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12.1.1933 Erstes Blatt
 
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Ur JO Zweites Matt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Donnerstag J2.3onuar (955

Oer Fall Gilles.

Von unserem ständigen 8.-Derichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Brüssel, Januar 1933.

Der Platz vor der Pfarrkirche St. Nikolaus in (Eupen war am späten Nachmittag des 24. De­zember von derselben heimeligen, weihnachtlichen Luft durchweht, wie tausend andere Plätze in Städten, wo deutsche Menschen wohnen. In der Kirche satz der Kaplan Gilles im Beichtstuhl und hörte die Beichte der Gläubigen, die sich in frommer Weise auf das hohe Fest vorbereiten. Um den Euoenern zum Bewußtsein zu bringen, daß ihre so deutsche Stadt indessen keineswegs im Deutschen Reiche liegt, sondern einer fremden Staatsherrschaft unterworfen ist, konnte die Brüsseler Regierung kein besseres Mit­tel finden, als durch Amtsdiener und Gendarmen dielen weihnachtlichen Vorfrieden zerstören zu lassen. In der Tat rückte in den ersten Stunden des heiligen Abends Gendarmerie an, ein Amts­diener drang in die Kirche, ließ den Kaplan Gil- les, dessen kirchliche Handlung mißachtend, aus dem Beicht st uhl holen, um ihm vor den Bewaffneten zu eröffnen, er sei durch höchsten Be­schluß des Ministerrats und Verordnung des Kö­nigs des Landes verwiesen und habe bin­nen 24 Stunden den Staat zu verlassen.

Es ist unschwer, sich vorzustellen, welches Auf. sehen und welche Aufregung der unglaubliche Dor- ßin Eupen auslöste. Warum, weshalb diese alität? War der Kaplan ein Staatsverbrecher, plante er ein Attentat gegen den Bestand von Bel- gien? Nein, er war nur plötzlich mißliebig, weil er im Kanton Eupen geboren, nicht Belgier geworden war, und seine alte Staatsan­gehörigkeit nicht ausgegeben hatte. Seit sechs Jahren als Kaplan bei St. Nikolaus im Amte erfreute sich der Geistliche überall allgemei­ner Hochschätzung, im öffentlichen Leben übte er die Zurückhaltung, die ihm als nicht belgischer Staatsangehöriger selbstverständlicherweise aufer- legt war und nichts kam unerwarteter und war unbegreiflicher als das Vorgehen der belgischen Regierung. Diese lehnte es zunächst ab, über­haupt eine Erklärung abzugeben, und erst nach dem Schritt des deutschen Gesandten Graf Lerchen­feld beim Außenminister Hymans schickte die Re­gierung an die Presse ein vages Communiquö. Der deutsche Gesandte hatte dem Außenminister nach­drücklich die Auffassung der deutschen Regierung klargemacht, die die Ausweisung nach den vor­liegenden Berichten und den strikten Aussagen des Kaplans als völlig ungerechtfertigt an­sieht. Der Gesandte gab dem belgischen Minister unzweideutig zu verstehen, daß dergleichen Gescheh­nisse die Besserung der deutsch-belgischen Beziehun- gen nicht fördern, sondern ihr im hohen Maße ab­träglich seien. In der erwähnten Auslassung der belgischen Regierung wird in der oberflächlichsten Weise gesagt, der Geistliche habe antibelgische Ge­fühle gehegt und einen schädlichen Einfluß auf die Jugend aüsgeübt, dies ist alles, was Brüssel zur Rechtfertigung seines. brutalen Aktes vorbringen kann.

Die belgische Presse, die die Empörung, die im Reiche durch den Fall ausgelöst wurde, zuerst nicht begreifen wollte, bemüht sich ihrerseitskonkrete Tatsachen" für dasantibelgische" Verhalten des Kaplans anzuführen, ein Bemühen, das durch die vorgebrachten Tatsachen völlig bedeutungslos wird. Der einzige Grund ist ganz einfach der, daß die belgische Regierung in Eupen demonstrieren wollte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der neue Kurs alles, was nicht belgischer Staatsangehörig­keit ist, also von vornherein antibelgischer Gesin­nung und Förderung deutscher Heimatliebe ver­dächtigt ist, rücksichtslos aus dem Staat entfernen

will, um dieAssimilierung" der Kan­tone an Belgien durchzusetzen und alle Ge­danken an eine neue Abstimmung zu ersticken. Denn nach den Plänen und Erklärungen des neuen Landesoerteidigungsministers Deveze sind ja gerade die Kantone ausersehen, das Glacis gegen Deutschland abzugeben, um, wie sich ein belgischer General vor kurzem äußerte, Aachen bequem beschießen zu können.

