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22 Fortlegung
Paul Werner antwortete: „Allerdings, wenigsten» ') interessiert näm» tamon Bega. Ar-
für mich ist die Sache wichtig. Mich i lich ein gewisser Herr Bega — Rai gentinier joll er fein und Tangofänger. Ich wollte nur mal Horen, ob* der ein bißchen bekannt ist."
fen Frauenllebllng, ausnehmend. Es war schade, daß man sich sobald wieder würde trennen müssen!
Marlene fühlte sich jeßt wohler. Die Unterhaltung mit dem Argentinier, die gute Aussicht, dem Vater das Leben erleichtern zu können, und das Verlangen, weit herumzukommen in der Well, gaben ihr einen Teil ihrer Spannkraft zurück. Sie lauschte mit voller Aufmerksamkeit dem, was der Tangofänger von feinen Erlebnissen auf Reifen erzählte: und es wurde verabredet, daß sie jetzt gleich zu ihrem Vater weiterfubr. aber am nächsten Morgen vormittag gegen elf Uhr in einem Berliner Hotel nach Ramon Bega fragen sollte. Erst als die Freundinnen in Dresden allein den Berliner Zug bestiegen hatten — Ramon Bega fuhr erst später weiter —, fiel Marlene wieder schwer aufs Herz, was sie Trauriges erlebt. Es befanden sich Mitpassagiere im Abteil, und Marlene sprach nur ganz leise zu DIaa. Sie war wieder ganz verstört, und Olga war froh, als der Zug in Berlin einlief.
Lin Lied vom GM
Roman von Anny von panhuys.
Marlene und Olga betraten das kleine Heim von Marlenes Vater, und Marlene fiel dem alten Herrn schluchzend um den Hals. Endlich durfte sie sich ihr Leid von Herzen meinen, endlich stellten sich die Tränen ein, die sie bis jetzt nicht hatte finden können, die brennenden und doch fchmerzlösenden Tränen!
Der alte Paul Werner war, als er hörte, was geschehen war, zuerst maßlos bestürzt — aber schließ- lich tröstete er: „Mein liebes Mädel, die wahre Liede war das bei dem Manne nicht. Aufs Wort hätte er dir glauben müssen. Sei still, mein gutes Kind, beruhige dich. Auf Leid folgt Freude."
Olga nickte. „Es ist schon so weit."
Sie berichtete lebhaft von der Bekanntschaft mit Ramon Bega.
Der alte Herr staunte über die Neuigkeit, machte ein paarmal: „Soso?", behielt seine Meinung aber zunächst für sich. Erst als man beim einfachen Abendessen saß — mit der Baronesse war er sehr schnell gut Freund geworden — sagte er bedachtsam: „Es drückt sich so viel Fremdes in der Welt herum, was man nicht kennt. Ich altmodischer Mensch weiß kaum, was ein Tango ist: aber ich will mich nach dem Sänger erkundigen. Wenn er mit seinen Leuten Ruf hat, wird sein Name auf den Barietsagenturen bekannt sein. Morgen fahre ich mit nach Berlin, denn ehe du in sein Hotel gehst, Marlene, müssen wir über ihn Bescheid wissen!*
Olga meinte später zu Marlene: „Deinem Bater schwebt sicher so etwas wie ein Mädchenhändler vor." Sie lächelte versonnen. „Es gibt keinen interessanteren Menschen auf der Welt als ihn. Weiht du denn überhaupt, wie er aussieht? Ach, du hast natürlich keinen Blick dafür. Ganz wundervoll sieht er aus!"
Marlene schob Olga von sich.
„Du redest furchtbares Blech, Olga! Komm, wie
„Es ist recht, Sennor Sega, meine Freundin und ich werden in Dresden einen Zug überschlagen, und ich will Ihnen dort vorsingen. Wo? Das weiß ich allerdings nicht. Ich bin dort völlig unbekannt."
Er nickte zufrieden.
,Hch werde das schon arrangieren." Er fragte fach- lich: „Sie spielen natürlich auch Klavier?"
Sie bejahte. Er nickte wieder. „Sie werden leicht etwas Gitarrespielen lernen."
Marlene antwortete: ,Hch kann es schon ein roe- nig; ich lernte es für Wanderfahrten mit Freunden und Freundinnen?
