Ausgabe 
12.1.1933 Frühausgabe
 
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Nr.io Svüharrssabe

185. Jahrgang

Donnerstag, 12. Januar 1933

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Crvrf und tcrlog: vrühl'fche Universttais-Vuch- und Sieinöruderet R. Lange in Gietzei. Sdfriftleitung und Geschäftsstelle: Schufstraße 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein undkür^enAn» zeigenteil i. D.TH.Kümmel sämtlich in Biegen.

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poftschecktonto: Sronffvri an Mai- 11686.

Vor neuen polnischen Verhandlungen.

Der Führer der NGOAP aus Berlin abgereist Ole Parielführer informieren stch. Ruhigere Beurteilung der Lage

Berlin, 11. 3an. (121.) Lin Teil der Berliner Abendblätter beschäftigt sich wieder eingehend mit den bevorstehenden Ereignissen im Reichs- I a g und damit in Zusammenhang mit Verhand­lungen bzw. Besprechungen, die in der nächsten Zeit zur vorherigen Klärung der politischen Lage geführt werden sollen. Die TNitteilung dervossi- jchen Zeitung", das; der Reichskanzler an die Führer der bürgerlichen Fraktionen Einladungen zu Besprechungen für Ende die­ser Woche habe ergehen lassen, wobei Besprechun­gen mit den Abgeordneten Kaas, 5)ugenberg und D i n g e l d e y vorgesehen seien, bestätigt sich in dieser Form nicht. Dagegen ist anzunehmen, das Reichskanzler von Schleicher mit einer Reihe von Persönlichkeiten in den nächsten Tagen zwanglose Unterhaltungen pflegen wird, wie man andererseits auch mit Bespre­chungen politischer Führer unter­einander zu rechnen haben wird. 3n diesem Zu­sammenhang kann verzeichnet werden, daß der Führer der NSDAP., Adolf Hitler, höchsiwahr- scheinlich am Wontag wieder in Berlin sein wird. Ueberhaupt dürften Besprechungen, die für den weiteren Gang der Ereignisse irgendwie von Bedeutung sein könnten, erst nach den lip- peschen Landeswahlen in Gang kommen. Eine Zusammenkunft Hitler-Schleicher ist, wie bereits berichtet, jedenfalls vom Reichskanzler aus nicht vorgesehen. 3n diesem Zusammenhang glaubtDer Deutsche", dafz es um Hitlers und Schleichers Aktionsfreiheit ohne das Dazwischen­treten von Popens besser bestellt gewesen wäre. Die Führung der Reichsregierung hoffe aber zu­versichtlich, das; ihr die Auslosung d e s R e i ch s- tages erspart bleibe. Dauernden Erfolg würde sie hier allerdings dann erst haben, wenn es ihr gelingen würde, durch eine Umbildung der Reichsregierung zu erreichen, daß sich der Kreis der die Beranlroorlung Tragenden wesentlich erweitere. DerLokal-Anzeiger" erwartet, dah die KPD. im Preußischen Landtag einen An­trag aus Auflösung einbringen wird. Die Ent­scheidung hierüber würde ebenso wie die nächsten Entscheidungen im Reich bei den Rationalsozialisten liegen. Das Blatt verzeichnet weiter Besprechungen des Reichskanzlers mit dem Präsidenten des Reichswirtschaflsrates, von Siemens, und dem Gewerkschaftsführer L e i p a r t, und hält weiter die Behauptung aufrecht, das; am vergangenen Freitag zwischen dem Reichspräsidenten und Gregor S t r a fj e r eine Unterredung stattge­sunden habe. Die Behauptung aber, daß hierbei feste Vereinbarungen über eine Beteiligung Stra­ßers an der Regierung getroffen seien, sei falsch.

