Ausgabe 
12.9.1933 Frühausgabe
 
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Justiz und Aufbau der Wirtschaft.

Ein Erlaß des preußischen Zustizm msters.

Berlin, 11. Sept. (TU.) Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat der p r e u ß i s ch e Justizminister folgenden Erlaß herausgegebcn: Mit allen Mitteln hat der Nationalsozialismus sich nach der Machtübernahme der Aufgabe unterzogen, jene verwerflichenKorruptionserschei- nungenzu bekämpfen und zu beseitigen, die sowohl in der öffentlichen Verwaltung, besonders in den Gemeinden, aber auch in einzelnen Zweigen der Wirtschaft ein verhängnisvolles Ausmaß angenom­men hatten. Heute kann mit Befriedigung feftge- stellt werden, daß dieser Kamps sein Ziel im wesentlichen erreicht hat. Alle jene als Korruptionen anzusprechende Handlungen, die straf­bar und unmoralisch, eigennützig zum Nachteil des Volksganzcn begangen sind, wurden ans Tages­licht gebracht und der richterlichen Verfolgung über­geben.

Das deutsche Volk, nunmehr getragen von natio­nalsozialistischem verantwortungs- und Pflichtbe- wuhksein, wird zu verhindern wissen, daß jemals wiederkehren kann, was früher möglich war.

Jetzt gilt es, die Augen wegzuwenden von den widrigen Auswüchsen einer für immer vergangenen Zeit, vorwärts die Blicke und alle Willenskraft konzentrieren auf das große Ziel: Die Gestaltung einer lichtvollen und hoffnungsfreudigen Zukunft für das deutsche Volk.

Die Geschichte, so stellte der Führer fest, wird uns nicht danach beurteilen, wieviele Korruptionen des

zweiten Reiches wir aufgedeckt haben, sondern da­nach, ob wir dem deutschen Volk Arbeit und Brot beschafft haben.

Der Kampf gegen die Arbeitslosig­keit und der damit verbundene Aufbau der Wirtschaft erfordert, daß auch in der Justiz alle Kräfte dieser Aufbauarbeit und ihrem Schutz zuge­wandt werden. Ich ordne deshalb an:

1. Alle Staatsanwaltschaften haben ihre erhöhte Aufmerksamkeit darauf zu richten, ob irgendwo Sabotage Hand lun gen gegenüber dem Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und den Maßnahmen zum Aufbau der Wirtschaft begangen werden und in solchen Fällen mit allergrößtem Nachdruck und höchster Beschleunigung oorzugehen.

2. Die Weiterbearbeitung der anhängigen Kor­ruptionssachen erfolgt durch die Zentral- staatsanwaltfchaft im Justizministerium. Diese hat im Einzelfall zu prüfen, inwieweit die abschließende Behandlung von der Zentralstaatsanwaltschaft un­mittelbar, oder von den ordentlichen Staatsanwalt­schaften durchgeführt werden soll.

3. Die Korruptionsdezernate hebe ich als Son­derdezernate der einzelnen Staatsanwaltschaften auf, und danke hiermit den Sachbearbeitern dieser Dezernate für ihre mühevolle und erfolgreiche Arbeit.

4. Künftig etwa zutagetretende Korruptionser­scheinungen sind innerhalb der allgemeinen Rege­lung der Geschäftsverteilung der einzelnen Staats­anwaltschaften zu bearbeiten.

Das Reichskonkordai.

Oie neue Auffassung des Verhältnisses von Staat und Kirche.

Berlin, 11. Sept. (ERB.) Zum Austausch der Ratifikationsurkunden des Reichs­konkordates schreibt dieDeutsche Diplomatisch- Politische Korrespondenz":

Die bemerkenswert rasche Aufeinander­folge der verschiedenen Stufen des Vertragsab­schlusses, vor allem die sehr kurze Frist zwischen Unterzeichnung und Ratifizierung, ist ein Beweis des auf beiden Seiten vorhandenen Willens, die tausendjährigen Beziehungen auf der Grundlage der in Deutschland eingetretenen Neuordnung zu klären und zu festigen.

