Schacht für Belebung des Welthandels.
Berlin, 10. März. (TU.) Durch den Empfang des Reichsoanrpräsidenten Dr. Luther bei Reichs- kanzler Hitler sind im Auslande die Gerüchte über einen bevor ft ehenden Rücktritt Luthers und die Ernennung Dr. Schachts in Umlauf gekommen. Gleichzeitig hat man sich im Auslande gefragt, welches Programm Dr. Schacht bei seiner Rückkehr haben könnte. Die Stockholmer Abendzeitung „A l l e h a n d a" hat sich deswegen an Dr. Schacht gewandt, der ihrem Berliner Vertreter Dr. von Kessel folgende Ausführungen machte:
„Es ist mir nicht bekannt, daß ich zum Reichsbankpräsidenten ernannt werden soll und ich kann mich darüber auch nicht äußern. Als Privatmann will ich Ihnen aber gern erklären, daß G e ° rächten über eine kommende Inflation in Deutschland gar nicht scharf genug entgegengetreten werden kann. Das ist vollkommen ausgeschlossen, und der Gedanke ist lächerlich, das gerade ich, der die Inflation totgeschlagen hat, die Inflation wieder ins Leben rufen könnte." lieber die Frage nach der Bezahlung der privaten Schulden sagte Dr. Schacht: „Ich habe bereits in meinem Vortrag im März o. I. in Stockholm heroorgehoben, daß die Reparations-Zahlungen abgeschrieben werden müssen und dies ist inzwischen, was Deutschland betrifft, ja auch geschehen. Aber die Privatschulden müssen natürlich bis zum letzten Pfennig bezahlt werden."
Auf die Frage, ob eine Reichsbank heute nicht alles tun müsse, um den Export zu unterstützen, da die Währung ja von dem erreichten Exportüberschuß abhängig fei, antwortete Dr. Schacht: „Ich halte (aber das spreche ich lediglich als meine private Meinung aus) für die Hauptkrankheit des heutigen Wirtschaftslebens, daß der internationale Zahlungsverkehr vollkommen ins Stocken geraten ist. Ohne Wiederaufnahme des internationalen Zahlungsverkehrs kann der Welthandel nicht wieder in Gang kommen. Die B e» lebung des Welthandels bedeutet aber das volkswirtschaftliche Glück aller Rationen. Ich persönlich sehe deswegen in der Belebung des internationalen Welthandels d i e wichtig sie Aufgabe, die eine Notenbank heute hat.
Keine zwangsmößige Eingriffe in die Schuldenregelung.
Berlin, 11. März. (WTB.) Die Ausführungen des Reichsministers Dr. H u g e n b e r g im Rundfunk über die Schuldenregelung bei Gemeinden und Kreisen Haden zu Mißverständnissen geführt. Wie wiederholt schon bargelegt, sind zwangsläufige Eingriffe nicht beabsichtigt. Daß eine Regelung der auswärtigen Schulden erfolgen muß, ist schon wiederholt ausgesprochen worden. Ebenso liegt es auf der Hand, daß eine Schuldenregelung der überlasteten Gemeinden dringend notwendig ist.
Ein Kieler Rechtsanwalt erschaffen.
Schleswig, 12. März. (WTB.) Die Pressestelle der Regierung in Schleswig teilt mit: In der Nacht zum 12. März verlangten gegen 1.30 Uhr zwei Personen Einlaß bei dem in Kiel, Forstweg 42, wohnenden Rechtsanwalt Spiegel. Auf die Frage nach ihrem Beaehr gaben sie an, Hilfspolizeibeamte zu sein, und forderten wiederum energisch Einlaß. Ehe noch von einer zuständigen Stelle Erkundigungen über die Richtigkeit des Auftrags eingeholt werden konnte, öffnete Rechtsanwalt Spiegel selber den Personen und ist dann von ihnen gleich auf dem Weg von dem Eingang zu seinem Arbeitszimmer durch einen Schuß aus großer Nähe in den Hinterkopf getötet worden. Die polizeilichen Untersuchungen sind umgehend mit allem Nachdruck aufgenommen worden. Als Täter Me sie ihn bezwang
OriginakoBian von 3- Schneider-Foerstl.
