Ausgabe 
15.6.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 157 (Erftes Blaff

185. Jahrgang

Donnerstag, 15. Juni 1933

Lrlchelni rügllch, autz« Sonntags and Feiertag»

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Or H.Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein undfür denAn- geigentcil i.D.TH.Kümmel sämtlich in (Biegen.

Nandnoteu.

Zahlenmäßige Bestandaufnahmerr dec Völker sind, soweit geschichtliche Aufzeichnungen reichen, bekannt. (Sanz früher wurde die Volks- gemeinschast einfach durchgezählt. Man erinnert sich noch der Berichte der griechischen Geschichts­schreiber, die aus unserer Schulzeit noch im Ge­dächtnis hasten. Dort wird überliefert, daß der persisch« König Terxes seine Soldaten wie eine Herde in einen abgezäunten Bezirk treiben lieh, damit sie dort durchgezählet würden. Eine ein­fache Art, sich über die Zahl der Landestinder unterrichten zu lassen! Mehr System und sorg­fältigere Arbeiten verraten die späteren Zählrnaß- nahmen, über die uns das Reue Testament, in Herr orra gen dem Mähe die Weihnachtsgeschichte, erzählt:Unb cs begab sich zu der Zeit, dah ein Gebot rom Kaiser Augustus ausging, dah alle Welt geschähet würde ... Diese Anordnung, dah jeder sich in seinen Stamm, in seine Heimat ver­fügen mußte, verrät bereits die gründliche Energie einer durch und durch politischen Bestandauf­nahme. Die einfache Zählarbeit genügte den Römern nicht mehr, sie wollten mehr, ihnen ging es schon um die Frage der völkischen älnterschiede, der Verteilung der einzelnen Stämme, sie woll­ten sich unterrichten, inwieweit ihre Untertanen ansässig blieben oder freizügig fiedelten. Die An­fänge der politischen Statistik sind hier bereits zu erkennen.

Wenn man den Chronisten der späteren Zeit, zumal des Mittelalters und der folgenden 2ahr- hunderte, folgt, findet man immer wieder in um­ständlicher Breite die Vorbereitungen zur Volks­zählung ausgeführt. Die Zählung des Volkes galt immer als großes Ereignis, und nach getanem Werke gingen die seltsamsten Geschichten über Land. Denn wie heute noch ergaben auch da­mals schon solche ^Inventuren'' manche Eigen­tümlichkeit. Gerade an Hand dieserRaritäten", denen die Chronisten jeweils mit besonderer Liebe nachgingen, erfahren wir immer von dem Ereig­nis der Volkszählung.

Die erste Volkszählung in Deutschland, im mo­dernen Sinne, liegt über 10 Jahre zurück! 1871! Seit 1875 wurde alle fünf Jahredas Volk aufgenom­men", regelmäßig bis zum Jahre 1910. Seit dem Jahre 1925 hat in Deutfchland keine Volks-, Berufs- und Betriebszählung statt- gefunden. Die meisten Zahlen, mit denen Gesetz­geber und Wirtschaftspolitiker arbeiten müssen, sind veraltet, und die neuen Angaben, die auf Berechnungen oder Schätzungen beruhen, nicht immer zuverlässig. Schon im Jahre 1930 sollte eine allgemeine Zählung stattfinden. Sie wurde aber aus Ersparnisgründen immer wieder ver­schoben. Gegenwärtig würde eine weitere Hinaus­zögerung der Inventaraufnahme das Musterbei­spiel einer verkehrten Sparsamkeit darstellen. Rich- tiges Handeln erfordert richtige Erkenntnis, und diese ist nicht möglich ohne zutreffende und zuver- lässige statistische Zahlenangaben. Die Rctchsre- gierung hat deshalb durch Gesetz angeordnet, dah am 16. Juni in ganz Deutschland (mit Aus­nahme des der deutschen Verwaltung noch immer nicht wieder unterstehenden Saargcbietes) eine Volks-, Berufs, und Betriebszäh­lung stattfindet.