Allmählich kommen anscheinend auch in Brüsiel einige Leute dahinter, daß die Regierung durch ihr Vorgehen eine große Dummheit be­gangen hat, und Belgien gegenüber dem Ausland in eine schlechte Position gebracht hat. So stellt dieJnd6pendance Belge" mit Schrecken fest, daß

zweifellos eine riesige Ungeschicklichkeit begangen worden sei und die belgischen Argumente die Brüs­seler Regierung nicht nur nicht rechtfertigen, son­dern ins Unrecht setzen. Und in einem Berliner Bries läßt sich die gleiche Zeitung schreiben:Im Interesse des Landes selbst müßen wir trachten, uns auf politischem Gebiet besser mit Deutschland zu stellen, weil wir mit ihm wirt­schaftlich verkehren wollen. Wenn auch das patriotische Gefühl die Ausweisung des Kaplans Gilles billige, so sei es doch nicht zu leugnen, daß Zeitpunkt, Umstände und Rechtfertigung in einem Maße unglücklich sind, daß sie das Ausland über­raschen."

ZehnZahre geraubtes deutsches Memelland

Don Professor Ernst Boerschmann, Erstem Vorsitzenden des Memellandbundes E. D., Äeilin.

WM

«I

Am 10. Januar 1923 wurde das Memelland von litauischen Freischärlern besetzt, die am 15. Januar dann die Hauptstadt Memel selbst besetzten. Unser Bild zeigt, wie litauische Freischärler sich nach dem Ueberfall auf Memel vor dem Bahnhof Carlsberg als siegreiche Eroberer photographieren lassen.

Ein bitterer Gedenktag! Zum 10. Male jährt sich ein doppeltes Geschehen, das unseligste in der lan­gen deutschen Schmerzensreihe seit Versailles. Am 10. Januar 1923 brachen gleichzeitig d i e Fran­zosen in das Ruhrgebiet ein und d i e Litauer in das Memelgebiet. Dieser dop­pelte Raubzug im Westen und Osten, offenbar in innerem Zusammenhang, schon mitten in der Infla­tion, schien das Ende von Deutschland zu bedeuten. Aber der bewunderungswürdige Ruhrkampf, zwar abgebrochen, führte zum Abzug der Franzosen und war letzten Endes der entscheidende Auftakt zu un­serer nationalen Erneuerung. Jedoch das wider­sinnigste Unrecht, das man dem rein deutschen Memellande angetan, indem es ohne Volksbefra­gung vom Mutterlande gerissen und danach Litauen überantwortet wurde, ist noch nicht wieder gut gemacht.

Sobald das Versailler Diktat in Kraft getreten war, vom Januar 1920 ab, wurde das Memelgebiet zu einem Niemandsland unter einem französischen

Kommissar und kleiner Besatzung, mit denen die heimischen deutschen Behörden gut auskamen. Man strebte die Errichtung eines selbständi - gen Freistaates an. Der neugegründete Memel­landbund, die Vereinigung der Memelländer im Reich, unterstützte diese Bestrebungen nachdrücklich. Da unternehmen die Litauer ihren Handstreich. Freischärler und reguläre Truppen in Zivil über­schritten am 10. Januar 1923 die Grenzen und nah­men nach einem kurzen Gefecht am 15. Januar d i e Stadt Memel ein. Die französische Besatzung kapitulierte und zog alsbald ab, die Litauer errich­teten ihre Gewaltherrschaft, und es begann die eigentliche Leidenszeit des abgetrennten Memel- gebietes.

