Nr. 265 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Samstag, ll. November 1935
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an das deutsche Volk1.
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Stimme zur Volksabstimmung mit „Jft”!
lOähle zum Reichstag den JÜhret und seine Männer
Rom Fronterlebnis zur Staatsgcstaltung.
Deutschland ist das Reich der großen Gegensätze. Die Fälle dieser Gegensätze zur organischen Ein- heit zu gestalten, darin erfüllen sich Hergang und Sinn unserer Geschichte. Wo es im zweitausendjährigen Auf und Ad des deutschen Werdens gelang, die Gegensätze zu bändigen und sie einem gewaltigen Ziele unterzuordnen, kündet die deutsche Geschichte von Ausstieg, Sieg und Größe des Reiches, von Blüte und Gedeihen des Volkes. Wo die Gegensätze sich unbehindert durch die zusammen- sassende Hand eines überragenden Führers wider-
Wer am 12. November nicht zur Wahl geht, ist ein Volksverräter!
einander austoben konnten, zerfiel das Reich und verdarb das Volk. Immer ist die höhere Einheit notwendig, welche die Vielfalt des deutschen Wesens zur Geschlossenheit Les deutschen Einsatzes in der Geschichte verwandelt.
Die große politische und geistige Einheit der Deutschen im zwanzigsten Jahrhundert heißt N a - tionalsozialismus. Ihr zum Durchbruch verhalfen und den Weg zum geschichtlichen Einsatz freigemacht zu haben, ist das Verdienst Adolf Hitlers und jenes Menschenschlags, der unter der Wirkung eines ungeheuerlichen Geschehens zu dieser Einheit zurückgefunden hat, nämlich der Frontsoldaten und der von ihrem Geiste erfüllten Jugend.
Ohne das Erlebnis des großen Krieges wäre der Nationalsozialismus undenkbar. Denn erst der Weltkrieg machte es dem einsatzfähigen und einsatzwilligen Tesl der Deutschen bewußt, daß es für uns auf der Welt nur zwei Werte von letztem und höchstem Rang gibt, dem sich alle übrigen Werte unterzuordnen haben: Volk und Nation.
Der Durchschnittsdeutsche, der 1914 hinauszog, besaß kaum ein geschichtliches Bewußtsein wie die andern Völker, die gegen uns im Kampfe standen. Er verteidigte seine „Heimat". Er kannte allenfalls seinen Stamm oder sein Land, aber es fehlte ihm jede Vorstellung vom deutschen Volk. In den Schichtungen der bürgerlichen Welt ausgewachsen, stand der Bürgersohn ebenso hilflos und verlegen vor dem Arbeiter wie der Friese vor dem Bayern. Der Krieg aber zerschlug die bürgerlichen Scheinwerte, er wirbelte die Stämme und Stände durcheinander, er führte die Niederschlesier und Pfälzer ein dutzend- mal quer durch Deutschland, im Transport- oder Lazarettzug, er wies dem Binnendeutschen die freie See und dem Soldaten von der Hallig die Bergwälder Süd- und Mitteldeutschlands.
Der Krieg führte die Arbeiter und Bauern und Angestellten mit dem ungefähren Ueberblick über ihren Heimatkreis hinaus nach Böhmen und (Siebenbürgen, nach Serbien und Rußland, nach Flandern und ins Baltikum. Und die „Oesterreicher", die „Böhmen", die „Balten", die „Flamen", sie erwiesen sich mit einem Male als deutsche Brüder und Stammesgenossen. Sie waren zwar fremde „Staatsangehörige", aber sie waren durch Jahrhunderte gute Deutsche geblieben. Deutschland wurde mit diesem Erlebnis nun plötzlich so unendlich viel größer. Der Deutsche erlebte, zum ersten Male wieder seit vielen Generationen, sein Volk. So stand denn in den letzten Jahren des Krieges der deutsche Soldat nicht mehr vorne um seiner engeren Heimat und noch viel weniger um seines Standes willen, sondern für das ganze große erlebte Volk, für die länderweite und vielgestaltige Heimat aller Stämme. Das Volk, das war die große Schickfalsgemeinschaft, die mit der Korporalschaft anfing und mit den fernen Dor-
fern in den Karpathen aufhörte, es war die Gemeinschaft der Herzen und des gleichen Blutes, es war die mütterliche Geborgenheit in einem umfassenden Bewußtsein, es war das Bewußtsein einer unauflöslichen Zugehörigkeit. Alles, was den Einzelnen anging, wurde in Zukunft vom Volke aus gesehen, denn immer tiefer wurde man gewahr, wie fremd der Pole, der Franzose oder die anderen Völker Europas uns gegenüber standen.