Urheberrechtsschutz.- Verlag O. Meister, Werdau t. 5.
21. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Stephanie ging in wogenden Nebeln, wurde halb geschoben und dann auf einen Stuhl gedrückt. Sie öffnete erst die Augen, als unten die Musik einsetzte, das Zeichen, daß der Duce gekommen war.
Die Hitze war unerträglich geworden, aber sie fühlte einen eisigen Strom durch ihren Körper gehen. Einen Stuhl über ihr, — der andere noch leere mochte wohl dem Duce gehören, denn er trug dessen Initialen saß Hans Jörg — und neben ihm Georg Oehme. Die Freundschaft der beiden Männer schien durch ihre damalige nächtliche Unterredung keinen Abbruch erlitten zu haben. Demnach konnte Jörg lieben und Treue halten. — Einem Manne konnte er das, dachte sie verbittert, die eigene Frau ging leer aus.
Sie schrak über Gebühr zusammen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. »Haben Sie keinen Schirm? — Niente? Nehmen Sie doch den meinen." Sie fühlte eine Elfenbeinkrücke in die Hand gedrückt und einen Hauch, der über ihren Nacken strömte. Als sie sich umwandte, sah sie gerade in Hans Jörgs unenträtfelbare Augen. Blitzschnell wandte sie den Blick und ließ ihn doch wieder zurückgleiten. War nicht ein überlegenes Lächeln in seinen Augen? Ihre Lider senkten sich, und als sie diese wieder hob, lag die weite, summende Fläche wie ein schillerndes, verschwimmendes Meer zu ihren Füßen.
Heber sich hörte sie jetzt Oehme sprechen. „Beinahe wie deine Frau, Hans Jörg! —"
Es kam nicht sofort eine Antwort. Dann sagte Merlin gleichmütig: „Findest du? — Stephanie hat übrigens Verwandte hier. Nur ist mir der Name en*» sollen. Uebrigens, laß mich nicht vergessen, daß ich ihr Nachricht gebe von meinem Hiersein. Es wird ihr zwar, denke ich, herzlich wenig daran liegen, denn ihr letzter Brief war mehr als kühl, aber —"
Der Satz wurde nicht beendet. Hans Jörg mußte dem Herrn rechter Hand irgendeinen Bescheid geben. Uebrigens begannen nun auch die ersten Kunstftiegcr in die Luft zu steigen. Das Schaufliegen nahm seinen Anfang. Das Bild und der Verlauf war ganz ähnlich dem, wie man es auf allen Flugplätzen zu sehen gewohnt war. Bei den ersten gewandten Sturzflügcn kroch noch ein Schauder über den Leib der Menge, dann gewöhnte man sich daran. Und als der letzte Looping vollführt war, atmete man fast auf, einmal, weil olles gut abgetanen war, und dann auch, weil man von dem In-die-Luft-gucken einen steifen Hals bekommen hatte.
Als Stephanie, einem Blick ihrer Tante folgend, die Tribüne verließ, streifte sie den Arm ihres Mannes. Er trat sofort zurück und schuf eine Lücke
kommen zwei Personen in Frage, die unmittelbar nach der Ermordung von drei Zeugen auf der Straße gesehen worden sind. Es handelt sich um eine, größere Person in SA.-Uniform (vielleicht Provokateur) und um eine kleinere Person in Zivilkleidung. Zu einem Ergebnis haben die polizeilichen Nachforschungen nicht geführt. Rechtsanwalt Spiegel war führendes Mitglied der SPD. und kandidierte für die Stadtverordnetenwahl.
Die parteiamtliche Pressestelle der NSDAP, teilt mit: Die Kreisleitung Kiel der NSDAP, erklärt hiermit, daß i h r e s ä m t - lichen Organisationen der Tat völlig fernstehen und macht darauf aufmerksam, daß sie unnachsichtlich gegen alle Gerüchtemacher und Verbreiter unrichtiger Meldungen vorgehen und gegen Mitglieder der NSDAP., die sich irgendwelcher illegaler Handlungen schuldig machen, rücksichtslos und mit aller Schärfe e i n g r e i f e n wird.
