überzeugt sei, daß der Staat ehrlich mit seinen Steuern verfahr e." — In einem Telegramm entbot schließlich die Versammlung dem Reichsbischof o. Bodelschwingh in Ehrfurcht ihren Gruß und erbat für ihn den Segen des Allmächtigen.
Beschlüsse der deutschnationalen Reichstagssrattion.
Berlin, 13. Juni. (TU.) Die deutschnationale Reichsta^fraktion veröffentlicht zu dem Austritt der drei Reichstagsabgeordneten folgende Erklärung:
„Die deutschnationale Rcichstagsfraktion verurteilt einstimmig das Verhalten der drei Abgeordneten Spahn, Stadtler und Wilhelm Schmidt, die ohne Niederlegung ihres Mandats und damit unter Bruch ihres schriftlich gegebenen Ehrenworts und unter schwerer Täuschung ihrer Wählerschaft aus der deutschnationalen Front aus geschieden sind. Der Bruch des Ehrenworts wiegt um so schwerer, als sie ihn mit unwahren, die Haltung und Absichten der deutschnationalen Front gegenüber der nationalen Regierung in niedrigster Weise verdächtigenden Angriffen zu begründen suchen. Die deutschnationale Reichstagsfraktion überläßt ein derartiges Verhalten dem Urteil der Oeffentlichkeit."
Ferner faßte die deutschnationale Reichstagsfraktion folgende Entschließung:
„Die deutschnationale Reichstagsfraktion gedenkt des bevorstehenden Geburtstages des Führers Hugenberg, der an diesem Tag in vorderster Front um Deutschlands wirtschaftliche und damit politische Zukunft kämpft. Sie spricht ihm mit ihrem Glückwunsch erneut ihr Vertrauen zu seiner Führung aus und bittet ihn, allen Angriffen zum Troß auf dem Posten zu bleiben, auf den ihn das Schicksal zum Segen des ganzen deut- schen Volkes gestellt hat."
Oie Krisis in der GPO.
Ausschluß von Wels, Stampfer, Breitscheid und Bogel?
Berlin, 13. Juni. (ERB.) Die Parteiführer der SPD. Wels und Vogel haben in Gemeinschaft mit Stampfer und B r e i t s ch e i d in Prag ein Bureau eröffnet, das sich Reichsleitung der Deutschen Sozialdemokratischen Partei nennt, und das bei der Zweiten Internationale angemeldet worden ist. Die in Deutschland verbliebenen Führer der SPD. haben sich scharf dagegen verwahrt, daß eine Reichsleitung der Deutschen Sozialdemokratischen Partei im Auslande entstände. Es ist, nachdem nunmehr trotzdem ein solcher Schritt erfolgt ist, große Stimmung dafür vorhanden, Wels, Breitfcheid, Stampfer und Vogel ausderSPD. aus- z u s ch l i e ß e n. Die Leitung der SPD. mit dem Sitz in Berlin würde vermutlich der ehemalige Reichstagspräsident L ö b e übernehmen, der in Deutschland geblieben ist und bereits seit geraumer Zeit die Geschäfte der Partei führt. Ungeklärt ist die Frage, ob Stampfer zur Herausgabe des „Vorwärts" als Wochenblatt in Prag berechtigt ist, da der „Vorwärts" Eigentum der SPD. ist, und die deutschen Sozialdemokraten nicht daran denken, das Verlagsrecht preiszugeben. Sie erstreben vielmehr die Befugnis, den „Vorwärts" wieder erscheinen zu lassen.
Oie obersteReichsleituug derAGOAp.