Die Botschafter der alliierten und assoziierten Mächte beeilten sich, Klarheit zu bringen in die verwickelten Verhältnisse. Eine Sonoerkom- mission bereiste'sofort das Memelgebiet und er­stattete schon am 6. März ihr Gutachten, das, ob­wohl abgegeben von je einem Franzosen, Italiener

und Engländer, geradezu vernichtend aussiel für die bisherigen Darstellungen und Ansprüche Der Litauer, die das Gebiet seit je als rein litauisch be­zeichnet hatten. Jrn Gutachten wurden der volle deutsche Charakter des Memelgebie- t e s festgestellt und die Bildung eines Frei­staates oorgeschlagen. Trotzdem kam es schließ­lich zur Anerkennung des Zustandes, den Litauen durch seine gewaltsame Besitzergreifung geschaffen hatte. Doch erst im März 1924 erging ein Statut, das dem Memelgebiet Autonomie gewährte, um die überlieferten Rechte und die Kullur seiner Bewohner zu sichern", Litauen aber die Souveräni­tät übertrug.

Entgegen dem Sinn und Willen des Statuts gingen die Litauer, der eingesetzte Gouverneur m Memel wie die Regierung in Kowno, sofort an eine rücksichtslose Litauisierung des Memelgebietes. Verletzung der autonomen Rechte auf allen Gebieten, künstliche Auslegungen ober versteckte Durchdringung, schließlich offene Gewalt waren die Mittel im Kampf mit den autonomen Organen, Landtag und Direktorium mit Landes­präsident. Zehn lange Jahre dauerte das Ringen zwischen den Memelländern, die nur schwach von den Signatarmächten und von Genf, und nur ge­legentlich von Deutschland unterstützt werden konn­ten, und den litauischen Machthabern, die alle Ein­sprüche unbekümmert in den Wind schlugen. Im vergangenen Jahre spitzten sich die Dinge auf das äußerste zu. Ein Gewaltakt des litauischen Gouver­neurs, Absetzung des Landespräsiden­ten und Auflösung des Landtags, sollte die eingeschüchterten Deutschen völlig zurückdrängen und das litauische Element als Träger der Auto- nomie durch Neuwahlen in aller Form bestätigen.

Die Litauer wurden grausam enttäuscht. Die Deutschen bekundeten mit einem geschlossenen Block von 85 v. H. aller abgegebenen Stimmen, daß sie seit Eindringen der Litauer kaum Einbußen erlit­ten hatten, daß sie sich der Gewalt nicht beugten. Bald darauf entschied das Haager Schieds­gericht über den litauischen Gewaltakt. Das Ur- teil, wenn auch in einigen Punkten zwiespältig, er­kannte doch das klare Recht des ungebrochenen memelländischen Deutschtums auf Selbstregierung in vollem Umfange an. Seit der Bildung einer neuen deutschen Landesregierung im letzten Sommer ist äußerlich Ruhe eingekehrt im Memelgebiet, doch unter der dünnen Asche glüht das heiße Feuer.

Wie aber ist das deutsche Wunder zu erklären, das Wunder deutscher Selbstbehauptung einer klei­nen Bevölkerung von kaum 150 000 Seelen, nach zehn Jahren Unterdrückung und Zermürbung? Jene dort dürfen über ihre Nöte nicht laut sprechen, nicht schreiben, wir müssen der Mund sein jener Schwei­genden. Selten kommen sie nach Ostpreußen oder gar ins Reich, das ihnen kaum andere als mora- lische Hilfen geben kann. Und doch erlebte jeder von uns Besuchern der alten Heimat jedes Jahr das gleiche Wunder der Unerschütterlichkeit, der Einheit, des stillen, aber vollkommenen Einverständnisses aller untereinander, das Wunder der Erhaltung ihrer reinen Art gegen die fremden Bedrücker, von denen die Deutschen geschieden bleiben wie Feuer von Wasser.

