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Nr. 217 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, Ib. September (955
Seulschlands biologische Lebenöbilanz.
Von Or. von Tyszka,
Profeffor an der Universität Hamburg.
Die Bevölkerung des Deutschen Reiches betrug 1871: 42,1 Millionen, 1890: 49,4 Millionen. 1913: 67,8 Millionen, jedoch 1925 (auf verkleinertem Gebiet) nur 62,6 Millionen und nach der letzten Zählung vom 16. Juni 1933: 65,3 Millionen. Die jährliche Zuwachsrate stellte sich in der ersten Periode auf 1,1 0. H., in der zweiten auf 1,5 0. 5)., dagegen in der Nachkriegszeit nur noch auf 0,8 v. 5). In diesen wenigen Zahlen: dem starken Aufstieg der Bevölkerungszahl bis 1913, dem plötzlichen Rückgang m der Nachkriegszeit durch die Folgen des Diktats von Versailles und dem nur langsam zögernden Wiederanstieg von 1925 bis 1933 liegt Deutschlands biologische Lebensbilanz bcschlos- sen. Und das »st das Tragische an dieser Enlwick- lung, daß, wie eine Betrachtung vom biologischen Standpunkt aus zeigt, jener Wiederanstieg oer Volkszahl in den letzten Jahren nur ein scheinbarer ist, daraus beruhend, daß die Sterb- l i ch k e i t s v e r h ä l t n i s s e günstiger geworden smd, daß also die Bevölkerung eine längere Lebensdauer hat. Dagegen läßt der Nachwuchs infolge fortgesetzt sinkender Geburtenzahl immer mehr nach. Dadurch wird eine Beoöl- kerunaszunahme oorgetäuscht, die in Wirklichkeit, gemessen an der Wiedererneuerung des Volkskörpers von unten her, gar nicht vorhanden ist.
Unser Volk wächst aus seiner natürlichen Quelle, dem Geburtenüberschuß, schon heute nicht mehr. Der von der Statistik formal berechnete Ucberschuß der Geborenen über Die Gestorbenen von 6 auf ^OOO .der Bevölkerung ist nur ein scheinbarer, in Wirklichkeit ergibt sich nach der sogenannten „bereinigten Lebensbilanz" schon jetzt ein Geburtendefizit von 1,5 auf 1000. Und da Die Zahl der zu erwartenden Geburten und Sterbe- fälle bekannt ist, kann man schon heute den Zeitpunkt genau berechnen, an dem selbst diese schein- bare Beoölkerungszunahme verschwindet, und unser Volk nun auch tatsächlich ziffernmäßig zurückgeht. Das Statistische Reichsamt hat berechnet, daß selbst unter der Annahme, daß die Sterblichkeitsverhältnisse weiter so günstig bleiben, bereits im 3 ahre 1 9 4 5 die Bevölkerungszahl Deutschlands mit 67,7 Millionen ihren Höchststand er- reicht hat. Von da an geht die Volkszahl dauernd und in immer stärkerem Maße zurück. 1960 werden in Deutschland nur noch 65 Millionen und um das Jahr 2000: 46 Millionen wohnen.
Was bedeutet das für die Zukunft unseres deutschen Vaterlandes? — Heute ist trotz der Bevölkerungsverluste durch Krieg und den Gebietsabtretungen Deutschland immer noch das volkreichste Land in Europa, — wenn wir von Rußland absehen. Erst im weiten Abstand folgen Großbritannien, Frankreich und Italien. Aber schon nach wenigen Jahrzehnten wird es ganz anders aussehen. Die Tendenz, die schon in Den letzten Jahrzehnten zum Ausdruck kam: die Verlagerung des europäischen B e v ö l k e r u n g s s ch w e r p u n k t s nach dem D ft e n, die Ueberflügelung der germanischen Völker durch die slawischen wird dann in immer wachsendem Maße um sich greifen. Während jetzt auf die germanische Dölkergruppe noch ungefähr ein Drittel der Gesamtbevölkerung in Europa entfällt, wird bereits in drei Jahrzehnten ihr Anteil auf ein Viertel gesunken sein, während der Anteil der slawischen Bevölkerungsgruppe auf über bie Hälfte angestiegen sein wird. Damit wird nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und kulturell die germanische Bevölkerung und mit ihr das Deutschtum immer mehr in den Hintergrund gedrängt, ^d das Gespenst der Abhängigkeit und Hörigkeit von den zahlenmäßig immer mehr wachsenden slawischen Völkern taucht auf.
