Ausgabe 
14.9.1933 Frühausgabe
 
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50 Jahre deutsches Wandern.

Zubiläum des Reichsverbandes Deutscher Gebirgs- und Wandervereine.

Seit Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahr- Hunderts haben sich besonders m den Teilen Deutsch­lands in denen Mittelgebirge oder sonst landschaft- lich oder kulturgeschichtlich interessante Gebiete liegen Gebirgs- und Wandervereine gebildet. Sie vereinigen von jeher Angehörige aller Stände im Zeichen der Heimatliebe und der Pflege der Bolks- gemeinschast. Alle diese Körperschaften haben die gleichen gemeinnützigen Ziele:

Erschließung der einzelnen Heimalgebiete, pflege und Förderung des wanderns in deutschen Gauen und Sorge um die wirtschaftliche Lage der Bewohner ihrer Arbeitsgebiete.

Mittel zur Erreichung dieser Ziele sind Anlegung von Wegebezeichnungen und Wanderwcgen, Er­bauung von Unterkunstshäusern, Aussichtslürmen, Unlerslandshütten, Natur- und Heimatschutz, Ver­anstaltung von Wanderungen unter verantwort­licher Führung, Herausgabe von Zeitschriften, Karten und Führern, Vorträge, Werbung für die betreuten Gebiete. In den Grenzgebieten erweitert sich diese Tätigkeit der Gebirgs- und Wanderoer- eine durch Mitarbeit an der Stärkung und Er­haltung des Grenzlands- und Auslandsdeutschtums, in Notstandsgebieten (z. B. Eifel, Spessart, Rhön, -Bayerischer Wald, Erzgebirge) durch Einführung von Verdienstmöglichkeiten (Heimindustrie: Spiel­waren, Holzschnitzerei, Korbflechterei) für die Be­wohner. Die Verkehrsoerbände sahen in den Ge­birgs- und Wanderoereinen jederzeit wertvolle Mit­arbeiter, die deutschen Jugendherbergen gehen in ihren ersten Anfängen auf sie zurück.

Als Spitzenoertretuna der Gebirgs- und Wander- vcreine im Reich besteht der Reichsoerband Deut­scher Gebirgs- und Wandervereine, der im Jahre 1883 auf Anregung des Taunusklubs gegründet wurde. Damals waren es 15 Vereine mit 10 734 Mitgliedern.

heule umsaßt der Reichsverband 260 000 Mit­glieder in 2613 Ortsvereinen und 870 körper- schaftliche Mitglieder.

Die Zahl der Jugendgruppen betrug vor ihrer Auflösung am 15. Juli 1933 236. Einige statistische Zahlen bezeugen die Bedeutung des Verbandes: die Länge der farbigen Wegebezeichnungen beträgt 67 243 Kilometer; erbaut wurden 8 0 Unter­kunftshäuser, 84 Aussichtstürme, 2 4 Ehrenmale, Hunderte von Unterstandshütten. 34 Vereine geben eigene Verlagswerke (Karten, Führer, Heimatliteratur) heraus, 46 Vereinszeit- schriften haben eine Gesamtjahresauflage von etwa 3 Millionen Stück, 31 Gebietsvereine haben eigene Lichtbildersammlungen.

Die Leitung des Reichsoerbandes liegt in den Händen des Reichssührers der Deutschen Ge- birgs- und wandervereine, des Herrn hessischen Ministerpräsidenten Professor Dr. Werner.

Darmstadt.

Don Arbeiten des Reichsoerbandes stehen z. Z. die Anlegung großer durchgehender Wanderwege (Ham­burg-Basel, HannoverPassau, SaarSchlesien), die Schaffung von Wandererschutzpfoden zur Vermeidung des Kraftfahrverkehrs, Versiche- rungssragen, Tarisfragen bei der deutschen Reichs- bahngesellschaft, Schaffung von Vergünstigungen für die Mitglieder der Deroandsvereine im Vorder­grund.

