Ausgabe 
10.10.1933 Frühausgabe
 
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Ein Lied vom Glück.

Roman von Anny von panhuys.

20. Fortsetzung. Nachdruck verbotenI

Olga nickte:

Natürlich! Falls das Gericht eine Aussage von ihr will! Sie hat doch den Dolch gefunden!"

Marlene schrieb ihres Vaters Wohnung auf ein Notizbuchblättchen und gab es Auguste.

Die gute Dicke ging nach erneuten Händedrücken hinaus. Um dreizehn Uhr brachte ein Diener das Mittagessen in Marlenes Zimmer. Um dreizehnein. halb Uhr war das Auto bereit. Der Diener holte die Koffer.

Nur Auguste stand auf der kleinen, Freitreppe des Schlosses und winkte Marlene und Olga einen letzten Gruß nach. Frau von Malten lag auf dem Sofa und fühlte ihre Atemnot herannahen. Sie hatte sich doch sehr ausgeregt heute. Und hinter der Gardine seines Zimmers verborgen, sah Achim von Malten Marlene in das Auto steigen, das mit ihr und Olga Zabrow fortfuhr.

Er preßte die Lippen fest aufeinander, ballte die Hände. Er hatte recht gehandelt, hatte sich nichts vor- zuwerfen. Es war ja alles unsinnig, was ihm die Baronesse vorgeworfen. Dennoch waren viele von ihren Worten hängengeblieben und quälten ihn.

Er stöhnte laut auf, und schluchzend preßte er in seine Hände hinein:Warum hast du mir das an­getan, Marlene warum?"

*

Marlene sprach während der Autofahrt kein ein­ziges Wort: ihre Augen baten Olga immer wieder um Schweigen. Olga nahm, am Bahnhof angekom- men, die Fahrkarten: weil es die höchste Zeit war, gleich einzusteigen, Marlene sich aber so seltsam torkelia benahm, öffnete ein Herr, der am Fenster eines Abteils stand, die Tür und half den beiden Damen beim Einsteigen. Er zog Marlene förmlich in das Abteil hinein. Der Diener schob die Koffer nach, und schon ruckte die Lokomotive an.

Marlene wußte kaum, wie sie in' den Zug gekom­men, und Olga ebensowenig. Ihr hotte Marlenes seltsames Benehmen Angst gemacht. Beide hatten Den Herrn, der ihnen galant m das Abteil geholfen, bisher kaum antzefehen.

Minuten vergingen. Marlene hatte sich, als wäre sie von jemand niedergedrückt worden, auf einen Eckplatz fallen lassen und saß nun mit geschlossenen Augen da. Ihr war zumute, als befände sie sich auf einem hin und her schwankenden Schiff, und der Zug fuhr doch ganz gemächlich und ruhig. Als hätte sie viel getrunken und wußte nicht recht, was um sie her vorging.

Olga nahm neben ihr Platz, sagte leise:

Ruhe dich nur aus, Marlene! Vielleicht kannst du ein wenig schlafen."

Marlene hielt die Lider weiter geschloffen. Es tat ihr so gut, Olga in ihrer Nähe zu wissen. Sie dachte gar nicht daran, daß sich außer ihnen beiden noch ein fremder Herr im Abteil befand. Sie war zu durcheinander und verzagt. Das Leben hatte chr ein großes, schönes Glück gezeigt ganz nahe, hatte versprochen: Es gehört dir. Du darfst es behalten für alle Zeit! Und kaum, daß sich ihre Hände fest darum hallen schließen wollen, zerrann das große Glück wie Hexengold vor ihr. Nichts blieb davon übrig als ein dumpfer, betäubender Schmerz im Herzen und ein armer wirrer Kopf, der nicht mehr klar zu denken vermochte.

Der Herr hatte sich am anderen Abteilfenster nie- dergelassen und blickte scheinbar interessiert in die Landschaft hinaus, schien gar nichts von dem Ge­flüster Olgas zu hören. Diese redete noch ein Weil- chen auf Marlene ein, die den Kopf fest gegen die Polster drückte. Plötzlich begann sie an den Polstern herumzufühlen, öffnete die Augen, rief erschrocken:

Aber, Olga, wir sitzen ja in der zweiten Klasse und hoben doch nur dritter Klasse gelost!"

Olga zogdie Brauen hoch und sah sich erstaunt um.