Solche lebendigen Kräfte liegen verborgen im Unsichtbaren, im Bewußtsein ererbter und immer neu verdienter Kultur feit über 500, ja seit 700 Jahren Ansässigkeit auf dem Boden, sie liegen i m Gefühl d e r unbedingten Zugehörig­keit zu Deutschland, das fern ist und doch überall lebt im Memelland, dem erklärten Vor­posten und politischen wie moralischen Angelpunkt für die deutschen Ostfragen. Jene Kräfte wurzeln im Glauben an uns hier und an den Tag der Er­lösung durch uns, in der Ueberzeugung vom eigenen heiligen Recht und vom Unrecht der Litauer, die nie und nimmer heimisch waren im Memelgebiet

MalWlWWM

Roman von GertRolhberg.

(Urheberschutz durch C. Ackermann.

CRomanymtrale Stuttgart.)

Nachdruck verboten.

Erstes Kapitel.

Ruhelos ging der junge Schlohherr von Achern in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Draußen heulte der Sturm um dos alte Gebäude. 3m Park knirschten die Aeste der hohen, alten Bäume aneinander.

Harry von Achern trat zum Kamin, in welchem ein Helles Feuer brannte. Mit düsteren Augen starrte er in die Glut, in der soeben ein mäch­tiges Buchenscheit zusammenfiel.

Wie ich sie noch immer hasse, sie, die die Schuld daran trägt, daß ich meine Jugend fern von Achern verleben muhte!" knirschte er und schüttelte die Fäuste in nicht zu bändigender Wut.

Jetzt wandte er sich mit einem Ruck um und ging zum Schreibtisch. Er beugte sich dann über die Wirtschaftsbücher, die ihm der Inspektor am Nachmittag gebracht hatte.

Vorsichtig kam ein alter, eisgrauer Diener herein. Gr ging zum Kamin, schürte die Glut, legte noch etwas Holz nach, hob witternd die Aase, ob es auch warm genug sei, wandte sein zerknittertes, pergamentfarbenes Gesicht seinem jungen Herrn zu und wartete.

Harry nahm entweder keine Aotiz von seinem Diener oder er war so vertieft, dah er ihn tat­sächlich nicht sah. Als Joseph Wimpert merkte, daß man ihn nicht brauchte, ging er mit ge­kränktem Gesicht würdevoll hinaus.

Harry mochte ungefähr drei Stunden gearbeitet haben, als er sich aufrichtete, die Bücher zuschlug und sich zurücklehnte. In diesem Augenblick schlug die alte, geschnitzte Ahr zwölfmal. Eine ganze Weile saß Achern so da, seine Hände ballten sich, ohne daß er es wußte. Seine Gedanken verloren sich in die Vergangenheit. Es war genau so eine stürmische Aacht gewesen wie heute: er sah mit der Mutter, mit seiner schönen, vergötterten Mut­ter drüben in ihrem Salon, und sie warteten auf den Vater, der an diesem Abend von einer längeren Reise zurückerwartet wurde. Der Zug traf spät auf der entfernten Station ein, und Achern hatte es nicht gewünscht, daß Frau und Sohn ihn abholten. So wartete man. Der Wagen war längst zur Bahn geschickt, und jede Minute konnte jetzt der Vater eintreten. Doch die Zeiger der Ahr rückten weiter, immer weiter, und noch immer warteten sie beide. Endlich hörte man unten Räderrollen, gleich darauf trat der Vater über die Schwelle. Sie eilten ihm entgegen und

prallten im selben Augenblick zurück er trug ein kleines blondes Mädelchen auf dem Arm, das mit groben, ängstlichen Augen auf die schöne Frau und den großen, schlanken Jungen blickte.

Lothar von Achern sah seine Angehörigen einen Augenblick prüfend an, dann sagte er lakonisch:

Guten Abend, da wäre ich wieder. Ich hatte ein Erlebnis auf der Heimfahrt vom Bahnhof und bitte dich, liebe Brigitte, mich anzuhören."

Er setzte sich mit dem Kind auf das kleine, hellblaue Sofa, nachdem er seine Frau herzlich geküht hatte trotz ihrer leisen Abwehr, die er aber nicht zu bemerken schien. Harry hatte sich an die Seite der Mutter gestellt. Als ob er diese vor etwas Schwerem beschützen wolle, so sah es aus wenigstens dachte dies Lothar von Achern.

