Nr.40 SvühauSsabe
183. Jahrgang
Donnerstag, 16. Zebruar (933
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Gietzemr Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chefredakteur
Dr. Friedr. Will). Gange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.Tbyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlurnschein undlür denAn- zeigenteil i.D.Th.kümmel sämtlich in Biegen.
Oer Aufmarsch zum Neichsiagswahlkamps.
Rundfunkübertragung einer Hit!er-Rede unterbrochen.
In Stuttgart ein Lcitnngskabel dirchschnitten.
Stuttgart, 15. Fcbr. (Tül.) 3n einer großen Wahlkundgebung der NSDAP, sprach am Mittwochabend Reichskanzler Adolf Hitler in seiner Eigenschaft als Führer der nationalsozialisti- fchen Bewegung in der Stadthalle in Stuttgart vor etwa 7000 Zuhörern. Die Rede wurde im Rundfunk übertragen, gleichzeitig durch Lautsprecher auf den Stuttgarter Marktplatz, wo sich gleichfalls eine große Menge von Zuhörern versammelt hatte. Hitler setzte sich mit Liner auf dem Zentrumsparteitag in Alm gehaltenen Rede des württembergifchen Staatspräsidenten Dr. Bolz auseinander und griff die Zentrumspartei und ihr Zusammengehen mit dem Marxismus scharf an. Bei der Ucbertragung der Rede Hitlers auf den Rundfunk ist eine Störung cin- getreten, die ungefähr 20 Minuten dauerte. Diese Störung ist darauf zurückzuführen, daß daHKabel, das von der Stadthalle zum Te- lcgraphenamt gelegt wurde, zerschnitten wurde. Die Polizei hat die Stelle gefunden. Sie liegt vollkommen frei etwa zwei Meter , über der Erde. Wie von der NSDAP, mitgeteilt wird, hotte sie die Polizei gebeten, die freiliegende Stelle überwachen zu lassen. Dies fei jedoch von der Polizei a b g e l e h n t worden. Ob die Zerstörung des Kabels auf einen Anschlag von kommunistischer Seite zurückzuführen ist, ist noch nicht festgestellt.
Der Wahlaufruf der Oeutschnaiionalen.
Berlin, 15. Febr. (TU.) Die Parteileitung der Deutschnationalen Volkspartei erläßt folgenden Wahlaufruf:
Die Deutschnationale Volkspartei geht, verbunden mit anderen gesinnungsverwandten Kräften der nationalen Bewegung auf ihrer alten Liste 5 unter dem Kennwort „Kampffront Schwarz-weiß°rot" in den Wahlkampf des 5. März. Das Bündnis, das der Feldmarschall v. Hindenburg mit der gesamtnationalen Front durch die Bildung der neuen Regierung schloß, hat den Weg für das neue Reich freige - macht. Ungestört vom parlamentarischen Intri- guenspiel, ungehindert durch die hemmenden Kräfte des Zentrums und der Marxisten soll die B e - freiung Deutschlands von außenpoli-- s ch e n Fesseln, soll der Wiederaufbau von Wirtschaft und Arbeit im Innern in Angriff genommen werden. Die Bedeutung der Wahlen des 5. März liegt darin, daß jetzt dem Volk Gelegenheit gegeben werden soll, sich entschlossen hinter den neuen Kurs zu stellen.
Der neue Staat muß der stolzen Geschichte Deutschlands entsprechen, auf christlich- konservativer und sozialer Grundlage aufgebaut sein, das Recht des freien Mannes, die Grenzen der Heimat mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, der Schutz des Familienlebens und der christlich-deutschen Kultur, soziale Gerechtigkeit und das Recht auf Arbeit, der Schutz des Privateigentums und des wirtschaftlichen Unternehmungsgeistes, Freiheit der Rechtspflege, Unantastbarkeit der Grundlagen des Beamtenrechts — das muffen die Grundmauern des neuen deutschen Baues sein. Schwarz-weiß-rot sollen wieder die Farben des Deutschen Reiches sein.
Millionen und aber Millionen deutscher Menschen sehen in einem solchen Staat die Erfüllung ihres Willens. Wir wollen diesem Willen auch in dieser Wahl Ausdruck verleihen. Wir wollen die Kräfte sammeln, um auf die Neugestaltung Deutschlands entscheidenden Einfluß zu nehmen. Die Deutsch- nationale Volkspartei ruft für den Kampf auf, den fie gemeinsam mit anderen nationalen Kräften ihrer Weltanschauung unter dem Kennwort „Kampffront Schwarz weiß-rot" (Liste 5) führt.
