Nr. 241 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, (4. Oktober 1933
'Zwischen zwei Zivilisationen.
Don Benito Mussolini, italienischem Ministerpräsidenten.
Die aufrührerische Bewegung, die unlängst auf der Tagung der , r a n z ö s i s ch e n s o z i a l i st i - s ch e n Partei zum Ausbruch kam, soll man nicht überschätzen. Bor allen Dingen gehört die französische ,ozialisti,che Partei trotz ihrer bemer- kenswericn parlameniarischen Vertretung nicht zu den handelnden historischen Kräften Frankreichs. Sie ist eine p o l i t i s ch - a d m i n i st r a t i v e Organisation, die nur geringe Einwirkung aus die Massen des französischen Volkes, besonders aus die der Landbevölkerung, hat. Der französische Wähler stinunt wohl für Blum, er nimmt aber dessen Doktrinen nicht ernst: er stimmt für Blum, um einen anderen Kandidaten zu ärgern. Immerhin — wenn auch nur in beschränktem Umsang — hat die französische sozialistische Partei noch eine gewisse Bedeutung dadurch, weil sie für ein Mini- steriuin stimmen kann oder nicht, wenn auch weit anders als zu jener Zeit, da Saures die Macht hatte. Bei dem letzten Sozialistenkongreß haben sich nun einige Redner erhoben mit dem Vorhaben, die Partei von ihren allzu dogmatischen und unausführbaren doktrinären Formulierungen abzubr-in- gen, ihnen neue Richtlinien zu weisen und sie mit den Fundamenten Staat, Nation, Autorität und Jugend zu versöhnen. Worte voller Bedeutung, die das marxistische Wörterbuch aus seinen Seiten getilgt hat. Denn für Blum ist der Staat nur der Geschäftsausschuß der Bürgerschaft, die Nation ein verspäteter Begriff, der von der Internationale übertroffen werden muß, und die Autorität ist eine antithetische Grundlehre auf die ständig „radikaleren" oder übertriebenen Forderungen des Proletariats. Daß diese Worte von sozialistischen Rednern von der Tribüne eines Sozialistenkongresses ausgesprochen wurden, hat einen gewissen Eindruck und eine beträchtliche Reihe von Kommentaren hervorgerufen. Man sprach von F a - s ch i s m u s und Neo-Sozialismus. Es haben verschiedene Auseinandersetzungen zwischen den orthodoxen Sozialisten und diesen Neo-Sozialisten oder Faschisten stattgefunden, aber es hat sich nichts anderes daraus entwickelt.
Es besteht kein Zweifel, daß das Zwischenspiel der französischen sozialistischen Bewegung gewisse Schlüsse ziehen läßt und in Beziehung zu der ganzen Ideenbewegung gebracht wird, die die faschistische Revolution während der ersten elf Jahre ihrer Geschichte hervorgerufen hat ebenso wie mit der tiefen Veränderung, die sich in politischer und sozialer Beziehung in verschiedenen großen Ländern Europas vollzogen hat. Wir sind mitten hinein in einen Zeitabschnitt gelangt, den man die Uebergangszeit von einer Zivilisations- jorm zu einer andern nennen kann. Die Jdeenlehren des 20. Jahrhunderts wanken und finden keine Verteidiger mehr. Ist es nicht bezeichnend, daß es S o z i a l i st e n gibt, die des Sozialismus', der von der marxistischen Doktrin einbalsamiert war, müde sind'? Ebenso gibt es auch Demokraten, die nichts mehr von Demokratie wissen wollen und Liberale, für die die demo-liberale Phase in den Abendländischen Staaten abgetan ist. Die Beweggründe dieses Dämmerns und Untergangs der demo-liberalen Zivilisation sind von negativer und positiver Gesetzmäßigkeit. Die negativen Beweggründe äußern sich m der Entwicklung, die der anonyme Kapitalismus genommen hat und daher in gewissem Sinne schon sozialisiert und bereit ist, in die Arme des Staates zu fallen; sie zeigen sich in der Unfähigkeit der ausübenden Macht, in der Gewaltherrschaft der Parlamente, in der mystischen, in Klassen geordneten Mythologie des Proletariats. Die letzten vier Krisenjahre haben diese Merkmale besonders deutlich heroorgehoben.