Alljährlich findet die Hauptversammlung des Der- bandes alsDeutscher Wandertag" abwech­selnd in verschiedenen Gauen Deutschlands statt. Von besonderer Bedeutung aus der Nachkriegszeit sind die Tagungen im besetzten Gebiet (Mainz, Neustadt a. d. h.), in der Ostmark (Außig in Böhmen und Königstein a. d. Elbe) und im vori­gen Jahre im Saargebiet (Mettlach). Die dies­jährige Tagung findet als goldene Jubelfeier statt in Frankfurt a. M. als der Stadt, von der aus im Jahre 1879 die ersten Anregungen zur Gründung kamen, die dann 1883 in Fulda erfolgte.

Abgeordnete aus allen Teilen unseres Vaterlan­des und den benachbarten Sudelenländern wer- den in den Tagen vom 16. bis 18. September d. 3. in Frankfurt a. M. versammelt sein, um in ernster Beratung die Arbeit an der deutschen

Wander- und Heimatsache zu fördern.

Der Begrüßungsabend im Palmen­garten wird durch ein Festspiel eine besondere Note erhalten. Der Sonntag bringt dann einen Empfang im Römer durch die Stadt Frank­furt a. M. und eine Weihe st unde im Bürger­saal. Tausende von Wanderern aus den umliegen­den Gebieten werden daun um die Mittagsstunde durch einen Aufmarsch auf dem Römer­berg ein begeistertes Bekenntnis ablegen zur deutschen Heimat, zu unserem Volke und seinem Führer. Die Tagung wird dann mit einem Besuch der Saalburg und Homburgs und einer A u to­se r n f a h r t durch den Taunus und Abschluß in Wiesbaden ausklingen.

Im neuen Deutschland sind gerade für die Ge­birgs- und Wandervereine mannigfache Aufgaben zu erfüllen. Sie werden mit altgewohnter Hingabe und mit unverwüstlichem Idealismus angepackt werden. Frisch auf!

h. Ritter- Frankfurt a. M.

auf freien Fuß gesetzt, weil kein Fluchtverdacht und keine Verdunkelungsgefahr mehr vorlog. Der Beamte wurde sofort vom Dienst suspendier!.

Ein Mann aus Gießen, der auf der Kirchweihe in Annerod hinsichtlich des deutschen Grußes unge­hörige Aeußerungen gemacht hatte, wurde am Mon- tag in Schutzhaft genommen.

Ein Händler aus R e i s k i r ch e n wurde in Schutz- Haft genommen.

Taten für Donnerstag, 14. September.

1583: Albrecht W. v. Wallenstein, kaiserlicher heer- ührer im Dreißigjährigen Krieg, geboren (vor 350 Jahren); 1760: der Komponist Luigi Cherubini in Florenz geboren (gestorben 1842); 1769: der

Kulturaufbau unseres Theaters nur durch Oauermiete!

Naturforscher Aleander von Humboldt in Berlin ge­boren (gestorben 1859); 1817: der Dichter Theodor Storm in Husum geboren (gestorben 1888); 1930: der Literaturhistoriker Friedrich Wolters in München gestorben (geboren 1876).

Vornotizcn.

Tageskalender für Donnerstag. Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Ein Lied geht um die Welt".

*

* Straßensperrunas - Nachrichten, mitgeteilt vom Oberhessischen Automobil-Klub E. D. (A. v. D.), Gießen: Die Straße Marburg Frankenberg ist zwischen Simtshausen und Münchhausen bis auf weiteres für den gesamten Verkehr gesperrt. Umleitung erfolgt, da die Strecke BattenbergFrankenberg ebenfalls ge­sperrt ist, über SchönstadtBrachtRosenthal. Die Sperrung der Strecke Wetter Simtshau - s e n ist aufgehoben.

Kunst unv Wissenschaft.

Arbeitstagung der preußischen Theaterintendanten. Im Plenarsaal des Landtages traten in Berlin ämtliche Intendanten der preußischen tädtischen Theater zu einer Sitzung zu- ammen, auf der Ministerpräsident Göring grund­

legende Ausführungen über das Thcaterwescn machte.