Die Kirche hakte es als ihr Interesse erkannt, sich mit dem neuen Staat im Sinne einer loyalen Zusammenarbeit zu verständigen, und der Staat hatte seinerseits den Wunsch, im deut­schen Volke die wertvollen Kräfte der christ­lichen Lehre und des christlichen Lebens zu erhallen.

So wurde das Reichskonkordat der Ausdruck einer neuen Auffassung des Verhältnisses von Staat und Kirche: Gegenüber der un­klaren Vermengung der Befugnisse im Mittelalter und der kirchenfeindlichen Trennung im Zeitalter der Aufklärung schafft es eine organische Ar­beitsteilung, die den Staat ebenso vor Be­vormundung schützt, wie sie die Kirche der Not­wendigkeit überhebt, zum Schutze ihrer Interessen den parteipolitischen Kampfplatz zu betreten. Die Kirche hat sich durch das Reichskonkordat in Deutsch­land, wie schon vor vier Jahren in Italien, ent­schlossen auf den Boden des autoritären Staates gestellt, und der Staat hat unter Wah­rung seiner eigenen Rechte und des konfessionellen Friedens die äußere und innere Selb- ständtgkeit der Kirche anerkannt.

Der Vatikan hat im ganzen Verlauf dieses grundlegenden Reorganisationsprozesses eine anerkennenswerte Sicherheit des Urteils und Unabhängigkeit der Entschließung bewiesen.

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, ihn im Sinne derjenigen Tendenzen zu beeinflussen, die die mo­ralische Isolierung Deutschlands be­treiben. Das Konkordat ist aber sehr schnell in Kraft gesetzt worden, womit sich die verschiedenen Tendenzmeldungen, die bis in die letzten Tage hin­ein auftauchten, von selbst erledigt haben.

Das über die Ratifizierung ausgegebene Kom­munique erwähnt einige Materien, über die dem­nächst zwischen den beiden Vertragspartnern ver­handelt werden soll. Es handelt sich hier um ge­wisse Auslegungsfragen im Grenzge­biet der staatlichen und kirchlichen Einflußsphäre, die bei einem Vertragswerk von der monumentalen Bedeutung des Reichskon­kordates notwendigerweise auftauchen. Es sind je­doch keine Fragen grundsätzlicher Art zu klären, sondern für gewisse konkrete Angelegen­heiten diejenigen Regelungen zu finden, die dem Geist und dem Wortlaut des Konkordates ent­sprechen.

Llnangenehme Lleberraschung in Pans.

Paris, 11. Sept. (TU.) Die Ratifizierung des Konkordats zwischen der Reichsregierung und dem Vatikan hat hier, wenn man das so ausdrücken kann, unangenehm überrascht. Die Blätter hatten schon seit einigen Tagen große Propaganda­trommeln gerührt, um der Oeffentlichkeit Glauben zu machen, der Papst werde sein Veto einlegen. Man versuchte, diese Maßnahme mit einer a n - geblichen Unterdrückung des Katholi- z i sm u s in Deutschland zu begründen, die den Vatikan verstimmt hätte. Heute müssen nun die Blätter ganz verlegen zugeben, daß sie sich in ihren Besprechungen geirrt haben. Es nimmt daher auch nicht wunder, daß man vergeblich nach Kom­mentaren sucht. Eine Ausnahme macht allerdings derT e m p s", der in einer längeren Stellung­nahme seines römischen Berichterstatters plötzlich er­kennt, daß die Verzögerung soweit von einer solchen überhaupt die Rede sein könne, ganz natürliche Gründe habe. Das Blatt weist dabei dar­

auf hin, daß die Ratifizierunq des italienischen Konkordats sogar erst nach vier Monaten erfolgt sei. Kamp, um Oie veatsche Gchu e im Eaargebiet.

Eine Auflagenachricht der Regierungs­kommission.