Uijeh, Marlenelein! Da haben wir was Dummes angestellt! Da müssen wir auf der nächsten Station aber schleunigst umsteigen, sonst haben wir Unan­nehmlichkeiten mit dem Schaffner!"

Wie Kleinigkeiten, kleinlichste Kleinigkeiten, einen Menschen oft für kurze Zeit ablenken können aus Trauerstimmung, Verzweiflung und Seelennot, so riß die Feststellung, unberechtigt in die zweite Klasse eingestiegen zu fein, Marlene aus ihrer tiefen Be­nommenheit in die nüchterne Gegenwart zurück.

Jetzt wandte der Herr am anderen Fenster den beiden sein Gesicht zu.

Er war schlank und vielleicht dreißig Jahre alt. Auf verhältnismäßig breiten Schullern saß ein Kopf, der sofort eine ferne Heimat verriet. Fast bronze- braun war das volle Oval des Gesichts. Die Augen standen nahe beisammen, waren schwarz: rötliche Lichter schienen sich darin zu spiegeln. Die Mund­partie war hart. Wie eingeschnitten liefen zwei Falten von den Nasenflügeln zu den vollen Lippen, die immer ein ganz klein wenig offenstanden, auch wenn der Mund nicht sprach. Gesunde Zähne schim- werten zwischen den Lippen hervor. Das Haar war dicht und schwarz.

Der Herr machte eine Bewegung, die vielleicht eine leichte Verbeugung sein sollte, dann sagte er, und dabei sah man nun völlig das prachtvollste Ge­biß der Welt:

Die Damen sind in eine falsche Klaffe geraten, weil ich den Damen geholfen habe beim Einsteigen. Die eine Dame sah leidend aus. Ich dachte, es ist Abschiedsschmerz. Weil der Zug aber schon weiter wollte, zog ich die Damen etwas gewalttätig schnell hier herein. Ich allein trage also die Schuld und bitte Sie, nicht etwa auf der nächsten Station umzu- steigen. Ich werde alles mit dem Schaffner ordnen. Sie müssen mir das erlauben." Er sah Marlene an.

Sie wollten ruhen, meine Gnädigste. Sie sehen aus, als wenn Sie viel Ruhe brauchten."

Er sprach gutes Deutsch, aber feine Aussprache verriet den Ausländer.

Marlene schünelte mit dem Kopse.

Vielen Dank, mein Herr! Sie können wirklich nichts für unsere Unaufmerksamkeit. Auf der nächsten Station steigen wir aus."

Er protestierte durch eine Bewegung beider Hände, die auffallend schmal waren, doch dunkel wie Das Gesicht. Ein kostbarer Stein in goldenem Reif blitzte im Schein der Nachmittagssonne an seiner Rechten auf.

Bitte, lasten Sie mich die Kleinigkellen in Ord- nung bringen, meine Gnädigste. Sie sehen totenblaß aus. Ich gestatte Ihnen nicht, schnell umzusteigen in die unbequeme Klasse. Nunca, nunca,^in caballero darf das nicht. Sie würden mich sehr beleidigen."

Marlene wollte auf ihrem Willen beharren, doch Olga legte ihr fest eine Hand auf die Schulter.

Ueberlasse alles mir, Marlene, ich mache das schon richtig. Der Herr hat recht, umsteigen darfst du nicht, und jetzt ruhe dich aus, kümmere dich um nichts mehr, um gar nichts."

Marlene war wieder ganz benommen; das Spre­chen strengte sie an, und sie hatte nur noch den einen Wunsch: mit geschlossenen Augen still dasitzen zu dürfen.

Sie murmelte:

Mir ist alles recht!" und legte den Kopf zurück.

Olga aber setzte sich dem Fremden ganz einfach gegenüber, sagte aber nichts, schien ihn nur auf Herz und Nieren zu prüfen.

Er erwiderte den forschenden Blick mit beinahe belustigtem Lächeln.

