtung nach dem Schlachthof zu. 3n dem tief ausgeschachteten Teil des Flußbettes hat sich teils durch den hohen Grundwasserstand, teils durch Regen und Schnee viel Wasser angesam- melt, so daß man sich gezwungen sah, einen beson­deren Kanal seitlich abzustcchen, durch den das Wasser nach der etwas tieferliegendrn Lahn ab- fließt. Das Flußbett, das sich jetzt im blanken Erdreich darbietet, wird später mit. den vorher

auf großer Fläche ausgestochenen Rasenstücken be­festigt werden. Immer wieder gewinnt man den Eindruck, daß hier ein Stück Arbeit geleitet wird, dessen Wert und Bedeutung groß ist. Ecsreulich ist es. daß die jungen Leute mit unverminderter Freude und Lebendigkeit bei der Arbeit sind. Manches Scherzwort wird laut; die sinnvolle Be­schäftigung wird befreiend empfunden.

** Letzte Wiederholung vonHam­let" als Schüler- und Volksvorstel» lung. Aus dem Stadttheaterbüro teilt man uns mit: Die Intendanz hatte ursprünglich die letzte Ausführung des TrauerspielsHamlet" von Shakespeare für Samstag, 18. Februar, nur als Schülervorstellung angeseht. Da aber auch aus den Kreisen der sonstigen Theaterbesucher große Rach- frage nach Karten besteht, hat die Intendanz sich entschlossen, die letzte Ausführung dieses Klassikers als Volksvorstellung zu erweitern. Es gelten für Schüler Schülerpreise, für Erwachsene Volksvor- stellungspreise.

** Uebertragung der Frankfurter Hitlerrede durch den Südwest funk. Reichskanzler Adolf Hitler wird am Donnerstag, 23. Februar, in der Frankfurter Festhalle in einer nationalsozialistischen Wählerversaminlung sprechen. Aus diesem Anlaß sendet der Südwestfunk um 20 Uhr zunächst einen einführenden Funkbericht von der Fcsthallen-Kundgebung, den Dr. G ö b b e l s geben wird. Daran anschließend wird um 20.30 Uhr die Rede des Reichskanzlers übertragen.

Brennholz-Versteigerung d e r Stadt Gießen. Bei der gestrigen Brennholz- Versteigerung in den Waldungen der Stadt Gießen (Försterei Wieseck. die letzte Versteigerung im Hangelstein) wurden im Durchschnitt folgende Preise erzielt: Buchenscheiter l.Kl. je Raummeter 8,60 Mk., Buchenscheiter 2. Kl. je Raummeter 5,40 Mk., Eichen, scheiter 1. Kl. je Raummeter 5,60 Mk, Fichtenschel« ter 2. Kl. je Raummeter 4 Mk., Duchenknüppel je Raummeter 6 Mk., Ahornknüppel 6 Mk., Buchen» stocke 5,60 Mk., Fichtenstöcke 2,20 Mk. je Raummeter, Buchenreisig 3. Kl. je 100 Wellen 14 Mk., Fichten- reisstangen 4. Kl. je Stück 0,25 Mark.

Die Fortschritte im deutschen Luftverkehr. Trotz des Rückganges der Flugleistung im innerdeutschen Luftverkehr sind im Jahre 1932 Beförderungsergebnisse erzielt worden, die einen erfreulichen Fortschritt bar- stellen. Die Zahl der zurückgelegten Personen­kilometer hat sich im Jahre 1932 gegenüber dem Vorjahre um rund elf Prozent erhöht. 86 678 Passagiere benutzten die Verkehrsflugzeuge, wah­rend im Vorjahre dieses Verkehrsmittel nur 82 893 Personen beförderte. Auch in der Gepäck- beförderung ist eine Steigerung zu verzeichnen, die sogar 15 Prozent aus macht. Es wurden näm­lich 777 825 Kilogramm Fracht gegen 675 175 Kilogramm im Vorjahre befördert. Der 2ujt- expreßdienst. namentlich nach England. Frankreich und Skandinavien, ist als Folge der Erhöhung der Zollmauern beträchtlich zurückgegangen

Aus dem Darmstädter Voltebank-Prozeß.