Saarbrücken, 11. Sept. (ERB.) Bei der Saarbrücker Landeszeitung" war im März d. I. ein Flugblatt gedruckt worden, das sich an die Eltern im Saargebiet wendet und die Frage der Saarlandsckule behandelt. Am Samstag hat nun die Landeskriminalpolizei in der Druckerei derSaarbrücker Landeszeitung" Nach­forschungen vorgenommen. Wie man hört, legt die Regierungskommission den größten Wert darauf, den 'Verfasser des Flugblattes zu ermitteln. Die Negierungskommiffion hat ferner demSaar­brücker Abendblatt" eine Auflagenachricht zugehen lassen, in der es u. a. heißt, daß das Flug­blattDrohungen" enthalte, diedie Eltern in der Saarlandschule für ihre Kinder beeinflussen sollen". Der Text des Flugblattes sei mit dem Satz über die freie Wahl der Schule unvereinbar, so wie es durch die in Kraft befindlichen Gesetze und Ver­ordnungen gewährleistet sei. Im Hinblick auf den Inhalt des Flugblattes fei die gerichtliche Ver­folgung und die Beschlagnahme angeordnet worden.

DieSaarbrücker Zeitung" brachte gestern unter der ÜberschriftHeraus aus den Dominial- schulen" einen Ausruf, der die Eltern auffordert, die Kinder den zuständigen deutschen Schulen zu­zuführen.

Berufstätige Töchter sind keine Doppelverdiener.

Berlin, 11. Sept. (Vdz.) Es war angeregt worden, alle bei der Deutschen Reichspost be­schäftigten unverheirateten weiblichen Personen zu entlassen, deren Väter in der Lage sind, für sie zu sorgen. Das Reichspostministerium hat zu diesem Antrag folgende Stellung einge­nommen:

Die hier und da auftretende Ansicht, daß solche Personen, insbesondere Beamtentöchter, den Doppelverdienern zuzurechnen seien, wird nicht geteilt. Die Deutsche Reichspost ist mit allen Mitteln bemüht, der Arbeitslosigkeit zu steuern, doch kann sie weder den Beamten, noch anderen scheinbar wohlhabenden Personen zu­muten, für ihre Töchter auf das Recht der Berufs­tätigkeit zu verzichten. Dor endgültigen Entschei­dungen muß die in Vorbereitung befindliche reichsgesetzliche Regelung über die Aus­schaltung von Doppelverdienern und die Sin» scyränkung der Frauenarbeit abgewartet werden.

Oer Umbau der Konsumvereine.

Der Edeka-Verband bittet um Abdruck folgender Zeilen: Industrie, Handwerk und Handel haben mit größtem Interesse von dem Programm des Führers der Deutschen Arbeitsfront, Dr. Ley, über den Umbau der K o n f u rn v e r e i n e Kenntnis ge­nommen. Der gesamte selbständige Mittelstand bringt dem Führer der Deutschen Arbeitsfront, Dr. Ley, auch bei dieser Gelegenheit das größte Ver­trauen entgegen und wird ihn bei feiner schwie­rigen und verantwortungsbewußten Aufgabe mit allen Kräften unter st Ütze n. Jnsbefondere schenkt der Edeka-Verband Deutscher kauf­männischer Genossenschaften e. V., die Spitzenorga- nisation von rund 28 000 genossenschaftlich organi­sierten selbständigen Kolonialwaren- und Feinkost­einzelhändlern, den Plänen Dr. Leys die allergrößte Beachtung. Bereits seit längerer Zeit hat sich der Edeka-Verband eingehend mit dem Problem des Umbaues der Konsumvereine befaßt und diesbezüg­liche Verhandlungen mit den kommissarischen Lei­tern der Konsumvereine ausgenommen. Die Lösung der Konsumvereinsfrage wird wegen ihrer außer­ordentlichen Kompliziertheit und weittragenden wirtschaftlichen und auch politischen Bedeutung noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Aus diesem Grunde

dürften voreilige Kritiken an dem genialen Plane Dr. Leys in der Oeffentlichkeit zur Zeit nicht angebracht sein.

Le furoUifübrung des Tonfilms ,/£if eijunge Qu^x".