Maschinengewehre und Handgranaten im Münchener Gewerkschastshaus.
München, 13. März. (TU.) Die 21 d i u t a n - tur des Kommissariats der Reichsregierung stellte dem „Völkischen Beobachter" zufolge fest: «Das Gewerkschaftshaus in München, das nicht nur Gewerkschaftsräume der verschiedenen Verbände des 2IDGD., sondern auch die Parteiräume der München-Oberbaheri- schen SPD. und des Reichsbanners enthält, wurde als Zentrale des marxistischen Terrors im Interesse der öffentlichen Sicherheit beseht. Bei der Durchsuchung wurden zwei Maschinengewehre, Handgranaten, Pi st ölen, Munition und zahlreiche Hieb- und Stichwaffen gefunden. Die Qlftion richtet sich nicht gegen die Gewerkschaften als Bern f s v e r b ä n d e. Es ist nicht wahr, daß die Gewerkschaften damit verboten oder aufgelöst sind oder werden sollen. Cs ist nicht wahr, daß die Gelder der Gewerkschaften beschlagnahmt und damit die 2luszahlung der Llnterstühungen unmöglich gemacht sind.
Schwere politische Ausschreitungen bei Magdeburg.
Magdeburg, 13.März. (WTB.) In dem benachbarten Felgeleben kam es in einer Gastwirtschaft, die als Wahllokal gedient hatte, Sonntagabend zu einem schweren politischen Zusammenstoß. Der Echönebecker Stadtrat Kresse, der der SPD. angehört, schoß auf politische Gegner, die ihn nach den bisherigen polizeilichen Feststellungen angegriffen haben sollen. Ein S2l.-Mann wurde durch einen Bauchschuß schwer verletzt. Darauf wurde von außen her auf das Gasthaus geschossen. Man sand später den Stadtrat mit einem Kopfschuß auf. Kurz darauf verstarb er. Die Tater sind noch, nicht festgestellt. Polizeiliche Ermittlungen sind eingeleitet.
Vorstellung im Hessischen Landestheater abgesagt.
Darmstadt, 12. März. (WSN.) Kurz vor Beginn der heutigen Vorstellung Brückner: „Die Marquise von O." b^etzte ein starkes Aufgebot Nationalsozialisten die Eingänge zum Kleinen Haus des Hessischen Landestheaters. Diele Besucher waren angesichts der Besetzung bereits umgekehrt, und, da die ungestörte Aufführung nicht garantiert werden konnte, wurde die Vorstellung abgesagt und das Theater geschlossen. Wie wir aus informierten Kreisen hören, ist damit zu rechnen, daß der jetzige Generalindendant des Hessischen Landestheaters, Härtung (May), nach dem Amtsantritt der neuen Regierung von feinem Posten zurücktreten wird. Bereits setzt werden die Jntendanzgeschäfte von Jndendantrat Bau- m e i ft e r geführt. Die Stelle des Generalintendanten wird ausgeschrieben und durch einen Theaterfachmann besetzt werden.
freien Raumes für sie. Ihr Lächeln schmeichelte zu ihm aus: „taute grazie, Signore!'1
„Va bene, Signorina — Ihr Schirm!" Er bog sich nach ihrem Stuhl herab und überreichte ihn ihr. Die Elfenbeinkrücke des Schirmes war heiß und brannte in den Fingern.
Sie wagte mehr und frug, wie es ihm gefallen habe.
Er verneigte sich. Sein Italienisch war ohne jeden Tadel. „Meine Hochachtung vor Ihren Landsleuten ist unbegrenzt."
Die Herzogin von Viterbo schob im selben Augenblick den Arm durch den ihren und zog sie mit sich fort Aber sie fühlte, wie er ihr nachsah. Nur blieb ihr keine Zeit, sich klar über sein Benehmen zu werden, denn die elegante Frau an ihrer Seite war noch ganz Begeisterung. „Sie haben sogar mit ihm gesprochen? Nicht, Bellissima? Schade, daß er ein Deutscher ist. Er scheint ein bißchen schweres Blut zu haben. Der Duce gibt heute abend ein Diner für ihn. Zweihundertfünfzig Gedecke. Sie müssen kommen —" und als Stephanie schmerzlich lächelte, drückte sie deren Ellenbogen fest an sich: ,Zch habe Karten. Die letzten drei. Die Contessa Petratti hat geweint vor Zorn, weil sie leer ausging."
