3er Kotier her Mell
Ein vaterländischerRoman vonHansDietzke
Urheber-Rechtsschutz
durch Verlag Oskar Meister, Werdau.
19 Fortsetzung. Nachdruck verbotenI
Rambeaux sieht den jungen Löbau durchdringend an. ,Lhre ,Jagd' scheint einen merkwürdigen Hinicr- grund gehabt zu haben", er holt Luft, als müßte er sich von etwas freimachen, „den Förster Brinkmann haben wir im Hohlweg erschossen, als er sich nicht stellen wollte ..."
Wie ein Hieb saust diese Nachricht auf die Familie Lübau nieder. Also ist der Förster doch ein Opfer der Verfolger geworden ...
Der Kommissar läßt den vor ihm Versammelten, die mit merkwürdiger Geduld sein Verhör hinnehmen, keine <}eit zu Ueberlegungen. Karl und der Baron stehen abgewandt in tiefem Schmerz. Maria sucht mit starren Augen Rambeaux' Blick, der sich eben an Lefevre wendet. „Herr Hauptmann, im Namen des Kaisers, ich lasse durchsuchen!"
Lefevre sieht vor sich hin. In seinem Innern brandet in diesem Augenblick ein Meer von Gedanken: Abscheu, Ekel gegen diesen Bluthund, Ekel vor allem, was um ihn oorgeht. Er ist herausgerissen aus einer sanften Versunkenheit in Schönheit und Größe des Gefühls, erbarmungslos hineingestoßen in eine reißende Flut von Haß, Habgier und Schmutz. Er beißt seine Zähne zusammen, sein Kops wird steinern unbeweglich, als er jetzt unverwandt Rambeaux anblickt. „Ihre Behauptung, Herr Kommissar, ist lächerlich! Handeln Sie, wenn Sie müssen. Die volle Verantwortung tragen Sie!"
„Mein Befehl, den ich ohne jede Rücksicht durchzuführen gewillt bin, da ich weiß, was ich in diesem speziellen Falle meiner Stellung und der Armee schuldig bin," ein nicht mißzuoerstehender Blick trifft Lefevre, „verantwortet alles. Ueberlassen Sie das Weitere mir, Herr Hauptmann!"
Rambeaux winkt seinen Beamten. „In zwei Kommandos den rechten Flügel des Schlosses durchsuchen!" Die Leute kommen dem Befehl nach.
„Ich selbst übernehme den linken Trakt. Sie, Herr Hauptmann, haben die Liebenswürdigkeit mich zu begleiten."
„Den linken Trakt bewohne ich — Herr Kommissar!"
„Das ist mir zur Genüge bekannt, Herr Hauptmann," lächelt Rambeaux böse, „aber da ich diesem preußischen Filou zutraue, daß er selbst nicht davor zurückschrecken wird, sich in einem Versteck in Ihren eigenen Räumen am sichersten zu wähnen, so bin ich leider gezwungen, auch diesen notwendigen Schritt zu tun."
Maria von Löbau bleibt fast das Herz stehen —
Sie fühlt alles Blut aus ihrem Kopf weichen, ihrs Lippen sind fieberheiß.
Sie tastet nach einem Sessel und läßt sich, unfähig einer weiteren Beherrschung, hineingleiten. Ihre Füße versagen einfach den Dienst. Die halbe Nacht schon währt diese Aufregung — und jetzt steht noch das Schlimmste bevor. Wenn sie ihn entdecken, wenn dieser Kommissar, dieses Scheusal in Menschengestalt, Hauptmann Döllnitz findet, dann kann ihm nur Gott noch gnädig sein. Der Gedanke an die Entscheidung, die Marter der nächsten Minuten, läßt sie fast alle Vorsicht vergessen. Wenn nicht Jeannette mit Ueberlegenheit jeden Verdacht im letzten Augenblick abgewandt hätte, würde Nam- beaux an der schlecht verhehlten Angst der Baronesse gemerkt haben, daß er auf der richtigen Fährte ist. „Excusez madame — haben Sie von Herzen Dank für den entzückenden Abend," Jeanette reicht mit gemachter Liebenswürdigkeit Maria die Hand zum Abschied, „es ist besser, wenn ich die Herren jetzt begleite." Ihre Augen verraten Maria deutlich den doppelten Sinn ihrer Worte.
