Ein M vom Glück.
Vornan von Anny von panhuys.
24. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Unwillkürlich strich seine Rechte über ihre Schulter und ihren Arm.
Sie lächelte ihn an.
„30 bin ja schon zufrieden, so glücklich, daß du mir nicht schroff die Tür meift."
Er atmete schwer.
„30 bitte dich, Roberta, geh jetzt! 3d) möchte allein sein. 3ch habe noch sehr viel zu überlegen. Noch heute will ich in die Kreisstadt und den Dolch der Polizei bringen. Meiner Famille hat er nie gehört. Mutter kennt ihn nicht, erinnert sich auch nicht, ihn bei irgend jemand gesehen zu haben. Dabei ist er so auffallend gearbeitet, daß ihn jeder wieder« erkennt, der ihn einmal gesehen hat."
Er war jetzt ganz bei der Sache, schien an gar nichts anderes mehr zu denken. Er ging zum Schreibtisch, zog einen Kasten auf, in dem nichts lag außer dem Dolch, den Marlene unter den Buchern gefunden. Auf einem leeren Briefbogen lag er. Achim von Malten winkte.
„Komm her, Roberta! Sieh dir die Waffe doch auch einmal gar; genau an. Vielleicht erinnerst du dich, daß sie dir schon einmal irgendwo vor Augen gekommen ist."
Sie folgte ihm, schüttelte den Kopf.
„Wenn ich den Dolch kennen würde, wäre mir das sofort eingefallen. Oben in Marlenes Zimmer. Er ist mir genau so fremd wie deiner Mutter und dir."
Er schlug mit der Faust durch die Luft. Es war ein Schlag gegen einen Abwesenden, gegen einen völlig Unbekannten.
„Der Himmel gebe, der Dolch verrate den Mörder, den gemeinen Schuft, der mich so elend gemacht!" Er sah, daß Roberta sich mit der Rechten auf die Schreibtischplatte stützte, und fuhr ruhiger fort: „Jedenfalls ist der Dolch ein Fingerzeig. Und nun verzeih, Roberta, wenn ich dich mit aufgeregt habe. 3d) bin eben, um mich klar auszudrücken, außer Rand und Band da oben." Er wies auf feine Stirn. „Nun tue mir noch den Gefallen und sage dem Ehausfeur, er soll gleich oorfahren. 3ch will in die Stadt."
Roberta ging mit stummem Gruß hinaus. Sie gab dem Chauffeur den Auftrag, und dann verschwand sie in der Richtung nach dem Walde zu. Sie hatte ein paar Stunden Zeit.
Bernd Brussak war zu Hause. Sie fiel mit einem Schwall von Worten förmlich über ihn her.
Erschreckt sah er sie an; doch plötzlich lachte er:
„Was ist denn nun eigentlich los? Was hat sich denn für uns verändert? Der Dolch ist gefunden worden. Das ist alles; aber es hängt ja zum Glück fein Schild daran, wem er gehört hat, und niemand
weit und breit kennt ihn. Auch ist es lange her, daß ihn jemand bei mir gesehen. Verschiedene Jahre ist das schon her, und die sich daran erinnern könnten, sind weit von hier; denen legt niemand ihn vor."
Er legte seinen rechten Arm um ihre Hüfte.
„Höre auf mich! Mein letzter Plan ist der beste. Unterschlage eine gediegene Portion Mammon. Hole deine beiseite gebrachten Kröten von der Bank, und reihe mit mir aus."
Sie stieß ihn verächtlich zurück.
„Wenn wir solche Dummheit gerade jetzt in Szene setzten, nachdem der Dolch gefunden, würden wir sofort verdächtigt und verfolgt werden. Wenigstens mir erginge es so. Nein, danke! 3m übrigen stehen meine Aktien gut. Malten weih jetzt, daß ich ihn liebe, und bemitleidet mich schon. Wenn ich geschickt steuere, glückt mein Plan doch noch."
Bernd Brussak lachte laut auf und machte ihr nach:
„Malten weiß jetzt, daß ich ihn liebe!"
Robertas Gesicht verzog sich unmutig.
