Ausgabe 
12.10.1933 Frühausgabe
 
Einzelbild herunterladen

bellen der Ausschüsse. Als Vertreter Südafrikas er- wähnte er, daß die Mandatsmächte der schwe­ren Verpflichtungen und Verantwortungen sich be­wußt seien und eng mit der Mandatskommission des Völkerbundes Zusammenarbeiten sollten. Die Ausführungen des Präsidenten waren auf einen zuversichtlichen Ton gestimmt. Die Aufgabe des Völkerbunds fei es, die Zusammenarbeit starker und selbstbewußter Gemeinwesen zu organisieren und damit die Sicherheit, den Frieden und die gute Nachbarschaft zu fördern. Die Schlußrede des Prä­sidenten konnte die mageren Ergebnisse dieser Ta- gung nicht verschleiern. Die Dölkerbundsoersamm- lung löste sich sodann bei allgemeiner Teilnahms­losigkeit auf.

Englische Widerstände.

Aussprache -wischen Nadolny und Limon.

Genf, 11. Oft. (TU.) Botschafter Nadolny stattete am Mittwochabend Außenminister Simon einen Besuch ab. Simon legte Nadolny jedoch ledig­lich den englischen Standpunkt dar, ohne ihn jedoch über das Ergeonis der Drei-Mächte-Besprechung zu unterrichten. In der Unterredung sind die tief­gehenden Gegensätze zwischen den englischen und der deutschen Auf- f a s s u n g in voller Stärke zum Ausdruck ge­kommen. Auf deutscher Seite hat man selbstver­ständlich an dem grundsätzlichen deutschen Stand­punkt festgehalten und von neuem die unabweisbar berechtigten deutschen Forderungen geltend ge­mocht. Es ist vereinbart worden, die direkte Aussprache fortzusetzen. Aus französischen Kreisen verlautet, daß Sir John Simon unge­wöhnlich scharfe Instruktionen von seiner Regierung erhalten habe, sich allen deutschen Forderungen auf Zuerkennung der notwendigen Verteidigungsmittel zu widersetzen. Tatsächlich besteht auch in allen unterrichteten Kreisen der Eindruck, daß zur Zeit die Hauptschwierigfeiten von englischer Seite gemacht werden und eine äußerst lebhafte Stimmungsmache gegen Deutschland getrieben wird.

Die Meinungen gehen weit auseinander.

London, 12. Oft. (WTB.-Funkspruch.) Wie der französische Korrespondent desDaily Tele­graph" aus Genf meldet, beharre Sir John Simon darauf, daß Deutschland vorläufig nur eine Vermehrung derjenigen Waffen ge­stattet werden soll, die ihm im Versailler Vertrag zugestanden sind; die vierjährige Probezeit solle um ungefähr zwei Jah­re vermindert werden. Die völlige Gleich­heit aller Nationen solle in der zwei­ten, höchstens dreijähriger Periode, hergestellt werden. Paul-Boncour sei bereit, den wesentlichen Inhalt dieses Planes anzunehmen, wolle aber von einer Verkürzung der ersten P e - riode nichts wissen und beharre auf der Auflösung allermilitärischen Ver­ein i g u n g c n" in Deutschland. Norman Davis halte die von Großbritannien anempfoh­lene Methode für unangebracht, weil die deutsche Regierung darin ein Art Diktat nach Art des Versailler Vertrages erblicken wurde.

Englands Gorge die französische Floitenrüstung. Frankreich die stärksteO-Bootmacht der Welt

