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Das Wunder der Magussi Weiser
Vornan von Fr Lehne.
Urheberschutz durch C. Ackermann. Stuttgart.
(Schluß.)
Sie senkte den Kopf. Wie ein scharfer feiner Stich ging es durch ihr Herz. Wenn es auch wehe tat — die andere hatte recht! Die geschiedene Frau hatte nichts mehr bei dem ehemaligen Gatten zu suchen!
Frau Weiser fürchtete weitere Unfreundlichkeiten Theas, und Furcht erfaßte sie auch, daß Magussi gleich abreisen würde, was die Genesung des Sohnes bestimmt in Frage gestellt hätte.
„Ich will dir nicht widersprechen, Thea!" sagte sie, „dennoch muß ich bitten, dich bis morgen zu gedulden. Du willst doch nicht eine Verschlimmerung in Eduards Befinden Hervorrufen! Der Arzt hat uns vor der geringsten Erregung gewarnt! Fch werde morgen mit ihm sprechen und dir dann telephonisch Bescheid geben! Du fährst doch wieder zurück zu deinen Eltern?"
Mit sehr unfreundlicher Gesinnung gegen die zukünftige Schwiegermutter, die fie nicht eine Minute mit Magussi allein ließ, mußte Thea wieder gehen. Es war ihr nicht möglich gewesen, die Liebenswürdigkeiten, für Magussi bestimmt, anzubrin- gen! Aber verdrängen ließ sie sich gewiß nicht!
Traurig stand Magussi da. Sie konnte ihren Tränen nicht länger gebieten, die gleich Perlen über die Wangen rollten.
Ihr stilles lautloses Weinen erschütterte Frau Weiser. Sie legte den Arm um Magussis Schultern.
„Liebes, liebes Kind!" flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme.
Magussis Kopf sank gegen ihre Wange.
„Mama!"
Ach, was sollte noch werden! Frau Weiser wagte nicht weiter zu denken, obwohl ihr die einzig mögliche Lösung klar vor Augen stand.
Aber kein Wort durfte darüber gesprochen werden! Das hätte vielleicht alles verdorben!
Bon selbst mußten sich die Dinge fügen! *
„Wo warst du fo lange, Magussi?"
Mit dem Mißtrauen, das Kranken so leicht eigen ist, fragte es Eduard, als sie wieder zu ihm kam,
die geliebte Frau. „Du weißt doch, daß du immer bei mir bleiben mußt!"
„Bis du gesund bist, ja!"
Er streckte sich lang aus und schloß die Augen.
„Dann will ich nicht wieder gesund werden, damit du nicht wieder fort kannst!"
Gerührt legte sie die Hand auf seine blasse Rechte, die er mit leisem Druck festhielt.
„Weißt du auch, daß du mich noch nicht einmal geküßt hast? Und ich habe so viel Sehnsucht danach! Dein Kuß würde mich ganz gesund machen!"
Groß sah er sie bei seinen Worten an. Sie wurde. glühend rot, da er ihre geheimen Gedanken erraten; war ihre Sehnsucht nach ihm nicht ebenso groß?
Sie neigte sich über ihn, und leise und zart legte sie ihre Lippen auf seinen Mund, seine schmalgewordenen Wangen dabei streichelnd.
„Du Lieber!" sagte sie leise. Er hielt sie fest, daß ihr Kopf neben dem seinen auf dem Kissen ruhte.
„Mit diesem Kuß hast du dich mir von neuem vermählt, mein geliebtes Weib! Dein Blut kreist in meinen Adern, mich mit neuem Leben erfüllend! Fühlst du nicht, daß wir dadurch untrennbar zueinander gehören?"
Und ob sie es fühlte! Ja, tausendmal ja! Aber da war die andere, der sie den Mann nicht nehmen durfte!
Mahnend kam ein Name von ihren Lippen; er verstand sie. Er machte eine leichte fortscheuchende Handbewegung.
„Du meinst Thea? Das war schon vorbei, als ich dich wiedersah! Ich schäme mich, daß ich das getan — in der Verzweiflung, um dich zu vergessen! Daß ich so wenig Mann war, deines Vaters Vorstellungen nachzugeben! Ich war so stumpf und müde — von einer grenzenlosen Gleichgültigkeit gegen alles —"
Sie legte ihm die Hand auf den Mund. „Nicht, Eduard, Du darfst nicht so viel sprechen."
„Das Denken schadet mir mehr! Ich muß Klarheit haben! Ich kann Thea nicht Wiedersehen! Mutter soll es sagen; sie wird in ihrem Taktgefühl das richtige Wort finden und auch irgend etwas, wodurch Thea für ihre getäuschte Hoffnung entschädigt wird."
„Thea wird leiden! Du darfst diese Verpflichtung —"
„Theas Herz bleibt unberührt, ich weiß es! Ein Landhaus in Garmifch war ihr Wunsch! Mutter wird es ihr nahelegen, mit ihrer Schwägerin Ella v. Hartwig, der jungen, noch unverheirateten Schwe
ster ihres verstorbenen Mannes, den Winter in Garmisch zu verbringen, und das andere wird sich dann schon von allein ergeben!"
Magussi wagte nichts Dazu zu sagen; die wider- streitendsten Empfindungen kämpften in ihr.