„Ja —", sagte Stephanie, denn nahe dem Ausgang stand Hans Jörg, von einer Gruppe Herren umringt, wandte ihr den Blick zu und bedeckte sein Haar nicht eher mit dem spiegelnden Zylinder, bis sie vorüber war.
Ihr Lächeln war aber auch eine einzige Lockung gewesen. Männer wie ihn nahm man wohl nur so! Nicht anders! Spät war ihr diese Erkenntnis gekommen! Aber doch nicht zu spät.
Um den eigenen Mann werben zu müssen wie eine Kokotte!
Als die Herzogin sie für einen Moment allein ließ, tastete sie mit ihrem Taschentuch über das Gesicht und wischte die Träne ab, die ihr darüber herab- riefelte.
„Wie spät?" frug Merlin durch den Spalt seines Hotelschlafzimmers nach Oehme hin, der zeitunglesend auf der Loggia sah, die nach dem Piazza Nationale hin ging.
„Vierzig Minuten vor acht!"
„Dann werde ich mich beeilen müssen." Sein Kopf verschwand wieder. Gleich darauf plätscherte im Bade nebenan Wasser in die Marmorwanne. Oehme hatte die Zeitung beiseite gelegt und kam zu ihm herüber.
„Hast du Nachrichten von Hause?"
Da Merlin sich eben den Nacken frottierte, konnte er den Spott nicht sehen, der um dessen Mundwinkel zuckte. „Nachrichten, — jawohl, mein Lieber. Und die find unbezahlbar. Meine Frau amüsiert sich mit ihrem Reitknecht."
„Jörg!
„Sagtest du etwas? — Shocking! Nicht?" Er fuhr, oh innezuhalten, mit der Massage seines Rückens fort: „Wenn's noch ein Graf wäre ober ein Künstler — aber ein Reitknecht. Zum Totlachen ist das!"
Oer Erfolg der Winterhilfe.
Hebe eine Million Familien mit je S Zentner Äolilen versorgt.
B e r l i n, 11. März. (WTB. Funkspruch.) Rach den Qlufftellungen der Deutschen Liga der Freien Wohlfahrtspflege sind für die diesjährige Winterhilfe von September 1932 bis Ende Februar 1933 Liebesgaben von 4033 Millionen Zentner von der Reichsbahn in die Verteilungsgcbiete frachtfrei befördert worden. Gegenüber 1,6 Millionen Zentner in der gleichen Zeit 1931/32. Im einzelnen waren davon 843 000 Zentner Kartoffeln, über 134 000 Zentner andere Lebensmittel wie Obst und Gemüse, Fleisch und Fette, Kolonialwaren, Getreide und Mehl, 3,05 Millionen Zentner Kohlen, Briketts und Holz, über 3000 Zentner Kleidungsstücke. Die Zahlen bedeuten, daß von den auf dem Schienenwege zur Verteilung an die Hilfsbedürftigen beförderten Liebesgaben 421500 Familien mit je zwei Zentnern Kartoffeln versorgt werden konnten. Ferner konnten Hunderttausende von Familien andere Lebensmittel erhalten. Heber eine Million Familien konnte mit j e drei Zentner Kohlen oder Holz durch den harten Winter gehalten werden. Richt gerechnet sind in dieser 2lufstellung die Spenden, die an Ort und Stelle gesammelt und vor allem nicht die unübersehbaren Liebesgaben, die von Mensch zu Mensch gegeben worden sind.
Meine politische Nachrichten.
Reichskanzler Hitler empfing das Verwaltungsmitglied des DHV., Max Habermann, zu einer Unterredung, in der politische und wirtschaftliche Fragen und insbesondere auch über die Stellung der Gewerkschaften zum Staat gesprochen wurde. Ferner empfing der Kanzler den Präsidenten des Deutschen Städtetages, Mulert, und den Berliner Oberbürgermeister Dr. Sah m.