Die Zählung ist diesmal von ganz besonderer Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft. Soll sie doch gewissermaßen die Ausgangs­punkte für die Durchführung des großen Vierjahresplans absteckcn, des- en Ziel die Lieberwindung der großen Wirt- chaftskrise und die Wiedergesundung der Wirt- chaft sein soll. Der Gesichtspunkt der Sparsamkeit tritt bei dieser Zählung daher nur insofern in Erscheinung, als sie nach Möglichkeit vereinfacht und auf die wesentlichen für Gesetzgebung und Verwaltung wichtigen Fragen beschränkt worden ist. Dafür wird aber die Auswertung der Zählungsergebnisse möglichst beschleunigt werden, damit sie baldigst benutzt werden können. Diesmal werden ferirer bei der Zählung alle prak­tischen Gesichtspunkte in den Vordergrund gerückt. Es wird eine Krisen- und Rotzählung sein, die vor allem der nationalen Regierung das unentbehr­liche Material für die vorzunehmende Aufbau­arbeit liefern soll. Schon zwei bis drei Wochen nach dem Zählungstage hofft man, vorläufige Zah- lungsergcbnisfe veröffentlichen zu können. Die be- rufs- und betriebsstatislischen Grundtatsachen wer­den freilich erst in einigen Wochen endgültig fest­gelegt werden können. _ ..

Durch die Volkszählung werden zunächst die Einwohnerzahlen der einzelnen Gemein­den der Länder und des Reichs. Wanderungen zwischen Stadt und Land, Aenderungen in der Gliederung des Volkskörpc r s in Be­zug auf Alter, Familienstand usw. vermittelt wer­den können. So liefern die Sterblichkeitsziffern z. 2. erst die Unterlagen für die Reform der So­zialversicherung. Die Berufszählung wird die tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Wandlungen nachweisen, die seit dem Jahre 1925 infolge der Wirkungen der Wirtschaftskrise einge­treten sind. Die Betriebszählung cru>- lich wird ein Bild der heutigen Gliederung der deutschen Wirtschaft in Groh-, Mittel- und Klein­betriebe zeigen. Sie wird daher beispielsweise für die künftige Mittelstandspolitik von Bedeutung sein. Wer also die praktische Wichtigkeit der neuen Volkszählung leugnen wollte, würde damit nur beweisen, dah er sich über die Zusammenhänge zwischen Tatsachenerkenntnis und Reformwillen noch nicht klar geworden ist. Wer Besseres schaf­fen will, muh zunächst einmal wissen, was gegen­wärtig ist und wie es in der Welt aussieht. Das ist in erster Linie die Aufgabe der Volks- Berufs- und Betriebszählung.

Englisch-amerikanische Gchuldenregelung.

Amerika nimmt die englische Abschlagszahlung an.

Washington, 14. Juni. (WTB.) In der Pressekonferenz gab Roosevelt über die Neu­regelung der Schuldenfrage mit der englischen Regie­rung Aufschluß. Roosevelt hob hervor, daß er eine Neuregelung ohne Zustimmung des Kon­gresses nicht vornehmen könne. Er be­trachte die Regelung nicht als wesentlich für den Erfolg der Wirtschaftskonferenz. Er stelle ferner der englischen Regierung anheim, zu einem ihr geneh­men Zeitpunkt in Washington die offiziellen Verhandlungen für die Schuldenregelung zu beginnen. Die englischen Vorschläge werde Roosevelt dem Kongreß, sobald dieser im Januar nächsten Jahres wieder zusammentrete, oorlegen. Er könne lediglich nur eine einzige Konzession bei der Neu- regelung der Schuldenfrage machen; sie bestehe da­rin, daß er das britische Angebot der 10 Millionen Dollars (= 2 Mill. Pfund) anstatt der fälligen 75,9 Millionen Dollars nicht als Zahlungsverzug betrachte. Es stehe nicht in dcr Macht des Präsi­denten, einen Zahlungsaufschub ober eine Revision der Kriegsschuldenfrage zu gewähren. Der amerikanische Kongreß allein sei berechtigt, die Höhe und die Zahlungsmethoden der Schulden zu ändern. Seiner Ansicht nach gefährdeten die Schuldenzahlungen weder die Konferenz, noch seien sie für die Weltkrise verantwortlich.