Der Wahlaufruf des Christ- lid - ozia en Volksdienstes.
Berlin, 15. Febr. (TU.) Die Reichsführung und Reichsleitung des E h r i st l i ch - f o z i a l e n Volksdienstes erklärt in einem Wahlaufruf u. a.: Trotz der Bedenken, die der Volksdienst in bezug auf die Verwirklichung wahrhaft nationaler und sozialer Ideen durch die gegenwärtige Reichsführung habe, sei er entschlossen, dieser Regie- r u n g e >. n e ehrliche Möglichkeit zu geben, ißr Können im Dienst an Volk und Staat zu zeigen. M.t der Reichsregierung werde der Volksdienst für bie Freiheit und Gleichberechtigung Deutschlands nach außen, für eine starke, gegen unsachliche, unverantwortliche Störung gesicherte Reichs- und Staatsführung, für die Ueberwindung des Bolschewismus und den Schutz christlicher Sitte und Dolks- erziehuna^ für eine saubere und sparsame Verwaltung in Reich, Staat und Gemeinde und den Schutz der nationalen Wirtschaft, besonders des Bauern- und Mittelstandes kämpften. Er werde sich aber auch ebenso einfetzen gegen jeden Versuch der politischen Entmündigung des deutschen Volkes durch Unterbindung der verfassungsmäßigen Rechte der Volksvertretung ünd Aufrichtung einer Parteiherr- ichaft, wie gegen die Unterdrückung der Rechte der
Arbeitnehmer auf freien Zusammenschluß und ungehinderte Wahrnehmung ihrer Belange, sowie auch gegen jeden Versuch einer Gefährdung oder Entwertung der Sozialversicherung, des Ärbeitsrechts, des Tarifvertrages und des staatlichen Schlichtungs- wesens. Der Aufruf betont, daß nur eine starke Vertretung des Christlich-sozialen Volksdienstes den Nationalsozialismus vor einer Ueberwucherung feines sozialen Gehalts durch die einseitig nationalkapitalistisch - reaktionäre Umklammerung befreien und vom Mißbrauch der ihm zugefallenen Macht abhalten könne. Nur eine solche Gruppe mit rein evangelischer Zusammensetzung könne den Gefahren begegnen, die eine Vereinigung des katholischen Zentrums mit dem weithin katholisch geführten Nationalsozialismus in sich schließe.
Der Reichswahlvorschlag der Deutschen Volkspartei.
Berlin. 15. Febr. (TU.) Die Deutsche Volks- partei hat folgende Kandidaten für den Reichs- wahlvorschlag aufgestellt: Rechtsanwalt Din- geldey, Handelslammerfhndikus Dr. Hugo, Frau Oberstudiendirektorin Dr. Elsa Matz, Postdirektor M o r a t h, Gärtnereibesitzer Schröder. Bankier Dr. v. S t a u ß, Bergmann W i n- n c f e l d. Generaldirektor Dr. Albrecht. Konteradmiral a.D. Brüninghaus. Korvettenkapitän a. D. M e h e n t h i n. Drechslerobermeister Feuerbaum. Hausfrau Margarethe F a e h r e.
MgliilkierMordanWagaiispräsideniRoosevell
Oer Bürgermeister von Ehikago verletzt. - Oer Täter verhaftet.
Miami (Florida). 15. Febr. (MTV. Funkspruch ) heute abend wurden auf denkünftigen Präsidenten Roosevelt bei einem zu seinen Ehren veranstalteten (Empfang fünf Revolver- schusse von einem unbekannten Täter abgegeben. Der Präsident wurde nicht verletzt. Der Angreifer zog ganz unerwartet eine Pistole und bevor die Anwesenden angreifen konnten, begann er zu feuern. Der Bürgermeister von Ehikago, C e r m a k, wurde von einer kugel getroffen. Es ist noch nichts über die Schwere seiner Verletzung bekannt. Unter den Anwesenden soll auch eine Dame getroffen worden fein. Der Angreifer wurde verhaftet.
