Ausgabe 
13.12.1933 Erstes Blatt
 
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B518

1fvonnes Geheimnis

Roman von Klothilde von Siegmann llrheberrechteschuh: Fünf-Türme.Verlag Halle (6adle) 8 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Zärtlich küßte Irene die Mutter und ging bann leise in ihr Zimmer Dort wartete sie ein paar Minuten. Durch die Tür hörte sie dos ruhige Atmen der Mutter. Jetzt war die Macht des Anfalls ge­brochen. Sorgsam, jedes Geräusch vermeidend, öffnete Irene nun wieder die Tür Das war doch eine eigentümliche Sache, die sie da belauscht hatte. Fast den ganzen Tag saß Herr Wassiliew allein in seinem Zimmer, rauchte Zigaretten und schien zu lesen oder zu schreiben. Besuch hatte er noch nie empfangen. Er ging meistens aber auch nur aus eine Stunde mittags fort, und nur ab und zu des 2lbenbs. Berta jammerte immer, daß sie das Zimmer stets ganz schnell fertig machen müsse, weil der Herr jeden Augenblick zurackkommen konnte.

Horchen war etwas, was Irene nicht lag. oic schämte sich fast. Aber die Sache war doch so merk- würdig, daß man sich Gewißheit verschaffen mußte.

Rein Zweifel war mehr möglich. Im Zimmer des russischen Herrn wurde gesprochen. Außerordentlich lebhaft sogar, wenn auch mit gedämpften Stimmen.

Irene trat vorsichtig einen Schritt näher. Da suhr cs wie ein elektrischer Schlag durch chren Körper Die Stimmen waren etwas lauter ge­worden. Das jetzt eben... es stimmte. Ober täuschte sie sich... nein, sie hatte richtig gehört das war doch ganz unverkennbar Yvonne Dumonts Stimme ?

Yvonne Dumont um drei Uhr nachts im Zimmer des Russen? Irene fühlte, wie ihr die Schamröte ins Gesicht stieg. (Eine rasende Erbitterung erfaßte sie. Erst der Flirt man konnte cs beim besten Willen nicht anders nennen mit Seeburg Und jetzt um diese Zeit befand sich das saubere Dämchen im Zimmer ihres anderen Nachbarn! Da gab es doch nur eine Deutung! Und von einer solchen Frau ließ Seeburg sich betören?

Irene seufzte schwer auf. Wie weh das tat! Aber man durste jetzt nicht mehr an sich denken Man mußte sich genau überzeugen. Jetzt wurden die Stimmen wieder etwas lauter. Der Russe sprach heftig. Es klang, wie wenn er Yvonne Vorwürfe machte. War er eifersüchtig auf Seeburg? Jetzt sprach Yvonne. Auch ihre Stimme klang gereizt Da jetzt jetzt konnte Irene einzelne Worte verstehen. Yvonne sprach französisch. Zu schnell. Irene konnte nicht folgen. Jetzt sagte der Russe etwas auch französisch. Deutlich hörte Irene

bie langsam gesprochenen Worte: --"sprechen mir zu schnell. Ich versteht Ihr Deutsch besser. Celia, Ihr Russisch ist fürchterlich . .

Und jetzt erwiderte Yvonne; sie sprach nun auch langsamer. Ls war, als ob sie manchmal ein Won suchte:Gut, also deutsch. Begreifen sie doch, Oberst Diese Deutschen sind doch fo schwerfällig. Da kommt man nicht so schnell weiter. Er hat mir ja noch nicht einmal gesagt, daß er mich liebt. Ich muh ihm doch jedes WoN in den Mund legen. Manchmal verliere ich fast die Geduld."

Jetzt sprach wieder Wassiliew:Celia, wir haben nicht so oiel Zeit Ich darf mich auf der Straße kaum zeigen. Ich habe immer Sorge, daß ich jemand treffe, der mich erkennt. Ich gehe deshalb am Tage gar nicht aus. Aber die Herren in Paris werden ungeduldig."

Man muß sich in Paris gedulden. Eile würde alles verderben. Am liebsten gäbe ich den Auftrag zurück; sollen sie eine andere ichicken die schneller 3um Ziel kommt! Aber nein, das geht ja auch nicht. Der Mensch ist ohnehin schon so mißtrauisch. So­wie ich auf das Amt zu fprechen komme: er wie sagt man er will nicht weiterreden."

