Ausgabe 
16.1.1933 Frühausgabe
 
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rofrb, ohne die selbständige Haltung gegenüber ein­zelnen Beschlüssen der Regierung aufzugeben. So wurde insbesonder zu verschiedenen Maßnahmen der lebten Zeit eine Reihe von schwerwiegen­den Bedenken geäußert. Die DBP. wird eine Politik befolgen, die zur Neubelebung aller wirt­schaftlichen Kräfte, vor allem zur Erhaltung des deutschen Mittelstandes die Wege zeigt. Sie will keine grundsätzliche Ausschaltung des 'Parlaments, sondern die Rückführung der parlamentarischen Methoden auf die notwendigen Aufgaben der Kontrolle der Bolksvertretung gegenüber ben Hand­lungen der jeweiligen Regierung. Ein gedeihliches funktionieren des parlamentarischen Wesens wird aber nur dann möglich sein, wenn durch die not­wendige Reform der Berfassung und durch die all­mähliche Gesunduna der innerpolitischen Verhält­nisse ein wirklich arbeitsfähiger Reichstag geschaffen wird.

Für die Gegenwart wird die DBP. bereit sein, unter Wahrung ihrer eigenen Anschauungen und Forderungen eine Staatsführung zu unterstützen, die durch eine st a r k e Konzentration der nationalen Kräfte die Gefahren einer Kri­senzeit überwindet und darüber hinaus den Weg zu einem neuen kraftvollen Deutsch­land beschreitet.

Stegmann erklärt.

Berlin, 14. Ian. (TU.) Wie die Reichspresse­stelle der NSDAP, mitteilt, hat der frühere SA.- Gruppenführer von Mittelfranken Wilhelm Steg = mann, heute folgende Erklärung schriftlich abgegeben:Ich war heute bei meinem Führer. Da ich einsehe, daß mein Verhalten von ihm mit Recht getadelt wurde, habe ich aus (Eigenem mein Reichstagsmandat z u feiner Verfü­gung ge ft eilt und ihm versprochen, als Partei­genossen in Treue und Gehorsam meine Pflicht zu tun. Wilhelm Stegmann."

Hessen im Ruhrkamps.

Staatspräsident Dr. Adelung veröffentlicht durch die Hessische amtliche Pressestelle eine Betrach­tung über den R u h r k a m p f, in der er u. a. sagt:

Seit dem Beginn desRuhrkampfes" find zehn Jahre dahingegangen. Französischer Imperialismus holte zum großen Schlage aus, um zu erreichen, was Versailles ihm nicht gebracht hatte: die Herr­schaft über das linke Rheinufer, wenig­stens durch die Bildung eines von Deutschland los- getrennten Staates. Durch die Besetzung der wich­tigsten Industriegebiete Deutschlands sollte das Reich ZLim völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch ge­bracht werden, durch die furchtbaren Bedrückungen dbr rheinischen Bevölkerung, und besonders durch dze Abschnürung der gesamten Be- satzungsgebiete vom unbesetzten Deutschland sollte die endgültige Abtrennung dieser Teile vom Deutschen Reich bewerkstelligt wer­den. Planmäßig wurden Persönlichkeiten, die im besetzten Gebiet führend die deutsche Sache vertra­ten, ausgewiesen, systematisch wurde die Bevölke­rung in weitestem Umfang durch Gebote und Ver­bote, durch Ausweisungen und militärische Willkür­akte drangsaliert.

Wenn auch den französischen Plänen die politische Haltung Englands und Amerikas entgegenstand, so sind sie letzten Endes nicht daran gescheitert, son­dern an der W i d e r st a n d s k r a f t der rhei­nischen Bevölkerung. Man denke an die separatistischen Stürme im Herbst 1923, die das Rheinland den Franzosen in die Hände gespielt hätten, wenn eben nicht auch diese von den Franzo­sen getragene Bewegung an dem leidenschaftlichen Widerstand der Bevölkerung gescheitert wäre.

Jede Betrachtung der weltgeschichtlichen Ereignisse des Jahres 1923 muß deshalb feinen Ausgang neh­men von den Gefühlen des Dankes für die deutschen Volksgenossen, die trotz ollen Drangsalen, trotzdem Leib und Leben, Hab und Gut jedes einzelnen auf dem Spiele standen, ausharrten und den schweren Kampf für ihr Teil zum guten Ende brachten.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Orodonnanzen waren besonders für Hessen

panzerkreuzerÄeutsKland"fertWestellt.