Es entfuhr ihm wieder ein „Caramba“, dem gleich ein deutsches „Donnerwetter" folgte und die vergnügten Worte: „Bei Ihnen paßt alles für uns, hoffentlich auch die Hauptsache, Ihre Stimme. Ich bin sehr gespannt, Sie zu hören." Er biß auf seiner Unterlippe herum, schien etwas zu überlegen, machte dann einen Vorschlag.
„Der Zug fährt sehr ruhig, und wir drei befinden uns allein im Abteil. Wenn ich nicht irre, sogar allein im ganzen Wagen. Wie wäre es, wenn Sie meiner Ungeduld zuliebe gleich ein Lied fingen? Gleichviel was für eins. Nur nicht aus Opern! Am besten ein deutsches Volkslied oder ähnliches. Wenn es Sie stört, daß ich Sie beim Singen ansehe, gucke ich zum Fenster hinaus. Nach zehn Tönen weiß ich Bescheid. Wählen Sie etwas Einfaches. Meinetwegen. Weißt du, wieviel Sternlein stehen!"
Marlene dachte an das Honorar, das für ihre Begriffe sehr hoch war, und sie dachte auch, es wäre tausendmal besser, sie würde eine argentinische Sängerin, die ihrem Vater das Leben erleichtern konnte, als daß sie daheim blieb, sich in ihren Stummer vergrub und ihrem Vater täglich ein vergrämtes Gesicht
oie holte tief Atem.
„Wenn Ihnen so eine kleine Probe wirklich genügt, Sennor Vega, will ich jetzt singen, dann kann ich in Dresden gleich weiterfahren. Sie brauchen auch nicht tum Fenster hinauszusehen, ich bin nicht schüchtern. Es ist ja nicht das erstemal, daß ich vor Fremden singe."
Sie schob mit aller Willenskraft, die sie aufbringen kannte, das traurigste Ereignis ihres jungen Lebens zurück und erhob sich. Die Linke gegen ein Polster gepreßt, begann sie zu fingen: „Du bist wie ein Wunder, das zu mir kommt!"
Weil sie das Lied selbst komponiert hatte, liebte sie es besonders.
Ramon Vega lauschte mit schräg geneigtem Kopfe, und sein dunkel getöntes Gesicht schien ein wenig oller, weil sich jetzt, während er aufmerksam zuhörte,
wollen schlafen gehen. Hoffentlich kannst du auf meinem alten Sofa schlafen."
Olga nickte. ,^ch bin ja so selig, ein Dach über dem Kopfe zu haben, und werde großartig schlafen?
Und sie schlief auch gut Marlene aber fand wenig Schlaf. Alles schob sich in ihrem armen Kopfe durcheinander. Sie dachte an den Dolch und an Mattstem, sie sah Achims hartes, zürnendes Gesicht und die schwarzen Augen des Argentiniers — und dachte auch an morgen.
Aber auch diese Nacht Dergina, und ziemlich früh stand man auf, fuhr gegen acht Uhr schon nach Berlin. Auch Olga fuhr mit. Kurz nach neun Uhr stand Paul Werner mit den beiden Mädchen vor der Tür einer Bariet<agenlur. Es sollte eine der ersten Berlins sein, wie er von dem Portier eines Hotels erfahren hatte.
Nur ein älterer Schreiber und eine junge Stenotypistin waren anwesend. Der Herr käme erst später, erklärte die kleine blonde, sehr ondulierte und manikürte Maschinendame und fragte, ob es sich um etwas Wichtiges handle
die Fallen von der Nase zu den Mundwinkeln Der- | tieft hatten, weil das Fältchen zwischen seinen breiten Brauen jetzt aussah wie ein scharfer Schnitt, der oernarbt war.
Marlene fang, und Olga beobachtete Ramon Sega. Doch Don feinen Zügen konnte sie nichts ablesen. Er oerharrte regungslos, ließ Marlene bis zum Ende singen.