Der Anschlag auf den Präsidenten erfolgte a n - läßlich eines Empfanges in einem Park in viscayno vay, der veranstaltet worden war, um seine Rückkehr von einer Kreuzfahrt nach den Vahama-Jnseln zu feiern. (Er hatte auf der Jacht „Rourmahal" mit dem Besitzer der Jacht. Vincent A st o r, eine Fischexpetion unternommen und beabsichtigte, von Miami aus mit der Eisenbahn nach Neuyork zurückzukehren, um die Vorbereitungen zur Bildung seines Kabinetts fortzusehen. Der Präsident saß in seinem Auto. (Ein Augenzeuge berichtet, der Angreifer habe nicht auf Roosevelt gezielt, sondern auf den Bürgermeister von Ehikago, E e r m a k, der sich ungefähr sechs Meter von dem künftigen Präsidenten entfernt befand. Angesichts der Aufregung der Menge wandle sich Roosevelt um und winkte mit erhobenem Arm, um zu zeigen, daß er unverletzt fei. Der Täter wurde vom Publikum ohne Schwierigkeit ergrif- f e n und der Polizei übergeben, die ihn unverzüglich ins Gefängnis brachte.
Roosevelt gab seinen Plan, nach Reuyork abzureisen, auf und stieg in das Auto, in dem der verwundete Bürgermeister von Ehikago nach dem Krankenhaus gebracht wurde. 3m Auto sitzend hielt Roosevelt den Kops des verletzten in seinem Arm.
Ein Augenzeugenbericht.
Wer ist der Täter?
Miami (Florida)) 16. Febr. (WTB. Funkspruch.) Ein Telegraphenbote gab als Augenzeuge des Anschlages auf Roosevelt folgenden Bericht: Ich stand in unmittelbarer Nähe des Auto Roosevelts. Der Täter befand sich inmitten der Menge zur Rechten des.Autos. Roosevelt setzte sich nach Beendigung seiner Ansprache
nieder. In diesem Augenblick fielen die Schüsse. Offenbar hatte der Täter auf diesen Augenblick gewartet. Der Bote hörte Roosevelt sagen: „I am allright".
Ein Vertreter von „Associated Preß" berichtet, der Schütze habe über seine Schulter offenbar blindlings gefeuert. Er heißt Joe Zingaro und wohnt in Neuyork. Nach Angabe eines in der Nähe stehenden Freundes Roosevelt soll er die Schüsse mit dem Ruse: ch töte alle Präsidenten, i ch töte alle Beamten" abgegeben haben. Nach einer anderen Version soll er gesagt haben: „Jetzt habe ich es C e r m a f gegeben." Daraus ließe sich schließen, daß er es nur auf diesen abgesehen habe. Der Mann wurde überwältigt und an ein Automobil gefesselt.
Gangsters die Urheber des Anschlags in Miami?
Neuyork, 16. Febr. (WTD.-Funkfpruch.) Die mit der Untersuchung des Anschlages in Miami beschäftigten Behörden scheinen teilweise der Ansicht zuzuneigen, daß ChikagoLr Gangsters den Bürgermeister Cermak beseitigen wollten, der das Gangsterunwesen energisch bekämpft. Bon anderer Seite wird das aber wieder bestritten, indessen ersuchte der Chikagoer Polizeichef die Behörden in Florida, 18 Gangsters festzunehmen, die sich in der Ilmgegend von Miami aufßalten. Desgleichen wurden Eisenbahnbehörden ersucht, die Namen von Chikagoern mitzuteilen, die in der letzten Zeit Fahrkarten nach Florida nahmen.
Das Befinden Cermaks der einen Brust- schuß erhalten hat, ist besorgniserregend. Um Mitternacht wurde eine Notoperation vorgenommen, deren Erfolg noch ungewiß ist. Ein Geheimpolizist bekam einen Kopfschuß. Leicht verletzt wurden zwei Frauen, ein Zunge und ein Mann, der dem Täter den Revolver entriß, wobei eine Kugel feinen Kopf streifte. Roosevelt besuchte sämtliche Opfer des Attentats im Krankenhaus.
Präsident Hoover an Roosevelt.