WSR. D a r m st a d t, 15. gebe. 3m Darm­städter Dolksbankprozeh wurde heute die Ver­nehmung des Zeugen Bankbeamten Mager fortgesetzt- Er gibt an, daß seine Schuld aus Spekulationsgeschäften dem Aufsichtsrat offiziell erst bekannt wurde, als er bereits die Dank ver­lassen hatte. Schon vor dem 3ahre 1928 bestand in den Kreisen der Angestelltenschaft das offene Geheimnis, daß viele Kunden ihr Konto Über­zogen hatten und mit unwahrscheinlich hohen Krediten belastet waren. Die Großbanken hätten stark zur Spekulation animiert, leider hätten sich viele ihrer Tips nicht erfüllt- Auf Vorhalt des Staatsanwalts, daß seine Bekundung vor dem Untersuchungsrichter viel belastender für die Angeklagten waren, er- llärt der Zeuge, daß er, den man draußen als Kronzeugen anspreche, damals In seiner Verärge­

rung über Auseinandersetzungen mit Direktor Weiler manches zuviel gesagt habe. AuS der Vernehmung der Zeugin D a r t h e l, die seit 14 Jahren bei der Vollsbank beschäftigt unb Sekretärin in der Direktion ist, ist besonders interessant, daß seinerzeit auf Anregung des DerbandsrevisorS Schneider Debitorenlisten aufgestellt wurden, um jederzeit die Verbindlich­keiten der Dolksbank feststellen zu können. Als dann Gerüchte über den wackligen Stand der VollSbank umliefen, habe sie auf Geheiß bei Direktors Weller einen Teil der Debi - torenlisten verbrennen muffen, weil Direktor Weiler den Verdacht hegte, ein Bank­angestellter könne aus der Schule plaudern. Wahrscheinlich aus Rücksicht auf die Kunden fei die Vollsbank in 10 bi- 12 Fällen in der Rang­stelle der Sicherung zurückgetreten. Der Zeuge Bankbeamte O st e r t a g leitet seit 1928 die Effek­tenabteilung. Damals seien, betont er, die Ef- fektcnkonten dec Angestellten bereits zum größten Teil in der Abwicklung begriffen gewesen und neue Geschäfte wurden kaum noch getätigt. Roch anfangs 1930 feien für Direktor Decker mehrere Geschäfte getätigt worden, ohne daß für Kunden vorgeschriebene Duchungen erfolgten. Die Be­weisaufnahme wird am Donnerstag fortgesetzt.

Buntes Allerlei.

Gefilmter Steckbrief.

Ein Steckbrief, wie er gewöhnlich erlassen wird, wäre sehr zu vervollkommnen, wenn man von dem Verbrecher eine kinematograt-httck-» Aufnahme vorführen könnte, die ihn beim Spreche., in leb­hafter Bewegung, mit allen Ei.^^tten seiner unbewußten Haltung Wiedergabe. 3n den Ver­einigten Staaten ist die Polizei dazu übergegan­gen, Personen nicht nur in das Verbrecheralbum aufzunehmen, sondern von ihnen ein Filmbild her- zustellen. Wenn dieser Mann dabei später von neuem die Gesetze verletzt und aufgespürt werden soll, bann kann die Vorzeigung eines solchen

Silms In zahlreichen Kinos 1n ganz anderer Seife seine Erscheinung vergegenwärtigen, als dies bei einer gewöhnlicyen Photographie möglich ist. Es ist allerdings nicht leicht, einenUnter- weltler" dazu zu bringen, daß er seine ganze Per­sönlichkeit auf diese Weise offenbart. CS müssen dazu sehr geschickte Tricks angewendet werden, denn gewöhnlich suchen sich Verbrecher beim Photographieren dadurch zu schützen, daß sie Gri­massen schneiden und sich dadurch unähnlich machen. Die Filmaufnahme erfolgt deshalb so. daß derStar" davon nicht- ahnt, sondern daß plötzlich angefangen wird, zu drehen und die Auf­nahme schon beendet ist, wenn der Verbrecher erst die ihm drohende Gefahr richtig begreift.

