Ausgabe 
15.4.1933 Frühausgabe
 
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grenze der Landhelfer ohne Einschrän­kung bis zum 2 5. Lebensjahr auszu­dehnen. Wohlfahrtserwerbslose, die bisher nur vermittelt wurden, wenn die Unterstühungsge- mein.be sich bereit erklärte, den erforderlichen Deihilfebetrag zu zahlen, können von jetzt ab auch ohne diese Erklärung vermittelt werden.

VaS (Sofortprogramm für die Arbeitsbeschaffung abgewickelt.

Berlin, 13. April. (CAB.) Wie wir von unterrichteter Seite erfahren, ist das Sofortpro­gramm für die Arbeitsbeschaffung jetzt zu mehr als vier Fünftel abgewickelt worden. Insgesamt sind bereits 410 Millionen Darlehens­antrage von den beteiligten Gesellschaften bewil­ligt. U. a. sind durch den Kreditausschuh 2 Mil­lionen für den Bau der Aheinbrücke bei Speyer zur Verfügung gestellt worden unter der Voraussetzung, daß der restliche Betrag der insgesamt 9,6 Millionen Mk. betragenden Bau­summe von den Ländern Bayern und Baden sichergestellt wird. Ferner ist ein dem P ro­tz i n z i a l v e rb a n d der Rheinprovinz bereits früher aus dem Sofortprogramm gewähr­tes Darlehen auf 10,9 Millionen Mk. erhöht wor­den unter der Voraussetzung, daß der Provinzial­verband die ihm neugewährten 3,9 Millionen zu unbedingt notwendigen Straßenbauten in der Nähe solcher Städte verwendet, die besonders schwer durch die Arbeitslosigkeit betroffen worden sind, deren Finanzlage aber die Aufnahme der Darlehen verbietet.

Die Umstellung der Hochschulen.

Em erster Beurlaubunqsichub preußischer Universitätsproseisoren.

Berlin, 13. April. (WTB.) Nachdem durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Derufs- beamtentums die gesetzliche Handhabe zur Säu­berung der Beamtenschaft auch an denHoch- schulen gegeben worden ist, sind durch den Reichskommissar für das preußische Kultusmini­sterium Rust zunächst folgende Hochschullehrer mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden:

Professor Bonn, Handelshochschule Berlin, Professor Cohn, Breslau, Professor Dehn, Halle, Professor Feiler, Handelshochschule Königsberg i. Pr., Professor Heller, Frank­furt a. M., Professor Horkheimer, Frank­furt a. M., Professor Kantorowicz, Bonn, Professor Kantorowicz, Kiel, Professor Kelsen, Köln, Professor Lederer, Berlin, Professor Löwe, Frankfurt a. M., Professor Löwen st ein, Bonn, Professor Mannheim, Frankfurt a. M., Professor M a r ck, Breslau, Professor Sinzheimer, Frankfurt a. M., Professor Tillich, Frankfurt a.M.

Es ist selbstverständlich, daß es sich hierbei lediglich um eine erste vorläufige Maßnahme handelt und eine ganze Reihe weiterer Beurlaubungen usw. bevorstehen, so­weit das Gesetz gemäß den Ausführungsbestim­mungen in allen Einzelheiten bei den Hochschulen angewendet werden kann.

Reichsführertagung der Hüter-Jugend.

B ad K ö se n, 13. April. (ERB.) Die Führer der Hitler-Jugend traten am Mittwoch zu einer Reichstagung zusammen. Sie galt der Klärung der Aufgaben, die sich aus der nationalen Er­hebung ergeben. Der Reichsjugendführer Bal­dur v. Schirach wies darauf hin, daß d i e Jugend ein Hauptbestandteil derna- tionalsozialistischen Bewegung sei. Alle gegenteiligen Meinungen müßten in Zukunft mit der allmählichen Durchdringung des gesamten deutschen Lebens mit dem sozialen Geist der Ju­gend beantwortet werden. Der Kampf gelte nunmehr der Reaktion. Solange diese be­

stehe, sei an die Verwirklichung einer reinen na­tionalsozialistischen Staatsführung nicht zu denken.