Aber die neuen faschistischen Ideen, die alle Völker der Welt bewegen, hätten die gegenwärtige Entwicklung nicht erreicht ohne diejenigen Beweg-
[ gründe, die ich positiv nennen will. An der Spitze von ihnen steht infolge ihrer Bedeutsamkeit die Feier des zehnjährigen Bestehens der faschistischen Revolution. Millionen Menschen aus allen Ländern haben gesehen und schließlich auch begriffen. Vor allem haben drei Dinge Aufsehen unter den Intellektuellen erregt: die Schau der Revolution, der Weg der Macht und die Fruchtbarmachung der Pontinischen Sümpfe: Geschichte einer kaum vergangenen Zeit und Schöpfung neuen Lebens. Die Zehnjahresfeier war eine Offenbarung. Einige Menschen, die vielleicht nicht an die Dauerhaftigkeit des faschistischen Regimes geglaubt haben, taten so als seien sie erstaunt, daß es schon zehn Jahre siegreich bestanden hat und begannen anderen Sinnes zu werden. Viele, die den Faschismus für eine vergängliche Bewegung der italienischen Politik hielten, haben begonnen, ihn ernsthaft zu studieren. Sie alle haben aus den Ereignissen die tiefe Veränderung feststellen können, die der Faschismus nicht nur rein äußerlich, sondern auch in geistiger Beziehung bei bem italienischen Volk bewirkt hat. Wie immer hat die „vollendete Tatsache" beredter als alles andere gesprochen, und das italienische Beispiel hat nah und fern bei vielen Ländern Lust zur Nachahmung erregt. Ein allerdings nur schwaches Echo der Zehnjahresfeier und der schöpferischen Kraft des Faschismus ist in den Reden der französischen sozialistischen Bewegung zu verspüren.
Das andere Ereignis, das alle Grundsätze des vergangenen Jahrhunderts in Todesgefahr versetzt hat, war der Sieg der Hitler-Bewegung in Deutschland. Ein Sieg, den die französischen orthodoxen Sozialisten, mit dem fal- schen Propheten Blum an der Spitze, für ganz unmöglich hielten. Und nun schafft Deutschland, dieses andere große Land, den einheitlichen, autoritären, totalen Staat, das heißt faschistisch mit einigen Ab-
München, den 13. Oktober.
München und das ganze Bayernland haben im neuen Deutschland so manche besondere Auszeichnung und tatkräftige Förderung erfahren. Nach der Zeit jahrelanger unfruchtbare Deklamationen einer unzeitgemäßen, betont weißblauen Parteiregierung über eine angeblich bedrohte, innerlich aber längst überholte bayerische Eigenstaatlichkeit und staatliche Selbständigkeit nach einer Periode des ewigen Rhaderns und Rechtens mit dem Reich über gefährdete bayerische „Belange", bie nur allzu oft identisch waren mit den Interessen jener Vertreter eines volksfeindlichen Partikularismus, konnten wir feit dem Siege der nationalsozialistischen Revolution praktische Hilfe nach den verschiedensten Richtungen einsetzen sehen. Seitens des Reiches und in harmonischer Zusammenarbeit einer gleichgesinnten und innerlich gleich gestimmten bayerischen Regierung mit dem Reiche, zu der es unter den alten Verhältnissen grundsätzlich niemals kommen konnte.
Die Maßnahmen zur Behebung der Arbeitslosigkeit zeigten gerade in Bayern die schönsten Erfolge, der Fremdenverkehr nach Bayern erfuhr Heuer unter der energischen Führung des Staatsministers Hermann Esser eine außerordentliche Belebung, Hilfsmaßnahmen für die notleidende bayerische Ostmark haben in großem Umfang eingesetzt und der Bau der gewaltigen Reichsautobahn München— Salzburg, der nach dem Wunsch des Führers be-
weichungen, die sich der Faschismus vorbehalten hat, da er in einer anderen historischen Umwelt handeln muß. Es ist nicht meine Sache, hier lcst- SufteUen, inwiefern die beiden Regimes überein* timmen ober abweichen. Unleugbar aber steht fest, ia6 beibe ohne jebe bemo-liberale Empfängnis handeln unb schöpfen, unb baß beibe bie bemo-sozial- liberalen Kräfte vernichtet haben. Das Wort Sozialismus wäre fortan ben Deutschen unbekannt, wenn es nicht in bem Namen ber Partei Hitlers enthalten wäre, wenn auch in ganz anberer Bebeutung.