Väter haben immer Recht!

Wie stark der Ahnenglaube und die damit ver­bundene Verehrung deS VakerS noch immer in Japan ist, zeigt das Urteil, das kürzlich ein ja­panischer Dichter fällte. Ein Rechtsanwalt hatte in Tokio eine Klage gegen seinen Vater eingc- bracht: er behauptete, daß da- Familienober­haupt Gelder der Familie, über die er nicht daS Verfügungsrecht hatte, für sich verwendet habe, und forderte einen Erlaß, der ihn an der wei­teren Vergeudung deS Famil'.enguteS hindere. Der Richter lehnte aber die Klage ab, ohne di» Verhandlung zu eröffnen, und zwar mit fol­gender Begründung:Die Verehrung des Vater- lst eine bet Haupttugenden des japanischen Volke- und die Wurzel sittlicher Zucht. Söhne bleiben immer Löhne, auch wenn sie glauben, ihre Eltern hätten Unrecht getan. Eine Kritik des Vaters steht dem Sohn nicht zu: er kann nicht Richter der Handlungen deS Vaters sein, und für ihn muß der Vater immer Recht haben. Dieser Grund­satz lebt in unseren Gesetzen und muß aufrecht erhalten werden auch in diesen Tagen fremder schädlicher Einflüsse. Da da- Strafgesetz dieVer- folgung der Eltern durch ihre Söhne und Töchter verbietet und auf Vater, oder Muttermord be­sonders schwere Strafe legt, so ist es berechtigt, diesen Grundsatz auch in Zivilsachen anzuwenden: die Klage wird daher abgewiesen."

Alte Dinge in neuer Zeit

Unpolitischer Brief aus der Reichshauptstadt.

bescheidenste Büro bas hat doch wohl kein Recht darauf, sich Haus zu nennen?

Wie sieht es denn aus? Dutzende von großen Firmen haben noch zu den Zeiten der Konjunktur aus Reklamegründen umfangreiche Grundstücke ge­kauft, kostbare zehn- bis zwölsstockige Gebäude er­richten lassen, die in leuchtenden roten und blauen Glasbuchstaben ihren glorreichen Namen verkünden. Da sie aber beim besten Willen auch in den günstig­sten Zeiten nicht in der Lage waren, mit ihren Büroräumen alle zwölf Stockwerke zu füllen, kalku­lierten sie von vornherein so, daß sie Zwei­drittel der freibleibenden Stockwerke an andere Unternehmen vermieten wollten, denen zu Pro- vagandazwecken auch die teuerste Miete nicht zu tzoch war. Als die Gebäude freilich fertig waren, herrschte schon die Depression; die hilfreichen Unter- nehmen ließen sich nirgendwo blicken, und nur ganz selten gelang es den Mutterunternehmen, ihre Fehl- spekulation durch gelegentliche kärgliche Mietkon­trakte auszugleichen. So war es im Westen wie am Akxanderplatz, in Neukölln wie in der City.

Ein einziges Haus macht eine vorteilhafte Aus­nahme. Es steht am Potsdamer Platz und nennt sich vermutlich deshalbColümbus-Haus" weil feine Besitzer das Ei fanden, das ihnen ermöglichte, trotz Krise und Notzeit 80 verschiedene Mietparteien in seine zehn Stockwerke zu pferchen. Diese 80 Herr­schaften sind vielleicht weniger auf Glanz und Re- Präsentation bedacht als darauf, auf wenig Raum möglichst hell und freundlich hausen zu können. Man findet dort ein Aerztekollektiv, das gemeinsam ein Wartezimmer und ein paar Sprechzimmer um­schichtig benutzt, was von immerhin zehn Personen höchst raffiniert ausgerechnet werden mußte. Man findet eine Reihe von Handelsvertretungen, Re- klamebüros, Maklern, Detektiven, Rechtsanwälten. Schräg gegenüber von den Detektiven hat sich finni« verwerfe ein Bankunternehmen niedergelassen. In holder Eintracht hausen ein Kunstgewerbeatelier und ein Biehgroßhändler auf einem Flur. Ein Gra­phologe macht einem Friseur Konkurrenz. Ein Wett­büro und eine Sparkasse, ein Architekt und ein Schneider, mehrere Pressevertretungen und ein Schreibmaschinenbüro sind bunt und witzig durch- einanbergemürfelt. Als Krönung der ganzen An­gelegenheit sollen noch einige RestaurationsbetriebE sich in diesem Hause ansiedeln, sobald die Konzes­sion erteilt ist...

