Das Wunder der Magussi Weiser
Roman von Fr. Lehne.
Urheberschutz durch C. Ackermann, Stuttgart.
8. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Ja, Eduard, gern!" Der Vorschlag war ihr willkommen. „Ein Stück nach dem Fluß hinunter, durch den Stadtpark — der Weg ist dahin so schön." —
Sie war über jede Gelegenheit froh, aus der Nähe des Vaters zu kommen. Wie eine glatte, unüber- teigliche Mauer stand es zwischen ihr und dem Vater eit dem Tage, an dem er so kurzerhand über sie be- timmt und ihre Zukunftshoffnungen und Wünsche so grausam zerstört.
Man war heute bei dem Generaldirektor zu Gast. Tödlich gleichgültig war es Magussi gewesen, als die beiden Mütter nach Tisch eifrig die Wohnungsfrage besprachen, und wie die Einteilung der Räume am vorteilhaftesten zu treffen sei. Fragte man sie um ihre Meinung, so gab sie nur sehr einsilbige, interesselose Antworten.
Nach dem Kaffee hatte der Generaldirektor, der sehr musikliebend und sehr musikverständig war, die von ihm zärtlich geliebte Schwiegertochter gebeten, zu fingen. Im ersten Augenblick hatte sie ablehnen wollen, weil sie das Gefühl hatte, die Gegenwart des Vaters ersticke ihr jeden Ton in der Kehle, — dann aber hatte sie sich bezwungen, — sie wollte ihm zeigen, was sie konnte — und ihr Bestes, Tiefstes, ihre ganze Seele ließ sie in dem Lied ausströmen.
Ob man sie verstanden hatte? Ach, keiner verstand sie von denen hier, die doch alle behaupteten, sie zu lieben und ihr Glück zu wollen.
Ihr Glück? — Ach, das war nicht hier, das war irgendwo in lockender Ferne, — wohl sah sie es am Ende des Weges groß und strahlend, doch der Weg war mit allerlei Hindernissen verstellt, die schwer zu überwinden waren.
Auch der Mann, an dessen Seite sie durch den sonnengoldenen Herbsttag schritt, verstand sie nicht und konnte ihr das Glück, das sie ersehnte, nicht geben.
Sie streifte sein Gesicht mit flüchtigem Blick — sympathisch, klug, ehrlich, zuverlässig — doch unendlich nüchtern, und unwillkürlich tauchte Kurt von Langens Bild vor ihr auf, zum Vergleich herausfordernd — ein hinreißender, bildschöner Mensch voller Rasse, Temperament und Leben! Nein, auch er konnte ihr nichts geben; ihr Herz und ihre Sinne waren empfindungslos gegen den Mann, weil alle ihre Gedanken sich auf die geliebte Kunst konzentrierten.
Eduard hatte seinen Arm unter den ihren geschoben, den er fest an sich drückte, ihr leises Wider
streben nicht beachtend. Was war Magussi für eine seltsame, kühle Braut! Ihre Lippen blieben unter seinen Küssen geschlossen, sie küßte ihn nicht auch wieder; wie stille Abwehr war es in ihrer Haltung.
Er wagte ja nicht zu verlangen, daß sie ihn so liebte, wie er sie, — doch ein kleines bißchen Zärtlichkeit, die ihn sehr beglückt hätte, die hatte sie ihrer cheuen, keuschen Natur wohl abringen können.
Mit starrem, stillem Gesicht ging sie neben ihm her; ihre Gedanken waren ganz anderswo; sie hörte wohl gar nicht, was er sagte.
Dem feuchten, gelben Herbstlaub, das dicht den Boden bedeckte, entstieg ein leichter Modergeruch.
Die gelichteten, ihres Schmucks beraubten Bäume, deren Aeftelung sich scharf von dem klaren, hellblauen Himmel abhob, gemahnten an Vergehen, trotz des Sonnengoldes, das über dieses Sterben einen letzten, verklärenden Schimmer breitete.
Magussi schauerte leicht zusammen und zog den Wolfspelz, den sie trug, fester über die schmalen Schultern.