Zwischen der Reichsjugendführung der RSDAP. und dem Vor st and des Reichsverban­des fürDeutscheJugendherbergenist in Bad Kösen eine Vereinbarung geschlossen wor­den, nach der die Hitlerjugend nun auch die Führung des Jugendherbergs-Derbandes des Deichsausschusses endgültig übernimmt. Der 1. Vorsitzende des Reichsverbandes tritt zurück und übernimmt den Ehrenvorsitz des Verbandes. Er behält seine bisherige.Vortragstätigkeit und sonstiges Schaffen bei. Den 1. Vorsitz übernimmt der Reichsjugendführer Baldur v. Schiroch. Die Marxisten scheiden aus Vorstand und Der- waltungsausschutz sowie aus den Gauleitungen usw. aus. Die Hauptgeschäftsstelle wird nach Berlin verlegt.

öie Zusammensetzung des neuen Hessischen Landtags.

Darmstadt, 13. April. (105)1.) Am Donners­tagabend beriet das wahlprüfungsgericht über die eingereichten Mahlvorschläge. Das Wcchl- prufungsgericht lehnte die Verbindungs­erklärung der Deutschen volkspactei mit dem Lhrlstlich-5ozialen Volks- di e n st ab, da am 5. März keine Listenverbindung im hessischen Wahlkreis zwischen diesen beiden Par­teien bestand, sondern nur eine Verbindung mit dem Wahlkreisverband Hessen-Rassau. Da d i e f ü n f kommuni st ischen Mandate nicht ) u ge­feilt werden, seht sich der Landtag aus 26 Ra­tionalsozialisten, 11 Sozialdemokraten, 7 Ientrums- angehärigen und einem Abgeordneten der Kampf­front 5chwarz-weiß-Rot zusammen.

Wie die Deutsche Volkspartei mitteilt, hat sie nach der Sitzung des Wahlprüfungsgerichts dem Landes­wahlleiter ein Exemplar der Verbindungserklärung überreicht, die für die Reichstagswahl am 5. März eingereicht worden war, und die nach ihrer Auf­fassung eindeutig den Beweis liefert, daß die Listen­oerbindung zwischen ihr und dem Christlich-Sozialen Volksdienst nicht nur im Wahlkreisverband, sondern im Wahlkrei s selb st bestand.

Ermahnung zum pünktlichen Gteuerzahlen

Berlin, 13. April. (WTB.) Das Reichs- finanzministerium teilt mit: Seit Auf­hebung der Steuerverzugszuschlage (Verordnung vom 1. März d. 2.) sind die Eingänge an Steuern sehr erheblich zurückgegan- g e n. Die Steuerrückstände haben sich entsprechend vermehrt. Offenbar ist, nachdem der Druck der Steuerverzugszuschläge weggefallen ist, in weiten Kreisen die Meinung verbreitet, daß Steuerzah­lungen jetzt weniger dringlich geworden seien und daß es angehe, sie hinter andere Zahlungsver­pflichtungen zurückzustellen. Diese Auffassung ist irrig. Einzelne Steuerpflichtige sind offenbar auch aus politischer Einstellung heraus bestrebt, mit Steuerzahlungen zurückzuhalten und sich ihren steuerlichen Verpflichtungen mög­lich st zu entziehen.

Einem derartigen Verhalten muß schärf- stens entgegengetreten werden. Die Reichsregierung ist entschlossen, auch auf steuer­lichem Gebiet Reformen durchzuführen und die Steuern wirtschaftlich tragbar und sozial gerecht zu gestalten. Voraus­setzung ist jedoch, daß alle Beteiligten nach Kräf­ten ihren steuerlichen Verpflichtun­gen pünktlich nachkommen, Unerbittliche Strenge wird gegenüber Kapital- und Steuerflüch­tigen geübt werden.

Kleine politische Rachrichten.