Ich hatte bereits die Hälfte des Weges mit dem Wagen zurückgelegt, als der Kutscher plötzlich anhielt am Wege lag ein Hindernis: eine tote junge Frau, und neben ihr sah die Kleine. Ich habe der Toten einige Papiere abgenommen, die mich veranlassen, das Kind hier ün Schlosse auf­zunehmen. Eine weitere Erllärung kann ich euch leider vorerst nicht geben, es hängt alles von einer Unterredung ab, die ich morgen mit jeman­dem haben werde. Willst du dich einstweilen mit meiner Erklärung begnügen, liebste Brigitte?"

Frau von Achem blickte ihn unschlüssig an, dann sagte sie langsam:

Ich muh wohl, obwohl ich mir dein Heim- fommen anders gedacht hatte. Wir wollen die Kleine der Mamsell übergeben, denn natürlich kann dieses Kind von der Straße nicht hier in meinen Räumen bleiben. Stolze Abwehr, ja, fast ein wenig Hochmut sprach aus ihrer Stimme.

Ruhig sagte Achem:

Du irrst, liebe Brigitte: toemt ich das Kind den Dienstboten überlassen möchte, hätte ich es gar nicht erst zu dir hereingebracht. Ich bitte dich, dich selbst um die Kleine zu kümmern!"

6ie hob abwehrend die weißen, beringten Hände.

Das wirst du mir nicht zumuten, Lothar! Ich lehne es ab, das Kind der Anbekannten in meinen Räumen zu dulden. Ich

Verzeihung, daß ich dich unterbrechen muh. Die arme Frau ist an Entkräftung und an irgend­einer inneren Krankheit gestorben. Der Toten­schein wird ja Klarheit bringen. Harrys ehe­maliges Spielzimmer kann in Ordnung gebracht werden, und wenn ein Bett für die Bonne, die ich morgen kommen lasse, mit hineingestellt wird, dann geht es ganz gut als Kinderzimmer. Falls die Unterredung morgen anders ausfällt, als ich hoffe, dann sollen die Dienstboten von vornherein wissen, wie sie sich dem Kinde gegenüber zu stellen haben. Es soll in keine schiefe Lage kom­men," sagte Herr von Achem mit fester Stimme und streichelte das goldblonde Haar der Kleinen.

Mit bösen Augen sah Harry auf den kleinen Eindringling. Er konnte es nicht fassen, toarum sein stolzer Vater diesem Kinde, das er von der Straße aufgelesen, solche Rechte auf Schloß Achem einräumen wollte. Er legte seinen Arm um die Schulter der Mutter und bekannte sich durch diese Geste auf ihre Seite, in Abwehr gegen das fremde Kind.

Lothar von Achem bemerkte es, und ein wilder Zorn blitzte in seinen Augen auf, doch er sagte nichts. Er stand auf, meinte leichthin:

Die Kleine wird die Rocht in meinem Ar­beitszimmer auf dem Ruhebett ganz gut schlafen. Morgen läßt sich dann alles besser übersehen. Ich bin sehr müde, ich wünsche euch eine gute Rächt." Er küßte seiner Frau die Hand, fuhr seinem Jungen über den dunklen Scheitel und ging langsam, schwerfällig hinaus. Das Kind sah nur immer auf Harry, wie magisch angezogen blickten die dunkelblauen Augen ihn an. Er aber gab sich Mühe, das Kind durch sein böses Aus­sehen zu ängstigen. Die Tür schloß sich hinter Herrn von Achern.

Harry strich zärtlich über das dunkle, weiche Haar seiner Mutter. Sie sah eine Weile schwei­gend zu Boden, bann sagte sie:

Am diesen Wahnsinn zu erleben, hätten wir wahrhaftig nicht zu warten brauchen. Ich will von diesem Kind nichts wissen. Ich lehne es ab, an diesem vollkommen falschen Milleid teilzu­nehmen."