Eine zweite nicht minder schwere Gefahr birgt das Aushören des Bevölkerungswachslums unseres deutschen Volkes: nämlich auch eine Verschlechterung des qualitativen Menschenbestandes. Der Rückgang der Geburtenzahl wirkt nicht auf eine Auslese der Besten, sondern umgekehrt auf Erhaltung der Minderwertigen und Ausmerzung der qualitativ hochwertigen und kultur- tragenden Volksteile. Die von dem Augustinerpater I. Mendel entdeckten Vererbungsregeln haben nämlich bargetan, baß bei zu schwacher Fortpflanzung nicht genügenb Spielraum vorhanben ist, um die erbgefunbe Masse zum Durchbruch kommen zu lassen. Es besteht schon beim Zweikindersystem — und erst recht beim Einkindersystcm —, aus bas wir zusteuern — bie große Gefahr, daß d i e m i n - berroertigen Eigenschaften sich im ftär- feren Maße vererben und dadurch die Rasse oer- schlechtem. Schon nach fünfmaligem Generationswechsel, sagt Burgdörfer, besteht ein solches Volk praktisch nur noch aus den Nachkommen des geringwertigen, minder tüchtigen Teils. Die Nachkommen des hochwertigen Teils sind so gut wie aus- geworben.
Dem quantitativen und qualitativen Rückgang unseres Volkes tatenlos zusehen, wäre ein Verbrechen an der Zukunft unseres Volkes. Wir sind nicht gewillt, uns auszugeben, sondern wir werden uns dagegen mit aller Kraft zur Wehr setzen. Es ist das große Verdienst unserer Regierung, den Kampf gegen die Verschlechterung unserer Rasse mit aller Energie ausgenommen zu haben. Die ersten Schritte und Etappen auf diesem allerdings sehr schweren Wege sind schon getan. Die Aufnahme des Siedlungsgedankens ist ein solcher erster Schritt. Die Quelle der Erneuerung unseres Volkstums ist nicht die Stadt und die städtische Bevölkerung, sondern das Bauerntum. Schon vor mehr als 40 Jahren hat Georg Hansen in seinem Buch: „Die drei Bevölkerungsstufen" statistisch nachgewiesen, daß die städtische Bevölkerung nach drei Generationen aussterben muß, wenn ihr von der bäuerlichen nicht neues Blut zugeführt wird. Wie
derherstellung eines kräftigen, leistungsfähigen Bauerntums, '.Rentabilität der Bauernwirtschaft, Ansiedlung von Erwerbslosen in Bauernstellen auf fruchtbar gemachtem Oedland sind Voraussetzungen dafür, daß wir eine Bevölkerung erhalten, die sich ihrer Aufgabe bewußt ist, mitzuwirken an der Er- baltung unseres Volkstums durch trabitionstreue B"ege ber Familie unb der Nachkommenschaft. Auch das kürzlich erlassene Gesetz über die Gewährung von E h e st andsdarlehen verfolgt das gleiche Ziel: Förderung von Eheschließungen und Gründung von gesunden Familien mit starkem Nachwuchs. Ganz besonders ist hier aber das soeben erlassene Gesetz zur Verhütung von erbkrankem Nachwuchs zu begrüßen, das einer qualitativen Verschlechterung unserer Rasse durch Unfruchtbarmachung erbkranker Personen ent- aegenwirken soll. Das Gesetz bestimmt, daß Personen, deren Nachkommenschaft nach den Erfahrungen ärztlichen Wissenschaft an schweren körperlichen oder geistigen Gebrechen leiden würden, durch operativen Eingriff sterilisiert werden können. Gerade diese gesetzgeberische Maßnahme ist von weittragendster Bedeutung. Es wird ein Markstein in der Geschichte unseres Volkes fein, daß eine Regierung versucht, dem Verfall des Volkes durch Ver- erbung von krankhaften Eigenschaften energisch ent- gegenzutreten. Das was von Eugenikern, Aerzten wie von Volkswirtschaftlern und Politikern schon seit Jahrzehnten gefordert wird, Einhalt zu tun der Vererbung degenerierender Krankheiten, ist hier endlich zur Tat geworden.