Das, was man bie faschistischen Gärungen ber politischen und geistigen Erneuerung ber Welt nennen kann, wirkt sich zur Zeit in allen Ländern, einschließlich Englanb, aus. Es besteht kein Zweifel, baß in nicht allzu ferner Zeit eines Tages auch Frankreich, bas letzte Verteibigungsfort ber „unsterblichen Prinzipien" bie weiße Fahne ber Kapitulation erheben muß. Auch Amerika gibt diese Prinzipien auf. Roosevelt rührt sich, er handelt und ordnet an ohne jede Verfügung und Einwilligung des Abgeordnetenhauses. Zwischen ihm und der Nation gibt es keine Mittelsmänner mehr. Es gibt fein Parlament mehr, sondern nur noch einen Generalstab. Es gibt keine Parteien mehr, sondern nur noch eine einzige Partei. E i n einziger Wille bringt die uneinigen Stimmen zum Schweigen. Dies geschieht vollkommen ohne jede demo-liberale Empfängnis.
Der Appell an die jungen Kräfte hallt überall wider: die Nation, die der Zeit vorausgeeilt ist, da sie ein Jahrzehnt früher als die andern gehandelt hat, ist Italien. Nichts deutet darauf hin zu glauben oder den Glauben zu erwecken, daß die Jugend, die zur führenden Klasse in den faschistischen, d. h. autoritären, unitären, totalen Staaten geworden sind, den Frieden stören wird. Man kann voraussehen, daß sie den Weltfrieden sichern wird. Immerhin aber ist nichts interessanter und dramatischer als dieser Untergang einer Zivilisation, die außer vielen Irrtümern, Vernichtungen und blutigen Kämpfen eine tiefe Spur zurückgelassen hat; nichts ist glückverheißender und bezaubernder als das Morgenrot einer neuen Zivilisation.
schleunigt unb bevorzugt nunmehr durchgeführt wird, erschließt das herrliche bayerische Alpenland in großzügiger Weise. Viele Tausende finden für lange Zeit Arbeit. In Bayreuth entsteht augenblicklich das „Haus der deutschen Erziehung". Daß die Reichsleitung der NSDAP, nach dem Willxn Adolf Hitlers ständig in München verbleibt — auch hierfür werden gegenwärtig großartige Bauten an der Arcis- und Briennerftraße errichtet —, und daß die uralte fränkische Hauptstadt Nürnberg für alle Zeit Schauplatz ber Reichsparteitage der NSDAP, bleiben wird, ist ein Beweis für den Sinn für Tradition, gleichzeitig aber auch für das Verständnis und Wohlwollen des Kanzlers für Bayern.
Der Stadt München gehört des Führers Herz, feit er als 23jähriger Jüngling, von Wien bitter enttäuscht, hierher kam, kunsthungrig, aufgeschlossen für die Schönheit der Stadt und ihre Baudenkmäler, und entschlossen, sich hier doch noch allen materiellen Widrigkeiten zum Trotz als Künstler durchzusetzen. „Daß ich heute an dieser Stadt hänge", schreibt Adolf Hitler in seinem Buche „Mein Kamps", „mehr als an irgend einem anderen Flecken der Erde auf dieser Welt, liegt wohl mitbegründet in der Tatsache, daß sie mit der Entwicklung meines eigenen Lebens unzertrennbar verbunden ist und bleibt". Mit einem großen Malerschirm ausgerüstet, dem einzigen Schirm, den Adolf Hitler jemals besessen hat, zog dieser durch Mün-
Der Führer und München.
Zur Grundsteinlegung des „Hauses der deutschen Kunst".
Don unserem g-Korrespondenten.
chen und in die schöne Umgebung der Stadt, zweieinhalb Jahre lang, bis er sich bei Ausbruch des Krieges als Freiwilliger beim Regiment „List" meldete. Adolf Hitler bezeichnete die Münchener Jahre vor dem Kriege als die „glücklichste und weitaus zufriedenste Zeit feines Lebens". „Wenn auch mein Verdienst immer noch sehr kläglich war, so lebte ich ja nicht, um malen zu können, sondern malte, um mir ein weiteres Studium zu gestatten." Die Liebe zu München wuchs während des von hier aus geleiteten Kampfes feiner Bewegung um die Macht und als Kanzler des Reiches hat Adolf Hitler der Stadt München, mit der ihn jo unendlich vieles verbindet, die Treue gehalten.
