Ausgabe 
13.7.1933 Erstes Blatt
 
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MWMMMA.

Vornan von Helma von Hellermann.

17. Fortsetzung. Nachdruck verbotenl

Verzeihen Sie die ungewohnte Besuchszeit, Frau von Vandro; aber tagsüber werde ich in der nächsten Zeit kaum zu Hause sein, und ich wollte meinen Glückwunsch zu Ihrer Vermählung doch gern per­sönlich wiederholen. Möge Ihnen eine freundliche Zukunft beschert sein." Mit kurzem, festem Druck umspannte Magnus Steinherr die Hand, die ihm fast zögernd gereicht wurde. Mechanisch antwortete sie, was die Höflichkeit gebot, Sie freute sich, dankte für die schönen, praktischen Geschenke zur Hochzeit. Wundervoll waren die Rosen!"

Verwundert, ein wenig enttäuscht, ging Vandro neben den beiden Menschen einher. Er hatte sich dieses Kennenlernen ganz anders gedacht, sich darauf ge­freut. Aber die seinen Züge der Frau, auf deren blondem Haar das letzte Licht des erlöschenden Tages hellen Schimmer legte, schienen zur leerlächelnden Maske gefroren.Sie mag ihn nichtl" dachte er, traurig und betroffen.

Das dunkle Gesicht des anderen war gelassen wie stets, während er gemächlich an der jungen Frau Seite kreuz und quer durch den Park weiterschritt. Den seltsamen Ausdruck in den Tiefen seiner Augen verbarg die Dämmerung. Nur ab und zu flog ein heimlich prüfender Blick zu seiner Begleiterin.

Schön war Wera Wettern geworden, die kleine Wera, die durchaus nichtBitte" sagen wollte. Keine elegante Spitzenrobe hätte ihr besser stehen können als dieses einfache weiße Waschkleid mit dem roten Lackledergürtel und der roten Rose am Brustaus­schnitt. Schlank und wundervoll geformt waren die nackten Arme, voll stolzer Anmut Haltung und Gang. Ja, ja, so schön hatte sich das elfenzarte Prin- zeßlein von einst entwickelt, das zu allen Bauern du" sagte und nun als Frau seines Chauffeurs im Gartenpavillon hauste. Närrische Seitensprünge erlaubte sich das Leben heutzutage!

Vor dem Häuschen angelangt, blieb Steinherr stehen und betrachtete es, das schier verschwand unter der Fülle des wuchernden Grüns.Auch hier könnte abgeholzt werden sonst erhalten Sie vor lauter Laub nicht genug Licht", meinte er, zu Vandro ge­wandt. Er hob dann, schon auf der kleinen Treppe, die linke Hand, auf die Uhr zu sehen.Oh, es ist ja viel später, als ich dachte Sic werden hungrig sein und mein alter Werner ungeduldig. Sein König hatte ihn an Pünktlichkeit gewöhnt. Auf Wiedersehen, Frau Vandro! Darf ich mir ein andermal das Ver­gnügen eines Besuches machen? Falls es Ihnen an irgend etwas Nötigem gebricht: der Fernsprecher be­fördert willig alle Wünsche."

Georg begleitete seinen Chef ein paar Schritte. Auf der obersten Treppenstufe stand seine Frau und

sah den beiden Männern nach, die nun plaudernd stehenblieben. Was hatten sie sich nur zu erzählen? Warum kam Geprg nicht? Wußte er nicht, daß sie wartete? Heiß zitterten Zorn und beleidigter Stolz in ihr. Kam man so um die Abendzeit, um eine Dame das erste Mal zu besuchen? Ein bitteres Lächeln. Dame? Machte man der Frau eines Chauf­feurs feierliche Aufwartung in Frack und Zylinder? Damit war es doch wahrlich lange genug vorbei. Wie unbefangen und heiter Georg mit ihm sprach; der empfand nichts von Demütigung. War sie klein­lich geworden in ihrer Armut?

Unwillkürlich verglich sie die beiden. So grund­verschieden waren sie, an dem Geliebten alles ver­innerlicht; sein feiner, vornehmer Geist offenbarte sich nur in der Stille. Von dem anderen ging stär­kere Wirkung aus. Warum wohl hatte ihre Hand gezittert, als sie sie ihm zum Abschied gereicht? Fürchtete sie ihn etwa? Fremd und fern blieb ihr dieser Mensch, solange Georg von Vandro in seinen Diensten stand. Ihr allein gehörte Georg, ihren gan­zen Willen würde sie aufbieten, ihn aus dieser un­würdigen Stellung zu befreien.