Als sie fertig war, sagte er lebhaft: ,Zhre Stimme ist gerade das, was ich brauche. Die Tangos werden Ihnen so ausgezeichnet liegen, als wären Sie eigens für Sie geschaffen. Hier, meine Hand, schlagen Sie ein, nehmen Sie einen Vertrag oon mir an! Ich garantiere Ihnen, in allerkürzester Zeit bringe ich eie so weit, daß Sie unbesorgt mit uns oor das Publikum treten können. Wir installieren uns ein paar Tage in Berlin, Ihr Vater wohnt ja in der Nahe, und dann reisen wir nach Hamburg, wo wir zunächst oerpflichtet sind. Kein Mensch wird dort merken, daß Sie ein Neuling sind. Ich forme Sie allerschnell- stens in eine waschechte argentinische Tangosängerin um."
Marlene setzte sich wieder und dachte jetzt, es wäre wohl aut und richtig, einen Vertrag mit Ra- mon Vega einzugehen. Das neue Leben, das auf sie wartete, die Abwechslung und die fremde, weite Welt würden ihren Schmerz betäuben und ersticken.
Er fragte: „Mer sind Sie auch mündig, Fräulein Werner?"
Sie nickte: ,Za, Sennor Sega! Aber mein Vater würde mir sowieso kaum Schwierigkeiten bereiten. Ich glaube sogar, ein Engagement bei Ihnen ist ihm für mich lieber als die abhängige Stellung einer Gesellschafterin. Er sieht im allgemeinen alles mit meinen Augen."
Olga wollte strahlend aussehen, aber eigentlich war ihr das Herz schwer. So sehr sie Marlene alles Gute gönnte, empfand sie, nun man einig geworden, doch Schmerz. Marlene würde weit fort, Marlene würde vielleicht für immer aus ihrem Leben gehen.
Aber tapfer bezwang sie die Tränen, die sich her- oorbrängen wollten.
Marlene nahm ihre Hand.
„Mein Sater ist so allein. Bleibe du vorerst bei ihm, Olga! Ich glaube, es wird ihm recht sein. Mach' ihm das Leben ein bißchen angenehm. Ich schicke ab und zu Geld. Davon könnt ihr es euch bequem machen. Alles andere findet sich."
Olga murmelte: „Du bist ein grundanständiges Menschenkind: aber ich bin deinem Vater doch eine Fremde."
Marlene sah jetzt ein Ziel vor sich, sie war ruhiger geworden, erwiderte: „Wir sprechen noch über alles, Olga! Vorläufig bleiben wir die nächsten Tage zu- jammen; jedenfalls begleitest du mich ztl meinem Vater."
Ramon Vega sah Olga Zabrow an und bedauerte, daß sie nicht die Stimme der anderen besaß. Das schmale, rotblonde Mädel gefiel ihm, dem verwöhn-
Die kleine Blondine lieh ein piepsendes Lache» hören.
„Ramon Vega! Den kennt doch jeder, der ein bißchen modern ist", warf sie sehr van oben herab hin. „ ,Los quatro Argentinos* sind weltberühmt?
Der alte Herr wandte sich an den Schreiber, dem graue Haarsträhnen etwas Vertrauenswürdige» und Zuverlässiges gaben.
Er fragte ihn: „Verzeihen Sie, mein Herr, ist Raman Vega wirklich weltberühmt?"
Der Schreiber nickte: „Natürlich! Jedenfalls werden .Los quatro Argentinos*, was auf deutsch .Die vier Argentinier' heißt, überall, wa sie auftreten, ganz toll gefeiert und können sich ihre (Engagement» ausjuchen."
Paul Werner griff an feinen Hut und dankte.
„Mehr brauche ich nicht zu wissen."
Marlene und Olga waren an der Tür stehen- geblieben, sie hatten die Auskunft gehört Unten auf der Strafte meinte der alte Herr, Marlenes Arm durch den feinen ziehend: „Wir wissen jetzt wenigstens, daft der Tangomensch nicht ausgeschnitten hat. Jetzt wollen wir noch irgendwo zusammen Kaffee trinken, und dann gehen wir zu ihm. Er kann e» mir nicht übelnehmen, wenn ich mich davon überzeugen möchte, was für 'ne Sorte von Mann dein zukünftiger Chef ist."
Olga warf begeistert ein: „Er gehört zu einer Sorte von Mann, die es hier überhaupt nicht gibt,- Herr Werner! Er ist so apart, daft man von ihm be- geistert sein muft, ob man will ober nicht?
(Fortsetzung folgt)
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