Washington, 15. Fcbr. (WTB.-Funkspruch.) Bei Bekanntwerden der Nachricht zu dem Mordanschlag auf Roosevelt äußerte Präsident Hoover seine tiefste Bestürzung über diesen Zwischenfall. Er ließ sofort ein Telegramm an Roosevelt übermitteln, in dem es heißt: „Ich freue mich überaus, daß Sie nicht verletzt wurden."
Oer Personalschub in Preußen.
Große Veränderungen in Polizei und Verwattung.
Berlin, 15. Febr. (WTB.) Wie der Amt- liche Preußische Pressedienst mitteilt, haben die Kommissare des Reiches in Preuße» folgende Personalveränderungen auf Grund des Vertrages des Kommissars des Reiches für das preußische Ministerium des Innern, Reichs- Minister Göring, beschlossen:
Auf Grund des § 3 der Verordnung vom 26. Februar 1919 werden unter Gewährung des gesetzlichen Wartegeldes sofort einstweilen in den Ruhestand versetzt: die Regierungspräsidenten Dr. Friedensburg in Kassel (Staatsp.), Ehrler in Wiesbaden (SPD.). König in Arnsberg (SPD.); die Polizeipräsidenten Maier in Stettin (SPD.), Thaiß in Breslau (Zentrum), Wende in Waldenburg (SPD.), Oexle in Halle (Staatsp.), Krüger in Weißenfels (SPD.s, Barth in Hannover (SPD.), Danehl in Harburg-Wilhelmsburg (SPD.), Zörgiebel in Dortmund (SPD.), Steinberg in Frankfurt a. M. (SPD), Dr. Biesten in Koblenz (Zentrum, Weyer in Oberhausen (Zentrum), Graß in Bochum; der Landrat Apel in Frankfurt a. M.- Höchst.
Der Regierungspräsident v. Velsen in Hannover wird mit der Vertretung des beurlaubten O b er p rä s i ö en t e n der Provinz Hannover Roske beauftragt.
Der Landrat R o t b e r g in Goslar wird zum
Regierungspräsidenten in Kassel ernannt.
Der Ministerialrat Zschitsch im preußischen Ministerium des Innern wird zum Regierungspräsidenten in Wiesbaden ernannt.
Der Polizeipräsident Melcher in Berlin wird zum Oberpräsidenten der Provinz Sachsen in Magdeburg ernannt.
Zu Polizeipräsidenten werden ernannt: In Berlin der Konteradmiral a. D. o. Leoetzow in Weimar, in Waldenburg der Rittmeister a. D. o. Hiddesen in Alt-Jauernick (Kreis Schweidnitz), in Hannover das bisherige Mitglied des Reichstages Lutze! in Hannover, in Harburg- Wilhelmsburg der Kapitän Carl Christiansen in Bremen, in Dortmund das bisherige Mitglied des Landtages Wilhelm Schepmann in Hattingen (Ruhr), in Frankfurt a. M. General a. D. v. ußeftrem in Wiesbaden-Biebrich, in Oberhausen der Major a. D. Niederhoff in Mülheim (Ruhr), in Halle der Polizeioberst a. D. Roosen in Altenhof (Schorfheide).
Der Regierungspräsident z. D. Pauli in Potsdam wird mit der kommissarischen Verwaltung des Landratsamtes in® oslar beauftragt.
Der Ministerialrat Dr. C o r f i n g im preußischen Staatsministerium wird in gleicher Eigenschaft in das preußische Justizministerium versetzt.
Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hatte der Kommissar des Reiches für das preußische Ministerium des Innern, Reichsminister Göring, am 14. Februar eine eingehende Aussprache mit dem Regierungspräsidenten von Düsseldorf, Bergemann. Im Anschluß daran hat Reichsminister Göring dem Regierungspräsidenten Bergemann sein volles Vertrauen aus- gesprochen und ihn mit Rücksicht auf die besonders schwierigen Verhältnisse in seinem Bezirk, insbesondere im Ruhrgebiet, unter Anerkennung seiner bisherigen ausgezeichneten Amtsführung er- sucht, fein A m t weiter zu führen. Regierungspräsident Bergemann hat dies 3 u g e f a g L Ein Gonderkommiffar für Rheinland und Westfalen.