Der Leiter des preußischen Thcaterausfchuycs, Staatskommijjar Hinkel, hob hervor, daß dies« Besprechung einberufen sei, um die brennenden Fragen des deutschen Theaters zu klären und um in engster Zusammenarbeit am Neuaufbau des Theaters zu arbeiten. Ausdrücklich betonte er, daß alle Verträge der Theaterleitungen in Preußen juristisch der Genehmigung des preußischen Innen­ministeriums bedürfen. Ministerpräsident Göring habe grundsätzlich seine Zustimmung zu der ge­forderten Gesamtsumme für die Subventionen der städtischen Theater gegeben.

Danach sprach Ministerpräsident Göring über grundsätzliche Fragen des preußischen Theater» wesens. Um das Führerprinzip auch für die preu­ßischen Theater in den Vordergrund zu stellen, habe er angeordnet, daß die Berufung aller wich­tigen Persönlichkeiten, insbesondere die der Inten­danten, ihm Vorbehalten bleibe. Die Verantwor­tung des einzelnen Theaterleiters müsse klar her- ausgestellt werden. Aus diesem Grunde werde er auch die Stellung der Intendanten neu formulieren.

Die Arbeit der Theaterleiter müsse in dem Geiste geschehen, der in der großen Rede des Führers zu den Fragen der Kultur auf dem Nürnberger Pärtei- tag zum Ausdruck komme. Diese Rede solle auch sichtbar in allen preußischen Theatern angeschlagen werden.

Der Ministerpräsident kam dann auf die cpicl- plangeslaltung zu sprechen und betonte, daß gerade auf diesem Gebiete in der vergangenen Zeit sehr viel gesündigt worden sei. Der Spielplan habe zu berücksichtigen, daß wir heute in einer großen Zeit leben, vielleicht der größten, die Deutschland je durchgemacht hat. Aber cs solle auch der Humor und das Lustspiel nicht vergessen werden. Mit dem Starunwesen müsse jetzt grundsätzlich aufgeräumt werden. Die Etats seien mit besonderer Sorgfalt auszustellen. Pflicht der Intendanten sei es, durch äußerste Sparsamkeit die Theater weiterzufiihren.

Zum Schluß richtete Ministerpräsident Göring an die Theaterleiter die Mahnung, in ihren Thea­tern die Kameradschaft in nationalsozialistischem Geiste zu pflegen.

Anschließend fand eine Arbeitstagung der Inten­danten statt, auf der in Anwesenheit von Ver­tretern des Ministeriums noch einmal zu den wesentlichsten Fragen Stellung genommen wurde. Staatskommissar Hinkel wies u. o. auf die neue Organisation des Vermittlungsausschusses hin und betonte, daß das paritätische System des Bühnen­nachweises unhaltbar sei. Selbstverständlich sei, daß an deutschen Theatern auch in Zukunft prominente ausländische Künstler beschäftigt werden.

1500Zwillinge werden untersucht.

Aus der Vrovinzialyauptstadt.

Besuchssperre

beim Hessischen Personalamt.

Das Personalamt des Hessischen Staats Ministeriums gibt bekannt: Persön­liche Rücksprachen beim Personalamt sind nut in dringend st en Fällen zulässig. In allen andern Fällen sind schriftliche Eingaben erforder­lich. Im Interesse der ungestörten Durchführung der Maßnahmen auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtemums vom 7. April 1933 werden ab heute bis 10. Oktober dieses Jahres keinerlei mündliche Rück­sprachen vom Personalamt entgegengenommen.

Eine Neunzigjährige.