Frau von Achern hatte ihren Jungen von jeher als einen Vertrauten behandelt. Sie hatte ihn schon geboren, als sie erst ach^ehn Jahre alt war, und sie hatte mit ihm getollt und gespielt, als sei sie selbst noch ein Kind. So war eine Art Freunds cha f tsverhäl tnis entstanden. Harry tat feiner Mutter alles zuliebe. Vor dem Vater besaß er großen Respekt, doch maßgebend war für ihn stets seine Mutter. So war es geblieben bis freute. Frau von Achern wußte nicht, daß sie das junge Gemüt ihres Einzigen nur schädigte, wenn sie in seiner Gegenwart jetzt so über den Vater sprach. Doch das fern ihr eben nicht zum Bewußtsein.

Sie stand jetzt auf.

Richt einmal zu Abend gegessen hat Papa: ich bin nur neugierig, was für eine Unterredung das ist, die er morgen haben wird", sagte sie noch.

Harry gähnte verstohlen. Die Mutter rügte es lächelnd und sagte dann:

Wir wollen schlafen gehen, mein Junge. Mor­gen früh mußt du ja wieder zeitig heraus."

Harry besuchte in der Stadt das Gymnasium. Frau von Achem hatte das auch höchst über­flüssig gefunden, dah der Junge sich mit dem vielen Lernen quälte, doch darin war der Vater unerblltlich geblieben. Und Harry schwieg merk­würdigerweise zu den Auslassungen seiner Mut­

ter, weil er das dunkle Gefühl hatte, daß es der Vater bei diesem Zwang nur gut mit ihm meinte. Da er außergewöhnlich begabt war, so fiel ihm das Lernen nicht schwer, und er fand noch ge­nügend Zeit zu allerlei luftigen Streichen und frohem Umher tollen.

Er beugte sich über die Hand der Mutter.

Gute Rächt, Mamachen! Schlaf' süß! Ich komme morgen erst gegen 15 Uhr heim, wir haben noch Musikstunde. Trotzdem konnte ich viel eher da fein, wenn Papa endlich einen an­deren Wagen kaufte. Wir haben doch wirklich Geld genug, und ich schäme mich direkt, wenn Anton mit dem alten Kasten vor der Schule hält. Der Liddenburg sagte erst neulich, daß man auf Achem augenscheinlich veralte, Anton und der Wagen gehörten ins Panoptikum. Ich habe ihm da eine schlagende Antwort gegeben, doch recht hat er trotzdem gehabt. Also nochmals gute Richt, Mama, soll ich dir von Planner etwas mit­bringen?

Rein, Harry, ich habe noch genügend Räsche- reien da! Gute Rächt!"

Drüben im Arbeitszimmer des Schloßherrn schlief der kleine, blonde Eindringling süß und fest auf dem weichen, breiten Ruhebett. Der Sturm heulte um das alte Schloß, und Herr von Achern dachte an die tote Frau, die in der kleinen Halle auf dem Dorffriedhof schlummerte. Er stand und blickte auf das schlafende Kind. Und dann dachte er an einen alten, verbitterten Mann, um den sich allerlei Sagen gewoben hatten und der die Menschen mied.

Am andern Tage kam Lothar von Achern seinen Angehörigen überhaupt nicht zu Gesicht. Er hatte einem der Mädchen befohlen, sich um das Kind zu kümmern, bei ihm zu bleiben, jede andere Arbeit einstweilen zu meiden, er mache sie verantwortlich für das Wohl des Kindes. Martha war ein sehr nettes Mädchen und tat ihre Pflicht. Die Kleine faßte auch Zutrauen zu ihr: trotzdem weinte sie ein paarmal nach ihrer Mama. Martha bemhigte das Kind, und da spielte es dann zufrieden weiter. Es war ein schönes Geschöpf mit zartem, ovalem Gesichtchen. Martha hatte noch nie bei einem Menschen solche dunkelblauen Augen gesehen: sie hatten genau die Farbe der Veilchen. Die Hände waren wie bei einem Püppchen so zart und fein. Die ganze Gestalt des Kindes war feingliedrig. Ganz vor­sichtig faßte Martha das Heine Äng an. Am Abend kam dann ein junges Mädchen, das einen sehr guten Eindruck machte, und stellte sich als die engagierte Kinderpflegerin vor. Martha staunte. Wie blieb denn die Kleine da?

(Fortsetzung folgt.)