Berlin, 13. Juni. (TU.) Die NSK. meldet: In einer Verfügung vom 2. Juni hat der Führer ange- ordnet, daß folgende bisherige Amtsleiter der NSDAP, künftighin den Titel „Reichsleiter" tragen und die oberste Reichsleitung bilden: Rudolf Heß, Leiter der Politischen Zentralkom- Mission; Ernst Röhm, Stabschef der SA.; Heinrich Himmler, Reichsführer der SS.; Franz Taver Schwarz, Reichsschatzmeister; Philipp Bouhler, Reichsgeschäftsführer; Walter Buch, Vorsitzender der Reichs-Uschla; Wilhelm Grimm, Vorsitzender der 2. Kammer der Reichs-Uschla; Robert Ley, Stabsleiter der PO.; Walter Darr 6, Leiter des Agrarpolitischen Amtes; Joseph Goeb- bels, Reichspropagandaleiter; Hans Frank II, Leiter der Rechtsabteilung; Otto Dietrich, Reichs- Pressechef; Max Amann, Amtsleiter für die Presse; Alfred Rosenberg, Leiter des Außenpolitischen Amtes; Baldur von Schirach, Reichs- lugendführer; Karl Fiehler, Schriftführer des Nationalsozialistischen Deutschen Arbeitervereins.»
Oie Werkjahrsaktion der Oeutfchen Studentenschaft.
Berlin, 13. Juni. (CNB.) Das 21 m t f ü r 21 r - beitsdienst der Deutschen Studentenschaft teilt mit: In weiterer Verfolgung der Werkjahrsaktion der Deutschen Studentenschaft, durch die etwa 10 000 freiwillige Abiturienten des Jahrgangs 1933 erfaßt wurden, sollen auch die jetzt auf den Hochschulen befindlichen ersten bis .v i e r t e n S e m e st e r in die pflichtmäßige Gemein- schaftserziehung im Arbeitslager eingeführt werden. Die Vorbereitungen für den Einsatz der e r ft e n Gruppe von etwa 7000 Studenten während der Sommerferien auf zehn Wochen find bereits im Gange. Weitere Gruppen werden erftimßaufe des nächsten Sommers in den Arbeitsdienst eingereiht werden.
, Gegen eine Falschmeldung der „Oanziger Volksstimme".
(Ber! in, 13. Sunt (TU.) Der Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Staatsratspräsident Dr. Leh, teilt mit: „(Sin gewisser Dr. Dang, ehemaliger Redakteur des „Vorwärts", hat in der „Danziger Volksstimme" eine bewußte Falschmeldung verbreitet, die unserem deutschen Volke schadet und hat sich damit als echter Marxist und Landesverräter offenbart. Ich habe in der deutschen Pressekonferenz, in die sich Herr Dang eingeschmuggelt hatte, gesagt, es wäre geradezu unerhört und unerträglich, daß man zwei der groß ten VölkerEuropas, Deutschland und Italien, das Mandat und die Sitze in den Kommissionen beftrelte, während jeder kleine und kleinste Staat darin vertreten wäre. Daraus macht dieser Landesverräter eine Beleidigung der südamerikanischen Staaten. Ich erkläre: Ich habe niemals einen Staat beleidigt, sondern nur das Recht meines Volkes verteidigt."
Internationaler Kongreß
zur Bekämpfung de» Frauen- und Kinderhandel».
In Berlin wurde der vom Internationalen Büro zur Bekämpfung des Frauen- und Kinderhandels einberufene 9. Internationale Kongreß
durch den Vorsitzenden des deutschen Nationalkomitees Bankdirektor Roese eröffnet. Im Lause von vier Verhandlungstagen werden wichtige Fragen des Frauen- und Kinderhandels, des Bordellwesens, der Prostitution, wie überhaupt des Kampfes gegen Schmutz und Schund zur Erörterung kommen. Geheimrat Barrandon vom Auswärtigen Amt überbrachte die Willkommensgrüße der Reichsregierung, die die gemeinsamen Arbeiten des internationalen Bureaus und der Nationalkomitees stets mit warmen Interesse verfolge und nach Kräften gefördert habe. Gerade im Sinne der neuen deutschen Staatsführung liege es, tatkräftig für den sittlichen Schutz der Jugend, für die Hochhaltung der Frauenehre und die Sauberkeit des Privat - und öffentlichen Lebens Sorge zu tragen. Reichsbischof D. o. Bodelschwingh und die G r o h h e r z o - gin von Hessen hatten in Telegrammen ihre b e st e n W ü n s ch e für den Kongreß zum Ausdruck gebracht.
