Ausgabe 
13.6.1933 Erstes Blatt
 
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Ein vaterländischerRoman vonHansVietzKe

Urheber-Rechtsschutz

durch Verlag Oskar Meister. Werdau.

21. Sortierung Nachdruck verbotenl

Als der König in Bree.'au eintrifft, überschreibt der russische Zar die preußische Grenze. Wie ein prophetisches Wetterleuchten zuckt diese Nachricht durch die gesamte Monarchie. Die Hauptstadt Berlin horcht auf, mit ihr die gesamten Spitzen der mili­tärischen Macht der napoleonischen Armee. Aber der Staatskanzler Hardenberg erwies sich in diesen Tagen als der fähigste Diplomat. Bei einem vertrau­lichen Diner hat er es verstanden, den Marschall Augerau und die Grafen Narbonne und St. Marfan sowie den französischen Gesandten, der den Hof nach Breslau begleitete, in der liebenswürdigsten Weise über die kommende Rolle Preußens so sicher zu machen, daß Napoleon von dieser Seite nur die be­ruhigendsten Berichte erwarten konnte.

Das Gewollte ist erreicht: Der König in Sicherheit vor den französischen Machthabern, gibt sich mit dem Gefolge seiner Minister noch immer den Anschein des treuen Verbündeten, während die kommende Macht, an Preußens Seite Rußland, mit ihren Truppen­massen das Land bis an die Oder heran allmählich zu sichern in der Lage ist. Hardenbergs Klugheit feiert stille, heimliche Triumphe.

*

, Indessen ist man in Löbau doppelt zur Untätigkeit verdammt und muß bei allen Parteimaßnahmen mit größter Vorsicht zu Werke gehen. Immer noch gehört der Landkreis zum Hoheitsgebiet der französischen Besatzung, und der Spitzel Rambeaux scheint sich hier häuslich nisderlassen zu wollen.

Seit der verhängnisvollen Nacht logiert ermit seinen Beamten im Dorf im GasthausZum Hir­schen", sehr zum Verdruß der Wirtstochter Hanne. Sie hat den Kommissar vor Monaten einmal mit oller Deutlichkeit in die Grenzen eines schicklichen Anstandes zurückgewiesen. Seit jeher kann sie diesen bleichen, häßlichen Kerl nicht leiden, und nun muß sie gewärtig sein, daß er ihrem Jean in der hinter­hältigsten Weise mitspielt, wenn er mit seinem ewig lauernden Spitzelblick bemerkt, daß sie ihm zugetan ist. Seit dem Mord an Förster Brinkmann ist es für Jean entschieden, daß er der Sache der Franzosen den Rücken kehrt, sobald die Entscheidung fällt. Wenn er oben auf dem Schlosse Dienst hat bei Hauptmann Lefeore, hält er die Ohren offen. Manches Wort fällt, das Aufschluß gibt über Dinge, die die reiten­den französischen Kuriere insgeheim vom Oberkom­mando Glogau herüber melden. Jean berichtet es Hanne, und die meldet die Neuigkeiten ihrem Schwager, dem Schmied Wemper, der seit dem Tode I

des Försters die Landgemeinde durch die Partei­gänger auf dem Laufenden hält.

Herr von Löbau muß sich in die aufgezwungene Untätigkeit fügen. Jeder Versuch, mit den Mitglie­dern in gleichem Maße wie bisher in Verbindung und Austausch zu bleiben, scheitert an der Ueber- wachung, die er Rambeaux zu verdanken hat. Mit Mühe nur hat Karl die gefährlichen Flugblätter aus dem Hause bringen können und ab und zu bloß ist es durch ihn möglich, geheime Nachrichten des Bundes von Professor Berger aus Breslau, den die Uebersiedlung des Hofes aus den Händen der skrupellosen französischen Militärjustiz gerettet hat, zu erlangen.