Morgen feiert Frau ElisabethS t r e n g, geborene Mettenheimer, Witwe des Geheimen Hofrates Pro­fessor Dr. August Streng, ihren 9 0. Geburts­tag. Die Jubilarin ist am 15. September 1843 zu Gießen geboren. Ihr Vater Dr. Wilhelm Metten­heimer, ein geborener Frankfurter, entstammte einer Familie, die ihren Ursprung bis zum Jahre 1320 auf eineKunegundis de Mettinheim", also auf eine Ahnfrau zurückführt, die in Mettenheim bei Worms geboren war. lieber Worms, Speyer, Staden in der Wetterau kamen Glieder der Familie nach Frankfurt a. M. Wilhelm Mettenheimer übernahm im Jahre 1826 die hiesige Pelikanapotheke und habi­litierte sich an der Landesunioersitäl als Dozent für Pharmakognosie, im Jahre 1849 wurde er zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät ernannt. In erster Ehe war er mit einer Tochter des Professors der Medizin und bekannten Augenarztes Balser verheiratet, am 23. April 1832 schloß er die zweite Ehe mit Luise Kempff, die einer der ältesten Gießener Familien angehörte. Lange Zeit waren Vertreter der Familie Kempff hier Post- meifte». Die heute Neunzigjährige verbrachte in der Gemeinschaft mit ihren Eltern, Geschwistern und Freundinnen eine glückliche Jugendzeit, von den im ganzen neun Geschwistern lebt heute außer der Ju­bilarin noch eine 86jährige Schwester. Arn 15. August 1868 verheiratete sie sich mit dem aus Frankfurt a.M. stammenden Professor der Mineralogie und Geo­logie Dr. August Streng, dessen Vorfahren mit der Familie Goethe verwandt waren. Streng war damals Witwer; er brachte in seine zweite Ehe drei Söhne mit, ihrer hat sich seine zweite Gattin in liebevoller Fürsorge angenommen; sie stand bis zum frühen Tode dieser Söhne mit ihnen in herzlichen Beziehungen. Am 7. Januar 1897 verlor sie ihren Ehegatten. Der Sohn Ferdinand, der Fabrikdirektor und Chemiker war, starb in Dessau, der Sohn Heinrich war Kaufmann und verschied in Malmö, er war wie sein Bruder Wilhelm, der als Arzt in Frankfurt a. M. starb, unverheiratet geblieben. Den aus der zweiten Ehe stammenden Sohn Rudolf verloren die Ehegatten schon, als er zehn Jahre alt war. Von Familienangehörigen sind der Neun­zigjährigen noch die Schwiegertochter und eine En­kelin geblieben. Diese Schicksale haben die viel­geprüfte Frau nicht gebeugt, mit christlichem Gott­vertrauen und in einer optimistischen Lebensauf- faffung hat sie alles ertragen.

Frau Streng, die in körperlicher und geistiger Frische ihren 90. Geburtstag feiert, ist eine Reprä­sentantin der Kultur, die im vorigen Jahrhundert in Gießener Universitätskreisen zu finden war. Mit ihrem Ehegatten hat sie weite Reisen gemacht, von denen sie heute noch in interessanter und humor­voller Weise zu erzählen weiß. Eine ihrer ältesten Erinnerungen knüpft sich an das Jahr 1849. Im September jenes Jahres weilte sie an dem Tage, an dem Fürst Lichnowsky und General Auerswald in Frankfurt a. M. der Volkswut zum Opfer fielen, dort im Hause der Großeltern. Mit ihren Ange­hörigen stand si° im großelterlichen Hause am Markt

hinter den heruntergelassenen Fensterläden und sah, wie man Fässer und Kisten zum Barrikadenbau heranschleppte und wie über die Barrikaden hinweg­geschossen wurde. Während noch geschossen wurde, nahm bi. Mutter das sechsjährige Kind an der Hand und ging mit ihm über die Straße, indem sie sagte, ihr und ihrem Kinde werde niemand etwas tun. Für die Gegenwart, ihre politischen und kirchlichen Bewegungen, hat die Neunzigjährige noch ein leb­haftes Interesse.