Verband Deutscher Burschen.
Der Verband Deutscher Burschen, der Zusammen- schluß der nationalen interkonfessionellen nicht schlagenden Farbenkorporationen, zu dem die studentische Reformverbindung A d el p h i a in Gießen gehört, versammelte sich an Pfingsten zu feiner 14. Iahres- tagung in Singen a.RH. Die Tagung wurde eröffnet mit einem dankbaren Bekenntnis zu dem am 30. Januar 1933 eingeleiteten nationalen Wiederaufbau des deutschen Volkes. Als äußerer Ausdruck dieses Bekenntnisses wurden Telegramme abgesandt: an den Herrn Reichspräsidenten und den Reichskanzler Adolf Hitler sowie den Reichsinnenminister Dr. Fr i ck. Zur Durchführung der für den Verband Deutscher Burschen selbstverständlichen Mitarbeit wurde eine organisatorische U m ft e l -
Iunginber23erbanbsleifungim<5inne des Führergedankens beschlossen und durchgeführt. Die rege Mitarbeit aller Verbandskorporationen unter straffer Leitung ermöglichte eine einstimmige Beschlußfassung in allen entscheidenden fragen. Der äußere Rahmen der Veranstaltung gab den zahlreich erschienenen Teilnehmern Gelegenheit zu freundschaftlichem geselligem Zusammensein.
Personenauto fährt in Reichswehrgcuppe. — Drei Schwerverletzte.
In der Nacht zum Samstag fuhr, wie erst jetzt bekannt wird, in Göggingen ein Personenkraftwagen in eine Reichswehrgruppe. Drei Soldaten kamen unter den Wagen zu liegen und trugen schwere Verletzungen an Händen und Füßen davon. Fünf weitere Soldaten wurden leicht verletzt. Die Schuld an dem Zusammenstoß scheint den Kraftfahrer zu treffen.
Großer Schlag der Hamburger Zollfahndungsstelle.
Beamten der Zollfahndungsstelle Hamburg ist ein besonderer Schlag gelungen. Sie erschienen indem St.-Pauli-Ballhaus „A l k a z a r" und verhafteten den Direktor Arthur Wittkowski und dessen Begleiterin. Bei dem Verhör Wittkowskis ergab sich, daß er über das bei ihm gefundene Verzeichnis von Devisenbeständen keine genügenden Auskünfte geben konnte. Die Durchsuchungen in den drei Wohnungen des Festgenommenen brachten dann die große Ueberraschung: Es konnten 15 Goldbarren im Gewicht von 3 kg (wahrscheinlich umgeschmolzene Stücke) und für Reichsmark 2 4 Q.0 0 gemünztes Gold beschlagnahmt werden. Direktor Wittkowski, der im deutschen Vergnügungsgewerbe eine bekannte Rolle spielt, wurde fe ft genommen.
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Aus der Provinzialhauptstadt.
Blumen bitten dich ...
Fast jeder von uns hat irgendwann in feiner Schulzeit Johannes Trojans reizendes Gedichtchen „Laß stehen!" gelernt, das in knappen Versen zur Schonung der Blumen in Feld und Wiese mahnt. Sein letzter Satz: „Laß stehn, wo es steht, und freu dich dran! sollte in seiner eindrucksvollen Kürze vor jeder Blumenwiese und an jedem blühenden Strauch angeschrieben sein — oder noch besser: Er sollte jedem Menschen, namentlich jedem Heranwachsenden Stadtkind, zur Wanderregel werden. Blumen bitten dich...