Die Hauptsache bleibt aber doch, daß in unferm Volk als Ganzes ber Wille zum Wieber- a u f ft i e g immer mehr unb immer stärker zum Durchbruch kommt unb bas Bewußtsein unb bie Ueberzeugung sich burchsetzt, bah wir nur bann eine Zukunft haben können, wenn unser Volk wieder zahlenmäßig durch Zunahme der Geburten wächst-, daß wir aber zum Volkstod verurteilt sind, wenn unsere Familie zu einer Zwergfamilie ohne Nachkommenschaft verkümmerte.
Lord ©reg unb ber Ausbruch bes Weltkrieges.
Äon Or. Gustav Wolost, 0. ö. profefior
Der Tod Lord Greys, des englischen Ministers des Auswärtigen im Juli 1914, hat noch einmal die Gedanken, insbesondere in England und Deutschland, auf den Anteil gelenkt, den er an jenen Schicksalstagen gehabt hat. Zufällig sind in England noch unabhängig von dem Eindruck des Todes zwei Aeußerungen gefallen, die, im Urteil auseinandergehend, für die Anschauung weiter Kreise gewiß von Wichtigkeit sein werden. Die „Times" rühmte in einer neuen Aufwallung ihrer Deutschfeindschaft seine Politik mit großen Worten: Greys Eintritt in den Krieg sei weniger auf Berechnung und Ueberlegung als auf einen i n ft i n 11 i d e n Entschluß, hervorgerufen durch die unruhige unb bedrohliche Politik Deutschlands, zurückzuführen, und nie habe England Grund gehabt, diesen Entschluß zu bereuen. Anders Lloyd George, fein langjähriger Mitarbeiter, von dessen Erinnerungen gerade am Todestage ein neues Stück erschienen ist. Nach ihm war Grey überhaupt nicht der Mann eines Entschlusses, er habe nie die Dinge meistern können, er fei, wie er es früher schon einmal ausgedrückt hat, mehr in den Krieg hineingerutfcht als hineingegangen und habe durch seine Schwäche die energische Führung behindert.
Gegen das günstige Urteil der „Times" über den Ausgang des Krieges ließe sich vom englischen Standpunkt manches einwenden — die Zurück- brängung ber englischen Seemacht burch bie amerikanische, bie beständige Bedrohung Großbritanniens durch die französische Lust- und Unterfeeflotte, bie
ber Geschichte an der Universität Gießen.
Unruhe in Jnbien unb anberen Dominions, bie Schuldenlast unb Arbeitslosigkeit u. bgl. —, aber wir wollen barüber mit den Englänbern nicht rechten, uns interessiert jetzt mehr die Tätigkeit Greys im Juli 1914, weil dadurch das Schicksal Deutschlands und der Welt bestimmt worden ist. Hier sind beide, die „Times" und Lloyd George, im Irrtum. Grey war weder entschlußlos, noch ist er einer plötzlichen Eingebung feines 3 n ft i n f t s gefolgt. Seine Politik un Juli war vielmehr die logische Fortsetzung seiner vorherigen; seit Jahren hatte er der deutschen Regierung systematisch die verwerflichsten Motive untergeschoben und die Möglichkeit, ja d i'e Wahrscheinlichkeit eines Krieges erwogen, und beim Auftauchen der Krisis zwischen Oesterreich und Rußland war er entschlossen, den Krieg herbeizuführen. Seinen Vorsatz hat er durchgeführt in vollendeter Skrupellosigkeit, ohne Scheu vor den verwerflichsten Mitteln: er hat die russische Regierung in ihrer Kriegsneigung angefeuert und hat, um England in den Krieg zu treiben, sich der bewußt falschen Berichterstattung seinem Könige wie seinen Ministerkollegen gegenüber schuldig gemacht.