Der Kampfbund für deutsche Kultur veranstaltet gemeinsam mit dem Landesverband

Berlin des Reichsoerbands Deutscher Presse am 23. April im Plenarsaal des Preußi­schen Landtags eine große öffentliche Kundgebung Deutsche Press e". Auf der Kundgebung wer­den der Reichspressechef der NSDAP. Dr. D i e t - r i ch und der Kommissar z. b. V. im preußischen Kultusministerium Hans Hinkel sprechen.

Der neue deutsche D o t s ch a f t e r in den Ver- einigten Staaten, der frühere Reichsbankpräsident Dr. Luther, ist mit dem LloyddampferBre­men" inReuyorkeingetroff en. Er wurde an der Quarantänestation durch einen Regie­rungsschlepper abgeholt und unter dem Schutz von Geheimpolizisten nach dem Pennsylvania- Bahnhof geleitet, weil man deutschfeindliche

Die neue Krastfahrzeugsteuer.

Im Reichsgesetzblatt vom 11. April wird der Wortlaut des neuen Kraftfahrzeugsteuergesetzes ver­öffentlicht. Danach sind von der Steuer, die für die Benutzung von Kraftfahrzeugen zum Befahren öf­fentlicher Wege erhoben wird, befreit:

1. Krafträder mit einem Hubraum bis 200 ccm.

2. Kraftfahrzeuge, die ausschließlich der Beförde­rung (Fortbegewung von Geräten) von und zur Arbeitsstätte und dem Antrieb dieser Geräte dienen, ferner diese Fahrzeuge in landwirtschaftlichen Be­trieben auch dann, wenn gleichzeitig Personen oder Güter befördert werden.

3. Feuerlösch-, Kranken- und Straßenreinigungs­fahrzeuge im Besitze der öffentlichen Hand.

4. Kraftfahrzeuge der Polizei und der Wehrmacht mit nicht weniger als 8 Sitzplätzen.

Personenkrasträder und Personenkraftwagen (aus­genommen Kraftomnibusse) mit Antrieb durch Ver­brennungsmaschine, die nach dem 31. März 1933 erstmalig zum Verkehr zugelassen sind, sind von der Steuer befreit. Die Jahressteuer beträgt 1. für Krafträder für je 100 ccm Hubraum 8 RM. 2. Per­sonenkraftwagen (ausgenommen Kraftommnibusse) für je 100 ccm Hubraum 12 RM. 3. Kraftomnibusse und Lastkraftwagen für je 200 kg Eigengewicht 30 RM. 4. Elektrisch oder mit Dampf angetriebeoe Kraftfahrzeuge, sowie Zugmaschinen ohne Güter­ladung für je 200 kg 20 RM. Der Hubraum ist ge­mäß näherer Bestimmung des Reichsministers der Finanzen zu berechnen. Bei halbjährlicher Zahlung tritt ein Aufgeld von 3 v. H., bei vierteljährlicher Zahlung ein solches von 6 v. H., bei monatlicher Zahlung eines von 8 v. H. hinzu.

polnische Inden anmelden.

Das Polizei amt teilt mit: Sämtliche Juden polnischer Staatsangehörigkeit, die in Gießen ihren Wohnsitz oder ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben, werden aufgefordert, sich Mitt­woch, 19. April, in der Zeit von 9 bis 12 und 15 bis 17 Uhr auf dem Polizeiamt (Paßstelle), Zimmer Nr. 40, unter Vorlage ihres Reisepasses zu melden.

Theater-Sonderveranstaltung der ASDAp.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrie­ben: Aus Anlaß des Geburtstages des Führers Adolf Hitler hält die RSDAP. (Kreis Gie­ßen) am Mittwoch, 19. April, im Stadt- rheater Gießen eine Sonderveranstaltung ab. 11. a. kommt das ZeitstückDer 18. Oktober" von Walter-Erich Schäfer zur Aufführung. Der mäch­tige Schwung, den dieses Werk durchglüht, reißt unwiderstehlich mit. Hier spricht ein echter deut­scher Dichter aus der Not der Zeit zum neuen jungerwachten Deutschland. Spannend bis zum Schluß gebaut, die einzelnen Charaktere fest um­rissen, auch in den kleinsten Rollen.Der 18. Ok­tober" ist ein erkenntnisreiches und bekenntnis- reiches Stück, aus der seelischen Einstellung des jungen Deutschland heutiger Tage geboren, von gutem dichterischem Gehalt und dramatischer Wucht. Die schlichte vaterländische Idee ist in

Kundgebungen befürchtete, die jedoch nicht statt- fanden.