„Dein Lachen ist albern! 3ch begreife deine übermütige Stimmung überhaupt nicht. Ich meine, es ist doch eigentlich ein verflucht unangenehmer Gedanke, daß nun der Dolch in die Hände der Polizei kommt. Seit Jahr und Tag habe ich in der Biblio- thek danach gesucht, habe Leseratte gespielt, nur, um immer wieder unauffällig in die Bibliothek gehen und mein Suchen fortsetzen zu können. Nachts schlich ich mich ein; mit dem Regal stürzte ich da- bei um, und dieses Frauenzimmer mit den Glotzaugen ist kaum ein paar Stunden im Hause, da fällt er ihr wie von selbst in die Hände. Ich habe leider nicht vermeiden können, daß nun die Schnüf- felei der Polizei einsetzen wird. Und sage, was du willst, ich kann mir nicht helfen, seit ich das verflixte Ding wiedergesehen habe, ist mir flau zumute."
Er lachte: „Wir scheinen die Rollen gewechselt Au haben. Du warfst mir immer Feigheit vor, doch jetzt bist du feige."
Sie erwiderte schroff:
„Laß die dummen Redensarten. Jedenfalls rate ich dir, mich nicht zu reizen."
Er fixierte sie höhnisch.
„Den guten Rat gebe ich dir zurück. Ich liebe dich, liebe dich bis zum Wahnsinn! Aber ich traue dir nicht über den Weg — du!"
Sie schob die Schultern hoch.
„Immer dasselbe! Statt daß wir Zusammenhalten und uns beraten, zanken wir uns."
Er umschlang sie.
„Mir dauert alles zu lange. Die paar Stunden bei mir mußt du dir abstehlen. Ich will dich für immer haben. Jedenfalls müssen wir jetzt bald vor- roärtstommen."
Er flüsterte zärtlich auf sie ein, und sie ließ sich küssen, beteuerte:
„Ich habe dich lieb!"
Sie mußte fort. Zu lange durste sie nicht Ausbleiben, denn mit ihrem Posten war doch eine Menge Pflichten verbunden.
Als sie das einsame Haus jem'eits der Grenze verließ und möglichst rasch den Weg zu erreichen versuchte, der vom Ort herkam und über die Grenze zurückführte, waren da ein paar Augen, die sie beobachteten, die aber auch schon beobachtet hatten, wie sie vor einer halben Stunde das einsame Haus betrat. Der Knecht Wollner war heute zufällig im Böhmischen drüben gewesen und grübelte nun darüber nach, was die Inspektorin, die er gründlich haßte, in dem allen Bau zu tun hatte, in dem ein Mensch hauste, den hier in der Gegend niemand kannte, und der sich auch um niemand kümmerte. Die Frage ließ Wollner keine Ruhe, und er erzählte seiner Frau diese Beobachtung.
Die schnauzte ihn nicht schlecht an.
„Stecke deine Nase vor allem nicht in die Angelegenheiten der Inspektorin!" warnte sie. „Ich denke, du bist froh, bleiben zu können. Wenn sie dir nochmal kündigt, hilft dir keiner. Die Gesell- schasterin mit den großen Augen, die dir geholfen hat, ist heute mittag Hals über Kops abgereist und die Rotblonde mit. Die weihe Reiterin soll ja schon wieder gesehen worden sein, und das hat die zwei wohl weggejagt."
Er brummte:
„Schade, daß die mit die frohen Dogen nu ooch wech is!" Aber hier bleibt ja keene."
Seine Frau verriet ihm geheimnisvoll:
„Es wird behauptet, die mit den großen Augen soll sogar mit dem Herrn so gut wie verlobt ge- wesen fein." Sie zuckte mit den 'Achseln. „Aber das geht uns nichts an. Wir haben genug mit uns selber zu tun."
e
Der Polizeikommissar nahm mit großem Der- wundern den Dolch aus den Händen Achim von Maltens entgegen und folgte dessen Erzählung mit gespanntester Aufmerksamkeit. Kommissar Murr- mann war bei der Verhaftung des Gutsherrn sehr für dessen Unschuld eingetreten; aber ein Polizeirat aus Berlin, den man damals hierhergerufen, band so viele Indizienbeweise zusammen, daß die Kette reichte, Achim von Malten stark zu belasten und ihm den Prozeß zu machen.
