Ausgabe 
12.8.1933 Frühausgabe
 
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Landesbischof Mütter tritt fein Amt an.

Berlin. 11. Aug. (TLl.) Landesbischof Müllerhat am Donnerstag seine Amtsgeschäfte im Evangelischen Oberkirchenrat übernom­men. Zu seiner Begrüßung versammelten sich die Mitglieder, Beamten und Angestellten des Evan­gelischen Oberkirchenrats im Plenarsitzungssaal. Dr. Werner und Oberkonsistorialrat R a p - mund richteten ein herzlich gehaltenes Wort des Willkommens an den neuen Landesbischof, auf das dieser mit Dank erwiderte. Hierauf ließ sich der Landesbischof die Mitglieder, Beamten und An­gestellten der obersten Kirchenbehörde persönlich vorstellen.

Landesbischof Müller hat anläßlich seiner Berufung zum preußischen Landesbischof folgendes Gruhwort an dieGemeindenderalt- preußischen Landeskirche gerichtet:

Als erster Landesbischof der evangelischen Kirche der altpreußischen Union grüße ich alle Gemeinden, Pfarrer und Kirchenführer. 3d) bin mir der großen Verantwortung bewußt, die ich mit meinem Amt übernommen habe. Aus diesem Verantwortungsbewußtsein heraus will ich mit freudigem Gottvertrauen an die Ar­beit gehen.

Der Zustand der Zerrissenheit, der Anruhe, des Mißverstehens und des Mißtrauens muß been­det werden. Wir müssen uns darauf besinnen, daß nur einer unser aller Mei st er und Führer ist: Christus. der Herr und Heiland. 3m Gehorsam gegen ihn und seine ewige Wahrheit wollen wir uns die Hände reichen, treue Arbeit tun. einander brüderlich zu verstehen suchen und die frohe Botschaft verkünden, die uns anvertraut ist.

Wenn wir in innersterGebetsgemein- schäft ans Werk gehen, dürfen wir darauf ver­trauen, daß der himmlische Vater unsere gemein­same Arbeit segnet."

Ser neue sächsische Landesbischof.

Dresden. 11. Aug. (TA.) Am Freitag trat im Sächsischen Landtage die 16. evangelische Landessynode in ihrer neuen Zusammen­setzung zur ersten öffentlichen Sitzung zusammen. Pfarrer Koch wurde einstimmig zum sächsi­schen Landesbischof gewählt. Rach Dan- kesworten des neuen Landesbischofs begründete Dr. K l e n i ch die Vorlage über den Gesetzentwurf zur Aenderung der Kirchenverfassung. Darin wird der Landesbischof ermächtigt, alle bisher dem Landeskonsistorium, dem Landeskirchenausschuh und dem ständigen Synodalausschuß zustehenden Rechte auszuüben. Ohne Aussprache stimmte die Synode dem Ermächtigungsgesetz zu.

Landesbischof Friedrich Koch, der neugewählte Landesbischof von Sachsen, wurde 1887 in Eise­nach geboren. Seine theologische Ausbildung emp­fing er an den Aniversitäten Rostock und Leipzig. Während des Krieges war er als Feldgeistlicher tätig. Aach einer sechsjährigen pfarramtlichen Tätigkeit in Freiberg wurde er 1927 nach Dres­den als Vereinsgeistlicher der 3nneren Mission berufen. Gleichzeitig übernahm er die Geschäfts­führung des Evangelischen Presseverbandes. 3n dieser Stellung widmete er sich den vielgestalti­gen Aufgaben der evangelischen Presse- und Oesfentlichkeits-Arbeit. Seit 1931 ist Landes­bischof Koch Mitglied der ASDAP. und hat als Gaufachberater für kirchliche Angelegenheiten ak­tiv an dem politischen Leben teilgenommen.

Altpreußische Generaliynode am 5. September.

Berlin, 11. Aug. (CAB.) Wie dem Preußi­schen Pressedienst der ASDAP. mitgeteilt wird, tritt die G e n e r a l s y n o d e der Evangelischen Kirche der A l t p r e u h i s ch e n A n i o n, um ein Zusammentreffen mit dem nationalsozialistischen Parteitag in Nürnberg zu vermeiden, erst am 5. September zusammen. Die Aufgabe der neuen Generalsynode ist die Bestimmung der für die erste deutsche Aationalsynode zu entsendenden Mitglieder.

Oie Welt soll die Wahrheit nicht hören. Rußland verbietet ausländischen Journalisten die ungehinderte Reise und freie Berichterstattung.