3m übrigen wird die ganze innerpolitische Situation In der Berliner Presse jetzt mit größerer Ruhe beurteilt. Die etwas aufgereg­ten Kombinationen, die in den letzten Tagen im Anschluß an die Kölner Zusammenkunft zwischen Adolf Hitler und von Popen in der Oeffent- lichkeit umgingen, hoben sich als nicht richtig erwie­sen. Auch die Berliner Blätter stellen jetzt fest, daß man erst einmal das Ergebnis der lippe- fchen Wahlen abwarten muß. Danach werde sich zeigen, welche Taktik die nationalsozia­listische Führung gegenüber dem Reichskabinett einschlägt. Es verstärkt sich der Eindruck, über den hier bereits vor einigen Tagen berichtet wurde, daß die Wahrscheinlichkeit doch mehr für eine wei­tere Verschiebung der Entscheidung im Reich spricht. Ob es dazu kommt, wird sich schon in der Sitzung des Aeltestenrats am 20. 3a- nuar zeigen. Das Reichskabinett jedenfalls wird die Entwicklung mit derselben Ruhe abwarten, mit der es den aufgebauschten Kombinationen und (Er­örterungen der letzten Tage zugesehen hat.

$ifter aus Berlin aboereisi.

Keine Unterredung mit Lchleicher.

Berlin, 11. San. (TU.) Mittwoch nachmittag Hot Adolf Hitler Berlin wieder verlassen und sich nach Lippe begeben. Wie derVölkische Be­obachter" mitteilt, haben sich die in der Berliner Presse erörterten Kombinationen über eine beab­sichtigte Unterredung mit dem Reichskanzler von Schleicher damit erledigt. Eine derartige Besprechung sei von Seiten Hitlers an sich nicht in Aussicht genommen gewesen. Hitler habe lediglich eine längere Aussprache mit dem Reichstagspräsidenten Göring über die poli­tische Lage und über einige interne An­gelegenheiten der Partei gehabt.

preußischer Landtag am 17 Januar

Berlin, 11. Ian. (TU.) Der Preußische Landtag ist auf Dienstag, 17. Januar, 15 Uhr, einberufen morden Die Tagesordnung sieht, wie der Parlamentsdienst der Telegraphen­

Union meldet, weder eine politische Aussprache, noch die Fortsetzung der im Dezember abgebrochenen Kulturaussprache vor Damit scheint die Vermutung bestätigt zu werden, daß bei den maßgebenden Par leien in Preußen der Wunsch besteht, wichtige politische Dinge bis zur Entscheidung i m R e i ch z u r ü ck z u st e 11 e n. Die Tagesordnung enthält nur kleine Vorlagen, u. a. die Entwürfe für die Verlängerung des Gesetzes über die Erhaltung des Baumbestandes, sowie die Erhaltung und Frei­gabe von Uferwegen und zahlreiche Anträge des Haupt- und des Landwirtschaftsausschusses. Ferner ist u. a. die Beratung von Bergwerksanträgen ein­zelner Fraktionen und eine Zentrumsanfrage auf Ausstellung eines einheitlichen Reichsbahnbaupro­gramms im Rahmen des Arbeitsbeschaffungspro­gramms vorgesehen.

Klaggenerlaß

der Thüringer Regierung.

Weimar, 11. San. (CAB.) Das thürin­gische S t.a a t s m i n i st e r i u m hat eine Ver­ordnung über dicBeflaggungvonDienst- gebäu den erlassen, wonach angeordnet wird, daß am 18. Oannuar aus Anlaß der Reichs­gründung die staatlichen Dienstgebäude des Lan­des derart zu beflaggen sind, daß neben der weiß­roten Landesfahne refp. neben der Landesfahne und der jetzigen schwarz-rot-goldenen Reichs­

flagge, wo diese bisher gemeinsam gezeigt wur­den. auch die alte schwarz-weiß-rote Flaggedes Deutschen Reiches zu zeigen ist. So­fern bisher nur die Landesfahne gezeigt wurde, ist jetzt auch die schwarz rot-goldene Reichsflagge mit zu zeigen. Falls drei Fahnen gezeigt werden, sott sich die alte schwarz weiß-rote Flagge rechts befinden, in der Mitte die Landesfahne bzw. die große Staatsflagge und links die jetzige schwarz- rot-goldene Reichsflagge.

persönliche Haftung für Etatüberschreitungen.

Dessau, 11. San. (WTB.) Es wird eine Ver­ordnung des Ministeriums über die Haus­haltsführung der Gemeinden und Ge­meindeverbände veröffentlicht, die tiefeinschnei­dende Maßnahmen enthält. Der Grundsatz: Keine Ausgabe ohne Deckung" wird dahin erweitert, daß künftig in Gemeindeparla- mcnten nicht einmal Anträge behandelt wer­den dürfen, die diesen Grundsatz nicht berück­sichtigen. Ordnet ein Gemeindevorstand Maß­nahmen oder Zahlungen an, durch die eine Haus- hattsüberschreitung unvermeidlich wird, so h as­tet e r der Gemeinde für die von ihm veranlaßte Zahlung. Weist ein Beamter schuldhaft eine Zah­lung an, für die die Gemeinde verpflichtet ist, so ist er der Gemeinde zum Schadenersatz ver­pflichtet.