Im Phöbus-Palast, dem größten Lichtspieltheater Münchens, fand am Montag die Welturauf­führung des Ufa-TonfilmsHitler junge Qu ex" statt. Das Haus war feit Tagen bis auf den letzten Platz ausverkauft. Nachdem bekannt ge­worben war, daß Reichskanzler Adolf Hitler zu der Uraufführung kommen werde, hatte sich vor dem Theater eine große Menschenmenge ange­sammelt. SA., SS. und Hitlerjugend bildeten Spa­lier. Als der Reichskanzler erschien, wurden ihm von der Menge stürmische Ovationen zuteil, die sich im Innern des Theaters wiederholten. Unter den Ehrengästen sah man den Stellvertreter des Füh­rers, Rudolf Heß, den Reichsstatthalter in Bayern, von Epp, Ministerpräsident Siebert mit den Ministern Wagner und Brandt, dem Münchener Oberbürgermeister F i e h l e r und zahl­reiche prominente Persönlichkeiten der national­sozialistischen Bewegung.

Der Filmvorführung ging ein Festprogramm voraus, wobei das Reichssymphonieorchester unter der Leitung seines Dirigenten Franz Adam die Symphonie Nr. 4 von Bruckner meisterhaft zum Vortrag brachte. In seiner Ansprache lenkte Neichs- jugendführer von Schirach das Gedenken auf den kleinen Kameraden, dessen Schicksal in diesem Film gestaltet wird, den von kommunistischen Mordbanditen vor eineinhalb Jahren zu Tode ge­marterten Berliner Hitlerjungen Herbert N o r k u s. Heute zähle die Hitlerjugendbewegung IVz Mil­lionen Kämpfer und jeder einzelne von ihnen be­kenne sich zum Geiste der Kameradschaft und Opfer­bereitschaft. Der Film könne nicht besser eingeleitet werden als durch ein stilles Gedenken an den jungen Norkus, der fein Leben für den Führer ge­opfert hat.

Auf die Aufforderung S ch i r a cf) 3 erhob sich das Haus zum Gedenken des jungen Freiheits­helden, während eine Minute lang tiefstes Schwei­gen über dem Raume lag. Schirach schloß mit dem Gelöbnis, daß die Hitlerjugend im Geiste des toten Kameraden unbeugsam weiterkämpfe. Der Hitlerjugendmarsch von Otto Borgmann,Unsere Fahne flattert uns voran", leitete über zu einem von Kurt Klawitte verfaßten und von dem Oberspielleiter der Bayerischen Staatstheater, Hans Schlenk, wirkungsvoll vorgetragenen Prolog Unser der Sieg unser die Macht".

Der hierauf vorgeführte TonfilmHitlerjunge Ouex" nach dem gleichnamigen Roman von K. A. Schenzinger, wurde wiederholt durch Beifall unterbrochen und mit stürmischen Kundgebungen ausgenommen. Als der Reichskanzler das Theater verließ, wurden ihm wiederum begeisterte Huldi­gungen dargebracht. >

Zrachtflugzeuge der Reichsbahn.

Berlin, 11. Sept. (WTB.) Auf einer Reihe von Eisenbahnstrecken hat der bedauerliche Ver­kehrsrückgang zum Ausfall schnellfahren­der Züge geführt. Um den Expreßgutverkehr auch künftig bedienen zu können, wird die Reichs­bahn demnächst auf einigen Strecken, auf denen besonders reger Expreßgutverkehr besteht, mehr­motorige Frachtflugzeuge einstellen, deren Geschwindigkeit über dem Durchschnitt der heutigen Frachtflugzeuge liegt. Die von der Reichsbahn ein­gerichteten Frachtflugstrecken für Expreßgutoerkehr sollen von der Lufthansa betrieben wer­den. Die ersten der mehrmotorigen Frachtflugzeuge, die auf diesen Strecken eingesetzt werden, haben die Dornierwerke in Friedrichshafen in Auftrag erhalten. Eine solche Frachtflugstrecke wird zwischen Berlin und Königsberg ein­gerichtet werden, auf der die Maschinen des Nachts verkehren. Die Strecke dient dazu, den Ausfall des O-Zuges BerlinKönigsberg (ab Bahnhof Fried- richsstraße 19.31 Uhr), der der Königsberger Ge­schäftswelt die Berliner Post gebracht hat, wieder auszugleichen.