An dem 90. Geburtstag von Frau Geheimrat Streng nimmt auch der Alice-Frauenverein vom Roten Kreuz wie man uns schreibt herz­lichen Anteil. Frau Streng ist das verehrte Ehrenmitglied des Vereins, dem sie seit der Ver­einsgründung angehört. Die Jubilarin hat stets allen Entwickelungen und Arbeiten des Vereins das größte Interesse entge-gengebracht. UnvergeßUch ist in den Kreiesen des Vereins ihre aufopfernde Tätig­keit in der Liebesgabenabteilung während des Welt­krieges. Dort betätigte sie sich auf einem Gebiet, das ganz ihrer mütterlichen Veranlagung und ihrem mitfühlenden Herzen entsprach. Kein Verwundeter ging ungetröstet und unversorgt von ihr weg. Der Alice-Fraucnverein vom Roten Kreuz bringt ihr daher morgen die herzlichsten Glückwünsche dar.

Kirchengemeinoetag in Gießen.

Die Kirchengemeinden halten schon seit Jahr­zehnten ihre Kirchengemeindetage, zu denen die Kirchengemeinden ihre Abgeordneten schicken. Am nächsten Sonntag findet ein solcher Kirchenge­rn e i n d e t a g in Gießen statt. Da das Pro­gramm Veränderungen erfahren hat, so sei dessen abschließende Fassung hier mitgctcilt:

Die Tagung wird um VzlO Uhr durch einen Festgotiesdienst in der Stadtkirche einge- leitet. Festprediger wird Professor D. Matthes aus Darmstadt sein. Um 11 Uhr wird Schriftsteller Wilhelm Michel aus Darmstadt im Johannes- saal einen Vortrag überDie Stunde des Gottes­wortes" halten. Um 2'/< Uhr wird Professor D. Dr. Cordier, gleichfalls im Johannessaal, einen Vor­trag überDie Bedeutung der Gemeinde für den kirchlichen Neuaufbau" halten. Oberreallehrer Frank aus Darmstadt, der Führer des Verbau- des evangelischer Männervereinigungen, wird über Die männliche Diakonie im Dienste der Gemeinde" referieren.

Das Landeskirchenamt wird durch den Super­intendenten der Provinz Oberhesjen, Oberkirchenrat D. Wagner, vertreten sein. Die Kirchengemein- den entsenden ihre Kirchenvorsteber und ihre männ­lichen und weiblichen Helfer in der Arbeit am Aus­bau der Gemeinden. Besonders den neugewählten Kirchenoorstehern wird diese Tagung Wichtiges, zu­mal über den kirchlichen Neuaufbau, zu sagen haben.

Polizeibericht.

Der Polizei war hochverräterisches Material in die Hände gefallen, das an Kommunisten in Du­den r 0 d, Kreis Büdingen, gerichtet war. Aus diesem Grunde wurden am gestrigen Tage in Du­den r 0 d und in ÜB 0 l f durch das Sonderkommando der Staatspolizeistelle Gießen, die Gendarmerie und SS. aus Büdingen Durchsuchungen vorgenommen, wobei kommunistische Broschüren, Bücher, Auszeich­nungen usw. vorgefunden wurden. Zwei Kommu­nisten aus Dudenrod wurden festgenommen und m das Amtsgerichtsgefängnis Büdingen eingeliefert. Die Ermittlungen über die Herkunft des hochver­räterischen Materials sind noch nicht abgeschlossen.

Ein Verwaltungsbeamter und ein Schlossermeister aus Gießen wurden wegen Vergehens gegen die Verordnung vom 21. SRärf 1933 festgenommen. Sie wurden der Slaatsanwattschaft und dem Richter zu­geführt. Nach richterlicher Vernehmung wurden sie

Das interessanteste Gebiet derVererbungswiffenschast. - AnS dem Forschungs­institut von Professor v. Verschuer.

Don Or. Konrod Dürre.

Die wichtigen erbbiologischen Erkenntnisse des bekannten Erbforschers Dr. Konrad Dürre wurden auf staatliche Anregung auch im Rahmen derStunde der Nation" im Rundfunk vorgetragen.