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Der Mainzer Polizeidirektor V o h m a n n ist auf eigenen Wunsch beurlaubt und Amtsgerichtsrat Dr. Barth aus Offenbach mit der Leitung der Polizei in Mainz beauftragt worden.
Der Untersuchungsrichter des Reichsgerichts hat entsprechend dem Antrag des Oberreichsanwalts vom 6. März am 10. März die Voruntersuchung gegen den Brandstifter des Reichstages, van der Lübbe, wegen eines vollendeten Unternehmens des Hochverrats in Tateinheit mit vollendeter und versuchter schwerer Brandstiftung eröffnet.
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Bei der Durchsuchung des Karl-Liebknecht- Hauses hat die Polizei nachträglich in der auf« gerißenen Polsterung einer Tür einen Brief aufgefunden, dessen Inhalt sich mit der Zersetzung der Reichswehr befaßt, sowie Angaben über militärische Dinge enthält, die nicht veröffentlicht werden können. Die KPD. hatte dieses Material aesammelt, um es im Falle eines bewaffneten Auf- ftanbes zu verwenden.
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Im Westharz ist ein großes Sprengstofflager, das von einer kommunistifchen Terrororganisation angelegt worden ist, auf gefunden worden.
Der Oberbürgermeister von Köln, Dr. Adenauer, ist vom Regierungspräsidenten b e• urlaubt worden.
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Auf Grund einer Besprechung des Reichskommissars für Bremen hat die Staatsanwaltschaft er» antragt, mit Rücksicht auf die gegenwärtige politische Lage den Hauptverhandlungstermin in d e r S t r a f- fache Lahusen bis auf weiteres zu vertagen.
„Um Gottes willen!" fuhr Oehme auf, denn Merlin lachte nun wirklich. „Jörg, wer hat dich denn jo belogen?"
„Weißt du daß es gelogen ist? —" Das Wasser von seinem Körper schüttelnd, ftiea Merlin aus der Wanne und hüllte sich in den Bademantel. „Bezeichnend, daß mein eigener Vater mir diese Geschehnisse vorenthält. Er hat wohl Angst, wie ich's auf» nehme. Aber derlei verjährt ja nicht. Ich fasse mir den Kerl, wenn ich nach Hause komme —"
„Willst du mir nicht eine Zigarette geben? Ich hab' so etwas wie Ekel im Munde."
Oehme hatte ein Zittern in den Fingern, als er die Zigarette dem Freunde hinüberreichte. „Der Brief ist anonym?"
„Allerdings!"
„Und auf solch einen anonymen Wisch hin willst du sie verurteilen!"
„Wer sagt denn, daß ich sie verurteile?" Das auf- flammende Streichholz beleuchtete Merlins nun wieder völlig ruhiges Gesicht. „Nenn' mir eine Frau, die nicht flirtet, wenn es sein kann — vielleicht weißt du so eine Heilige! Ich weiß keine!"
„Du bist selber schuld", brauste Oehme auf. „Wenn ein Mann sich so wenig um seine Frau kümmert —"
„Stopp! —" gebot Merlin. „Es gibt Dinge, die ich einfach nicht vertrage." Der Doktor wandte den Blick ab und stäubte die Asche ab, welche ihm auf das Beinkleid gefallen war und von dort auf den Boden, der in feingemustertem Mosaik schillerte.
„Sie ist möglicherweise vollkommen unschuldig. Jörg!"
„Schon möglich, ja! — Das wird sich ja erweisen. Ist der Wagen unten? — Ich habe so etwas gehört, als ob der Duce auf Pünktlichkeit halte."
Oehme trat auf die Loggia und rief etwas nach dem Zimmer zurück. Merlin schlüpfte in seinen Frack» mantel und zog die Ordensschnalle zurecht. „Den morgigen Abend wollen wir uns frei halten, Georg. Feste zu feiern kostet beinahe mehr Nerven als Arbeit. Und die habe ich in letzter Zeit wahrhaftig nicht zu knapp gehabt."
Und als der Doktor nichts erwiderte, zuckte er die Achseln und schritt ihm voran die Treppe hinab, dem Boy zunickend, der nach dem Windfänger sprang, ihn für die beiden Herren in Drehung zu versetzen.