Königsberg, 11. Aug (CAB.) Der Mos­kauer Vertreter derKönigsberger Allgemeinen Zeitung" berichtet seinem Blatte u. a.: Den aus­ländischen 3ournali st en in Moskau ist dieser Tage amtlich durch die zuständige Presse­abteilung des Außenkommissariats die feierliche Eröffnung gemacht worden, daß

das Verlassen der Hauptstadt ohne Genehmigung verboten sei.

Die Gültigkeit der Einreisebewilligung und des bei längerem Verweilen erforderlichen Aufent­haltsscheins wird damit lediglich auf Moskau beschränkt, ohne daß bei Ertei­lung des Visums hiervon Kenntnis gegeben wurde. CL handelt sich um eine einseitige Verletzung zwischen st aatlicher Ab­machungen. Das deutschrätebündische Aie- derlassungsabkommen beispielsweise steht aus­drücklich vor, daß Deutsche im Rätebund zum min­desten und grundsätzlich mit den 3nländern gleichgestellt sind. 3hnen ist außerdem das Recht gewährleistet, ihren Beruffrei aus zu- üben. Aach dem Rätegeseh über das Monopol der Aachrichtenvermittlung nach dem Ausland können nur solche Personen sich im Rätcbund jour­nalistisch betätigen, die von der Presseabteilung des Auhenkommissariats anerkannt worden sind. Aur solche akkreditierte ausländische 3ournalisten trifft somit auch das jetzige Reiseverbot.

Jür den Fall einer Ikbertrefung des neuen Ver­bots ist eindeutig die Ausweisung angedroht worden, also eine Strafe, die Zeitungsleuten gegenüber nur in ganz schweren Fällen ange­wendet wird.

Fragt man sich nach den Gründen für das Verbot, auch wenn von amtlicher Seite solche nicht angegeben werden, so muh man wohl zu der Aeberzeugung kommen, daß die Räteregie­rung Moskau und Amgebung für einen goldenen

Käfig hält, während jenseits der Gitter» stäbe Dinge vor sich gehen, die zweck­mäßig dem Anblick durch kritische Augen ent­zogen werden. Es ist für die Welt kein Ge­heimnis, daß die Entwicklung der Land­wirtschaft im Rätebund, besonders in allen den Gebieten, die von der Kollektivierung stark erfaßt wurden, zu außerordentlich trü­bem Ergebnis geführt hat.

Gerade die volksreichsten und für die Getreide­wirtschaft wichtigsten Landstriche, die Ukraine, der Aordkaukasus, das mittlere und untere IDol- gagebiet, weiter auch Zentralasien und kasakstan haben in diesem Jahr schlimmen hunger gelitten, der gewaltige Menschenopfer gefordert hat.

Ein zahlenmäßiger Ueberblick ist vorläufig unmög­lich. Es mag also der Räteregierung gegenwärtig nicht bequem sein, die dort alltäglichen Bilder des Elends und Grauens offenen ausländi­schen Augen darzubieten. Aber auch Reisen in Gegenden, die nicht zu den Hungergebieten rechnen, werden kurzerhand verweigert. Zwingend drängt sich der Schluß auf, daß auch die Sicherheit Des ausländischen Reisenden nicht mehr gewährleistet und daß der Behörden­apparat zur Ueberwachung und Geleitung solcher Reisenden nicht mehr fähig ist.

Praktisch sind unauffällige Reisen von Aus­ländern in die Provinz schon seit vielen Jahren nicht mehr möglich gewesen.

Bei dem völligen Mangel an privaten Beförde- rungs-, Unterkunfts- und Ernährungsmöglichkeiten war der Ausländer stets gezwungen, die Unter­stützung, oft sogar der allmächtigen GPU. in An­spruch zu nehmen, sofern er etwas sehen und sich bewegen wollte. Stets also wurde er so bequem bewacht und meist zugleich geleitet. Auch diese Kontrolle genügt anscheinend den Sowjetmachthabern nicht mehr.