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DieDeutschland" wird um 19.0. DL von Wilhelmshaven aus ihre erste Werkstättenfahrt an­treten. Die Indienststellung soll am 1. April statt- sinden, an dem auch das «chwcsterschiff derDeutich- land", dasPanzerschiff B", vom Stapel laufen wird. Unser Bild zeigt eine Gegenüber­stellung des PanzerschiffsDeutschland" (unten) mit dem französischen PanzerkreuzerD ü n - k i r ch e n" (oben), der als FrankreichsAntwort"

letzt auf Stapel gelegt wurde. Der Franzose über­trifft zwar an Größe (26 000 Tonnen) das nur 10 000 Tonnen große deutsche Schiff, doch sind die Fachleute einhellig der Ansicht, daß der Gefechts­wert derDeutschland" infolge ihrer ausgezeichneten Konstruktion weit höher zu bewerten ist, als der der Dünkirchen", die noch nach den alten Prinzipien gebaut ist

katastrophal. Die Besatzungsgrenze wurde zu einer unübersteigbaren Mauer, die unser Land mit seinen engen wirtschaftlichen Verflechtungen in zwei Teile auseinanderriß. Die wirtschaftlichen Verbin­dungen des besetzten Gebietes, in dem über 36 Pro­zent der hessischen Gesamtbeoölkerung beheimatet waren, wurden zerrissen, die Absatzmärkte gingen verloren, ganze Industriezweige wanderten ab. D i e Auswirkungen des Ruhrkampfes sind der Hauptgrund für den außerordent­lichen Niedergang der wirtschaftli­chen und finanziellen Kräfte des Hes­se n l a n d e s. Es ist zahlenmäßig nachgewiesen, daß Hessen, vor dem Kriege eines der reichsten deut­schen Länder, gerade durch den Ruhrkampf in die besondere Notlage geraten ist, unter der wir noch heute so schwer zu leiden haben.

Fast noch schwerer als die wirtschaftliche Bedräng­nis wirkten die seelischen Drangsale, die die Bevölkerung für ihr Festhalten am eigenen Volkstum zu erdulden hatte, die Ausweisungen, Verhaftungen und die Rechtlosigkeit.

Im hessischen besetzten Gebiet wurden in der Zeit des Ruhrkampfes insgesamt 114 P e r - sonen an Leib und Leben geschädigt, davon sind 28 durch Erschießen, auf sonstige gewaltsame Art, durch französische Fahrzeuge usw. zu Tode gekommen, lieber 34000 Perso­nen wurden aus dem hessischen besetzten Gebiet während des Ruhrkampfes ausgewiesen, bei einer Bevölkerung von rund 470 000 Seelen. Noch Ende Februar 1924 befanden sich 225 Personen j aus dem hessischen besetzten Gebiet in den Mili­tärgefängnissen. Unendliches Leid schließen diese Zahlen in sich.

Auch die Einquartierungslasten waren im hessi­schen besetzten Gebiet besonders drückend. In Mainz beispielsweise, dem Mittelpunkt der französischen Besatzung, befanden sich Ende 1923 noch rund 15 000 Besatzungsangehörige, d. h. etwa jeder 7. Mensch in Mainz war ein fremder Soldat! Die Beschlagnah­mungen besonders an Wohnräumen überstiegen im hessischen besetzten Gebiet von Anfang der Besetzung an prozentual wesentlich die entsprechenden Zahlen der übrigen besetzten Gebietsteile, während des Ruhr­kampfes nahmen die Beschlagnahmungen ein Aus­maß an, das zu unerträglichen Verhältnissen führte. Nach dem Jahre 1923 ging die Truppenmassierung im Brückenkopf Mainz nur langsam zurück, so daß das besetzte Hessen bis zum Abzug der Besatzungs­truppen weitaus am stärksten unter den Beschlag­nahmungen zu leiden hatte.