Dcr britische Schatzkanzler Neville Chamber­lain teilte im englischen Unterhause mit, daß die britische Regierung Amerika die Zahlung oon 10 Millionen Dollars als Anerken­nung der britischen Schuld angeboten und daß Roosevelt das Angebot im Geiste der Zu- (ammenarbeit und ohne Beschränkung der Hand­lungsfreiheit der beiden Regierungen bei den be­vorstehenden Erörterungen angenommen hat. England habe schon am 15. Dezember eine Zahlung geleistet. Wenn es demgemäß auch jetzt noch ge­zahlt hätte, so hätte man daraus schließen können, daß kein Grund vorhanden sei, weshalb es nicht unbegrenzt weitere Zahlungen leiste. Die Abschlagszahlung werde in Silber zu 50 Cents je Unze Feinsilber erfolgen, das England von der indischen Regierung erworben habe.

Die ausgebliedeneLleberraschulig

Amerika beharrt auf Erfüllung der Schuldverpflichtungen.

Berlin, 15. Juni. (CNB- Funkspruch.) 3nJ3on- bon kursierte gestern bas treffenbe Wort, bie Stim­mung auf ber Wirtschaftskonferenz sei nach b e n ersten brei lagen s o schlecht, wie sonst nach bererften Woche. Der Hauptgrunb bie|es Pessimismus war bie völlige Ungewißheit über bie Haltung Amerikas in ber Schulbenfrage. Begreiflicherweise knüpften sich große Hoffnungen an bie angetünbigte Note Roose­velts, von ber man u. a. bie Einberufung einer Schulbenkvnferenz erwartete. Nichts von allebem ist erfolgt. Die Bereinigten Staaten erkennen nicht an, baß zwischen ber Schulbenfrage unb ber Weltwirtschaftskonferenz ein innerer Zusam­menhang bestehe. Sie wollen keine Diskussion währenb ber Lonboner Konferenz, sondern erst nach ihrem Abschluß, und zwar nicht am runden Tisch, wie es der Wunsch ber meisten Sdjulbnerlänber ist, jonbern in Einzel- verhanblungen oon Land zu Lanb. Der zwischen England unb Amerika für den heutigen

Fälligkeitstermin vereinbarte Zahlungsmodus zeigt auch, baß Amerika sich nicht im voraus auf bie ihm oorgefchlagene 90-v. H.-Schulbenkürzung nach bem Muster bes Lausanner Abkommens festlegen will. Englanb hat zwar nicht 76, aber immerhin 10 Mil- lionen Dollar bezahlt unb bamit feineStellung alsc r f ü 11 e n b e s" Lanb im Gegensatz zu Frankreich gewahrt. Aus ben Washingtoner Mel- bringen über bie Absichten Roosevelts ergibt sich, daß bie seit ber französischen Zahlungsverweigerung auf- gestellten Grundsätze bes Weißen Hauses ihre Gül- tigkeit behalten. Der 15. Dezember 1933 wirb Frankreich noch einmal vor das gleiche Dilemma wie heute und vor einem halben Jahr stellen, denn nach den jetzigen Dispositionen kann eine Neurege­lung der Schulden frühestens im Januar 1934 ein- treten.

Am Rande

der Wettwirischafiskonferenz.

Jimmy Walker als Schlachtenbummler. Ein prophetischer Film.

