Ausgabe 
12.1.1933 Frühausgabe
 
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Verantwortlich für Politik: I. V.: Ernst B l u m s ch e i n.

Dampfer Boppard verlassen hatte, schossen die Streikenden vom Ufer aus nach der Kommando« brücke. Der Kapitän desCondor", dem die Schüsse galten, wurde jedoch nicht getroffen.

Das große Los.

Der Haupttreffer der Preußisch-Süddeutschen Klassenlotterie in der 4. Klasse in Höhe von 100 000 Mark ist auf die Nummer 61 485 gefallen. Das Glückslos wird in Berlin und Niederschlesien gespielt und ist in Achtellose aufgeteilt.

900 Kilogramm Opium beschlagnahmt.

WieEcho de Paris aus Marseille berichtet, wurden auf dem Orient-PassagierdampserPierre Loti" 9 0 0 Kilogramm Opium von den Zoll­beamten b e s ch l a g n a h^n t. Das Opium war in einem Kohlenbunker versteckt gehalten.

Gepanzertes Schmugglerauto gestellt.

In dem Waldgelände von Semb stellten, wie aus Köln gemeldet wird, Zollbeamte einen großen Per­sonenkraftwagen, der von der Grenze herkam und eine für den Krastwagenverkehr gesperrte Privat­straße mit abgeblendeten Lichtern befuhr. Als die Grenzbeamten sich dem Wagen in den Weg stell­ten, gab der Führer des Autos Vollgas und steuerte auf' die Beamten los. Diese brachten sich durch einen Scitensprung in Sicherheit, schossen hinter den Schmugglern her und nahmen in einem zwei­ten Wagen die Verfolgung auf. Unterdessen war eine zweite Bamtenstaffel an der nächsten Schranke alarmiert worden, die den Führer des herannahen­den Schmugglerautos mit Scheinwerfern blendete, so daß der Wagen in voller Fahrt gegen die Schranken sauste, sich überschlug und in den Graben stürzte. Die Insassen konnten unverletzt f e st g e n o m m e n werden. Der große Sechssitzer war mit doppelten Stahlplatten vollkommen g e - panzert und enthielt 10 Zentner Tabak und Kaffee, sowie 2000 Zigaretten. Bei den Festge­nommenen handelt es sich um einen Holländer und einen Polen. Man fand bei ihnen mehrere Armee­pistolen.

Die Katastrophe des Sowjet-Luftschiffs dementiert.

Die Telegraphenagentur der. Sowjetunion ver­öffentlicht folgendes Dementi : Die in der Aus-- landspresse verbreiteten Meldungen über eine Katastrophe des Sowjetlustschiffes sind unzutreffend. Bei dem Luftschiff war nur die Benzinzuleitung zu den Motoren gestört, wodurch die Motoren ausfehten. Das Luftschisf führte seinen Flug zu Ende und landete in der Nähe von Rishninowgorod. Lustschisf und Be- sahung sind nicht beschädigt worden.

Strahenschlacht in Bombay.

Cricket spielende Hindukinder gaben in Bombay Veranlassung zu schweren Straßenkämpfen, bei denen zwei Mohammedaner getötet und neun Hindus sowie fünf Mohammedaner Verletzun­gen davontrugcn. Der Kampf wurde in den engen Gassen mit Messern und Stöcken ausgetragen, und die Panik griff bis auf die Hauptstraßen über, wo Läden und Restaurants eiligst geschlossen wurden.

Den Vater beim Reinigen des Jagdgewehrs erschossen.

Der Bildhauer Fritz M e n n i ck e, ein passionier­ter Jäger, wollte auch seinen Sohn zu einem Jäger erziehen und pflegte den Jungen mit dem Reinigen seines Jagdgewehres zu beauftragen. Als er dieser Tage nach einem Jagdausflug wiederum seinem Sohn das Gewehr zum Reinigen übergeben hatte, löste sich plötzlich ein Schuß, der den Vater traf. Mennicke hatte aus Versehen noch eine Schrot- ladung im Gewehr gelassen. Er wurde so schwer verletzt, daß er kurz darauf starb.