„Friert dich, Magussi?" fragte Eduard besorgt und wollte ihr behilflich sein.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, Eduard, es war nur so vorübergehend", dann schwieg sie wieder. Aber ihr brannte auf der Zunge, ihm zu sagen, daß sie nur gezwungen vom Vater seine Braut geworden war, — jetzt war die ersehnte Gelegenheit da — und nun brachte sie es nicht über die Lippen, obwohl sie sich die Worte so sorgfältig schön zurechtgelegt. Aber es schmerzte sie, Eduard weh tun zu müssen. Hätte sie nur etwas von der Unbekümmertheit und Rücksichtslosigkeit Lilos gehabt! Und wiederum: Klarheit und Wahrheit mußte sie geben; das war sie dem ehrlichen, vornehmen Mann schuldig!
Auf dem entlegenen, schmalen Weg, den sie ein- geschlagen, begegnete ihnen kein Mensch.
Vielleicht hatte das Schicksal ihr diese Stunde zur Aussprache beschert, die im Hause bis jetzt unmöglich gewesen.
„In vier Wochen, Magussi, wandern wir unter Palmen. Ganz nach dem Süden, nach Sizilien, will ich dich führen, nach Spanien, dann weiter, wohin du willst", sagte er zärtlich, und froh werde ich sein, wenn du glücklich bist —"
„Glücklich?" — Mit einer so eigenen Betonung wiederholte sie das Wort, daß er sie betroffen ansah und fragte:
„Bist du denn nicht glücklich, Magussi?"
„Nein!"
Sie erschrak über sich selbst, so hart und laut klang das Wort in die herbstliche Stille.
Er zuckte zusammen; schmerzlich sah er sie an.
„Und warum nicht? — Warum bist du nicht glücklich?"
„Ah, du meinst, jede Braut müsse glücklich sein, weil sie einen Verlobungsring am Finger trägt?"
Sie wußte gar nicht, mit welcher Bitterkeit sie gesprochen.
Argwohn erwachte jäh in ihm, — er mußte an Kurt von Langen denken! — Unwillkürlich faßte er sie fest am Oberarm, stehen bleibend, „du liebst einen andern?"
Offen sah sie ihn an. „Nein, Eduard, ich liebe keinen andern!"
Er hotte tief Atem. — „Magussi, wenn ich dir glauben dürfte!"
„Du darfst mir glauben, Eduard!"
„Und fühlst dich dennoch nicht glücklich, auch wenn du keinen andern, wenn du also nur mich liebst? Nicht wahr, du liebst mich doch?" Aus seiner Stimme zitterte eine bange Frage.
Eine Antwort kam nicht; fest lagen ihre Lippen aufeinander.
„Magussi, du sagst nichts? Warum bitt du denn meine Braut geworden?" In steigender Angst fragte er es, — „es hat dich doch niemand gezwungen!"
„Nein, wahrhaftig nicht. Es ist wohl kein Zwang, wenn man nicht gefragt, sondern wenn einfach bestimmt wird: dann und dann ist Verlobung mit dem und dem — kein Wort weiter! Du hast dich zu fügen, ob du ihn liebst oder nicht!"
„Magussi, das, was du eben gesagt, das kann doch unmöglich Bezug auf unsere Verlobung haben?"
Sie verzog den Mund zu einem Lächeln, und dieses Lächeln war ihm Antwort genug.
Er war ganz außer sich.
„Um Gotteswillen, Magussi, davon weiß ich doch nichts!"
„Nicht?" Wie ungläubig dieses .Nicht' klang! — „Du weißt wirklich nichts von dem Handel, der mit meiner Person getrieben wurde? Weißt nicht, ^)aß ich vor die vollendete Tatsache meiner Verlobung mit dir gestellt wurde, ohne daß man mir vorher etwas gesagt, geschweige mich gefragt hätte?"
„Magussi, das ist ja unmöglich — nein, das kann nicht fein!"
„Doch, es ist so! Mein Vater hat mich gezwungen."