„Ich habe mir das alles schon genau überlegt, Magussi! Thea wird einen anderen Mann finden, der besser als ich zu ihrer ganzen Art paßt! Sie muß mich verstehen. Sie weiß ja, daß ich nie aufgehört habe, d i ch zu lieben!"
„Ach, Eduard —
und du, Magussi, du liebst mich doch auch noch?"
Sie senkte das glühende Gesicht auf ihre Brust, daß er nur noch den blonden Scheitel sah. Wieviel Verwirrung und Scham doch in dieser Bewegung lag, die ihm so viel verriet!
„Magussi, in meiner Not habe ich dich gerufen, und du bist gekommen! Gekommen, doch um zu bleiben, und nicht um wieder fortzugehen?"
Sie vermochte ihm nicht zu antworten. Wie er wieder Besitz von ihr ergriff! Er deutete ihr Schweigen falsch. Unruhe erfaßte ihn. Er richtete sich halb auf.
„Du willst doch wieder fort? Oh, dann durftest du meinem Ruf nicht folgen, du durftest gar nicht erst kommen, konntest werden lassen, was wollte! Mir wäre dann wohler gewesen! Das Leben, das du mir wieder geschenkt, ist mir ganz wertlos ohne dich! Mit dem Eintritt in dieses Haus bist du auch wieder feine Herrin geworden! — Magussi, gib mir die Hand darauf, daß daß du mir wieder gehören willst als mein Weib —" bittend streckte er ihr die Hand entgegen, „ober lockt dich die bunte Welt da draußen mehr? Ist das Verzichten auf deine Erfolge und Triumphe fo schwer? Und ich brauche dich fo notwendig wie die Luft zum Atmen — Magussi." Leise, mit Anstrengung, in großen Pausen hatte er gesprochen, jedes Wort eine flehentliche Bitte.
Und fie? — Ach, ihr Herz war voll überströmender Liebe für den blassen, wunden Mann. Tränen stiegen in ihre Augen; sie drückte das Gesicht
in die Decke, die ihn umhüllte. Alles hätte sie für ihn tun können! Doch: hatte sie nicht alles schon
für ihn getan? Hatte fie ihm ' nicht schon das
größte Opfer gelobt, noch ehe fie ihn wiedergesehen?
Oder war es ihr im Geheimen etwa schon wieder leid geworden?
Aber durfte sie wortbrüchig gegen Gott werden, dem sie den geliebten Mann durch das Gelöbnis ihres Verzichts auf ihre Kunst abgerungen?
Da durfte es doch kein nachträgliches Feilschen und Handeln mehr geben!
Und war es denn so schwer, auf Glanz und Ruhm zu verzichten?
War ihr nicht fo viel zugeteilt gewesen, daß sie bis zum Lebensende davon zehren konnte?
Wie wog im Grunde das doch leicht gegen das Bewußtsein: du bist einem Menschen alles, einem Menschen, der dich zum Leben braucht!
Ist das nicht das Höchste im Leben: sich selbst zum Opfer bringen und dadurch einem andern Glück zu geben? Gab das nickt die größte, innere Befriedigung, selbstlos für andere da zu fein?
Dennoch war in Magussi noch ein kurzer, sehr bitterer Kampf; trotz ihrer Liebe fühlte fie die ganze Härte des Verzichts auf das, was ihr bisher Lebensbedingung gewesen und was sie sich durch schwere Opfer ertrotzt — um nun doch wieder im Alltag zu versinken.
Sollte das der Sinn ihres Lebens gewesen fein?
Eine unbeschreibliche Traurigkeit belastete ihr Herz. Sie preßte die Lippen fest aufeinander, daß kein Laut der Klage darüber kam — fie fühlte ja die drängenden, forschenden Blicke des Mannes, die sich an ihrem Gesicht förmlich feftfaugten.
Ein schwerer saufzender Atemzug traf da wie ein Vorwurf, wie eine Mahnung ihr Ohr.
Da fiel alles von ihr ab, was noch an eigenen Wünschen und Hoffnungen in ihrem Herzen wohnte — das Wunder inniger reiner Frauenliebe vollzog sich auch an ihr.
Fortan wollte sie nur noch dem geliebten Manne leben, um den fie so bittere Schmerzen erlitten!
Sie wandte ihm ihr blasses ergriffenes Antlitz zu und reichte ihm die Hand.
„Ja, Eduard, ich will wieder bei dir bleiben als deine Frau, fo wie du es wünschest!" sagte sie mit feierlicher Innigkeit, und wie ein Gelöbnis klangen ihre Worte.
Da atmete der Mann tief auf; er drückte ihre geliebten Hände gegen feine Lippen, gegen seine nassen Augen, vom Glück, dem übergroßen, überwältigt!
„Mein Weib, meine Magussi, wie danke ich dir!" sagte er.
In zarter mütterlicher Liebkosung strich sie über sein Haar.
Ihr dunkler Blick ging in weite, selige, unwirkliche Fernen — dorthin, wo Selbstlosigkeit und Aufopferung ihren Lohn finden — ins W u n - derland der Liebe!
— Ende —
HEILEND-VORBEUGEND - LI NPERND-ERFRI5CHEND
Tenor, in
5621 c
Ein Lied geht um die Welt!
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