Kunst und Wissenschaft.

Ein Denkmal für Johannes Brahms.

In Thun in der Schweiz hat ein Arbeitsausschuß, der aus Vertretern von -Kunst, Wissenschaft und Kirche vor einiger Zeit gebildet wurde, beschlossen, zur Erinnerung an den Komponisten Johannes Brahms, der wiederholt in Thun zur Erholung weilte, ein Denkmal zu errichten. Der Ausschuß ist dahin übereingekommen, das Modell Hermann Hubachers zur Ausführung zu. empfehlen, das i eine lebensgroße weibliche Bronzefigur darstellt.

sation verlassen kann, so steht dach fest, daß der revolutionäre Sd)wung der Confederation de tra- bajo diese schon etwas abgebröckelte sozialistische Mauer einzureißen imstande ist, wenn letzterer der ausgesprochene Schutz der Regierung einmal fehlen sollte. Die primitive Denkungsweise des spanischen Arbeiters und insbesondere die des Landarbeiters besteht auf der Einlösung jenes Wechsels, den die heutigen Machthaber vor dem ötun der Monarchie in propagandistischer Absicht leichtfertig unterschrieben haben. Wie hieß es doch damals? Euch gehört die Erde, Ihr seid die Herren! Laßt Eud) nicht länger mehr ausbeuten und unter­drücken! Kommt mit uns zur Republik, und Euer wird das Paradies auf Erden sein!" Die heutigen Zustände aber als Paradies hinzunehmen, kann man auch vom primitivsten Proletarier nicht verlangen. Dagegen glaubt dieser den neuen Propheten, die ihm die Erringung jenes Zieles burd) neue Sümpfe und neuen Umsturz predigen. Das ist die einfache Erklärung für die verwickelt erscheinenden Vorgänge in Spanien.

zum Ausdruck, die die Reichsregierung dafür hat. die eine oder andere in Aussicht genommene Maß­nahme noch nicht im Augenblick durchzusuhren. Heber eine Reihe sehr williger Fragen, die d'.e Interessen der Landwirtschaft aufs allcrengfte be­rühren wird eine Gesetzesvorlage morgen vormit­tag in internen Ressortbesprechungen fertiggestellt, um dann «o schnell wie möglich zur Verabschiedung zu kommen. Die Reich-sregierung ift mit der Aus- arbeitung dieser Vorlage bereits einige Zeit be­schäftigt. Der Reichspräsident selbst hat sich mit besonderer Wärme und Energie für die Interessen der Landwirtsckuft eingesetzt. Das ist auch beim heutigen Empfang sehr deutlich geworden

Alm so stärker war das Des rem den, das die ungewöhnlich scharfe Entschließung des Reichs- landbunds in Kreisen der Reichsregierung und, wie man wohl annehmen darf, auch beim Reichspräsidenten hervorgerufen hat. Die­ser Eindruck mußte noch durch die Tatsache gewin­nen daß die Entschließung dem Reichspräsidenten imd der Reichsregierung keineswegs v o r ton Empfang bekanntgegeben worden ist. Vielmehr hat man beim Reichspräsidenten über eine Stunde ver­handelt, ohne daß die Entschließung mit einem Wort erwähnt wurde. Erft nachdem die Herren vom Reichslandbund sich verabschiedet hatten, er­hielt man in der Wilhelmstrahe von der Entschlie- ßung Kenntnis.

Nie Kundgebung der Reichslandbundführung.

Verl in, 11. Ian. (TL.) DerBundesvor- st and des Reichslandbundes hat am Mittwoch folgende Entschließung zur Lage angenommen:

.Die Verelendung der deutschen Landwirtschaft, insbesondere der bäuer­lichen Vcredelungswirtschaft, hat unter Dul­dung der derzeitigen Regierung ein selbst unter einer rein marxistischen Re­gierung nicht für möglich gehaltenes Ausmaß angenommen. Die Ausplünderung der Landwirt­schaft zugunsten der allmächtigen Geldbeutelinter- essen der international eingestellten Export- industrie und ihrer Trabanten dauert an. Seitens der Regierung hört die Landwirtschaft im wesent­lichen nur Rundfunkreden und inhaltlose Formu­lierungen, denen trotz längst vorhandener sach­licher Möglichkeiten entscheidende Taten nicht ge­folgt sind.