Wir stehen nunmehr am Vorabend der Grund- fteinlegung des „Hauses der deutschen Kunst", die Adolf Hitler selbst in feierlicher Weise vornehmen wird. Heute löst der Kanzler sein Versprechen ein, daß er im Besitze der Macht alles tun werde, um die inneren und äußeren Vorbedingungen zu jchaf- fen, daß echte deutsche Kunst im Dritten Reiche wieder auferstehen werde. Diesem Ziele dient der monumentale Bau des „Hauses der Deutschen Kunst". Wie oft hat Adolf Hitler in den Jahren feines politischen Kampfes öffentlich verkündet, daß sein Kampf in gleicher Weise dem undeutschen Geist und dem artfremden Wesen in der Kunst gelte. Dazu beizutragen, daß Münchens alter Ruf und Ruhm als Stadt der ernsten und der heiteren Kunst, als Kraftzentrum des kulturellen und des künstlerischen Lebens nach Jahren des Niederganges wieder hergeftellt werde, ist Adolf Hitlers sehnlich- fter Wunsch. Diese neue Tat straft eindeutig die Vorwürfe der Männer des verflossenen Systems in Bayern Lügen, daß der Nationalsozialismus gerade auf künstlerischem Gebiete einem Zentralismus huldige und die bayerische Kunstmetropole veröden lasse. Das Gegenteil ist der Fall.
Die Grundsteinlegung für das von Professor Tro ost entworfene Gebäude an derPrinzregenten- ftrafje im Englischen Garten, das hier bereits ein- gehend besprochen wurde, wird zum Anlaß genommen zur Abhaltung eines „Tages der Deutschen Kunst", der Zeugnis ablegen soll für den Kunstwillen und für wahre deutsche Kunstgesinnung im neuen Reich. An den großartigen Feierlichkeiten des 15. und 16. Oktobers in München soll die ganze Welt durch den Rundfunk teilnehmen. Der Führer wird, nachdem er die Hammerschläge auf den Grundstein getan hat, eine Ansprache halten, in der er sicherlich ein Bekenntnis zu wahrer deutscher Kunst und zu der Bedeutung gerade dieses Bauwerkes in dieser Stadt von uralter künstlerischer Vergangenheit ablegen und erneuern wird. Es ist ein besonderes Glück für Deutschland, daß der ver- antwortliche Lenker des Staates gleichzeitig ein künstlerischer Mensch ist, der in seiner tiefsten Seele von frühester Jugend an ein inneres Verhältnis zur deutschen Kunst und insbesondere zu dieser Stadt der Kunst gefunden hat.
München legt aus diesem feierlichen Anlaß ein Fcstgewand an. Von dem Ausmaß der künstlerischen Vorbereitungen vermag man sich kaum eine Vorstellung zu machen. Jede Straße, jeder Platz, die von dem Künstlerfestzug berührt werden, sind in der Ausschmückung in einer bestimmten beherrschenden Grundfarbe gehalten. Der „Tag der Deutschen Kunst" hat zunächst einmal Hunderten von Künstlern und Tausenden von Handwerkern und Arbeitern Verdienst gegeben. Das ist ein Erfolg, ganz unabhängig von dem Ablauf des Festes selbst, der sich jetzt schon vorwegnehmen läßt. Der Festzug selbst vom Sonn- tagnachmittag, der zahlreiche, von namhaften Künst- lern ausgeführte Gruppen bringt, die die Malerei, die Architektur, die Plastik, darstellen, wird eine Länge von zwei Kilometer haben, und ausgesprochen heraldischen Charakter tragen. Für das große Künstlerfest wurde das Löwenbräu von namhaften Künstlern in einen blühenden Garten umgewandelt. Rund um den Grundstein, nach Norden offen, wurde eine Tribüne für zehntausend Personen errichtet, die in einem kräftigen Rot gehalten ist.
Der Stadt München ging von jeher der Ruf voraus, daß hier auch die Kunst, Feste zu feiern.