Ein Uebermaß von Leid und Drangsal hat das Jahr 1923 über das Hessenland gebracht. Aber der rücksichtlose Einsatz weite st er Volks- k r e i s e^_ besonders der arbeitenden Bevölkerung für die Sache des deutschen Volkstums, der unend­liche Dpfermut ist nicht vergebens gewesen. Die Kraft, die sich in der Haltung des rheinischen Volkes offenbarte, wurde zur Voraussetzung für die Politik, die zur Räumung der besetzten' Gebiete führte und die den Wiederaufstieg der deutschen Nation zur Freiheit und Gleichberechtigung in die Wege geleitet hat. Sie hat den gewalttätigen fremden Militaris­mus und seine Befürworter zu der Erkenntnis ge­zwungen, daß andere Wege gegangen werden müs­sen, um eine dauernde Befriedung Europas und der Welt zu erreichen

Oos neue rumänische Kabinett

Bukarest, 14. Jan. (WTB.) Das Kabi- nett Wajda-Woiwod ist nach Uebertoin- bung der letzten Schwierigkeiten nunmehr gebil­det worden. Das Innere übernimmt Mira- n e s c u, das Aeuhere T i t u 1 e s c u , die Finan­zen Madgearu, Minister für Siebenbürgen ist Hatziegan. Das sinter st aatssekre- tariat für Minderheiten, das in der Regierung Maniu nicht mehr bestanden hatte, ist wieder eingeführt worden. Llnterstaatssekretär für Minderheiten ist Serban, der Siebenbür­ger Rumäne ist.

2Lus aller Welt

Beisetzung von vierRiobe-Ioten.

2lns dem anarinegarnisonsrreoyof :n xtet fand die Beisetzung der drei am 11. Januar von dän.fchen Fischern geborgenen ichleswig-yo.jteini- fcben »lobe -To.en Losf - Kiel, Krogmann- He.de und Lammers- Buesurn statt. Außerdem wurde noch ein vierter Toter derRiobe , ter gleichfalls in diesen Tagen geborgen wurde, des­sen Identität aber nicht icftgefteKt toerüen tonnte, zusammen mit seinen Kameraden beige,eht. Eine Ehrenkompanie vom KreuzerKönigsoerg" und Abordnungen säm.Ücher in Kiel stationierten Kriegssahrzeuge waren erschienen. 2m Trauer- ge.fcLge sah man u. a. den Kommandanten von Kiel, Admiral v. Schröder, den Ches der Bi'^dungsinipektion, 5vonlerabm.ral Schulze, ferner Korvettenkapitän Ruhfus und den frü­heren Stationschef Admiral Hansen. Die An­sprache am Grave hielt Mar.nepfarrer Sonn­tag.

Erdbeben im Norden Englands.

Der Norden Englands wurde am Samstag um 9.20 Uhr MEZ. von einem starken tektonischen Erdbeben erschüttert, dessen Zentrum in Man­chester war. Mehrere Häuser wurden durch das Beben, das etwa eine Minute lang dauerte, stark beschädigt. In Manchester selbst stürzten viele Leute angsterfüllt auf die Straßen. Die Stöße wurden io- gar in großer (Entfernung von Manchester ver­spürt, z. B. im nordenglischen Seengebiet, im Westen von Uorkchire und in Westmoreland. Genau das­selbe Gebiet war vor zwei Jahren von einem starken tektonischen Erdbeben heimgesucht worden.

Regenbogen verschiebt feinen Südamerikaflug.

Jnsoige heftiger Nieder,chwge hat oas franzest,che GroßstUgzeugRegenbogen" seinen Weiterflug nach Südamerika um einige Tage verschieden müssen und ist in St. Louis (Senegal) geblieben.

SOS-Rufe eines spanischen Dampfers.

Der auf der Fahrt von Spanien nach Reykjavik befindliche spanische FxachtdampferFlora" hat mehrere SOS-Rufe ausgesandt. Das Sch.ff muß sich ungefähr 30 Seemeilen südlich von Island be­funden haben. Zur Hilfeleistung sind zwei englische Schleppnetzfischerboote ausgelaufen.

Wieder ein Brand auf einem neuen französischen

Schiff.

2m Hafen von Lor,ent brach an Bord des dort vor Anker liegenden MotorschiffesPräsi­dent Briand Feuer aus, das erst nach drei­stündigen Bemühungen der Feuerwehr gelöscht werden konnte.President Briand ist das neueste und größte Motorschiff der Fischereiflotille von Lorient und war erst vor wenigen Monaten in Dienst gestellt worden. Der Sachschaden ist bedeutend. Menschenleben tarnen nicht zu Schaden.