London, 11. Ott. (TU.) Ein Artikel des Ma- rinekorrespondenten derMorninapost" weist auf den außerordentlichen Umfana der französischen Flottenrüstungen hin. Die im Bau befind- licheDunkerque" werde für mindestens acht Jahre das modernste Linienschiff der Welt sein. Die seit dem Kriege gebauten französi­schen Kreuzer seien moderner als ö l e (Se­gen ft ü d e in der englischen Flotte. Im Bau von Kriegsschiffen stehe Frankreich an der Spitze. Frankreich habe sieben Kreuzer im Bau, Amerika dagegen nur sechs und Japan vier. Der Korrespondent weist ferner darauf hin, daß die französischen Kreuzer noch durch eine Flotte mächti­gerF l o tt i ll e n s ü h r e r b o o t e" verstärkt mür­ben, die mit ihren 2500 Tonnen von den Unterzeich­nern des Londoner Flottcnvertrages als Kreu- 3 e r bezeichnet werden müßten, da die Vertrags­stärke der Flottillenjuhrerboote nur 1850 Tonnen betrage. Frankreich habe 15 Flottillenführerboote von annähernd 2500 Tonnen und sechs von 2100 Tonnen in Dienst gestellt, während zwölf in Bau seien. Alle d ese Schiffe seien mit 13,7-Zentimeter-Keschützen aus- gerüstet. Kein andererStaat besitze Zerstörer oder Flottillensührerboote mit entsprechend schweren Geschützen. Ferner hätten die französischen Schiffe eine größere Geschwindigkeit. Was die Unterseeboote betreffe, so bestehe kein Zweifel, daß Frankreich zur Zeit die st ä r k st e U b o o t m a ch t der Welt sei. Frankreich habe 84 Uboote in Dienst unb 25 in Bau, Amerika nur 81 bzw. 2, Japan 63 bzw 9 und England 50 bzw. 10. Man müsse aner­kennen, daß Frankreich eine erstklassige Seemacht aufgebaut habe.

Belgien beschließt Aufrüstung.

Brüssel, 11.0«. (TU.) Der Verttibigungs- Minister Devöze. der seit Monaten für den Aus­bau der Rüstungsmittel des Landes wirbt, kann heute auf einen vollen Erfolg blicken. In feierlicher Sitzung unter dem Vorsitz des Königs hat der M i n i ft c r r a t heute sämtliche Pläne Devözes ein- einstimmig gutgeheißen. Es handelt sich in der Hauptsache um die Verteidigungsanlagen an der deutschen Grenze und auf der Hochebene von HervS bei Lüttich, um ton Ausbau der Jagd- und Bombens lug- zeugge schwader, um die Verstärkung der schweren Artillerie, um Munitionsbeschaffungen in großem Umfange und um Erhöhung der Zahl der automatischen Waffen, und anderes mehr. Es ist kein Zweifel, daß Kammer und Senat, die bald zusammentreten werden, die geforderten Kredite In Hohe von 7.50 Millionen, die die Ausführung der Dev-zeschen Plane kosten, genehmigen werden.

Vor einer Militärdiktatur in Japan?

London, 11. Oft. (TU.) In gut unterrichteten englischen Kreisen rechnet man bannt, daß im Lause der nächsten Monate in Japan ein Kabinett an das Ruder fommen werde, da» sich in der Haupt­sache aus Vertretern der Armee und Marine zusammensetzen und nur einige Zivil- sachverständige für finanzielle und wirtschaftliche Fragen haben werde. Dieses Rabineti solle das An­sehen und die VerantworUichkeiten einer natio­nalen Regierung gegenüber der Zioilgewatt,

dem Parlament und der Diplomatie haben. Die jüngere Generation der militärischen Führer begün­stige eine rabifale Form des Staats- sozial ismus und hoffe hierdurch die Unter­stützung der Arbeiterflasse zu gewinnen und sie dazu zu bewegen, eine ft a r f e Außen- politif gutzuheißen. In japanischen diplomati­schen Kreisen im Auslande herrsche das Gefühl, daß eine offene Militärregierung einem Zivil- rabineti vorzuziehen sei, das dauernd mit dem Widerstand der mUitörischen Stellen zu fämpfen habe.

Amerikanische Gilberhemden.

Line faschistische Lrganisation in den Bereinigten Staaten.