London, 14. Juni. Das Interesse des Publi­kums an der Vollsitzung der Wcltwirtschaftskonfe- renz ist gleich Rull. In der bisher stattgefundenen Morgensitzung zählte man drei Zuschauer, in der Rachmittagssihung sechs. Dabei waren vor­her Befürchtungen ausgesprochen worden, dah die 60 für die Oesfentlichkeit reservierten Stühle nicht ausreichen würden. Eine der auffallendsten Ge­stalten auf der Weltwirtfchaftskonfcrenz ist Jimmy Walker, der ehemalige Bürgermeister von Reuyork. Hier und da ficht man ihn in der vor­dersten Reihe der Journalistenbänke sitzen, dann wieder mit einer großen Hornbrille bewaffnet, einen Bericht niederschreiben oder sich mit ande­ren amerikanischen Journalisten im Reuyorker

Slang unterhalten. Er ist aussaUend stiU und be­scheiden, aber unzweifelhaft der eleganteste Mann aus der ganzen Konferenz.

'Siele Abgeordnete besuchten am Dienstag ben so­eben in Conbon herausgekommenen amerika­nischen FilmGabriel über bem Wei­ßen Hause". In biesern wirb ein Pakt von Wa­shington abgeschlossen, in bem alle Nationen sich bereit erklären alle Dinge zu tun, bie bie Welt wie­her in Ordnupg bringen. Der Pakt l ö ft alle A b - r ü ft u n g s, Kriegsschulben unb anbere Schwierigkeiten. Der amerikanische Präsibent fünbigt in bem Film eine Allianz ber eng- lischsp rechenden Nationen an, beren kom­binierte Flotten bie Staaten zur Abrüstung zwingen würben, unb erklärt bem französischen Film"-Ministerpräsidenten:Ihr Franzosen habt im vergangenen Jahre vier Milliarde« für bie Rüstungen ausgegeben".

Günstiger Verlauf der Londoner Gtillhalteverhandlungen.

L o n b o n , 14. Juni. (WTB) Gestern unb heute fonben in Lonbon Besprechungen mit ben Stillhaltegläubigern Deutschlands statt über bie Aufrechterhaltung bzw. Fortsetzung ber oer- tragischen Beziehungen, bie zwischen ben Deutschen Schulbnern unb ben auslänbischen Bankgläubigern bestehen unb bie mit Wissen unb Billiguna ber Reichsbank früher abgeschlossen würben. Der Zweck ber Besprechungen war, auch von ben Stillhalte­gläubigern ein Entgegenkommen in ber Frage bes Transfers zu erreichen. Die Der- hanblungen sind noch nicht beenbet, aber, wie von unterrichteter deutscher Seite verlautet, sink) bie Stillhaltegläubiger bereit, in angemessener unb befriebtgenber Weise Deutschland entgegenzu­kommen.

Reichsminister Dr. Goebbels über den Konflikt mit Oesterreich.

Berlin, 15. Juni. (CNB. Funkspruch.) Der Reichsminister für Dolksaufklärung unb Propaganba Dr. Goebbels sprach zusammen mit bem aus Oesterreich ausgewiesenen Presseattache ber beutschen Gesandtschaft, Reichstagsabgeorbneten Habicht, vor Vertretern ber Presse. Reichsminifter Dr. Goeb­bels bezeichnete-es als einen Irrtum, wenn man an­nehmen wolle, bie Reichsregierung habe ben Konflikt mit Oesterreich provoziert. Der Konflikt fei lebiglich dadurch entstauben, baß feit ber Machtübernahme burch bie Nationalsozialisten am 30. Januar i n Deutschlanb bie innere Gesetzmäßig­keit ber NSDAP, unb ihre Symbole einen st aatlichenRang erhalten hätten, wäh­renb in Oesterreich bie Partei in Opposition stehe unb bort ihre Symbole verboten feien.

Der Minister wies auf die Mißhelliakeiten hin, die durch dieses Verbot entstanden. Da deutsche Besucher in Oesterreich nicht die deutschen amt­lichen Hoheitszeichen tragen dürften: Halenkreuz­wimpel an Autos usw. waren ja verboten. Die Reichsregierung hätte keine Handhabe gehabt, diese Entwicklung zu hemmen und sah die einzige

Möglichkeit, sie einzudämmen, in der Festlegung einer hohen Ausreisegebühr. Es könne keine Rede davon sein, betonte der Minister mit besonderem Rachdruck, daß die deutsche Regie­rung bei diesem Konflikt durch irgendwelche Parteirücksichten g e le itet werde. Sie sei immer nur bestrebt gewesen, die Konflikte und Spannungen auf das Mindestmaß her - unterzudrücken.