Trotz allem: Berliner Konditoreien.

Noch immer sieht man unsere Holden mit der ganzen respektiven Familie, mit Vater, Mutter, Tante, Brüderchen und Schwesterchen von einem Äonditorladen nach dem anderen wallfahrten, als wären es Pafsionsstationen. Dort besehen sie sich die Ausstellung, eine Menge Zucker- und Drageepüpp- chen, die harmonisch nebeneinander aufgestellt, rings beleuchtet, von vier perspektivisch bemalten Wänden eingepfercht, ein hübsches Gemälde bilden. Ich hab« eine Menge dieser Konditorladen mit durchwandert, da ich nichts Ergötzlicheres kenne, als unbemerkt zu- zufchauen, wie sich die Berlinerinnen freuen wenn es mir auch selbst durchaus keine Freude macht, meinen Kuchen vor vielen Spiegeln zu essen und wenn auch die bedienenden Jungfräulein zumeist noch älter sind als der Kuchen selbst. Auch kann man kein Wort im Vertrauen sprechen, sonst hört es der Nachbar, so eng stehen Tische und Stühle ..."

Diese Feststellung wurde nicht heute, sondern vor rund hundert Jahren gemacht und der sie nieder­schrieb, war ein in Berlin etwas anrüchiges Sub­jekt, ein gewisser Heinrich Heine. Nichtsdestoweni­ger ist man bei einem Rundgang durch die Berliner Stadt häufig erschüttert, wie aktuell diese Beobach­tung heute noch immer ist.

Berlin hat In den letzten zwanzig Jahren sein Gesicht dutzende von Malen geändert. Kein Zwerg Nase, der nach sieben Jahren Abwesenheit in diese Stadt zurückkehren würde, wäre in der Lage, sie wiederzuerkennen. Aber die kleinen, engen, alt­modischen, traditionsgeschwängerten Konditoreien an allen Ecken dieser merkwürdigen Stadt sind geblie­ben, vielleicht als das einzig Zeitlose, als dos ein­zige Beständige im Wert von einer Taffe Kaffee mit Sahne. In ihnen kann man sich eine halbe Stunde niederlaffen. wie in einem sicheren Port und kann dem undeutlichen Straßenlärm, der von draußen kommt, so zuhören, wie man das Meer le einer Muschel klingen hört...

Tod eines Schauspielers.

Vor ein paar Tagen ist in feinem möblierten Zimmer im Osten Berlins ein alter Schauspieler gestorben. Er war ein wenig über 60 Jahre alt. Seinen Namen zu nennen, hätte wohl keinen Zweck. Denn es war ein Name, den wohl kaum ein Mensch auf der Erde kannte.

Es war ihm in der letzten Zett wirtschaftlich nicht besonders gut gegangen. Er hatte ein Engagement an einer Berliner Bühne wenige Wochen zuvor ver­loren. Trotzdem erzählen feine Nachbarn, er sei fast heiter an der Grippe gestorben, zu der dann noch ganx zuletzt eine Lungenentzündung hinzutrat.

Warum hatte er sein Engagement verloren? Er hatte etwas getan, was mit der heutigen Zeit, dem heutigen Theaterbetrieb, den heutigen Sitten und Gebräuchen in krassem Gegensatz steht. Er, der Statist an einer Berliner Bühne, hatte mitten in einer Vorstellung von sich aus eine Rede gehalten, eine kurze Rede zwar, aber eine Rede, die die Di­rektion des Theaters derart verblüffte, daß sie ihn vor Schreck fristlos entließ.