Neuyorf, 11.Oft. (TU.) ,LNS veröffentlicht unter Copyright aus Oklohama-City eine Unterre­dung mit dem amerikanischen Major P o w e l l, dem Stabschef der S i l b e r h e m d e n. Powell erklärte u. a., die Silber Hemden hätten keine Verbindung mit den Nationalsozialisten, jedoch seien die Mit-

afieber feiner Organisation zum größten Teil Deutschamerikaner. Das amerikanische Volk verstehe noch nicht, was Hitler für Deutschland ge­tan habe Die Silberhemden wüßten dies jedoch und billigten die meisten seiner Handlungen. Die Organisation bestehe in Oklahoma-City im Ge- Heimen bereits seit drei Jahren. Auch in den übrigen Staaten der Vereinigten Staaten gebe es Zweigoerbände. Die Silberhemden seien ähnlich organisiert wie die Freimaurer. Sie hätten keinen Zusammenhang mit dem ftu Kur Klan, jedoch seien viele Mitglieder dieses Geheim- bundes gleichzeitig Silberhemden. Die Organisation der Silberhemden nehme Ju­den und Neger nicht in ihren Reihen auf, wohl jedoch Katholiken und In­dianer. Die Kleidung der Silberhemden bestehe aus einem Silberhemd, das auf der linken Brust- feile mit den großen roten Buchstaben LLL ver­sehen fei, der Abkürzung fürLiberation Loyality Looe". Dazu würden blaue Reithosen getragen. 28 Proz. der Mitglieder seien Frauen. Der Führer fei William Dudley, der fein Haupt­

quartier in Aihoille (Nordkarolina) habe. Die Sil­berhemden, die ihren stärksten Anhang in Kali­fornien, Pennsylvanien und Nebraska hauen, träten für eine kämpfende christliche Demokratie ein und seien überzeugt, daß der Kommunismus bet größte Feind der Vereinigten Staaten fei.

Die ungarische Studentenschaft erneut gegen Professor Bleyer.

Budapest, 11. Oft (CNB.) (Eigene Meldung) Eine größere Anzahl von Studenten hat beschlossen, in einer Denkschrift an die Regierung gegen jede weitere Lehrtätigkeit des Prosef'ors für Deutsche Literaturgeschichte an der Budapester Universität, den ehemaligen Nationalitätenminister und Reichstagsabgeordneten Jakob Sieger Stel­lung zu nehmen. Pros. Bleyer hatte bekannllich vor einiger Zeit im Parlament eine Rede über d i e deutsche Minderheit in Ungarn ge­halten. Wegen dieser Rede war es an der Univer­sität zu so großen Demonstrationen gekommen, baß. Prof. Bleyer seine Vorlesungen nicht hatte fort- setzen können.

Der Führer der Polizeiwache als Zeuge im VrandWerprozeß.

Dimiiroff wiederum wegen Ungebühr von der Sitzung ausgeschloffen. Die erste Vernehmung van der Lübbes.

Berlin, 11. Oft. (WTB.) Die Mittwochsitzung des Reichstagsbrandstifter-Prozesses begann mit einem Zwischenfall. Nachdem der Vorsitzende, Se­natspräsident Bünger, vor Eintritt in die 23er- Handlung mitgeteilt rjat, daß der ßofaltermin am Donnerstagabend stattfinden soll, will der Angeklagte D i m i t r o f f sofort das Wort er­greifen und Fragen stellen. Der Vorsitzende lehnt das ab. Dimittosf will trotzdem seine Berner- fungen fortsetzen. Der Vorsitzende entzieht ihm das Wort. Dimittosf erklärt: Ich bin hier nicht nur Angeklagter, sondern auch Verteidiger für Dinutroff. Der Senat erhebt sich bei diesen Worten von den Plätzen und zieht sich zur Beschluß­fassung über das Verhalten Dimilrosss zurück. Nach kurzer Beratung verkündet der Vorsitzende folgen­den Beschluß des Senats:

Der Angeklagte Dimifroff wird wegen wieder­holten Ungehorsams gegen die Anordnungen des Vorsitzenden, insbesondere gegen die Anordnungen, durch die ihm das IDort entzogen ist, dis auf weite­res aus dem Sitzungssaal entfernt. Lr ist ins Ge­fängnis abzusühren.