Grey wußte bei Beginn ber Krisis nach ber Gr- morbung des Erzherzogs genau Bescheid über die von Rußland geschürten Umtriebe Serbiens gegen Oesterreich-Ungarn-, er wußte, daß sich die Wiener Regierung in schwerster Notwehr befand und nahm an, daß das Komplott zum Mord in Serbien ge
schmiedet fei. Trotzdem hat er auf bie Nachricht DOtnr2e'l<?meid)9 Sühnesorbcrungen an Serbien Der ru|lIfd)en «Reg^nmn nabegelegt, sich in Den serbisch, w cinzumischen (24. Juli), ohne
Rücksicht Darauf, Daß hierdurch ber Friebe gestört roerben forme Aber am nächsten Tage tat er noch mehr. Er erfuhr (am 24. Juli abenbs ober £>. morgens) Durch Buchanan, Den englischen Bot- Idjafter in Petersburg, Daß RußlanD bereits Rü- ftungen begonnen habe. Daß Sasonow, Der Mini- ' Auswärtigen, unD Palöologue, Der fron- 3ofifd)e Botschafter, unbcDingte Unterstützung Serbiens gegen Oesterreich für notwendig erklärt unb Englanbs H 11fe verlangt hätten, falls baraus ein Bruch zwischen Rußlanb unb ben Mittelmächten hervvrgehe. Palsologue habe sonor erklärt, Frankreich und Rußland seien auch ohne England zum Kriege gegen Deutschland unb Oesterreich entschlossen Die Sprache Des russischen Außenministers", hieß es weiter, „war in Dieser Hinsicht jeDoch nicht so entschiebe n".
Grey mußte aus biesem Bericht entnehmen, bah Sasonow zwar mit ber Möglichkeit bes Kriege rechnete, aber noch nicht entschlossen war. ohne Gnglanbs Beistanb zum Kriege mit Den Mittelmächten zu schreiten, baß also eine ehrliche Vermittlung Englanbs unb ein kräftiger Druck auf Rußland, einen gerechten Aus- gleich mit Oesterreich zu suchen, gewiß A u s si ch t auf Erfolg habe, zumal um dieselbe Zeit auch günstige Nachrichten aus Wien eingingen. Aber Grey tat das Gegenteil: er bemühte sich so- gleich, die letzten Bedenken des russischen Ministers gegen den Krieg bei Seite zu räumen. Er ließ ihm sogleich mitteilen, England werde zu Ruß- land unb Frankreich stehen, wenn sich aus ber serbisch-österreichischen Frage ein Bruch zwischen Rußlanb unb ben Mittelmächten en‘- wickele, er billigte bie russischen Rüstungen unb sagte schließlich bem Grafen Benckenborff, bem russischen Botschafter in London, er werde durch eine Scheinoermittlung Deutschland beim Kriegsausbruch in eine militärisch ungünftige Lage zu bringen suchen (25. Juli). Daß damit jede Friedensmöglichkeit dahinfiel, ist verständlich; Rußland hat sogleich seine Rüstungen mit gesteigerter Energie betrieben und unerfüllbare Forderungen an Oesterreich gestellt. Alle Bemühungen Deutschlands, eine Verständigung zwischen Oesterreich und Rußland zu finden, mußten vergeblich bleiben.
Nun handelte es sich für Grey um die Notwendigkeit, feinem Kabinett, dessen Mehrheit für aufrichtige Vermittlung unb Erhaltung des Friedens war, die Zustimmung zu dieser, den Frieden mor- denden Politik zu entreißen. Zu dem Zweck hat er den Ministern am 27. Juli einen falschen Bericht über die Lage oorgelegt. Er hat, wie wir aus den Aufzeichnungen des Ministers Morley, eines ehrlichen Friedensfreundes, der nach bem Kriegsausbruch seine Entlassung genommen hat, erfahren, bem Kabinett oorgefpiegelt, baß nach Buchanans Bericht Rußlanb unb Frankreich a u f alle Fälle zum Kriege entschlossen seien, falls Oesterreich auf ber Bestrafung Serbiens bestehe, möge Englanb mitgehen ober nicht: ben oben zitier- ten Satz, baß Sasonow noch Bebenken trage, falls Englanbs Mitwirkung nicht sicher sei, hat er unterschlagen. Die Mi- nifter würben daburch in ben Glauben versetzt, daß jede Vermittlung überflüssig sei, und daß es sich für England nur um die Frage handle, ob es mitkämpfen ober neutral bleiben solle. Hätten sie gewußt, baß Sasonows Entschluß noch nicht gefaßt war, hätten sie gewiß einen starken Druck in Petersburg verlangt unb bie Mißbilligung der russischen Rüstungen, bie ben Frieben aufs stärkste ge- sährbeten, ausgesprochen.