Liebe.
(Sine Anekdote von Karl Lerbs.
Von dem Manne, um den es in dieser kurzen, aber seltsam ergreifenden Geschichte geht, ist uns nicht viel mehr überliefert, als daß er den herzhaft irdischen Namen Kohl führte und zur Zeit der Kaiserin Elisabeth als Professor der Sprachwissenschaft zu Petersburg roirtte; dagegen wissen wir von ihm, was man von nicht vielen Lebewesen des irdischen Werkeltages sagen kann: daß ihn das Schicksal einmal mit dem herrlichen und furchtbaren Geschenk einer Leidenschaft bedachte, die ihn aus der gewiffenhaften und nüchternen Alltäglichkeit seines Daseins emporriß und die Kraft feines Gefühls, die sonst wohl nach üblicher Menschenart in vielen trüben Feuer* chen verflackert wäre, zu einer großen und wilden Flamme brausend auftrieb.
Dies widerfuhr dem Professor Kohl, als er einmal durch irgendwelche Beziehungen eine Einladung zu einer Hoffestlichkeit erhalten hatte und dabei in die Nähe der Kaiserin geriet: Da fühlte er mit wunderlich luftvollem und schmerzlichem Erschrecken, daß der Anblick Elisabeths ihn wie ein himmlischer Feuerschlag bis in unergründete I«tlfen seines Wesens traf. Der Brand freilich der da entzündet war, konnte hier nicht sogleich hell und heiß aufschießen: aber er schwelte, er griff um sich, fraß und fand ungeahnte Nahrung, und schließlich war er eine schwere und sengende und düstere Flamme, so daß der Professor Kohl verstört und mit wachsendem Entsetzen merkte, wie sehr sein peinlich geregelter Alltag ihm zur Unmöglichkeit und zum wesenlosen Schattenspiel wurde, und wie eine gefährliche und furchtbar lockende Kraft ihn in abenteuerliche Bezirke riß. Man darf glauben, daß er sich mit ernstem Vorwu zur Ordnung rief, vor der fremden und gefährlichen ßuft feiner Träume am Tage ängstlichen Abscheu empfand und sich mit aller Kraft gegen die Erkenntnis wehrte, daß er mit einer nach bürgerlich-irdischen Begriffen wahnsinnigen und sträflichen Leidenschaft die Kaiserin liebte. Ja, liebte: So daß sein seltsames und strenges Schicksal' seines ängstlichen Wehrens spottete und ihn aus allen gehüteten Bindungen trieb und ihn, einen wirren und trunkenen und von seinen ratlosen Freunden gemiedenen Mann, durch nächtliche Stra- ;en jagte über deren eisigem Dunkel ein mächtiger, ternenüberjlammter Himmel gleißte. Wir weichen )er betrüblich verwahrlosten Gestalt, die ihre sehn- sichtige Not und Beglückung mit stammelnden und äsenden und vermessenen Worten zu diesem Himmel emporschickt, nicht aus und lächeln nicht über ihr tolles Tun: Wissen wir doch, daß die hohe I
Flamme in jeglichem Gefäß heilig ist unb sich ihres Ursprungs aus dem Weltenfeuer rühmen darf.