Die deutschen Militär-Attaches.

I W r

Links: Oberst Fischer wird deutscher Militärattache -in Rom. In der Mitte, oben: Oberst Geyer von Schweppenburg Attache für London; unten: Generalmajor Friedrich von Bötticher, Attache für Washington, Rechts: Generalmajor Kuehlenthal übernimmt den Pariser Attache- Posten.

Oie Marineaiiaches.

Kapitän z. S. W a s s n e r, bisher Kommandant des KreuzersKarlsruhe", wurde zum Marineattache in London ernannt. Wafsner ist 1906 in die Marine eingetreten. Im Weltkriege hat er sich als einer der erfolgreichsten U-Boot-Kommandanten in Flandern den Orden pour le merite erworben.

Rom, 11. San. (TU.) Marineattache bei der deutschen Botschaft in Rom wird Korvettenkapi­tän Loycke. Er tritt seinen Posten am 1. April an.

Paris. 11. San. (TTl.) Der Posten des Marineattaches bei der deutschen Botschaft in Paris wird am 1. April durch Korvettenkapitän Wever besetzt werden.

Oer Militärattache in Warschau.

Berlin, 11. San. (SU.) Zum Militärattache bei der deutschen Gesandtschaft in Warschau wird voraussichtlich Oberst Schindler, zur Zeit Kommandeur des 19. Bayerischen Snsanterie-Re- giments in München, ernannt werden.

Keine französische Einwendung.

Paris, 11. Ian. (TU.) Im Gegensatz zu der von nationalistischen französischen Blättern vertre­tenen Auffassung, daß die Entsendung deut­scher Militärattaches in die Hauptstädte europäischer Länder mit dem Vertrag von Versailles angeblich im Widerspruch stände, wird an zuständiger französischer Stelle er­klärt, daß nach dem Versailler Vertrag eine Ent­sendung von deutschen Militärattachäs wohl m ö g- l i ch sei.

Katalanische Schreckensnacht.

Sonderber:cht unseres v. Gss.i'BcridHerftatterS.

(Aachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten?)

Madrid, 10. San. 1933.

Aoch waren die polizeilichen Untersuchungen des geplanten syndikalistischen und kommunisti­schen Silvesterputsches in Barcelona nicht abgeschlossen, als die radikalisierte Linke in der vergangenen Rächt zu einem neuen Schlag gegen die bestehende Ordnung ausholte. Wieder war die k a t a l a n i s ch e H a u p t st a d t der B r e n n- punkt des anarchistischen Vernich­tung s w i l l e n s , über dessen Kampf aller gegen alle die kommunistischen und syndikalisti­schen Drahtzieher zur Macht auf der Halbinsel aufzusteigen gedachten. Die Herrschaft des Prole­tariats, besser gesagt die Diktatur des Pro­letariats unter dem Zeichen von Sichel und Hammer, ist das erträumte Ziel dieser Leute. So schlugen sie denn auch diesmal wieder unter öem RufeC s lebe Lenin!" -- los. Hatte es sich aber beim Reujahrsversuch um einen wohl­vorbereiteten Plan zur Ergreifung der Macht in Kalalanien gehandelt, zu dessen Durchführung alle nötigen Waffen bereitgestellt und die An- griffskräste militärisch eingeteilt waren, so wollte man diesmal in der Hauptsache die durch die vorzeitige Entdeckung des erstgenannten Putlches verloren gegangenen Waffenbestände wieder au Hüllen und zu diesem Zweck die normaler Weise Sonntags schwach belegten Ka­sernen Überfällen und deren Waffenlager an sich reißen. Sm übrigen sollte das Unternehmen ein­schüchternd auf die Regierung sowohl, als ckuch auf die Bevölkerung wirken. Obwohl der spa­nische Snnenminifter erklärte, er habe auch von dieser revolutionären Bewegung schon seit Tagen gewußt und dem entsprechend seine Abwehrmaß­nahmen getroffen, konnten die Umstürzler doch beinahe neun Stunden, d. h. die ganze Rächt vom Sonntag zum Montag mehr oder weniger die Straßen Barcelonas beherrschen. An 40 Punk­ten der Stadt zugleich veranstalteten die Anar­chistenbanden Feuerüberfälle auf die Der* stärkste Polizei und das Militär. Mit Bewaffneten besetzte Automobile durchrasten die Stadt, überall Schrecken und Furcht verbreitend. Die Polizei­direktion wurde mit Bomben beworfen, der Haupt-, bahnhof besetzt, die Kasernen attackiert. D i c ganze Rächt über hörte man das Knattern der Gewehrschüsse und das Krachen der Bomben. Erst mit dem Mor­gengrauen gaben die Angreifer den Kampf auf, als sie sahen, daß der Endzweck, die Eroberung der militärischen Waffenlager, nicht zu errei­chen war. Sn Hauseingängen versteckt, auf der Straße, in Automobilen und Eisenbahnwaggons fand die Polizei Hunderte von Bomben, die die Anarchisten auf der Fluch.t weggeworfen hatten Auch zahlreiche Pistolen und einige Gewehre fielen in ihre Hand. Sn den Vormittagsstunden begann die Stadt sich wieder zu beleben, di« während der Kämpfe wie ausgestorben war 40 Verhaftungen konnten vorgenommen werden Lieber die Verluste sind noch leine offiziellen Zahlen vorhanden. Es scheinen aber über 12 Tot« und 30 Verwundete allein in Barcelona und etwa 20 Tote und 40 Verwundete im restlichen Aufstandsgebiet auf dem Platze geblieben zu sein.