Es ist nicht abzusehen, welche Wirkung eine solche englische Erklärung gehabt hätte: um seinen
Elf Schillsche Offiziere.
Erzählung von Erich Tüllner, GOS.
Am 16. September 1809 würben in Wesel bie elf Schillschen Offiziere erschossen.
Es ist am Morgen bes 28. April 1809. Sechs- hunbert Reiter, ohne Gepäck, ohne Proviant, ohne Munition, verlassen Berlin durch Hallesche Tor — sechshundert Schillsche Husaren.
Exerzieren — die Parole! Die sechshundert Reiter, staubbedeckt unter früher Sonne, halten bei Potsdam. Schill tritt vor:
„Kameraden! Der Feind steht mitten unter uns, grausam, frech unb unbarmherzig. Ihr wart babei, als Preußen fiel, feib auch babei, wenn es bie Fesseln abwirft! Im Westfälischen, in Tirol, in ber Altmark — überall rührt sich das Volk. Aufruhr, Kameraden! Wer soll eure Frauen vor der Willkür des korsischen Eroberers schützen, wenn nicht ihr! Wer soll euren Kindern die Freiheit erkämpfen, wenn nicht ihr! Preußen steht auf, bedenkt Euch, daß ihr nicht die letzten seid!
Kameraden! Unser gnädiger König hat mir befohlen, dem westfälischen Korps des Obersten Dörnberg Succurs zu bringen. Wer von Euch in dieser großen Stunde abseits stehen will, sage es frei: ich entbinde ihn von seinem Eide. Wer aber bereit ist, um der Freiheit Preußens willen sein Leben einzusetzen, der folge mir!"
Sechshundert Arme recken sich: Sechshundert Stimmen rufen: wir alle! Der Frühling springt aus ben Knospen: Frühling ber Freiheit, denken sechshundert Reiter und wissen nicht, daß der Befehl des Königs nur fingiert ist. Und bann ziehen sie westwärts wie sie gekommen finb: ohne Gepäck, ohne Proviant, ohne Munition, ohne Gelb — ein Häuflein Husaren, Jagb auf ben Korsen zu machen
♦
Die Elbe ist längst überschritten. Neue Truppen sind zu Schill gestoßen — aber die Zukunft ist doch düster wie nie zuvor.
„oag* mir, Flemming, weshalb wir ben Aufruhr ins Lanb tragen? Weshalb?"
„Ruhig, Schill, mit uns ist Gott, weil sonst niemand mit uns ist. Belügen wir einander nicht! Der König mißbilligt unser Unternehmen, Navoleon verfolgt uns, Dörnberg, Satte und all' die Geschlagenen sind uns ein schlechtes Vorbild."
„Aber?" fragt der Major.
„Aber", sagt Flemming, -dunklen Glanz in der Stimme. „Aber es geht iim Preußen!"
„Ja ... ja .. dreimal ja! Und wir werden gehen, wenn wir dem König Das letzte Dorf zurückgewonnen haben. Wir werben gehen, preußische Offiziere, sonst nichts!"
Nacht senkt sich nieber. Ferbinanb von Schill denkt: daß er dem König bie Treue brach um seiner Liebe zu Preußen willen, ist vor Gott eine geringe Schuld. Daß er aber sechshundert Reiter ins Ungewisse des Todes führen will, bürdet ihm sechshundertfache Verantwortung auf.
Die Nacht verrinnt. Schlaflos wandert der Major ums Lager. Verräter, klagt fein Gewissen — aber die Sterne stehen auf Unsterblichkeit.
Dleigrauer, dumpfer Morgen! Im Westen wellt bas Land sich auf wie ein Feld von Gräbern. Als Schill schweigend die Wache passiert, hort er den Reiter sagen: „Die Saat steht schlecht. Aber einmal wird Fruchtbarkeit roieberfommen Und bafür wollen wir sterben!"