IBolfsplage in Galizien.

Aus ganz Ostgalizien werden starke Schnee­fälle gemeldet. Auch die W o l f s p l a g e macht sich wieder bemerkbar. So wurde dieser Tage in einer Entfernung von nur sechs Kilometer von Lem­berg ein großes Rudel Wölfe beobachtet, das ver­mutlich von den Karpathen bis vor die galizische Hauptstadt gezogen ist. Eine Wölfin, die zwei Hunde zerriß, ist von den Einwohnern gestellt und getötet worden.

Verantwortlich für Politik:

I. V.: Ernst B I u m s ch e i n.

Kölner Karneval im Museum.

Don Kurt Haumann.

Das wahrhaft närrische ZahIenspieljubMurn, das die große heitere Stadt am Rhein in diesem 2 ah re feiert, bedeutet nicht etwa, daß der Humor in dieser Stadt ausgerechnet erst vor 111 Jahren aufgebläht ist. Rheinische Heiterkeit ist älter, ihre tiefste Wurzel steckt in der Landschaft, in dem hell geschwungenen Band ihres Stromes, den freundlichen Bogen ihrer Berge und grünen Himmeloffenheit. Aber der Kölner Karne­val feiert den 111. Jahrestag seiner Wiedergeburt nach dem blutigen und eiser­nen Aufgang der Reuzeit. An seiner Wiege nimmt das strenge Empire Abschied, das Bieder­meier probiert es mit dem ersten Lächeln. Ein Jahrhundert deutschen Aufstiegs war dann trotz all seiner Kämpfe dem fröhlichen Rarren ge­wogen, der ihm Entspannung schenkte. Daß ihn neue Rot nicht ganz vertrieb, lehrt unsere Zeit. Kaum waren die Rheinlande von fremdem Druck, von Krieg und Besatzung äußerlich befreit, fei­erten sie schon wieder Karneval, und in anderen deutschen Landen haben wohl manche Menschen darüber den Kopf geschüttelt. 3m vergangenen 2ahr fiel der Karnevalamtlich" aus, die großen Festzüge in den rheinischen Städten, das Straßen- treiben der drei tollen Tage, Schalksnarr und Hebermut muhten zu Hause bleiben, weil nie­mand die Deranlwortung des Lachens tragen wollte. Es geht uns in diesem Jahr bestimmt noch nicht besser, und doch zeigt sich das Ku­riosum, daß jetzt umgekehrt niemand das Lach­verbot verantworten will.

In Köln taucht ein neues Leitwort für die tollen Tage auf:Karneval wie einst". Da tagte zu Wintersanfang der Kölner Ver­kehrsverein, eine Versammlung, der ein Bürger­meister versteht und ernste Männer der Wirt­schaft angehören. Zäh floh der langweilige Be- ratungsstoff, da fiel das Stichwort:Karneval im kommenden Jahr?" Es war nur eine Frage, aber sofort schien der Saal heller, ein jeder be­mühte sich, die Sorgenfalten rasch wegzuw'schen und dann einstimmig zu antworten, dah der Karneval selbstverständlich gefeiert werden sollte. Das läßt sich nicht mit Schlagworten abtun, daß der Karneval heute zum Geschäft geworden fei, zu einem Bestandteil neuzeitlicher Derkehrswerbung. Der Karneval des Rheinländers und besonders des Kölners ist ein Ausdruck seines Wesens.

Das 2ubiläumsiahr des Kölner Karnevals

aber hat damit begonnen, dah Prinz Karneval, der Fürst eines Reiches, in dem wirklich die Sonne nicht untergeht, nun in Ehren in die ernsten Hallen von Kunst und Wissenschaft ein­zog, dah ermuseumsfähig" und ausstellungs- reif wurde. Aber beileibe nicht in dem Sinne, dah der Karneval jetzt im Museum eingesargt wird es soll ja doch auch in Deutschland vorkommen, dah lebendige Künstler ins Museum kommen, sondern der Prinz Karneval als Lebenskünstler hilft vielleicht mehr dem Museum, daß cs an ihm genese. Wohl läht sich Humor, der flüchtige Geist, nicht leicht einfangen, auf Papier bannen und in Zimmer einschliehen. Aber der rheinische Karneval ist schließlich doch ein Satyr von derber Fülle und vogelbunt stolzierenden Farben, der sich gern bewundern läßt, ilnö so kann man ib auch ausstellen.