Der Reichsjustizminister hat die Absicht, dem Reichspräsidenten die 'Ernennung des Führers der nationalsozialistischen Juristen Dr. Frank (Mün­chen) zum R e i ch s k o m m i s s a r für die Er - neurung der Rechtsordnung und für die Gleichschaltung der Justiz in den Ländern vorzu­schlagen. Dr. Frank bleibt bayerischer Staatsminister der Justiz.

Auf Grund der Verordnung zum Schutz von Voll und Staat sind für das bayerische Staats­gebiet die Vereinigungen der Ern st en Bibelforscher aufgelöst und verboten worden.

drei Akten wirksam, knapp und anschaulich ent­wickelt. Was besonders lymphatisch berührt ist die unpathetische Behandlung des Konfliktes, der sich schicksalsmäßig lößt als tragischer Einzel­fall auf dem Hintergründe einer Zeitwende. Obcr- spielleiter Peter F a s s o t t hat die Spielleitung dieser dramatischen Szenen und spielt selbst die Rolle des Obersten Bauer. Beginn der Ver­anstaltung 20 Uhr; Ende 22.30 Ähr.

Bornotizen.

Aus dem Stadttheater-Dureau wird uns geschrieben: Sonntag, 16. April, zum letztenmal als Fremdenvorstellung bei kleinen Preisen das SchauspielAndreas Hollmann" von Kaergel. Spielleitung: Wolfgang Kühne. In der Rolle der Frau Hollmann Frau Auguste Prasch-Grevenberg, Ehrenmitglied des Meininger Landestheaters, als Gast. Spieldauer von 19 bis 21 Uhr. Am Montag, 17. April, Ostermontag, Erstaufführung des Dolksstücks: Die vier Musketiere", von Sigmund Graff: Spielleitung: Peter Fassott. Fremdenvorstel­lung außer Abonnement. Ermäßigte Preise. Spieldauer von 19 bis 21.30 Uhr. Dienstag, 18. April, 27. Vorstellung im Dienstag-Abonne­ment, 20 Uhr, zu gewöhnlichen Preisen Erstauf­führung des SchwankesHasenklein kann nichts dafür", von Mahner-Mons. Spielleitung: Karl H e y s e r. In der Titelrolle Ludwig L i n k - mann vom Reuhischen Theater in Gera als Gast. Ende 22.45 Uhr. Mittwoch, 19. April, fällt die 26. Vorstellung im Mittwoch-Abonne­ment aus, aus Anlaß der Sonderveranstaltung der NSDAP. (Kreis Gießen). Freitag, 21. April, von 20 bis 22.45 Uhr 27. Vorstellung im Freitag-Abonnement mit einer Wiederholung des Schwankes:Hasenklein kann nichts dafür", mit Ludwig L i n k m a n n als Gast in der Titelrolle. Gewöhnliche Preise.

** Neuer.Universitätsbibliothekar in Gießen. Studienrat Heinrich C l a r i u s , der seit 1925 am Gymnasium in Dieburg tätig war, ist zum Universitätsbibliothekar ernannt worden. Cla- rius ist seit langen Jahren in der NSDAP, führend tätig; er wurde im Jahre 1925 von den Franzosen aus Buchschlag ausgewiesen.

** E i n unbekannter Toter. In der Nacht zum Karfreitag wurde auf der MainWe­ser-Bahn zwischen Lollar und Ruttershausen die Leiche eines 40 bis 45 Jahre alten Mannes 'ge­funden. Dem Toten war der Kopf vom Rumpsc- abgesahren und dabei stark beschädigt worden. Die Personalien sind bis jetzt noch unbekannt. Der Tote trug grauen Rock und Weste mit rotblauen Strei­fen, graue Gurthose mit rotbraunen Streifen, wei­ßes Trikot-Unterhemd, blaues Oberhemd mit weihen Streifen, zwei Unterhosen (eine weihe und eine graue), graue Socken, schwarze Arbeitsschuhe mit Gummisohlen aus Autoreifen, graue Hosen­träger mit lila Streifen eingefaßt. Zwischen der vierten und sechsten Rippe auf der linken Körper­seite befinden sich zwei Operationsnarben. Mit­teilungen zur Feststellung der Persönlichkeit des Toten erbittet die Kriminalpolizei Gießen.