Dimittosf protestiert in erregten Worten dagegen und überreicht feinem Verteidiger Dr. Teichert ein Schriftstück mit dem Bemerken: Diese Frage möchte ich stellen. Tun Sie es bitte für mich. Rechtsanwalt Dr. Teichert ruft dem Angeklagten zu: Hätten Sie mir das lieber früher gesagt. Der Angeklagte wird dann abgeführt.

Das Gericht fetzt die Zeugenvernehmung über die Vorgänge am Abend des Reichstags­brandes fort. Polizeileutnant ß a t e i t, Führer der Brandenburger-Tor-Wache am Brandenburger Tor, wurde etwa um 21.15 Uhr von dem Ausbruch des Brandes benachrichtigt und fuhr mit feinen Leuten mit größter Geschwindigkeit in etwa zwei Minuten zum Reichstag. Dort ließ er sofort Großalarm an die Feuerwehr melden. Der Zeuge schildert weiter, wie er in der Wandelhalle und un Plenar- sitzungssaal zahlreiche Brandherde auf­fand. Der Zeuge schildert dann, wie er in den Plenarsaal hineinkam. Der Fußboden sei noch dunkel gewesen, aber der Saal sei beleuchtet wor­den durch eine Art flammender Orgel, die sich über dem Präsidententisch erhob. In der Mitte brannte eine hoye Flamme in verhältnis­mäßig ruhigem Licht, rechts und links daneben züngelten kleinere einzelstehende Flammen empor, die wie leuchtende Orgelpfeifen wirkten. Alle diese Flammen vereinigten sich auf dem Präsidententisch zu einem zusammenhängenden Brandherd. Als ich das sah, war ich sofort im Bilde: Brandstif­tung, Pistolen raus!

Als der Zeuge dann zum Portal V zurückwollte, kam ihm auf der Treppe schon ein Feuerwehrmann entgegen. Die Oualmentwicklung ist außerordentlich groß gewesen. Da war ein ßäufer in Brand ge­raten, hier brannte ein Papierkorb. Es waren zum Teil nicht eigentliche Brandherde, sondern mehr kleinere Uebertragungen. Als wir dann auf einen Hof tarnen, ließ ich abschließen, um mit meinen Beamten eine planmäßige Durchsuchung des ganzen Südflügels vorzunehmen. In der Wandel­halle fand ich eine Sportmütze, einen Selbstbinder und ein Stück Seife.

Dem Angeklagten van der ß u b b e , der wäh­rend dieser Vernehmung apathisch in seiner gewohn­ten gebückten Haltung auf der Bank sitzt, wird von seinem Verteidiger Rechtsanwalt Seuffert schon zum zweiten oder dritten Male die Nase ge­putzt. Der Angeklagte läßt sich diesen Dienst von anderen erweisen. Wenn ihm von den Anwälten das Taschentuch hingereicht wird, reagiert er nicht darauf.

Der Zeuge Polizeileulnanl Calcit fährt in seiner Schilderung fort: Ich erfuhr erst später, daß diese Gegenstände van der Lübbe gehörten. 2m Reichstag selbst traf ich mit anderen Polizisten zu- Jammen, und man erzählte mir, daß man soeben an der Brandstelle van der Lübbe fest genom­men habe. Lr sei nur mit einer Hose bekleidet ge­wesen und sitze jetzt in der Branbenburger-Ior- Dache. 3d) begab mich sofort dorthin und fragte van der Lubde, ob die von mir gefundenen Gegen­stände ihm gehörten. Er bejahte. 3ch fragte ihn dann, ob er den Reichstag angefterft habe. Darauf sagte er: 3 a. Dann fragte ich, ob es stimme, daß er auch das Schloß und den Dom in Brand stecken wollte. Darauf sagte er auch 3a. 3d) fragte den Angeklagten dann, warum er den Reichstag in Brand gesteckt habe. Darauf schwieg er und lachte. 3d) hatte den Eindruck, daß ich es mit einem 3rrflnnigen ; u tun hatte.