Obwohl mit Ende des Jahres 1932 die Hol­land gegenüber bestehenden Zollbindungen ab­gelaufen sind, ist bis heute diese Erleichterung der zollpolitischen Lag« nicht durch Inkraftsehen von Zollerhöhungen, über deren Ausmaß eine auf nationale Wirtschaft eingestellte Reichs­

Zeitschriften.

Im Januarheft von Westermanns Monatsheften beginnt der neue Roman Menschen gehen ins Licht", von Paul Derglar- Schröer. Der Schauplatz des Romans ist das österreichische Lcutaschtal, das sich zwischen Mit­tenwald und Seefeld hinzieht. Das Heft ent­hält wieder eine Reihe Abhandlungen. Dr. H. W. Gewände läßt sich über die Kultur des Brief- markensammelns aus. Carl Meißner bringt zum 60. Geburtstage von Cissarz einen mit vielen Ab­bildungen versehenen Artikel. Georg Enders überEdison und der Zufall".Paul Gerhardt plaudert über den deutschen Rundfunk und Hans Lebede über die Wunder der Schallplatte". Dr. Jörg Lechler bringt unterReuyorks andere Seite" Schilderungen, Erlebnisse und Deobachtun- gen, die dem Dutzendreisenden nicht gleich auf­fallen. Weiter sind erwähnenswert zwei Erzäh­lungenDie Wiedergeborene" von Ilse Reicke, Die drei von Kleist" von Kurt Hehnicke.

DieSüddeutschen Monatshefte" widmen ein Heft der Persönlichkeit des baye­rischen Thronerben und geben ihm den Titel König Rupprecht". In einer Einleitung Republik oder Monarchie?" begründet die Schr.ftleitung ihren Standpunkt. Dr. Erwcin F.hr. v. Aretin gibt dann in kurzen Strichen ein Le­bensbild des Kronprinzen Rupprecht bis zum Krieg und erinnert daran, daß noch unter der Regentschaft seines Großvaters der Prinz das große Werk der Wiederbelebung einer boden­ständigen Münchener Kunst von großem Format begann, dessen Ernte Krieg und Revolution ver­nichteten. Drei Artikel des Heftes sind diesem be­ginnenden Mäzenatentum gewidmet. Am meisten wird jedoch der Driefwechsel zwischen dem Prin­zen und der stärksten Künstlerpersönlichkeit Mün­chens in diesen Jahren, Adolf v. Hildebrand, De- achtung finden. Heber die Tätigkeit des Prinzen im Felde verbreitet sich fein damaliger General- stabschi'f, General der Inf. a. D. Hermann v. Kuhl, während ein Mitschüler aus der Gymna­sialzeit des Prinzen am Münchener Max-Gymna­sium eine Reihe von Anekdoten zu erzählen weih. In das Gebiet der aktuellen Politik führt endlich ein Artikel des Frhrn. v. AretinDie bayerische Königsfrage" zurück.

regierung nicht mehr im Zweifel sein kann, au8- genuht worden.

Die daneben notwendigen Kontingentie- rungsmaß nahmen zum Schutze gegen aus- ländische Ueberschwemmung sind auch von der jetzi­gen Reichsregierung nicht ergriffen worden. Eine Regierung, die den Willen zur Erhaltung deut­schen Bauerntums hat, mußte wenigstens durch so­fortige Erklärung eines vollständigen und generellen Zahlungsmoratoriums die Vertreibung des Bauern von Haus und Hof ver­bieten. Nichtsdergleichen ist geschehen.

Durch das bisherige Versagen der Reichsregierung in den lebenswichtigsten Fragen der Agrarpolitik werden auch die vom Herrn Reichskanzler ausge­stellten Ziele der Arbeitsbeschaffung und Siedlung zu reinen Illusionen. Die bis­herige Betätigung der Reichsregierung wird daher auch den wiederholten Aufträgen, die der Herr Reichspräsident erteilt hat, nicht gerecht.