Was soll das bloß bedeuten?, dachte Irene. Ein Liebespaar ist das nicht. Ich verstehe gar nicht...

Jetzt sprach der Russe wieder:

Also gut, ich werde berichten, daß man Ihnen noch Zeit läßt. Brauchen Sie Geld, Celia? Es geht Ihnen auf dem üblichen Wege zu. Seien Sie vor­sichtig und berichten Sic nach Paris. Mich halten Sie weiter auf dem laufenden Keine Unvorsich­tigkeiten! Es darf niemand wissen, daß wir uns kennen. Und jetzt gute Nacht, Celia! Können Sie durchschlüpfen? Gut. Machen Sie die Tür zu. Ich schiebe den Schrank vor."

In Yvonne Dumonts Zimmer wurde es hell. Die Nachttischlampe schien angeknipst zu sein. Irene hörte das Rascheln von Kleidern. Dann wurde cs in den beiden Zimmern dunkel. Durch die Matt­scheiben fiel das fahle Licht des heranbrechenden Morgens.

Regungslos stand Irene. Sie wagte kaum zu atmen. Jetzt nur ruhig, bis die beiden schliefen? Endlich hörte man keinen Laut mehr. Da schlich auch Irene in ihr Zimmer zurück. Was war das eben gewesen? Hatte sie geträumt? Sie sah in ihrem Zimmer und dachte nach.

Langsam versuchte sie Ordnung in ihr Denken zu bringen. Allo Yvonne Dumont und Wassiliew kannten sich? Und zwar so gut, daß Yvonne den Russen nachts in feinem Zimmer aufkid)tc9 Wie merkwürdig diese Unterhaltung gewesen war! Celia hatte der Russe Yvonne angerebet. Sie hieß doch Yvonne .. Oder war das gar nicht ihr richtiger Name?Oberst" hatte Yvonne zu Walstliew gesagt. Auf seiner Anmeldung stand doch: Professor der Mathematik? Und plötzlich fiel Irene ein: Yvonne hatte doch Deutsch mit hem Obersten gesprochen. Also konnte sic Deutsch? Dabei hatte sie doch immer

behauptet, fern Dori Deutsch zu verstehen. Warum tat sie das? Sie machte sich dadurch doch alles^viel unbequemer ? Was hatte Yvonne Dumont von See­burg gesagt? Denn Seeburg war doch wohl ge­meint? Er sei so schwerfällig, sie müsse ihm jedes Wort in den Mund legen; sie habe ihn noch nicht so weit?

Irene setzte sich mit einem Ruck im Bett auf. Ihr Herz fing rafenb an zu klopfen. Gefahr für Seeburg? Das fühlte sie unabweisbar. Sie mußte ihn warnen. Aber würde er ihr glauben? Würde er nicht denken, sie wolle Yvonne bei ihm oer- trächtigen? Wieder überflutete Glut Irene. Was war das nun wieder? Was aina sie Seeburg an! Da fühlte sie, daß sie sich selbst belügen wollte. Sie liebte ihn Liebte ihn mit der ersten scheuen und doch verzehrenden Liebe ihres nun erwachten Hebens. Und mußte doch zu gleicher Zeit er­kennen. daß diese Liebe hoffnungslos war.

Nie durfte oeeburg von dem erfahren, was in ihr für ihn lebte. Sie muhte ihn warnen, ihn retten. Wie fing sie das bloß an? Wer half ihr? Die Mutter durfte von ihrer Entdeckung nichts ahnen. Doch allein fand sie sich gar nicht durch. Irene lieh sich wieder zurückfallen. Eine schwere, traurige Müdigkeit kam über sie. Sie versuchte noch einmal ihre Gedanken zu ordnen: Seeburg Yvonne Celia Seeburg Gefahr..

Dann hatte der Schlaf Irene übermannt.

21m nächsten Morgen mußte Irene sich erst müh­sam die Ereignisie der Nacht wieder in die Er­innerung zurückrufen. Wie ein böser Traum erschien es ihr, was sie doch mit eigenen Ohren gehört hatte. Wieder quälte sie der Gedanke, was sie tun sollte. Ob sie ihren Detter Franz von Malesius ins Vertrauen zog? Es war doch ihr Verwandter und hatte ihr oft "genug gesagt, daß er ihr immer zur Verfügung stände, wenn sie ihn brauchte. Bisher war das nie der Fall gewesen. Sie mochte Franz nicht recht. Gründe für ihre Abneigung hätte sie eigentlich nicht recht anzugeben gewußt. Doch Franz als ihr Vertrauter der Gedanke war unmöglich. Ach. wenn Ihr Bruder Hans noch lebte! Trotz des Altersunterschiedes hatte sie ihn zärtlich geliebt. Manchmal dachte sie mit heißer Wehmut an die zarte Ritterlichkeit zurück, die er der kleinen Schwester immer erwiesen hatte.