Vielleicht hatte eine Ahnung den Professor Kohl gelenkt, als er eines Morgens aus blicklosem Starren erwachend, vor sich das riesig gewölbte Portal einer Kirche sah und sich inmitten einer plappernden Schar zerlumpter Bettler sand, die, von gutmütig-grimmigen Wachen zurückgehalten, die Stufen umbrängten: Denn im Augenblick, ba er feine Umgebung erkannte, sauste es mit klappernben Rä- bern unb sprühenben Hufen unb Gcfunkel und Peitschenknall durch den kahlen Vorfrühlingstag heran, war da unb hielt: blanke Karossen mit blitzenber unb sehr erlauchter Menschenlast. Dem Professor Kohl war, was sie herantrugen, ein verschwommenes Gewoge farbiger Schatten — bis auf eine Gestalt, bie er burch aufschießenbe Tränen ganz beut* lich unb mit großer, feierlicher Klarheit sah: Elisabeth. Ihm aber war es nicht die Kaiserin, die über ein Reich von märchenhaften Maßen herrschte, die gekrönte Abenteuerin, vor deren weltgeschichtlichen Affären er zu einem Nichts schrumpfte, und von der, wie wir Kundigen aus vielen Beispielen wissen, wirklich eine Welt ihn trennte: ihm war es die himmlische und irdische, die heilige und feinen zitternden Händen und Sinnen erreichbare Gestalt ber Frau, bie er liebte, lieber ben trennenben Weltenraum riß jein Sprung ihn hinweg, an verbüßten Wachen vorüber, mitten burch erstaunt zurückwei- chenbes Gefolge — nieber zu ihren Füßen, hinauf zu ihren Knien. Da lag er unb wußte nicht, baß Tränen in feinen struppigen Bort strömten, baß fein abgezehrtes Gesicht von Glut überlobert war, baß er mit stoßenbcm Atem roilbe unb tiefe unb heiße Worte stammelte, die niederzuschreiben keine Feder wagen darf. In diesen wenigen Augenblicken ergriff die Flamme der Erfüllung bie ganze Kraft feines Lebens, schoß fteilauf unb erlosch. Er sah nicht, baß rings bie Klingen aus ben Scheiben fuhren, und daß der elegant geführte Degen Schuwalows ihm am nächsten mar; er fühlte vielleicht, daß Elisabeths Hände sie mit einer schützenden Bewegung von ihm fernhielten und dabei einen Herzschlag lang sein Haar berührten; und er vernahm gewiß ben Klang ihrer Stimme, wenn er auch nicht bie Worte verstanb, die wir, da sie schön waren, hier aufzeichnen wollen: „Wenn Sie diesen Menschen töten wollen, weil er mich liebt — was wollen Sie dann mit denen tun, die mich hassen?"
Wer das fernere Schicksal des Professors Kohl wichtig findet, möge wissen, daß besorgte Freunde ihn, den ausgebrannten Rest eines glühenden Erlebnisses, auf dem leeren Platz vor der Kirche fanden unb mit ängstlicher Hast nach Deutschlanb — man sagt, nach Hamburg — schafften, wo er sich selbst in einem stummen unb leiblich vernünftigen,
I vom Geleucht eines sehr fernen Erlebnisses beglänzten | Dasein überlebte —einem Dasein übrigens, bas seine irbische Erhaltung einem von ber Kaiserin Elisabeth ausgesetzten Ruhegehalt verbankte.
Oer Geldbriefiräger kommt.
Don Hans JRiebou.
Gottholb hat eine pathetische Aber. Seine Gedanken bewegen sich nicht gradlinig auf die Dinge zu, die es zu erfassen gilt, sondern sie schwingen in gewaltigen Kreisen und Spiralen darum herum. Wenn Gotthold auf die Frage, wie es ihm geht, sich zu antworten entschließt, so kommt beileibe nicht ein „Danke, gut" dabei heraus. Vielmehr knüpft Gotthold den Faden an die letzten Kriegs- ereigniffe an, bann bespricht er in einigen knappen Sätzen bie Inflationszeit, streift bie Scheinkonjunk- tur ber Jahre von 1930, kommt auf bie Blinb- barmoperation bes Jahres 1931 zu sprechen, erörtert ben burch fünf Monate sich hinziehenben Heilungsprozeß, fertigt eine Manbelentzünbung vom Mai 1933 kurz ab und gelangt schließlich, dreimal unter den Tisch klopfend, zu dem Schluß, daß es ihm in Anbetracht all des Schweren, das er so durchgemacht hat, zur Zeit — unberufen! — immerhin so geht, daß ein besonders in die Augen springender Grund zur Klage nicht ersichtlich sei.