Im gleichen Augenblick, wo das Erlebnis des Volkes umschlug von einem Gefühl in einen Willen, in den Willen nämlich, von diesem deutschen Volke nicht mehr zu lassen und alle Ordnungen des Lebens auf dieses Volk, aber nicht mehr auf eine „Internationale" aufzubauen, war die eine Grundidee dler großen Einheit Nationalsozialismus geboren: der volksbedingte und volksgebundene Sozialismus.
Dem Erlebnis des Volkes folgte das Erleb- n i s des Staates. Dem Dorkriegsdeutschen erschien im allgemeinen der Staat als eine im luftleeren Raum über dem Volk schwebende Maschinerie, die sich nach eigenen unergründlichen Gesetzen bewegte und die als ein notwendiges Hebel empfunden wurde. Die Steuern wurden pflichtschuldig ent.ichtet, die Verordnungen erfüllt. Man wählte alle paar Jahre einen Abgeordneten, den man nur dem Namen nach kannte, den Rest besorgten die Parteien oder die Bürokraten.
Jetzt aber führte der Staat Krieg. Er war Herr über Leben und Tod, er griff in die Wirtschaft ein, er legte Anleihen auf, er riß die Familien auseinander, er wandte sich unmittelbar an seine Bürger,
er verlangte plötzlich, daß die Steuern i n Blut entrichtet wurden. Jeder Unteroffizier, jeder Kompanieführer, aber auch jedes marschierende Bataillon und jede angreifende Division waren ein Stück Staat. Langsam aber verschoben sich die Grenzen. Immer mehr wurde es bewußt, daß wesentliche Einrichtungen und Personen des Staates versagten. Der Staat setzte keine klaren Kriegsziele: die andern Staaten, die uns vernichten wallten, taten es. Die staatliche Kriegswirtschaft und Rohstoff- ober Le- bensmitteloerforgung versagte, weil allzuviel private Einflüsse egoistischer Natur wirksam wurden. So wurde das Private, das Jchbetonte, als ausgesprochener Gegner des Staatlichen erkannt. Als an der Front das „Wir" über das „Ich" gewisser Hei- matkreise gesiegt hatte, war von der Frontarmee das staatliche Bekenntnis vollzogen worden. „Der Staat müßte...", so sagten Millionen, weil sie er- könnt hatten, daß der Staat die oberste und uneingeschränkte Hoheit darstellte. Das Volk war wehrlos und mußte den Krieg verlieren, wenn der Staat, als der gestaltgewordene geschichtliche Wille des Volkes, auf seine Hoheitsrechte verzichtete. Und als gar zum Schluß des Krieges der alte Staat sich selbst aufgab und vor einer Handvoll Deserteure und Bonzen kapitulierte, da war es die männliche und kriegerische Auslese der Sommer- und Herbstschlach- ten von 1918, auf die der Wille zum Staate überging.
Der Wille zum Staat ist das Bekenntnis zurNation auf dem Boden der völkischen Gemeinschaft. Im Augenblick, wo der Frontsoldat diesen Willen zum Staat in sich durchbrechen fühlte, war der Nationalismus geboren.
Es war ein Nationalismus, der nicht vom abstrakten Staatsbegriff des neunzehnten Jahrhunderts, sondern vom Volkstum und der klassenlosen Volksgemeinschaft herkam, wie sie dgs Erlebnis des Krieges vermittelt hatten. Es war ein sozialer und völkischer Nationalismus, der hier an der Front durchgebrochen war, wie es umgekehrt ein nationaler Sozialismus war, zu dem das eigentliche Dolkserlebnis führen mußte. Nationalismus und Sozialismus, beide auf völkischer und nationaler Grundlage, das sind die beiden Grundwerte des Fronterlebnisses, denn sie sind in ihrer Bereinigung die große Einheit, aus der heraus die deutsche Zukunft gestaltet werden muß und gestaltet werden wird.
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Gefühle aber bleiben wertlos, wenn sie nicht Wirklichkeit werden. Und jede Idee ist nur so viel wert, als sie Macht zu schaffen versteht. Der soziale Nationalismus und der nationale Sozialismus der Front wären ohne geschichtlichen Rang gewesen, wenn ihre Träger, die Frontsoldaen, nicht daran gegangen wären, ein neues Deutschland aus dem nationalistischen und sozialistischen, dem volkhaften und staatlichen Erlebnis des Krieges aufzubauen. Die alten Vorkriegsparteien, die sich lediglich ein neues Mäntelchen umhingen, schieden von vornherein aus. Der Marxismus blieb ebenso in den Vorstellungen eines internationalen Sozialismus stecken, wie die bürgerlichen Rechtsparteien sich nicht freimachen konnten von dem Bilde des Vor- kriegsstaates, der nun einmal zugrunde gegangen war.