Oberreichsanwalt: Ist dem Zeugen bekannt, daß behauptet worden ist, im Reichstag sei Zentner- weise Brandmaterial gesunden worden?

Zeuge: Wir haben alles genau durchsucht, auch die kleinsten Räume und sogar Schränke öffnen lassen. Wir haben nirgends etwas gefun­den.

Gegen 23 Uhr am Brandtag, so bekundet der Zeuge dann noch, meldete sich bei ihm noch em Ingenieur Bogun auf der Brandenburger-Tor- Wache und teilte mit, baß gegen 21.10 Uhr. als er vom Ingenieur-Haus kam. aus dem Portal 11 ein Mann berausgekommen sei, der sich in Richtung Tiergarten entfernte. Logun schilderte auch die

nähere Kleidung und die Größe des Mannes und hatte den Eindruck, daß dieser Mann mit dem Reichstagsbrand in Verbindung zu bringen fei. Bogun ist noch am selben Abend vernommen wor­den.

Der Professor an der Technischen Hochschule Ge­heimrat Josse, der hierauf als Sachverständiger vereidigt wird, fragt den Zeugen, wann er zuerst die Flammen in der Reichstagskuppel ge­sehen habe, ßateit erwidert, als er um 21.25 Uhr in den Reichstag zurückging, habe er die Funken in der Kuppel noch nicht gesehen. Das sei ihm erst später gesagt worben. Er habe sich darüber sehr gewundert, denn er habe dach den Plenar­saal kurz vorher in fast unversehrtem Z u ft a n o gesehen. Die Frage des Branddirektors Dr. Wagner, ob er den Eindruck hatte, daß der Plenarsaal des Reichstags durch die Feuerwehr sehr leicht zu retten gewesen wäre, be­jaht ßateit. Der Oberreichsanwalt fragt, ob damals bei den Absperrungen auch SA., SS., oder son­stige Formationen herangezogen worden find.Der Zeuge erwidert, baß er kurz vor 23 Uhr im Absperrungsdienst abgelöst worden sei. Bis zu diesem Zeitpunkt seien weder SA. noch SS. dagewesen, seine Wache sei stark genug gewesen, er habe keine Verstärkung gebraucht.

Der Dorsihende wendet sich nun an den Angeklag­ten van der Lübbe. Dan der Lübbe steht auf, bleibt aber in seiner gebeugten Haltung. Sein Ver­teidiger putzt ihm die Rase.

Dorsihender: Sie haben die Aussagen des Zeugen Lateit gehört, haben Sie dazu etwas zu erklären?

Dan der Ludbe nach längerem Zögern: 31 ein!

Dorsihender: war die Aussage so richtig?

Dan der Ludbe: Da» kann ich nicht sagen.

Der Oberreichsanwalt fragt den Zeugen B u - wert, ob er den Befehl Lateits, Großalarm zu geben, weitergegeben hat. Der Zeuge Buwert verneint; die Ausführung des Befehls fei nicht möglich gewesen, weil eralleinanberStelle Wache hatte, ßeutnant ßateit habe ihn gar nicht mehr zu Wort kommen lassen, als er ihm diesen Sachverhalt mitteilen wollte. Ueberbies seien d i e Feuerwehren bereits eingetroffen, und zwar nur zwei ober drei Minuten später. Auf die Frage des Branddirektors Wagner, ob unter

Großalarm ein Großalarm der Polizei ober der Feuerwehr zu verstehen sei, erklärt ßateit, es habe sich um die Alarmierung sämtlicher Feuerwehren gehandelt. Branddirektor Wag- ner stellt fest, daß der erste Alarm um 21.14 Uhr, der zweite um 21.15 Uhr kam, um 21.31 wurde die 10. Alarmstufe durchgegeben und um 21.42 Uhr der 15. Alarm angeordnet. Der Befehl. Großalarm zu geben, sei wahrscheinlich von dem Poftzeibearnten nur dahin verstanden worden, daß er mehr alar­mieren soll. Bei der Feuerwehr gäbe es nämlich Alarmstufen nur nach Zohlen.