So ist Gotthold. Man kann sich die abgrundtiefe Verwunderung vorstellen, die den Gelbbriefträger Föniz ergriff, als er bei Gottholb klingelte, unb dieser, anstatt mit mehr oder weniger strahlendem Gesicht die nötigen Formalitäten zu erledigen, also anhub zu sprechen: „Ich begrüße Siel Auf Sie, verehrter Herr, habe ich gewartet. Ich habe, um es Ihnen ehrlich zu sagen und keinerlei falsche Scham vor meiner Seele aufzutürmen, feit 8 Uhr in der Frühe gezittert und gebebt, ob Sie, wie der Erzengel Michael mit dem Schwert, erscheinen würden, mich aus tiefster Not zu erretten. Und, verehrter Herr, in all dem Zittern und Beben hab ich es gefühlt: Sie kommen! Sie kommen, um mir zu helfen. Und dabei ist es mir wie eine tiefe Erkenntnis in meine Seele gedrungen, daß Sie nicht nur der Retter für m i ch sind, sondern für Hunderte Tag für Tag unb Woche für Woche. Unb es ist mir zum Bewußtsein gekommen, baß Sie, als Beamter ber Deutschen Reichspost, sich einen Beruf erkoren haben, wie ein besserer unb schönerer nicht auszubenken wäre. Sie finb, verehrter Herr, ber Heilsbote im wahrsten Sinne bes Wortes. Sie bringen bas Glück unb bie Erlösung, wohin sich Ihr Schritt auch roenbet. Unb wenn es auch nur nüchterne Zahlen zu sein scheinen, bie Ihren Lebensinhalt ausmachen, so liegt boch in biefen Zahlen
Erlösung von irbischer Pein verborgen, unb man braucht Sie, verehrter Herr, nur anzusehen, man braucht nur in Ihren strahlenben blauen Augen zu forschen, um zu entbetfen, baß auch Ihnen biefer letzte Sinn Ihres wahrhaft hohen unb glücklichen Berufes nicht entgangen ist. Ich meinerseits, verehrter Herr, beglückwünsche Sie aus vollem Herzen bazu!"
Der Gelbbriefträger Föniz hatte wie betäubt ba- geftanben. Er hatte sich gegen bie Wanb gelehnt, unb als Gottholb von ben strahlenben blauen Augen zu sprechen anfing, hatte er — in ber Hoffnung wohl, baß es ein wirres Traumbilb fei, bas ihn umgaukelte — eben biefe blauen Augen fest zu- gefniffen. Jetzt aber, als Gottholb schwieg unb — enblich! — einen wohlvorbereiteten unb zugespitzten Tintenstift zum Zwecke ber Unterschriftsleistung in ben Hänben hielt, faßte sich Föniz. Er öffnete bie Augen, warf einen scheuen Blick auf Gottholb, holte tief Atem, unb bann sagte er: „Aljo bann bitte: Eine Nachnahme über Vierunb- siebzig Mark fünfzig".
Zeitschriften.
— Mit bem Oktoberheft ber „D e u t s ch e n Z e i t - schrif t", bes früheren „Kunstworts" (Verlag Call- wey, München) beginnt der 47. Jahrgang des um deutsche Kultur- und Kunstpflege verdienten Blattes. Das vorliegende Heft, das zum Hauptteil der Betrachtung deutscher arteigener Geistesrichtung gewid- met ist, bestätigt den Ernst unb bas Verantwor- tungsbewußtsein, mit bem die Zeitschrift ihren Dienst an ber beutschen (Erneuerungsarbeit auffaßt. Ulrich Christoffel gibt u. a. eine einbringlidje Analyse bes „Deutschen Formgefühls" in ber bilbenben Kunst. Paul Alverdes gibt angesichts bes heute fo nach- brücklich erhobenen Rufes nach „nationaler Dichtung" zu überlegen, baß eine Dichtung sich nicht burch äußerliche stoffliche Merkmale als national erweisen könne, sondern daß jede innerlich wahrhaft deutsche Dichtung diese Forderung erfülle. Edgar Dacguä weist darauf hin, daß nur in der wahrhaftigen Entfaltung bes eigenen deutschen Erbgutes Sinn unb Aufgabe beutscher wissenschaftlicher Arbeit erfüllt werben können. Von weiteren Beiträgen finb noch zu nennen: „Die Außenbeutschen unb ihr Vo- terlanb" von Gerhard May, der die Tragik des außendeutschen Schicksals erschütternd klar zeichnet; ferner „Die Entstehung der isländischen Saga" von Joseph Dünninger; „Die Malerfamilie Faber du Four" von Ulrich Christoffel, mit mehreren, auch farbigen Bildern. Eine schöne Bereicherung desHef- tes bilden zwei dichterische Beigaben: die Erzählum gen „Veronika" von Ernst Wiechert und „Der Fremde" von Paul Alverdes.