Sie straffte die Schultern, preßte die Lippen fest zusammen, Troß in jedem bebenden Nerv. Und spürte es doch m jener hellseherischen Deutlichkeit, die tiefe Erregung feinfühligen Menschen manch­mal verleiht: ihr Kampf war nutzlos, der da war stärker als sie.

20. Kapitel.

Allmählich, ohne daß man es gemerkt, war der Sommer vergangen. Sacht, stetig, löste sich Blatt um Blatt von den hohen Baumkronen, auf die der Herbst seine Farbenfülle in verschwenderischer Ge­berlaune ausgeschüttet, sank müde zur Erde, wo sich ein dicker Laubteppich gebreitet, in dem der Fuß leise raschelnd versank. Schon reckten kahle Aeste ihre Arme hilfesuchend gen Himmel, dessen leuchtende Sommerklarheit zu verwaschenem Grau­blau verblaßt. Spät ging die Sonne auf, und früh sank sie wieder, ein leises Frösteln war in der Luft, die die Strahlen nicht mehr zu erwärmen ver­mochten.

Wenn Wera ihren Mann frühmorgens an die Gartenpforte begleitete, verschwand seine Gestalt bald ihren sehnsüchtigen Blicken im Nebel, dessen weißgraue Schleier in bewegungsloser Dichte zwi­schen den Bäumen hingen und sich erst gegen Mit­tag widerwillig verflüchtigten. Und der einsamen Frau war es, als ob mit dem Geliebten alles Licht aus Haus und Herz verschwunden sei. Aber wenn Vandro sich sorgte, ob sie denn nicht zuviel allein wäre, lächelte sie ihn heiter an.

Ich hab' doch unser Häusel und allerlei Näherei, Lieber! Ihr Männtzr wißt nicht, wieviel eine Frau selbst im kleinsten Haushalt zu tun findet! Siehst du da die Mullgardinchen am Flurfenster, die Blu­menecke im Eßzimmer, daß der alte Tisch und Bü­cherschrank aufpoliert wurden und wie Seide glän­zen, daß der Diwanüberzug kunstgerecht gestopft

und die Decke frisch eingesäumt wurde? Nein, na­türlich nicht für dergleichen habt ihr keinen Blick! Und abends genieße ich so nach und nach all deine schönen Bücher. Du ahnst ja nicht, wie oft mich nach guter Lektüre hungerte!"

Vandro zog sein junges Weib an sich und sah ihm tief in die Augen.Wie soll ich derlei Kleinig­keiten bemerken, wenn meine Wera mich anlacht? Achtet man der Sterne, wenn die Sonne strahlt?"

Zärtlich strich sie über sein Haar. Etwas Mütter­liches lag in ihrem innigen Liebesgefühl für diesen Mann, in dessen Herzen sie als unbeschränkte Köni­gin herrschte. Aber Georg von Vandro merkte es nicht, daß er mehr und anderes gab, als er emp­fing, und dankte jeden Tag von neuem für das Glück, das ihm beschert.

Die Glocke des Fernsprechers schlug an. Unwill­kürlich zuckten beide zusammen.

Vandro ließ Wera aus seinen Armen und hob den Hörer ab.

Aber gewiß, gern, Herr Steinherr meine Frau und ich werden uns herzlich freuen!"

Wie ein Schleier legte es sich nach dem ersten blitzartigen Erschrecken über Weras eben noch zärt­lich belebten Züge.

Herr Steinherr bat, auf ein Stündchen herüber­kommen zu dürfen", sagte Vandro, ein wenig un­sicher seine Frau betrachtend, die das Tischtuch aus­genommen hatte und mit hastigen Griffen zusam­menfaltete.Er fährt nicht, wie geplant, in die Oper. Es ist dir doch recht?"

),Aber gewiß!" Den feinen, blaßroten Mund dehnte ein dünnes Lächeln.Und selbst wenn nicht Bitte und Befehl find sich in diesem Falle gleich; eine Absage wäre doch nicht gut möglich nicht wahr?" Die Tassen in ihrer Hand klirrten leise, als sie sie aus dem Büfett holte.Ich werde ihm Tee anbieten leider sind die Keks alle. Hast du Ziga­retten, Georg? Die Liköre muß sich Herr Steinherr denken."