Als sie zwei Minuten später die Via Nationale hinauffuhren, überholte sie ein geschlossener Wagen, aus dessen spiegelnden Fenstern für den Bruchteil einer Minute ein dunkles Augenpaar lockte. Die beiden Autos hielten fast gleichzeitig vor der Auffahrt. Merlin sah ein fliederblaues Samtcape, aus dessen hochgestelltem Hermelinkragen ein schneeiger Hals leuchtete. Das bauschige Gefältel des Samts konnte die schlanken Formen, die er umschmeichelte, nicht ganz verhüllen.
Merlin hielt die Gestalt fest und verfolgte sie bis in das Gewirr des Vestibüls, wo die Gäste sich ihrer Ueberkleider entledigten. Er sah blendend weiße Schullern, die sich wie ein Hauch aus apfelfarbener
In Rußland wurden am 11. März auf Grund der Verordnung des Zentralexekutivkomitees der Sowjetunion 35 Abstämmlinge aus bourgeoisen und Gutsbesitzerklassen wegen konterrevolutionärer Schädlingsarbeit zum Tode durch Erschießen verurteilt und die Todesurteile vollzogen. Weiter sind 22 Personen zu je 10 Jahren und 18 zu je 8 Jahren Gefängnis verurteilt worden.
Aus aller Welt
Rüser Larsens Südpolar-Lxpedilion gescheitert.
Rach einem Privattelegramm an den in Oslo wohnenden Vater Dewolds. eines Teilnehmers an Riiser Larsens Südpolar - Expedition, die vor einigen Tagen auf dem 67. Grad südlicher Breite und 30. Grad östlicher Länge von einem norwegischen Walfangdampfer an Land gebracht worden war, ist die Expedition durch Eis unmöglich gemacht worden. Sie hat alle ihre 53 Schlittenhunde und wahrscheinlich den größten Teil ihrer Ausrüstung verloren. Die Expeditionsteilnehmer wurden'von einem Walfang- dampser gerettet. — Die Expedition wollte eine fast 5000 Kilometer lange Schlittenreise über zum Teil noch nicht erforschte Küsten nach dem antarktischen Festland unternehmen. Das Unglück'st entweder darauf zurückzuführen, daß die E pedi- tion von losen Eismassen, durch Sturm oder durch irgendeine andere Katastrophe abgetrieben worden ist. oder darauf, daß die Cisbarriere „gekalbt'* hat.
. Explosion bei Lyon. — Drei lote, ein Verletzter.
Sn einem Elektrizitätswerk vor den Toren von Lyon ereignete sich aus bisher unbekannten Gründen eine Explosion. Es entstand ein Brand, der aber von der Feuerwehr bald gelöscht werden konnte. Unter den Trümmern wurden die Leichen zweier Arbeiter geborgen, ein weiterer Arbeiter fand den Tod auf dem Wege ins Krankenhaus; ein vierter kam mit Verletzungen davon. Der ganze Stadtteil auf dem linken Äser der Rhone war in den Morgenstunden ohne Licht. Der Sachschaden ist erheblich.
Var der Flucht nach Paris verhaftet.
Der Direktor Jakob Schapiro von der Neuen Bodenkredit AG. in Berlin, sowie das Vorstandsmitglied der Gesellschaft, Sakin, wurden an einem der letzten Abende fe ft genommen. Direktor Schapiro war bei feiner Festnahme im Begriff, mit dem Nachtschnellzug nach Pari» abzureisen. Schapiro und Sakin, gegen die seit längerer Zeit bei der Staatsanwaltschaft I ein Verfahren wegen handelsrechtlicher Untreue schwebt, wurden dem Bernehmungsrichter zwecks Erlaß eines Haftbefehls vorgeführt.
Ein ungetreuer Kriminalbeamter.