Aber noch fehlt es weit. Noch muß der Naturfreund an jedem Sommersonntag bedauernd beobachten, daß Scharen von Städtern bepackt mit dicken Bündeln von Blumen und Blütenzweigen von Ausflügen zurückkehren, muß sehen, daß Tausende von nutzlos der Mutterbrust entrissenen Kindern Floras, von müden Händen achtlos weggeworfen, im Staub der Straße verschmachten. Blumen bitten dich...
Seit langem kämpft die Schule gegen diese Gedankenlosigkeit fast vergeblich. Drum sei hier versucht, einen Appell an die Erwachsenen, besonders an die Eltern, zu richten.
Niemand wird es dem schönheitsfrohen Städter verübeln, wenn er sich ein Sträußchen von häufig vorkommenden Blumen pflückt. Ein Sträußchen, sagte ich, nicht einen Arm voll! Jst's denn wirklich so, daß hundert Margueriten soviel mehr Freude bereiten als zehn? Und ist ein unförmlicher Ballen Primeln wirklich schöner als ein Büschelchen? Pflückt auch nicht wahllos alles, was da blüht, be- denkt, daß sich viele Pflanzen nur kurze Zeit frisch erhalten! Hahnenfuß, Schlüssel-, Dotter- und Trollblume, Mohn u. a. m. vertragen die Trennung von ihrer Mutter Erde kaum einige Stunden. Sie welken rasch, verlieren ihre Schönheit und verfallen dann dem traurigen Los, weggeworfen zu werden. Besonders bann, wenn die Eltern den Fehler be
gehen, die Blumen schon am Beginn der Wanderung — allerdings ist da die Lust am größten! — pflücken zu lassen. Dagegen sind ein Büschelchen Wollgras oder ein Sträußchen Erika langlebende Erinnerungen an frohe Stunden in der Sonne.
Ja, wenn sich die Unersättlichen wenigstens damit begnügten, ihre Opfer vom Rande der Wiese oder des Feldes zu holen, um weiteren Schaden zu vermeiden. Aber im Verlangen, nur das Schönste des Schönen zum Strauße zu binden, zertreten sie achtlos Gras und Korn und bis sich der Sonntag zum Ende neigt, sieht so eine Margueritenwiese oder ein mit Mohn „gesegnetes" Feld aus, daß man wohl verstehen kann, wie sehr die Bauern das Wochen- ende fürchten. Da wundern sich dann die Städter, wenn diese ihre Grundstücke durch Stacheldrähte zu schützen suchen. *■-
Das Ungenügen vieler „Blumenfreunde" hat den gesetzlichen Schutz mancher Pflanzen nötig gemacht. Ein trauriges Kapitel unserer Kultur! Diese Verbote haben zweifellos bereits viel Unheil verhindert, aber ihre Geltung könnte bedeutend erweitert werden, wenn die mit Abbildungen her geschützten Blumen versehenen Tafeln häufiger zu sehen wären. So wissen z. B. viele nicht, daß die reizende, bei uns allerdings schon sehr selten gewordene weiße See- rose, dann auch Frauenschuh und Türkenbund nicht gepflückt werden dürfen.
Argen Schaden richtet die Unersättlichkeit man- cher Ausflügler an blühenden Sträuchern und Säumen an. Sicher sehen Flieder, Jasmin, Weiß- und Rotdorn u. a. dem Wochenende mit Bangen entgegen — am Sonntagabend klagen sie mit ge- schändeten Aststümpfen dem Himmel ihr Leid. — Oh ihr armen Menschen, die ihr alles besitzen zu müssen glaubt! Wäret ihr nicht um vieles reicher, wenn ihr, statt einige Zweige in trüber Lache dahin- sterben zu sehen, euch immer wieder das lebens» und schönheitsvolle Bild des in strahlender Sonne prangenden Strauches vor die Seele maltet!