Geschichtlich neu und in Sinn und Wesen Fortsetzung der volkhaften ober staatlichen Frontgemeinschaft war ganz allein die nationalsozialistische Partei Adolf Hitlers, die niemals Partei, sondern Volksbewegung war. Im Augenblick, in welchem Adolf Hitler die Führung des Reiches übernahm, gingen der nationale Sozialismus und der soziale Nationalismus auf in der ewigen deutschen Reichsidee. Die schöpferischen Gegensätze zwischen Volk und Staat, zwischen Nation und Stamm werden vereinigt in der höheren Einheit des neuen Reiches. Die Geschichte wird dereinst verkünden, daß aus dieser höheren Einheit ein stolzes, freies und starkes Deutschland hervorgegangen ist.
Rückblick aus Afrika.
Von Dr. Paul Rohrbach.
Loanda in Angola, Ende Oktober 1933.
Wenn ich jetzt beim Abschied von Afrika mich frage, wodurch die eigentliche große Wandlung über Afrika gekommen ist, so kann ich nur sagen: durch das Automobil. Was hätten wir früher in einem Monat hier in Angola sehen können, und was haben wir jetzt gesehen, vor allem an deutscher Arbeit! Und vor Angola lag für uns Süd- roeft, und vor Südwest lag Ostafrika. Die langen Eisenbahnfahrten durch Rhodesien, Transvaal, die Kapkolonie zähle ich nicht, denn die Bahnfahrt gibt weder Aufschlüsse noch Eindrücke, die sich mit der Reise im Auto vergleichen lassen; man reift so in Wahrheit gar nicht, man wird nur befördert.
Zähle ich alles zusammen, so sind wir in den sechs Monaten seit unserer Landung in Tanga 11 000 Kilometer mit der Bahn und nicht viel weniger im Auto gefahren. Der Ertrag beider Reisearten ist aber gar nicht zu vergleichen. Besonders über die Frage, die uns überall am meisten beschäftigt hat: wo deutsche Menschen siedeln, wo sie leben, siedeln und schassen können — hätten wir ohne Auto das meiste doch nur vom Hörensagen erfahren. Und nirgends gilt mehr als in der Siedlungsfrage, daß nur ein eigenes Sehen und persönliche Erkundung zu einem begründeten Urteil verhilft.
Morgen kommt also der „Adolph Woermann", dasselbe Schiff, mit dem wir am 26. April von Genua abgefahren sind, von Süden herauf und nimmt uns wieder heimwärts: elf Tage bis zu den Kana- rischen Inseln und dann noch einmal zehn Tage bis Hamburg. Hier in Loanda heißt es Abschied
Von deutscher Seele.
Oie Entstehung eines Werkes.
Von Professor Or. Hans pfihner.
Im folgenden Beitrag erlaubt uns ein namhafter deutscher Komponist, einen Blick in seine Werkstatt zu tun.
Aus alledem, was während eines ganzen Künstlerlebens an Arbeiten entsteht, ergibt sich eine Weltanschauung des schaffenden Künstlers. Aber es ist sehr gefährlich und schwierig, von dem Standpunkt der Weltanschauung und nicht dem Standpunkt des Spieltriebs aus einen schaffenden Künstler, der noch nicht seine letzte Note und sein letztes Wort geschrieben hat beurteilen und ihm seine Entwicklung vorschreiben zu wollen, wie mir das bei meinen dramatischen Werken so oft geschehen ist. Das führt dahin, daß Entwicklungstheoretiker vor einem Problem stehen zu müssen glauben, wenn sie mutmaßen, daß ich nach dem „Palestrina" das „Christelflein" tamponiert habe, anstatt zum mindesten einen Christus oder Buddha in Angriff
zu nehmen.