Der Lichthof des K. .r Kunstgewerbemuseums ist zu einer Strohe geworden, beherrscht von riesengrohen Kartons, auf denen in sprühender kecker Zeichnung der Witz derWagen und Gesänge" lebendig geworden ist, wie er im Laus von Jahrzehnten an jedem Rosenmontag einmal die gute Stadt Köln durchtollte. In den Umgängen aber erstand die ganze Heraldik und Veofassungsgc schichte des närrischen Reiches. Die Orden und Am.szeichen, die goldenen Bücher und fidolen Protokolle, die vielfarbigen, schecki­gen und zackigen Mühen, die Szepter und Pokale, das ganze Eulenspiegel-Rüsthaus der großen Karnevalsgesellschaften ist aufgebaut. Da sind Orden, wie sie in solcher Gewichtigkeit und über- schäumenden Symbolik kein Fürst dieser Welt verleihen kann, Bilder und närrische Zeichen, die in Laune funkeln wie kein Edelstein. Ein Ball- fest übermütiger Geister aber ist in den anderen. Räumen so lebhaft im Gange, daß der Besucher sich irgendwie verhext Dorlommt, verschlagen in ein phantastisches Reich, das Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft einfach durcheinander­wirft und auf den Kopf stellt. Die Kölner Weck- schulen haben daran gearbeitet, haben aus Stroh, Papier, Lappen und Farben ganze Scharen von Puppen aufgestellt und aufgeputzt. Die uralten und unsterblich jungen Typen, die Stadtsoldaten, die roten und die blauenFunken", Kölner Dauer und Jungfrau, die Reiter Jan von Werth, und manche andere sind aufmarschiert: im großen Gürzenichsaal, der da nachgeahmt ist, sitzen und tanzen die Paare und Masken, als fehle nur das Abrakadabra oder Hokuspokus des Zauberers, das Akaaf Köllen" ihres närrischen Fürsten, um Leben zu bekommen und wahrhaftig loszuspringen und hineinzulachen in die Stadt, die ihnen in jedem Jahr auf drei Tage verschrieben ist.

Die starre Aufstellung genügt den Kölnern na­türlich noch nicht. Dieses Mujeum und diese Aus­stellung wird tatsächlich lebendig [ein, junge Kölner und Kölnerinnen werden während der Dauer der Schau alle paar Tage zu besonderen Veranstaltun­gen in diese Masken hineinschlüpfen und in Um­zügen und Vorführungen beweisen, daß dieser Auf­putz stets bereite Hülle und Form rheinischen und kölnischen Lebens ist, angewachsen und eingeboren wie helle Augen, krause Haare und lusti­ger Sinn. Karneval in Notzeit? Der Kölner sagt ja, nachdem ihm das vergangene Jahr bewiesen hat, daß es ihm ohne seinen Karneval auch nicht besser geht. Die Narretei am Rhein ist ein Stück echter Mensch­lichkeit, die nicht etwa hochfahrend oder blind .ft gegen die Nöte der Zeit, nicht leichtherzig darüber weglachen will, sondern nur für ein paar Tage Frau Sorge duckt. Der Kölner Karneval hat nicht nur ein offenes Herz, das ihm oft verwegen über die kecke Zunge hüpft, sondern im Frohsinn auch ein hof­fendes Herz. Er verneint gar nicht, daß auch etwas Materialismus dabei ist, daß der Karneval feine wirtschaftliche Seite hat und eine zugkräftig? Werbung bedeutet, aber bei diesem Menschenschlag ist eben aus nüchternem Wirklichkeitssinn und Hei­terkeit eine lebensbejahende Mischung geworden, die sich nicht destillieren und analysieren läßt, sondern lebendig und perlend wie Wein und wie das Lachen auf den Lippen