Die Aeichsregiemng schützt die Sintaufsaenoffepschafien

Berlin, 11. Aug. (WTB.) Das Reichswirt- schaftsmimsterium hat am 10. d. M. folgende Ver­lautbarung an die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels E. V. gerichtet:

Auf das gefällige Schreiben vom 22. Juli d. I. erwidere ich ergebenst, daß von feiten der Reichs- regierung keinerlei Maßnahmen be­absichtigt sind, die sich gegen d e n B e st a n d d e r Einkaufsgenossenschaften richten. Gegen solche Maßnahmen würde ich auch erhebliche Be­denken geltend machen müssen, weil sich die Ein­kaufsgenossenschaften in der gegenwärtigen Krise, nicht zuletzt durch die von ihnen geförderte Er­ziehung ihrer Mitglieder, gerade für den mittel- ständischen Einzelhandel als eine wert­volle Stütze erwiesen haben. Dazu kommt das Bedenken, daß durch Zerstörung oder Minderung der nicht unbeachtlichen materiellen Werte, die in den von den Einkaufsgenossenschaften geschaffenen Unternehmen, besonders in den Einrichtungen des Edeka-Verbands" enthalten sind, neue Unruhe in weite Wirtschaftskreise getragen werden würde. Schon deshalb bin ich der Meinung, daß alle Maß­nahmen unterbleiben müssen, die eine un­mittelbare Bestandsgefährdung der Einkaufsgenos­senschaften des Einzelhandels bedeuten.

Keine Warenhaussteuer in Preußen.

Die Erhöhung der Filialsteuer.

Berlin, 11. Aug. (CAB.) 3m Anschluß an die vor einigen Tagen ergangene Verordnung über die Warenhauszweigstellensteuer teilen jetzt

der preußische 3nnenminister und der Finanz­minister in einem Runderlaß mit, daß die preußische Staatsregierung von der Ermächtigung, eine Warenhaus st euer ein­zuführen, oder den Gemeinden die Einführung zu gestatten, keinen Gebrauch gemacht habe. Die Einführung einer Warenhaussteuer ist somit in Preußen im Rechnungsjahr 1933 in jedem Falle unzulässig.

Bezüglich der landesrechtlichen Filialsteuer bleibt es bei den bisherigen preußischen Be­stimmungen, wonach es den Gemeinden gestattet ist, die Zuschläge zur Gewerbe st euer für Versicherungs-, Bank-, Kredit- und Waren­handelsunternehmungen, die im Gemeindebezirk Betriebsstätten unterhalten, ohne in ihm ihren Hauptsih zu haben, bis zu einem Fünftel über die sonst in der Gemeinde festgesetzten Hundertsätze hinaus zu erhöhen.

Ans otter Wett

SchulschiffGorch Fock" iu Schweden.

Das neue Segelschulschiff der deutschen Reichs­marineGorch F o ck" traf am Freitag in Saltsjöbaden bei Stockholm ein, wo es bis zum Dienstag bleibt.

Graf Zeppelin" in Pernambuco.

Das LuftschiffGraf Zeppelin" ist Freitag früh 8.30 Uhr örtlicher Zeit, aus Rio de Janeiro kommend, in Pernambuco eingetroffen.

Die Heimreise des Balbo-Geschwaders.

General Balbo hat am Freitag nachmittag in Lissabon seinen Offizieren die Anweisungen für den Abflug nach Rom gegeben, der auf Samstag­früh 5 Uhr festgesetzt wurde. Das bei der Landung in Lissabon leicht beschädigte Flugzeug ist wieder vollkommen gebrauchsfertig.

Oer Horst-Weffel-lSedenkstem im Konzentrationslager von Dachau.

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Das hör ft-Wessel-Denkmal, das von Den Häftlingen des Dachauer Konzentrationslagers zum Andenken an den ermordeten Vorkämpfer der natio­nalen Erhebung errichtet und vom Stabschef Röhm feierlich enthüllt wurde.

Italienisches Wasserflugzeug abgestürzt.

Havas meldet aus Valencia: Das italienische WasserflugzeugRata" stürzte gestern (Freitag) abend bei dem Badeort Nazareth ab. Die sieben- köpfige Besatzung, darunter der italienische General­stabschef Valle, ist verletzt worden. Das Flug­zeug kam von Lissabon, wohin es dem Balbo- Geschwader entgegengeflogen war. Sämtliche Mit­glieder der Besatzung des Apparates konnten an Land gebracht werden.

Piccards Slralofphärengondel explodiert. Ein Toter, mehrere Verletzte.