Zu dem Vorgehen gegen den Presseattache Ha­bicht stellte der Minister fest, dah Habicht durch seine ordnungsmäßige Ernennung zum Presse­attache der deutschen Gesandtschaft das Recht der Cxtorialität genieße. Selbst wenn die österreichische Regierung dieses Recht bestreite, so sei es doch nach völkerrechtlichem Gebrauch üb­lich, bis zum Ablauf des Streites dem Betreffen­den die Extoritalitätsrechte zuzubilligen.

Deutschland konnte das Vorgehen gegen Habicht nicht hinnehmen und es war selbstverständ­lich, daß die Reichsregierung daraufhin den Presseattache der österreichischen Gesandtschaft auswies. Auch bei diesem Zwischenfall habe keinerlei Parteiinteresseeine Rolle

In Luzern waren die Vertreter ber Staaten zufammengekommen zu einer sogenannten Wet - lenkonferenz. Man sollte sich über eine Ver­teilung ber Wellen verständigen, um eüblich einen störungsfreien Funkempfang gewährleisten zu kön­nen. Die Bebeutung ber Aufgabe ersieht man bar- aus, baß z. B. in Europa 235 oenber mit einer Ge- famtenergie von 3140 Kilowatt in Betrieb sinb, wäh­rend es 1929 nur 208 Sender mit insgesamt 550 Kilowatt waren. Zu beachten ist hierbei das unoer- hältnismäßig große Anwachsen ber Ener­gien, beren Große unzweifelhaft das Grundübel barftellt. Außerbem haben aber bereits einige Län- ber ben Bau weiterer Senber gewünscht, so daß bie Frage nach einer gerechten Wellenverteilung unb bem babei anzuwendenben Verteilungsschlüssel eine ebenso große Wichtigkeit hat. Als Schlüssel war bas Verhältnis ber Läübergroße zur Beoölkerungszahl unb zur Anzahl ber Runbfunkhörer jebes ßanbes in Aussicht genommen. Als Maximal-Sendestärle für bie europäischen Senber wollte man bie Energie von 150 Kilowatt vorschlagen, während bie soge­nannten Nebensender der einzelnen Länder auf ber gleichen Welle arbeiten sollten, ba nicht Jo viel Wellen w i e Senber vorhanben sind.

Während der vier Wochen Konferenzdauer sind fünf verschiedene Stellenpläne ausgearbeitet worden, die jedoch immer wieder an bem Widerspruch ein­zelner Länder scheiterten, die entweder oon ihren Wellen nichts abgeben oder sich auf technische Aus- hilfsexoerimente mit Gemeinfchaftswellen nicht ein- lassen wollten. So hat der Präsident der Konferenz bie Unmöglichkeit einer Verständigung eingesehen und ben Vorschlag gemacht, die Konferenz abzu- brechen. Es soll Zwar noch einmal ber Versuch gemacht werben, in einer Besprechung zwischen ben Delegierten ber vier Hauptmächte, nämlich Groß- Dritannien, Deutschland, Frankreich unb Rußlanb ober Italien, eine Einigung zu versuchen, aber bie Aussichten dafür sind gleich null.

Die Hauptursache ber Schwierigkeiten liegt in bem scharfen Gegensatz zwischen Groß-Britannien unb Rußlanb. Rußlanb war 1927 zu ber Washing­toner Funkkonferenz nicht eingeladen worden und hatte infolgedessen unter Mißachtung der dort fest­gelegten Beschränkungen feine Rundfunksender in Wellenbereichen arbeiten lassen, die der Schiffahrt unb manchen anberen lebenswichtigen Diensten vorbehalten sinb. Auf ber Luzerner Konferenz sollte Ruß'anb aus diesen Wellenbereichen oerbrängt unb in den europäischen Wellenpläst eingeordnet werden. Rußland beharrt jedoch auf seiner bisher geübten Praxis, während Groß-Britannien als eine der führenden Seemächte selbstverständlich das Ein­bringen von Unterhaltungswellen in ben Bereich ber Schiffahrtsdienste zu verhindern sucht.