Wer also an ein neues Werk von mir herantritt mit dem Weltanschauungs- und Entwicklungsstandpunkt, dem werde ich schwer Auskunft geben können, weil ich über diese Dinge nichts weiß. Ich weiß nur, wie ein Werk entstanden ist. Ich will versuchen zu sagen, wie die romantyche Kantate ,V o n deutscher Seele" zustande getamm'en ist Ich habe diese Arbeit romantische Kantate genannt Man hätte aus deutsch auch sagen können Sinqstück". Das würde sich aber nicht decken mit dem Begriff Kantate, wie er sich nun einmal her- ausgebildet hat als eine in der Hauptsache vokale Komposition die im Gegensatz zur rein vokalen Motette" auch einen instrumentalen, manchmal selbständig hervortretenden Bestandteil enthalt. Die Textworte, nach Sprüchen und Gedichten von E i ch e n d o r f f zusammengestellt, erklären das Beiwort romantisch. Meines Wissens^gibt es b.s letzt nur geistliche und zu irgend einem fürstlichen oder sonstigen Jubeltage geschriebene Festkantaten. Die romantische Kantate" ist nun weder das eine noch das andere und bildet demnach vielleicht ein Ding für sich, welches am besten durch die Art seiner Entstehung erklärt wird. „
Was die Entstehung anbelangt, so „wollte >ch vor allen Dingen nichts damit, nichts „anstreben
oder „sagen" oder einer „Weltanschauung Ausdruck geben", sondern das Werk ist entstanden aus einem Gestaltungstrieb, der im Grund nichts anderes als ein höherer Spieltrieb ist. Vorn Kleinen ins Große ist diese Kantate mir unter den Händen gewachsen. Irgendwann früher, in Straßburg, tarnen mir ein paar musikalische Einfälle für die Eichendorssschen Sprüche und Wandersprüche, die ich mir in ein Skizzenbuch hineinnotiert hatte. Eines schönen Abends zu Hause am Ammersee, blätterte ich darin und dachte, die Komposition dieser meist vierzeili- gen aber nicht über zehnzeiligen Poesien nicht als einzelne Lieder zu veröffentlichen, sondern verbunden durch musikalische Zwischenspiele, die von der Stimmung, des einen Liedes unvermerkt in die des anderen fuhren sollte. Mir schwebte also etwas vor, wie ein Liederspiel, anfangs mit Klavierbegleitung.
Der Gedanke der Verbindung selbständiger Lied- gebilte durch musikalische Uebergänge erschien mir nicht neu. Ich hatte ihn schon viel früher gefaßt und auch in verschiedener Fassung verwirklicht und zwar bei Liedern Robert Schuman ns. Zuerst waren es die Eichendorffschen Lieder dieses Meisters, die mir das Nichtabreißen des Ladens zwischen den einzelnen Perlen dieser Tonkette geradezu als Notwendigkeit erscheinen lassen. Bei der unerhörten Stimmungsintensität und andererseits der drasti- schen Kürze dieser Gebilde habe ich stets den Fall in die nüchterne Wirklichkeit nach dem letzten Klang als ganz besonders hart empfunden, auch wenn auch alle zwölf Lieder hintereinander singen horte. Läßt man nun das Tonelement dazu nicht abbrechen, so entsteht ein Etwas, das wohl ein Ganzes zu sein vorzugeben scheint und doch offenbar nicht ist, daher stillos gescholten werden konnte. Denn was haben die einzelnen Texte miteinander zu schassen? Aber hier in diesem Falle (der um Himmels willen nicht verallgemeinert werden darf) war für meine Empfindung die romantische Stimmung die Hauptsache und der begriffliche Wort- inhalt daneben weniger wichtig: eine Reihe bunter Zeitbilder durch ein Band verbunden. Ich sechst habe manchmal diese Lieder auf die beschriebene Weise vorgeführt.
Als ich nun, intim mit dem Gedanken, die Musik könne auch einmal die Texte ins Schlepptau nehmen, — nicht immer umgekehrt — den Plan der |o gearteten Sprüche-Komposition weiter verfolgte, kam ich ganz von selbst auf das Bedürfnis, dem Ganzen immerhin auch einen gedanklichen Zusammenhang zu geben. Denn ein anderes sind improvisierte Zwischenspiele, zu guter Stunde im kleinen Kreise, bei
gedämpftem Licht, ohne Noten, zwischen Liedern, mit „Kapellmeisterstimme" gehaucht; ein anderes sind zum Druck bestimmte Zeichen, die eine bleibende Form darstellen müssen. So bekamen die Zwischenspiele der „Romantischen Kantate" eine selbständige Gestalt, die Anordnung der Sprache bekamen Absicht und Sinn, Gedichte tarnen hinzu, und das Ganze wurde, nach einer sich wie von selbst ergebenen Gruppierung des Inhalts, in zwei Teile geteilt, und erst, als ich beinahe am Schluß meiner Arbeit angelangt war, merkte ich, daß diese abendfüllend sei. Aber die leitende Macht blieb doch die Musik. Der textliche Teil wurde nach ihren geheimen Instruktionen organisiert.