Die Notgemeinschaft des Deutschen Landvolks steht z u m A e u ß e r st e n b e r e i t. Die Führung des Reichslandbundes fordert von jedem einzelnen den letzten Einsatz in dem dem gesamten Berufs­stand aufgezwungenen Kampf um die nackte Exi­stenz."

Heute erneute Stellungnahme.

Berlin, 11. Jan. (TU.) Wie die TU. erfährt, wird das Präsidium des Reichslandbun­de s am Donnerstagvormittag zu der amtlichen Mit­teilung der Reichsregierung über den Abbruch d e r Beziehungen zum Reichslandbund Stel­lung nehmen.

Aus alter Welt.

Ausländische Lisenbahnsachverständige imFliegenden Hamburger".

An der jüngsten Fahrt des Schnelltrieb- wagens B e r l i nH a m b u r g nahmen Ver­treter der bedeutendsten Eisenbahngesellschaften Europas sowie eine große Anzahl ausländischer Ingenieure teil. Es tarn darauf an, die Brauchbar feit des Wagens auch für außerdeutsche Bahn­strecken zu untersuchen. Die ausländischen Gaste wurden in Hamburg von einer besonderen Kommis­sion empfangen. Es wurde ihnen Gelegenheit ge­geben, die wichtigen technischen Anlagen im Be­reich der Reichsbahndirektion Altona zu besichtigen, sowie die seetechnischen Anlagen Hamburgs tennen- zulernen. Außer Vertretern französischer und eng­lischer Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaften nahmen auch Interessenten aus Sck)weden, Norwegen, Hol­land, Belgien, Italien, Rußland und Japan an der Fahrt teil.

Der Schiffsverkehr auf der Unlerelbe durch Nebel lahmgelegt.

Seit Dienstagabend lagert über der Rordsee- küste und der ilnterelbe dichter Rebel, der den Schiffahrtsverkehr stark behindert. Zahlreiche Schiffe liegen auf der Elbe vor Anker, um bessere Sicht abzuwarten.

Dor der Ankunft des hapag-TNotorschiffesRuhr" in Hamburg.

Der dichte Rebel auf der älnterelbe hat die Ankunft des Hapag-Motorschiffes Ruhr" im Hamburger Hafen sehr verzögert. Am Mittwochmorgen passierte das Schiss Cux­haven und bald darauf Brunsbüttelkoog. Dann geriet es jedoch in eine dichte Rebelbanc, so daß es vor Lurker gehen mußte. In Hamburg sind inzwischen alle Vorbereitungen für einen to ür > bigen Empfang des Schiffes getroffen. Dekanntlich hat dieRuhr" 86 Seeleute des bren­nenden französischen DampfersL Qltlantiquc gerettet.

Die Schüsse auf den RheindampferLondoc".

In einem Pariser Mittagsblatt ist der Feuerüber­fall aus den RheindampferC o n d o r" so darge- ftcUt worden, als ob es sich etwa um einen deutschen Angriff handele. Demgegenüber veröffentlichtHa- oas" in einer Meldung aus Straßburg eine offi­zielle D a r ft e l l u n g der Reederei desCon­dor". Danach hat ein Teil der Mannschaft desCon­dor" gestreikt und in Boppard gelandet werden müffen. Der größere Teil der Besatzung habe sich | jedoch bereit erklärt, den Dienst unter dem | Schutze der Polizei weiter zu versehen. Als der