Was hatte Wera nur! Diese unfreundliche Hast! Verschwunden war die wohlige Ruhe ihrer schönen Zweisamkeit...

Ader als Steinherrs hohe Gestalt ins Zimmer trat, hatte sie sich wieder in der Gewalt und reichte dem Gast liebenswürdig bewillkommnend die Hand.

Wie kalt sie sich anfühlt", dachte der Mann, sie umspannend. War es ein Zeichen innerer Erre­gung? Wieder prüfte sie sein Blick in heimlichem Wohlgefallen an ihrer rassigen Erscheinung, in der Würde sich so reizvoll mit Anmut paarte. Ihr gan­zes Wesen atmete unbewußt und ungewollt den Stolz des Herrenkindes, den keine Not, keine De­mütigung zu brechen vermochte, dem jede Pose, jede Berechnung fremd war. Und der Blick der for­schenden Augen wurde versonnen und weich, da er den Mann grüßte, an dessen Herzen Wera Wettern eine Heimat gefunden.

Wie unendlich gemütlich es hier ist", sagte er unvermittelt und sah sich um in den beiden Zim­

mern, deren hellgetünchte Wände und zierlich gs, raffte Mullgardinen im Licht der gelbverhangenen Lampe freundliche Helle ausstrahlten.Hier hat alles feinen sinnvollen Platz. Sie haben sich ein Heim geschaffen bei mir gibt es nur viele Räume, in denen Möbel stehen."

Ueberrascht sah die junge Frau auf. So viel liefe des Gefühls hätte sie Magnus Steinherr nie zu. getraut, diesem Magnus Steinherr, der es fertig, brachte, einen Georg von Vandro stundenlang in Wind und Regen warten zu lassen. Die weichere Regung schwand wieder.

Es ist stets die Frau, die dem Heim ihren Stern, pel aufdrückt", hörte sie ihres Mannes klare Stimme. Hier offenbart sich ihr Wesen unverhüllt und ganz." Sein Blick umfaßte in stiller Beglückung die schlanke Gestalt seines jungen Weibes, dessen blon« des Haupt im Schein des Lichts wie von einer flimmernden Gloriole umwoben wurde.

Auch Steinherr betrachtete sie stumm. Anmutig hantierten die schönen Hände zwischen dem einfa­chen Teegerät. Nur der goldene Ehering schmückte sie. Sorgende Frauenhände, die schafften und schenk, ten, nicht ewig gierig ausgestreckt, zum Nehmen bereit gab es die wirklich noch? Ob sie auch zärt» lich sein konnten, diese Hände?

Gestatten Sie, daß ich Ihnen helfe?!" Er trat hinzu, nahm ihr das Tablett mit dem leeren Tee. kessel ab, das sie auf das Büfett stellen wollte. Er sah sie an. Und Wera spürte, wie ihr das Blut jäh in die Wangen stieg. Sie lächelte, zornig über sich selber.

Ach, danke, es ist gar nicht schwer!" Sie mußte aber dem sanften Zwang gehorchen, was neue Er­regung schuf. Ihr schien, als bedeute dies Nachgeben ihm gegenüber irgendwie Schwäche, ein Unterliegen gegen seinen Willen. Sie richtete sich auf. Die feinen Nasenflügel bebten leise. Sie setzte sich in den Sessel, der an Dandros Seite stand, als könne sie dadurch die Zusammengehörigkeit mit ihm betonen.

Bald kräuselte sich feines Tabakgewölk durch die Luft. Auch Wera rauchte, während die beiden Män. ner, die immer mehr ihre Stellung zueinander Der. goßen, bald in eifriges Gespräch vertieft waren. Das heißt, Vandro sprach. Er hatte erfahren, daß Steinherr alle Angestellten und Arbeiter feiner Werke am Gewinn prozentual beteiligt hatte.

Das ist famos, Herr Steinherr! Eine derartig, wahrhaft soziale Tat ist mehr wert als tausend schöne Reden; die spornt an, ermutigt andere zur Nachfolge." Seine schönen, klugen Augen glänzten vor Begeisterung.

Auch Wera mußte wider Willen das Opfer be- wundern, denn ein Opfer war es, in diesen Zeiten höchster wirtschaftlicher Not, auf den Hauptanteil des ohnehin stark verringerten Gewinns zu ver­zichten. Der Mann mochte hart und rücksichtslos sein, kleinlich war er nicht.

(Fortsetzung folr- - ,

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