Der beabsichtigte Stratosphärenflug des Pro­fessors P i c c a r d hat am Freitag in Brüssel vor­zeitig ein tragisches Ende gesunden. Bei dem letz­ten Versuch auf dem Prüfstand war Luft in das 3nnere der Gondel gedrungen, was auf eine falsche Konstruktion der Einlaßtür zurückgeführt worden war. Gegen diese Behauptung wandte sich die Konstruktionsfirma mit aller Entschiedenheit. Hm ihre gegenteilige Auffassung unter Beweis zu steUen, wurde die Kugel heute erneut einer De- _ lastungsprobe unterzogen, bei der ein außeror­dentlicher atmosphärischer Druck in Anwendung kam. Die übersteigerte Belastung der verhältnis­mäßig dünnen Metallwände führte zu einer Ex­plosion derKugel. Durch die auseinander­geschleuderten Metallteile wurde ein Arbeiter so­fort getötet, während eine Anzahl weiterer mehr oder weniger schwer verletzt wurde. Pic- cards Assistent, Cosyns, der den Aufstiegs durchführen wollte, blieb unverletzt. Die Explo­sion ereignete sich, wie ergänzend gemeldet wird, im Laboratorium des Profefiors Piccard in der Universität Brüssel. Die metallische Kugel wurde in drei große Stücke zersplittert. Das Ven­til, durch das die Luft eingeführt worden war, wurde zerrissen; seine Trümmer wurden in einen seitlich gelegenen Korridor geschleudert. Die Trümmer wurden in dem Zustand gelassen, in dem man sie auffand, um eine möglichst einwand­freie Untersuchung des Vorganges sicherzustellen. 3ngenieur C o s y n s ggb die Erklärung ab, der Konstrukteur der Gondel selbst habe angeordnet, daß die Gondel dieser Untersuchung unterzogen werden solle.

Verantwortlich für Politik: i V.: Ernst Blumschein.

Das Leben mit Dem Tode.

Selbstbildnis eines deutschen Malers.

Der Maler, den wir meinen, ist vor einer Reihe von Jahren gestorben: auf Der ^-ohe seines Ruhmes, bestätigt als eine Der bebeutenDften und markantesten Persönlichkeiten Der bildenden Kunst in unserem Lande. Das Lebenswerk, das er zurückließ, breitet sich aus^n einer imponierenden Fülle und Farben- prachl. Seine Bilder hingen schon damals in den vornehmsten Galerien. Noch kurz vor dem Ende hatte eine glanzvolle Ausstellung seines Spätwerkes in Berlin den Namen des Malers in aller Mund ge­bracht.

Aber das Bild, das wir meinen, stammt aus viel früherer Zeit, und es ist unseres Wissens auch nicht sehr bekannt geworden. Jedenfalls würde niemand, wenn er den Namen des Malers hörte, zuerst an dieses Selbstporträt denken; er würde viel eher an die klassische Szenerie desTrojanischen Pferdes" denken, an die aufgelösten Walchensee-Landschaften, an die glühenden Blumensträuße, an die rosigen Ge­sichter und die üppigen Gestalten jener Frauenakte, bei denen man sich geradezu an Rubens erinnert fühlt. Vielleicht dachte auch jemand zuerst an das um­strittene Bild, welches einen Metzgerladen darstellt, strotzend von Blut und rohem Fleisch oder an eine unheimliche und düster realistische Kreuzabnahme, oder vielleicht auch an das Bild mit dem schwarz- weißen Stier auf grüner Wiese, den eine ganz städtisch gekleidete Dame lässig am hellroten Bande hält: merkwürdige und witzige Verwandlung des mythologischen Europa-Motivs.

Die gleiche Freude am Gegensätzlichen, die Dort anmutige Zartheit und robuste Kraft nebeneinander­stellt und zu verbinden weiß, beherrscht jenes frühere Selbstbildnis, in welchem das blühende Leben über den bleichen, beinernen Tod triumphiert. Auch dieses Motiv ist nicht neu: ein bekanntes Selbstporträt von Böcklin zeigt beispielsweise den Künstler malend, mit Pinsel und Palette, dem der Tod, Geige spielend, über die Schulter schaut. Auf unserem'Bilde nun sieht man den Maler in seinem Münchner Atelier, vor dem geöffneten Fenster stelMnd. Es ist ein Brust­bild; aber obwohl man die Erscheinung des Malers kaum halben Leides gewahr wird, ist der von ihr ausstrahlende Eindruck gesammelter männlicher Kraft überwältigend. Dies ist ein Mann in den besten Jahren, auf Der Mittagshöhe seines Lebens. Der ruhige Blick der blauen Augen im gesundfarbigen Gesicht hält Den Beschauer fest; Die Stirn ist hoch