Aus der provinzialhaupisiaiü.

Wimmelndes Rom.

Oie Weltstadt des Südens.

Von Dr. Gustav W. Eberlein.

Rom, um Ostern.

Wan muh gleichzeitig in alten frommen Chro­niken und in den Acta diurna Cäsars blättern, um den Geist zu spüren, der heute über der Tiberstadt liegt. Die Jahrhunderte gehen durch­einander hindurch wie Schatten, Propeller don­nern in die Ohren der Imperatoren und Pilger knien vor dem Kreuze, als ob sie in der Kata­kombenzeit lebten. Der Duce sprengt hoch zu Roh wie Rienzi unter das Volk, der Papst spricht im Rundfunk. Am Tempel der Venus Genetrix, soeben wird er wieder aufgerichtet, halten Zei­tungsomnibusse aus Deutschland. Ein chinesischer Fuhpilger trifft nach dreijähriger Wanderung auf der Straße des Imperiums ein. Und auch die Sonne, unter der die Arena im Kolosseum schmachtet und der Asphalt des Korso raucht, ist die gleiche. Roma eterna, ewiges Rom.

Am Sonntag nach dem Anbruch desHeiligen Jahres" wälzten sich derartige Menschenmassen nach der Peterskirche, daß der gröhte Tempel der Christenheit zehnmal gefüllt werden konnte.

Auf Wochen hinaus ist in der Hauptstadt keine Unterkunft mehr zu haben, selbst in Frascati, in Ostia, ja im 60 Kilometer weit abliegenden Anzio irren Reisende nach einem Obdach herum. Uno Stunde für Stunde speit der Bahnhof neue Massen aus, zu Hunderten werden Pilgeczüge gemeldet, kein Nationenschild fehlt an den Auto­mobilen und Autobussen.

Aus allen Weltteilen, einzeln oder in Grup­pen und Scharen, mit allen Verkehrsmitteln oder auch Wochen und Monate einsam zu Fuß pil­gernd, strömten die Gläubigen herbei von Island bis zum Kap der guten Hoffnung, von der skandinavischen Halbinsel bis Australien, von Kanada bis Chile. Und es waren Hundert- und aber Hunderttausende, Menschen aller Zungen und Nationen, aller Klassen und Berufe Bi­schöfe und Priester, Adel und Volk, Parlamen­tarier und Künstler, Lehrer und Erzieher, Ar­beitgeber, Arbeiter, Industrielle und Bauern."

So sagte Pius XI. in seiner Konsistorial- ansprache am Schlüsse des heiligen Jahres 1925, er forderte die Gläubigen auch in diesem außer­ordentlichen Anno Santo auf, in Scharen nach Rom zu kommen und es ist, als ob aller Zeitennot zum Trotz niemand fehlen wolle.

Mussolini will nicht ruhen, bis alle seine Italiener Rom gesehen haben, um des neuen

Geistes voll heimzukehren und das stolze Be­wußtsein, wieder Römer zu fein, zu übertragen und vererben auf Kind und Kindeskind. In Tausendergruppen, zu Fünftausend und Zehn­tausend werden herangezogen heute die Ar­beiter aus den Turiner Fabriken, morgen die Weinbauern aus Neapel, die Romagnolen machen auf ihrem Zuge nach den urbar zu machenden pontinischen Sümpfen vor der römischen Wölfin halt, es ziehen die Lehrer aufs Kapitol, die Ingenieure strömen in die Ausstellungen, die Dopolavoristi (aus der das ganze Reich um­fassenden Freizeit-Organisation) huldigen dem Duce auf der Piazza Venecia, er spricht zu ihnen, er führt sie zum Altar des Vaterlandes.