Im Mai bieses Jahres fällt bie Entscheidung. Schill, von aller Hilfe abgeschnitten, hat mit seinem Detachement die Ostseeküste erreicht. Hat die billige Flucht noch Böhmen verschmäht und mitten im Frieden Stralsund genommen.
Die Stadt, die Wallenstein vergeblich bestürmte, wird Napoleon nicht standhalten. Denn schon sammelt sich ein Heer zur Belagerung. —
„Flemming, Winterfeld, Blendinger, ihr alle, hört zu!" sagt Schill mit rauher, gesprungener Stimme. „Ihr seid für mich eingetreten lange genug. Dieser Kopf, den ich nun 33 Jahre trage, ist zehntausend Franken wert. Zehntausend Franken, Kameraden! Vor den Toren steht der Feind, um ben lebenbigen Preis zu holen. Wer zu mir hält, mag bleiben. Ich aber habe keine Hoffnung mehr auf Preußen, seit seine Männer sich in bie Mauselöcher verkrochen haben."
Am Morgen des nächsten Tages wird Stralsund genommen. Der Kampf ist schnell entschieden. „Preußen", ruft Schill und gibt dem Pferd die Sporen zur letzten Attacke. Und — Preußen der letzte Gedanke — sinkt er tödlich getroffen nieder.
Vier Monate fast vergehen, bis bie elf Schillschen Offiziere, bie man gefangen nahm, Gewißheit über ihr Schicksal haben. Zu Wesel am Rhein sind sie gefangen, zu Wesel am Rhein werden sie sterben.
Schill ist gefallen, Schill, ein Helb, ber gegen bie Treue aufbegehrte und für ein Phantom sein Leben ließ.
„Wozu also alles?" seufzt Kracht. „Dazu, daß man verreckt, mitten in Deutschland Gefangener der fremden Eroberer?"
„Lächle, Kracht!" singt die sanfte Stimme des jungen Wedel! „Und verzweifle nicht!" sagt Blen- binqer. . Verzweifle nur nicht!"
Die Stunden schreiten Dahm, unerbittlich :m= wiederbringlich. Abermals fragt Kracht: ,,W^u 1 das alles?" und abermals singt Das tapfere KinD: „Lächle, Kracht, Kamerad, lächle!" *
Da steht Winterfeld auf, in sich ruhend wie ein Stück westfälischen Ackers, und poltert: „Ein preußischer Offizier ist kein Hundsfott. Wir werden sterben — und den erwürg' ich, der um Gnade winselt. Wir werden sterben — aber in dieser Stunde sage ich euch, daß aus unseren Leibern Deutschland sprießen wird."
Es geht auf Morgen Die Elf liegen schweigend und denken. „Deutschland", fragt einer wie aus dem Traume. „Deutschland", sagt Winterfeld lächelnd, als träfe ihn der Widerschein der kommenden Sonne. „Denn vor der Ewigkeit erkenne ich, wie nahe das Reich der Deutschen ist."
Stunden danach. Türen gehen, Wächter unb Ofiziere betreten bie Zelle. Die Elf erheben sich, straffen sich, Augen in Auge mit ben Bütteln bes Kaisers. Und vernehmen das Urteil.
Zwei Stunden noch Leben! Dann werden die Trommeln wirbeln, dann wird die Salve sie niederreißen, die der Korse befahl. Die Elf sind blaß. Aber mit starren Gliedern hören sie, was sie erwartet. Und als die Türen sich wieder schließen, lacht Kracht verächtlich: „Jetzt weiß ich, wozu! Daß wir bie Lumpen bas Sterben lehren — bazu!"
Wacht Preußen auf, als um Mittag bes 16. Sev- tember 1809 die Tore sich offnen und man die Elf zum Richtplatz führt?
Sie gehen, elf Schillsche Husaren, zur Schädel- ftätte. Und keiner wankt.
Dies ijt der Platz, an dem sie fallen werden. Die Trommeln wirbeln. Paarweis bindet man sie mit Stricken. Und als schon die Hähne gespannt sind, schreit Wedell auf: „Brüder! Wir sind auserwählt, fürs Vaterland zu sterben! Dankt ber Ehre, Brü- ber! Sterbt preußisch!"