Drum, ihr Ettern, laßt nicht ab, durch euer Bel- spiel die Kinder zur Schonung der Natur und zur Ehrfurcht vor ihrem Wesen zu erziehen! Erlaubt nie eine Blume mit den Wurzeln auszureißen! Laßt von geschützten Pflanzen keine einzige, von den übrigen nur ein Sträußchen pflücken! Erzählt zur rechten Stunde von der rührenden Klage der sterbenden Blumen, wie sie Goethe in „Der Blumen Rache" gestaltet hat! Und sorgt dafür, daß die Mahnung Trojans: „Laß stehn, wo es steht, und freu dich dran!" nicht vergebens sein! — Blumen bitten dich... A. L.
/ Zn Schuhhast gebracht.
Der heutige Polizeibericht des Polizei- amts Gießen teilt mit:
Am 13. Juni, in den frühen Vormittagsstunden, wurde der Stadtteil An der Kläranlage, genannt Marokko, in dem größtenteils Kommunisten wohnhaft sind, durch die Kriminalpolizei unter Zuziehung von Hilfspolizei, SS. und SA.-Männern durchsucht, da der Verdacht bestand, daß in dem Stadtteil wohnhafte Kommunisten sich mit der Herstellung illegaler kommunistischer Flugblätter befassen und im Besitze eines Druckapparates seien. Vereits vor Beginn der Durchsuchung war der erwähnte Stadtteil durch eine Postenkette der uniformierten Polizei und Hilfspolizei abgesperrt. Im Verlaufe der Durchsuchungen wurden an der Kläranlage u. innerhalb der Stadt acht Personen fest genommen und in Schutzhaft gebracht. Beschlagnahmt wurden eine Tube Druckerschwärze, Bestandteile eines Vervielfältigungsapparates, Uniformen des verbotenen Kampfbundes gegen den Faschismus, Bandoliere für Trommeln und Fahnen, eine Trommel, eine Schreibmaschine, sowie eine aus Heeresbeständen stammende 08-Pistole. Von den festgenommenen Personen wurden am 14. Juni sechs Mann in das Konzentrationslager Osthofen überführt.
Weiter wurde ein Geschäftsführer des Holz- arbeiter-verbandes in Sch u h h a f t genommen und in das Konzentrationslager überführt, weil er sich mit den Ausführungen des für die Gewerkschaften eingesetzten Kommissars nicht einverstanden erklären wollte. Es erfolgte auch seine fristlose Entlassung aus dem Angestelltenverhältnis.
Der Vorsitzende des Sondergerichtes in Darmstadt hat gegen den Steinholzleger M. D. aus Gießen Haftbefehl erlassen, weil er am 29. April 1933 zu Gießen vorsätzlich und öffentlich Behauptungen tatsächlicher Art aufgestellt und verbreitet hat, die geeignet sind, das Ansehen der Reichsregierung und der hinter ihr stehenden Rationalen Verbände schwer zu schädigen. Der unter Haftbefehl Gestellte würde festgenommen und in das Amtsgerichtsgefängnis Gießen eingeliefert. Sondergerichtsverhandlung in dieser Sache findet am 16. Juni in Gießen statt.
Weiter wurde ei.c Mann aus Großen-Duseck in Schutz haft genommen, weil er ungehörige Aeußerungen gegen die Hessische Regierung in einer Wirtschaft in Beuern fallen lieft.
Töpferkunst — Volkskunst.
Zur Ausstellung im Reuen Schloß.