Der leidiger Dr. Sack bezeichnet diese Feststellung der schnellen Alarmierung al» besonder» wichtig, weil der frühere Ifiinifter Gr; esinski in London erklärt habe, wenn der Großalarm nicht angeordnet sei, dann müsse er verboten gewesen sein. Grze- sinski habe dabei angedeutet, daß der Großalarm überhaupt nicht gegeben worden sei.

Als nächster Zeuge wird Dr. ßepfius vernom­men. Der Zeuge hat van der ßubbe am Tag nach, dem Brand beim Abfchreiten des Brandwegs an jeder Brandstelle gefragt, wie er das Feuer angelegt hat. Van der ßubbe habe ausführ­lich und bereitwillig geantwortet. In einigen Fällen sei ihm 3unächft die Angabe van der ßubbes mit den technischen Möglichkeiten nicht ganz übereinstimmend erschienen. Van der ßubbe sei ober bei feinen Angaben geblieben. Der Zeuge hat den Angeklagten auch nach seinen Gründen gefragt, worauf der Angeklagte erwiderte, daß die ganze Gesellschaft vernichtet wer- den müsse. Als der Zeuge mit dem Angeklagten in den Plenarsaal kam, hatte er den Eindruck, daß van derßubbe mit einer gewissen Befriedi­gung schmunzelndumsich sah. Der Zeuge hat bei dieser Gelegenheit van der ßubbe gefragt, ob er die Vorhänge an derTür angezün­det habe, um damit den Plenarsaal in Brand zu setzen. Dan der ßubbe habe dies verneint und ge­fugt, der Plenarsaal sei wohl dadurch in Brand ge­raten, daß das Feuer der Vorhänge sich nachher weiter aus gebreitet l)abe.

Nach kurzer Beratung verkündet der Vorsitzende den Senatsbeschluß, den Angeklagten Dimi troff bei dem ßofaltermin am Donnerstagabend nicht zuzulossen. Die nächste Verhandlung findet am Freitag im Reichstagsgebäude statt.

Oesterreich und der Faschismus.

Don unserem römischen E.-Korrespondenten.

Rom, Oktober.

Nichts hätte dem starken Manne Oesterreichs ge­legener kommen können als das alberne Attentat. Damit übernimmt der Diktator wieder ein bißchen von dem Nimbus seines großen Bruders in Rom, dessen blutiges Taschentuch heute als kostbare Re­liquie unter (Blas und Rahmen in der faschistischen Revolutionsousstellung zu sehen ist. Zwar war es ein Revolver ohne Durchschlagskraft, der in Wien wie auf dem Kapitol cheatralisch losging, aber an psychologischer Wirkung reicht er an berühmte Ka- nonaben Heron. Duce und Pupst, die Stoatslenkcr uller Nationen fanden Gelegenheit, Dr. Dollfuß ihre Sympathie zu bezeigen und in Gens weckte der Schuß ein bemerkenswertes Echo.

Es wäre aber ein verhängnisvoller Fehler, wenn man in Wien aus diesen Episoden weitergehende Schlüsse ziehen würde. Derselbe Popolo d'Itaiiu, Mussolinis Tribüne, möchte keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, daß die Rettung Oesterreichs nur über den Faschismus erfolgen kann. Daß der Fa­schismus kein Exportartikel sei, dos mar eine schöne Illusion der ßeute, die die Dinge nicht so geschil- bert haben wollen, wie sie sind, fonbern so, wie sie sie gerne haben möchten. Kein Wunder, wenn die Geschichte den üblichen Irrtumsvorbehalt unter solche Bilanzen setzte. Wie lange ist es denn her, baß man dem Auslanb fuggerierte, Hitler fei ein Charlatun unb feine Anhängerschar nur eineWin­terpartei, bie niemals einen Frühlina erleben roerbe9 Heute macht man sich ähnliche Illusionen über Oesterreich.