line" unterschrieben, wobei der untere Bogen des C in einem langen Schnörkel um das letzte E her­umgreift. Augenblicklich erinnert sich Maya und sieht die Trägerin dieses Namens so deutlich vor sich, als habe sich alles gestern zugetragen: Celine war scymal, bleichsüchtig und hatte einen blassen dünnen Mund. Es war der jungen Maya damals über alle Maßen verwunderlich, wo dieses zerbrechliche Mäd­chen den glühenden Atem hernahm, der über dem Ausdruck ihrer Liebe und Sehnsucht zitterte wie heiße Luft über sommerlichem Feld. Sie mußte die Worte wohl aus ihrem Herzblut heroortreiben, dorther, wo es am rötesten springt, ein paar Tropfen blieben wie Tau immer an ihnen haften. Allerdings war es Krieg, und in alle Liebe damals der bittere Geschmack des Todes gemischt, außerdem aber das Schicksal dieser Liebe besonders ungewiß. Denn Celine war eine kleine belgische Näherin unb mit einem deutschen Soldaten heimlich verlobt. Gott mochte wissen, wie sie sich verständigt hatten, sie sprach nicht deutsch und er nicht französisch. Aber die Sprache der Liebe, die vor feindlichen Völkern noch niemals Halt gemacht hat, ist um Ausdruck nicht verlegen, solange Zwei zusammen sind, sie wird erst hilflos, wenn die Trennung kommt.

Die hilflose Celine wandte sich, als ihr Geliebter wieder an die Front ausrücken mußte, an die vier­zehnjährige Maya, in deren Brüsseler Elternhaus sie gerade nähte, und der Backfisch ging mit Begei­sterung daraus ein, die Dolmetscherrolle in diesem romantischen Bunde zu übernehmen, den die arme Celine vor ihrer Familie verbergen mußte, wollte sie nicht ihre ganze Verachtung auf sich herabbe­schwören. Maya sühlte sich von der Wichtigkeit ihrer Mission ganz durchdrungen, wenn die kleine Nähe­rin alle paar Tage mit ihren rührenden Zetteln kam, die übersetzt und abgeschrieben wurden, schüch­terne Sätze zunächst, zarte und zurückhaltende Ge­fühlsausdrücke. Aber mit der Dauer der Trennung wuchs der liebenden Celine die Sehnsucht über den Kopf, sie überwand ihre Schamhaftigkeit vor der Vermittlerin und vertraute ihren Konzepten das Innigste an Gefühl an, das sie besaß. In allen Variationen schrieb Maya in ihrer unfertigen Schul­schrift an einen fremden, unbekannten Mann: I ch liebe Dich, i ch liebe Di ch.

Dabei machte sie errötend gleichsam die Augen zu aber sie konnte es nicht verhindern, daß der vibrierende Ton des Geschriebenen erregend an die Pforte ihres Blutes klopfte und daß ihre Schrift sich wie etwas Beteiligtes, fast schon Zugehöriges mit dem Sinn der geschriebenen Worte verband.

Konflikt zwischen Reichskabinett und Reichslandbund.

Oie Regierung lehnt weiiere Verhandlungen mit der Tieichslondbundführung ab.

Liebesbriefe um Celine.

Don Anke Ehlers, Worpswede.

Der Damenfchreibtisch hat ein geheimes Fach, das sich nur durch den Druck auf eine verborgene Feder öffnet. Maya lächelt, als sich unversehens unter ihren spielenden Fingern dieses Fach vor ihr auftut, in dem ein Stück ihrer Vergangenheit in Briesen und Blättern begraben liegt. Sie sah lange nicht mehr hinein, denn das Leben einer schönen, gefeierten Frau ist bis zum Rande mit Gegenwart gefüllt und hat keinen Raum für gefühlvolle Rück­blicke. Auch sammelt Maya schon längst keine Liebes­briefe mehr, ja, sie sind ihr bis zum Ueberdruß ver­leidet, seitdem die Post sie dem berühmten Filmstar täglich schockweise ins Haus trägt, so daß eine ganze Registratur damit 3« fühlen wäre. Rudolf fchickt aus diesem Grunde nur Telegramme, und sie ist dem Freund dankbar für seinen Takt, der auch ihr alle schriftlichen Liebesbeteuerungen erläßt.

Er würde sich daher wundern, wenn er von die­sem kleinen Brief-Mausoleum in ihrem Schreibtisch wüßte, und er würde den schönen geliebten Mund verziehen, wenn er sähe, wie ihre Hand, statt die pietätvolle Lade schnell wieder zu schließen, tastend hineingreift, neugierig einen Zettel, ein Kärtchen aufnimmt und aus der seidenen Verschnürung der Briefpacken aufs Geradewohl ein Blatt heraus­zupft.