unD eDel geformt; die Nase verhältnismäßig kurz, gedrungen und starkflügelig; der Mund vorn hängen­den braunen Schnurrbart halb verdeckt; die Lippen fest geschlossen; das Sinn energisch und rund. Das mächtige Haupt aber ruht auf schwerem, fleischigem Halse und vierschrötig gewölbtem Oberkörper. Wür­den die breite Brust und Die kraftvollen Schultern auf einem anDeren Selbstbildnis hat er sich so ge­malt von einem blanken Panzer streng um­schlossen, statt, wie es zu sehen ist, lässig und leicht von einem hellfarbigen Hemd: man könnte glauben, ein Porträt des Ritters Florian Geyer auf Giebel­statt vor sich zu haben, Den ein ebenfalls berühmt gewordenes, späteres Bild dieses Malers darstellt: zerrauft und geduckt, in seiner schwarzen Rüstung, den Fahnenstumpf in der einen, das offene Schwert in der andern Hand, trotzig bereit zum letzten Kampf.

Den Tod aber, Dem der Ritter sich gegenüber findet, hat Der Maler auf Dem Selbstbildnis sich an die Seite gestellt: die rechte Schulter des Mannes schiebt sich vor den beinernen Brustkorb eines Ske­letts, hängend an einem Derben eisernen Haken, wie man es in Den Anatomien unD Den Malerateliers findet. Das Haupt des Künstlers und der Toten­schädel sind leicht einander zugewendet; aber wie Der lebendige atmende Mensch sich breit und selbst­bewußt vor das Rippenwerk des Beinernen gestellt hat, so überragt auch der Kopf des Lebenden jenen kahlen und fahlen mit seinen tiefen verschatteten Augenhöhlen. Das ist nun alles so natürlich und selbstverständlich (im Spiegel) gesehen und gemalt, daß Das Ganze weder abstoßend noch unheimlich er­scheint; aber auch nicht so unwirklich-romantisch wie in jenem Selbstporträt von Böcklin, an das wir er­innert haben. Sondern hier malte ein Mensch aus überquellender Freude am Leben, am Dasein, aus seiner gesunden männlichen Kraft und Schaffenslust. Doch ist auch wiederum nicht etwa Die paulinische Anrede an den Tod im ersten Korintherbriefwo ist dein Stachel?" frivol oder banal ihres Schauers entkleidet: die lineare Aufteilung des Hintergrundes, durch die quadratische Rahmung der breiten Fenster­scheiben, verbindet die beiden Gestalten miteinander. Das Motiv hat auch in dieser so ganz unsentimen­talen Fassung noch immer etwas von dem Jenseitigen und Ueberirdischen bewahrt, das ihm eben anhaften muß; noch einen Hauch vom mittelalterlichen me- mento mori und vom gotischen Totentanz. Und wenn sich der Mann, kraftstrotzend und selbstbewußt, ge­lassen und massig vor das hangende Skelett gestellt hat, so schaut doch auch ihm, sinnvoll und unmißver­ständlich genug, der Tod über die Schulter. Wenn

auch freilich ein Tod ohne Geige, ohne gespenstige Leibhaftigkeit", ein Tod in höchst nüchterner Ge­stalt, nicht als Würger, nicht als Freund, nicht als Spielmann, nicht als Reiter oder als Tänzer, sondern nur der Tod als Malermodell, als ein angeschraubtes und verstaubtes Skelett.

Wie aber Der Blick Des ßebenDigen unD Des Ge­storbenen etwa im Gesicht Des Beschauers sich be­gegnen, so geht Dessen Blick zwischen Tod unD Leben hindurch, aus Der hochgelegenen Werkstatt hinaus ins Freie, über die Dächer und Türme der Stadt und in den Hellen Himmel hinein. Und wie Die beiDen Figuren Durch Komposition und Idee miteinanDer oerbunDen sinD, so auch Vordergrund und Hinter­grund des ganzen Bildes: durch eine Delikatesse und Zartheit des Kolorits nämlich, die aus den Pariser Studienjahren des Künstlers stammen. Wer nur die viel berühmteren Bilder seiner späteren Zeit kennt, und wer sich erinnert, daß man den Maler geradezu brutal genannt hat wegen mancher Motive, der würde überrascht und betroffen sein von der Feinheit, mit der das pastellene Hellblau, das zarte Rot und das weiche Violett Der Häuser, Der Dächer unD Des Himmels im Prospekt sich melodisch wiederholen in. der farblichen Mischung des Gewandes im Vorder­gründe.

Das Bild hängt in Der Städtischen Galerie in München: es ist das Selbstporträt des 38jährigen Lovis Corinth vorn Jahre 1896. hth.