Italien bleibt nüchtern. Für Rom bildete der Um- schwung in Deutschland keine Ueberrafdjung, der Sieg des Faschismus in Oesterreich ist ihm nur eine Frage der Zeit. Es versteht nicht, wieso man noch immer unter anderen schlechteriunbenen Anekdoten über Mussolini die von dem ungangbarenEx. p o r t a r t i ? e T kolportieren kann. So hat der ge­wesene Vizekanzler Oestereichs in seinem Schwa­nengesang versichert, Mussosini habe wiederholt ge­sagt, daß der Faschismus kein Exportartikel sei. Dazu überläßt nun der Duce selber seinem Popolo d'Itaiiu da» autoritäre Wort. Wir wollen es genau übersetzen:

Vor einigen Jahren gewährte Mussolini dem damaligen Leiter de» damals demokratischen Ber­liner Tageblatts, Theodor Wolfs, ein Interview, in dem er erläuterte, daß der Faschismus eine universale Idee sei, wenn er auch seiner typisch italienischen Form und Bedeutung nach nicht ohne weiteres in andere Länder Der pflanzt werden könne. Wolfi. der Demokrat, legte den Akzent auf die -wette Hälfte des Satzes, indem er au» ianerpolttsichen, httlerseindftchen Gründen

die erste überging. So wurde aus einer Sentenz ein falscher Gemeinplatz. Das war im Jahre 28. Aber schon im Oktober des nächsten Jahres stellte Mussolini die suche wieder richtig, indem er sich folgendermaßen aussprach. Das Schlagwort, daß der Faschismus fein Exportartifel fei, ftammt nicht von mir. Es ist zu banal. Es wurde von irgendeinem für solche Leser in Umlauf gesetzt, bie Ausdrücke aus dem Geschäfts- leben brauchen, wenn sie etwas verstehen sollen. Wie dem auch sei, ich erfläre heute, daß der Fa­schismus seiner Idee, seiner Lehre unb seiner Wirfuna nach universalen Eharafter hat. Italienisch in seinen reinitalienischen Einrichtungen, universal in feinem Geiste. Es kann auch nicht anbers fen. Folglich läßt sich e i n faschistisches Europa ooraussehcn, ein Europa, bas theoretisch unb praktisch der faschistischen Spur folgt. Ein Eu­ropa, bas in faschistischem Sinne bas Problem bes mobernen Staates löst, des Staates im ^vanzig­sten Jahrhundert, der so verschieden ist von den Staatssystemen, die vor 1789 bestanden ober sich nachher bildeten

Wer nun noch nicht weiß, wie man in Rom, wie insbesondere Musiolini persönlich über die innere Lage Oesterreichs denkt, über die Verfolgung der faschistisch-nationalsozialistischen Idee, dem ist nicht zu helfen. Illusionen sind eine schöne Sache, geeignet für die Genfer Rednerschule. Zu Hause sehen die Dinge etwas ander» au».

Der neue Kurs im Fremden­verkehr.

Tagung des Bundes deutscher Verkehrs- verbände und Bader.

Berlin, 11. Oft. (CNB) Die Hauptversamm­lung de» Bunde» deutscher Verkehrs- verbände und Bäder wurde in Anwesenheit zahlreicher Vertreter der Behörden im ehemaligen Herrenhause eröffnet. Der Bundespräsident Staats­minister Esser (München) hob hervor, baß burch da» Reichsgesetz vom 23. Juni 1933 Richtlinien für den Aufbau des deutschen Fremdenoerkehr» gegeben und ein Reichsausschuß für Fremden­verkehr als oberste Zusammenfassung der ge­samten deutschen Fremdenverkehrsforderung einge­setzt worden sei. Alle überflüssigen lieber- und Unterorganisationen seien aufgelöst worden. Neben der Organisierung dürfe auf keinen Fall die Finanzierung vergeßen werden. Ein einheit­liches Fremdenverkehrsrecht für das ganze Reich fei erforderlich. Vor allem sei es nötig, intfe»