In den Räumen der ständigen Kunstausstellung im Neuen Schloß wird seit gestern eine interessante Ausstellung gezeigt: Töpferwaren und Steinzeug! Es handelt sich um Erzeugnisse eines alten bodenständigen Handwerks. Die Ausstellung ist in ihrer Mannigfaltigkeit und in ihrem großen Reichtum an künstlerisch wertvollsten Stücken eine Fundgrube für den Freund der heimatlichen hessischen Kunst und eine Quelle der Freude für alle, die den Ausdruck einer überlieferten völkischen Kultur in diesen Erzeugnissen des Töpferhandwerks lieben. Die Schau gibt einen vollständigen Ueberblid über die vielen Möglichkeiten der schöpferischen Entfaltung in Form und Farbe in diesem Handwerk, das seine Gebens- nähe auch heute noch in keinem Stück zu verleugnen braucht. Leider ist die Entwicklung, die Industrialisierung über das alte ehrbare Handwerk hinweggegangen, und von den über 600 Töpfern, die noch vor fünf Jahrzehnten im Marburger Land arbeiteten, sind es heute nur noch verschwindend wenige, welche die Töpferkunst im Sinne einer künstlerischen Tradition pflegen. Um so lebhaftere Würdigung füllten die Erzeugnisse finden, die in der Ausstellung im Neuen Schloß gezeigt werden.
Nicht vielen dürfte es bekannt sein, daß das Mutterland des Steinzeugs Deutschland, und im engeren Kreis das Hessenland ist. In Dreihau - s e n bei Marburg wurde in den Jahren um 1400 zum ersten Male Steinzeug hergestellt, und von dort aus nahm es seinen Weg in die Lande. Um 1600 wurde das Handwerk vom Rheinland übernommen und künstlerisch weiter entwickelt. Heute noch wird in Höher bei Koblenz Steinzeug industriell in großen Mengen und handwerklich im engen Kreis um eine Künstlerin hergestellt. Aus dem handwerklichen Kreis in Höher stammen die Steinzeugarbeiten der Ausstellung.
Die eigentlichen Töpferwaren der Schau kommen aus Marburg aus den Werkstätten von John Schneider, der noch, wie der Meister Bauer aus Lauterbach, als einer der letzten Hüter töpferhandwerklicher Volkskunst zu betrachten sein dürfte Den Charakter der Ausstellung bestimmen die enge Verbundenheit der Dinge mit den praktischen Rotwendigkeiten, ferner der überall ersichtliche Wille zum Materialgerechten und die Reife der Arbeiten in Form und Farbe. In allen Stücken lebt Tradition.
Die Marburger Erzeugnisse sieht man in ihrem typischen gelbroten Grundton, im hellen Gelb und dunklen Braun ihrer Verzierungen, in Farben also, die die Erde in unmittelbarer Rähe der Stadt hergibt. Dieser Umstand läftt die Dinge mit dem Boden und den Menschen verbunden sein. Schüsseln in einfachen, aber überaus harmonischen Formen, Teller, auch Wappenteller großen Formats, mit prachtvollen, bunten bildlichen Darstellungen, Kaffeekannen und Milchtöpfe, Krüge und Vasen, alle in einer herzerfrischenden bäuerlichen Einfachheit und von hohem Gebrauchswert, findet der Besucher vor. So klar wie bei aller Mannigfaltigkeit die Formen sind, so schön ist der ornamentale Schmuck, der völlig ungekünstelt, einfach gekonnt, die Gefäfte ziert. Interessant und originell sind vor allem die alten Bartmannskrüge, die man in der handwerklichen Ausführung immer seltener sieht. Die Marburger Affenmusikanten werden natürlich auch gezeigt.
Die Steinzeugwaren, die aus den Händen von Friedel Dalzar-Kopp, einer Künstlerin in Höher stammen, stellen nicht weniger gute und echte Volkskunst dar, wie die Marburger Töpferwaren. Vasen, Trinkgefäftö, Krüge und Schalen verraten hohe Kultur der Form, feinen Geschmack in der Farbgebung, wie auch in der ornamentalen Behandlung der Flächen. Sämtliche Gefäfte sind wohlverstanden aus dem Material herausgearbeitet Sariiber hinaus hat man Gelegenheit, Steinzeugplastiken, plastische Arbeiten in Terrakotta und