Dort häufen sich in diesen Tagen die Lorbeer­kränze am Grabe des unbekannten Soldaten, dort lodern die ewigen Flammen. Es ist viel Gebärde in den unaufhörlichen Paraden, Pose, wenn man will, in den Umzügen, es ist Reklame meinet­wegen, aber es ist Staatsreklame, Volkspropa­ganda, wie keine andere geeignet, die letzten Reste des unter jahrhundertelanger Fremdherr­schaft eingewachsenen Minderwertigkeitsgefühls zu vertilgen.

Brodelndes, wimmelndes Rom! Die dreizehn Hügel herab schießen die Menschenströme in den schmalen Kessel um das alte Marsfeld, so ver­wirrend und so gefährlich anzuschauen sind die Strudel und Wirbel, die sich auf dein Korso, an der Post, in der Via Nazionale, unter dem Quiri- naltunnel bilden, daß so mancher Provinzler den Mut, sich hineinzustürzen, nicht mehr aufbringt. Die Autobusse scheinen nur einmal auf die Hupe zu drücken, am Morgen bei der Ausfahrt, und tosen unter diesem Dauerheulen durch die geh­steiglosen Straßenschluchten, als würden sie nein, sie werden andernfalls bestraft: für jede halbe Minute, die der Führer zu spät an seinem Knoten- und Kontrollpunkt eintrifft, wird ihm etwas vom Lohn abgezogen. Rücksichtnahme ist verpönt, unten wie oben. Die Autosahrer kämpfen verbittert um die unzureichenden Park­plätze. Daß die Radfahrer kein Verkehrsgesetz auf sich anwenden lassen, ist schon weltbekannt. Wie die Fußgänger ihre Haut retten? Ihre Sache!

Mussolini hat die Ausstellung der faschistischen Revolution bis zum 28. Oktober verlängert. Halbe Fahrpreise, wer sie besucht. Siebzig Prozent! Zu manchen Stunden will der Eintritt erkämpft sein.

I Alle Hochzeitspärchen nach Rom! Achtzig Pro­zent Ermäßigung. So ist das Reiseziel auch für die ausländischen gegeben. Wird Venedig eifer­süchtig werden? Kein Grund vorhanden, am

21. April wird die Landverbindung zur Lagunen­stadt eröffnet. Hochgaragen nehmen die Autos auf. Dann aber nach Rom! nach Rom!

Im Trubel dieser Sage, im Gewühl des kirch­lichen und faschistischen Jubiläumsjahres erkennt man: Rom tritt in die Spuren des antiken Im­periums, die Weltstadt des Südens ist im Werden.

Ostern in einer bayrischen Dorfwirtsstube.

Von Georg Britting.

Wie sah die schönste Wirtsstube aus, in der ich je ein Glas roten Weines trank? Der erste Ein­druck war: weiß und leer. In Weih war alles gehalten, der Fußboden aus weißen Brettern, die Tische und die Bänke weih, hellgelblichweiß, von dem Farbton, der nur entsteht, wenn Holz seit Jahren mit Sand gescheuert wird. Es gab keine Stühle in der Stube, nur Bänke, die in die Wand fest eingelassen waren, an der Wand entlangliefen, und auch bewegliche Bänke an der Tischseite, die sich zur Stubenmitte kehrt. Das ist selten geworden, und davon rührte es auch wohl her, daß die Stube gleich beim ersten Anblick sich von andern unterschied. Die Stube war niedrig, die Decke weiß gekalkt, bis zur halben Höhe waren die Wände holzgetäfelt, aber die Täfelung weiß gestrichen, weiß gestrichen wie die Tür­rahmen, wie die Fensterrahmen. Die Farbe saß dick auf dem Holz, es war gewiß schon Dutzende Male gestrichen worden, er sah so vertrauen­erweckend sicher und haltbar aus, der Anstrich, und man mußte nicht fürchten, daß, wenn er ab­blätterte, darunter dann das Holz grämlich braun hervorsähe: immer wieder würde es weiß schim. niern. Es stand ein weißer Kachelofen in der Stube, und dann waren der Tische und Bänke nicht gar so arg viele, Tische standen nur längs der Wände, so daß in der Stubenmitte viel freier Platz war. Das unterschied die Stube wieder sehr von sonstigen Wirtsstuben, in denen gewinnsüchtig jeder freie Fleck zum Aufstellen von Tischen benützt ist, und gab ihr etwas Pri­vates. An den Wänden hingen alte Stiche. Einer stellte Napoleon vor, einer den General Kleber. Wie die Wirtin erzählte, war ihr Urgroßvater Soldat in napoleonischen Diensten gewesen, von ihm stammten diese zeitgenössischen Blätter. Das Haus, in dem diese Wirtsstube zu finden ist, hatte früher zum Kloster gegenüber gehört, aber zur Zeit der Säkularisation hatte es der alte Soldat vom Staat erworben. Die Familien­geschichte der Wirtin war auch sonst merkwürdig