Während das Suchkommando mit Laternen und Leuchtern jedes dunkle Gemach durchstöbert, mit hastenden Schritten über breite Korridore und Gänge poltert, von denen im Flackerlicht der Kerzen gespenstisch hohe Ahnenbilder verwundert auf das Treiben schauen, beginnt Rambeaux den von Lefevre bewohnten Trakt zu durchsuchen. Die ersten Räume sind unverschlossen, die Beamten können nichts finden. Der Hauptmann steht mit verschränkten Armen und sieht mit schmalen Lippen, die allmählich von Hohn verzogen werden, auf die krampfhaften erfolglosen Bemühungen. Rambeaux würdigt ihn keines Blickes. Er steht regungslos im Gang, die Arbeit seiner Leute anfeuernd, hier und da wirft er einen Befehl dazwischen. Jeanette sitzt mit angespannten Sinnen im Arbeitszimmer ihres Mannes, sie wartet wie auf ihr Stichwort zum Auftritt: Gleich müssen die Spitzel an der verschlossenen Türe ihres Boudoirs sein. Schon werden Stimmen laut, man ruft nach den Schlüsseln, Lefevre bittet Jeanette, auf den Gang zu kommen.
Karl von Löbau, der sich der Gruppe von der Diele bis hierher nachgeschlichen hat, steht lauernd in einer dunklen Wandnische am Ende des Traktes. Er sieht die Bewegung vor der Boudoirtür, hört die Worte und Stimmen bis zu sich.
Atemlos, ohne jede leiseste Bewegung, mit dumpf gegen die Brust hämmerndem Herzen, steht Hauptmann Döllnitz lauschend dicht an der Tür des Boudoirs. Deutlich hört er Rambeaux fragen: „Was ist das mit dem Zimmer?"
„Es ist das Boudoir meiner Frau — sie hält es stets verschlossen, sie verwahrt hier ihre gesamten Wertsachen." Lefevre bittet Jeanette, die eben zu ihnen tritt, den Schlüssel herauszugeben. Jetzt kommt für die Frau die Nervenprobe! Sie ist nicht mit schußbereiten Pistolen, wie seinerzeit von Döllnitz, zu bestehen — hier kann nur die lächelnde Ruhe
einer Lüge helfen. Madame Lefevre markiert sehr charmant die Vergeßliche: „Cheri — ich muß mich schämen, ich habe meinen Pompadour uiuuen uh L-alon der Baronesse liegen lassen. Die Schlüssel sind darin."
Lefevre macht eine unwillige Geste. Der Kommissar steht einen Augenblick noch unschlüssig, als einer der Leute. Miene macht, kurzerhand die Tür mit dem Seitengewehr aufzubrechen.
Da tritt Jeannette dem Soldaten in den Weg. Ihre charmante Liebenswürdigkeit wandelt sich in unverhohlenen Zorn. Sie ruft zu Rambeaux hinüber: Seit wann ist es Sitte bei der Armee, die Türen zu den Gemächern der Frauen französischer Offiziere wie Diebeswinkel zu erbrechen?"
„Seit dem Kriege, Madame!" Rambeaux' Stimme ist eisig. Er winkt dem Soldaten, die Tür auszu- brechen.
Da überkommt Hauptmann Lefevre eine Wut, die ihn zu ungewohnter Schärfe treibt. Die Frechheit, mit der dieser Polizeispitzel hier mit ihm und seinen Leuten umspringt, wird ihm zu viel. Vor allem weiß er, was er dem Ansehen seiner Frau in diesem Augenblick schuldig ist. Er tritt einen Schritt auf Rambeaux zu. Der Ton seiner Worte läßt diesen aufhorchen: „Wenn Sie glauben, Herr Kommissar, daß meine Frau einen feindlichen opion, der von der geheimen Polizei gesucht wird, in ihrem Boudoir versteckt, so lassen Sie mit Gewalt öffnen. Wenn Sie sich aber geirrt haben — dann schieße ich Sie nieder! Ich bin Offizier--Monsieur! Die Ehre
meiner Frau geht mir über alles!"
Rambeaux fühlt, daß sein Gegner die Drohung wahr machen wird. Er sucht diplomatisch auszuweichen: „Lächerlich — lieber Hauptmann! Wie werde ich versuchen, die Ehre einer so schönen Frau anzutasten!" Er wendet sich mit gezwungener Höflichkeit, die in einer eckigen Verbeugung gipfelt, an Jeanette, die ihn betrachtet, wie etwas körperlich Widerliches, von dem man sich energisch trennen muß, um nicht beschmutzt zu werden. „Excusez madame — die Aufregung ließ mich vergessen ..." Mit kaum merkbarem Neigen des Kopfes, das ein Gruß sein soll, geht Jeanette den langen Gang des Traktes hinunter, wo Karl Löbau seinen Lauscherposten hat, der Diele des Schlosses zu.