Die Masse würde von einem Berliner Sachverständigen sofort genau untersucht werden, erklärte der Kommissar, und fügte hinzu:
„Vielleicht gelingt es Ihnen jetzt, Ihre Unschuld zu beweisen, Herr von Malten. Ich wünsche es von Herzen. Vor allem bitte ich Sie aber, über den Fund und alles, was damit zusammenhängt, voll- kommenes Schweigen zu bewahren und die Leute, die bereits darum wissen, auch dazu anzuhalten." Er notierte sich Marlenes Adresse. „Die junge Dame wird vielleicht schon morgen vorgeladen werden. In Berlin natürlich. Sie soll genau befragt werden, auf welche Weise sie den Dolch fand."
„50 erklärte Ihnen bas ja, Herr Kommissar!* warf Achim von Malten ein.
Der Herr mit dem gutrasierten Gesicht antwortete^ „Allerdings! Aber die Polizei hört immer ger, alles direkt.
Achim druckste, und dann erzählte er, daß Mar. lene Lerner den Dolch über vierzehn Tage in ihrem Koffer zurückbehaiten, weil er, Achim von Malten, ihr leid getan, wie sie gesagt, weil sie neue Unannehmlichkeiten für ihn gefürchtet habe.
Der Kommissar wiegte nachdenklich den Kops.
„Dann muß die junge Dame Sie, Herr von Ti ah tcn, doch für den Mörder gehalten haben — cnb schuldigen Sie ..."
Achim von Malten bekannte:
„30 habe genau dieselbe Auffassung und Fräulein Werner deshalb gebeten, das Schloß zu oer- lasten. 3ch erwähne noch, wir waren so gut wie verlobt."
Der Kommistar nickte bedächtig:
„Eine sehr traurige Erfahrung für Sie, Herr von Malten."
Während der ganzen Fahrt nach Maltstein klang es ihm in den Ohren nach: „Eine sehr traurige Erfahrung für Sie, Herr von Malten "
seine Mutter befand sich nicht allein. Roberta war bei ihr und las ihr vor, wie sie es schon manchmal früher gelegentlich getan.
Sie entfernte sich sofort nach seinem Eintritt, und seine Mutter meinte:
„Roberta hat ein Herz von Gold, glaube ich. Sie hat fast geweint, weil du ihr so leid tust. Sic sagte, sie könnte Marlene Werner erwürgen für die schwere Enttäuschung, die sie dir bereitet hat. Und tüchtig ist |ie, bewunderungswürdig tüchtig! borgens die erste aus den Federn, und in später Nacht sitzt sie noch auf und arbeitet, schreibt und rechnet. Mir hat sie früher manchmal gar nicht so besonders gefallen. Ich fand sie oft unweiblich. Ader seit ich weiß: auch eine so weibliche Frau wie Marlene. Werner kann trügen, schätze ich Robertas Art."
Achim erzählte von seiner Unterredung mit dem Kommissar und knüpfte allerlei Hoffnungen daran.
Roberta wurde von nun an von Mutter und Sohn behandelt, als gehöre sie zu ihnen. Beinah so weit hatte sie es allerdings schon einmal gebracht, ehe Marlene ins Haus gekommen. Frau von Malten äußerte zu ihr:
„Ich mag jetzt keine Gesellschafterin mehr. All, liefen bisher weg, und die mein Herz gewann, mußte Achim gehen heißen. Schade! Das Mädel gefiel mir sehr, und ihr Gesang würde mir fehlen, wenn ich jetzt nicht so viel daran denken müßte, ob der Dolch wirklich Licht in die düstere Mordiache bringen wird. Was meinen Sie, Roberta? Ich vermag ja an gar nichts anderes mehr zu denken."
Und Roberta Dlbers erwiderte überzeugungsvollr „Durch den Dolch wird der Mörder gesunden werden! Ich glaube es bestimmt."
(Fortsetzung folgt.)
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