Die Worte, die sie lieft, gehen ihr kaum ins Be­wußtsein, soviel Leidenschaft, Sehnsucht und Be­gehren sich auch in ihnen konzentrieren, Lava- ftröme, die ihr einst das Herz versengten und nun erkaltet sind. Das besondere Bild einer Handschrift, das ihr einmal in schmerzhafter Vertrautheit bis ins innerste Wesen griff, übt wohl noch einen blassen Zauber auf sie aus, aber wie in einem dämmernden Spiegelbild findet sie nur verschwommen die Umrisse des Schreibers darin wieder, und nur fern und schemenhaft ihre eigene Erscheinung, an die diese heißen zärtlichen Worte gerichtet sind. Ist es wirklich ihr Erlebnis, das dieses Papier in vielfachem Echo zurückgibt, ist es nicht das einer Fremden, längst Verschollenen, beinahe Toten ...? Ach, man ver­gißt schnell, und eine Frau vergißt noch schneller.

In dem peinlichen Gefühl, vor sich selbst eine Indiskretion zu begehen, will Maya die Schublade zustoßen, da fällt ihr ein Blatt in die Augen mit unverkennbar weiblicher Schrift, Worte in franzö­sischer Sprache an einen Mann gerichtet, mitCe­

Berlin, 11. Dan. (WTv.) Amtlich wird mit- geleilt: Nachdem in letzter Zeit in mehreren Be­sprechungen zwischen Ulitgliebern des Präsi­diums des Reichslandbundes und dem, Reichskanzler eine weitgehende Einigung über die für die Landwirtschaft notwendigen Maß­nahmen erzielt worden war, wurde heute nachmittag der Vorstand des Reichslandbundes vom Herrn Reichspräsidenten im Beisein des Reichs­kanzlers und des Rcichsministers warmb 0 lb und Freiherrn von Braun empfangen.

Die- Vertreter des R e i ch s l a n d b u n d e s tru­gen ihre ernsten Sorgen über die Lage der Landwirt schäft und ihre Auffassung über die zu er greifenden Abhilfemahregeln vor. Jn der Aussprache ergab sich, daß durch die bereits getroffe­nen und noch beabsichtigten Maßnahmen der Reichs­regierung den Wünschen der Abordnung schon so­weit wie irgend möglich Rechnung getragen worden war. Rach der Sitzung wurde bekannt, daß der Vor­stand des Reichslandbundes bereits vor­her eine Entschließung gefaßt und der Presse übergeben hatte, die in demagogischer Form sachlich unbegründete Angriffe gegen die Reichsregierung enthielt. Die Ent­schließung ist weder dem Herrn Reichspräsidenten noch der Reichsregierung vor der Besprechung bekanntgegeben worden, wäre dies der Fall gewesen, so würde der Herr Reichspräsident von einem Empfang des Reichslandbundes abgesehen haben.

Die Reichsregierung wird sich durch diese illoyale Handlungsweise des Vorstandes des Reichsland­bundes davon nicht abbringen lassen, alles sach­lich Mögliche für die Landwirtschaft z u tun. Sie sieht sich jedoch gelungen, von jetzt an Verhandlungen mit Mitgliedern des Vor­st a n d e s des Reichslandbundes abzu­lehnen.

Oie Konferenz beim Reichspräsidenten.

Berlin, 11. Jan. (CRD. Eigene Meldung.) Wie wir erfahren, Haden an dem Empfang beim Reichspräsidenten vom Reichslandbund u. a. die Herren Grchf Kaldreuth, Droer, S y b e l und W i l l i n s teilgenommen. Die Be­sprechung erstreckte sich auf das gesamte Gebiet der Wünsche und Sorgen der Landwirtschaft. Dor allen Dingen standen Zollfragen im Vorder­grund. Dabei kam auch auf Seiten der Landbund- Deitrctet durchaus Verständnis für die Gründe