Da fuhr sie aus ihrem Nachdenken auf: Eben war die Flurtür laut ins Schloß gefallen. Das mußte Fräulein Dumont gewesen sein. Die warf die Türen immer so laut. Herrn Wassiliew horte man nie, wenn er ging oder kam.

Als Irene in den Korridor kam, stand die Tür zu Wassiliews Zimmer offen. Berta war dort schon beim Aufräumen.

Guten Morgen, Fräulein Irene. Der gnädigen Frau geht es ja wieder besser. Waren Sic schon bei ihr?"

..Nein, Berta Mutter schläft nach solchem Anfall gern aus."

Aber sie war vorhin schon einmal bei mir in der Küche Da schliefen Sie noch bitte, Fräulein Irene, wollen Sie mal helfen, den cdjranf hier abrücken? Oder soll ich den Portier holen?"

Versuchen wir es erst mal gemeinsam, Bert«. Nanu! Das geht ja kinderleicht."

Was ist denn mit dem Schrank los, den kann ja auf einmal ein Kind schieden?"

Bena war niedergekniet.

,J)aben Sie hier unter dem Schrank die Gleiter anbringen lasten. Fräulein Irene? Nein? Dann muh es Herr Wassiliew getan haben. Ein merk­würdiger Herr. Aber wenn er uns noch mehr solche Dinger anmachen läßt Elfengleiter scheinen es zu sein, uns kann s rechj fein."

Irene erwiderte nichts. Sie wußte, warum der Schrank leicht gerückt werden sollte. Richttg, die Nägel, die der Portier eingeschlagen hatte, waren auch verschwunden. Hossentlich merkte Berta nichts.

Als Irene der Mutter guten Morgen gewünscht hatte und zu ihrer Freude fand, daß cs ihr wieder gut ging, sagte sie. daß sie sich wegen einer Stellung oorslellen wollte. Es sei ein Inserat in der Zeitung

Geh nur, mein Kind hoffentlich wird es etwas "

Auf Wiedersehen. Mama! Es kann etwas länger dauern. Zu Tifch bin ich natürlich zurück."

Als Irene auf der Straße war. kam sie plötzlich zu einem Entschluß. Sie wollte zu Doktor Miller gehen, der mit Seeburg befreundet war. Ein Freund ihres Bruders war er ja überdies auch gewesen. Die Sorge um Seeburg lebte wieder schwer in ihr auf. Doktor Miller würde ihr helfen, würde ihr schon sagen können, was zu tun wäre. Man konnte doch oeeburg nicht ungeroarnt lasten, wenn ihm eine Gefahr drohte! Ob Doktor Miller sie wohl mit ihren Befürchtungen auslachen würde? Ach, das war jetzt gleichgültig! Was kam es auf sie an? Um Seeburg allein ging es. Er war in Gefahr Sie mußte versuchen, ihm zu helfen, und wenn es um ihr Leben gegangen wäre Aber eins mußte Miller ihr versprechen: Seeburg durfte nichts davon erfahren, daß sie es gewesen war, von der die Warnung kam. Sie war inzwischen am Nollendors- platz angelangt. Da war ein Fernfprechautomat. Irene rief im Polizeipräsidium an

Kann ich durch Sie Herrn Kriminaldirektor Doktor Miller ereid)cnv"

Einen Augenblick, ich verbinde", lautete die Antwort. Gleich daraus meldete sich Doktor M'ller.

Herr Doktor, hier ist Irene von Merten. Rann ich Sie in einer wichtigen Sache sprechen, und wo finde ich Sie?"

Fragen Sie nur am Eingang des Präsidiums nach mir. Man wird Sie schon zu mir führen. Ist etwas passiert, gnädiges Fräulein? Hoffentlich nichts mit Seeburg?

Rein, passiert ist eigentlich nichts. Ich möchte nicht gern am Fernsprecher reden."

(Fortsetzung folgt.)

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