Kuliurumschwung in Italien?

Oie revolutionäre Triennale.

Von Or. Gustav W. Eberlein. Zfiom.

Unser römischer Korrespondent Dr. Gustav W. E b e r I e i n gilt als ausgezeichneter Kenner des neuen Italien: in einem inter­nationalen Wettbewerb des staatlichen Ver­kehrsamtes von Italien wurde er mit feinem ArtikelDie Entstehung eines Staates" Preisträger für die Fassung in deutscher Sprache. Der Preis betrug, wie bereits kürz­lich mitgeteilt, 5000 Lire.

Mailand, im September.

Der Einbruch der Moderne in das klassische Land der Tradition könnte nicht überzeugender, plasti­scher und konzentrierter zum Ausdruck gebracht werden, als durch die Triennale in Mailand, die Dreijahresausstellung. Dem Oberflächenreisenden, der Paris wie Berlin, die Urstadt Rom wie die Neusiedlung Littoria besucht, fällt in ihr nichts Be­sonderes auf. Sie hqt ihren Liktorenturm wie die Deutschen ihren Funkturm und die Franzosen ihren Eiffelturm haben, man geht durch die Scyausäle wie auf der Leipziger Messe, sieht sich die neue Sachlich­keit satt und kann dem spitzbübischen Abenteuer, sich in einen Stahlsessel niederzulassen, schwerlich noch den Reiz der Ueberraschung abgewinnen. Das alles ist ja nun so alltäglich, so international, so schreck­lich kommun geworden.

Wer aber Italien kennt bis ins lebendige Mark, wer sich seinem Pulsschlag eingegliedert hat, der erkennt mit Millionen guten Italienern: das ist Dolkserschütterung, das ist Kulturwechsel, das ist Revolution! Eine Revolution von außen her. Und im Innersten aufgewühlt, versteht er nun, warum in Rom die Geister mit einer Heftigkeit aufeinander­platzen müssen, daß darunter auch die besten Freundschaften samt Grundsätzen und Weltanschau­ungen in die Brüche gehen. Die Welt draußen, die nach einem unfruchtbaren Architektenstreit über das flache Dach ihren Frieden mit den scheinbar um­stürzlerischen Neuerungen gemacht hat, sie hinnimmt oder ablehnt, je nach dem persönlichen Geschmack, diese Welt kann naturgemäß nur schwer verstehen, daß und warum gerade Italien vor einem wirk­lichen Umsturz stehen soll, warum gerade der Römer aufbegehrt, sei es in Verzweiflung gegen, sei es in Leidenschaft für das Neue. Was für andere eine Sache ist, ist für ihn eben Seele. Und niemand läßt sich gern seine Seele nehmen oder eine andere aufdrängen. Wirkt schon am Zürichsee ein schwar­

zes Kubushaus wie ein Fremdkörper, wie muß es sich in Venedig ausnehmen?

Mussolini hat einmal öffentlich erklärt, er kenne sich in sich selber nicht aus, und wahrscheinlich beruht auf der grandiosen Spaltung seines Innern, in der man einen Widerspruch oder eine Synthese erblicken kann, beruht auf der Verschmelzung des Cäsaren mit dem modernen Staatsmann, des Con­dottiere mit dem bismarckischen Ordner, seine Gröhe. Er kann in diesem Sinne als eine Verkörperung des modernen Italiens, als der Typ des heutigen Römers erscheinen, der mit der Linken antikes Gerümpel ans Herz drückt und mit der Rechten den Eisenbeton streichelt. Er steht mit beiden Füßen auf dem Boden der Uebertieferung und will doch nichts anderes als Dormärtsftürmen, er kann sich in einem bedeutungslosen Auslegungsstreit über eine lateinische Inschrift erhitzen und gleichzeitig an die ozeanüberquerendenFlügel Italiens" ver­lieren. An einem Beispiel sei dieser Widerstreit der gebundenen Gefühle und der sturmhaften Ideen erläutert:

Wie bekannt, hat Mussolini von dem Palazzo Venezia aus zum Kolosseum eine schnurgerade Prachtstraße hindurchbrechen lassen, die Via dell' Impero, auf der soeben Balbos Triumphzug vor sich ging. Zwanzigstes Jahrhundert in klassischem Stil. Aber das ist nicht bloß eine Tageslaune. Die besten Architekten setzen sich feit Monaten dafür ein, daß auf dieser die alten Kaiserfora durchziehen­den Straße mit ihren Wundersäulen und Triumph­bögen und Altären zu beiden Seiten, mit ihrer Trajanspracht und Cäsarherbheit, ihrem Augustus- marmor und ihren Pinien ein ganz moderner Riesenbau errichtet werde, als Gegenstück zum Kolosseum. Damit Zeit auf Zeit pralle. Zum Bei­spiel ein Wolkenkratzer, der Jahr für Jahr um ein Stockwerk erhöht werden soll, damit er ein Kalender der faschistischen Zeitrechnung werde. Oder ein kolossaler Eifenbetonwürfel, der die Revolutions­ausstellung dauernd beherberge. Oder ein die Via Cavour überbrückender ungeheuerlicher Glasbogen, der keinen anderen Zweck habe als den, die Idee des zwanzigsten Jahrhunderts im Angesicht der Antike zu symbolisieren.

Venedig hat aufaehört eine Insel zu sein, man warf eine Autostraßenbrücke hinüber. Die Pontini- schen Sümpfe werden Ackerland und Musterstädte. Auf den Vesuv führt eine Autostraße hinaus. Warum soll nicht eine Autofähre die Besucher Neapels nach Capri bringen ober ein Flugomnibus auf dem Aetna landen? Warum der Arbeiter nicht ein weihgeplätteltes Badezimmer haben? Was bis­her rund war, warum soll es nicht viereckig sein? Wozu brauchen wir Säulen und Bögen, feit wir Zementträger und Betonglas haben? So sagen die

einen. Die andern, natürlich auch die besten Archi­tekten und Künsller und Führer, sprechen vom Ver­rat am Volkstum, am italienischen Eigenstil, von Kulturlosigkeit und Neubarbarei, sie sehen Rom schon im internationalen Sumpf untergehen und halten die Futuristen für die Totengräber des Lan­des. Ein Kampf, der vom Kolosseum bis zu den Makkaroni tobt. Soeben erst hat MussolinisPopolo dItalia" das dolce far niente als eine lächerliche Erfindung der Fremden, das Mandolinengezirpe als unitalienisch gebrandmarkt, und M a ri n e t t i möchte die Nudeln mit Rumpf und Stumpf ausgerottet wissen.

Vielleicht findet der Oberflächenreisende darin die berühmte komische Note, in der Triennale aber vergeht einem das Lachen. Es gilt bitteren Ernst! Zunächst einmal hat der Mann des zwanzigsten Jahrhunderts in Mussolini gesiegt. Schon bei den Plänen zur faschistischen Revolutionsausstellung soll er als oberste Bedingung aufgestellt haben: Nichts Traditionelles, jeden Stil, den ihr wollt, nur keinen vergangenen! Und so entstand an der Via Nazio- nale in Rom ein Ausstellungsgebäude, das außen wie innen nichts als Abkehr vom Ueberlieferten ist. Novecento! lautet landaus, landab das Schlag­wort. (Wörtlich: neunzehntes Jahrhundert, zwanzig­stes Jahrhundert nad) unserem Sprachgebrauch.) Und die Triennale will sein die Inkarnation des Novecento: alles flach, eckig, glatt und schrecklich praktisch.

Stellt man sich nun einmal auf den berühmten Boden der Tatsachen, so kann das Ergebnis nur ein großes Staunen fein für den Jtalienfahrer alten Schlages. Das also wäre Italien?? Diese rationale Wirtschaft höchster Potenz, diese Wohn- maschinen Stuttgarter Prägung, der gläserne Schreibtisch, die Zahnarztmöbel und Schaufenster­zimmer? Wie, dieKinder des Südens" wie rührend erschienen sie unseren Vätern in ihrer pri­mitiven Naturnähe sollen es fertiggebracht ha­ben, im Handumdrehen so zu werden wie wir? Sie wohnen nicht mehr mit unwahrscheinlichen Eisen­betten und der Kunstpalme im kitschigen salotto zusammen? Sie haben keine Säulenloggia mehr mit Mondschein und kein Santa Lucia? Sie sind zu lauter Ingenieuren und Kunstgewerblerinnen geworden? Und sind stolz darauf?!