möchte man sagen, daß diese Pistolen- und Bomben­helden, die wieder einmal Blut und Unruhe über die herrliche Mittelmeerstadt gebracht haben, diere­gierungstreue" Masse darstellen. Sie haben in aller­erster Linie den radikalen Linkselementen cmschließ- lich des Präsidenten Maiza erneut in den kata­lanischen Reqierungssattel geholfen. Hält man sich ferner vor Augen, daß gerade in diesen Tagen Katalonien in den Vollbesitz seiner Autono­mie, die von so vielen aufrechten Vaterlands­freunden als eine ungeheure Gefahr für das spa­nische Gesamtleben erkannt und als solche bekämpft worden ist, treten soll, so wird man versucht, diese aus den dunklen Wolken des politischen Horizonts herabjausenden Blitze als W a r n n n g s z e , ch e n des Himmels zu deuten. Die äußerste linke Organi­sation der radikalen Arbeiterschaft, die Nacion.il confederacion de trabajo, bekommt ständig neuen Zulauf aus den Reihen der sozialistischen Gewerk- 1 Schaft der Union general de trabajadores. Zu­gegeben, daß die spanische Regierung sich auf die Loyalität der Sozialdemokratie und ihrer Organt- s

In mädchenhafter Scheu wollte sie Celine veran­lassen, wenigstens ihretausend Küsse" selbst unter den Brief zu setzen, es wäre leicht gewesen, ihrer Feder den Satz geläufig zu machen. Aber hiergegen sträubte sich Celine aus Zartgefühl, um nicht durch die zweifache Schrift ihren Liebsten in ton Augen­blick, der ihnen beiden ganz allein gehörte, an die Gegenwart eines Dritten zu erinnern obwohl er natürlich von Mayas Dolmetschertätigkeit unter­richtet war. Nur ihre Unterschrift setzte Celine selbst unter das Schreiben, diesen Namenszug, der sich rote das Symbol ihres zärtlichsehnsüchtigen Herzens in die Muschel des Buchstaben C schmiegte.

Wie der Empfänger dieser Briefe aussah, hatte Maya nie vermocht sich oorzustellen. Er war für sie der Mann schlechthin, der Krieger, der Held. Seine Briefe mit der schweren, ungeschulten Schrift und ihren kargen Mitteilungen verstärkten diesen unpersönlichen Eindruck. Sie sagten ihr gar nichts, und sie begriff nicht recht, daß sie trotz ihrer Un­beholfenheit für Celine die Seligkeit des Htmmels erschöpften, weil sie ihn ihr körperlich nahebrachten und wie Blutwärme und Atemhauch in sie ein­gingen. Anderseits beschloß sie, genau wie Celine es tat nach uraltem Brauch, solche Briefe später ebenfalls auf der Brust zu tragen, vorausgesetzt, daß sie je welche empfing ...

Die schöne Frau am Schreibtisch legt den arm­seligen Zettel, der chr auf dem Umweg über ein fremdes Schicksal so eindringlich die eigene Jugend beschwört, behutsam ins Fach zurück. Diesen Brief hat sie, sie erinnert sich, nicht mehr übersetzt und abgeschickt, da die Nachricht aus einem Lazarett da- zwischenkam, die Celine an das Bett eines Ver­wundeten, vielleicht eines Krüppels, vielleicht eines Sterbenden rief ...

Der Briefwechsel fand ein jähes Ende, Maya hat Celine danach nicht wiedergesehen. Sie hat nie er­fahren, ob die Braut ihr kleines bebendes Gluck aus den Krallen des Krieges gerettet hat oder ob ihr Leben in bitterlichen Verzicht gemündet ist.

Und der Mann, an den Maya im Namen einer anderen und doch eigentlich für sich die ersten Lie­besbriefe ihres Lebens schrieb, ist ihr für immer namenlos geblieben, unwirklich, ein unbekannter Soldat ...

Mit dem bezwingenden Lächeln, das chre Ver­ehrer in Entzücken versetzt und einen Teil ihres Ruhmes ausmacht, denkt die Schauspielerin, sich vom Schreibtisch erhebend: Die Geschichte muß ich Rudolf erzählen: Habe ich nicht damals schon ihn 1 gemeint?