„Ah, nun kann ich mir alles erklären, — deine Zurückhaltung, die ich beinahe als Abneigung fühle, und mein Herz ist voller Liebe! — Du mußt doch gemerkt haben, wie sehr ich dich verehre! Solange ich dich kenne, war es mein Wunsch, dich mein Weib zu nennen! Meine Eltern wußten darum; auch deinem Vater blieb dieser Wunsch nicht verborgen! Du kannst dir nicht denken, wie glücklich überrascht 'ch war, als dein Vater mir neulich sagte, meine Werbung sei willkommen, und du erwartest mich! Voller Ungeduld und Glück eilte ich bann zu dir, um dich als meine Braut zu holen."
„Was aber vorausgegangen, das weißt du nicht!" Und Magussi erzählte wahrheitsgemäß, sachlich, ohne Beschönigungsversuche und Entschuldigungen, wie sich alles verhalten, froh darüber, daß nun doch die Gelegenheit gekommen war, zu sprechen. Sie erzählte von ihrer leidenschaftlichen Musik- und Theateroor- liebe, die sich zu dem Wunsch verdichtet hatte, zur Bühne zu gehen. Das unmöglich zu machen, habe
der Vater sie für verlobt erklärt, ohne sie vorher zu fragen.
Ihre Mitteilungen hatten ihn tief erregt. Er griff nach ihrer Hand und sagte mit tiefer Bewegung: „Magussi, und nun trägst du Groll gegen mich, weil du denkst, daß —"
„Nein, Eduard, ich glaube dir jetzt, daß dir Papas Beweggründe bis zu diesem Augenblick unbekannt waren. Und die Form unserer Verlobung, erst Aussprache mit den Eltern der Erwählten, dann Werbung um sie, — diese Form hat ja deiner Korrektheit entsprochen —"
Er hörte wohl die Ironie aus ihren letzten Worten; ein leises Rot stieg in fein gebräuntes Gesicht.
„Ich war froh, daß mir durch deinen Vater der Vorschlag gemacht wurde; du hast mir ja nie Gelegenheit gegeben, mich dir zu nähern und dir von meiner Liebe zu sprechen. Immer wichest du mir aus."
Sie mußte ihm innerlich recht geben und mußte sich auch eingestehen, daß dieser ehrliche Mensch nicht verantwortlich zu machen war für das, was man ihr angetan.
„Ich hatte es dir gleich sagen wollen, Eduard. Nie kam mir aber die Gelegenheit dazu wie heute —"
„— nachdem du nun drei Wochen meine Braut bist und in vier Wochen meine Frau!" Mit dunklem Blick sah er sie an.
„Warum betonst du das so, Eduard?"
„Weil ich dich dennoch nicht freigebe, Magussi, denn das hattest du wohl erhofft —"
Sie senkte den Kopf. Hatte er erraten, was auf dem Grund ihrer Seele schlummerte?"
„Ich habe es nicht gesagt!" kam es leise von ihren Lippen.
„— aber doch gedacht und gewünscht. Glaubst du, ich kann nicht in dir lesen?"
Seine Stimme bebte vor Erregung, „ja, wenn du mir gestanden, du liebtest einen andern und habest nur gezwungen mir dein Wort gegeben — noch in dieser Stunde wärest du frei gewesen. Aber so will und kann ich auch nicht die Hoffnung aufgeben, daß es mir gelingen wird, deine Liebe zu erringen. Du bist mir alles, Magussi — Sonne, Schönheit, Leben in meinem schlichten, der Arbeit gewidmeten Dasein! Mein ganzes Sinnen füllst du aus! Womit ich dich erfreuen kann, ist mein erster Gedanke beim Erwachen, mein letzter vor dem Einschlafen. Alles will ich für ^>ich tun, meine Magussi!" sagte er mit unbe=s schrewlicher Innigkeit, „du sollst fingen, so viel du- willst, und sollst auch weiter Unterricht nehmen, wenn Singen dir Lebensbedürfnis ist — nur gehe nicht von mir, Magussi! Ich will um deine Siebe werben — dein Herz ist ja frei, und darum hoffe ich —"
„Ich sagte es dir bereits, es gehört nur meiner Kunst! Aber die kann auch nicht teilen — und deshalb wollte ich nicht heiraten —"
(Fortsetzung folgt.)
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