Hauptmann Lefevre ist seit jenem Abend von größter Zurückhaltung. Er hat kein Wort gegen die Schloßbewohner von der peinlichen Affäre ver­loren, aber das herzliche Verhältnis, das manche Härte in den Bestimmungen bisher zu mildern in der Lage war, ist zerstört. Der Hauptmann hält sich rücksichtslos streng an feine Bestimmungen, das Mißtrauen, das in ihm wach geworden ist, kennt kein Milde mehr. Täglich sitzt der Spitzel Rambeaux bei ihm. Noch immer haben sie die Möglichkeit, des preußischen Kuriers Döllnitz habhaft zu werden, nicht aufgegeben. Die Wachen sind verdoppelt, die Patrouillen verstärkt. Lefeore steht ganz unter dem Einfluß Rambeaux', sein Schuldbewußtsein treibt auch ihn zu Entschlüssen und Bestimmungen, denen er sonst nie stattgegeben hätte. In heißen inneren Kämpfen hat er versucht, sich von dem Gedanken freizumachen, daß Jeannette ihn, herzlos fast, ver­raten hat. In zerquälten Nächten, zwischen Liebe und Pflicht, zwischen Gefühl und starrem Gesetz nach Erkenntnis und Ausweg suchend, hat er die Tat seiner Frau, diese Verschwörung eines fühlen­den Herzens, zu verstehen, zu verzeihen gesucht. Aber noch überwuchert allen Willen dazu die Em­pörung über den Verrat, der ihm Ehre und Leben hätte kosten können. Er steht hier als Feind, als Vertreter seiner Nation und nicht als Freund und Gast. Er muß die unbedingte Macht seiner Stellung aufs neue zurückgewinnen, muß durch Gewalt das Mißtrauen Rambeaux' auslöschen. Der erste Befehl lautet: Wer den preußischen Kurier, Hauptmann Joachim Döllnitz, beherbergt oder seiner Flucht Vor­schub leistet, ist des Todes!

Döllnitz hat in der Nacht seiner verwegenen Flucht glücklich das Forsthaus im Eulengrund er­reicht und hält.sich hier seit Tagen vor den Spä­hern verborgen. Ab und zu kommt heimlich der Schmied Wemper, der furchtloseste unter den Par­teigängern und bringt dem Einsamen Botschaft und Nahrung. Döllnitz fiebert von hier fortzukommen, aber der Schmied warnt ihn und kann es un­möglich jetzt wagen, Döllnitz ein Pferd hierher zu schaffen, um fliehen zu können. Alle Straßen und Wege, die ins unbesetzte Gebiet führen, sind auf das schärfste bewacht.

Der Eulengrund aber ist eine unwirtliche, beinahe verufene Gegend. Im Dolksmund heißt es, daß es dort spukt. Niemand wird dort hinuntergshen, der

nicht muß. Hier ist Döllnitz sicher vor den Haschern. Aber die Tage der Untätigkeit, das zermürbende Warten nach Monaten jagender Hast, steigern sich für ihn zu unerträglicher Qual. Jeden Winkel des alten halb verfallenen Hauses hat er durchsucht, die letzten, noch nicht nach Breslau geschmuggelten Waffen hat er instand gesetzt, er hat sich Arbeit gesucht, wo es ging, nur um dem zermürbenden Denken, dem Druck dieser Gefangenschaft für eine Zeit zu entfliehen.

Das offene Herdfeuer verglimmt, ab und zu gei­stert fahles Mondlicht durch das schmale Fenster m die Stulle. Döllnitz liegt unruhig auf dem schlechten Lager, ongekleidet, fluchtbereit. Seine Gedanken können keine Ruhe finden, der erlösende Schlaf will nicht kommen. Der Wald, der sich von der Sohle des Grundes bis hinauf zum Kamm zieht, lebt. Schriller Käuzchenruf, das hastende Jagen eines aufaeschreckten Wildes, das unablässige Rumoren m den Wipfeln der Tannen lassen die Sinne nicht zur Ruhe kommen.

Krampfhaft sucht Döllnitz Vergangenes und Zu­künftiges zu überdenken. Vielleicht, daß aus dem Kaleidoskop der Gedanken ermüdende Ruhe kommt. Er muß an Stralsund denken, an die Schillsche Tat, an manche tolle Flucht, an manchen Ritt, der ums Leben ging in all diesen Jahren, bis jetzt ... Wetterleuchten liegt über der bedrückten Heimat... Wird es zum befreienden Gewitter werden, wird die Fackel des Sieges und der Erlösung von aller Knechtschaft endlich auflodern? ... Er muß an die Schwüre tapferer Männer denken, an die Begeiste­rung strahlender Augen, die seine Worte erweckten. Wie heimliche Siegesmusik klingt es in ihm, dröh­nender werden die Fanfaren, wachsen zur Hymne, donnerndes Viktoria schmettert aus hunderttausend Kehlen, Glocken schwingen hell über befreites Land, über deutsches Land: Friedensglocken, Sieges­glocken ... Ein Lächeln steht auf den Zügen des Träumenden. Ein beglücktes Sehnen: Frieden! Aus Kampf, Not und Quoten, aus Blut, Eisen und Tränen wachsen fruchtschwere Gärten und Felder, sonnenüllerflutet. Frohe Menschen schaffen, Freude und Stolz sind um sie. Ein Bild lockt, kommt näher, nimmt Gestatt an, wird zur beglückenden Gewiß­heit: Maria! Mit sanftem Lächeln steht die zarte Gestalt, alle Schönheit und Süße ihres Wesens umflutet sie, zart und innig lockt ihre Stimme ...