Endlich sagte sie:

Es ist sehr nett von Ihnen, meiner Freundin die Fahrt erleichtern zu wollen, mein Herr. Sie hat eben erst sehr Schweres durchgemacht. Sie haben sicher geglaubt, Damen, hinter denen am Bahnsteig ein livrierter Diener mit den Koffern steht, können nicht dritter Klasse fahren." Sie seufzte:Es ift nicht immer der eigene Diener, der hinter einem steht. Wir beide sind nur zwei stellenlose Gesell­schafterinnen, und der Diener gehörte unserer letzten Brotgeberin." Sie musterte ihr Gegenüber immer eingehender.Sie sehen eigentlich aus, als wenn Sie kein Wörtchen Deutsch könnten. Aber trotzdem Sie es gut sprechen, sind Sie doch kein Deutscher. Ich bin nicht neugierig, aber ich möchte gern wissen, was für ein Landsmann Sie sind."

Es klang fast drollig, als Olga Zabrow so offen ihre Neugier bekannte.

Er erwiderte ihren Blick mit einem Aufleuchten in den gefährlichen schwarzen Augen.

Ich bin Argentinier, meine Gnädigste, und überall daheim. Meine Mutter war eine Deutsche; daher spreche ich Ihre Sprache geläufig."

Der Zug hielt schon. Der Herr rief den vorbei­haftenden Schaffner an, teilte ihm seinen Wunsch

mit. Der versprach, auf der nächsten Station die Zu- schlagkarten zu bringen, hastete weiter. Der Zug fuhr wieder an.

Olga war jetzt die verkörperte Neugier. Ein Ar­gentinier also war dieser intcrestante Mensch. Sie fand, er sah aus wie ein Gaucho, Der zwar durch einen Massage- und Friseursalon gegangen, an dem aber dennoch viel von Dem Milieu Der Vergangenheit hängengeblieben. Sie war einfach begeistert und gab sich nicht die geringste Mühe, es zu verbergen.

Ihr durch yrauengunft ungemein verwöhntes Ge­genüber stellte das sehr leicht fest.

Marlene achtete gar nicht auf das, was Olga und der Fremde sprachen. Sie sah in schmerzenden Ge- danken. Die sie wieder fest einspannen. Achim von Malten hatte sie gehen heißen, er halle sie berechnend genannt, hatte nicht mehr an ihre Liede geglaubt. Sie mußte die Zähne aufeinanderbeißen, so wch taten die Gedanken, so immer von neuem weh.

2hr Denken tappte mühsam weiter.

Sie dachte, inzwischen hatte ihr Vater schon ihren überglücklichen, jauchzenden Brief erhalten. Der ihm viel Freude machen würde, und nun kehrte sie heim wie eine Schiffbrüchige. Ohne Geld, ohne Stellung, ohne Glück! Brachte ihm vorerst sogar noch ein anderes armes Menschenkind mit. Sie wollte Olga nicht im Stiche lasten. Die so tapfer zu ihr gehalten hatte. Vielleicht fariD Olga bald eine Stellung.

Die aber plauderte eifrig Drauflos. Sie sprach nicht laut, tat es nicht mit Rücksicht auf Marlene. Sie lächelte:Oh, wer doch auch, wie Sie, sagen könnte: Ich bin überall daheim!" Sie seufzte:Schrecklich viel Geld gehört dazu."

Ihre Augen streiften den großen Solitär an seiner Rechten, der fast ein bißchen prahlerisch funkelte.

Er hatte bemerkt, wohin ihre Augen gemanDert waren.

Es gehört nicht immer viel Geld dazu, um überall daheim zu sein, meine Gnädigste, man kann sogar die Welt durchreisen und bekommt noch etwas Dazu. Ich bin Tangosänger und reife mit zwei Herren und einer Dame. Wir waren in den vier Jahren, seit wir uns in Buenos Aires zusammenfanden, unfrei» willig noch keine Woche ohne Engagement. Und Sie können sich denken, wie weit man Dabei herumkommt, wenn man an einem Ort meist nur vierzehn Tage oder vier Wochen bleibt. Manchmal allerdings länger, aber im allgemeinen nicht."

Sie zeigte ihm ihr Wohlwollen ganz deutlich. Sie dachte sich gar nichts Dabei, empfanD nur eine Art Behagen bei Der Unterhaltung mit Dem ihr so interessant scheinenDen Reisegenossen.

Er wollte bas Vergnügen, sich von Diesem hübschen Persönchen anhimmeln zu lassen, noch etwas aus- kosten. Sie hatte Frische und Natürlichkeit, sand ec die den Damen meistens fehlten, Die ihn, wo er auftrat, mit Briefen bombardierten.

(Fortsetzung folgt.)

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