Es sollen ein paar Dutzend Nationen ausgestellt haben, aber man merkt die Grenzen nicht mehr, wenn man nicht mit dem Finger auf dem Katalog durch die trostlose Ausgeglichenheit wandert, die technische Vollendung. Und das Schlimme ist sagen die Gestrigen mit dem Säulen- und Bogen- komplex Italien ist eine von diesen ausdrucks­losen Nationen, auch unsere einst so originelle Kul­tur ging auf in der oben Gleichmacherei der neuen

Sachlichkeit. Wo sind die Schlangen der umbrischen Keramik? Wo die liebaltnzodischen Spitzen und Gläser Venedigs? Wo die Korallen Capris? Alles da, Terrakotta und Glas und Korallen aber zu Formen umgestaltet, wie man sie ebenso in Leipzig oder Birmingham oder Rio de Janeiro findet. Das nolleidende Handwerk verlangte die Umstellung auf Öen gegenwärtigen Geschmack. Es hat folglich aud) der über hundert Meter hohe Stahlturm seinen braven Auszug, sein Telephon und den anderen Rummel. Italia, quo vadis?

Unschwer fliegt der Blick von Vitrine und Mu- sterhaus nach Neapel, wo ein Postamt errichtet wird, das ein deutscher Architekt für Siemensstadt entworfen haben könnte: nach Florenz, wo ein Bahnhof im Kofferstil erstehen soll: nach Littoria, wo Kirche und Schulhaus aus dem Sumpf wachsen, als handle es sich um Konfektionsware. Aber schrecklich modern alles, sachlich, praktisch. Nichts mehr von Antike und Renaissance. Das ließe sich es sind wieder die Gestrigen, die so fpredjen schließlich noch ertragen, wo aber bleibt der ita­lienische Charakter? Wo ist das Bodenständige, das nur in Rom, nur in Florenz, nur in Sizilien Denk­bare?

Wir heutigen lächeln die andern überlegen kopieren nicht, wir sind schon einen Schritt weiter als die Nordländer mit ihren schablonenhaften Wohnkolonien. Wir wollen, daß jeder Beruf sein entsprechendes Haus habe. Ecco: das Haus des Arbeiters, des Künstlers, des Fliegers

Ich habe sie alle durchstöbert und ich muß sagen, der Fortschritt ist wahrhaft imponierend. Höchste Zweckmäßigkeit und Schönheit ringsum, die Flug­zeughalle neben der Garage, das W. C. in einer raffinierten Kombination aus schwarzem Marmor, der Stutzflügel schwebend über dem Musikraum, die elektrische Küche ... Nur daß sich die Frage auf­drängt, wo das idyllische Wochcnendhäuschen er­richtet werden wird, da doch die Wochenendsitte noch gar nicht bekannt ist; wer elektrisch kochen wird, solange eine sechzigprozentige Stromsteuer herrscht; welcher Arbeiter die vorbildliche Beschei­denheit der tatkräftigen italienischen Volksschichten über Bord werfen wird.

Allerdings, der Italiener ist nie kleinlich und pfennigrechnerisch gewesen; er geht schwer von sei­nen Gewohnheiten ab, kann aber, hat er sich ein­mal losgesagt, dann gleich epochenüberspringend zu- areifen. Der neue Sturmgeist, der das Volk ergrif­fen, liebt das langsame, gemächliche Wachsenlassen nicht. Und das ist nun freilich eine Gefahr, die Triennale verrät sie. Wird das Italien, das sich leichten Herzens hineinbegibt, sich selber treu blei­bend die internationale Gleichmacherei überwinden oder gibt es Stil und kulturelle Eigenart preis?