Zeitschriften

Anläßlich der 450-Jahrfeier von Luthers Ge­burtstag bringt der Verlag I. I. Weber eine Son­dernummer Der Leipziger I l l u st r i r t e n Zei­tung" heraus. Sie. Oskar Thulin, Wittenberg, be­handelt Wesen und Wirken des großen Reformators und seinen Einfluß auf unsere Zeit in dem Artikel Der gegenwärtige Luther". In Den Bereich Der lebendigen Gegenwart rückt auch Prof. Schumann Die Welt Luthers in Dem AufsatzLuthers Gedan­ken über den Staat". Prof. Ritter hebt die deutschen Züge an Luthers Gestalt heraus in dem Aufsatz Luther, Der Deutsche". Prof. Ficker hat eine lesens­werte StuDieLuthers Siegel" zu Dem Heft beige­steuert. Alle Beiträge zeichnen sich Durch ihre fes­selnde Art und ihre starke Gegenwartsbeziehung aus. Gute Illustrationen sind in großer Fülle Den Text­beiträgen beigegeben. AußerDem enthält Die Num­mer neben dem spannenden Roman zahlreiche Bilder Der Tagesgeschichte sowie einen großen illustrierten ArtikelDie Frauen auf Dem Deutschen Turnfest".

Zm Zoo bei Rocht.

Die Dewohner des LonDoner Zoos haben sich in diesen Sommermonaten entschlosien, auch zur Racht- zeit zweimal wöchentlich ihre Besucher zu empfangen. Damit ist eine Möglichkeit geboten, jene Tiere genau kennen zu lernen, die das Licht Haffen und zur Tages­zeit sich in den letzten Winkel ihres Käfigs zurück- ziehen. So beherbergt z. B. das Haus der Ragetiere eine Anzahl sehr verschiedener Gäste, die alle in ihrer Vorliebe für die Dunkelheit übereinstimmen. Wenn sie zu ihrem wahren Leben erwachen, ist der Racht­wächter gewöhnlich der Einzige, der sie besuchen kommt. Jetzt kann man hier die genauere Bekannt, schäft mit dem großen Ameisen-Bären, mit dem Arneisen-Jgel, jenem eierlegenden Säugetier, sowie mit zahlreichen Lemuren und andern Halbaffen machen. 3n demselben Haus wohnen Die riesenhaf­ten fliegenden Hunde, die bei Tag schlecht gerollten Regenschirmen gleichen. Zur Rachlzeit entwickeln sie eine große Geichäftigkeit und enthüllen ihre wahre Lebensweise. Während sie mit ihren Daumen an­geklammert herabhängen, können sie sich ihrer Füße bedienen, um ihre Rahrung zum Munde zu führen. Einige Arten vermehren sich in der Gefangenschaft sehr zahlreich; um eine Wiege brauchen sich die Mütter nicht zu sorgen, da sie ihre Jungen in der elastischen Flughaut ihrer Flügel tragen. Auch die große Wüstenspringmaus wird erst zur Rachlzeit lebendig. Doch kann sie selbst dann nicht ihre außer­ordentlichen Springkünste zeigen, da ihr der hier­für notwendige Raum im Zoo nicht zur Ver­fügung steht. Die Mehrzahl der Vögel fliegt nur bei Tag umher. Ausnahmen sind die Eulen und der australische Podagrus oder das Froschmaul eine Abart des Rachtraben. Bei Tageslicht gleichen diese Vögel ausgestopften Tieren, und man erzählt von ihnen, daß man sie davontragen oder einen Schuß in ihrer nächsten Rähe abfeuern kann, ohne daß sie erwachen. Dennoch hat man sich in Zoolo­gischen Gärten davon überzeugt, daß sie unter ihren halbgeschloffenen Augenlidern einen sehr lebhaften Qlnteil an ihrer Umgebung nehmen; denn es braucht sich nur ein Frosch oder ein Mäuschen blicken zu laffen, schon offnen sich blitzschnell die großen Augen und der riesige Mund, der buchstäblich um den hal­ben Kopf herum geht. Bei Tag und bei Rächt kann man Dem wundervollen Konzert der Gibbons, einer fchmalnasigen Affenart lauschen, Die Die Tonskala des Zoos ungemein beleben. Ertönt aber der Laut­sprecher in der Rähe ihrer Käfige, dann verstummen fie in der Erkenntnis, daß fie mit der Kraft eines Orchesters nicht wetteifern können.

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