Der berühmte Stratosphären-P iccard studierte mit seinem Zwillingsbruder in München. Beide hatten einen wunderbaren Vollbart. Der eine ging zum Friseur und sagte:Bitte rasieren Sie mir den Vollbart ab, aber Sie müssen sehr scharf rasie­ren, denn bei mir wächst der Vollbart furchtbar schnell nach." Der Friseur tat wie ihm gewiesen und fiel vor Schrecken auf den Rasierstuhl, als nach fünf Minuten zweifellos der selbe Mann zu ihm kam und sagte:Ich habe Ihnen ja gleich gesagt, daß mein Bart sofort wieder wächst, wenn er nicht ganz scharf wegrasiert wird."

Die Gebrüder Piccard sind eineiige Zwil­linge. Das soll nicht heißen, daß sie sich wie ein Ei dem anderen gleichen, sondern, daß sie aus einem einzigen befruchteten Ei entstanden sind im Gegensatz zu solchen Zwillingen, die aus zu glei­cher Zeit befruchteten zwei Eiern entstanden sind. Zwischen Zwillingen und Zwillingen ist also ein gewaltiger Unterschied. Die eineiigen Zwillinge sind gewissermaßen die doppelte Ausgabe ein und des- selben Individuums, zweieiige Zwillinge sind ledig­lich Geschwister, die bas Glück hatten, schon vorge­burtlich einen Lebensweg von neun Monaten in engster Gemeinschaft zu gehen. Der Begriff der ein­eiigen Zwillinge wird am deutlichsten bei den sog. Siamesischen Zwillingen". Diese un­glücklichen Wesen sind bei der Zellteilung im frühe­sten Entwicklungsstadium nicht ganz voneinander getrennt worden; sie blieben miteinander verwach­sen und können nur in seltenen Fällen ohne Ge­fährdung ihres Lebens voneinander getrennt wer­den. Dieselbe Eizelle und dieselbe Samenzelle haben also infolge einer Unregelmäßigkeit der ZeUteilungs- oorgänge, zwei Wesen hervorgebracht. Beide Wesen sind von ein und derselben Erbmasse aufgebaut worden. Wer dies begriffen hat, der wundert sich nicht mehr darüber, daß die eineiigen Zwillinge haargenau einander ähneln. Ja, daß diese Aehnlichkeit sogar in den Kriterien verblüffend ilt, die von der Kriminalpolizei als fast einziges Mittel zur Feststellung einer Persönlichkeit anerkannt werden, nämlich in den Papillarlinien der Daumen. Der Daumenabdruck von zweieiigen Zwil­lingen ist dagegen grundverschieden und er beweist, daß hier zwei erbnerschiedene Persönlichkeiten oor- lieqen.

Die eine Vererbung bei Menschen betreffenden erbbiologischen Forschungen am Kaiser-Wilhelm- Jnstitut für Anthropologie, Eugenik und menschliche Erblehre in Berlin-Dahlem befassen sich unter der Leitung des bekannten Zwillingsforschers Professor Dr. F^rh. v. V e r s ch u e r z. B. vorzugsweise mit der Untersuchung erbgleidjer und erbungleicher Zwillinge. Die menschliche Erblehre steht ja des­halb vor so großen Schwierigkeiten, weil ihr nicht wie beim botanischen und zoologischen Erbsorscher Kreuzungsversuche möglich sind, die sich auf Hun­derte, tausende und hunderttausende von Versuchs­objekten beziehen. Der Erbsorscher, der mit Mäusen oder gar mit der Taufliege (Drosophila) arbeitet, kann, solange er lebt, unzählige Generationen ver­folgen und an ihnen den Ablauf der Vererbungs­gesetze studieren. Der Erbsorscher, der Menschen be­obachten will, kann während seiner Lebenszeit aller- höchstens 1 bis 2 Generationen beobachten. Denn- noch kann jetzt schon gesagt werden: Im allgemei­nen wird immer noch der Umwelt viel zu starker Einfluß auf die Bildung der Persönlichkeit zuge­schrieben; während die erbbiologischen Grundlagen jedes Menschen in ihrer entscheidenden Wirkung

völlig verkannt werden. Natürlich wird es keinem Erbsorscher einfaUcn, die Umwelteinflüsse zu leug­nen, aber er wird sie auf das richtige Maß redu­zieren.