Während der Vorgänge in der Hauptstadt Kataloniens versuchten die Revolutionäre gleich­zeitig auf den katalanischen Dörfern und in den Barcelona vorgelagerten S n dü­st r i e o r t e n Llnruhen zu provozieren, was ihnen auch zum großen Teil gelang. Sn mehreren Der- fern ging die Sowjetfahne am Dach des Rat h a ules auf. Die verblendete Bevölkerung griff die Polizei an, und die Klänge der Snter» nationale begleiteten die wüste Szene. Sn Le - rida konnte das Militär im Verein mit der Polizei einen Heberfail auf die dortigen Snfan- teriekasernen noch rechtzeitig verhindern, wobei es allerdings mehrere Tote gab, ebenso wie auf den Dörfern. Sn Zaragoza und VaIen. c i a waren nur Versuche zur Beunruhigung fest- zustellen. Sn beiden Orten tarn es nicht zu grö­ßeren Aktionen, und die Polizei konnte die Ban- den in kürzester Zeit auseinandertreiben. Sn den beiden Militärlagern, die wenige Kilometer vor Madrid liegen, versuchten die Extremisten ebenfalls, sich den Kasernen zu nähern, ergriffen aber vor dem lebhaften Feuer, das sie empfing, schnell die Flucht. Sn Cadiz und Gandia kam es auch zu kleineren Unruhen, die mehrere Menschenleben kosteten, ohne aber zu ernsteren Konsequenzen zu führen.

Daß es trotz der Tatsache, daß die Polizei angeb­lich über die Putschversuche informiert war, zu allen diesen Ausschreitungen kommen konnte, muß bedenklich stimmen. Es liegt die Frage nahe, was geschehen wäre, wenn die Unterneh - mungwirklichüberraschendgekommen wäre und wenn, was glücklicherweise nicht der Fall war, die E i s e n b a h n a r b e i t e r sich angejch.of­fen hätten. Man darf bei der Beurteilung solcher Aufstandsversuche in großen Städten nie vergessen, daß ein Erfolg in der Stadt einen großen Teil des spanischen flachen Landes sofort mit sich reißen würde, wo die Syndikalisten und Kommunisten durch ihre Wühlarbeit gemeinsam in hervorragen­dem Maße den Boden vorbereitet haben. Wie erst vor kurzem ein Abgeordneter im Madrider Parla­ment erklärte, befindet sich das Land in zahl­reichen Provinzen in voller Anarchie. In dem besonderen Fall Katalonien aber ist zu berücksichtigen, daß gerade die Umsturzelemente die Wählerschaft für die jetzige Regierung Kataloniens abgegeben haben. Wenn es nicht zu paradox klänge