Der Schlafende ruht, ganz dem Zauber dieses Traumes verfallen ... Leise und gleichmäßig geht fein Atem.

Da hallt plötzlich in die Stille des Raumes das harte Pochen dreier Schläge von draußen an die Tür. Der Körper des Schlafenden zuckt ein wenig zusammen und ist dann wieder der Ruhe hinge- geben.

Das Klopfen wiederholt sich, steigert sich zu un­gestümem Rütteln, das dumpf polternd in der Stube dröhnt.

Jäh erwacht Döllnitz. Er springt auf. Instinktiv greift die Hand nach der Pistole. Mit einem Ruck schüttelt er die lähmende Mattigkeit des Schlafes

ab. Leise schleicht er zur Tür, löst vorsichtig den Riegel und öffnet blitzschnell, dabei in die Mitte der Stube zurückspringend, die Pistole im Anschlag.

Draußen steht Maria von Löbau.

Sie trägt einen Pelzumhang, unter dem sie ver­borgen die geladene Waffe fest in der Hand hält. Zwei Stunden ist sie durch einsamen Forst, auf un­wirtlichen Pfaden hierhergeeilt, der Gefahr nicht achtend, einzig von dem Gedanken beseelt, Döllnitz zu sehen, den Geliebten zu sprechen, ihm beizu- stehen in seiner drückenden Einsamkeit. Bei Anbruch der Nacht hat sie heimlich das Schloß verlassen, ohne zu sagen, wohin sie geht.

Wenn man ihr verwegenes Ziel geahnt hätte niemand hätte sie fortgelassen. So hat sie allen Mut zusammengenommen, mit der Tapferkeit der Der» zweiflung alle Spukgeschichten, die sie von Kind an aus den Erzählungen der Dörfler über den ver­hexten Eulengrund kennt, aus ihrem Denken ge­strichen und ist durch nachtdunklen Wald hierher geeilt. Zuweilen hat sie geglaubt, Schritte hinter sich zu hören, im krachenden Unterholz den Laut eines heimlichen Verfolgers dann ist sie stehen- geblieben, fest das Pistol umklammernd. Aber so oft sie auch in die schweigende Nacht gelauscht hat, die düster und geheimnisvoll sich ringsum breitet, nirgends war ein Feind zu entdecken. Tief und schwer lasten die Schatten, wenn durch zerrissene Wolken der Mond grauweißes Licht schickt. Unauf­hörlich raunt die Melodie des Windes in den Zwei­gen, knirscht der Schritt ihrer Schuhe leise auf der Schneedecke. Bis endlich das Ziel erreicht ist.

Unbeweglich steht die Baronesse noch einen Augenblick im schweigenden Dunkel vor dem Forst­haus. Bis Döllnitz sie endlich erkennt, bis seine Hand mit dem gezückten Pistol sinkt, bis er auf sie zustürzt, bis seine Stimme in verhaltenem Jubel den NamenMaria" ruft.

Dann hängt sie an seinem Hals, ihr Blick sucht in seliger Entspannung seine Augen, ihr Mund haucht bechückt den geliebten Namen:Joachim!"

Zwei Menschen hatten sich umschlungen, zum erstenmal ganz hingegeben dem wahren, einzigen Gefühl, das ihr Herz füreinander kennt. Fernab von allem, was trennend und hemmend wäre, stehen sie für Augenblicke versunken im quellenden Strom unsagbarer Liebe, pressen ihre bebenden Lippen aneinander, zu offenem Bekenntnis ihres zarten Geheimnisses, das nur verhaltene Blicke bis­her kannte.

Seife fällt die Tür hinter ihnen zu. Versunken ist alle Gefahr, vergessen die erregende Angst her letzten Minuten.

Döllnitz führt die Geliebte mit schützenden Händen zu einem Lehnstuhl vor dem Herdfeuer. Er streicht zögernd über ihr Haar, als wäre es ein Traum­bild, das die Berührung zerstören könne. Beinah zaghaft, mit ungewohnter Weichheit und verhalte­ner Stärke spricht seine Stimme:Daß du gekom­men bist Maria! ... Ich träumte von dir ... du warst die Krone eines Traumes, aus dem mich dein Kommen wachrief ..(Fortsetzung folgt.)

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