Die Salve prasselt. Zehn preußische Husaren stürzen nieber. Einer, Webell, den bie Kugeln verfehlten, ruft: „Hier sitzt bas preußische Herz!" — Dann fällt auch er.
fflf Tote gehen aus, um Preußen zu wecken. Und werden die elf Husaren gerufen, so antwortet Deutschland: Hier!
Ein bayerisches Vofksstück von Mar Oinaler.
Die Ganghofer - Thoma - Bühne der Gebrüder Schultes in Egern am Tegernsee, die durch ihre Gastspiele auch in Gießen bekannt geworden ist, brachte das oieraftige Schauspiel ,.D’ Jaaga" (Die Jäger) von Mar Di agier mit großem Erfolg zur Uraufführung. Der Versager En'omolooe an der Hessischen Landesuniverütat Gießen, ist Oberbayer von Geburt und hat sich von jeher für
die Wiederbelebung der bodenständigen Mundartliteratur eingesetzt. ,,D' Jaaga" sind ein richtiges bayerisches Volksstück. Dingler behandelt einen in seiner Heimat noch heute lebendigen Stoff: ben Tob bes am Leonharditag im November 1877 am Tegernsee ums Leben gekommenen Wilbschützen Jennerwein, ber sich bei seinen Lanbsleuten eines ähnlichen Rufes erfreute wie etwa in unserer Gegend Der SchinDerhannes. Jennerwein wurDe von seinem Freunde Pfederl, Der vor kurzem selbst noch ein Wil- berer war unb bann ein ehrbarer Jagbgehilse geworben ist, im Jähzorn unb aus Eifersucht hinterrücks erschossen. Dingler gab ber berühmten Wilderer- Legenbe in einer volkstümlich schlichten unb psychologisch zwingenden Gestaltung eine neue Form und eine neue Betonung, indem er neben den schon bei Lebzeiten von seinen Landsleuten verherrlichten Jennerwein ben Täter Pseberl in ben Vordergrunb der Handlung rückte, ihm Gerechtigkeit widerfahren ließ und sein Schicksal zu begreifen unb zu beuten versuchte. Die klare und unsentimentale Komposition des Stoffes und bie urwüchsige Mundart machen das Schauspiel zu einem echten Volksstück, das kraft seines Gehaltes auf oberflächliche Effekte und jegliches Zugeständnis ans Publikum gut und gern verzich- ten kann. Die Aufführung der Schultes-Bühne ver- half dem Stück mit einer geschlossenen Ensemble-Leistung und ausgezeichneter Einzeldarstellung zu einem überzeugenden und verdienten Erfolg.
ÖochfdMilnacfiriditen.
Der Direktor ber Mebizinischen Universitätsklinik in Frankfurt a.M., Professor Dr. Franz Vok- Hard, hatte vor einiger Zeit einen Ruf nach Ber- I i n als Leiter der dortigen Medizinischen Universitätsklinik erhalten. Wie nunmehr bekannt wird, hat Professor Dr. Volhard diese Berufung a b gelehnt.
Auf ber Jahresversammlung der American Chemical Society aus ber Weltausstellung in Chikag 0 würbe ber hervorragenbe deutsche Chemiker Professor Dr. Richard W i 11 st ä 11 e r, M ü n- chen Nobelpreisträger von 1915, in Gegenwart zahlreicher amerikanischer und europäischer Wissenschaftler mit der W i U a r d - G i b b s - M e d a i 11 e. der höchsten Ehrung ber amerikanischen Chem'e- Wissenschaft, ausgezeichnet
Folgenden Lehrkräften an ber Universität Köln ist auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums die Lehrbefugnis entzogen worden: dem Honorarprofessor für indo-iranische ‘Philologie Dr. Isidor Scheftelowitz, dem 0. 0. Professor für deutsche unb nordische Phil^l»" - Dr. Hans Snerber, di-n Privatdozenten Dr S r'in Cohn-Vossen «Mathematik) und Dr. Hans Rosenberg (Mittlere und neuere Geschichte).