Recklinghausen, 15. Fcbr. (WTB.) Der preußische Minister des Innern hat mit sofortiger Wirkung über die Wahlzeit hinaus den Höheren Polizeiführer im Westen. Polizeikommandant Sticler von Heyde* kämpf zum Sonderkommissar mit besonderen Vollmachten für die Pro* vinzen Westfalen und Rheinland bestellt. Als Ches des Stabes tritt zu ihm Polizei- major von Oven. Der Höhere Polizeiführer im Westen, der dem preußischen Innenminister unmittelbar unterstellt ist, übernimmt die einheitliche Leitung der gesamten staatlichen und kommunalen Polizei sowie die dcr L a n d j ä g e r e i in Rheinland und Westfalen. Seine Anordnungen ergehen im Auftrage des preußischen Ministers des Innern.
Preußen im Reichsrat.
Vorbesprechung der Länder.
Berlin, 15-Febr. (WTB.) In der bayerischen Gesandtschaft fand eine Besprechung der Staats- und Ministerpräsidenten der Länder Bayern, Sachsen, Württemberg Baden, Thüringen und Hessen, sowie der Vertreter der Hansestädte statt. Es ergab sich hinsichtlich der grundsätzlichen Fragen völlige Einmütigkeit. Cs kam dabei zum Ausdruck, daß man von selten des Reichsrates nicht erwarten könne, daß er sich ohne weiteres mit der Ernennung von Bevollmächtigten durch die R e i ch s k 0 m m i s s a re zur Vertretung des Landes Preußen abfinde. Es besteht ferner darüber Einmütigkeit, daß man jedoch im gegenwärtigen Zeitpunkt bestehende Meinungsver^chiedenhciten nicht auf die Spitze treiben wolle. Man war sich auch darüber einig, daß es in diesem Augenblick mit Rücksicht auf den anhängigen Rechtsstreit vor dem Staatsgerichtshof keinen Zweck habe, Sitzungen im Reichsrat abzuhalten, sondern daß man bestrebt sein müsse, die Sitzungen möglichst zu vertagen, um die Streitfrage durch den Staatsgerichtshof aus der Welt schaffen zu lassen, soweit es sich nicht um unaufschiebbare besonders dringliche Angelegenheiten handelt. Dabei war man der Ansicht, daß auch bei solchen besonders wichtigen Angelegenheiten die spätere Entscheidung des Staatsgerichtshofes die Rechtmäßigkeit gefaßter Be,chlüsse beeinträchtigen könnte. In welcher Weise aber dem Wunsche nach Nichttagung des Reichsrates in der morgigen Sitzung Ausdruck gegeben werden soll, darüber gingen die Meinungen auseinander. Cs wird jedoch in Kreisen der beteiligten Länder angenommen, daß auch hierüber in der Vollsitzung ein Mehrheitsbeschluß zustandekom- men wird.
Minister Leuschner tritt am 1. April zurück.
Die S^D. kündigt s.inc Ucb.rsicdlung nach Genf an.
Darmstadl, 15. Febr. (05)1.) Die sozial- demokratische Landtagsfraktion des fjeffifdjen Landtags beschäftigte sich mit der politischen Lage und gibt eine Mitteilung aus, in der es u. a. heißt: „Die wütenden Angriffe der Gegner auf bie Minister Adelung und Leusch- net und die Versuche, sie mit allen Mitteln aus dem Amt zu drängen, bilden das höchste Lob für ihre Arbeit und den Beweis, daß sie als Minister an der Spiße des Freistaates Hessen, insbesondere in der Führung der staatlichen Vermattung und der Organisierung der staatlichen Machlmitlel ihre Pflicht im Sinne der Republik getan haben. Die sozialdemokratische Landlagsfraktion empfindet es unter diesen Umständen besonders schmerzlich, daß entsprechend den schon anfangs Januar gefaßten und veröffentlichten Beschlüssen Minister Leusch- net, dem Rus der Gewerkschaften folgend, a m 1. April d. J. aus seinem A m t ausschei- d e t und seine Tätigkeit beim Bundesausschuß des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes i m Verwaltungsrat des Internationa- len Arbeitsamts in Genf antritt. Sie Hal mit Bedauern davon Kenntnis genommen, daß diese Entscheidung nicht rückgängig gemacht werden kann, bringt jedoch zum Ausdruck, daß Minister Leuschner bis dahin weiter seine Pflicht wie bisher in feinem Amt so tut, wie das die gesamte republikanische Bevölkerung von ihm erwartet."
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