Der Kriminalpolizeirat Philippi wurde nach fünfmonatiger Verhandlung vor der Großen Strafkammer des Landgerichts in Schneidemühl wegen Unterschlagung zu einem Jahr drei Monaten Zuchthaus verurteilt. Rach der Verkündung des Urteils zog Philippi plötzlich eine Pistole und schoß sich eine Kugel in die Herzgegend, so daß schon nach wenigen Minuten der Tod eintrat. Philippi hatte als Leiter der Kri- minalpo'.izei aus dem Fonds zur Bekämpfung des Verbrechertums Gelder zur Aufklärung von Kri- minalfällen angefordert, die es gar nicht gab.
wechsel der Leitung der Berliner Städtischen Oper.
An der Städtischen Oper in Berlin ist bjefer Tage ein Wechsel in der Leitung ein- getreten. nachdem zwei Tage vorher auf dem Dach des Hauses die Hakenkreuzflagge feierlich gehißt worden war. Die kommissarische Leitung des Theaters übernahmen Stadtverordneter Robert M a t s ch u ck und für alle künstlerischen Angelegenheiten Intendant Otto Wilh. Lange. Im Zusammenhang mit dieser Maßnahme tour-
Seide schälten und war im nächsten Augenblick an ihrer Seite. Oehme wußte nicht wie ihm geschah, aber er stand auf einmal allein.
Stephanie fühlte ihren Arm gestreift, blickte verwirrt auf und bekam einen dunklen Farbenton auf die Wangen. „Grazie!" Sie hatte nicht bemerkt, daß ihr apfelfarbener Seidenschal auf den Marmorboden zu liegen gekommen war und ihr nun von Hans Jörg ausgehändigt wurde. Seite an Seite fliegen sie zu den Empfangsräumen hinauf. Oehme sah den Frack Jörgs neben der schillernden Toilette der schönen Römerin um eine Biegung verschwinden und nahm sich vor, die beiden nicht aus den Augen zu lassen. Aber das war eine böse Sache. Unter der Unmenge der Gäste verlor man sich, ehe man sich dessen auch nur bewußt wurde. Und Mer- lin war in einer Stimmung, die wahrhaftig nichts an Reizbarkeit zu wünschen übrig ließ.
Es kam darauf an, daß man nichts sprach ober tat, was hernach besser ungeschehen gewesen märe.
Als er ihn aber eine Viertelstunde später doch zu suchen begann, entdeckte er ihn in ein angeregtes Gespräch mit dem deutschen Botschafter verwickelt.
Vorläufig konnte man also beruhigt sein.
Zum Souper, das der Menge der Gäste wegen in zwei Sälen serviert wurde, konnte er der Tischordnung halber keinen Kontakt mit dem Freunde behalten und als er ihn dann suchte, griff ihn ein italienischer Kollege auf, der seinerzeit ein Semester mit ihm in der Sorbonne gemacht hatte und ließ ihn nicht mehr los. Ihn stehen zu lassen, war unmöglich. Nur mit den Blicken suchte er immer und immer wieder durch die Räume und konnte nicht finden, was er so bitter gerne gesehen hätte. Weder Hans Jörgs Frack, noch die apfelfarbene Seidenrobe der schonen Römerin tauchte zwischen den Gästen auf.
Wo mochten sie beide fein?
Frau von Guielmo hatte mehr Glück, denn sie sah Stephanie, den opalfarbenen Schal über die Schultern geworfen, die Steintreppe nach dem Park hinabsteigen. Es dünkte sie gut so. Zu locken war Weibersache und die des Mannes war, zu finden. — Und Merlin fand.
Die Zigarre auf der weißen Brüstung der Terrasse abftäubenb, legte er sie dem Faun, der den Kandelaber trug, vor die Füße. Noch war der Park in märchenhafte Stille getaucht. Don den Palmen fielen kunstvolle Schatten auf den Rasen und zitterten in dem leichten Wind, den der Tiber heraufschickte wie tanzende Silhouetten. Eine Kallagruppe mochte wohl in der Nähe stehen, denn ihr durck- bringenber Duft zog bis zu ihm herüber und machte ihm beinahe Kopfschmerzen. Der Wein aus ben Sabinerbergen war stark gewesen, und er hatte aus irgendeinem Grunde ein Glas über Bedürfnis getrunken. Aber das mußte die frische Luft in Bälde ausgeglichen haben.
„Wo war sie nur? —‘*
(Fortsetzung folgt.)