„Es geht wohl anders, als du meinst", so beginnt ernst und doch hoffnungsvoll der erst siebenzeilige Spruch Eichendorfss und mit ihm auch das musikalische Werk. Im zweiten Spruch, vom Tenor intoniert, heißt es „Wie bald nicht bläst der Postillon, du mußt doch alles lassen". Hier setzt das erste Orchester-Zwischenspiel ein, „Tod als Postillon". Der da bläst, nämlich der Tod, kutschiert auf seine Weise, etwa wie in Bürgers „Leonore" über donnernde Brücken, und verfolgt von luftigem Gesindel. Oder er peitscht die arme Seele durch neues schreckliches Leben — wie da die Phantasie des Musikers spielen mag!
Oder der „Abend" sinkt herein. Das Orchester spricht wieder. Ein sehnsüchtiges Eichendorffsches Horn ruft aus der Ferne. Abendlüfte spielen und tragen die Töne her. Uebergang in die Nacht, die zum feierlichen Choral wird. Die Töne des Chorals verfchweben, lösen sich in Lust auf, die Wolken er« flattern in der ersten Morgenfrühe, das Licht meldet sich. Der Kreislauf geht weiter. Der Tag folgt mit (einen verwirrenden Lebenslockungen. Und wieder folgt auf den Tag der Abend und auf den Abend die Nacht. Mit dem „Nachtgruß" schließt der erste Teil.
„Leben und Singen" heißt der zweite Teil. Das, was der leidenschaftliche, im Geben befangene Mensch nicht will, nämlich die Ergebung, sucht ein nun fw- genbes Orchesterstück auszusprechen. Es ist das Recht der Kantate, den Solosängern ihre Arien zu bieten. Daß diese hier romantischen Charakter haben, Eichendorffsche Lieder sind, ist selbstverständlich. Auch heißt der Teil „Geben und Singen" und As Singen geht nun an. Das letzte Gieb in dieser Reihe heißt der „Friedensbote" mit den Schlußworten „Das Gand ist ja frei", wonach sich alles zum Schluh- gefang vereinigt.
Noch ein Wort über den Obertitel „Von deutscher Seele'.: ich habe ihn gewählt, weil ich keinen beste-
ren und zusammenfassenderen Ausdruck fand für das, was aus diesen Gedichten Eichendorffs an Nachdenklichem, Uebermütigem, Tiefernstem, Zartem, Kräftigem und Heldischem der deutschen Seele spricht.
Wieder ein Röntgen-Märtyrer.
Die Reihe der Forscher, die beim Studium bet Röntgenstrahlen sich in einer Zeit, da man noch nicht genügend Schutzmittel kannte, schwere, zum Tode führende Hautverletzungen zuzogen, ist um ein neues Opfer vermehrt worden. Mit 57 Jahren ist der Edinburgher Radiologe Dr. William Hope Fowler nach einem langen Martyrium dahingeschieden. Er gehörte zu den frühen Vorkämpfern der Röntgen-Forschung in England und hat seit 1911 bedeutende Studien auf diesem Gebiet gemacht. Dabei zog er sich jene Verletzungen zu, die zu immer neuen Operationen an den ergriffenen Stellen nötigten. So wurden ihm nacheinander mehrere Finger der linken Hand abgenommen; im vergangenen Sommer mußte sein rechter Arm amputiert werden, und nun ist der Gelehrte dahingegangen als ein weiteres Opfer der Wissenschaft, das zum Wohl der Menschheit gebracht wurde.
Zeitschriften.
— Im Novemberheft der Monatsschrift „Volk und Raffe" (I. F. Gehmanns Verlag, München 2 SW, Preis vierteljährlich 2 Mk.) wird jeden Gebildeten der Aufsatz Dr. Rauschenbergers über „Rassenmerkmale Schopenhauers und seiner näheren Verwandten" interessieren. Mit diesen Erkenntnissen läßt sich so manches über Schopenhauer und seine Weltanschauung leichter verstehen. Er ist nordisch, dafür zeugen sein blondes Haar blaue Augen und helle Haut, — ferner die Klarheit seiner Gedanken, der anschauliche Stil, die Verherrlichung des Genius und seine große Wahrheitsliebe. Prof. Dr. Reche■ gibt eine Begriffsbestimmung für das Wort „Rasse", indem er in scharf umriffenen Zügen festlegt, was eigentlich unter der heute so oft genannten Bezeichnung verstanden werden muß. Die „Sippschaftstafel einesRückfallverbrechers" mitAusführungen van Dr. Stumpfl zeigt, wie bei den Nachkommen von erbkranken Menschen die schlechten Anlagen immer wieder zum Vorschein kommen. — W. Schmidt- Magdeburg berichtet von seinen Untersuchungen innerhalb von Jugendbünden und die dabei sestge- stellte erfreuliche Auslese.