Man gab ein Stück,Cromwell" mit Namen. Dieses Stück handelte von der Geburt der englischen Republik, von der blutigen Niederschlagung der Revolution, von der Aburteilung der Freiheits- Helden vor dem hohen Tribunal. Auf dem Theater­zettel war neben den klingenden Namen der Stars ganz unten, ganz bescheiden, vermerkt:Volk, Ad­lige, Gefangene". Wer diese Namenlosen aber ver­körperte, das verriet die Direktion nicht. Es genügte, daß sie zur Erfüllung des Bildes je nach den An­weisungen des Regisseurs zähneknirschend ober .Hoch" rufend den Rundhorizont entlangspazierten.

Im dritten Akt gab es eine Gerichtsszene. Die Schauspieler, ihres Zeichens Helden und Revolutio­näre, wurden mit Stumpf und Stiel zum Tode ver­urteilt. Desgleichen einige Komparsen. Der Vorhang sollte über eine todgeweihte, trifte kleine Gesellschaft fallen, die von den stämmigen Wärtern in ihre dumpfen Zellen abgeschleppt werden sollten.

Do drängte sich plötzlich unmittelbar vor dem Fal- kn des Vorhangs eines Abends eine Gestalt aus dem Hintergrund ins Rampenlicht. Sie hatte den Arm emporgeworfen. Sie sprach mit rollender Stimme:Hall, ihr Schergen! Ihr könnt uns wohl um einen Kopf türjer machen. Unsere Ideale jedoch könnt ihr niemals, niemals aus der Welt ausrotten. Es lebe der Freiheitskampf des engllschen Volkes! Es lebe die Republik!" Das Publikum, das wohl zu ahnen begann, daß hier eine Improvisation vorlag, stand vor Verwunderung von seinen Sitzen auf. Es applaudierte minutenlang. Der unbekannte Schau­spieler, dessen Namen niemand kannte, stand noch einen Augenblick im grellen Licht, hingerissen, mit leuchtenden Augen. Dann räumt« ihn der Vorhang fort.

Am anderen Tag stand wohl auf Veranlassung der Direktion in den Zeitungen zu lesen, es habe sich hier nicht um eine volitische Manifestation ge­handelt, sondern wohl eher um den Ausbruch von Geltungsbedürfnis eines alten Schauspielers, der nach jahrzehntelangem Komparsendasein noch ein­mal in feinem Leben am Rampenlicht stehen wollte. Die Zeitungen gaben begütigende Kommentare, sie legten der Direktion nage, den alten Mann nicht zu maßregeln. Dies scheint nun doch geschehen zu sein.

Aber seine Mission war erfüllt. Noch einmal hatte er, wie eine Vision, bk große SacheTheater" er­lebt. Noch einmal hatte er im Mittelpunkt gestan­den, als Star, als Liebling, als König. Dann konnte ihn sogar eine durchschnittliche, durch Unterernäh' rung begünstigte Grippe aus der Welt fortnehmen, die ihm nun nicht mehr viel zu sagen hatte.

Arbeitslose Wolkenkratzer.

Als wir früher Klavierunterricht hatten, lernten wir unter anderem auch das Lied von den Burgen, stolz und kühn, die an der Saale Hellem Strande stehen sollen. Ihre Dächer seien zerfallen, brachte man uns bei, der Wind striche durch die Hallen, und das, was darüber hinzöge, seien allenfalls noch Wolken.

Ich weiß nicht, warum mir dieses Lied im Augen­blick einfällt, wenn ich die Berliner Hochhäuser be­trachte, die, modern und schlank, im Lauf der letzten fünf Jahre in ollen Zentren Berlins aus dem Bo- ! den gewachsen sind. Sie hohen etwas unendlich I Melancholisches an sich. Denn ein Haus, in dem kein l Mensch sich angestedelt hat. noch nicht einmal das

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