genug. Cs war französisches Blut in der Fa­milie, in die ein Bretone, ein Freund des Sol­daten, eingeheiratet hatte. Und zum Beispiel hing da ein Stich von Meran an der Wand, aus der Zeit um 1850, da hatte eine Tochter oder Enkelin des Soldaten einen Südtiroler, einen halben Italiener, geheiratet. Und die jetzige Wirtin wieder hatte einen früheren österreichi­schen Major aus der Gegend von Trient zum Mann.

Man sah so behaglich in der Stube. Das Ver­hältnis der Höye Der Bänke zur Tischplatten­höhe war wundervoll. Man bekam sofort Lust, sich zu setzen und lange sitzen zu bleiben, und Arbeitslust bekam man. Wenn man mir ein Blatt Papier auf den blütenweihen Tisch hingelegt hätte, ich hätte sicher mühelos ein schönes Gedicht gemacht. Das bildete ich mir wenigstens ein. Auch die Verhältnisse des Raumes sonst waren schön und einschmeichelnd. Ich war nur eine halbe Stunde dort, ich werde nächstens, obwohl der Ort abgelegen ist und schwer zu erreichen, wie­der hingehen. Ich kann nicht sagen, woher der Wohllaut des Raumes kam, aber ich empfand ihn sofort süß und beruhigend beim Eintritt.

Es gäbe noch mehr zu rühmen an der Stube. Die Fenster saßen tief in den dicken Mauern, so daß die Fensterbretter einen halben Meter breit waren, da können Katzen gut daraus schla- ,'fen. Ein schwarzer Dackel war da, fett, schwer schnaufend, ich schätze sein Alter auf zehn Jahve, aber die Wirtin, die Frau Majorin er war nicht da, der Herr Major, war auf der Jagd sagte, er sei erst vier Jahre alt, aber er habe wenig Bewegung und gutes Fressen, und das bekomme ihm so wohl, oder so schlecht.

Heber meinem Platz am Tischende beim Fen­ster hing ein halbes Dutzend Hinterglasbilder, starkfarbig, viel Rot, viel Blut, Maria, von Schwertern durchbohrt, der heilige Florian, der heilige Sebastian. Der hellrote Tiroler Wein war Dünn, aber rein, der österreichische Major und Wirt wußte noch gute Lieferer aus seiner frühe­ren Zeit. Die Wirtin wußte viel von der Chronik des Hauses, erzählte manches, brachte ein altes Stammbuch, trotzdem hatte die Stube nichts Mu- seumhaftes, dazu war sie ja zu lebendig, war ja im täglichen Gebrauch, das spürt man doch.

Cs war Ostersonntag und ich saß kaum, da brachte mir die Wirtin auf einem irdenen Teller gefärbte Eier, als Geschenk, wie sie es ausdrückte und ohne Ziererei sagte. Die geschenkten Eier wo geschieht einem das noch? schmeckten gut, der Wein funkelte in einem altertümlichen, dicken Glas. Eine Magd ging durchs Zimmer, in dunk­ler Kleidung, Mieder, Wespentaille, es war wunderschön.