Auf friedlicher Kopfjagd

Die amerikanische Bildhauerin Malvina Hoff­mann ist kürzlich von ihrer zweiten friedlichen Kopfjagd mit reicher Beute zurückgekehrt. Diese Expedition ist in Ausführung der großen ihr vor drei Jahren vom Field-Museum für «Naturge­schichte in Chicago erteilten Aufgabe, die Haupt­typen aller Völker der Erde in Bronze zu model­lieren, von ihr unternommen worden. 110 lebens­große Studien sollen in derHalle des Menschen" des Museums zur Aufstellung gelangen, darun­ter 25 Vollstatuen, die übrigen Düsten rind Köpfe. Dis jetzt sind 75 dieser Bildwerke vollendet. Die letzte 15 Monate währende Expedition hat die Bildhauerin begleitet von ihrem Gatten zurück­gelegt, der ihr durch photographische Aufnahmen behilflich war: sie führte sie nach den Hawaii- Inseln, nach Japan und der nördlich gelegenen Insel Hokkaido und von dort nach China. Man­ches Abenteuer in dem ewig brodelnden Hexen­kessel des Fernen Ostens muhte sie auf ihrer Fahrt bestehen: davon erzählt sie interessante Einzel- Heiken in einem Reuhorker Blatte. So fuhr sie in einem Zug gemeinsam mit Flüchtlingen aus der Mandschurei nach Peking. Sie waren er­

mahnt worden, sich, wenn der Zug durch Statio­nen führe, flach aus den Boden der Wagen zu legen, um nicht durch zufällig hinsausende Ku­geln vom Leben zum Tode befördert zu roerben. Aber sowohl bei den Chinesen wie bei s,-n Ja­panern fand die Bildhauerin 'Verständnis und Förderung für ihr iUnterirehmen. In Peking wurde ihr ein Atelier der Rockefeller^Stiftung für ihre Arbeiten zur Verfügung gefteK.. Trotz­dem aber war die Reise reich an Gefahren. Ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch auf Sachalin, schwere Schneestürme und glühende Hitzeperioden, eine nahe Berührung mit einem Panther und einige ungemütliche Augenblicke in Gesellschaft mit einemJakum", dem Angehörigen eines wilden Malaienstarnmes, dessen junge Frau Malvina Hoffmann porträtierte, das waren so einige Abenteuer dieser Reise. Das Erlebnis mit dem Malaien,, das besonders gefährlich aussah, schil­dert die Bildhauerin folgendermaßen:Die Frau war kaum i5 Jahre alt: während ich sie model­lierte, ließ ihr Mann mid) keinen Moment aus dem Auge. Mein Modellierholz schien ihm eine Bedrohung, und er zog deshalb ein scharfge- schliffenes langes Messer hervor und legte es quer über seine Knie. Ans meine schüchternen Einwände, daß mein Modellierwerkzeug stumpf und ungefährlich sei, versicherte er dasselbe von seinem Messer." Diele Schwierigkeiten, nicht zu­letzt den völligen Mangel an Komfort, mußte die Bildhauerin bei ihrem Werke hinnehmen: aber sie tat es gern in dem Bewußtsein, die Bahnbrecherin einer neuen Idee, der Vereinigung von Kunst und Wissenschaft, zu sein. An Stelle der bisher in naturhistorischen Museen üblichen Methode, ir­gendeine Puppe aus Wachs zu nehmen, sie in einer der Hautfarbe der Völkerschaft entsprechen­den Weise anzumalen und mit der nationales Tracht zu bekleiden, unbekümmert darum, daß sich die verschiedenen Rassen auch in ihrer Körperbil­dung unterscheiden, sollen nun diese nach dem le­benden Modell von einer Künstlerin gebildeten Skulpturen treten. Dadurch soll den anthropolo­gischen Sammlungen der Museen neues Blut zu­geführt werden. Im allgemeinen stieß die Bild­hauerin bei den verschiedensten Rassen auf keine Schwierigkeiten, geeignete Modelle zu finden. Arme und Reiche, indische Prinzen, ein chinesischer Gelehrter, ein afghanischer Geldverleiher, ein auf den Bäumen hausender Papua, das Weib eines Paria, alle waren gleich bereit, ihr zu sitzen. Anter den Eingeborenen war eine Kette aus Glasperlen oder ein Päckchen Salz eine genügende Gegenleistung: dagegen konnte man mit Geld in den meisten Fällen nichts erreichen.