Der Mensch wird stets in erster Linie von seinen Erbanlagen und erst in zweiter Linie von seiner Umwelt geformt.

Diese Behauptung wird nicht nur durch die aufsehenerregenden Untersuchungen Dr. v. Ber­sch u e r s und Dr. D i e h l s an über 100 tuber­kulösen Zwillingspaaren bewiesen, sondern auch durch die bedeutsame Arbeit des Süddeutschen Dr. LangeVerbrechen und Schicksal", die sich auf zahlreiche kriminelle Zwillinge bzw. Zwillingspart­ner bezieht.

Verschuer berichtet über folgenden Fall: Jetzt 26jährige erbgleiche Zwillingsschwestern wurden in einem Städtchen Westfalens geboren. Ihre Jugend­zeit verlebten sie zusammen. Mit 14 Jahren zogen sie in ein Dorf in Ostpreußen. Seit dem 17. Lebens­jahre leben sie vollständig getrennt. Die eine bleibt als Näherin bei der verwitweten Mutter auf dein Lande in Ostpreußen, die andere ist in Berlin als Stütze im Haushalt und als Verkäuferin tätig. Seit Herbst 1929 fühlt sich letztere sehr matt, hat Nacht­schweiße und Auswurf. Im Dezember läßt sie sich trank schreiben und wird vom Arzt in das Kran­kenhaus cingcroie|en, wo Lungentuberkulose festge- stellt wird. Anläßlich der Zwillingsuntersuchung im April 1930 kommt Zwilling I von Ostpreußen noch Berlin; sie wußte bisher von einer Erkrankung nichts, hat sich aber' seit einerGrippe", die sie im vergangenen Herbst durchmachte, nicht mehr erholt. Sie klagt über Husten, Auswurf und Kewichtab- nahme. Die Untersuchung ergab auch hier eine Lungentuberkulose, die der der Zwillingsschwester völlig glich, bezüglich Sitz, Ausdehnung der Lungen und Art des krankhaften Prozesses. Wenn man die Röntgenaufnahmen der Lungen aufein­anderlegte, so deckte sich das Bild der einen mit der anderen vollkommen. Trotz neunjähriger örtlicher Trennung und sehr verschiedener Lebensweise ist bei diesen Zwillingsschwestern also fast gleichzeitig ein hochgradiger ähnlicher Krankheitsprozeß ausge­treten.

Hier haben wir keinen Zufall vor uns, sondern ein typisches Erbschicksa 1 Geerbt haben diese eineiigen Zwillinge von Vater oder Mutter die Widerstandslosigkeit des Körpers gegenüber ein­dringenden Tuberkelbazillen. Der Bazillus selbst wird natürlich nicht vererbt.

Schicksalsschwer wirkte sich die Anlage zu kriminellen Taten bei den eineiigen Zwil­lingen aus, die Dr. Lange untersuchte. Von 13 eineiigen Zwillingen waren in 10 Fällen beide Zwillinge bestraft. In allen 10 Fällen war die vor­liegende Art des Verbrechens völlig gleichartig.

Diejenigen, die solchen erschütternden Unter­suchungsergebnissen entgegenhalten, daß das unter» suchte Material noch zu klein sei, um endgültige Schlüsse ziehen zu können, sei gesagt, daß die Zwillingsforschung darauf bedacht ist. ihr Material unaufhörlich zu vermehren. Im Institut bei Pro­fessor von Verschuer sind bis jetzt schon 1500 erbgleiche und erbungleiche Zwil­lingspaare untersucht. Uebrigens: die An­lage zu Zwillingsgeburten ober zur Erzeugung von Zwillingen ist erblich. Und zwar scheint es sich bei diesererblichen Belastung" um eineVererbung nach der Seite" zu handeln. Wenn jemand eine Tante hat, die eine Zwillingsschwester hat, oder einen Onkel, der einen Zwillingsbruder besitzt oder besaß, so besteht für Neffen oder Nichten die hohe Wahrscheinlichkeit, daß Zwillinge hervorgebracht werden können.