Rambeaux gibt neuen Befehl an seine Leute: ,Jch erwarte sofort Meldung über das Ergebnis der Durchsuchung des anderen Traktes." Dann bittet er Lefevre um eine Rücksprache in seinem Arbeitszimmer.
,/Jhre Gesinnung, Herr Hauptmann", beginnt Rambeaux mit kalter Sachlichkeit, „ist mir kein Geheimnis. Sie haben in vielen Schlachten bewiesen, daß die Armee stolz auf Sie sein kann." Er macht eine Pause, die dem Kommenden um so größeren Nachdruck verleihen soll. Er versucht, die eben erlittene Scharte durch die Ueberlegenheit eines wohlmeinenden Rates auszuwetzen. Seine Feigheit vorhin, die es auf den Versuch, der unter Umständen
den Hals kosten konnte, nicht ankommen ließ, muß jetzt zur eigenen, dringend notwendigen Rehadilitie- rung mit dem Mäntelchen der Nächstenliebe umkleidet werden. „Ich habe berechtigtes Interesse, daß Sie nicht das>Opfer Ihres Gefühls werden, das Sie als Privatmann sicher in unserer schönen Heimat auf das Hervorragendste auszeichnet. Aber wir leben im Krieg — und die Gastfreundschaft unserer erbittertsten Feinde muß uns in jedem Falle zu denken geben! Die Freundschaft Ihrer Frau mit oiejer Baromise ist sehr sonderbar, um nicht zu sagen: verdächtig." Er hebt seine Stimme zu eindringlicher Schärfe: „Es geschehen hier auf dem Schloß und in diesem ganzen Landkreis Löbau Dinge, die der Armeeleitung seit langem schwere Sorge machen. Wir stehen einem in seiner Heimlichkeit und verstecktem Tätigsein überaus gefährlichen Gegner gegenüber. Es ist eine schwer zu packende Kette aus einer Unzahl von Gliedern — das erste, das ich vernichtet habe, ist dieser Förster. Die gerechte Kugel hat sein Leben ausgelöscht, das geeignet war, im Bund mit anderen unser aller Leben zu bedrohen. Der Nächste, der unseres Zugriffes wert ist, ist der Baron von Löbau. Es wird Zeit, hier auszuräumen — Sentiments müssen endlich ein Ende hoben."
Hauptmann Lefevre kann sich den anstürmenden Gedanken des Polizeikommissars nicht verschließen — er spricht offen das aus, was er selbst seit langem befürchtet hat. Noch wehrt er sich, aber es ist mehr, um seine persönliche Würde zu wahren. „Solange >ch Kommandant des Schlosses und Landkreises Löbau bin, werden allein meine Befehle ausgeführt!"
„Und ich, Herr Hauptmann, führe die Befehle aus, die mir die höchste Stelle der Armee diktiert! Meine vornehmste Aufgabe ist die, endlich des preußischen Kuriers habhaft zu werden, nach dem alle unsere Polizeistellen feit Monaten fahnden. Ich weiß ihn in der Falle und werde ihn abfangen — tot ober lebend wird et in meinen Händen bleiben!"
3n diesem Augenblick meldete ein eintretender Beamter, daß die-Durchsuchung des jenseitigen Traktes des Schlosses ohne Ergebnis verlaufen ist.
„Lassen Sie die Wachen einziehen — wir über« nachten unten im Gasthof." Rambeaux bittet Le- fevre, ihn zu Baton Löbau zu begleiten.
Während die Männer den dunklen Gang nach der Diele hinuntergehen, löst sich leise die Gestalt des jungen Karl von Lchau aus dem tiefen Schatten der Wandnische. Er huscht angestrengt nach einen Augenblick in die Dinkelheit des -Ganges. Dann huscht er mit schnellenFüßen zur Tür des Boudoirs, die er mit dem von Madame Lefevre durch feine Schwester erhaltenen Schlüssel öffnet.
Nun steht er Hcnylmann Döllnitz gegenüber. Hände suchen sich tastech in der Finsternis des Zimmers. Es ist der AuÄruck des Triumphes. Dann werden Warte füftern| gewechselt: Der Plan der Flucht. Wenige Minute, später ist Karl von Löbau auf Umwegen wieder b der Diele.
(Fortsetzing fok
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