Die europäischen Länder wehren sich auch gegen die Propagandajendungen der russischen Sender, bie in ben oerschiebensten europäischen Sprachen kom­munistische Propaganda treiben. Wenn bie Konfe­renz nun abgebrochen wirb, bleibt ber Prager Wel- lenplan von 1929 bestehen. Es ist möglich, daß bann zunächst noch einmal technische Versuche burchgeführt werben unb man im Spätherbst wieder zusammen- tritt, um bann hoffentlich enbgültig irgenbeine Lo­sung zu finden, die einen störungslosen Rundsunk- empfang für alle Wellen gewährleistet

e

Die Abrüstungskonferenz wirb von bem Ehrgeiz geplagt, irgenbroie sich ihren Platz in ber Geschichte zu sichern, wenn nicht burch ihre positiven Leistun­gen, so doch zum mindesten dadurch, baß sie sich unsterblich lächerlich macht. Zu ben vielen Unmög­lichkeiten, bie wir in ben letzten Wochen erlebt haben, ist jetzt noch gekommen, baß ber Effet- tivausschuß mit Mehrheit beschlossen hat, ben beutschen Arbeitsdienst als eine mili­tärische Einrichtung anzusehen, trotz bes entschiedenen Widerspruchs des deutschen Vertreters,

der mit Recht darauf hinwies, daß bie Erörterung bes Problems ber Arbeitsbienstpflicht überhaupt nicht vor einen militärpolitischen Ausschuß gehöre, weil es sich um eine wirtschaftliche unb soziale Notstandsmaßnahme hanbelt. Wer von uns hat denn, als ber Arbeitsdienst errichtet würbe, auch nur mit einem Gebauten an bie Möglichkeit mili- tärischer Nebenwirkungen gebucht. Wir werben von ber Sorge erbrüdt, wie wir bas Millionenheer ber Erwerbslosen verringern sollen, bas wie ein schwe­rer Alb auf bem ganzen Volk brückt. Die Regierung stellt ein Riesenprogramm auf, um möglichst viele Arbeitslose wieber in ben Produktionsprozeß einzu­fügen. Aber hexen kann nun einmal niemanb. Es bleiben immer noch genug übrig, für bie kein Platz da ist. Vor allem ber Nachwuchs finbet, wenn er in bas Leben hineintritt, alle Stellen besetzt, unb gerabe bei ihm ist bie Gefahr sehr groß, baß ihm ber Sinn für Arbeit unb Disziplin verloren geht. Der ethische Wert ber Arbeitsdienst» pflicht liegt ja auch beshalb hauptsächlich Darin, baß bie Jugend vor ber Verwahrlosung behütet wirb, daß sie die Verbindung mit ber Arbeit nicht verliert unb für ben Lebenskampf gestählt wirb. Wir alle wären froh, wenn berartige Maßregeln nicht er­griffen zu werben brauchten, wenn wir Platz genug hätten, um für jebe arbeitswillige Hanb auch Arbeit zu schaffen. Aber aus dieser nur durch die Not be­dingten Regelung einen militärischen Wert heraus» zufinden, blieb boch bem unerschöpflichen Effektiv» ausschuß ber Abrüstungskonferenz Vorbehalten. Ein Beweis, wohin politische Verbohrtheit ben gefunben Menschenverstand auf Abwege bringen kann. Noch einen Schritt weiter, bann wirb neben ben Arbeits- bienstpflichtigen mit Hacke unb Spaten auch bas Turnen zu einer Angelegenheit ber Aufrüstung. Die Franzosen haben ja auch allen Grunb zu ber Sorge, baß etwa einige beutschen Turnerriegen mit Barren unb Reck bie französische Landesverteidigung über den Haufen rennen tonnten...